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Unsere Buchempfehlungen im November

                 


als deutschland erstmals einig wurde 150x237

 

Galiani 25,00€

 

Bruno Preisendörfer: "Als Deutschland erstmals einig wurde"

Zum vierten Mal dürfen wir mit Bruno Preisendörfer eine Zeitreise unternehmen: Nach Reisen in die Goethe-, Bach- und Lutherzeit kommen wir unserer Gegenwart ein Stückchen näher und reisen in die Bismarckzeit.
Wie immer ist es ein reines Vergnügen mit diesem Reiseleiter durch die Zeitläufte zu streichen, so kundig und eloquent wie Preisendörfer uns das 19. Jahrhundert näherbringt. Das Buch folgt dem bewährten Konzept und bietet dem Leser, der Leserin zu Beginn einen Überblick über die politische Großwetterlage von 1815 bis zur Zeit Wilhelm II.

Doch dann streifen wir wie schon in den drei Bänden zuvor mit Preisendörfer quer durch die Milieus und durch die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Gespickt mit Zitaten und kleinen Passagen aus Romanen der Zeit (Fontane!), entsteht vor unseren Augen ein Panorama mit vielen Facetten.
Wie haben die Menschen zu der Zeit gewohnt, wie war das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, welche Freizeit-Vergnügungen gab es (Zoo, Zirkus, hoch im Kurs: Rollschuhlaufen), wie hat man sich fortbewegt usw.
Viele von uns haben in der Gegenwart das Gefühl, dass sich unsere Welt in atemberaubendem Tempo ändert, so dass man kaum noch mitkommt. Ich kann mir denken, dass es den Menschen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebenso ging: Dampfmaschinen, elektrisches Licht, Telefon, Photographie – die technische Entwicklung galoppierte und stellte die Menschen vor ganz neue Herausforderungen. Politische Parteien gründeten sich, man wagte es, Kritik an den Kirchen zu üben, die Arbeiterbewegung entstand, ebenso die Frauenbewegung und stellte die herrschenden Machtverhältnisse in Frage.

Wie immer bei Preisendörfer ist es nicht zwingend notwendig, das Buch in der angebotenen Reihenfolge zu lesen, auch lässt es sich wunderbar auf den Nachtisch legen, um immer mal wieder hineinzuschauen. Lesen, durch andere Augen sehen und dabei klüger werden: Was gibt es Besseres!

Astrid Henning

 


die stimme meiner mutter 150x237

 

Ecco Verlag 22,00€

 

Eva Baronsky: "Die Stimme meiner Mutter"

Der Roman von Eva Baronsky spielt zu weiten Teilen im Jahr 1959 an einem sehr speziellen Ort, nämlich auf der Yacht des damals reichsten Manns der Welt: Aristoteles Onassis. Die Person, um die es um Buch aber eigentlich geht, ist die berühmteste Sängerin des 20. Jahrhunderts: Maria Callas.

Die Callas und ihr Ehemann Battista Meneghini sind eingeladen, auf der „Christina“ mit einer illustren Gästeschar drei Wochen durch’s Mittelmeer zu kreuzen. Mit an Bord u.a. Winston Churchill mit Frau, Tochter und Privatsekretär, aber natürlich auch Onassis selbst mit Ehefrau und seinen beiden Kindern. Maria Callas hat anstrengende Jahre hinter sich, ihr Ehemann und Manager hat ihr einen Auftritt nach dem anderen verordnet, oft, ohne ihrer Stimme ausreichend Zeit zur Erholung zu geben. Und während Maria Callas sich auf die Auszeit auf der luxuriösen Yacht freut, blickt der deutlich ältere Meneghini dem Aufenthalt missmutig entgegen. An Bord soll seine Laune noch sehr viel schlechter werden, denn vor seinen Augen und denen sämtlicher Gäste beginnen Onassis und Callas eine Liebesaffäre, die letztendlich zwei Scheidungen zur Folge haben wird.

Thema dieses Romans ist aber nicht nur diese glamouröse Beziehung, die natürlich von der Öffentlichkeit und der Presse begierig beobachtet und kommentiert wird. Baronsky beschäftig sich ebenso mit der Persönlichkeit der Callas: Sie erzählt von der Lieblosigkeit ihrer Mutter, von der Härte und der Disziplin, mit der sich Maria Callas ihren Weg erkämpft hat. Zeit ihres Lebens hat sie um ihre Figur, um ihr Aussehen gekämpft, nachdem sie lange Jahre ein stark übergewichtiges und kurzsichtiges Mädchen war, dem niemand eine Karriere auf der Bühne zutraute.
Die Beziehung zwischen Onassis und Maria Callas dauerte bis etwa 1968, mit vielen Höhen und Tiefen – bis sich Aristoteles Onassis 1968 schließlich einer anderen berühmten Frau zuwandte und diese dann auch tatsächlich heiratete: Jackie Kennedy.
Maria Callas starb 1977 in Paris, ihre Asche wurde auf ihren Wunsch hin vor der Insel Skorpios verstreut, einer Insel im Mittelmeer, die Onassis 1963 gekauft hatte und auf der sowohl er als auch seine Tochter begraben sind.

Astrid Henning

 


alles wird gut 150x237

 

btb 20,00€

 

Nina Lykke: "Alles wird gut"

Elin ist um die 50 und arbeitet seit Jahren als Allgemeinmedizinerin in einer großen Praxisgemeinschaft im Herzen von Oslo. Die Patienten sind in den Jahren deutlich „ansprüchlicher“ und anstrengender geworden. Um Dampf und Frust abzulassen, hat Elin sich angewöhnt mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum Dialoge zu führen. Es ist schon bedenklich, wenn man sich mit einem Haufen Plastik namens Tore unterhalten muss, um über die Tage zu kommen. Das sieht sie genauso. Einen zweiten Weg zur Entspannung gibt es noch für sie. Allabendlich füllt sie Wein in ein Glas, groß wie ein Goldfischaquarium…
Mit Acksel, ihrem Ehemann, hat sie eine stille Übereinkunft getroffen. Beide haben gelernt, sich absolut zufrieden zu lassen. Acksel blüht auf in jeder Art von Skirennen. Da wird der phlegmatische Gemahl munter, wenn es um ein Sandrennen oder eine waghalsige Abfahrt in Chinas Bergen geht, an der er teilnehmen kann. Gespräche zwischen den Eheleuten finden nach zwanzig gemeinsamen Jahren so gut wie gar nicht mehr statt. Elin kümmert sich um alles, die Kinder, die sozialen Kontakte, den Einkauf, den Haushalt. Sie hat es durchaus manchmal mit stillem Widerstand versucht, konnte dem Dreck und leeren Kühlschrank dann aber doch nicht standhalten. Ein dahinplätscherndes Leben voller Pflichten, kein Einzelfall…
Eines Tages, Elin scrollt sich durch Facebook, stößt sie auf Björn, einen Jugendfreund. Mehr durch Zufall nimmt sie seine Freundschaftsanfrage an und tatsächlich kommt es zu einem Treffen der beiden. Wie Elin nun, fast ungewollt, in eine Affäre mit dem verheirateten Exlover schlittert, raubt den Atem. Es dauert nicht lange, da klebt sie am Handy, gierig und süchtig auf die nächste Nachricht wartend, die ihr, so sie denn kommt, einen längst vergessen geglaubten Schwung und ein inneres Leuchten gibt, auf das sogar ihre Familie aufmerksam wird. Die heimlichen Treffen mit dem zunächst attraktiven Björn werden zu ihrem Lebenselixier.
Es ist von Anfang an klar, dass alles auf ein Fiasko hinausläuft, denn als wir Elin kennenlernen, „wohnt“ sie schon ein paar Wochen mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum. So viel zum Thema „Alles wird gut“.

Ein großartiges Buch: mit viel Humor geschrieben, langjährigen Ehen erbarmungslos auf den Pelz geguckt und ziemlich dicht am Leben dran. Die „Aftenposten“ vergleicht die Autorin dieses norwegischen Bestsellers mit einer modernen Jane Austen. Ich muss sagen, dass die Lektüre um einiges mehr Dampf hat, als die englische Beschaulichkeit der Jahrhundertwende… einfach klasse.

Annette Matthaei

 


der zauberer 150x237

 

Hanser Verlag 28,00€

 

Colm Tóibín : "Der Zauberer"

Vielleicht ist es ganz gut, dass es kein deutscher Schriftsteller ist, der sich an diesen Titan der deutschen Literatur heranwagt. Nach Goethe wohl „der“ deutsche Autor, dessen Verhältnis zu seinem eigenen Land nie einfach war.
„Der Zauberer“ beginnt zwar nicht mit der Geburt Thomas Manns – wahrscheinlich sind die Baby- und sehr frühen Kinderjahre auch nicht so ergiebig – aber der Roman setzt ein, als Mann ca. zehn Jahre alt ist. Und von dort an begleiten wir ihn bis kurz vor seinem Tod 1955.
Die Stationen dieses Lebens hier nachzuzeichnen, ist vielleicht überflüssig, da weithin bekannt. Dennoch seien ein paar Meilensteine kurz erwähnt: 1929 Nobelpreis für die „Buddenbrooks“, 1933 Emigration in die Schweiz, 1938 in die USA und schließlich 1952 die Rückkehr nach Europa, in die Schweiz.
Tóbín erzählt diese Biografie auf so lebendige Weise, dass man das Buch wie einen Film vor sich sieht. Er zeigt sich als profunder Kenner nicht nur der literarischen Werke Thomas Manns, sondern auch der Essays, der politischen Äußerungen, auch der Tagebücher. Durch diese umfassende Kenntnis schildert Tóbín die inneren Kämpfe des Autors, er zeichnet den langen Weg zur eindeutigen politischen Positionierung nach und natürlich auch Manns Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität, ein Thema, das ihn bis zum Lebendende beschäftigt.
Natürlich kann man kein Buch über Thomas Mann schreiben, ohne auch seine Familie zu portraitieren. Allen voran sicher Manns Frau Katia, ohne die sein Werk überhaupt nicht zu denken wäre. Nicht nur, dass sie ihm alle Alltagsdinge vom Leib gehalten hat, sie war auch immer eine kluge Ratgeberin und hat aus dem Hintergrund die Fäden gezogen. Erika und Klaus begegnen uns als sehr früh eigenständige und politisch denkende Persönlichkeiten, Elisabeth, die jüngste Tochter als Lieblingskind. Insgesamt eine Familiengeschichte, die reich an Dramen, an Unkonventionalität und vor allem an sprühendem Geist ist.

Dieses Buch ist sowohl ein Genuss für Leser, die mit dem Werk Manns schon gut vertraut sind, es ist aber ebenso ein wundervoller Einstieg für alle, denen Thomas Mann und sein Werk bislang doch „eine Nummer zu groß“ erschien. Unbedingte Empfehlung!

Astrid Henning

 


schoene welt wo bist du 150x237

 

Claassen Verlag 20,00€

 

Sally Rooney: "Schöne Welt, wo bist du"

Ich habe ein grundlegendes Problem mit Sally Rooney: würde ich mir ihre Einkaufsliste durchlesen, ich würde mich einsperren und bitte nicht gestört werden; ich würde diese Einkaufsliste nicht lesen, sondern studieren – ich würde sie einatmen. Klingt versessen? Tja nun, das ist was Sally Rooneys Worte auslösen. Man fühlt ein Sally Rooney Buch eher, als dass man es liest.

„Schöne Welt, wo bist du“ ist ein Roman über Menschen in ihren frischen Dreißigern, aber angesprochen fühlen wir uns alle: Alice und Eileen sind langjährige Freundinnen auf Sinnsuche. Wer hat nicht immer mal wieder das Gefühl den düstersten Nachrichten aus aller Welt zu trotzen, Bedeutendes tun zu müssen und nie trivial sein zu dürfen? In Zwischenkapiteln schreiben sich die Frauen aufgeschnappte Gedanken aus Büchern, Zusammenfassungen von Wikipedia-Artikeln, abstrakte Denkprozesse und dazwischen ein wenig aus ihren Leben, in einem Versuch die eigene Daseinsberechtigung zu hinterfragen.
Alice ist Buchautorin mit lachhaft großem literarischem Erfolg und als sie dem Fabrikangestellten Felix auf einer Dating-App begegnet, lädt sie ihn prompt auf Lesereise nach Rom ein. Eileen wiederum ist Redakteurin eines kleinen, schlecht verkauften Literaturmagazins – frisch verlassen verbringt sie immer mehr Zeit mit ihrem Kindheitsfreund Simon. Wie trivial ist nun Liebe und Freundschaft und auch Sex? Darf man das Oberflächliche trotz allem feiern und das vermeintlich Einfache ganz tief spüren?

Rooney schafft es komplexe Emotionen präzise zu entschlüsseln, sodass man sich immer wieder ertappt, aber auch verstanden fühlt. Besonders spannend ist es bei ihrem neuesten Werk dadurch, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, Alice und Eileen wären alternative Versionen der Autorin.
In Kritiken ruft Sally Rooney polarisierende Meinungen hervor: man liebt ihren Stil oder hasst ihn, denke ich. Ich für meinen Teil bin bei all ihren Texten bisher immer nah bei ihren Charakteren gewesen. Ohne viel zu erzählen, versteht Rooney es ihre Figuren spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich auch mal an altbekannten Bildern, aber immer ihrer ganz eigenen Sprache, die so viel auslösen kann. Eines Tages werde ich mir ihre Sätze nehmen und Wort für Wort ein Haus daraus bauen.

Mattes Daugardt

 


wo auch immer ihr seid 150x237

 

btb 22,00€

 

Khue Pham: "Wo auch immer ihr seid"

Kim ist dreißig Jahre alt und interessiert sich nur bedingt für ihre Vergangenheit. Als ihr Vater Minh 1968 zum Studium aus Vietnam nach Deutschland zog, rechneten die Verwandten nicht damit, dass er künftig seiner Heimat den Rücken kehren, und sich nur noch sporadisch für die Familie interessieren würde. Selbst die Auswanderung der Eltern und Geschwister nach Amerika vor vielen Jahren, fand wenig Beachtung bei Kim und ihrer Familie. Die Journalistin hat sich immer mal gewünscht, eine Deutsche zu sein, statt eine werden zu müssen!
Da schlägt die Nachricht des Onkels wie eine Bombe ein: Er bittet alle Familienmitglieder nach Kalifornien zur Testamentseröffnung. Kims Großmutter hat einen Brief hinterlassen, der ausdrücklich ALLEN vorgelesen werden soll. Mit Widerwillen macht man sich auf die Reise nach Kalifornien, und danach ist nichts mehr, wie zuvor....

In dieser besonderen Familiengeschichte werden politische Aspekte ebenso beleuchtet und dargestellt, wie die Folgen der Auswanderer über mehrere Generationen. Ganz gleich ob TET-Offensive und Umerziehungslager, Fluchtversuche über Kambodscha oder Demos gegen den Vietnamkrieg, die Autorin beschreibt einfühlsam und sehr authentisch die Situation der damaligen Geschehnisse!

Andrea Westerkamp


prima aussicht 150x237

 

Dumont Verlag 20,00€

 

Judith Poznan: "Prima Aussicht"

Judith übt Campingwagen-Kaufen. Also eigentlich will sie üben, aber nach nur 15 Minuten hat sie für 1.500,00€ tatsächlich einen vollkommen abgewrackten Wohnwagen erworben. An diesem Ding sind nur die Löcher an allen Ecken und Kanten Fakt. Und wenn sie ehrlich ist, kann der Kauf als klassische Übersprungshandlung betrachtet werden. Eigentlich möchte Judith viel lieber ein zweites Kind. Doch zu dieser Entscheidung gehören üblicherweise zwei. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Bruno, ihr Freund mit den schönen braunen Augen, den wilden Wuschellocken und dummerweise der ausgeprägten Angststörung, vertröstet sie. Jetzt ist noch nicht die Zeit für ein weiteres Kind, obwohl der kleine, gemeinsame Sohn für beide ein echter Sonnenschein ist. Später vielleicht. Mit 35 Jahren kann für eine Frau da schon mal die biologische Uhr ticken…

Nun  beschließt Judith spießig zu werden. Von einer Freundin hört sie von einem Campingplatz im Brandenburgischen. Und dort, an dem lauschigen See, dürfen wir Zeuge werden von typischen Campingplatzbehausern. Die Männer überwiegend oben ohne, aber immer mit einem Werkzeug in der Hand. Die Frauen hilfsbereit, allwissend und Quinoasalat zubereitend für die gemeinsamen Grillfeiern.
Judith grübelt über ihr Leben. So richtig hat sie nichts auf dieReihe gekriegt. Ihre Eltern haben sich mit Nachtschichten krummgelegt für die Tochter, schon aus der Art geschlagen mit dem Abitur. Das Literaturgeschichtsstudium ist mehr schlecht als recht abgeschlossen und das Ziel ein Buch zu veröffentlichen steht mit viel Druck im Raum. Das erweist sich als mal gar nicht so einfach mit einer ausgeprägten Legasthenie und einem gehörigen Phlegma.
Trotzdem, Judith und ihre verschwurbelten Gedankengänge wachsen einem mit jeder Seite mehr ans Herz und die humorvolle Selbstbetrachtung bringt häufig zum liebevollen Schmunzeln. Das Leben kann aber auch manchmal ein vertracktes sein… Dieser Sommer wird für die junge Frau ein ganz besonderer sein und nicht nur ihr bekommt die Zeit in der Natur bestens.

Wenn mich nicht alles täuscht, spiegelt die Autorin in diesem Buch einiges aus der eigenen Vita. Umso toller ist es, dass der frische Dumont Verlag diesen Roman entdeckt hat und es zur Veröffentlichung in diesem Sommer kam. Ein humorvolles und weises Lesevergnügen und eine echt Entdeckung!!!

Annette Matthaei

 


die letzte tochter von versailles 150x237

 

Insel Verlag 16,00€

 

Eva Stachniak: "Die letzte Tochter von Versailles"

Was für ein herrlicher, dicker Schmöker für Urlaub oder gemütliche Herbstabende…

Die Autorin Stachniak entführt uns in das Paris Mitte des 18.Jahrhunderts.
Die auffällig hübsche Véronique, schlanke Gestalt, Kaskaden von braunen Locken, lebt mit drei jüngeren Brüdern und der verwitweten Mutter im Armenviertel von Paris. Die Mutter versucht ihre Familie mit dem Verkauf von ausgebesserten Lumpen über Wasser zu halten. Für Véronique bedeutet dieses Leben Plackerei und Verantwortung, sehr anstrengend für ihre 12 Jahre.
Eines Tages erscheint ein eleganter Herr in ihrer Behausung und verhandelt mit der Mutter. Die Schönheit von Véronique soll der Familie zu einem besseren Leben verhelfen. Das junge Mädchen wird in ein Schlösschen in Versailles gebracht, um dort angeblich einem russischen Adligen zu dienen. Was sie und andere Mädchen aus dem „Hirschpark“ nicht wissen, sie werden zu Mätressen des skrupellosen und verwöhnten Königs Louis XV ausgebildet. Madame Pompadour persönlich hat ein Auge auf den Nachwuchs. Es dauert nicht lange, da wird Véronique zur Lieblingsgespielin des Königs. Doch als sie schwanger wird, ist es vorbei mit der Liebelei. Sie wird verstoßen, das Kind, ein Mädchen, wird ihr genommen und sie gegen ihren Willen nach Brest verheiratet.
Die kleine Marie Louise wird höchst geheim als königlicher Bastard in einer Pflegefamilie unweit des Hofes lieblos aufgezogen. Ein Glücksfall will es, dass sie als Heranwachsende in die Obhut einer couragierten Hebamme gelangt und von dieser selbst als Geburtshelferin ausgebildet wird. Ihre Ehe mit dem Rechtsanwalt Pierre beginnt glücklich und für damalige Zeiten beinahe gleichberechtigt.
Doch die Wirren des Jahrhunderts nehmen ihren Lauf und auch Marie Louise wird nicht verschont bleiben, zumal das Geheimnis ihrer Herkunft nach und nach gelüftet wird.

Betrachtet man das Cover dieses Taschenbuches, wird man wegen Kitschwarnung zurückschrecken, doch hier muss ein Plädoyer eingelegt werden. Sprachlich völlig korrekt und auch solide, angelehnt an die Historie, begleitet man mit viel Lesevergnügen die Figuren durch ein aufregendes Jahrhundert bis in die französische Revolution hinein.
Ich fühlte mich bestens unterhalten und kann nur eine Empfehlung aussprechen für alle Leser von historischen Romanen.

Annette Matthaei

 


die zeit der kirschen 150x237

 

Kindler Verlag 22,00€

 

Nicolas Barreau: "Die Zeit der Kirschen"

Nicolas Barreau hat erneut einen wunderbaren kurzweiligen Liebesroman verfasst, den man am besten mit „Ich wünschte, dieser Roman möge niemals enden“ beschreiben kann.

Für den Autor und Lektor Andrè ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Seit einem Jahr sind er und die Köchin Aurélie ein Paar. Nun möchte er den nächsten Schritt gehen und ihr einen Heiratsantrag machen. Einige Male schon musste er diesen Plan verschieben, aber der Valentinstag erscheint ihm als der beste Zeitpunkt, kann ein Datum romantischer sein? Geradezu akribisch plant er die Details: nach der Buchpremiere seines zweiten Romans, bei der er auch erstmalig als Autor in Erscheinung tritt, möchte er Aurélie fragen.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse aus einem ganz anderen Grund. Aurèlie nämlich bekommt zu erfahren, dass ihr kleines feines Restaurant völlig überraschend mit einem Michelin Stern ausgezeichnet wird! Euphorisch wird gefeiert, doch bereits am nächsten Tag folgt die bittere Ernüchterung: es handelt sich um ein Missverständnis, eine Verwechslung, denn die Ehre wird dem arroganten Sternkoch Jean Marie zuteil, dessen Restaurant den gleichen Namen trägt wie Aurèlies.
Die beiden Kochkoryphäen kommen ins Gespräch, finden einander so gar nicht sympathisch, nichtsdestotrotz nimmt Aurélie eine Einladung des Konkurrenten an, und absolviert sogar einen Kochkurs bei ihm. Wasser auf die Mühlen der Eifersucht des erfolgsverwöhnten Andrè, der diese beginnende Freundschaft mit Argusaugen betrachtet. Mehr und mehr steigert er sich in ein Misstrauen hinein, das ihm wie eine hässliche Kröte auf der Brust sitzt und konfrontiert Aurèlie zunehmend mit seinen Unterstellungen. Bis sie ihn vor die Tür setzt. Und seine Welt zusammenbricht.

Können Aurèlie und Andrè ihre Missverständnisse und verletzte Eitelkeiten hinter sich lassen, oder kommt es zum Neuanfang mit anderen Partnern? Da gibt es nämlich noch eine ebenso charmante wie gutaussehende Buchhändlerin, die auf Andrè durchaus nicht reizlos wirkt…

Heike Kasten

 


kleine palaeste 150x237

Arche Verlag 22,00€

 

Andreas Moster: "Kleine Paläste"

Dieser Moment der Stille, wenn alles platzt – ein Moment, gefangen in der Zeit, durch den wir das Verborgene entdecken und jede einzelne Scherbe, jeden Riss in der Fassade betrachten dürfen. Was für eine literarische Wucht dieses wunderbare Cover ankündigt und dieses Versprechen auch noch hält. „Kleine Paläste“ ist ein Familienroman und ein feinsinniges Porträt des verbohrten Spießbürgertums.

Hanno Holtz ist ihr vor mehr als dreißig Jahren entflohen, doch nun kehrt er zurück in die familiäre Kleinstadt, um seinen Vater zu pflegen. Seine Mutter ist just eines skurrilen Todes gestorben und es sind oft diese Momente, die den Roman so richtig leuchten lassen: Momente die böse-traurig, aber auch humoristisch, so wahrhaft eingefangen und meisterhaft gedreht werden.
Die Nachbarin Susanne Dreyer ist verwirrt von der neuen Situation im Hause gegenüber. Von ihrem Fenster aus dem Obergeschoss hat sie mit ihrem Fernglas einen Logenplatz, doch das gewöhnliche Holtz-Lustspiel folgt nun einem neuen, unsichtbaren Intendanten. Sie begibt sich aus ihrer Routine und bietet dem Kindheitsfreund Hanno ihre Hilfe an. So beginnt das kollektive Gedächtnis zu Rumoren und Erinnerungen an eine Feier im Jahre 1986 werden wach – Erinnerungen, die altbekannte Geschichten implodieren lassen und wieder neu zusammensetzen.

In diesem Roman ziehen die Geister der Erinnerung an den Fäden, die alles zusammenhalten. Mit Andreas Moster führt der Arche Verlag große Erzählkunst vor, die zurecht vom Hamburger Literaturpreis mit der Auszeichnung „Buch des Jahres“ gekürt wurde. Ein Kompositum an monumental erscheinenden Kleinigkeiten, ungewöhnlichen Perspektiven und großem Einfühlungsvermögen. Muss man gelesen haben.

Mattes Daugardt

 


sharing willst du wirklich alles teilen 150x237

 

Fischer TB 15,99€

 

Arno Strobel: "Sharing - Willst Du wirklich alles teilen?"

Aus Überzeugung haben Markus und Bettina ein Sharing-Unternehmen gegründet, das Autos und Wohnungen zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt: ökologisch, ökonomisch, nachhaltig und gemeinwohlorientiert! Das Konzept wird erfolgreich angenommen, das Ehepaar vereint Beruf und Privatleben bestens, gerade die gemeinsamen Interessen verbinden die beiden.
Doch eines Nachts kommt Bettina nicht heim von einem Treffen mit ihrer Freundin. Ein anonymer Anruf macht Markus schnell klar, dass seine Frau entführt wurde und nun im Darknet öffentlich zur Schau gestellt wird. Über einen speziellen Link und nach der Entrichtung eines Eintrittsgeldes können sich interessierte Schaulustige einwählen und live mitverfolgen, wie Bettina von maskierten Unbekannten gequält wird. Die Zuschauerzahlen steigen im rasenden Tempo. Wolle Markus seine Frau je lebend wiedersehen, habe er alles zu tun, was ihm befohlen werde.
Unvermittelt befindet sich Markus in einem höllenhaften Alptraum! Denn am nächsten Morgen muss er feststellen, dass auch seine jugendliche Tochter entführt wurde. Und auch sie soll in einer sog. Show im Darknet vorgeführt werden. Um sie zu finden, muss Markus sich auf das Spiel des Entführers einlassen, der ihm telefonisch immer neue Aufgaben stellt. Völlig auf sich allein gestellt, verdächtigt nicht nur von der Polizei, sondern auch von Freunden und den Schwiegereltern, kämpft er verzweifelt gegen die Zeit.

Der perfide Wettkampf, dem er nicht ausweichen kann, ist gnadenlos und nicht verhandelbar. Ein in jeder Hinsicht quälender Countdown beginnt…

Heike Kasten

 


heaven 150x237

 

Dumont Verlag 22,00€

 

Mieko Kawakami: "Heaven"

Eines Tages entdeckt der namenlose Ich-Erzähler in seinem Federmäppchen ein beschriebenes Stück Papier. Es stehen nur fünf Worte darauf: „Wir gehören zur selben Sorte.“ Von wem stammt die Nachricht? Bald folgen weitere Zettel, unauffällig unter die Tischplatte geklebt, an der Tür des Schulspinds verborgen. Fragen stehen darauf, harmlose, wohin er gerne einmal verreisen würde? Was er während des letzten Regens gemacht habe? Und irgendwann eine knappe Aufforderung zu einem Treffen mit einer kleinen Skizze.
Mit gemischten Gefühlen sucht der Erzähler schließlich den genannten Treffpunkt auf und stellt mit Erstaunen fest, dass dort seine Klassenkameradin Kojima auf ihn wartet. Die beiden Jugendlichen beginnen sich Briefe zu schreiben; es entsteht ein feiner, zarter, wunderschöner Dialog zwischen ihnen, fast poetisch, über Alltäglichkeiten und Besonderes, über Belanglosigkeiten und Erzählenswertes. Ein Band wird gesponnen, eine neue Freundschaft wächst. Nur ein Thema sparen beide aus, obwohl sie tagtäglich auf brutalste Art und Weise mit ihm konfrontiert werden: Beide werden von ihren Klassenkameraden auf furchtbare Art und Weise gemobbt, gequält und erniedrigt.
In ihre Realität versuchen sie möglichst unsichtbar zu sein, die Attacken wegzustecken und zu überleben. Sie wehren sich nicht, sie tun, was man von ihnen verlangt; sie sehen weg, wenn der andere an der Reihe ist, um nur das Schreckliche nicht in ihre Beziehung, die immer mehr zu einer Parallelwelt, gar zu einer Schutzzone wird, zu lassen.

Der Ich-Erzähler und Kojima leben in einer Gesellschaft von Gleichen, die jedes Anderssein sofort bemerkt. Beide haben etwas an sich, das sie tatsächlich von den anderen unterscheidet. Trotzdem scheint es dem Leser, als sei ihre Auswahl willkürlich, als könne es auch jeden beliebig anderen Schüler treffen. Gerechtigkeit und Lösungen sucht man in Kawakamis Roman vergebens; es geht ums blanke Überleben, ums Erdulden, ums Überstehen; darum, irgendwie durch die Schule, den Tag und letztlich die Jugend zu kommen. Die Jugendlichen versuchen ihr Schicksal zu verstehen, zu erklären und anzunehmen. Sie sehen die Schwäche derer, die nur zusehen; die Schwäche ihrer Peiniger, die die Not anderer brauchen, um sich selbst an ihr zu erhöhen. Sie sehen auch ihre eigene Schwäche, doch diese ist anders: „Wir sind vielleicht schwach, aber unsere Schwäche hat einen Sinn. Wir wissen. Wir wissen, was wichtig und was nicht richtig ist. […] Die Einzigen in unserer Klasse, die wirklich unabhängig sind, sind du und ich. Sonst niemand.“

Die beiden Jugendlichen fliehen in die Parallelwelt ihrer Freundschaft, um einen letzten Rest Würde zu behalten, auch wenn ihre Peiniger in der „zweiten Realität“ mit allen Mitteln versuchen, diese Würde zu zerstören und sie mit Füßen treten. Doch durch einen letzten, besonders brutalen Angriff wird dem Ich-Erzähler diese Möglichkeit des Ertragens auch noch genommen. Zu viel willkürlich ausgeübte Gewalt beraubt ihn schließlich seines Glaubens, dass irgendein höherer Sinn hinter allem stecken könnte.

Sabine Christ

 


soerensen am ende der welt 150x237

 

rororo 11,00€

 

Sven Stricker: "Sörensen am Ende der Welt"

Normalerweise bin ich kein Freund der Krimivorstellung, dritter, vierter, fünfter Band… Bei Sörensen aber werde ich schwach, da muss ich eine Ausnahme machen. Den Kommissar hinterm Deich von  Katenbüll  hoch im friesischen Norden kann und will ich Ihnen auch bei seinem dritten Fall nicht vorenthalten, weil er einfach zu gut ist.
Sörensen erfreut sich mittlerweile einer großen Fangemeinde, nicht zuletzt weil Bjarne Mädel ihn mit dieser ihm auf den Leib geschriebenen Rolle auf die Mattscheibe gebracht hat. Aber auch wer bisher noch nichts von dem Kommissar gehört hat, kann direkt mit Spannung und noch mehr Amüsement in das Setting einsteigen.

Sörensen wächst hier kurz vor Ostern so ziemlich alles über den Kopf. Der Tankstellenbesitzer Töns Gregersen aus Katenbüll hat eine männliche Leiche aus dem Teich im Koog gefischt. Am Morgen beim Gassigang, ganz verstört ist der immer noch… Und seit der Nacht ist Ole spurlos verschwunden, Aushilfe in der Tanke, Musiker mit Rastalocken, Bekannter von Sörensen und zudem bald der Vater von Jenni Holstenbecks Enkel.
Wie immer kann Sörensen von Glück sagen, dass er die patente Jenni an seiner Seite hat, aber diesmal ist noch nicht mal auf die KOKin (Kriminaloberkommissarin) Verlass. Mit 35 Oma werden, wem gefällt sowas schon? Und warum müssen Töchter eigentlich die gleichen Fehler wie ihre Mütter machen? Und dann gibt es da noch die Frage nach dem Opa in Spe…. Nee, also selbst die Deichverbundene Jenni verliert mal die Bodenhaftung.
Zu allem Überfluss hat sich auch noch Sörensens scharfzüngiger Vater über die Feiertage angekündigt und die Kollegen aus Husum seiner Dienststelle eine frustrierte, störrische Praktikantin in Nest geschmissen. Sieke Pfeifer, so heißt man doch nicht...die keiner leiden kann, aber doch allen ein bisschen leid tut. Oh Mann, wen wundert es, dass da eine alte Bekannte, die Angststörung aus Hamburger LKA Zeiten, an die Tür klopft und Sörensen mächtig zusetzt… Es wird nicht bei der einen Leiche bleiben, und wieder muss der arme Töns dran glauben… „ist doch kein Leben, ist das nicht, jeden zweiten Tag einen Toten finden“… Und auch für Sörensen wird es noch mal so richtig eng und mulmig, aber zu Ostern wird dann doch noch alles gut hinterm Deich.

Nicht in einer Zeile ist dieser neue Fall ein Abklatsch der anderen, im Gegenteil, ordentlich spannend. Und dieser schrullige, in gewisser Weise geradezu philosophisch angehauchte Menschenkenner Sörensen wird mir von Mal zu Mal vertrauter und das Abschiednehmen  bis zum nächsten Fall schwerer.

Annette Matthaei


the watchers 150x237
 

John Marrs: "The Watchers"

Wertvoller als Gold, begehrter als funkelnde Edelsteine sind ja heutzutage Daten und Informationen. Leicht zu beschaffen, haben wir doch alle durch digitale Verbandelungen unsere Privatsphäre quasi in den Mond geschossen.

Für Hacker stellt es kein Problem dar, eigentlich geheime Daten und Sicherheitslücken auszuspionieren, brisante Files abzugreifen und ihrer jeweiligen Behörde, die wiederum einer jeweiligen Regierung untersteht, Vorteile jeglicher Art zu beschaffen. Da schweben Informationen im virtuellen Raum, die ganze Nationen ins Chaos stürzen könnten. Wie kann man es diesen Daten-Dieben so schwer wie möglich machen?
Die britische Regierung hat da einen ganz vorzüglichen Plan: fünf speziell ausgesuchte Zivilisten, sorgfältig ausgewählt, waren in der Lage, ein komplexes Rätsel zu lösen, das eigens für sie entwickelt wurde. Allesamt sind sie Synästhetiker, also Menschen, die in der Lage sind, Sinnesreize auf besondere Art und Weise wahrzunehmen. So schmecken sie beispielsweise Farben oder visualisieren Musik, verknüpfen quasi ihre Wahrnehmung. Die geheimsten Daten des Vereinigten Königsreichs werden in einen genetischen Code umgewandelt und den fünf Auserwählten ins Gehirn implantiert.
Und hier beginnen die Schwierigkeiten. Den Geheimnisträgern ist es strengstens untersagt, miteinander Kontakt aufzunehmen. Hinzu kommt, dass sie ihr bisheriges Leben für die Dauer von fünf Jahren komplett aufgeben müssen. Gut, sie werden fürstlich entlohnt für diese Opfer, jedoch ist es ihnen, wie allen anderen Menschen auch, nicht möglich, ihr bisheriges Dasein komplett hinter sich zu lassen. Ein jeder von ihnen weilte nicht auf der Sonnenseite des Lebens, und so holen die Schatten sie nach und nach ein…

Der rasante, nicht künstlich mit Fachbegriffen aufgeblasene Schreibstil, der rasante Wechsel von Figur zu Figur halten in Atem und bei der Stange. Einzelschicksale, menschliche Abgründe und politisches Kalkül treffen aufeinander – und zeigen, wie grandios ein auf dem Papier entstandener Plan dann doch scheitern kann. Dieser brisante Thriller ist vielleicht näher am Puls der Zeit, als uns lieb sein mag.

 

Heike Kasten


wer das feuer entfacht 150x237

 

Blanvalet Verlag 20,00€

 

Paula Hawkins: "Wer das Feuer entfacht"

Mit GIRL ON THE TRAIN gelang Mrs.Hawkins vor  einigen Jahren ein großartiger Einstieg in die Thrillerszene, seither "liefert" sie zuverlässig regelmäßig neue, spannende Krimis.

Ihr aktuelles Buch spielt u.a. auf einem Hausboot in London. Während die frustrierte und vom Leben nicht unbedingt verwöhnte Miriam aus dem Bullauge ihres Hausboots starrt, verlässt plötzlich eine junge, blutbesudelte Frau panikartig das Boot ihres Nachbarn Daniel. Der junge Mann hatte nächtlichen Besuch, und nun liegt er blutüberströmt und mausetot (das passiert, wenn man sich die Kehle durchschneiden lässt) in seiner Kajüte. Während die Polizei nach der verschwundenen Frau sucht, scheint auch Miriam durchaus unter Tatverdacht zu geraten. Immerhin wird ihre DNA am Tatort gefunden, und ein Motiv scheint sie auch zu haben... Eine weitere Verdächtige fehlt uns noch: Carla Meyerson, die Tante des Verblichenen, hatte ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Neffen.

Und so rätseln wir Leser gemeinsam mit der Polizei, während sich die nächste Katastrophe bereits anbahnt...

Andrea Westerkamp

 


die vier winde 150x237

 

Ruetten und Loening 20,00€

 

Kristin Hannah: "Die vier Winde"

Texas 1921

Die kleine Elsa wächst wohlbehütet, aber streng abgeschottet auf. Nach einer Fehldiagnose wird ihr eine äußerst schwache Konstitution bescheinigt. Das führt zu einem Leben ohne jegliche Abwechslung, oder gar soziale Kontakte. Im Alter von 25 Jahren bricht sie aus und wagt einen Alleingang in die Stadt....

Raf, der junge, hübsche Sohn italienischer Einwanderer verdreht Elsa den Kopf, und nicht nur den... Als Elsa schwanger wird, zwingt ihr Vater sie zur Heirat und enterbt sie. Nie wieder wird sie ihre Eltern sehen! Fortan wird aus dem kränklich zarten Mädchen eine immer stärkere Frau, die sich in den Haushalt ihrer Schwiegereltern einfügt und arbeitet, wie nie zuvor in ihrem Leben.
Währenddessen ziehen dunkle Wolken am texanischen Himmel auf! Nach jahrzehntelanger Ausbeutung der Äcker und Raubbau der Natur, sorgt der "Dustbowl" für verheerende Schäden an Mensch, Tier und Umwelt. 100.000 Menschen werden nach Kalifornien fliehen, darunter auch Elsa und ihre zwei Kinder....

Die Schilderungen der damaligen Verhältnisse um die Dürrekatastrophe und die daraus resultierenden Folgen, machen diesen Roman zusätzlich zu etwas Besonderem!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober

 


ascona 150x237

 

Piper 22,00€

 

Edgar Rai: "Ascona"

Dieser Roman entwickelt besondere Faszination, wenn man ihn im Zusammenhang mit Colm Tóibíns Roman „Der Zauberer“ über Thomas Mann liest, zwei unterschiedlichere Persönlichkeiten in der Literatur lassen sich kaum denken.

Doch beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten: Beide Autoren werden von den Nazis geächtet, ihre Bücher verbrannt. Beide emigrieren Anfang der 30er in die Schweiz, beide waren bereits sehr erfolgreich, so dass zumindest materiell keine existentielle Sorge besteht. Remarque hatte sich Anfang 1931 eine Villa am Lago Maggiore gekauft und seinen Hauptwohnsitz in die Schweiz verlegt. Einen Tag nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, zieht er endgültig nach Ascona.
Doch wenn Thomas Mann jeden Tag streng durchstrukturiert hat, nach festem Plan arbeitet und schreibt, taumelt Remarque durch Tage und Nächte, trinkt zu viel, ringt mit seinem eigentlich schon fertig gestellten Roman „Pat“. Sein deutscher Verleger wartet händeringend, die ausländischen Lizenzen sind schon vergeben, alles wartet auf DEN neuen Roman nach „Im Westen nichts Neues“ – doch Remarque erscheint plötzlich alles falsch am neuen Werk. Da passt es prima, dass man der Arbeit sehr leicht aus dem Weg gehen kann, denn ähnlich wie damals in Ostende, finden sich auch in Ascona berühmte und von den Nazis verfolgte KünstlerInnen ein, darunter Else Lasker-Schüler, Ernst Toller und die Malerin Marianne von Werefkin. Zum Teil erscheint es einem wie ein Tanz auf dem Vulkan, maßlos, vergessen wollend, sich dem Rausch hingebend.

Edgar Rai beschreibt in seinem Roman die Verzweiflung über die Heimatlosigkeit, die Suche nach einem sicheren Hafen auch für Angehörige und liebe Freunde. Natürlich gehören auch Liebschaften dazu, hier u.a. die Leidenschaft Remarques für Marlene Dietrich, die fast an eine Art Hörigkeit grenzt.
Rai gelingt mit seinem Buch ein fesselnder und lebendiger Einblick in ein weiteres Kapitel deutscher Emigrationsgeschichte, berührend und gut recherchiert.

Astrid Henning

 


unter dem sturm 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Christoffer Carlsson: "Unter dem Sturm"

Südschweden, ein kleines Kaff namens Märbäck, 1995

Hier ereignet sich in einer Herbstnacht ein unfassbares Unglück. Der Hof der Familie Markström brennt bis auf die Grundmauern nieder. Mitten im Inferno wird die Leiche der Tochter des Hauses, der hübschen Lovisa gefunden. Zur Zeit des grauenvollen Ereignisses war Lovisa mit Edvard liiert.
Der junge Mann wird verwirrt und durch Verbrennungen verletzt im nahen Wald aufgefunden und sofort festgenommen. Edvard gilt als Hauptverdächtiger, ist er doch bekannt für seinen Jähzorn, so wie bereits sein Vater, der seine Frau schlug und im Dorf höchst unbeliebt war. Die Männer dieser Familie scheinen den Teufel in sich zu haben.

Für Isak bricht eine Welt zusammen, der Siebenjährige liebt seinen Onkel abgöttisch. So ist er es, der mit ihm angeln geht, seine Hand hält, wenn er sich vor etwas fürchtet und immer ein offenes, verständnisvolles Ohr für seinen Neffen hat. Nun ist sein Onkel zu  ebenslanger Haft verurteilt, sitzt im Gefängnis und beteuert seine Unschuld.
Vidar Jörgensson war einer der ersten am Unglücksort. Er lebt in Märbäck, arbeitet als Polizist im nahegelegenen Ort. Auch für ihn scheint der Täter überführt.

Zehn Jahre später: Isak ist zu einem wankelmütigen, aufbrausenden und depressiven Jugendlichen herangewachsen. Der Kontakt zu seinem Onkel wurde von der Familie komplett abgebrochen, aber er muss noch oft an ihn denken, zumal ihn der Gedanke quält, seinem Onkel charakterlich ähnlich zu sein. Wird er geärgert, kommt es zu einem Punkt, an dem er nur noch rot sieht und unbarmherzig zuschlägt.
Auch Vidar lässt das Schicksal von Edvard nicht los. In ihm tauchen zunehmend Zweifel an dessen Schuld auf. Sind da einige Indizien unterschlagen worden? Sollte Edvard bewusst als Mörder belastet werden? Der Fall hält ihn in den Klauen.

Noch einen Zeitsprung von zehn Jahren wird es in diesem packenden Krimi von Christoffer Carlsson geben und die Welt wird eine andere sein.
Wer einen typischen Skandinavienthriller erwartet, für den ist dieses Buch nicht das Richtige. Die düstere Atmosphäre des schwedischen Landlebens wird zwar perfekt getroffen, aber die Gewalt und Grausamkeit anderer nordischer Krimis wird hier durch feinste Psychologie ersetzt. Der Entwicklung der Hauptfiguren über eine Spanne von zwanzig Jahren beizuwohnen, übt einen enormen Lesesog aus.
Bei gebundenen Krimis habe ich zumeist Vorbehalte, was den Preis angeht. In diesem Falle kann ich nur sagen, es lohnt sich von Anfang bis Ende!

Annette Matthaei

 


welten auseinander 150x237

 

S. Fischer 23,00€

 

Julia Franck: "Welten auseinander"

Vor knapp 15 Jahren gewann Julia Franck mit der „Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis. Jetzt hat die Autorin nach längerer Roman-Pause ein neues Buch vorgelegt, ein Buch, das mich sehr begeistert hat. Und auch wenn „Welten auseinander“ ein Roman ist, so ist dieses Buch doch gleichzeitig ein intensives, autobiographisches Stück Erinnerung an Julia Francks Kindheit und Jugend.

1978 wird der dritte Ausreiseantrag der Mutter genehmigt, zusammen mit ihren vier Töchtern darf die Schauspielerin aus Ost-Berlin in den Westen reisen. Nach einem Aufenthalt im Auffanglager zieht die Familie in ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein und bewohnt dort einen runtergekommenen Hof. Während die Mutter sich dort völlig ihren eigenen Belangen widmet, zu einer Mischung aus Hippie und Messie mutiert, sind die Kinder auf sich allein gestellt, da bekommt „alleinerziehend“ nochmal eine ganz besondere Bedeutung. Julia und ihre Zwillingsschwester sind zu diesem Zeitpunkt ca. acht Jahre, und doch beginnen sie, für sich selbst zu kochen, sich selbst Kleidung zu nähen, weil die alten Klamotten auseinanderfallen, den Schulalltag irgendwie zu regeln und nebenbei auch noch die Mutter über Wasser zu halten. Nach fünf Jahren hält Julia es nicht mehr aus und setzt durch, dass sie zu ihrer Tante nach West-Berlin ziehen darf, im damals noch geteilten Deutschland.
Gleichzeitig berichtet Franck in ihrem Buch vom Leben ihrer Großmutter und Urgroßmutter, beileibe keine einfachen Frauen, aber immer Teil der kulturellen und intellektuellen Szene ihrer Zeit. Hier begegnen uns Namen wie Erich Fried, Victor Klemperer, Robert Havemann u.a.
Und dann ist da noch die Rahmenhandlung: Die Mitte 20-jährige Julia ist nachmittags mit ihrem Freund in einem Café in Berlin verabredet, doch zu diesem Treffen wird es nicht kommen…

Ich wünsche diesem offenen und mutigem Buch alles erdenklich Gute und jede Menge LeserInnen.

Astrid Henning

 


der gesang der berge 150x237

Insel Verlag 23,00€

 

Nguyen Phan Qué Mai: "Der Gesang der Berge"

Hanoi in den 70ern

Die Folgen des Vietnamkrieges sind noch spür- und sichtbar.
Huong ist 12 Jahre alt und lebt bei ihrer Großmutter. Ihrer Eltern hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Der Vater gilt als verschollen, und ihre Mutter begab sich vor Zeiten auf die Suche nach ihm. Großmama Dieu Lan (1920 geb.) gibt sich größte Mühe, die Eltern zu ersetzen. Aber auch sie hat unendlich viel Federn gelassen während der furchtbaren Jahrzehnte.
Vor dem Bürgerkrieg lebte die Famile im Wohlstand. Dieu arbeitete als Lehrerin, ihr Mann lebte noch und gemeinsam zogen sie ihre sechs Kinder groß. Während Huong Tag für Tag nach ihren Eltern Ausschau hält, erzählt die Großmutter ihrer Enkeltochter an langen Abenden nach und nach die Familiengeschichte. Wir Leser tauchen fasziniert ein in die für uns Europäer teilweise so anders anmutende asiatische Lebensweise. Der Roman wird dramatisch, als Dieu berichtet, wie der Bürgerkrieg sie zwingt, alles aufzugeben. Sie flieht mit vier ihrer Kinder und kämpft um´s nackte Überleben. Man spürt die unglaubliche Willensstärke dieser besonderen Frau! Die Hoffnung, eines Tages wieder als Familie vereint zu sein, gibt ihr Kraft und treibt sie voran.

Eine unglaublich fesselnde Familiengeschichte, die ich unbedingt(!) empfehlen möchte.

Andrea Westerkamp

 


der leere platz 150x237

 

Kein & Aber 22,00€

 

Marion Karausche: "Der leere Platz"

„Eine Mutter kann nur so glücklich sein, wie ihr unglücklichstes Kind“ (Sarah Blaffer Hrdy)

Marlen schätzt sich glücklich. Sie ist stolz auf ihre Familie und ihr Leben, mit sich im Einklang. Als sie Martin vor mehr als 25 Jahren kennenlernte, war ihr klar, dass sie mit der Heirat ihren erfüllenden Beruf als MTA aufgeben und ihm auf Grund seines Jobs nach Marokko folgen würde. In Rabat leben sie nun schon lange im Privilegiertenviertel in einer großen Villa mit Blick auf das Meer. Die Eheleute gelten im Freundeskreis als das absolute Traumpaar. Marlen widmet sich ganz und gar dem Familienleben. Erst wird der ruhige, sanfte Kai geboren. Große Augen, dunkle Locken, ein stilles, angenehmes Kind. Ein paar Jahre später folgt die etwas anstrengendere, wilde Amy.
Nun sind beide Kinder Teenies und haben eine enge und liebevolle geschwisterliche Bindung. Kai hat gerade das Abitur auf einer internationalen Schule überdurchschnittlich gut abgelegt. Mit ein paar Freunden plant er eine Reise durch Europa. Danach ist ein Studium in Deutschland das Ziel. Und das ist der Moment, in dem das Leben der Familie ins Kippen – bis hin zum Absturz - gerät.

Schon bevor er abreist, beschleicht Marlen ein ungutes Gefühl. Ihr Sohn ist zögerlich, verschlossen, tut sich schwer mit Entscheidungen. Auch ihr fällt es nicht leicht, eines ihrer Küken ziehen zu lassen. Es scheint ein neuer Entwicklungsschritt zu sein. Dass die Nachrichten aus Europa aber nun sehr spärlich ausfallen und später ganz ausbleiben, versetzt die Eltern verständlicherweise in höchste Unruhe. Die Freunde von Kai kehren nach Rabat zurück, um ihre Ausbildungen zu beginnen. Er hingegen lässt ausrichten, dass er noch auf der Suche nach sich selbst sei und vorerst in Portugal bleiben würde. Die nächsten Nachrichten kommen nach Wochen aus Peru. Kai hat sich Schamanen in der Wildnis angeschlossen.
Marlen wird ihren Sohn erst zu Ostern bei Martins Familie in Deutschland wiedersehen. Völlig überraschend steht der verwahrloste, abgemagerte junge Mann zur traditionellen, alljährlichen Familienfeier bei seiner Großmutter vor der Tür. Komplett verschlossen, mürrisch und misstrauisch, mit einem Bein auf der Flucht.

Was nun passiert ist eine Abfolge von Ereignissen, die die Belastung einer Mutter um ein Weites übersteigen. Ein Anruf: der Sohn sei in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Marlen eilt zu ihm, findet ihr Kind apathisch, komplett unter Medikamenten stehend vor. Sein Auto hat er angezündet, spricht stockend von Stimmen und Verfolgern. Die Diagnose Schizophrenie haut die Eltern um. Marlen ist erfüllt von Schmerz und Verzweiflung. Martin reist allein zurück nach Rabat, sie bleibt bei ihrem Sohn in Deutschland. Die Eltern haben schlagartig ihre Bindung verloren und verlieren sich jeder auf seine Art in ihrer Einsamkeit.

Mit einer unglaublichen Intensität erzählt die Autorin die Geschichte einer Mutter, die sich selbst aufgibt, nichts unversucht lässt, um ihr Kind zu retten, aber wohl einen aussichtslosen Kampf kämpft. Hilflosigkeit, Ohnmacht, Unsicherheit, all das sind die Gefühle, die sicherlich die meisten Eltern erleben, deren Kinder psychisch schwer erkranken. Was für ein beklemmender und beeindruckender Roman und dazu noch ein Debüt!!! Auch nach der letzten Seite hat mich dieses hervorragende Buch lange nicht losgelassen.

Annette Matthaei

 


every 150x237

 

KiWi 25,00€

 

Dave Eggers: "Every"

Der „Circle“ ist Vergangenheit: Das (Digital-)Unternehmen hat die Konkurrenz aufgekauft, u.a. auch einen weltweit agierenden Online-Versand namens dschungel, und nennt sich nun „Every“.

Delaney Wells, Hauptfigur der Geschichte, steht der zunehmenden Komplettdigitalisierung der Welt kritisch gegenüber und befürchtet eine soziale Kontrollübernahme. Innerlich sympathisiert sie mit den Digitalverweigerern, den sog. Trogs, die man sich wie Alt-Hippies vorstellen muss, deren städtischer Lebensraum immer weiter eingeschränkt wird und die sich unbewacht und unbeobachtet nur noch an wenigen Orten aufhalten können.
Delaney nun bewirbt sich bei diesem größten, modernsten Konzern, „Every“, verfolgt jedoch eine geheime Agenda: Sie plant, den Konzern von innen heraus zu Fall zu bringen. Immer übergriffigere Vorschläge bei der Produktentwicklung sollen die Belegschaft bzw. Nutzer:innen zur Rebellion gegen die Einschränkung von Persönlichkeits- und Freiheitsrechten bringen.
Der einzig Eingeweihte und Verbündete ist ihr Mitbewohner Wes, ein begnadeter Programmierer, auch er ist bei „Every“ tätig. Die beiden überlegen, so viele absurde digitale Ideen in den „Every“-Kosmos einzubringen, bis der Konzern sich am Ende selbst diskreditiert und zerstört. Aber selbstverständlich entwickeln sich die Dinge anders: das so raffinierte wie naive Vorhaben der beiden scheint komplett nach hinten loszugehen. Keine Idee ist so absurd, so lächerlich, so wenig nachvollziehbar für den gesunden Menschenverstand, als dass sie von der Every-Gemeinde nicht frenetisch gefeiert und begrüßt würde. Hauptsache, jemand hat überhaupt neue Ideen! Denn auf dem Every-Campus leben die Angestellten in einer künstlichen Wohlfühlblase, die sie in den zugewiesenen Aufgaben und der physischen Selbstoptimierung dermaßen aufgehen lässt, dass jegliche Ambition, jegliche Motivation, verloren scheint.
Zunehmend ratlos sieht Delaney mit an, wie die absurden Ideen, die sie und Wes unauffällig platzieren, umgehend zu lukrativen Produkten aufgebauscht werden. Da gibt es beispielsweise eine 3D-Anwendung, die virtuelle Reisen ermöglicht, weltweiten Tourismus obsolet macht - der ökologische Fußabdruck entfällt, es lebe das gute Gewissen! Es gibt eine App, die die Gespräche befreundeter Personen auswertet und scheinbar auf ihren wahren Freundschaftsgehalt hin analysiert – ein Alptraum für alle Beziehungen! Jedoch, die Menschen nehmen jede Gelegenheit einer scheinbaren Optimierung wahr, es wird geliket, geshamet, mit Emojis herumgeworfen, gemessen, verglichen, gezählt, ausgewertet; die Funktionsarmbänder piepen und blinken und erinnern und loben in einer Tour und unaufhörlich.
Noch schlimmer und besorgniserregender jedoch ist die zunehmende Verzahnung zwischen den Geschäftsinteressen des „Every“ und der allgemeinen Gesetzgebung, die sich rasant beschleunigt.

Was die technische, die digitale Seite der Geschichte betrifft, ist Dave Eggers der Zukunft, auch hier in der Satire, nicht weit voraus. Praktisch alle beschriebenen Anwendungen gibt es dieser oder ähnlicher Weise oder sind zumindest möglich – wir alle kennen sie. Die gesellschaftlichen Implikationen hingegen, die eine so umfassende Marktmacht eines einzigen Digitalkonzerns mit sich bringen kann, wird ein wenig übersteigert vorgeführt. Oder?
Erneut hat Dave Eggers es geschafft, den Finger in die Wunde der (digitalen) Leichtgläubigkeit der Menschen zu legen.

Heike Kasten

 


barbara stirbt nicht 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Alina Bronsky: "Barbara stirbt nicht"

Barbara und Walter Schmidt führen eine, sagen wir mal, traditionelle, eingefahrene Ehe mit sehr, sehr klassischen Rollenmustern. Seit 52 Jahren sind die beiden verheiratet, da kennt man sich.
Der Herr des Hauses ist ein etwas zwanghafter, Filzpantoffeln tragender Durchschnittslangweiler, hat noch nicht ein einziges Mal freiwillig die Küche betreten, um sich dortselbst nützlich zu machen und weiß weder, wie man eine Tütensuppe aufschneidet, geschweige denn erhitzt, noch, wie man Kaffee kocht. Und auch Herrn Schmidts Pensionierung hat nicht dazu beigetragen, an diesen Routinen etwas zu ändern: Frau Schmidt ist für das Wohlbefinden des Gatten zuständig, für die Organisation von Haus und Garten, Herr Schmidt lässt sich bedienen und beurteilt gütig die Arbeit seiner Frau.
Bis zu dem Tag, an dem Barbara einfach nicht mehr aus dem Bett aufsteht, sie ist müde, krank, will nichts essen, bis zu dem Tag, an dem Barbara im Badezimmer stürzt und der Hilfe bedarf. Herr Schmidt, man kann es sich vorstellen, ist mehr als konsterniert ob dieser Situation. Er sorgt sich weniger um seine Frau als um den ausbleibenden gewohnten Service. Unwillig muss er notgedrungen den ersten Kaffee seines Lebens kochen, den Hund und seine Frau versorgen, dieses mehr schlecht als recht. Tatsächlich muss sogar der Arzt ins Haus kommen, und nach dessen Diagnose dämmert es Herrn Schmidt allmählich, dass die Situation ernster ist, als angenommen. Barbara wird niemals wieder die gewohnten Arbeiten aufnehmen können. Und so krempelt Herr Schmidt tatsächlich sein Leben um und die Ärmel hoch.
Rührend mitzuerleben, wie er im hohen Alter plötzlich auf sich allein gestellt lernt, seine schwerkranke Frau zu umsorgen. Mit ihrem Facebook-Account begibt er sich zum ersten Mal sogar ins Internet und lernt durch die Tipps und Anleitungen eines Fernsehkochs seine ersten Schritte zu einem selbstgekochten Essen. Erstmalig zeigt er, dass er sich für Barbara verantwortlich fühlt. Vor allem sein Blick auf die gemeinsame Vergangenheit ändert sich…

„Barbara stirbt nicht“ ist ein mitunter ein wenig bösartiger Entwicklungsroman, einer über eine Transformation, über gestörte Familienverhältnisse und über große Familiengeheimnisse. Am Ende der Geschichte erkennt Herr Schmidt, dass er auch ein ganz anderer sein könnte – und er fängt endlich damit an. Rührend, warmherzig und auch ein bisschen witzig, obgleich die Thematik keine heitere ist, steuert der Roman einem Ende zu, dass die Figuren noch einmal schärft und ihnen Tiefe verleiht.

Heike Kasten

 


die tote mit der roten straehne 150x237

 

Suhrkamp 19,95€

 

Kathleen Kent: "Die Tote mir der roten Strähne"

Detective Betty Rhyzyk wechselte erst vor kurzem von New York City zum Dallas Police Department. Ihre neuen Kollegen staunen gewaltig über die taffe große Frau mit den flammend roten Haaren (nebenbei bemerkt: was für ein tolles Cover). Gleich der erste Einsatz hat es in sich.

Ähnlich wie in einem amerikanischen Actionfilm erleben wir die Eskalation eines scheinbar gut geplanten Polizeieinsatzes. El Gitano Ruiz, mexikanischer Drogendealer und brutaler Bandenchef, entkommt, Bettys Kollege wird tödlich getroffen, und auch eine Passantin verliert ihr Leben. Die Stimmung im Department ist unterirdisch und Betty spürt teilweise deutliche Ablehnung gegen ihre Person. Als sie ein paar Tage später morgens vom Joggen zurückkehrt, liegt auf ihrer Bettdecke ein kleines Souvenir... Offensichtlich wird sie gestalkt, denn von Jackie, ihrer Lebenspartnerin, stammt das Päckchen nicht!

Immer temporeicher und heftiger, um nicht zu schreiben blutiger wird der Thriller, aber Atempausen gibt es immer wieder durch Wortwitz und private Intermezzi. Ich freue mich definitiv auf Bettys nächsten Fall!!!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


russische botschaften 150x237

 

KiWi 16,00€

 

Yassin Musharbash: "Russische Botschaften"

In diesem Thriller kann man kaum noch sagen, was Fiktion ist und was Realität. Auf jeder Seite merkt man, dass der Autor selbst Journalist ist und jeden Tag mit brisanten Nachrichten konfrontiert ist, aus Quellen, von denen man nicht immer weiß: sind sie verlässlich? Oder steckt Manipulation dahinter?

Merle Schwab ist eine junge, ehrgeizige Journalistin beim Globus, einem Polit-Magazin, das in Berlin erscheint, vergleichbar vielleicht dem SPIEGEL. Sie ist zufällig hautnah dabei, als ein junger Russe von einem Balkon stürzt und dabei umkommt. Selbstmord? Unfall? Mord? Wie sich bei Merles Recherche herausstellt, war der junge Mann für den russischen Geheimdienst tätig, mehr noch: Er scheint ein Doppelagent gewesen zu sein, denn auch der deutsche Verfassungsschutz führt ihn als V-Mann. Merle ahnt, dass hinter dieser Geschichte noch mehr stecken könnte, eine perfekte Gelegenheit, sich beim Globus zu profilieren. Doch schnell stellt sie fest, dass diese Angelegenheit größere Kreise ziehen wird, ein Informant lässt ihr eine Liste zukommen, auf der Personen gelistet sind, die Zuwendungen vom russischen Geheimdienst erhalten haben, teilweise in beträchtlicher Höhe. Politiker sind darunter, Geschäftsleute, renommierte Journalisten – sogar die Inhaberin des Globus‘.
Nachdem Merle zwei Kollegen ihrer Zeitung eingeweiht hat, beschließen die drei, auch Journalisten der Konkurrenz, der „Norddeutschen“ mit ins Boot zu holen, denn auch dort steht ein hochrangiger Journalist auf der Gehaltsliste der Russen. In einem kleinen Dorf in Brandenburg versammelt sich eine kleine, schlagkräftige Truppe von Journalisten, um unter höchster Geheimhaltung in der Angelegenheit zu recherchieren.

Dieser Polit-Thriller führt tief hinein in verschiedenste Geheimdienste, in Fake-News, ins Darknet und andere technische Finessen. Sehr, sehr spannend zu lesen und möglicherweise beklemmend aktuell.

Astrid Henning

 


schweig 150x237

 

KiWi 15,00€

 

Judith Merchant: "Schweig!"

Dass in Familien nicht immer Harmonie herrscht, ist eine Binsenweisheit, und dass dies vor und an Weihnachten verschärft gilt, weiß auch jeder. Der Kreis der Liebsten erweitert sich plötzlich um Verwandtschaft, zu der man den Rest des Jahres vielleicht aus gutem Grund etwas Abstand hält.

„Schweig!“ ist ein Thriller, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt, heiklerweise am 23. Dezember, einem Tag, an dem jede und jeder noch wahnsinnig viel erledigen will, zumal wenn kleine Kinder im Spiel sind.
Trotzdem hat sich Esther den Vormittag freigeschaufelt, um ihre Schwester Sue zu besuchen, die psychisch einigermaßen labil zu sein scheint, zumindest in Esthers Augen. Vor gut einem Jahr ist Sues Ehe gescheitert, seitdem wohnt sie in einem riesigen Haus, irgendwo mitten im Wald, hat (und braucht) keine Arbeit und möchte eigentlich auch keinen Kontakt zu ihrer Schwester. Aber an Weihnachten…das kann Esther als Familientier nicht ertragen: Ihre Schwester „Schnecke“ allein? Ohne Plätzchenduft, Geschenke, glänzende Kinderaugen? Das kann nicht richtig sein, da vergisst man dann auch schon mal das Fiasko vom letzten Heiligabend, als Esthers Mann Martin und Sue auf dem Balkon, naja, sich etwas zu nahekamen. Sicher Sues Initiative, so allein und verzweifelt, wie sie sonst immer sein muss, da draußen, allein, im Wald. Soweit Esthers Sicht.
Sue hingegen ist tatsächlich etwas verzweifelt, aber nur deswegen, weil Esther absolut übergriffig ist und nicht verstehen will, dass es selbstgewähltes Alleinsein ist, dass Sue genau so zufrieden ist und ihr Leben völlig in Ordnung findet. Die Tür nicht öffnen reicht da nicht, Esther ist in der Lage sich anders Zugang zu verschaffen, wenn sie es für nötig hält. Und das tut sie.
Und Martin, Esthers Ehemann? Auch er leidet unter seiner dominanten Ehefrau, trinkt zu viel, um das alles ertragen zu können. Eine Trennung ist nicht möglich, weil Esther ihm den Kontakt zu den Kindern verweigern wird. Stimmt das?

Drei Menschen, drei Perspektiven, und das Verrückte ist: Wessen Sicht man gerade liest, dem glaubt man. Judith Merchant ist eine Meisterin der Täuschung, der vermeintlichen Sicherheit, in der sie uns wiegt, endlich wissen wir, wie der Hase läuft, bis…?
Selbst lesen ist das Einzige, was hilft ;-).

Astrid Henning

 


schach mit dem tod 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Steffen Jacobsen: "Schach mit dem Tod"

USA Los Alamos 1945

David Adler ist Elektroingenieur. Als er nach beschwerlicher Reise in Los Alamos ankommt, spürt er sofort die knisternde Spannung, die im gesamten Camp herrscht.Das Manhattan-Projekt vereint die aktuell größten Forscher der Welt und David ist sich schnell der Tragweite dessen bewusst. Sie alle arbeiten an der Entwicklung der Atombombe...
Durch seine Verwandtschaft mit Niels Bohr, erhält David diese einzigartige Gelegenheit, sich unter die Gruppe der außergewöhnlich großen Ansammlung brillianter Wissenschaftler zu mischen. Als persönlicher Assistent von Professor Bohr hat David Zugang zu nahezu allen Geheimnissen rund um die Konstruktion dieser
verheerenden Erfindung. Alle fiebern dem ersten Atombombentest entgegen. Aber je näher das Experiment rückt, um so stärker wird Davids Aversion gegen seine eigentliche Aufgabe: Niemand ahnt, dass sich hinter dem sympathischen Herrn Adler ein Spion verbirgt....

Wir alle haben von den Versuchen, Erfolgen und Misserfolgen um die Entstehung der Atombomben gehört oder gelesen. Für mich war es überaus spannend, nun aus der Sicht der Zeitzeugen quasi direkt im Camp zu "wohnen" und alles "live" mit zu erleben!

Andrea Westerkamp

 


die letzten romantiker 150x237

 

Harper Collins 22,00€

 

Tara Conklin: "Die letzten Romantiker"

Welch eine Familiengeschichte!

Bexley Frühjahr 1981
Ellis Avery Skinner, Zahnarzt und Vater von vier Kindern, ist erst 34 Jahre alt, als sein Herz plötzlich still steht. Renee 11, Caroline 8, Joe 7 und Fiona 4, die Ich-Erzählerin, fallen von jetzt auf gleich aus ihrer heilen Welt. Ihre Mutter Noni sieht sich außer Stande die Kinder aufzufangen. Zu groß ist die Schockstarre, in die sie nach Ellis Tod fällt. Und so gewöhnen sich die Vier daran, die Dinge des Lebens mehr oder weniger selbst zu regeln, wenn Noni wieder einmal wochenlang nicht aus dem Bett aufsteht. Sie erziehen sich gegenseitig und bilden schon bald ein festes Bollwerk gegen die Fallstricke der Außenwelt. Nicht nur Renee leistet dabei Außergewöhnliches, auch Caroline und Joe wachsen über sich selbst hinaus. Lediglich die kleine Fiona genießt noch etwas Nestschutz.
Jahre vergehen und die Folgen der verlorenen Kindheit zeigen sich immer deutlicher. Renee wird eine herausragende Ärztin, Joe erlangt Ruhm beim Baseball, Carolin heiratet und geht in ihrer Mutterrolle auf, Fiona schreibt als Bloggerin unter einem Pseudonym über Familieninterna, und eines Tages platzt die Blase...

So dicht und intensiv beschreibt uns die Autorin die einzelnen Schicksale der mittlerweile Erwachsenen, dass ich mich dem Sog nicht entziehen konnte.

Andrea Westerkamp

 


dinge an die wir nicht glauben 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Bryan Washington: "Dinge, an die wir nich glauben"

Dies ist kein Liebesroman, sondern ein Lebensroman über zwei junge Männer, die sich nicht sicher sind, was Zuhause bedeutet oder ob es das überhaupt gibt.

Mike ist ein Koch mit japanischen Wurzeln, der in einem mexikanischen Restaurant arbeitet, Ben ist Kindergärtner und Schwarz. Seit vier Jahren leben sie schon zusammen und sind sich so vertraut, wie sie sich fremd sind – die Liebe ist abgekühlt, die Streitereien hitzig, der letzte Ausweg oft Sex. In der Nacht bevor Mikes Mutter Mitsuko zu Besuch kommt, gesteht Mike Ben, dass er nach Japan reisen wird um seinen todkranken Vater zu pflegen. Dieser hatte ihn und seine Mutter vor Jahren verlassen, doch Mike kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, sie nicht einmal hinterfragen.
Die brüske Mitsuko und Ben ecken in ihrem Zusammenleben an, finden aber bald in ihren Blickwinkeln über Mike zueinander. Mitsuko bringt Ben das Kochen bei und die beiden lernen einmal mehr, wie vielschichtig Familie sein kann. Auch Mike lernt in Japan, dass Familie nicht unbedingt etwas mit Blutsverwandtschaft zu tun hat und Heimat und das Fremde sich nicht so klar voneinander unterscheiden lassen. Unausweichlich scheint, dass die drei sich großen Fragen stellen müssen, wenn Mike zurückkehrt.

In seinem Romandebüt, beweist Bryan Washington, dass er ein großartiger Schriftsteller ist, von dem wir noch viel erwarten dürfen. Voller Leichtigkeit und teils amüsant, fasst er große und aktuelle Themen mit geschulten, erzählerischen Fingern an: spricht wie nebenbei über Rassismus, Homophobie, Sucht und Armut, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was seine schlagfertigen Protagonisten antreibt. Sein Schreibstil ist geprägt von einer lockeren edginess und der Fähigkeit, dem Alltäglichen einen besonderen Glanz zu verleihen. Ein Roman, modern und doch nahbar, der anders ist ohne fremd zu sein.

Mattes Daugardt

 


im letzten licht des herbstes 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Mary Lawson: "Im letzten Licht des Herbstes"

Die idyllische Kleinstadt Solace steht seit Tagen unter Schock: Die knapp 16-jährige Rose wird vermisst, noch ist völlig unklar, ob es sich um ein Verbrechen handelt, oder ob Rose, sehr eigensinnig und unangepasst, ihr zu Hause ganz bewusst verlassen hat. Ihre siebenjährige Schwester Clare jedenfalls ist extrem bedrückt. Seit Roses Verschwinden steht sie am Fenster, isst am Fenster, „lebt“ am Fenster, um zu beobachten, ob ihre Schwester wieder auftaucht. Clare merkt, dass ihre Eltern nicht offen mit ihr sprechen, sie wollen sie schützen, erreichen aber mit ihrem Rumgedruckse und vermeintlich harmloser Miene geradezu das Gegenteil.
Gleichzeitig ist Mrs Orchard, eine ältere Nachbarin, zu der Clare ein sehr warmes und intensives Verhältnis hat, im Krankenhaus, das Haus plötzlich von einem Clare völlig fremden Mann bewohnt, der zudem noch beginnt, Mrs Orchards persönliche Dinge zu verpacken.

In drei Menschen schlüpfen wir geradezu in diesem Roman: Clare spielt die größte Rolle, ihr Innenleben beschreibt Mary Lawson wirklich außerordentlich gekonnt, ganz nah sind wir bei ihr, spüren ihre Nöte, ihre Phantasien („Wenn ich immer an diesem Fenster stehen bleibe, kommt Rose ganz bald zurück“, „wenn ich genau x-Schritte zur Schule brauche, kommt Rose zurück“). Mit Mrs Orchard sind wir im Krankenhaus und blicken auf ihr Leben zurück, auf das liebevolle Verhältnis zu ihrem Mann, auf das große Thema in ihrem Leben – die ungewollte Kinderlosigkeit. Und der Fremde im Haus von Mrs. Orchard? Das ist Liam, der als kleiner Junge bei den Orchards ein und aus ging, der für Mrs Orchard zum Ersatz-Sohn wurde, und dem sie bereits jetzt schon ihr Haus vermacht hat.
Doch wir bleiben nicht nur in der Gegenwart: Vor 30 Jahren gab es im Leben von Mrs Orchard und Liam ein Ereignis, dass für diese zwei Familien tragische Konsequenzen hatte…

Ein Roman, der feinfühlig die unterschiedlichsten Charaktere einfängt, der jederzeit die Spannung hält und uns wirklich perfekt zu Mitbewohnerinnen von Solace werden lässt.

Astrid Henning

 


treue seelen 150x237

 

btb 20,00€

 

Til Raether: "Treue Seelen"

Viele von uns kennen Till Raether als stellvertretenden Chefredakteur der BRIGITTE. Heute lebt er in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für das SZ Magazin, hat sich aber auch als Krimiautor einen Namen gemacht. Nun ist ein absolut gelungener Roman erschienen.

Achim und Barbara sind vom piefigen Bonn nach Westberlin gezogen. Sie kommt als Dauerdoktorandin nicht so recht vom Fleck, die Gänge in die Uni werden immer seltener. Achim ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Job. Bei der BAM ist er untergekommen. Mit BAM assoziiert man Bumm und damit liegt man auch nicht ganz falsch. Als Laborant in der Bundesanstalt für Materialprüfung hat Achim es hauptsächlich mit der Kontrolle von Feuerwerkskörpern zu tun. Nicht nur das Stagnieren ihres beruflichen Werdeganges lässt Barbara zunehmend in eine Depression versinken, nein, besonders die Angst über die Folgen der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl in diesem Frühsommer 1986 lähmt sie komplett und so hockt sie zwischen Umzugskisten und verlässt kaum noch die nicht eingerichtete Wohnung in einem Wohnblock in Berlin Zehlendorf. Dunkelheit, Muff, Schweigen.
Für Achim hingegen beginnt ein Sommer der Liebe. Mit einem  faszinierenden Brizzeln!!! Auf dem Trockenboden des Mehrfamilienhauses lernt er die Nachbarin Marion beim Schmöken kennen und lieben. Sofort fühlt er sich von der zehn Jahre älteren, unkomplizierten Mutter von Zwillingen magisch angezogen und nach ein paar Tagen kreisen seine Gedanken nur noch um Marions Haaransatz, ihre Sommerkleider, ihre Sommersprossen... - seufz.
Marion hat das Einerlei ihrer Ehe mit Volker, Bundesgrenzschutz und ein Spießer vor dem Herrn, satt. Wann haben sie eigentlich das letzte Mal wirklich geredet und warum nerven sie die Kleinigkeiten im Alltag mit ihm so bundesgrenzenlos??? Da ist der Achim doch anders, auch ein bisschen ulkig in seiner unsicheren Art, aber zärtlich kann der sein und angenehm zurückhaltend ist er. Marion hat als 15jährige „rübergemacht“. Mehr zufällig, gar nicht so richtig geplant. Ihre stramme SED-Mutter, ihre jüngere Schwester Sibylle und die Unfreiheit im Osten nervten zwar gehörig, aber als sie 1961 in der Bahn sitzt und einfach nicht an ihrer Haltestelle aussteigt, schlicht in den Westen weiterfährt, ist sie selbst überrascht von der eigenen Courage. In einem amerikanischen Supermarkt kam sie damals unter und da sitzt sie heute noch, an der Kasse, und träumt davon eines Tages die Geschäftsleitung zu übernehmen. 25 Jahre ist ihre Flucht nun her und seitdem hatte sie keinerlei Kontakt zu ihrer Kindheitsfamilie.
Marion und Achim erleben einen unbeschwerten Sommer der Verliebtheit und als die Nachbaraugen allzu neugierig werden, verlegen sie ihre Tête-à-têtes flugs in den Osten Berlins. Dort wird Marion von ihrer Vergangenheit eingeholt und Achim lässt dummerweise seine Zurückhaltung fallen, ein fataler Fehler…

Einen lustigen, schnodderigen Seitensprungsroman mit viel Berlinfeeling hat Herr Raether da geschaffen und mehrfach habe ich geschmunzelt, sogar gelacht. Aber zwischen den Zeilen bleibt da doch eine Nachdenklichkeit und Trauer hängen, wenn klar wird, wie viele Familien unter dem Leben im geteilten Deutschland leiden mussten und wie sehr es die Menschen zum Teil unwiederbringlich entzweit hat. Von Oberflächlichkeit keine Spur, trotzdem ein amüsant geschriebenes Stück Zeitgeschichte.

Annette Matthaei

 


die frauen von new york glanz der freiheit 150x237

 

atb 12,99€

 

Ella Carey: "Die Frauen von New York - Glanz der Freiheit"

New York im Jahr 1942.

Die ambitionierte, aus wohlhabenden Verhältnissen stammende junge Lily Rose hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt und arbeitet für Giorgio Conti als Sous-Chefin in der Küche des Nobelrestaurants Valentino’s in Manhattan. Das Kochen ist Lilys Leben und ihre Berufung: Mit Hingabe probiert sie neue Rezepte aus und entwirft eigene, schmackhafte Kreationen. Unterstützt wird Lily von ihrer liebevollen Großmutter Josie, die ein gemütliches, kleines Häuschen in Greenwich bewohnt, das oft Lilys Zufluchtsort vor ihrer engstirnigen, starrköpfigen Mutter Victoria ist.
Diese hat ganz andere Pläne für die Zukunft ihrer Tochter als Lily selbst: Lily soll den aus einer reichen, einflussreichen Familie stammenden Nathaniel heiraten, den sie schon seit dem Sandkasten kennt. Lily jedoch fühlt sich mehr und mehr zu Tom Morelli hingezogen, der als Chefkoch im Valentino’s arbeitet. Und Tom scheint ihre Gefühle zu erwidern.
Doch der Krieg zerstört zunächst alle Pläne und Hoffnungen: Tom und Nathaniel werden, wie so viele andere junge Männer, zum Kriegsdienst in Europa eingezogen. Für die Frauen von New York entstehen plötzlich völlig neue Möglichkeiten; Arbeitsplätze, die bisher ausschließlich Männern vorbehalten waren, werden frei und müssen neu besetzt werden. Lily und ihre Kollegin Martina werden die neuen Küchenchefinnen des Valentino’s und meistern ihre Aufgabe trotz aller Unkenrufe der Männer mit Bravour. Einer glänzenden Karriere scheint nichts im Wege zu stehen. Doch schon bald wird Tom als vermisst gemeldet und Victoria setzt alles daran, die Pläne für ihre Tochter in die Tat umzusetzen.

Der auf einer wahren Geschichte beruhende Auftakt einer herzerwärmenden, spannenden Schmöker-Trilogie!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


schweigt nicht 150x237

 

Droemer Verlag 8,00€

 

Alexei Navalny: "Schweigt nicht!"

In vielen Ländern der Welt erleben wir aktuell einen massiven Verlust an allgemeinen Grundrechten: das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf Demonstrationen beispielsweise. Staaten wie Belarus, China (Hongkong!), der Libanon und Russland stehen da nur exemplarisch für diverse Andere. Umso mehr muss man die Menschen bewundern, die sich trotzdem nicht den Mund verbieten lassen, die sich offen zeigen, sich zusammenschließen und gemeinsam auf die Straße gehen.  Jederzeit mit dem Risiko, dafür im Gefängnis oder in einem Straflager zu landen.
Ein prominentes und sehr aktuelles Beispiel für diese mutigen Menschen ist ganz sicher Alexei Nawalny. Nun veröffentlicht der Droemer Verlag vier kurze Reden, die Nawalny vor Gericht gehalten hat, wohl wissend, dass es sich bei diesen Prozessen nicht um ernstzunehmende, rechtsstaatliche Verhandlungen handelt. Und obwohl Nawalnys Kampf schon so lange andauert, verliert er nicht seine Unerschrockenheit, seinen Kampfesmut und seine Kraft. Er fordert Putin heraus, benennt ganz klar die Missstände und Verbrechen, knickt an keiner Stelle ein – und fordert alle Menschen auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. Die Reden sind nicht pathetisch, sondern voller Energie und – man staunt – Zuversicht.

Wir haben das Glück in einer Demokratie zu leben, aber ohne unser Zutun bleibt sie nicht lebendig. Nawalnys Reden (übrigens zum Preis von ca. zwei Cappuccino!) laden ein, aus der Komfortzone herauszukommen und sich einzusetzen für Rechte, die uns so selbstverständlich scheinen.

Astrid Henning

 


gute nachbarn 150x237

 

Droemer HC 20,00€

 

Therese Anne Fowler: "Gute Nachbarn"

Dieses Buch war ein sehr unterhaltsamer Weg mir das Herz zu brechen. Sie werden nicht aufhören können zu lesen (und dann nicht aufhören können zu weinen).

In der Kleinstadt Oak Knoll in North Carolina halten die Leute zusammen. Die Forstwissenschaftlerin Valerie liebt es ihren Sohn in dieser liberalen Blase des Südens aufwachsen zu sehen. Als alleinerziehende Mutter hat sie es nicht leicht, aber Xavier ist wahrlich ein Kind der gesamten Nachbarschaft und ihr ganzer Stolz: genügsam, höflich und durch seine musikalische Begabung für ein Stipendium an einer Elite-Uni vorbestimmt. Als Sohn einer Schwarzen Mutter und eines weißen Vaters hadert er jedoch mit seiner Identität und seinem Platz in der Welt. Dann zieht Juniper in das Haus nebenan und die beiden Teenager verlieben sich innbrünstig. Valerie jedoch ist skeptisch gegenüber der neureichen, weißen Familie und, während eine geliebte Eiche einen langsamen Tod stirbt, werden Geheimnisse offenbar, die eine gesamte Nachbarschaft erschüttern können.

Die Erzählung wird aus der Perspektive dieser Nachbarschaft beschrieben: ein Chorus, der nicht griechisch anmutet, sondern äußerst leicht zugänglich ist. Man kann nicht anders als sich in die Charaktere zu verlieben, die liebenswürdig und fehlerhaft sind, aber durch die Distanz in der Perspektive stets nie gänzlich gekannt werden wollen. Es war zudem sehr erfrischend eine Geschichte zu lesen in der die wohlhabende, weiße Familie das fremde, disruptive Element in der vermeintlichen Kleinstadt-Utopie darstellt.

„Gute Nachbarn“ ist ein Porträt einer Nachbarschaft, das eine Familiengeschichte zu einem Gesellschaftsroman macht, in dem Themen wie Rassismus und Sexismus, und ihr weitreichender Einfluss, Anklang finden. In einer Anmerkung der Autorin geht sie offen damit um, dass sie als weiße Autorin gezögert hat eine Geschichte über Schwarze Charaktere zu schreiben – darf sie aus einer ihr unzugänglichen Perspektive schreiben, einer politisch und kulturell vielschichtigen menschlichen Erfahrung, die sie nie machen wird? Ms. Fowler hat sich dazu entschieden sich der Thematik künstlerisch zu nähern. Herausgekommen ist ein Roman, der wichtige Themen anreißt. Ich würde ihr Unterfangen keineswegs aktivistisch nennen, aber mutig und vor allem unterhaltend.


Mattes Daugardt

 


reise nach maine 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Matthias Nawrat: "Reise nach Main"

Dieses Buch war für mich wirklich ein kleiner Überraschungsfund: Ich hatte von Nawrat bislang kein Buch gelesen, hier hat mich die Geschichte neugierig gemacht, das Cover angesprochen – also los!

Ein Sohn, ein Schriftsteller, ca. Mitte 40, reist mit seiner – recht energischen und meinungstarken – Mutter in die USA. Geplant ist, dass er ihr eine Woche „sein“ New York zeigt, danach besucht sie noch eine Woche Freunde in den USA und der Sohn reist seinerseits eine Woche durch Maine. Recht kurz vor der Abreise zerschlägt sich allerdings der Besuch der Mutter bei den Freunden, sodass sie zum Sohn sagt: „Fein, dann reise ich noch eine Woche mit dir durch Maine.“ Hm. Das trübt die Vorfreude des Schriftstellers nun doch ein wenig. Eine gemeinsame Woche in New York, das wär genau das Richtige gewesen, aber nun, eine weitere Woche, das ist vielleicht etwas zu viel des Guten.

Der feine Ton von Nawrat, lakonisch, warmherzig beobachtend, ruhig und humorvoll, macht dieses Buch zu einem  ganz besonderen Vergnügen. Ich habe es jedenfalls in mehrfacher Hinsicht genossen: Der Roman ist eine wunderbare Mutter-Sohn-Geschichte, die sehr schön einfängt, wie vielleicht jedes Kind manchmal fühlt, irgendwas zwischen Liebe, Dankbarkeit und doch einer latenten Genervtheit. Außerdem besuchen wir mit den beiden Protagonisten eine Woche lang New York, und jeder, der diese Stadt liebt, wird hier viel wiedererkennen und zumindest im Kopf durch die Stadt schlendern können. Und: Die hier beschriebene zugewandte und freundliche Art der New Yorker und Amerikaner versöhnt einen mit einem Land, das in den letzten Jahren, Monaten, Wochen für heftigste Irritationen gesorgt hat. Absolute Empfehlung!

Astrid Henning

 


herren der lage 150x237

 

Hanser 20,00€

 

Castle Freeman: "Herren der Lage"

Vermont, Cardiff

Lucian Wing, der "Hinterwäldler mit Sheriffstern", auch bekannt unter dem Namen "Abreger", liebt seinen Job. Zwar gibt es bedeutendere Sheriffposten, als in Cardiff, aber seinem Gemüt entspricht das entschleunigte Leben durchaus.Verheiratet ist er mit Clementine, der Tochter des einflussreichen und idealerweise sehr wohlhabenden Rechtsanwalt Addison Jessup. Während die temperamentvolle Clemmie noch wutschnaubend Kaffeebecher nach ihrem Mann wirft, wartet bereits zusätzlicher Ärger im Police Office...
Carl Armentrout, aufgeblasener Wichtigtuer (mit Chauffeur und Limousine) aus New York, vertritt niemand geringeren, als den millionenschweren Rex Lord. Dessen 17jährige Stieftochter Pamela ist aus dem Eliteinternat weggelaufen und soll sich nun irgendwo in der Gegend um Cardiff aufhalten. Angeblich hat sie Angst vor ihrem Stiefvater. An ihrer Seite vermutet man den jungen Duncan, Sohn von Buster March, einem eher unangenehmen Einheimischen.
Relativ schnell wird Lucian fündig.
Die zwei Ausreißer haben sich im Wald versteckt. Allerdings wird ihr Zelt von Kugeln durchsiebt - zum Glück während ihrer Abwesenheit! Auch das nächste Versteck, das diesmal Sheriff Wing aussucht, bleibt nicht lange geheim...

So viel schwarzer Humor, Kurzweil, schräge Typen und herrliche Ironie = ein tolles Buch! (Auch für Quartalsleser bestens geeignet!)

Andrea Westerkamp

 

 

inneres wetter 150x237

 

C.H. Beck 22,00€

 


Elke Schmitter: "Inneres Wetter"

Familie…ein gefährliches Terrain – zumindest manchmal, wie man hier wieder schön erfahren kann.

Huberta, Bettina und Sebastian sind Geschwister, alle drei irgendwas zwischen 50 und Mitte 50, der Kontakt zwischen ihnen ist eher beiläufig und pflichtschuldig als innig und intensiv. Nun steht der 77. Geburtstag des Vaters bevor, seit längerem Witwer, auch hier kein übermäßig intensiver Austausch. Aber 77 – das ist schon was, und so plant Bettina einen Überraschungsbesuch mit ihren Geschwistern (optional mit Anhang, so vorhanden).
Der Roman beginnt mit einer Mail an Huberta und Sebastian, in der Bettina den Besuch vorschlägt. Und schon nach dieser kurzen Mail haben wir einen recht genauen Eindruck vom Verhältnis der Drei untereinander, das ist wirklich gekonnt. Eher sachlich geschrieben, dabei nicht unherzlich, jedem die Möglichkeit gegeben ohne Gesichtsverlust „nein“ zu sagen zur Geburtstags-Aktion. Tatsächlich aber stimmen Huberta und Sebastian zu, nicht übermäßig begeistert, aber dennoch. Und ab dann setzt ein, was so mancher von uns sicher aus eigenem Erleben kennt: Egal, ob man noch Anfang 20 ist, oder eben Mitte 50 – den unausgesprochenen Erwartungen der Eltern und der Geschwister möchte man doch gerne entsprechen, sie bestmöglichst übertreffen. Es ist ein bisschen wie beim Klassentreffen nach 20 Jahren.
Der Besuch beim Vater selbst nimmt nur einen recht kleinen Teil des Romans ein, interessanter ist, was vorher passiert: Jede/r der drei zieht ein wenig Bilanz, die dann eben doch recht ernüchternd ausfällt: Aus Hubertas Utopien, in Afrika helfend tätig zu sein, ist eine schlecht bezahlte Tätigkeit im „Weltladen“ geworden, in dem sich die Kundschaft ein gutes Gewissen erkauft. Bettina, klug und schön, hat nach dem Studium ihren Professor geheiratet, zwei Kinder bekommen – sie arbeitet stundenweise in einer Nobel-Boutique und verkauft Hermès-Seidentücher. Ansonsten ahnt sie, dass ihre Kinder sie sehr bald nicht mehr brauchen werden, was füllt dann den Alltag? Und Sebastian? Die verqueren Ansprüche seiner Mutter hat er nie erfüllen können: Klavierstunden, Sport, Schule – alles eher „normal“ als herausragend. Mittlerweile ist er Verwaltungsjurist, das ist verlässlich, genau definiert, schön neutral und eher emotionslos.

Ein Roman mit vielen klugen Sätzen, davon hier nur einer: „Die Infrastruktur muss funktionieren (…), Biografien nicht.“ Kann man sich auch als Eltern hinter die Ohren schreiben.

Astrid Henning

 


parnussus heim fuer magisch begabte 150x237

 

Heyne 14,99€

 

T.J. Klune: "Mr. Parnassus' Heim für Magisch Begabte"

Linus Baker ist Sozialarbeiter. Er ist alleinstehend, sehr gewissenhaft, kennt alle Regeln und Vorschriften, die das Ministerium für seine Arbeit vorgibt, und hält sich tunlichst daran. Linus besucht Heime, in denen magisch-begabte Lebewesen untergebracht sind, und überprüft, ob diese den Qualitätsstandards des Allerhöchsten Managements seines Landes genügen.
Als er von seinen Vorgesetzten für eine ganz besondere Mission ausgewählt wird, wundert er sich zunächst, kommt dann aber zu dem Schluss, dass diese schon alles gut durchdacht haben werden. Nicht zu viel denken, lieber den Anweisungen Folge leisten. Doch Linus mulmiges Gefühl verstärkt sich zusehends, je näher er seinem neuen Wirkungsort kommt: Auf einer kleinen, der Küste vorgelagerten Insel, befindet sich das Waisenhaus von Mr. Parnussus, der dort „besonders schwierige Fälle“ betreut. Schnell wird klar, dass die Bewohner des kleinen Küstenortes nicht gut auf Mr. Parnussus und seine Schützlinge zu sprechen sind. Was ihn jedoch erwartet, übersteigt all seine Erwartungen und auch alles, was er bisher in seiner 17-jährigen Dienstzeit erlebt hat. Kaum hat Linus die Insel betreten, trifft er auf die Elementargeister Zoe und Phee, auf Sal, einen sehr ängstlichen Gestaltwandler, den Lindwurm Theodore, die freche, gärtnernde Gnomin Thalia, auf Chauncy, ein gallertartiges Wesen, das unbedingt Hotelpage werden möchte, und zu guter Letzt auf Lucy, den direkten Nachkommen des Teufels.
Ständig hin- und hergerissen zwischen seinen rigiden Dienstvorschriften und dem Wunsch, nur das Beste für die Kinder zu wollen, steht Linus Baker der Herausforderung gegenüber, sich seine eigene Meinung zu bilden und sich von alten Vorurteilen und eingetrichterten Ansichten zu verabschieden. Mit jedem Tag bröckelt seine professionelle Distanz ein Stückchen mehr, er verliebt sich in die Insel, entwickelt Sympathien für die Kinder, die er sich nie vorstellen konnte, und entdeckt völlig verborgene Seiten an sich selbst, die ihn ziemlich aus der Bahn werfen...

„Mr. Parnussus Heim für magisch Begabte“ ist ein wunderbares Fantasybuch, dessen Charaktere mir in ihrer Einzigartigkeit allesamt sehr ans Herz gewachsen sind. Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen ein wenig plakativ und vorhersehbar ist, bleibt sie ein Plädoyer gegen Ausgrenzung und Vorurteile, für Vielfalt und Anderssein, in einer Welt, in der dies an vielen Orten für viele Menschen noch genauso unvorstellbar scheint wie für die Bewohner des Küstenstädtchens in Klunes Roman.

Sabine Christ

 


wo der wolf lauert 150x237

 

Kein & Aber 25,00€

 

Ayelet Gundar-Goshen: " Wo der Wolf lauert"

Ist ein Buch dieser Schriftstellerin angekündigt, bin ich freudig gespannt, gehört sie doch zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Und auch dieses Mal wurde ich nicht eine Minute enttäuscht.

Der 16jährige Adam lebt mit seinen Eltern im Silicon Valley. Er ist ein schmächtiger, zarter und in letzter Zeit immer verschlossenerer Heranwachsender. Seine Mutter Lilach leidet darunter, dass sie zu ihrem geliebten, recht „behelikopterten“ Sohn keinen Zugang mehr hat. Überhaupt ist sie in ihrem heutigen Leben kaum verwurzelt. Michael Shuster, ihr beruflich überaus erfolgreicher Ehemann, und sie wanderten vor 17 Jahren aus Israel ins verheißungsvolle Kalifornien aus. Ihre Motivation war es, dem Sohn ein sicheres Zuhause zu bieten. Adam sollte ohne Bomben, Wehrdienst, Angst und dem Gefühl von Judenhass groß werden. Für Michael war diese Umsiedlung kein Problem, schnell wurde aus ihm ein Mikel. Lilach hingegen tut sich bis heute schwer, hat nur einen kleinen ehrenamtlichen Job in einem Altersheim, bei dem sie ein kulturelles Unterhaltungsprogramm für die Bewohner zusammenstellt. Das füllt die vielen Stunden, die sie allein zu überbrücken hat nicht aus. Lilach leidet unter Einsamkeit und Sinnsuche. Umso härter trifft sie die Eiszeit zwischen Mutter und Sohn und die Hilflosigkeit zusehen zu müssen, wie ihr Kind immer mehr zum Einzelgänger wird.
Adams Zustand verändert sich jedoch schlagartig nach einem Attentat in der Synagoge der Gemeinde, bei dem ein kleines Mädchen niedergestochen wird. Die zumeist ausgewanderten Israelis des Viertels sind in höchster Alarmbereitschaft und in der Highschool wird ein Kampfkurs für jüdische Kinder ins Leben gerufen, angeboten von einem ehemaligen Mossadisten, dem charismatischen Uri. Unter seiner Regie scheint der Junge aufzublühen. Uri zaubert ihm ein stolzes Lächeln ins Gesicht. Begeistert erzählt Adam von den zum Teil brutalsten Trainingseinheiten. Lilach ist befremdet, Michael begeistert, dass aus seinem verweichlichten Sohn nun endlich ein Mann zu werden scheint. Sogar zur Teilnahme an einer Party können die Eltern ihren Spross überreden… das soll allen zum Verhängnis werden.
Ein farbiger Junge aus dem Biologiekurs bricht tot zusammen, eine Überdosis Meth, wohlmöglich heimlich von einem Mitschüler in den Drink gekippt. Die Ermittlungen der Polizei bringen ans Licht, dass Jamal, der Tote, Adam über einen langen Zeitraum gemobbt und gequält hat. Adam hat einer handvoll Mitschülern gegenüber mehrfach geäußert, dass er Jamal den Tod wünscht und sein kleines Chemielabor in der Garage hat er von heute auf morgen verschwinden lassen.

Nicht umsonst hat die Autorin Gundar-Goshen Psychologie studiert. Sie nimmt uns mit in die Abgründe der menschlichen Seele. Ängste, die in uns schlummern, spüren wir beim Lesen körperlich. Das Schweigen der Figuren steht im Raum. Gleichzeitig ist dies ein politischer Roman, zur Zeit leider wieder hochaktuell, der die Schmähung jüdischer Mitbürger darstellt und sich mit Rassismus und dessen Umgang auseinandersetzt. Von Anfang bis Ende war ich gefesselt, Sie werden es auch sein.

Annette Matthaei

 


von hier bis zum anfang 150x237

 

Piper 22,00€
(Vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt)

 

Chris Whitaker: "Von Hier bis zum Anfang"

California, Cape Haven
Malerisch liegt der kleine Ort auf atemberaubenden Küstenfelsen. Als die ersten Hanggrundstücke ins Rutschen geraten, verändert sich die Stimmung in Cape Haven.

Heute ist ein besonderer Tag für Chief Walk! Sein alter Freund aus längst vergangenen Zeiten wird nach dreißig Jahren Gefängnis entlassen. Vincent war damals verantwortlich gemacht worden, am Tod der kleinen Sissy Radley Schuld zu sein. Diese Tragödie hatte den ganzen Ort monatelang in Atem gehalten, und noch heute kämpfen die Angehörigen der damals Involvierten mit den Folgen. Z.B. Star, die große Schwester von Radley: Alle Jungs waren verliebt in dieses bildhübsche Mädchen - Walk und Vincent bildeten da keine Ausnahme. Hübsch ist sie immer noch, aber das Leben ist hart für sie und die Kinder Robin (5) und Duchess (13). Während Star immer mehr im Alkoholrausch verschwindet, mutiert ihre Tochter zur Ersatzmutter.
Nach folgenschwerer Brandstiftung und dem überraschenden Tod von Star, bringt Walk die Kinder nach Montana. Dort lebt ihr unbekannter Großvater auf einer Farm. Für den kleinen Robin scheint sich das Leben endlich zum Guten zu wenden, Duchess hingegen spürt eine so große Wut in sich, dass sie allen Annäherungsversuchen ihres Umfelds mit Misstrauen, Hass und Provokation entgegentritt. Als sich im fernen Cape Haven jemand auf den Weg nach Montana macht, ist die Spannung im Roman kaum noch auszuhalten...

Ein Buch mit einem unglaublichen Sog. Die Intensität, mit der Chris Whitaker Duchess Kampf gegen ihre inneren und äußeren Dämonen beschreibt, ist unglaublich.
A.J.Finn sagt: Seit Der Gesang der Flusskrebse hat mich kein Roman so bewegt und begeistert!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


der platz im leben 150x237

 

Penguin 11,00€

 

Anna Quindlen: "Der Platz im Leben"

Bücher, die Straßen und deren Bewohner beschreiben, ziehen mich an. Ich finde es herrlich von Haus zu Haus zu schlendern und hinter die Türen zu schauen. Man kommt sich beim Lesen direkt ein bisschen voyeuristisch vor. So auch in diesem Roman von Anna Quindlen.

Genauen Einblick bekommen wir in das New Yorker Leben von Nora Nolan und ihrer Familie. Seit 25 Jahren ist sie mit Charlie verheiratet. Die Zwillinge haben vor einiger Zeit das Elternhaus verlassen, um am College zu studieren. Es bleibt der gute, treue Homer, Familienhund. Nora jobbt, nicht besonders enthusiastisch, als rechte Hand einer steinreichen Erbin in Manhattan. Charlie arbeitet als Investmentbanker und das ermöglicht den Nolans in einer kleinen Sackgasse (Teekesselchenwort) zu wohnen. Sie können sich glücklich schätzen in der Westside von Manhattan vor vielen Jahren ein so schönes, kleines Domizil erworben zu haben. Heutzutage sind die Kaufpreise für die zentrale, aber ruhige Lage, exorbitant in die Höhe geschossen.
Die Nachbarschaft versteht sich gut, obwohl auch manche schräge Vögel dabei sind, Blockwart George allen voran. Es gibt gemeinsame Feste, die zu Institutionen geworden sind. Neue Mieter haben es schwer, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Man bleibt unter sich. Ein besonderes Prestigesymbol hat derjenige erlangt, der einen Parkplatz auf dem unbebauten Grundstück der Straße ergattern konnte. Der hat es geschafft, ist von der Gemeinschaft akzeptiert. Nora kann den Eifer ihres Mannes, sich dermaßen ins Zeug zu legen, um den Van endlich in der Brache untergebracht zu sehen, kaum nachvollziehen. Überhaupt ist sie nach vielen Jahren müde vom Getue der Upperside Gesellschaft. Auch ihre Ehe wirkt nach all der Zeit wie ein Luftballon aus dem langsam die Luft entwichen ist und übrig bleibt ein trauriges, knittriges Etwas…
Die Bombe platzt, als auf dem Parkplatz der hispanische Handwerker Enrico, hilfreicher Mann für jedes Problem, brutal zusammengeschlagen wird. Steckt ein Anwohner dahinter? Schnell spaltet sich die Gemeinschaft der ruhigen Wohnidylle in zwei Lager.

Obwohl wir alle eifrig Mengen an Neuerscheinungen lesen, passiert es immer mal, dass uns eine sehr lesenswerte Novität durchrutscht. Wie gut, dass diese Bücher zumeist später als Taschenbuch erscheinen. So bekommen sie eine zweite Chance… Und um diesen amerikanischen Gesellschafts- und Familienroman wäre es wirklich schade gewesen, hätten wir ihn Ihnen nicht vorgestellt. Humorvoll und nachdenkenswert.

Annette Matthaei

 


glueck hat einen langsamen takt 150x237

 

Droemer Verlag 18,00€

 

Mechthild Borrmann: "Glück hat einen langsamen Takt"

Dass Mechthild Borrmann hervorragende Romane schreiben kann, wissen wir schon länger: „Trümmerkind“ und „Grenzgänger“ sind nur zwei Erfolge der letzten Jahre.

Nun veröffentlicht der Droemer Verlag einen Band mit Erzählungen, und auch hier zeigt die Autorin, dass sie ebenso die kurze Form beherrscht. Die Geschichten handeln von unterschiedlichsten Dingen, von den großen Gefühlen: Schuld, Verrat, vom Bereuen oder Sehnsüchten, sie sind teilweise ganz kurz, manche nur 2-3 Seiten, andere etwas länger – aber nach jeder Geschichte hält man zunächst mal kurz inne, holt Luft und denkt nach. Viele der Erzählungen werfen einen Blick in die Vergangenheit, erzählen vom Beginn einer Liebe und wie sie sich abschleift, andere bleiben ganz in der Gegenwart. Wir haben langjährige Ehepaare, Väter und Söhne, Jugendfreunde, Nachbarn - eigentlich alles, was jeder von uns so in seinem Alltag auch an Beziehung erlebt.

Beim Lesen ging es mir jedenfalls wie beim Genießen von Pralinen: Man kann nicht einfach eine nach der anderen essen, sondern sinnt durchaus noch länger den verschiedenen Geschmacksnuancen nach.
Ein Buch mit kurzen Geschichten von großem Gewicht, dass auch für LeserInnen von Schirach oder Schlink ein guter Tipp ist.

Astrid Henning

 


die geschichte von kat und easy 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Susann Pásztor: "Die Geschichte von Kat und Easy"

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Freundschaft, eigentlich muss man sagen: zweier Freundschaften.
1973 sind Kat und Easy knapp 16 und auf jeden Fall „beste Freundinnen“. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie so unterschiedlich sind: Kat ist diejenige, die nach vorne geht, die sich was traut, offensiv und selbstbewusst. Easy bleibt oft ein bisschen im Hintergrund, sie ist die Zartere, die Zurückhaltende, auf den ersten Blick zumindest. Ganz wichtig: Kat ist für die Jungs mehr so der „Kumpeltyp“, sie mögen sie und sind mit ihr befreundet, aber verlieben…tja, verlieben, das tun sie sich in Easy. Die Schöne. Im Prinzip kommen die beiden damit irgendwie ganz gut klar, bis sie sich in denselben Jungen verlieben. Und dreimal darf man raten, wer das Rennen macht. Genau, es ist Easy, die mit Fripp zusammenkommt. Und wie Kat so ist: Tief durchatmen und weitermachen, macht doch nichts, sie kommt auch so klar. Stimmt aber natürlich nicht, diesmal hinterlässt die Verliebtheit deutliche Narben – und Fripp scheint sich auch nicht so ganz sicher zu sein. Ein tragisches Unglück beendet allerdings alle weiteren Fragen.

Jetzt sind Kat und Easy Ende 50 und haben seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mehr zueinander. Kat betreibt einen Blog, in dem sie eine unkonventionelle Mischung aus Coach und Briefkastentante ist, und dort erhält sie eines Tages eine Anfrage mit dem Absender „easy1973“… Die beiden Frauen telefonieren miteinander und Easy überredet Kat, ein paar Tage mit ihr gemeinsam in Griechenland zu verbringen. Eigentlich hat Kat überhaupt keine Lust, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, aber so ganz allmählich tasten die Beiden sich vor, erkunden die letzten Jahrzehnte, trinken, essen, erzählen und trinken.

Vielleicht keine spektakulär neue Geschichte, aber erzählt im Susann Pásztor-Ton dann eben doch sehr frisch, berührend und sicherlich mit Wiedererkennungswert.

Astrid Henning

 


achtsam morden am rande der welt 150x237

 

Heyne 20,00€

 

Karsten Dusse: "Achtsam Morden - Am Rande der Welt"

Nun ist es soweit, unser guter Bekannter, der Rechtsanwalt Björn Diemel, wird 45 Jahre alt und eine Midlife-crisisis scheint sich in seinem Leben breit zu machen. Seinen Geburtstag feiert er, liebevoll betrachtet, mit ein paar Mandanten, realistisch gesehen mit zwei Damen des leichten Gewerbes und kriminellen Schwerkalibern einer deutschen Großstadt.
Dieser Abend verläuft auch nicht ganz so harmonisch, wie Björn es sich gewünscht hätte. Das „Hors d‘oeuvre“ besteht aus zwei mit Bauschaum ausgestopften Chinesen, das „Dessert“ aus dem an der Kindergartenmauer schrottreif gefahrenen Land Rover Defender mit Achsbruch. Dazwischen systematisches Abfüllen, aber das mit Achtsamkeit, bitteschön!!!
In der Mitte des Lebens kann man sich schon mal die Frage stellen, ob das denn nun alles gewesen sein soll. Bestes finanzielles Auskommen garantiert, schon mal gut. Nachmittage als Chauffeur der entzückenden Tochter zum Hula-Bula Tanz, inklusive Wartezeit in müffelnden Umkleiden mit wohlstandsprotzenden Muttertieren, mittel. Acht Leichen im Keller, zum Teil im wahrsten Sinne, eher schlechter. Ganz mies es ist jedoch, wenn einem klar wird, dass man auch seinen Geburtstag fremdgesteuert verbringt und zudem auch noch auf seine Ex Frau plus neuem Lebensabschnittsbegleiter trifft.

Wir sind froh, dass Björn den Psychotherapeuten Joschka Breitner als ewig verständnisvollen Ratgeber an seiner Seite hat. Dieser stets besonnene Mann (Herausgeber der Bücher: "Entschleunigt auf der Überholspur-Achtsamkeit für Führungskräfte“ und „Zu Fuß ins Ich-Pilgern als Selbstfindung“) rät unserem Helden, wir ahnen es schon, zur vierwöchigen Pilgerreise auf dem Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Finisterre, dem früheren Rand der Welt. Geraten, getan: mit Tagebuch und wichtigen Lebensfragen ausgestattet, begibt Björn sich auf die nicht mehr ganz ungewöhnliche Reise.
Dass diese Pilgertour trotzdem keine gewöhnliche wird, ist schnell klar. Schon auf der ersten Etappe wird seinem Weggefährten das Hirn mit einer Kugel aus dem Kopf geblasen, eine weitere Wanderin verlässt durch Gift ihre körperliche, beachtliche Hülle. Da sieht man den Sinn des Lebens, sofern man es denn überhaupt behält, nochmal von einer ganz anderen Warte aus...

Nicht nur Harpe Kerkeling „kann“ Jakobsweg. Mit Björn Diemel werden Sie die Reise ins Innere noch von ganz anderen Seiten beleuchten können und dabei sehr viel zu Kichern haben. Das Einzige, was mich bei diesem zum Brüllen komischen Krimi nicht belustigt hat, ist die Tatsache, dass nachdem die ersten beiden Bände, der ansonsten völlig unabhängig voneinander zu lesenden Bücher, die sich zu Dauerbrennern auf den Bestsellerlisten gemausert haben, nun nicht als Taschenbuch wie die Vorgänger erschienen ist, sondern als Hardcover. Bei allem im Hier und Jetzt Bleiben, da ruft der schnöde Mammon...

Annette Matthaei

 


das prachtboot 150x237

 

S. Fischer 21,00€

 

Götz Aly: "Das Prachtboot"

Das Berliner Humboldt Forum zählt zu den Glanzstücken seiner Ausstellung über die Kulturgeschichte der Menschheit ein prachtvolles, kunstvoll verziertes Segelboot, dessen Geschichte zurückreicht in die weitaus weniger ruhmreiche Phase des deutschen Kolonialismus.

Der renommierte Historiker Götz Aly lüftet in seinem neuen Buch den Schleier kolossaler Verbrechen, die im Namen des deutschen Kaiserreiches nicht nur in Südwestafrika, sondern u.a. auch in Teilen des Pazifik, dem damals sogenannten Bismarck Archipel, an friedlichen Insulanern verübt wurden und bis zum heutigen Tag weitgehend verharmlost und in Vergessenheit geraten sind. In Alys Familie gab es einen Urgroßonkel, der als Militärpfarrer die ersten Schiffe der Kriegsmarine begleitete, verantwortlich für das seelische Wohl der Mannschaften. Dessen Tagebücher geben Aufschluss über Geschehnisse quasi „aus erster Hand“.
Nachdem bereits seit dem 17. Jahrhundert zahlreiche Handelsschiffe auf der Suche nach Gewürzen, Kaffee und Tee den pazifischen Raum erkundet hatten, sollten nun Kriegsschiffe folgen, um weite Gebiete unter deutschen Schutz zu stellen und die Handelsgeschäfte abzusichern. Hamburger Kaufleute erkannten den immensen Reichtum der Inseln, ließen Kokosplantagen anlegen, unter Zuhilfenahme der einheimischen Bevölkerung, die unter schweren Misshandlungen, Deportationen und Zwangsarbeit zu leiden hatten. Darüber hinaus kam es auf Befehl Otto von Bismarcks zu den sogenannten „Strafexpeditionen“, bei denen unzählige Dörfer und Anpflanzungen in brutaler Weise zerstört, die Insulaner damit ihrer Lebensgrundlage beraubt und zu Großteilen selbst massakriert und getötet wurden.
Dabei gelangte eine Vielzahl an Kunstwerken sowie auch die Schädel Einheimischer zum Zwecke anatomischer Studien ins deutsche Reich, die bis zum heutigen Tag die Museen füllen, ohne dass in der Regel in angemessener Form über die Geschichte ihrer Herkunft berichtet wird.

Am Beispiel des mittlerweile berühmten Einbaumbootes, des letzten noch verbliebenen Seglers der überlebenden Restbewohner der winzigen Insel Luf, demaskiert Götz Aly verzweifelte Versuche von offizieller Seite, die grausame Seite des deutschen Kolonialismus und den Rassismus bis zum heutigen Tage zu verharmlosen, in dem z. B. behauptet wird, das Boot sei angesichts des Bevölkerungsrückgangs vor dem Verrotten gerettet worden. Im Hinblick auf die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Gräueltaten des Nationalsozialismus die Erinnerung an den Kolonialismus des Kaiserreiches und seine Folgen in den Hintergrund treten ließ, liefert dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Ergänzung dieses Teils deutscher Geschichte.

Lennart Matthaei

 


der donnerstagsmordclub 150x237

 

List 15,99€

 

Richard Osman: "Der Donnerstagsmordclub"

Eine Seniorenresidenz von der man nur träumen kann. Auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters liegt Coopers Chase. Das Meer an der Küste von Kent rauscht im Hintergrund, die niedrigen, edlen  Gebäude sind geschickt in einem gepflegten Park angeordnet. Mit einem Alkoholverbot nimmt es hier auch niemand so genau, sodass bereits am Nachmittag ein  erfrischender, den Kreislauf anregenden Gin gezischt werden kann.

An diesem idyllischen Ort leben die vier Senioren Elizabeth, Ron, Ibrahim und neuerdings Joyce, die ihr Glück kaum fassen kann, wird sie doch von den drei anderen in den Donnerstagsmordclub aufgenommen. Man trifft sich, um ungelöste Mordfälle aufzuklären. Wie überaus spannend! Angestoßen hat diesen Club Elizabeth, ehemalige Geheimagentin, hellwacher Geist und Kopf der Bande. Ibrahim praktizierte als Psychiater, ist besonnen, voller Menschenkenntnis, mit analytischem Blick. Das kann man von Ron, früherem Gewerkschaftsführer, nicht unbedingt sagen.  Er trägt sein Herz lauthals auf der Zunge, ist aufbrausend, temperamentvoll, aber doch mit weichem Kern und breiter Brust zum Anlehnen. Fehlt nur noch die naive und an das Gute im Menschen glaubende Joyce mit ihren feinen weißen Löckchen, die sich durch den richtigen Spruch zum rechten Moment und der Fertigung einer fantastische Walnusscapuccinotorte auszeichnet.
Was kann die Vier nun mehr motivieren, als ein aktueller Mord direkt vor Ihrer Haustür? Und, hurra, es wird nicht bei dem einen bleiben!
Ein Bauunternehmer und sein Investor müssen nacheinander ihr Leben lassen. Ob da ein Zusammenhang besteht zwischen den Morden und einem Bauvorhaben in Coopers Chase, bei dem der alte Friedhof der Nonnen verlegt werden soll?? Der Inspector und seine Assistentin staunen nicht schlecht, dass ihnen ausgerechnet ein Seniorenkleeblatt mehrmals auf die Sprünge helfen wird…

Ein leichter Krimi voller Witz und liebenswerter Charaktere, der Lust auf den letzten Lebensabschnitt macht. Und wenn es bei mir mal so weit ist, ziehe ich nach Coopers Chase, das ist schon klar.

Annette Matthaei

 


die kandidatin 150x237

 

Hoffmann & Campe 22,00€

 

Constantin Schreiber: "Die Kandidatin"

Wie sieht es wohl in ca. dreißig Jahren in der Bundesrepublik Deutschland aus? Wo stehen dann die Parteien, welche heutigen Perspektiven, Pläne und Ziele konnten sich in der politischen Landschaft etablieren? Nun, diesen und anderen Fragen widmet sich Constantin Schreiber in seinem neuesten Roman.

Deutschland ist den Weg des Wandels angetreten, scheinbar gibt es kaum andere Themen mehr als Diversität in allen Bereichen. Vielfältigkeitsmerkmale sind Trumpf, werden in den Personalausweisen der Bürger:innen vermerkt und gelten als Einstellungskriterien bei Firmen und Behörden. „Wir wollen die totale Diversität“, so das Credo der ersten muslimischen Bundes-kanzler:innenkandidatin.
Sabah Hussein ist im Libanon geboren, mit ihren Eltern geflüchtet und kommt aus recht einfachen Verhältnissen. Sie ist eine Profiteurin dieser Vielfältigkeitspolitik, eigentlich nicht sonderlich qualifiziert, jedoch durch ihren gesellschaftlichen und religiösen Status schnell die politische Leiter hinaufgestiegen – und nun steht sie als Spitzenkandidatin (korrekter: Kandidierende) der Ökologischen Partei im Wahlkampf.
Ihren Hijab hat sie zwar abgelegt, aber sie bleibt ein Kind des Koran und trifft sich diskret mit dem Imam einer Moschee in Neukölln, um sich von ihm beraten zu lassen. Ihre Brüder sind in Clankriminalität verstrickt, was Sabah bestens zu vertuschen weiß. Das Deutschland, dass sie zu regieren gedenkt, ist ein Paradies für Menschen mit Vielfaltsmerkmalen. Durch weitreichende Quotenregelungen werden sie in allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen begünstigt.

Der Roman ist reine Fiktion, aber dermaßen treffend und gut ausdekliniert, dass man ihn für bare Münze halten könnte. Mit voller Absicht enthält er einen dynamitgleichen Cocktail von Annahmen von Veränderungen, die bereits heute absurd und zum Teil beängstigend anmuten: Eine Fortführung der Spaltung der Gesellschaft, eine Weiter-entwicklung der Machtansprüche einzelner Personen.  Bewusst wird hier alles auf die Spitze getrieben, sei es die Diversität, seien es die schwierigen Auslandsbeziehungen zu China - und nicht zuletzt das konsequente Gendern der Sprache, was stellenweise durchaus belustigend wäre, wäre es nicht so anstrengend.
„Die Kandidatin“ polarisiert, das ganz bestimmt, fasziniert aber auch ungemein und stellt eigene Gedanken und Positionen einmal mehr auf den Prüfstein.

Heike Kasten

 


schneewittchen schlaeft 150x237

 

Goldmann TB 15,00€

 

C.J. Tudor: "Schneewittchen schläft"

Nach "Der Kreidemann" und "Lieblingskind" erschien nun der dritte Thriller von C.J.Tudor. Anders als bei vielen anderen Krimiautoren baut die Engländerin nicht auf Seriencharakter. So spielt ihr neues Gruselstück zwar ebenfalls in England, hat aber ansonsten keinerlei Verbindung zu den Vorgängern.

Gabe hat ein schlechtes Gewissen. Jenny bat ihn wiederholt darum, wenigstens an einem Abend pro Woche rechtzeitig nach Hause zu kommen, um die 5jährigen Izzy ins Bett zu bringen und ihr eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Stattdessen steht er im Stau und ahnt, dass es wieder unschöne Diskussionen geben wird. Vor ihm schleicht ein orangefarbener alter Ford Cortina mit auffallend geschmacklosen Aufklebern. Endlich löst sich der Stau auf, und Gabriel setzt zum Überholmanöver an. Da taucht urplötzlich ein kleines Mädchengesicht auf dem Rücksitz des Fords auf. Die Kleine schaut aus dem Fenster direkt in seine Augen, nimmt ihn wahr und formt das Wort "Daddy"...
Drei Jahre sind vergangen. Gabe lebt in einem heruntergekommenen Camper, er selbst ist nur noch ein Strich in der Landschaft. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau und seiner Tochter irrt er durch das Land und sucht fieberhaft den alten Ford. Niemand schenkte ihm damals Glauben, als er behauptete, Izzy gesehen zu haben, während sie angeblich ermordet im Haus lag. Im Gegenteil: zuerst geriet er sogar selbst in Verdacht, verantwortlich für den Tod seiner Frau und Tochter zu sein. Die nötige Opferidentifizierung nahm damals Jennys Vater vor, nachdem Gabe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Trotz der Aussage des Großvaters ist Gabriel felsenfest davon überzeugt, dass seine kleine Tochter noch lebt.

Sobald ein Kind auf dem Cover eines Thrillers abgebildet ist, schrecken häufig sogar die abgebrühtesten Fans dieses Genres vor dem Kauf zurück. Gewalt an Kindern möchte niemand freiwillig lesen! Seien Sie gewiss, mir geht es nicht anders. Vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen garantiere : hohe Spannung - ohne Unaussprechliches!

Andrea Westerkamp

 


erwachsene menschen 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Marie Aubert: "Erwachsene Menschen"

Ein Sommerroman, der es in sich hat…

Ida und Marthe sind Schwestern, Ida ist 40, erfolgreiche Architektin, gerade Single, aber dennoch: Kinderwunsch ist absolut ein Thema für sie und die Uhr tickt. Deshalb überlegt sie gerade, ob sie nicht ein paar Eizellen einfrieren lassen soll, das geht ja inzwischen, für irgendwann mal. Sie hat gerade Untersuchungen hinter sich, ob das für sie überhaupt möglich ist. Nun ist sie auf dem Weg ins kleine Wochenendhaus der Familie, idyllisch in den Schären, ihre Schwester wird da sein, deren Partner Kristoffer samt Patchwork-Tochter. Auch die Mutter hat sich angesagt, es sollen ein paar unbeschwerte Tage werden.
Doch gleich bei Idas Ankunft spüren wir die Spannung, die zwischen den Schwestern besteht. Und diese Situation wird nicht gerade besser, als Marthe überglücklich ihrer Schwester erzählt: „Ich bin schwanger, endlich hat es geklappt, über die ersten drei Monate bin ich raus – ich bin so glücklich!“ Salz in Idas Wunden… Und was macht Ida? Sie fängt an, ein bisschen zu intrigieren, sie nimmt Kristoffer zur Seite und fragt ihn: „Sag mal, findest du das eigentlich wirklich so toll, dass Marthe schwanger ist? Mit dem einen Kind habt ihr ja auch schon ganz schön zu tun…“. Wenig später sagt sie zu Marthe: „Na, so begeistert ist Kristoffer ja gar nicht darüber, dass ihr noch ein Kind bekommt“. Plötzlich fällt Ida auf, dass ihre Schwester schon in der Kindheit immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, und so weiter und so fort. Fies, gemein, keine Frage, so was macht man nicht. Und das weiß Ida auch schon in dem Moment, in dem sie’s tut, aber: Der Neid treibt’s raus…

Wahrscheinlich kennt jede/r von uns diese Momente, und wenn’s gut geht, bezwingt man sich. Ein tolles deutsches Debut dieser norwegischen jungen Autorin, knapp und auf den Punkt, übersetzt von Ursel Allenstein, die auch schon die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlefsen übersetzt hat.

Astrid Henning

 


das land der anderen 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Leila Slimani: "Das Land der Anderen"

Die blutjunge, lebens- und abenteuerlustige Elsässerin Mathilda lernt am Ende des zweiten Weltkrieges Amine, einen Marokkaner, der für Frankreich ehrenhaft gegen die Deutschen gekämpft hat, kennen und leidenschaftlich lieben. Als 21jährige, ausgehungert durch die Kriegsjahre, geht sie 1947 als Amines Ehefrau mit in sein von den Franzosen kolonialisiertes Heimatland, ohne auch nur die geringste Vorstellung von dem zu haben, was sie dort erwarten wird. Voller Vorfreude ist sie, aber auch belastet mit dem Gefühl der Verwirrung, ihr Heimatland hinter sich zu lassen und auf völlig unbekanntem Terrain in einer fremden Kultur ein neues Leben aufzubauen.

In der Nähe von Mekmes hat Amines Vater vor Jahren ein karges Stück Land gekauft, inmitten der Plantagen der französischen Kolonialisten. Der Traum des Sohnes ist es, diesen Boden fruchtbar zu machen. Die andauernde Schwere der Arbeit lässt Amine über die Jahre hart gegen sich selbst und seine Lieben werden. Mathilda gebärt zwei Kinder, Aische und Selim. Auch ihr Leben als Mutter und Bäuerin entwickelt sich zur Plackerei von morgens bis abends, hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl und Hass auf fremde Kultur, Unterdrückung der Frau und nicht zuletzt die erbarmungslose Hitze.
Ein komisches Paar müssen die beiden abgegeben haben. Der untersetzte dunkle Amine mit der steilen Zornesfalte auf der Stirn und Mathilda, die ihren Mann um Haupteslänge überragt. Wirre abstehende Haare, blasse Haut mit roten Flecken, große Füße. Alles in allem keine Frau, die von der Gesellschaft der Kolonialistengattinen anerkannt würde. Mathilda ist einsam an der Seite eines Mannes, dessen enge Bindung zur männlich dominierten Kultur sie nicht voraus geahnt hat. Auch Aische leidet unter ihrer Rolle. Sie wird in einer französischen Klosterschule untergebracht, lernt fleißig und ist hochintelligent. Als Mischlingskind aber wird sie von ihren Mitschülerinnen ausgestoßen und flüchtet unter die Rockschöße der Nonnen und in den christlichen Glauben.
Die politische Lage in Marokko spitzt sich in den frühen 50er Jahren zu. Die unter der Ausbeutung der Franzosen leidende Bevölkerung erhebt sich und es kommt in den größeren Städten zu Protesten und Ausschreitungen, die zumeist blutig enden. Auch die Familie in den Bergen bleibt nicht außen vor.

Faszinierend das Leben in der Wüste Marokkos, schockierend die Unterwerfung der Frau in den Nachkriegsjahren, spannend die politische Entwicklung in einem Land, das versucht sich von der Übermacht Frankreichs seit 1912 zu befreien.
Ich habe diesen zum Teil stoisch geschriebenen Roman mit großem Interesse gelesen, zumal das Buch stark an das Leben der Großmutter der Autorin angelehnt ist, also authentische Züge aufweist.

Annette Matthaei

 


hinterland 150x237

 

Rowohlt  10,00€

 

Nora Luttmer: "Hinterland"

Eine neue Ermittlerin betritt die Hamburger Krimiszene: Bette Hansen, bis vor kurzem noch Kommissarin im Hamburger Morddezernat. Ihren Dienst musste sie allerdings kürzlich quittieren, weil sie unter Narkolepsie leidet, d.h. sie hat plötzliche, für sie nicht kontrollierbare Schlafattacken. Und mitten im Verhör einschlafen, wie es ihr tatsächlich passiert ist – das geht natürlich gar nicht. Ziemlich frustriert ist sie vom quirligen Hamburg in den Ort ihrer Kindheit zurückgezogen, nur ein paar Kilometer weiter, ins ländliche Ochsenwerder und wohnt in ihrem ehemaligen Elternhaus.

Doch einen Fall, natürlich einen ungelösten, kann Bette nicht vergessen, im Morddezernat nannten sie ihn den „Muschelmörder-Fall“, das klingt so idyllisch… Der Mörder aber hatte mit brutaler Gewalt zwei Menschen umgebracht und am Tatort sein Zeichen hinterlassen, eingeritzt in ein Stück Holz: eine Muschel kombiniert mit einem Kreuz. Und nun stolpert Bette in ihrem Garten über ein Stück Holz, hebt es auf und entdeckt wiederum das Muschelkreuz. Kurz darauf erhält sie eine Mail, offensichtlich vom Mörder und es beginnt ein Katz- und Maus-Spiel der sehr spannenden Sorte, denn es wird nicht bei der einen Mail bleiben.

Der Krimi wechselt zwischen Bettes Perspektive und der von Hannah, einer jungen, eher unauffälligen Frau aus dem Schanzenviertel, die sich gerne und ziemlich unheimlich in die Leben anderer Menschen einschleicht. Sehr gekonnt lässt Nora Luttmer erstmal in der Schwebe, was die beiden denn miteinander zu tun haben könnten. Und ebenso haben wir hier den Wechsel vom gemütlichen Ochsenwerder, dem Dorf, wo jeder jeden kennt, das Leben einen Tick langsamer verläuft zum trubeligen Hamburger Zentrum, anonym, mit schnellem Takt und manchmal unerbittlich: Schaffst du’s hier? Gehörst du dazu?
Ein heißer Sommer, eine sympathische Ermittlerin und eine disparate junge Frau, von Seite zu Seite erhöht sich der Pulsschlag – ein wirklich gekonnt geschriebener Krimi! Nur schade, dass der nächste Bette Hansen-Fall erst im März 2022 erscheint


Astrid Henning

 


kronsnest 150x237

 

Pendragon Verlag 24,00€

 

Florian Knöppler: "Kronsnest"

Dithmarschen im Holsteinischen in den ausgehenden, zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der kleine Hannes lebt mit seinen Eltern auf einem mittelgroßen Hof in Kronsnest. Die Zeiten sind hart. Das Landleben trotzt den Bewohnern alle Kräfte ab. Auch der Vater arbeitet ununterbrochen und verbissen. Für das Vieh gibt es nicht mehr genug Geld, das Wetter führt zu Missernten. Diese Tatsachen, aber auch der Charakter des Bauern, entfachen in ihm eine zügellose Brutalität gegen alle Lebewesen.

Der eher schüchterne Sohn kann es seinem Vater niemals recht machen, wird verbal und körperlich gezüchtigt. Der scheuen Mutter bleiben nur ein heimlicher Blick und ein schnelles Berühren, um dem Jungen Trost zu spenden. Im Laufe der Jahre entwickelt sich jedoch aus dem kindlichen Duckmäusertum mit zunehmend breiter werdenden Kreuz beim Heranwachsenden ein tiefer Groll gegen den Vater. Er widersetzt sich, lässt den Tobenden mit seiner Wut auflaufen, ist ihm körperlich überlegen. Die Luft in der düsteren Küche der Kate bei den gemeinsamen Mahlzeiten ist zum Schneiden dick. Die Mutter versucht in stiller Verzweiflung zu vermitteln, vergeblich. Hannes findet jedoch ein Ventil, um mit seinem Leben klar zu kommen. Die Freundschaft zu Thies, die zarte Liebe zu der rätselhaften Gutsbesitzerstochter Mara und die Begeisterung für die Natur, all das lässt ihn ein Quäntchen Glück verspüren und weiterkommen auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Die Situation verändert sich, als der Vater ums Leben kommt und die Nazis für Unruhen auch unter der Landbevölkerung sorgen.

Zuviel will nicht verraten sein bei diesem herausragenden Roman, der mit leisen Tönen daher kommt. Die Schilderung des Landlebens vor 100 Jahren, die politische Entwicklung, die fein gezeichneten Charaktere, die Empathie für die Hauptperson, all das bringt der im Norden lebende Autor auf eine so intensive Weise zu Papier, dass das Lesen zu einer Sensation wird. Ein großartiges Debüt.

Annette Matthaei

 


eine geschichte die uns verbindet 150x237

 

Pendo Verlag 17,00€

 

Guillaume Musso: "Eine Geschichte, die uns verbindet"

Flora Conway, preisgekrönte, aber extrem publikumsscheue Schriftstellerin, begnügt sich bei einer jeden Neuerscheinung eines ihrer Bücher damit, in homöopathischen Dosen einige wenige Interviews per Email zu geben. Mehrfach schon erklärte Mrs. Conway, sich von den Zwängen und Heucheleien des Ruhms befreien zu wollen, sie geht sogar so weit zu erklären, dass sie sich weigere am Medienzirkus teilzunehmen, den sie verabscheut, sie schreibe Romane, um eben „dieser von Bildschirmen dominierten, intelligenzlosen Welt zu entfliehen.“
Einigermaßen abgeschieden von ihren Mitmenschen lebt Flora zusammen mit ihrer kleinen Tochter Carrie in einem Loft in Brooklyn. Zu und zu gerne spielt die Kleine mit ihrer Mutter in der geräumigen Wohnung Verstecken. Und an einem schönen sonnigen Nachmittag, genauer gesagt, am 12. April 2010, wird die dreijährige Carrie während eben dieses Spiels entführt. Von einer Minute zu anderen ist sie verschwunden, trotz zunehmend panischer Suche von Flora unauffindbar. Alles kontrolliert sie, die üblichen Verstecke, die Waschmaschinentrommel, den seit Ewigkeiten verschlossenen Kaminzugang, ja selbst den schweren Kühlschrank hievt sie beiseite – ohne Erfolg. Und dann entdeckt Flora einen von Carries Hausschuhen im Eingangsbereich hinter der von innen abgeschlossenen Haustür, einen kleinen Pantoffel aus hellrosa Velours. Flora ruft die Polizei. Doch auch aus kriminaltechnischer Sicht führen alle noch so kleinen Spuren ins Leere. Und Flora kann sich des Gefühls nicht erwehren, nur eine Figur in einem perfiden Spiel zu sein, über die jemand anderes ihre Geschichte bestimmt. Sie steigt auf das Dach ihres Hauses und fordert ihr Schicksal heraus.

Zur gleichen Zeit vermag der französische Romanschriftsteller Romain nicht zu glauben, was gerade in seinem Manuskript passiert: Seine Protagonistin befindet sich auf dem Dach ihres Hauses und droht in die Tiefe zu springen. Er könnte sie retten, aber nur, wenn er alles riskiert, so seinen eigenen Sohn.

Was ist hier Fiktion, was Realität? Guillaume Musso spielt gekonnt mit seiner Leserschaft und treibt ein überaus raffiniertes Verwirrspiel auf die Spitze. Kontinuierlich stellt sich die Frage: Wer ist der Autor, wer die Figur? Auf dem äußerst schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Fantasie bestimmen immer wieder überraschende Wendungen den Fortlauf der Geschichte.

Heike Kasten

 


vom ende eines sommers 150x237

 

Dumont 22,00€

 

Melissa Harrison: "Vom Ende eines Sommers"

Die vierzehnjährige Edie Mather lebt mit ihrer Familie an der Ostküste Englands auf der Wych Farm. Edie ist ein für ihre Zeit seltsames Mädchen. Sie liebt Bücher und Geschichten und legt kaum Wert auf die Gesellschaft anderer Menschen.
Seit Generationen bestellen die Mathers das Land rund um die Farm; harte Arbeit und die Abhängigkeit von Naturereignissen prägen über Generationen die Geschicke der Familie. Im Jahr 1933 wirft zusätzlich der Erste Weltkrieg noch immer seine Schatten über das Leben der Menschen. Abertausende junge Männer kehrten verseht und traumatisiert zu ihren Familien zurück, Unzählige verloren ihr Leben. Die Weltwirtschaftskrise treibt viele Familien in Armut und den finanziellen Ruin. Edie ahnt all diese Dinge, liebt jedoch von Herzen das Leben im Einklang mit der Natur, den Tieren und Jahreszeiten und träumt sich noch kindlich-unschuldig durch warme Sommertage.

Als jedoch die charmante, eloquente Journalistin Constance FitzAllen aus London im kleinen Ort auftaucht und mit beständiger Hartnäckigkeit ins Leben der Mathers eindringt, um Reportagen über das Leben der Landbevölkerung für eine Zeitung zu schreiben, öffnen sich für Edie völlig neue Sichtweisen und Horizonte. Constance ist freundlich zu Edie, scheint sich für sie und ihr Leben wirklich zu interessieren und symbolisiert ein für das Mädchen völlig neues Frauenbild. Nach und nach überwinden die Bewohner der Farm ihre Skepsis Constance gegenüber; sie scheint fast zu einem Teil der Familie zu werden. Nur John, ein Angestellter der Farm, bleibt konstant auf Abstand zu der jungen Frau. Zu spät erkennen die Dorfbewohner, dass die Journalistin andere Ziele verfolgt als die Dokumentation des heilen Landlebens und nicht die ist, die sie vorgibt zu sein.  Sie bringt politische Ideen mit, die bald ganz Europa in einen weiteren, fürchterlichen Krieg führen werden und die auch Edies Leben für immer verändern werden.

Die Geschichte von Edie hat mich in zweierlei Hinsicht sehr fasziniert: Sie ist gleichermaßen Zeitdokument wie auch eine zauberhafte, fast magische Darstellung der Schönheit der Natur mit all ihren Facetten.

Sabine Christ

 


tiefrot tanzen die schatten 150x237

 

Fischer TB 15,00€

 

Kate Penrose: "Tiefrot tanzen die Schatten"

Auf der idyllischen Scilly-Insel St. Mary‘s vor der Süd-Ostküste Englands geschieht ein grausamer Mord: Sabine, eine junge Frau aus Osteuropa, die den Sommer über in einem Hotel auf der kleinen Insel arbeitete, wird als Braut verkleidet, mit einem Schleier verhüllt und einem Ehering am Finger aufgehängt am Pulpit’s Rock, einer aufs Meer hinausragenden Felsformation, tot aufgefunden. Die Bewohner der kleinen Insel sind entsetzt: Wer tut so etwas bloß?

Für Detective Inspector Ben Kitto bedeutet der Mord eine doppelte Herausforderung. Erstens ist er gezwungen, alte Freunde und Bekannte zu vernehmen, zweitens wird schnell klar, dass der Mörder offenbar eine Botschaft mit seiner Tat senden will und es nicht nur auf Sabine abgesehen hatte.
Als kurze Zeit später eine zweite junge Frau spurlos verschwindet, beginnt für Kitto ein Wettlauf gegen die Zeit. Was verbindet die Frauen miteinander? Welches Motiv hat der Täter? Und welche Rolle spielt der alkoholkranke Bruder von Sabines Freundin Lily, der schon einige Taten auf dem Kerbholz hat?

Der spannende Kriminalfall auf den idyllischen Scilly-Inseln vereint Urlaubsgefühl und Nervenkitzel- Gänsehaut im Strandkorb garantiert!

Sabine Christ

 


fraeulein mozart und der klang der liebe 150x237

 

Ullstein Verlag 11,00€

 

Beate Maly: "Fräulein Mozart und der Klang der Liebe"

Im Jahr 1751 wird in Salzburg Maria Anna Mozart, die ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, geboren. Genau wie ihr Bruder Wolfgang liebt Maria Anna, von Eltern und Bruder liebevoll „Nannerl“ genannt, die Musik. Als Kind tritt sie zusammen mit ihrem Bruder oft bei Gesellschaften und kleinen Konzerten auf und interpretiert Wolfgangs erste eigene Kompositionen meisterhaft auf Violine und Klavier.
Als die Geschwister jedoch älter werden, konzentriert sich die Förderung und Unterstützung von Vater Leopold immer mehr auf Wolfgang. Nannerl ist eine Frau und schon aus diesem Grunde kann sie keine musikalische Karriere anstreben, egal wie begabt sie auch ist. Sie hat keine Chance mit ihrer Musik jemals Geld zu verdienen. Da Wolfgang einen recht ausschweifenden Lebensstil pflegt und nicht gut mit Geld umgehen kann, plagen die Familie immer wieder arge finanzielle Nöte. Nannerl unterstützt ihre Familie, wo sie nur kann, und erteilt reichen Töchtern Klavierunterricht.

Auf einem Ball lernt sie eines Tages den charmanten Franz Armand d’Ipold kennen und fühlt sich zum ersten Mal zu einem Mann hingezogen. Doch ihre Liebe scheint im festgefahrenen Gesellschaftssystem des 18. Jahrhunderts keine Chance zu haben...wird Nannerl trotzdem ihr Glück finden?
Ein wunderschöner Schmöker für lange Sommertage über eine beeindruckende Frau!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai



die nachtigall singt nicht mehr 150x237

 

Fischer TB 16,99€

 

Andreas Götz: "Die Nachtigall singt nicht mehr"

Ganz frisch auf den Tisch, gerade erst erschienen: Ein Wiedersehen mit dem Journalisten Karl Wieners, der schon im ersten Band dieser Krimi-Trilogie im München der Nachkriegszeit recherchiert hat und damals plötzlich mitten in einem Fall von Beutekunst steckte („Die im Dunkeln sieht man nicht“).
Während der erste Band in der direkten Nachkriegszeit spielte, sind wir nun ein bisschen weiter, Mitte der 50er Jahre. In Deutschland beginnt das Wirtschaftswunder, man gönnt sich wieder was. Es gibt ein Wiedersehen mit den wichtigen Personen aus dem ersten Band, da wäre natürlich vor allem Karls „Nichte“ Magda zu nennen, von der wir als Leser wissen, dass sie – zum Glück – gar nicht seine Nichte ist. Denn immer noch verbindet die beiden eine starke Zuneigung oder Liebe, auch wenn Magda inzwischen mit dem ehemaligen König des Münchner Schwarzmarkts verheiratet ist, Walter Blohm. Noch dazu bilden Magda und Karl einfach ein gutes Team, wenn es um Recherchen und Ermittlungen geht. Außerdem taucht auch Ludwig wieder auf, früherer Klassenkamerad von Karl, früher bei der Kripo, jetzt „Privatermittler“.

Der Krimi beginnt mit einem gehörigen Knall: Im Sommer 1955 explodiert auf dem Schwabinger Postamt eine Paketbombe, und bei diesem Anschlag kommt Tomás Cierny ums Leben, ein slowakischer Exilpolitiker mit undurchsichtigen Verbindungen zum Geheimdienst. Und obwohl Karl eigentlich damit beschäftigt ist, den früheren Schwarzmarktgeschäften von Blohm auf die Schliche zu kommen, seinen Verbindungen ins vielleicht kriminelle Milieu, tun sich ganz schnell Zusammenhänge auf, die darauf hinweisen, dass Blohm in Verbindung steht mit dem slowakischen/russischen Geheimdienst. Karl wittert die Chance, Blohm ein Verbrechen nachzuweisen, um der Zweck-Ehe zwischen Magda und Blohm endlich ein Ende zu bereiten.

Krimihandlung und private Belange sind in diesem Buch also eng verwoben, dazu die sehr gut geschilderte Atmosphäre der Wirtschaftswunderzeit, das macht den Roman zum echten, spannenden Lesevergnügen, nicht nur für Münchner – ich freu mich schon sehr auf den dritten Band!
Übrigens ist der erste Band „Die im Dunklen sieht man nicht“ seit kurzem als TB auf dem Markt.

Astrid Henning

 


der ehemalige sohn 150x237

 

Diogenes 23,00€

 

Sasha Filipenko: "Der ehemalige Sohn"

Belarus im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert.
Der junge Franzisk besucht die Akademie für Musik. Cellist möchte er werden, ist aber weder besonders begabt noch mit dem genügenden Ehrgeiz ausgestattet. So läuft der Teenager Gefahr, den diesjährigen Sommerabschluss nicht zu bestehen. Mit seinen Freunden will er nach der Schule nun ein Open Air Konzert besuchen. Er, der vor Massenveranstaltungen eher großen Respekt hat, kommt es dort so häufig zu Schlägereien, hat sich breitschlagen lassen. Er ist mit seiner neuen Freundin verabredet. An der U-Bahn Station wollen sie sich treffen, doch Nastja verspätet sich, wie immer. Das ist ihr Glück, denn plötzlich bricht ein Unwetter mit Hagelkörnern groß wie Taubeneiern los und die ungeheuren Mengen der Jugendlichen drängen zügellos zurück, stürmen die U-Bahn Station. Es kommt zu einer Massenpanik. In dem Gedränge sterben mehr als 50 Personen und auch Franzisk ergeht es schlecht. Er wird gedrückt, unter die Decke gequetscht und landet im Krankenhaus, liegt dort im Koma.
Aus diesem Koma wird er 10 Jahre nicht erwachen. Die Einzige, die sich mit völliger Selbstaufgabe um ihn kümmert, ist seine Babuschka, eine russische Großmutter wie aus dem Bilderbuch, harte, energische Schale, aber weicher Kern mit abgöttischer Liebe zu ihrem Enkel. Entgegen dem Rat und Wissen aller Ärzte, ist sie fest davon überzeugt, dass ihr Zisk es schaffen wird, liest ihm unermüdlich Geschichten vor, tapeziert das Krankenzimmer mit Fußballpostern und Postkarten aus der Heimatstadt. Einen Tag bevor das Wunder sich ereignet, dass der mittlerweile Mitte Zwanzigjährige die Augen aufschlägt, streikt das Herz der Baba, sie verstirbt.

Das ist nicht das Einzige, was sich im privaten Umfeld von Franzik verändert. Seine Mutter hat einen neuen Mann, mit diesem einen Halbbruder gezeugt und natürlich hat auch Nastja sich einem anderen zugewandt. Was sich nicht verändert hat, ja geradezu eingefroren erscheint, sind die politischen Verhältnisse in dem vom „großen Bruder“ überwachten, gegängeltem Land. Kein Fortschritt, derselbe autoritäre Präsident, nach wie vor niedergeknüppelte Proteste der frustrierten Bevölkerung.

Der in Minsk aufgewachsene Filipenko beschreibt die Zustände in seinem Land bei aller Ernsthaftigkeit des Themas mit einer Portion Galgenhumor. Der Roman erschien bereits vor fünf Jahren in seiner Muttersprache, wurde hochgelobt, doch von einigen Kritikern als Utopie verrissen. Vielleicht ist es dringend nötig, dass das Volk der Belarussen aus seinem Koma erwacht, erste Vorboten sind seit dem letzten Jahr zu spüren.
Ein kritischer Roman, seit letzter Woche aktueller denn je.

Annette Matthaei

 


jaffa road 150x237

 

Fischer TB 16,99€

 

Daniel Speck: "Jaffa Road"

Vermutlich hat Daniel Speck nicht geahnt, dass der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis dieser Tage erneut eskalieren würde, als er seinen aktuellen Roman Jaffa Road schrieb, dessen Thematik damit brandaktuell wird.
Wer auf sensible, eindrückliche und dabei unterhaltsame Weise mehr über die Hintergründe der Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung jener beiden Völker erfahren möchte, dem kann ich auch die Fortsetzung von Piccola Sicilia, dem Beginn von Specks hoch komplexer, spannender Familiengeschichte um den Deutschen Moritz Reincke, wärmstens empfehlen.

Wie in Piccola Sicilia lässt Speck seine Geschichte auch in Jaffa Road auf zwei Handlungsebenen spielen, die am Ende des Buches zusammenlaufen: In der Jetztzeit kommt die deutsche Enkelin von Moritz Reincke alias Maurice Sarfati, Nina Zimmermann, mit dessen jüdischer Tochter Joelle, die italienisch-tunesische Wurzeln hat, nach Sizilien, weil ihr Großvater tot in seiner Villa aufgefunden wurde. Dort begegnen die zwei Frauen dem palästinensisch-stämmigen, attraktiven Elias, der ebenfalls Anspruch aufs Erbe hat. Ein Schlag für die ältere Dame Joelle und ein Mysterium für die frisch geschiedene Nina. Wie viele Leben hat Moritz denn noch geführt? Sie bittet Elias und Joelle, die Geschichten ihrer Vergangenheit und ihrer Familien zu erzählen, und versucht so, dem Rätsel um die geheimnisvolle Person ihres Großvaters auf die Spur zu kommen, der im Zweiten Weltkrieg als Propaganda-Fotograf der SS mit dem Deutschen Afrikakorps nach Tunis kam, desertierte, bei italienischen Juden Unterschlupf fand und sich in deren Tochter Yasmina Sarfati, Jolles Mutter, verliebte, während in Deutschland eine junge Frau ein Kind von ihm erwartete…
In chronologischen Rückblicken und aus wechselnden Perspektiven erfährt Nina – und somit auch der Leser - wie Moritz Reincke 1948 als Maurice Sarfati mit Frau und kleiner Tochter im neuen jüdischen Staat Israel ankommt und sich in Haifa ein neues Leben aufzubauen versucht, wie unzählige Palästinenser ihr (altes) Leben verlieren und die Überlebenden und deren Nachfahren ihr Leben, ihr Land und ihr kulturelles Erbe zu verteidigen und zurückzuerobern versuchen – und wessen Wege Moritz alias Maurice dabei kreuzt. Und auch Nina selbst trägt ihren Teil dazu bei, die Lücken in der Geschichte um Moritz Reincke zu füllen: Sie berichtet, wie ihre Großmutter nach dem Krieg in Ostdeutschland als alleinstehende Frau die Tochter großzog und eine unbestimmte Sehnsucht nach dem im Krieg Verschollenen deren Leben begleitete.

Ohne Partei zu ergreifen, sehr einfühlsam und gut recherchiert, so mein Eindruck, als packende Familiengeschichte mit einer Prise Krimi und einem Hauch Spionage-Thriller präsentiert uns Daniel Speck ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte. Die 664 Seiten waren viel zu schnell um. Absolut lesenswert!

Nina Chaberny-Bleckwedel


denn familie sind wir trotzdem 150x237
 

Heike Duken: "Denn Familie sind wir trotzdem"

Frau Duken, die Autorin, Jahrgang 1966, ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Sie verarbeitet in ihrem ersten Roman ein Stück dunkelster Familiengeschichte.

Euthanasie und Versuche an behinderten Kindern im Naziregime ist ein Thema, das uns alle zutiefst verstört. Der Großonkel Johann Duken war Direktor der Kinderklinik der Uniklinik Heidelberg und maßgeblich an der Ermordung von „erbkranken“ Kindern beteiligt. Ihr Vater, den sie nur als kleines Mädchen erlebte, da er früh verstarb, wurde von eben diesem Onkel erzogen. Johann brach dieses Kind und dessen jüngeren Bruder, der als Verweigerer des Regimes im Kriege fiel. Der Vater meldete sich freiwillig zur Waffen SS, überlebte, armamputiert, schweigend bis kurz vor seinem Tode, dann zutiefst bereuend.
Der Roman umfasst vier Generationen der Familie Duken und ist nicht als Biografie zu verstehen. Die Personen, die uns ans Herz gelegt werden sind Paul, der sich, von den Nazis verblendet, der SS anschließt. Als gebrochener Mann kehrt er aus dem Krieg zurück. Dessen Tochter Ina geht in den 80er Jahren in einen Kibbuz nach Israel, um sich der deutschen Schuld zu stellen, wird dort schwanger. Die Familie des Kindsvaters Ariel lehnt die Verbindung rigoros ab, drängt zur Abtreibung. Ina möchte, obwohl sie erst 19 Jahre alt ist, das Kind bekommen, kehrt zurück nach Deutschland und wird dort zur alleinerziehenden Mutter von einem recht anstrengenden, wilden Mädchen namens Floriane.
Floriane hält ihre Gedanken in niemals abgeschickten Briefen in einem Tagebuch an ihren Vater Ariel fest. Ihr fehlt die Anlehnung an eine Vaterfigur. Zorn über den nicht vorhandenen Vater, auf Gesellschaft und Politik ist für Floh eine starke Triebfeder über die eigene Familie Recherchen anzustellen und sich dem Fluch des Gestern zu stellen.

Zwar hat jede Generation ihr individuelles, nicht leichtes Päckchen zu tragen, aber doch begegnen die Jüngeren dem Schicksal und den früheren Entscheidungen der Älteren mit mehr Verständnis. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht viel getan hat. Die jüngere Generation bricht das Schweigen und will wissen, was geschah. Das Schlimmste ist das Vergraben der Schuld und der Traumata in der Seele, ein Verhalten, das die Kriegsgeneration leider  in der Mehrheit an den Tag gelegt hat. Vielleicht gelingt es offenen, neugierigen jungen Menschen wie Floriane sich mit der Vergangenheit ihrer Urgroßeltern zu versöhnen, aber natürlich ohne die Gräueltaten zu vergessen.

Annette Matthaei

 


freiflug 150x237

 

DuMont 20,00€

 

Christine Drews: "Freiflug"

Manchmal tut es doch sehr gut zu sehen, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat, dass bestimmte Entwicklungen nicht mehr umkehrbar sind, z.B. was die Gleichberechtigung von Männern und Frauen angeht.

„Freiflug“ erzählt die Geschichte von Rita Maiburg, der ersten Frau in Deutschland, die als Pilotin ein Linienflugzeug steuerte – Mitte der 70er Jahre! Allerdings nicht etwa bei der Lufthansa, der größten deutschen Fluggesellschaft, damals geradezu ein Staatsunternehmen, sondern bei einem kleinen privaten Unternehmen. Erst 1988 durften die ersten Pilotinnen ins Cockpit der Lufthansa-Maschinen – als Co-Pilotinnen.
Doch der Roman hat noch eine zweite starke Frauenfigur: Katharina Berner, aus höheren Kölner Unternehmerkreisen, hat nicht vor, ihr Leben als Hausfrau und Mutter zu verbringen. Gegen den Willen ihres Vaters studiert sie Jura und arbeitet in einer großen Kanzlei in der Kölner Innenstadt, wo sie sich heute undenkbare Kommentare ihrer männlichen Kollegen anhören muss. Sie nimmt allen Mut zusammen und macht sich mit einer kleinen Kanzlei selbständig. Einer ihrer ersten Fälle wird die Vertretung von Rita Maiburg sein, deren Bewerbung bei der Lufthansa mit dem Hinweis auf ihr Geschlecht abgelehnt wird. Ganz offen teilt das Unternehmen mit, Frauen seien aufgrund ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nicht in der Lage, die Verantwortung für eine große Maschine und die Passagiere zu übernehmen. Die Klage gegen die Lufthansa und die Bundes- republik Deutschland wurde zwar abgewiesen, dennoch sorgte der Prozess für großes Aufsehen in der Bevölkerung und bei den Medien. Maiburg flog daraufhin als weltweit erste Linienflugkapitänin bei der DLT, einer kleinen privaten Flug- gesellschaft, immerhin. Doch auch dieses Unternehmen begrüßte seine Passagiere „im Namen von Flugkapitän Maiburg“, die Durchsage übernahm die Stewardess, man wollte die Passagiere offensichtlich nicht überfordern…

Christine Drews erzählt die Geschichte von zwei mutigen Frauen, sehr unterhaltsam, gewürzt mit einer Liebes- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund von Flower Power, Aufbruch und gleichzeitig noch sehr verkrusteten Strukturen – ein richtig schöner Schmöker.

Astrid Henning

 


die urlauber 150x237

 

Limes Verlag 18,00€

 

Amanda Eyre Ward: "Die Urlauber"

Zum großen Bedauern der 71-jährigen Charlotte aus Giorgia  sind ihr ihre drei erwachsenen Kinder Lee, Regan und Cord im Laufe der Jahre irgendwie abhanden gekommen. Dann stirbt zu allem Unglück auch noch ihre beste Freundin und stetige Begleiterin Minnie, und Charlotte wird schmerzlich bewusst, wie sehr ihr die Nähe anderer Menschen fehlt. Nicht dass sie ihren Ehemann Winston, der schon seit vielen Jahren tot ist (und nebenbei erwähnt auch kein ganz angenehmer Zeitgenosse war), sehr vermisst hätte; aber anstrengend war sie schon, die Zeit, in der Charlotte lernen musste, sich ohne Mann an der Seite in der Welt zurechtzufinden.
Die älteste Tochter Lee schlägt sich als mittelmäßige Schauspielerin durchs Leben, Regan führt ganz in der Nähe (und doch unendlich weit weg) ein scheinbares Bilderbuchleben mit Ehemann Matt und zwei bezaubernden Töchtern, und Cord steht mit seinem erfolgreichen Unternehmen kurz vor dem großen Durchbruch, findet aber unglücklicherweise keine geeignete Frau.

Als Charlotte im Fernsehen von einem Wettbewerb hört, bei dem man eine Kreuzfahrt in Europa gewinnen kann, beschließt sie, teilzunehmen und diese Reise zu gewinnen. Denn was könnte die Risse in ihrer kleinen Familie besser kitten und ihre Einsamkeit und Leere schneller ausfüllen als eine gemeinsame, entspannte Urlaubsfahrt? Und tatsächlich: Einige Wochen später flattert der ersehnte Brief ins Haus und Mutter und Kinder samt Regans Gatten Matt steigen in den Flieger nach Athen, um dort das luxuriöse Kreuzfahrtschiff „Splendido Marveloso“ zu besteigen. Dummerweise wabern im Hintergrund jedoch diverse dunkle Familiengeheimnisse und Konflikte, die nur auf eine Möglichkeit gewartet haben, an die Oberfläche zu dringen - und so verläuft die Reise schließlich ganz anders als ursprünglich geplant...

Wunderbar böse und humorvoll offenbart dieses Buch die Abgründe des Lebens und der Liebe im Chaos zwischenmenschlicher Beziehungen!

Sabine Christ

 


such a fun age 150x237

 

Ullstein Verlag 22,00€

 

Kiley Reid: "Such a Fun Age"

Eine Empfehlung von Reese Witherspoons Buchclub! Nach Der Gesang der Flusskrebse, Kleine Feuer überall und Alles, was wir sind baue ich auf die Tipps der Schauspielerin und Produzentin und wurde wieder nicht enttäuscht.

Emira ist Mitte Zwanzig und chronisch pleite. Als sie eines Nachts mit Freundinnen unterwegs ist, erhält sie einen Anruf von der Familie, für die sie babysittet und soll aufgrund eines Notfalls bei doppelter Bezahlung aushelfen. So landet die schwarze Frau nachts mit der kleinen Briar in einem Supermarkt und wird von der Security verdächtigt, das weiße Mädchen entführt zu haben. Sie wird erst aus der „fürsorglichen“ Obhut des Sicherheitsmannes entlassen, nachdem Briars Vater die beiden abholen kommt.
Alix Chamberlain, Briars Mutter, ist feministische Bloggerin und macht es sich zur Aufgabe das erlittene Unrecht wiedergutzumachen. Für Emira folgt ein verwirrender Medienrummel, die ungewollte Hilfe von liberalen Gutmenschen, sowie eine neue Liebe – und als eine Verbindung zwischen Alix und Emira offenbar wird, mit der beide nicht gerechnet hatten, wird es erst wirklich kompliziert.

Ein wahnsinniges Debüt: Such a Fun Age hat unglaublich gut unterhalten. Ich konnte nur laut loslachen, schockiert staunen und die Leute um mich herum in Diskussionen über diesen Text verwickeln.  Kiley Reid schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit Themen wie Rassismus und Klassenunterschiede zu behandeln, ohne zu belehren, während sie unbequeme Wahrheiten ausspricht. Sie lotet in Such a Fun Age die Privilegien aus, die durch Geld und Weiß-Sein bestimmt werden und den Unterschied zwischen Rassismus und Vorurteil ausmachen.
Ein großartiges, spannendes Lesevergnügen!

Mattes Daugardt

 


die anderen 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Laila Lalami: "Die Anderen"

Frühling in Oakland. Nora und ihre Mitbewohnerin genießen eisgekühlten Champagner, während hunderte von Kilometern entfernt in der kalifornischen Mojave-Wüste Noras Vater seinen Diner abschließt. Nur wenige Augenblicke später wird er von einem Auto überfahren, der Fahrer flieht und Noras Vater stirbt noch am Unfallort. Sofort nach Eintreffen der Nachricht reist Nora zu ihrer Familie. Ein Leben ohne ihren Vater Driss scheint unvorstellbar. Nie wieder darf sie seine Stimme hören... Als er sie wenige Stunden vor seinem Tod anrief, hatte sie ihn abgewürgt : Keine Zeit, Dad, wir telefonieren später,ok? Es wird kein "später" mehr geben.

Gemeinsam mit der heimkehrenden Nora tauchen wir tief in die Geschehnisse vor, während und nach dem Unfall von Driss ein. Aus jeweils anderen Perspektiven wird uns eine vielschichtige und äußerst spannende Familiengeschichte erzählt, die Jahre zuvor in Marokko begann. Jeremy, ein alter Schulfreund von Nora, unterstützt sie bei der Suche nach dem flüchtigen Fahrer. Abgründe tun sich auf, als Nora Geheimnissen ihres Vaters auf die Spur kommt, und von Kapitel zu Kapitel zieht uns dieser Roman mehr in seinen Bann. Während die Polizei von Fahrerflucht mit Todesfolge ausgeht, will die Familie auf heimtückischen Mord klagen.

Dieser Roman ist eine äußerst gelungene Mixtur aus Familiendrama, Gesellschaftskritik, Liebesgeschichte und Krimi - absolut lesenswert!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


drei kameradinnen 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Shida Bazyar: "Drei Kameradinnen"

Dieses Buch könnte auch einen Warnhinweis tragen: „Achtung, dieser Roman gefährdet Ihre Komfortzone!“ – und das ist wohl mit das Beste, was man von Literatur sagen kann.

Es ist gar nicht so einfach, die Geschichte dieses Romans nachzuerzählen, weil er auf verschiedenen Ebenen spielt. Auf jeden Fall geht es um die drei Freundinnen Hani, Saya und Kasih, Mitte 20, die ihre Kindheit und Jugend gemeinsam in „der Siedlung“ irgendwo in Deutschland verbracht haben, „sozialer Brennpunkt“ heißt das wohl im Amtsdeutsch. Nach dem Abitur wohnen die drei zwar in verschiedenen Städten und sind unterschiedliche Wege gegangen, aber immer noch verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Nun wird eine frühere gemeinsame Freundin heiraten, eine schöne Gelegenheit, mal wieder etwas Zeit miteinander zu verbringen.

Das Buch ist aus der Perspektive von Kasih erzählt, und so, wie sie erzählt, sitzen wir als Leser direkt neben den Freundinnen, hören, was sie sich über ihren Alltag berichten und wie sie sich an gemeinsame Erlebnisse von früher erinnern. Ab und zu spricht Kasih uns auch direkt an – und dann nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Ansonsten ist ihr Erzählstil lässig, auch unterhaltsam, vor allem aber eindringlich.
Außergewöhnlich an diesem Roman ist, was er mit uns Lesern anstellt: Wir werden konfrontiert mit unseren Sichtweisen auf Menschen, die nicht weiß sind, oder aber seit Generationen in Deutschland ansässig. Wer mal genauer überlegt, wird vielleicht bemerken, dass wir oft nicht den Menschen „an sich“ wahrnehmen, sondern ihn gleich einer „Personengruppe“ zuordnen, der wir bestimmte Attribute zuschreiben. Und das passiert ja sehr oft unbewusst.

„Drei Kameradinnen“ hat mich etwas durchgerüttelt und im positiven Sinn erschüttert, mich wacher gemacht, aber auch verunsichert. Dass ein Buch das kann! Finde ich beeindruckend. Spannung erhält der Roman durch eine Art Zeitungsnotiz, mit der das Buch beginnt: Saya soll einen Brandanschlag auf ein Haus verübt und zusätzlich einen Mann körperlich attackiert haben. Wir ahnen also die ganze Zeit: Irgendwas wird gleich passieren…

Astrid Henning

 


frostmond 150x237

 

Pendragon 18,00€

 

Frauke Buchholz: "Frostmond"

Seit einiger Zeit werden im kanadischen Staat Quebec indigene junge Frauen vermisst. Manche tauchen wieder auf, aufgesetzter Kopfschuss, Misshandlungen, die Augenhöhlen leer… Die Polizei tappt im Dunkeln, ist aber auch nur mäßig engagiert! Creeindianerinnen, Prostituierte, Obdachlose - nicht unbedingt der Personenkreis für den es sich lohnt, sich zu strapazieren.
Das ändert sich, als die Leiche der 15jährige Jeanette Maskisin, ein Mädchen aus einem Cree-Reservat, im St.Lawrence River in Montreal angespült wird. Die Presse hängt den Fall hoch. Der Ermittler LeRoux der Surité Montreal, selbstverliebt und schwanzgesteuert, ist aufgeschreckt. Ihm direkt vor die Nase wird der Topprofiler Ted Garner aus Sakatchewan gesetzt. Die beiden können sich von Anfang an nicht leiden. LeRoux, dessen Leben ihm sukzessive durch Alkohol und Frauen entgleitet, und der disziplinierte, kühle, hochintelligente Garner, nur im Anzug mit blütenweißem Hemd anzutreffen, sind wie Feuer und Wasser. Die Atmosphäre zwischen den beiden ist den winterlichen Außentemperaturen angepasst, mehr als unterkühlt. Eine gemeinsame Reise in das Heimatreservat der jungen Frau erweist sich als Desaster.
Die Ureinwohner mauern, der Fall entwickelt sich zäh und wirkt unlösbar. Was für ein Mensch kann der Serienmörder sein, der entlang des Transcanada Highway, seine blutige Spur hinterlässt? Garner ist gefordert, noch nicht ahnend, dass er bei diesem Case nur knapp mit dem Leben davonkommen wird.

Die beiden ungleichen Männer wissen es nicht, aber sie sind nicht allein bei ihrer Suche nach dem Mörder. Auch der Cousin der Toten, Leon Maskisin, ein in der Wildnis im hohen Norden lebender Trapper heftet sich auf dessen Fersen, mit seinen ganz eigenen, brutalen Methoden, getrieben von Rachsucht und einem nagenden Gefühl der Enttäuschung über die Behandlung seines indianischen Volkes.

Frauke Buchholz, die selbst einige Zeit in einem Cree-Reservat gelebt hat, weiß wovon sie schreibt. Gepaart mit Spannung bringt sie uns die Kultur der kanadischen Ureinwohner in ihrem Debütkriminalroman nahe und fesselt uns auf das Beste!!!

Annette Matthaei

 


klara und die sonne 150x237

 

Blessing Verlag 24,00€

 

Kazuo Ishiguro: " Klara und die Sonne"

Das Universum von Klara scheint zu Beginn ganz klein; wir begegnen ihr in dem Schaufenster eines Kaufhauses, wo sie Beobachtungen über das geschäftliche Treiben auf den Straßen anstellt. Ihr Verständnis für die Draußenwelt ist noch begrenzt, ihre empathischen Fähigkeiten jedoch enorm. Hier wartet sie nun darauf gekauft zu werden.
Klara ist eine künstliche Freundin, ein Roboter dazu gedacht, den Kindern einer nicht allzu entfernten Zukunft eine Stütze ob ihrer sozialen Inkompetenz zu sein. Sie wird von Josie und ihrer Familie „adoptiert“, analysiert dort das verwirrende Geflecht menschlicher Beziehungen und hält Ausschau nach der Wahrhaftigkeit von Liebe. Dabei lernt sie viele neue Menschen und Dinge kennen und lernt und lernt und lernt… bis sie erfährt, dass Josie krank ist und nur Klara ihr helfen kann.

Ein wundervoller Roman über die Bedeutung des Menschseins. Kazuo Ishiguro hat einen wertungsfreien Blick auf die Aussicht eines Lebens mit künstlicher Intelligenz geworfen und im selben Zuge eine Fabel über die Liebe geschaffen, deren Kraft weder an Hormone noch an Klaras Synapsen gebunden zu sein scheint. Klaras Perspektive ist in ihrer Narration unaffektiert und schlicht, emotionslos ohne kalt zu sein. Ihre einzigartige Sichtweise erlaubt es den Leser*innen eigene Interpretationen ob des Beobachteten zu schließen, denn die Frage nach einem unantastbaren Kern des Selbst in Mensch oder Maschine, bleibt stets uns zu beantworten.
Klara und die Sonne ist ein besonderes Buch von einem besonderen Autor, der in "Romanen von starker emotionaler Kraft den Abgrund unserer Illusion einer Verbindung mit der Welt aufgedeckt hat“ – so das Nobelkomitee zu seiner Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2017. Mit Klara und die Sonne fügt Ishiguro seinem Werk ein weiteres Puzzleteil hinzu.
Seine anderen Titel, wie „Alles, was wir geben mussten“ und „Was vom Tage übrig blieb“, sind im Zuge dieser Neuerscheinung in wunderschöne Neuauflage bei Blessing erschienen.

Mattes Daugardt

 


in aufruhr 150x237

 

Kindler 22,00€

 

Inga Vesper: "In Aufruhr"

Liest man den Klappentext dieses Debütromans, so erahnt man nicht mal ansatzweise, welch eine Spannung zwischen Seite 7 und Seite 379 steckt!

Kalifornien 1959 - die Sommertemperaturen klettern auf neue Höhenrekorde in Sunnylakes. Ruby sitzt im Bus fest, und weiß, dass Mrs. Ingram ihr jede Minute ihres Zuspätkommens vom Lohn abziehen wird. Wahrscheinlich darf sie sich auch keine kalte Limonade aus dem Kühlschrank nehmen.
Als Ruby endlich mit der Putzerei fertig ist, läuft sie schnell rüber zu den Haneys. Die Lady dort ist beinahe Rubys Freundin. Auf alle Fälle spricht sie mit ihr und hat ihr sogar schon einmal Persönliches anvertraut. Sie mag die schöne Joyce Haney, und sie liebt ihre beiden niedlichen kleinen Mädchen. Barbara, die ältere, kommt ihr gerade entgegen gelaufen. Sie weint, und ihre großen Augen blicken verstört und voller Angst umher. "Mami, wo ist meine Mami? Ich will zu meiner Mami!" Ruby nimmt Barbara auf den Arm. Das Kind fühlt sich ganz heiß an. Sie wird ihr zuerst etwas zu trinken geben! An der Küchentür hält sie abrupt inne: eine große Blutlache auf dem Boden lässt Schreckliches erahnen... Gemeinsam mit Detective Mick Blanke, der gerade ins  Santa Monica Police Department (straf-)versetzt wurde, versucht Ruby Wright zu klären, was sich in der Küche der Haynes ereignet hat. Die farbige Hausangestellte hofft auf die ausgesetzten 1000 Dollar Belohnung, um sich einen Collegebesuch leisten zu können. Ein absolut fesselnder Kriminalroman,der einmal mehr die unmenschliche und diskriminierende Zweiklassengesellschaft der damaligen Zeit widerspiegelt.

Andrea Westerkamp

 


ueber menschen 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Juli Zeh: "Über Menschen"

Das ist mal wieder eine Juli Zeh, auf die Sie sich so richtig fre
uen
können, toll!
Keine Fiktion, keine psychologischen Höhenflüge, sondern mit scharfem Blick und spitzer Feder dem deutschen Volk auf den Nabel geguckt! Dieser neue Roman erinnert an das fantastische „Unterleuten“, kommt aber mit weniger Charakteren aus. Das hat die Autorin sicherlich geringere Schreibzeit gekostet und macht ihn deutlich flüssiger zu lesen.

Dora, Mitte dreißig, ist Werbetexterin in Berlin. Politisch einigermaßen korrekt, arbeitet sie für Kampagnen nachhaltiger Unternehmen. In Kreuzberg lebt sie mit ihrem ehemals sanftmütigen Freund Robert zusammen. Ein typisches Dinks- (Double income, no kids) Pärchen mit langen Diskussionsabenden bei gutem Wein auf dem Balkon. Das hat Dora genossen. Robert hat sich allerdings verändert. Vom aktiven, verständnisvollen Zuhörer hat er sich über den radikalen Umweltschützer zum apokalyptischen Reiter der Coronakrise entwickelt. Als er Dora mangelnde Solidarität vorwirft, weil sie des nachts mit ihrer Hündin „Jochen-dem-Rochen“ Gassigehen will, langt es ihr. Mit Sack und Pack zieht sie von dannen…
Was Robert nicht weiß : Dora hat sich heimlich ein kleines, heruntergekommenes Gutshaus 70 Kilometer von Berlin entfernt, gekauft. Bracken heißt das Dorf, in dem sie nun Zuflucht sucht. Am ersten Morgen, Dora steht mit Zigarette und Kaffee in ihrem Garten, schiebt sich ein Glatzkopf über die Gartenmauer. „Gote, der Dorfnazi“, stellt sich der Hüne vor. Wie geht man nun als Frau mit linksliberalen Ansichten mit einer derartigen Nachbarschaft um? Hört man sich stillschweigend das Horst Wessel Lied aus Nachbars Garten an? 
Zudem in Gotes Vergangenheit noch andere Untiefen schlummern…
Seine kleine verwahrloste Tochter Franzi stiftet Verbindung zwischen diesen ungleichen Menschen, ja, genau Menschen sind und bleiben sie alle… Und nicht nur Dora und Gote finden einen Weg des gemeinsamen Umgangs, auch andere Dorfbewohner, wie ein Schwulenpärchen, eine alleinerziehende Blondine und ein obligatorischer, Flachwitze reißender Dauergriller nähern sich im Laufe dieses fesselnden Buches an.

Vielen Dank für Sätze, die man sich unbedingt merken möchte und zu Papier gebrachten Gefühlen, die man selbst nicht besser hätte ausdrücken können.

Annette Matthaei

 


im wasse sind wir schwerelos 150x237

 

Hoffman & Campe 23,00€

 

Tomasz Jedrowski: "Im Wasser sind wir schwerelos"

Manhattan. Ein Blick aus dem Fenster. Ludwik hat von dieser Welt geträumt, doch jetzt träumt er von der Vergangenheit und wir träumen mit ihm.

Ein langer Brief an eine womöglich verlorene Liebe: Ludwik nimmt uns mit ins Polen der 80er Jahre, wo er als studentischer Erntehelfer dem schönen Janusz begegnet und sich gleich in ihn verliebt. Zaghaft nähern sich die beiden an – mit tiefen Blicken, mit ihrer Körperlichkeit, durch die Liebe zur Literatur. Ihre Zeit auf dem Feld scheint wie ein Tanz, der sie immer näher zum Kern ihrer Leidenschaft führt und den Sommer leuchten lässt inmitten politischer Unruhe und Unsicherheit. Ihre Liebe fühlt sich wunderschön an und könnte beiden doch bald gefährlich werden. Die Möglichkeiten bestehen darin, sich selbst zu verleugnen oder das Land zu verlassen, um in Freiheit mit sich selbst zu leben. Ludwik sieht nur den einen Ausweg, Janusz einen anderen.

"Im Wasser sind wir schwerelos" ist Tomasz Jedrowskis Debütroman, wurde in Großbritannien von der Kritik gefeiert und vom Guardian zum Buch des Jahres ernannt.
In seiner Sprache erinnert der Roman an Ocean Vuong, in dem atmosphärischen Schreibstil an André Acimans „Call Me by Your Name“ – und ist doch etwas komplett Eigenes. Tomasz Jedrowski versteht es weder die Brisanz der politischen Welt des Romans noch die Leichtigkeit und Innbrunst einer jungen Liebe zu vernachlässigen. In seinem Roman schafft er eine unvergessliche Poesie der sinnlichen Identität und abschließender Jugend. Jedrowski erzählt eine Geschichte von der Universalität romantischen Sehnens und auch von der Kraft, die in der Entscheidung steckt, man selbst zu sein und welch große Opfer diese Entscheidung fordert.
Eine Geschichte, die so viel Hintergrund und Brisanz mit sich bringt ohne zu erschlagen, so gut zu lesen ist ohne je Trivial zu sein.

Mattes Daugardt

 


lebenssekunden 150x237

 

Droemer Verlag 20,00€

 

Katharina Fuchs: "Lebenssekunden"

Diese Autorin ist wirklich ein Phänomen. „Lebenssekunden“ ist bereits Fuchs‘ dritter Roman und allmählich spricht sich von Leserin zu Leserin herum, dass man mit diesen Büchern wunderbare Sofa-Nachmittage haben kann. Schon nach ein paar Seiten ist man immer „mittendrin“ und mag eigentlich nicht so recht aufhören.
Der neue Roman „Lebenssekunden“  beschreibt den Lebensweg zweier junger Mädchen/Frauen, er setzt ein 1956 und endet am 13. August 1961.

Angelika lebt in Kassel, sie ist knapp 16 Jahre und in der Schule läuft es alles andere als rund. Mehr als Mathe und Physik interessiert Angelika die Fotografie, am liebsten würde sie professionelle Fotografin werden.  Doch dieser Wunsch scheint in weiter Ferne, insbesondere als sie nach einem vermeintlichen Täuschungsversuch von der Schule verwiesen wird – ohne Abschluss. Nur durch einen Zufall ergattert sie tatsächlich einen Ausbildungsplatz bei einem Fotografen, Mitte der 50er Jahre für ein Mädchen absolut ungewöhnlich.
Christine wiederum lebt in Berlin – Berlin-Ost, um genau zu sein. Vor ihr liegt eine vielversprechende Karriere als Kunstturnerin, sie ist extrem begabt und wird zudem von ihrer Mutter sehr „unterstützt“, vielleicht sogar eher drangsaliert. Ihr Vater ist schon vor langer Zeit in den Westen gegangen, zu ihm hat Christine keinen Kontakt. Der Trainer tut sein übriges, auf Christine Druck auszuüben, auf Befindlichkeiten wird keine Rücksicht genommen, trotz Schmerzen wird trainiert was das Zeug hält. Christine kennt es nicht anders, außerdem ist sie erfolgreich – das kommt auch ihrem älteren Bruder zugute, der einen der begehrten Studienplätze für Ingenieurswesen erhält… natürlich nur, solange Christine weiter spurt.
Angelika wird nach ihrer Ausbildung den Sprung zu einer großen Zeitung nach Berlin schaffen und muss sich in der männlichen Journalistenrunde erstmal ihren Platz erkämpfen. Und dann, wir sind mittlerweile im August 1961, bittet ihr ehemaliger „Lehrherr“ sie um Hilfe: Seine Tochter in Ost-Berlin braucht dringend Hilfe, muss raus aus dem Osten.

Man kann sich gut vorstellen, dass sich Katharina Fuchs zu ihrem Roman u.a. von den berühmten Fotos aus der Bernauer Str. am 16. und 17. August hat inspirieren lassen. In jedem Fall ist ihr ein wunderbarer Schmöker vor dem Hintergrund deutscher Zeitgeschichte gelungen.

Astrid Henning

 


kleine wunder um mitternacht 150x237

 

Limes Verlag 20,00€

 

Keigo Higashino: "Kleine Wunder um Mitternacht"

Shota, Kohei und Atsuya sind drei junge Einbrecher - umständehalber, möchte man sagen! Drei sympathische Jungs, die in einer Kleinstadt nahe Tokio des Nächtens Unterschlupf suchen, nachdem sie eine völlig verkorkste Straftat begingen! Den finden sie ausgerechnet im seit Jahren leer stehenden Gemischtwarenladen von Herrn Namiya. Und während die drei noch darüber nachsinnen, was alles wenige Stunden zuvor schief lief, fällt ein Brief durch den Rolladenschlitz....

Das allein ist schon seltsam genug, zumal niemand sich dem Haus unbemerkt genähert haben kann, aber der Inhalt des Schreibens setzt die drei ehemaligen Heimkinder in noch größeres Erstaunen. Eine Frau namens "Mondhase" bittet darin nämlich Herrn Namiya inständig um Hilfe. Kurz entschlossen wird der Brief von Shota beantwortet und draußen im "Milchkästchen" abgelegt. Nach kurzer Zeit ist der nicht nur wie von Zauberhand verschwunden, sondern ein neuer Schrieb plumpst den Männer vor die Füße.

Spätestens jetzt wird auch dem Leser klar, dass er sich mitten in einer herrlich skurillen Geschichte befindet. Diese poetische Märchen für Erwachsene liest sich wunderbar leicht und hinterlässt definitiv ein gute Gefühl!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


kleine freiheit 150x237

 

C.H. Beck 22,00€

 

Nicola Kabel: "Kleine Freiheit"

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Kinder der Hardcore-68er keine einfache Kindheit hatten und sie nach der Schule meist die ersten waren, die mit Aktentasche und Trenchcoat ausgestattet, bürgerlichen Berufen nachgingen. So wird es auch beschrieben in diesem großartigen Roman von Frau Kabel.

Saskia, gerade 40 geworden, lebt mit Mann und zwei Jungs in einem Schläferdorf auf dem Lande. Christian pendelt täglich nach Hamburg in seine Kanzlei. Sas hat sich vor acht Jahren entschieden bei den Kindern zu Hause zu bleiben, obwohl ihr der Job als Richterin viel Spaß gemacht hat.
Saskias Kindheit war komplett unbehütet. Sie wuchs mit ihrer kleinen Schwester in einer Kommune auf. Keiner kümmerte sich wirklich um die Kinder, grenzenlose Freiheit, aber auch so gut wie keine Verantwortung für die Kleinen und völliges Ablehnen jeglicher Konventionen, somit auch von  für Kinder so wichtige Rituale. Was macht es mit einem Kind, wenn der Vater mit langem Haar und barfuß auf den Elternabend geht und pausenlos gegen alles wettert, die eigenen Klamottten schmutzig und durchlöchert sind? Wie ist es, wenn nie Weihnachten gefeiert wird, die Klassenkameraden von Barbiegeschenken und Tannenbäumen schwärmen. Die Mutter Meggie setzt sich auf Nimmerwiedersehen nach Amerika ab, da ist Sas 9 Jahre alt. Aus dieser Zeit hat sie eine steile Falte zwischen den Augenbrauen, einen anstrengenden Perfektionismus und wenig Lebensfreude und Leichtigkeit mitgenommen. Zu ihrem Vater Hans hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Sie grollt ihm, liebt ihn, gerät immer wieder aneinander mit dem antikapitalistischen Rechtsanwalt.
Momentan ganz besonders, soll doch hinter ihrer Siedlung ein Windpark entstehen, gegen den Saskia und einige Nachbarn sich entschieden zur Wehr setzen. Auf einer der Bürgerversammlungen lernt die Juristin einen älteren Herren mit besten hanseatischen Manieren kennen, Joachim von Wedekamp, Vorsitzender eines Vereines, der sich zum Ziel gesetzt hat, „alte Werte“ zu schützen…ganz das Gegenteil von Hans.

Ich kann gar nicht glauben, dass dieses sensibel geschriebene Buch ein Debütroman ist. Die Autorin arbeitet die Zerrissenheit und zum Teil auch Verlogenheit der wilden Revoluzzergeneration und die Folgen für deren Nachkommen anhand der Vater-Tochter Beziehung aufs Feinste heraus. Für mich eins der besten Bücher dieses Frühjahres!

Annette Matthaei

 


das leben ist zu kurz fuer irgendwann 150x237

 

Goldmann 20,00€

 

Ciara Geraghty: "Das Leben ist zu kurz für irgendwann"

Haben Sie eine beste Freundin? Dann habe ich hier das ultimative Oster-, Geburtstags-, oder Einfachmalsogeschenk für Sie!
Die Rezensionen im Netz sind entweder überschwänglich und total euphorisch oder vernichtend. Bilden Sie sich unbedingt ein eigenes Urteil und lassen Sie sich nicht vom unsäglichen Cover des Buches abschrecken!

Terry und Iris sind sogenannte beste Freundinnen. Sie vertrauen sich gegenseitig bedingungslos. Um so tiefer trifft es Terry, als sie festellen muss, dass sich Iris still und heimlich davon schleichen will, um sich zum Sterben in die Schweiz zu begeben...
Im letzten Moment erreicht Terry die Fähre im Hafen von Dublin,
und Iris Proteste und Einwände werden kurzerhand über Bord gekippt. Für beide Frauen beginnt eine unvergessliche Woche. (Erwähnte ich schon, dass Terrys seniler Vater umständehalber mit von der Partie ist?) Sie reisen durch England und Frankreich, liegen jeden Nacht in einem anderen Bett, leben mit allen Sinnen und entdecken noch neue Seiten an sich und der Freundin.

Der Autorin gelingt es, das Thema Sterbehilfe mit gutem Gespür und Taktgefühl umzusetzen. Wir lesen keinen Roman über den Tod, sondern eine Hommage an das Leben und die Freundschaft!

Andrea Westerkamp

 


das geheimnis von zimmer 622 150x237

 

Piper 25,00€

 

Joël Dicker: "Das Geheimnis von Zimmer 622"

Und wieder schafft Joël Dicker einen Roman im Roman im Roman… Unglaublich spannend und raffiniert, perfide, aber jederzeit unterhaltsam liest sich diese neue Geschichte - geschliffen und durchtrieben gleichermaßen hat der Autor eine Struktur geschaffen, die von Seite eins an fesselt.

Der Erzähler in diesem Buch heißt ebenfalls Joël Dicker, ist (ebenfalls) ein erfolgreicher Genfer Schriftsteller und reist wegen eines misslich verpatzten Liebesintermezzos zur Entspannung in ein Luxushotel in Verbier, um dort seine Wunden zu lecken, Ruhe und Abstand zu gewinnen. Ein wenig irritiert zeigt sich Herr Dicker, als er herausfindet, dass sich in der sechsten Etage des Hotel Palace ein Zimmer mit der Nummer 621a befindet; die Zimmernummer 622 fehlt. Seltsam ist auch, dass der Portier dazu eine Geschichte erzählt, die sich schon nach wenigen oberflächlichen Recherchen als unwahr herausstellt.
Sein zufälliges Zusammentreffen mit der hinreißenden Scarlett macht aus den beiden Fremden ein Ermittlerpaar: ganz eingenommen sind sie von dem Umstand, dass sich in dem Hotel offenbar Mysteriöses ereignete. Und so machen sie sich auf die Suche nach einer Spur…

Vor und zurück springt jetzt die Geschichte: Joël Dicker, als Autor in Realität und im Buch, lässt sich viel Zeit, alles auszubreiten. Diese Zeit braucht es aber auch, denn es sind eine Menge an Vorgängen, Geheimnissen, Beziehungen und einiges an Hinterlist, was man kennenlernen muss. Immer wieder gibt es Hinweise auf unbekannte Ereignisse, scheibchenweise lässt der Autor dann Erklärungen dazu in den Roman einsickern. So viel man auch erfährt, so unklar bleibt es doch lange, was überhaupt geschah, damals in Zimmer 622. Ein Mord, das wird schnell sichtbar, aber wer war das Opfer? Die verschlungenen Pfade der Erzählung versperren immer wieder den Blick auf das, was in der besagten Nacht wirklich vor sich ging. In ganz kleinen, immer kleiner werdenden Schritten und Enthüllungen wird man an den Zeitpunkt herangeführt, an dem das bislang Verborgene geschah. Die Richtung ändert sich in beinahe jedem Kapitel – und ist man denn endlich zur Lösung vorgestoßen, weiß man doch nicht sicher, ob es wirklich die Lösung ist.
Eine Story wie eine russische Matrjoschka: immer steckt noch etwas drinnen, wenn man glaubt, bereits alles erfahren zu haben. Die Protagonisten, ob in der Gegenwart oder Vergangenheit angesiedelt, sind allesamt überzeugend gezeichnet, scharf konturiert, nicht immer sympathisch, aber durchweg authentisch.

Heike Kasten

 


ein stadtmensch im wald 150x237

 

Galiani 14,00€

 

H.D. Walden: "Ein Stadtmensch im Wald"

Wer genug hat von schreibenden Förstern und waldbadenden Zauseln, aber trotzdem gerne was über Natur und Wald liest, noch dazu sehr amüsant, der ist mit diesem wunderbaren Buch bestens bedient!

„Ein Stadtmensch im Wald“ ist der Bericht einer Berliner Großstadtpflanze (leider unter Pseudonym), der sich selbst als „naturblind“ bezeichnet und während des ersten Lockdowns in die Datsche seiner Freundin mitten im Nichts von Brandenburg zieht.
Die Freundin ist Krankenschwester, hat alle Hände voll zu tun und überhaupt, man hält’s ja kaum mehr aus in dem ganzen Irrsinn, also: Ab in die Natur! Die allerdings ist so gar nicht still und beschaulich, ganz im Gegenteil: Schon in der ersten Nacht fragen sich Walden, welch muntere Tiertruppe sich da auf dem Dach der Datsche vergnügt, um festzustellen, dass eine einzelne Maus jede Menge Krach machen kann. Die Vogelschar, die sich gerne dem Futterangebot hingibt, wird mittels Vogel-App und genauer Beobachtung allmählich unterscheidbar, und wir lernen: Auch bei den Vögeln gibt es Draufgänger wie Tom Cruise (die Mönchsgrasmücke), aber auch die gemütlichen, etwas behäbigen Naturelle wie den Dompfaff.
Wahre Dramen spielen sich ab direkt vor der Tür: Wer klaut nachts den Meisenknödel?? Und zwar wiederholt und unter verschärften Bedingungen? Tja, Waschbären sind halt intelligente Zeitgenossen, das kann man nicht bestreiten.

Dieses Buch ist eine wahre Labsal für die Seele, intelligent, humorvoll und in Teilen sogar anrührend (ich sage nur „der Fuchs“!). Außerdem natürlich bestens geeignet als Ostergabe, passend zum Schoko-Osterhasen!

Astrid Henning

 


bluetengrab 150x237

 

Wunderlich Verlag 16,00€

 

Ada Fink: "Blütengrab"

Anfang der 90er Jahre in der mecklenburgischen Provinz: Die Wende-Euphorie ist schon längst verflogen, inzwischen wird eher „abgewickelt“. In diese Stimmungslage kommt ein neuer Kollege aus Kiel zur Kripo nach Wussnitz, na prima, ein „Besserwessi“, das hat gerade noch gefehlt. Vor allem Kollegin Bandow ist alles andere als begeistert, dass sie ihr Büro mit Ingo Larssen aus dem Westen teilen soll.
Doch mit diesen Kinkerlitzchen können sich die Beiden nicht lange aufhalten, denn die Ereignislosigkeit der Provinz wird durch eine verstörende Entdeckung unterbrochen: Im nahen Dohlenwäldchen ist eine Tote gefunden worden, ziemlich zugerichtet, in die Stirn ein germanisches Schriftzeichen eingeritzt, aufgebahrt auf einem Grab von weißen Ebereschenblüten. Um den Hals trägt die junge Frau eine kleine Kette mit einem Marienkäferanhänger – und genau dieser Anhänger katapultiert Ulrike Bandow zurück in ihre Vergangenheit als Jungpionierin…ihre Freundin Christa trug den gleichen Anhänger…verschwand wenig später in einem Kinderheim…berichtete von schrecklichen Zuständen dort. Diese Vorwürfe wurden damals zwar „untersucht“, aber eben nur an der Oberfläche, und es war nicht zuletzt Ulrikes Aussage als Freundin von Christa, die zur Beendigung der Untersuchung führte: Ja, Christa neige zu Übertreibungen, das sei schon immer so gewesen.
Diese Schuld der Vergangenheit drängt wieder an die Oberfläche, denn es stellt sich heraus, bei der Toten handelt es sich um eine Vermisste aus einem polnischen Jugendheim.
Gleichzeitig wird ein zweites polnisches Mädchen vermisst… die Zeit drängt, man befürchtet ein zweites Verbrechen.

„Blütengrab“ wartet mit gleich drei Pluspunkten auf: eine schlüssige und fesselnde Krimihandlung, interessante und vielschichtige Figuren und das Ganze vor einem spannenden politischen Hintergrund. Ada Fink gelingen unglaublich lebendige und glaubhafte Charaktere, nie schablonenhaft oder zu klischeebefrachtet. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Geschichte um das Ermittlerteam Bandow/Larsson noch einige Fortsetzungen findet!

Astrid Henning

 


der verdacht 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Ashley Audrain: "Der Verdacht"

Dieser Roman ist keine leichte Kost, packt den Leser von der ersten Zeile an und lässt ihn in psychologische Tiefen eines Familiendramas einsteigen, wie man es sonst nur bei Leilas Slimanis „Nun schlaf auch du“ erfahren hat.

Blythe ist Ende dreißig und steht vor den Scherben ihres Lebens. Das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Was so vielversprechend anfing, nämlich die Beziehung zu ihrem Mann, der liebevoll, humorvoll und einfach selig mit der Frau seines Herzens war, scheiterte. Blythe und er wollten eine Familie gründen und als sie schwanger war, schien das Glück vollkommen. Durch die weibliche Linie der werdenden Mutter zieht sich jedoch ein Schatten. Alle Frauen ihrer Familie sind mit absolut lieblosen Müttern aufgewachsen und so hat auch Blythe ein schweres Paket zu tragen.
Cecilia, ihre Mutter, kümmerte sich kaum um sie, war stets abweisend, und obwohl sie um deren Liebe buhlte, verliess die Mutter das Kind im Alter von 11 Jahren und zeigte nie wieder ein Interesse an ihrer Tochter. Es ist nicht verwunderlich, dass Blythe unter enormem Druck steht mit ihrem Kind alles besser zu machen. Das kann aber nicht schwer sein mit so einem perfekten Partner an ihrer Seite. „Die Geburt unserer Tochter Violet hätte der glücklichste Augenblick meines Lebens sein sollen. Doch schon als ich das Baby zum ersten Mal im Arm hielt, war ich mir sicher: Sie lehnt mich ab, von ganzem Herzen. Alles nur Einbildung? Zu meinem Mann war sie immer lieb. Zu mir aber war sie anders: abweisend, kalt, böse. Und dann kam der Tag, an dem das größtmögliche Unglück über unsere Familie hereinbrach...“.
Die Kleinkindjahre mit Violet sind für Blythe ein Graus. Ständig müde, überfordert, abgewiesen schon von dem Baby, unverstanden von ihrer Umwelt, fühlt sie sich allein, verunsichert und verängstigt. Das ändert sich, als sie mit einem kleinen Jungen schwanger wird. Jetzt merkt sie sofort die enge Verbindung und tiefe Liebe, Sam, ihr ein und alles… mit ihm ist alles, wie es sein soll zwischen Mutter und Kind. Doch dann kommt es zu oben genanntem Unglück…

Nachdem ich die letzten Worte dieses beeindruckenden Romanes gelesen habe, musste ich erstmal kräftig ausatmen… Ein unglaubliches Debüt der Kanadierin  Ashley Audrain, die sich mit Autorinnen wie Celeste Ng durchaus messen kann.

Annette Matthaei

 


schwester 150x237

 

Piper 22,00€

 

Mareike Krügel: "Schwester"

Iulia führt ein ruhiges, zufriedenes Leben. Mit ihrem Mann, dem Pastor Niels, und ihrem Teenager-Sohn Aaron wohnt sie im Pfarrhaus des Ortes und arbeitet als Bankfachfrau in der Sparkasse. Die Zahlen und Fakten bei ihrer Arbeit geben ihr Sicherheit, Niels ist ein sehr aufmerksamer Ehemann, der alles Gute in sich zu vereinen scheint. Und auch Aaron hat vernünftige Zukunftspläne und bereitet Iulia kaum Sorgen und Probleme. Als jedoch Iulias Schwester Lone einen schweren Verkehrsunfall hat und im künstlichen Koma liegt, gerät ihre scheinbar perfekte Welt bedrohlich ins Wanken.

Immer weniger wurde der Kontakt der beiden Schwestern zueinander in den letzten Jahren. Iulia stellt fest, dass sie kaum etwas über das Leben, das ihre Schwester in den letzten Jahren als freiberufliche Hebamme geführt hat, zu wissen scheint.
Zunächst nur, um die Frauen zu informieren, die ihre Schwester betreute, stattet Iulia Lones Schützlingen einen Besuch ab. Doch plötzlich scheint nichts mehr zu sein, wie es vorher war: Bei den so unterschiedlichen Frauen und ihren geborenen und ungeborenen Kindern eröffnet sich Iulia eine für sie völlig fremde Welt. Sie beginnt zu verstehen, warum ihre Schwester diesen Beruf ergriffen hat und bekommt einen Einblick in Lones Leben.

Mit diesem neuen Blickwinkel verändert sich auch ihr Verhältnis zu ihrem eigenen Leben. Die Verabredung zum Sex mit ihrem Mann am Sonntagabend bekommt plötzlich einen fahlen Beigeschmack, die Bewohner des kleinen Ortes, die das Verhalten des Pastorenpaares mit Argusaugen beobachten, wandeln sich von „Schäfchen“ zu „Wölfen“, die Chorleiterin, die Iulia immer so kalt und abweisend erschien, scheint dem Pastor doch recht zugetan zu sein und plötzlicher, innerer Widerstand regt sich gegen die irrationalen Entscheidungen ihres Chefs in der Bank.
Iulia spürt, dass sie unmöglich weiter das Leben führen kann, das ihr bisher so erstrebenswert und sicher vorkam. Und über allem schwebt der drohende Tod Lones, und die Frage, was eigentlich an jenem verhängnisvollen Sonntag, als Lones „Hebammobil“ auf offener, wenig befahrener Straße mit einem Traktor kollidierte, passiert ist...

Sabine Christ

 


der libanese 150x237

 

Heyne Verlag 16€

 

Clemens Murath: "Der Libanese"

Für  Fans von Joe R. Lansdale und Elmore Leonard.

Fank Bosman, LKA Berlin, ist wahrlich nicht zartbesaitet. Gerade hat er bei einer missglückten Verhaftung einen Drogendealer erschossen. Natürlich wird er sich der internen Ermittlung stellen müssen. Das raubt ihm nicht wirklich den Schlaf, aber angesichts dessen, dass eine junge und durchaus attraktive Augenzeugin ihn nun zum Gegenstand ihrer sexuellen Fantasien macht, wird die Situation prekär....
Währenddessen wird Franks Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent mit großen Geldproblemen entführt. Um das Maß voll zu machen gibt es gewaltigen Ärger mit der libanesischen Mafia. Frank und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun, um den Sumpf in der Hauptstadt trocken zu legen.

Die Verwicklungen sind mannigfaltig, der Thriller strotzt nur so vor Action, und es empfiehlt sich nicht, ihn aus der Hand zu legen. Sie könnten sonst eventuell den ein oder anderen Erzählstrang vergessen...;)
Unzählige Male dachte ich während des Lesens: Frank! Tu´s nicht.... Korruption, Lügen, Drogen, Sex und heillose Verwicklungen mit herrlich skurrilen Typen werden uns in diesem Thriller geboten. Die Sprache ist rau und dem Straßenjargon Berlins (oder jeder x-beliebigen Großstadt) angepasst. Das Erzähltempo ist rasant, und es passiert ungeheuer viel auf diesen 470 Seiten. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf den zweiten Teil!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar



maedchen frau etc 150x237

 

Tropen Verlag 25,00€

 

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc."

Noch bedeutsamer als in Deutschland der Deutsche Buchpreis ist in England der Booker Prize. Umso größer war die Sensation, als 2019 erstmals eine schwarze Frau diese renommierte und traditionsreiche Auszeichnung erhielt – Bernadine Evaristo. Nun liegt ihr Roman auch in deutscher Sprache vor, hervorragend übersetzt von Tanja Handels, um das gleich vorwegzunehmen.

12 Lebensgeschichten erzählt uns Evaristo in ihrem Roman, Geschichten von schwarzen Frauen in England, die Jüngste ist 19, die Älteste 93 Jahre. Und ähnlich breit wie das Altersspektrum sind auch ihre Persönlichkeiten, Bedürfnisse und Ziele – hetero, lesbisch, queer, trans, non-binär… Da kam ich mir beim Lesen doch erstmal vor wie eine „alte, weiße Frau“ und, ich gebe es zu, musste mir einen kleinen Schubs geben, um das Buch nicht ignorant zuzuschlagen. Was ein großer Verlust gewesen wäre, denn „Mädchen, Frau etc.“ ist ein unglaublich klarsichtiger, scharfsinniger und  ja -  witziger Roman.
Für jede ihrer Figuren findet Evaristo den richtigen Ton: Hattie z.B., 93 inzwischen und mit jedem Recht, grantelnd auf ihre Nachkommen zu schauen. Dass ihre Enkelin sich offensichtlich in eine Frau verliebt hat und mir ihr zusammenlebt, nun gut, an „sowas“ hat man sich inzwischen gewöhnt, dass sie sich jetzt aber gar keinem Geschlecht mehr zuordnen möchte, das geht Hattie dann doch zu weit.
Oder Bummi, die in Nigeria erfolgreich ein Mathematikstudium absolviert hat, in England dann aber trotzdem als Putzfrau arbeitet, weil niemand einer schwarzen Frau was anderes zutraut – und da reden wir von London in den 90er Jahren! Mit enormer Willenskraft und Disziplin bringt sie es schließlich zu einer eigenen Reinigungsfirma.

Evaristos Figuren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, und genau das führt beim Lesen dazu, dass ein Klischee nach dem anderen in sich zusammenfällt. Gekonnt und durchaus ironisch beschreibt sie die aktuellen Debatten um Diskriminierung, Rassismus, Geschlecht – gibt es inzwischen einen „Wettbewerb“ um die Gruppe mit den meisten Benachteiligungen?
Auch die Form, die sie für ihren Roman gefunden hat, überzeugt auf ganzer Linie. Die sparsame Interpunktion führt hier nicht zu fehlender Struktur, sondern erzeugt vielmehr einen Schwung, einen Flug von einem Gedanken zum nächsten. Bernadine Evaristo zeigt uns mit ihrem Roman einen Teil der britischen Gesellschaft, dessen Vielfältigkeit und Lebenswelt bislang viel zu wenig Beachtung gefunden hat, und das gilt ganz sicher nicht nur für Großbritannien!
Ein Lese-Erlebnis, das bereichert und den Horizont erweitert.

Astrid Henning

 


leichenblume 150x237

 

Fischer Scherz 15,00€

 

Anne Mette Hancock: "Leichenblume"

Ein solider, spannender Skandinavienkrimi, wie wir ihn lieben, Setting Kopenhagen.
Kein unbekanntes Strickmuster: taffe Investigativ-Journalistin, kauziger Kommissar und untergetauchte Mörderin. Das gab es so ähnlich schon und ist trotzdem spannend, fesselnd,mit der nötigen Prise Mord und Totschlag und was sonst noch dazu gehört, gewürzt.

Bei Heloise Kalden läuft es gerade nicht so rund. Sie ist bei einer großen, seriösen Zeitung beschäftigt und hat sich mit einem Leitartikel aktuell ordentlich in die Nesseln gesetzt. Unwissentlich hat sie Falschinformationen über einen Textilfabrikanten auf‘s Papier gebracht und die „Ente“ kam ausgerechnet von ihrem aktuellen Freund, einem Pressemitarbeiter im Ministerium. Das bringt auch im Privaten einiges in Schieflage.
Zu allem Überfluss erhält sie jetzt noch Briefe kryptischen Inhaltes, abgestempelt in Frankreich, unterzeichnet von einer vor Jahren untergetauchten Frau namens Anna Kiel, die nach einem bestialischen Mord an einem renommierten Rechtsanwalt, spurlos von der Bildfläche verschwunden ist. Beunruhigend ist zudem die Tatsache, dass eben diese Mörderin Dinge über Heloise zu wissen scheint, die diese nicht mal ihrer besten Freundin mitgeteilt hat.
Erik Schäfer, in die Jahre gekommener Kommissar in Kopenhagen, war vor Jahren mit dem Fall Anna Kiel betraut. Es wurmt ihn, dass er die Mörderin nie stellen konnte. Nun wird ihm aus Frankreich ein Foto zugespielt auf der eindeutig die Gesuchte zu sehen ist. Erik nimmt Witterung auf und sein Adrenalinspiegel steigt, als Heloise sich in ihrer Not an ihn wendet. Die beiden arbeiten zwar zusammen, doch natürlich unter jeweils anderen Vorzeichen. Heloise erhofft sich, durch die Aufdeckung des alten Falles ihren Fauxpas wieder gut zu machen, nicht ahnend in welche Lebensgefahr sie sich damit begibt, denn hinter der Geschichte stecken mächtige, skrupellose Drahtzieher.

Super Krimi, mit unerwarteten Wendungen, anständigem Shutdown in einem Nobelhotel in Cannes und irgendwie gerechtem Ausgang. Wir können uns nach diesem völlig abgeschlossenem ersten Krimi von der Dänin Anne Mette Hancock auf weitere Bücher mit dem Gespann Heloise Kalden und Erik Schäfer freuen, prima, ich bin dabei. „Narbenherz“, der Nachfolger, wird im Juli diesen Jahres erscheinen.

Annette Matthaei

 


die frau vom strand 150x237

 

Ruetten und Loening 16,99€

 

Petra Johann: "Die Frau vom Strand"

Rerik an der Ostsee....
Rebecca ist selig! Endlich scheint sie in ihrem Leben angekommen  zu sein. Täglich läuft sie am Strand stundenlang spazieren und genießt das Ostseeklima, immer in einem Tragetuch dabei, ihre niedliche Tochter Greta. Währenddessen arbeitet ihre Frau Lucy als Unternehmerin in Hamburg. Einziger Wermutstropfen : Lucy kommt immer erst am Wochenende nach Hause, selten schafft sie einen Kurztripp mittwochs.

Montagmorgen - Becca hat den Strand für sich, noch ist kein anderer Mensch zu sehen. Hinter einen kleinen Uferböschung steht plötzlich eine Fremde vor ihr : nackt,mit triefendnassen Haaren und offensichtlich verärgert. Sie habe nur ein kurzes Bad in der Ostsee nehmen wollen, erzählt sie. Und zwischenzeitlich hat irgendjemand sowohl ihre Kleidung, als auch ihr Handtuch entwendet. Rebecca leiht der Frau ihre Jacke, und gemeinsam suchen sie erfolglos den Strandabschnitt nach den Sachen ab. Schließlich nimmt Rebecca Julia,so heißt die Unbekannte, mit nach Hause. Bei heißem Tee und in geliehener Kleidung verbringen die zwei Frauen mehrerer Stunden. Abends erzählt Becca Lucy am Telefon von dieser ungewöhnlichen Begegnung.
Wie sehr hat sie gute Gespräche vermisst! Während der nächsten Tage treffen sich Rebecca und Julia fast täglich,und so scheint es nur logisch, dass Julia herzlich eingeladen ist, am Samstag zum Abendessen zu kommen. Becca möcht Lucy und die sympathische neue Freundin einander vorstellen. Julia erscheint jedoch nicht zum Abendessen. Über das Handy ist sie auch nicht zu erreichen. Rebecca ist enttäuscht und beginnt sich Sorgen zu machen....

Eigentlich hat Edda noch Urlaub, den braucht sie auch dringend, wenngleich das Nichtstun bei ihr nicht wirklich zur Entspannung beiträgt. Stattdessen sitzt sie stundenlang vor irgendwelchen Videospielen, natürlich mit schlechtem Gewissen. Der Anruf aus der Dienststellen kommt ihr daher gar nicht so ungelegen. Eine Tote wurde von Spaziergängern am Strand entdeckt....

Andrea Westerkamp

 


die erfindung der sprache 150x237

 

Kindler 20,00€

 

Anja Baumheier: "Die Erfindung der Sprache"

Da war ich überrascht, als mir der neue Roman von Anja Baumheier in die Hände fiel. Ein so gänzlich anders geschriebenes Buch als die gern gelesenen Vorgänger "Kastanienjahre" und "Kranichland".

Wir finden uns ein auf einer winzigen ostfriesischen Insel : Platteoog. Ubbo lebt dort von Kindesbeinen an, obwohl doch sein Traum das Besteigen von unbezwingbar hohen Bergen ist. Bei einer solchen Tour in Tschechien steht er unwettergebeugt bei Leska vor der Tür, die ihn kulinarisch verwöhnt, sich verliebt und ihm als seine Frau flugs auf die Insel in der Nordsee folgt. Die beiden haben eine Tochter, Oda.
Oda pflegt als Radiomoderatorin besonders eine Sendung namens „Sprich dich frei“ mit ganzem Herzen. Kein großer Lauschangriff, sondern gezieltes Zuhören, das ist genau ihr Fall und so erfreut sich der Radiokummerkasten großer Beliebtheit. Obwohl sie in Besitz von wunderschönen semmelblonden Locken, unfassbar grünen Augen und einer ordentlichen Portion Liebreiz ist, hat es noch kein Mann an ihre Seite geschafft. Das ändert sich als Hubert Riese, ein geheimnisvoller Hüne aus Bayern, die Stelle als Leuchtturmrestaurator auf Platteoog antritt. Die beiden sind schockverliebt, die gesamten Insulaner nehmen an dem Glück der Verliebten teil und hecheln mit bei Odas Wehen, als sie endlich einen kleinen Jungen erwartet, Adam wird geboren.
Adam Riese!!! „Mit dem Jungen stimmt was nicht“, wird gesagt, als der Kleine mit zwei Jahren immer noch keinen Pieps von sich gegeben hat. Trotz dieses nicht falschen Urteils, wird es Adam zwar nicht zu einer zu seinem Namen passenden Körpergröße bringen, jedoch eine Stelle als Dozent für, ja, wirklich!, Sprachwissenschaften an einer Universität in Berlin innehaben. Was Adan das Leben schwer macht, das ist eine Art von Autismus. Veränderungen, viele Menschen, Gefühle, Farben, all das löst in ihm Angst und Panik aus. Listen und Systeme, besonders die Zahl 7, das ist es, was er liebt.
Wie beunruhigend ist es für ihn, dass nun ausgerechnet ihm die Aufgabe zufällt, seinen Vater Hubert zu suchen, der aus unerfindlichen Gründen vor vielen Jahren von der Insel verschwand ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Mutter Oda verstummte nach diesem Ereignis und verweigert nun auch noch das Essen, nachdem sie in einem Buch auf Spuren des verschwundenen Huberts stieß. Adam hat keine andere Wahl, als sich aus der Komfortzone zu bewegen und sich in die bedrohliche Welt aufzumachen.

Wer mit dem Humor vom Hundertjährigen von Jonasson etwas anfangen konnte und einen Faible für skurrile, liebenswert beschriebene Figuren hat, für den ist dieser Roman genau das Richtige. Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch mit derartig vielen Adjektiven, zum Teil auch frei erfundenen (aber man weiß genau, was die Autorin meint), gelesen und kenne mich jetzt mit einsteingrauen Sakkos und zimtbraunen Katzenfellen aus.
Viel Spaß bei der Lektüre!

Annette Matthaei

 


how dare you 150x237

 

Siedler 20,00€

 

Jan Fleischhauer: "How dare you!"

Manchmal bleibt einem beim Lesen dieser wunderbaren Kolumnen das Lachen sprichwörtlich im Halse stecken, so pointiert, so böse und so klar formuliert der Autor und zeigt gnadenlos auf, was in unserem Staate, vor allem in der Politik so alles, sagen wir mal, hinterfragbar ist. Jan Fleischhauer vertritt provokant, bissig und ausgesprochen unterhaltsam eine eigene Meinung („How dare you“) – und das ist etwas, was heutzutage eher unüblich ist, egal wohin man schaut. Aber Herr Fleischhauer nimmt sich diese Freiheit! Ob über die Ökoträume der Grünen, den Rudeltrieb der Medien oder die neue Kultur der Empfindlichkeit und Dauer-Achtsamkeit: er traut sich dagegen zu halten, auch auf die Gefahr hin, von allen Seiten Prügel zu beziehen.

In diesem Buch nimmt er seine beliebtesten – und umstrittensten – Kolumnen als Ausgangspunkt für Nachfragen. In Gespräche mit Andersdenkenden und Lieblingsgegnern wie Jakob Augstein, Margot Käßmann oder Armin Nassehi wird klar, dass die Auseinandersetzung grundsätzlich erst anfängt, wo die Kolumne endet. Jan Fleischhauer schafft Distanz, und zwar indem er austeilt: gegen Heiko Maas und seine Anzüge genauso wie gegen Alice Schwarzer und ihre schwachen Nerven. Reines Schubladendenken funktioniert hier also nicht. Die elegante Provokation zieht sich wie ein roter Faden durch die Sammlung – und das liest sich richtig gut, ist reich an klugen Pointen und auch ausreichend recherchiert. So geschliffen wird hier formuliert, das macht die Lektüre zu einem reinen Vergnügen. Jedoch, und das sei betont, niemals tritt Jan Fleischhauer auf diejenigen ein, die bereits am Boden liegen, das tun andere Kommentatoren ja schon zur Genüge!
Sind sich allerdings alle einig, schert Fleischhauer garantiert aus der Reihe: Er legt den Finger in die Wunde und kämpft für das Recht auf eine eigene Meinung – auch wenn diese mitunter weh tut.

Je nach Sichtweise kann man sich über die Kolumnen aufregen, freuen, nachdenken – auf jeden Fall aber muss man sie ernstnehmen; und was sie von anderen unterscheidet und ihnen öfter mal den Glanz des Feuilletons alter Schule gibt, ist ihre Milieudurchlässigkeit.

Heike Kasten

 


als ich einmal in den canal grande fiel 150x237

 

Droemer 18,00€

 

Petra Reski: "Als ich einmal in den Canal Grande fiel"

An einer Botschaft kommt man in diesem Buch nicht vorbei: Mit Venedig-Besuchen muss es erstmal auf längere Zeit vorbei sein, wenn man sich wie ein verantwortungsvoller Tourist (und Mensch) verhalten will. Denn wie schreibt Petra Reski so treffend: „Ich lebe in einer Stadt, die unter der Liebe von mehr als dreißig Millionen Menschen pro Jahr leidet.“ Einer Stadt, die zum Disneyland, zum Freizeitpark degradiert wird. Museum kann man leider nicht sagen, die werden besser geschützt.

Seit 1991 lebt die Journalistin Reski in Venedig. Eigentlich nur beruflich dort, um vom Filmfest zu berichten, läuft ihr ein Venezianer über den Weg und mitten rein ins Herz. Seitdem ist sie mit ganzem Herzen Bewohnerin von Venedig und beobachtet, wie sich die Stadt verändert. Dieses Buch ist eine einzige, wehmütige Liebeserklärung an Venedig und gleichzeitig eine Klageschrift, weil der Stadt durch die galoppierenden Entwicklungen der letzten Jahre die Luft abgedrückt wird. Ein Billigflug für 29,99 €, jährlich mehr als 500 Kreuzfahrtschiffe, Airbnb statt Wohnungen für Venezianer – gegen diese Bedrohungen käme man nur mit entschiedener Politik an, die die Massen an Besuchern begrenzen würde. Das aber passiert nicht, denn die Verquickung von Politik und Wirtschaft ist zu groß, Korruption auch hier an der Tagesordnung. Und neben dem Tourismus ist die Stadt natürlich noch durch den Klimawandel und den damit verbundenen steigenden Meeresspiegel bedroht.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum Sie sowas lesen sollten, deprimierend und trostlos klingt das doch. Aber das ist eben auch das besondere an Reskis Buch: Es verbreitet auf jeder Seite italienische, venezianische Atmosphäre und nimmt uns mit in die Welt der Kanäle, Lagunen und Inseln. Reskis Ton ist klar und frisch; genauso, wie sie Missstände benennt, schwärmt sie von den Begegnungen mit „echten“ Venezianern und beschreibt z.B., wie sie Boot fahren gelernt hat, was nach einer ähnlichen Herausforderung klingt, wie in New York den Führerschein zu machen.
Reisen im Kopf ist ja zur Zeit wenigstens möglich, und das geht mit diesem Buch ganz hervorragend – und gar nicht zu Lasten dieser besonderen Stadt.

Astrid Henning

 


eine formalie in kiew 150x237

 

Hanser Berlin 20,00€

 

Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"

Dima, der Ich-Erzähler, ist 34 Jahre alt. Demokratiedeutscher aus Überzeugung. Nun fehlt ihm nur noch die Staatsbürgerschaft, nach 25 Jahren als ehemaliger Kontingentflüchtling aus der Ukraine, sollte das eigentlich nur noch eine kleine Formalie sein... Doch die Beamtin fordert Dima auf, eine Apostille aus Kiew vorzuweisen, nur dann klappt es mit der Einbürgerung!

Also reist Dima nach Kiew in die Vergangenheit: Beim Besuch der alten Wohnung mit ihren „Stillstandsziegeln“, porösen Steinstufen und „regressrostigen Fenstern“ und bei Spaziergängen mit dem einst besten Kinderfreund prüft er, ob das, was ihm über die Ukraine „eingevorurteilt“ wurde, zutrifft. Manches stößt ihn ab, doch kostbar bleibt die Geburtsstadt, weil seine Eltern dort einmal glücklich gewesen waren.

Wunderbar liest sich Kapitelmans "Wortschöpfungslust", seine traurig-schöne Familiengeschichte erschien mir daher viel zun kurz. Man spürt Dimas persönliche Betroffenheit, wenn er von der Heute- und der Damals-Mutter schreibt, die sich lieber mit zig sibirischen Hauskatzen umgibt, als dem sich verlierenden Ehemann zur Seite zu stehen. Mit feiner Satire ist dieser neue, stark autobiografische Roman geschrieben. Absolut lesenswert!!!

Andrea Westerkamp

 


kindheit 150x237

 

Aufbau Verlag 18,00€

 

Tove Ditlevsen: "Kindheit"

Drei Dinge von denen ich vor „Kindheit“ von Tove Ditlevsen keine Ahnung hatte: Tove Ditlevsen, die 1920er Jahre in Kopenhagen und die geballte Kraft dieses schmalen Bandes. Die dänische Autorin ist in ihrem Heimatsland bereits Kanon, doch erst durch die Kopenhagen-Trilogie lernte ich endlich von der faszinierenden Autorin – ganze 45 Jahre nach ihrem Tod.

In dem autofiktionalen Werk erzählt Tove Ditlevsen von ihrer Kindheit in einem Kopenhagener Arbeiterviertel, das ihr gleichzeitig so viel Geschichte bietet und doch so wenig Raum diese zu erzählen. Ein Bruder, der nicht früh genug ausziehen kann. Eine Mutter, die mit sich selbst beschäftigt ist. Ein Vater, der nicht an die Existenz weiblicher Dichterinnen glaubt. Für einen kurzen Moment erscheint uns die junge Tove so sonderbar in dieser Umgebung, bis wir sie erkennen und uns bloß ob der Sonderbarkeit der anderen wundern, die es nicht tun. Ihre Beobachtungsgabe distanziert sie und macht doch jede ihrer Begegnungen völlig unangestrengt zu einem literarischen Erlebnis, das sich so gerne und gut lesen lässt.
Tove schreibt über die Anfänge ihres Schreibens und Schreiberin-seins in einer Stimme, deren Echo zurecht in der Gegenwart widerhallt. Ihr Schreibstil ist modern, die Themen aktuell – als Autorin und als Frau ihrer Zeit voraus.
Über ein freies und selbstbestimmtes Leben, allen Widrigkeiten zum Trotz, berichten die Bände von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie. Auch die nachfolgenden Bände „Jugend“ (978-3-351-03869-4, 18€) und „Abhängigkeit“ (978-3-351-03870-0, 18€) sind diesen Monat im Aufbau Verlag erschienen und lesen sich wie ein einzelnes großartiges Werk: Absätze von ergreifender Intensität, Sätze von atemberaubender Prägnanz.

Tove Ditlevsen sollte man gelesen haben, ihre Bücher machen große Lust auf noch mehr Bücher.

Mattes Daugardt

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar



miss bensons reise 150x237

 

Krüger 20,00€

 

Rachel Joyce: "Miss Bensons Reise"

Wenn wir Glück haben, gibt es irgendetwas in unserem Leben, dass uns so richtig wichtig ist, für das wir Hindernisse überwinden und uns anstrengen – für das wir brennen.
Für Margery ist die Sache klar, endlich wieder, denn eine Zeitlang hatte sie fast vergessen, was ihre Leidenschaft ist. Aber den „Goldenen Käfer von Neukaledonien“ zu entdecken, das ist ihr Ziel, seitdem ihr Vater ihr davon eine Abbildung in einem Lexikon gezeigt hatte, irgendwann 1914 oder so.
Jetzt ist 1950 und Margery fristet ihr Dasein als Hauswirtschaftslehrerin – dabei kann sie nicht mal gut kochen. Als sich dann auch noch ihre Klasse mit einer gemeinen, aber leider treffenden Karikatur über sie lustig macht, brennen bei Margery die Sicherungen durch: Sie unterbricht den Unterricht, geht nach Hause und setzt ein Inserat in die Zeitung „Gesucht: Französisch sprechende Begleitung für eine Expedition ans andere Ende der Welt. Alle Kosten werden übernommen.“

Damit beginnt ein Abenteuer der ganz besonderen, für uns der ganz besonders unterhaltenden Art, denn zu guter Letzt bleibt Margery nichts anderes übrig, als mit Enid zu reisen, eine Notlösung, ein Ersatz; sie sieht Enid das erste Mal auf dem Bahnhof in London, kurz vor der Abfahrt – eine junge Frau im pinkfarbenen, äußerst figurbetonten „Reisekostüm“, auf dem Kopf ein neckisches Hütchen, insgesamt komplett fern von einer patenten Reisebegleitung… Kaum zu glauben, dass diese beiden Frauen nach Neukaledonien reisen werden: Sie werden die wildesten Abenteuer erleben und viel Hürden nehmen, gemeinsam, nachdem sie sich irgendwann bei all ihrer Verschiedenheit, oder gerade deswegen, zusammengerauft haben und sich treue Begleiterinnen werden.

Beide Frauen haben tiefe Verletzungen aus der Vergangenheit zu überwinden, und Rachel Joyce versteht es ganz wunderbar, ihre Protagonistinnen lebendig, warm und mit einer gehörigen Portion Skurrilität zu schildern.
Der passende Roman zur Jahreswende – statt mehr Sport und bewusster Ernährung zu Neujahr, vielleicht besser mal darüber nachdenken, was denn der eigene Traum im Leben war oder ist!

Astrid Henning


the german girl 150x237

 

Rowohlt 20,00€

 

Ulrike Sterblich: "The German Girl"

„The German Girl“ – das ist Mona, die mit Anfang 20 aus Berlin nach New York zieht, Ende der 60er Jahre, um sich dort als Fotomodell zu versuchen. Ihre langen Beine sind ihr dabei jedenfalls nicht im Weg, ein Engagement als Strumpfhosenmodell hat sie schon in der Tasche, und der Rest wird sich ganz bestimmt ergeben, meint Mona.
Langweilig ist es jedenfalls nicht, denn New York ist zu diesem Zeitpunkt eine turbulente, brodelnde Stadt, voll mit Künstlern und vor allem welchen, die sich dafür halten. Showbusiness, Kunst, Politik, Geld – alles da, und von allem reichlich.
Mit Konventionen hat man nicht viel am Hut, alles fühlt sich irgendwie sehr leicht, schwebend und in Bewegung an – was auch ganz schön anstrengend sein kann. Wenn man mal wieder das Gefühl hat, nicht mehr gut drauf zu sein, sich schlecht und überfordert fühlt, na dann gibt’s ja ganz spezielle Ärzte, „Feelgood-Doctors“, die einen innerhalb von Sekunden und mit ein paar Spritzen wieder ganz nach vorne katapultieren können. Was das für Injektionen sind, will man gar nicht genau wissen, Vitamine, Enzyme und Mineralien sind drin, das hört sich doch gesund an.
Dr. Max ist einer von den ganz berühmten, sogar John F. Kennedy hat sich von ihm behandeln lassen, außerdem alles was in Wirtschaft, Politik und Showbiz einen Namen hat, das Wartezimmer platzt regelmäßig aus allen Nähten. Auch Mona profitiert von Dr. Max‘ Behandlung, übrigens ein Deutscher, der 1936 in die USA emigriert ist und mit Mona gerne über Berlin plaudert. Könnte also alles so unbeschwert weiter laufen, doch dann wird ein Patient und Freund von Dr. Max tot aufgefunden, mit jeder Menge Einstichstellen: Da möchte man doch mal genauer untersuchen, was es mit den Wunderspritzen so auf sich hat.

Dieser Roman hat was von der Party-Stimmung bei Holly Golightly, mit den dazugehörigen seelischen Katern. Er lässt uns nochmal eintauchen in die Pop-Art Welt New Yorks Ende der 60er, er vermittelt den ungeheuren Schwung und Optimismus, der offensichtlich (geforderte) Lebenshaltung war. Frisch, temporeich und mit intelligentem Witz!

Astrid Henning


die unverhofften 150x237

 

Suhrkamp 25,00€

 

Christoph Nußbaumeder: "Die Unverhofften"

666 Seiten! Ein Wälzer wie gemacht für momentane Zeiten, in denen viele Menschen ihr Leben mit Lesen füllen.

Dieses Familien- und Gesellschaftsepos behandelt mehr als 100 Jahre deutsche Geschichte, beginnend 1899 im bayrischen Wald, nahe von Böhmen, endend im Jahre 2019. In Eisenstadt ist die Geschichte angesiedelt.
Die Familie Hufnagel beherrscht mit ihrer Glashütte das Geschehen des Ortes als Arbeitgeber für die meisten Einwohner. Die Zeiten sind hart, die Bedingungen für die Arbeiter, egal ob Männer oder Frauen, beinahe unzumutbar. Einige Arbeiter organisieren sich zum Widerstand. Maria, ein Mädchen aus niederer Schicht, hat einen Traum. Nach Amerika will sie auswandern. Doch es kommt anders. Siegfried Hufnagel vergewaltigt die junge Frau und nachdem ihr alle Hilfe verweigert wird, verflucht sie die Bewohner von Eisenstadt und begeht vor ihrem Verschwinden eine folgenschwere Tat. Die Glashütte brennt…

Mai 1945: die Amerikaner fahren mit ihren Panzern in den Ort ein. Josef Hufnagel, der Sohn Siegfrieds, leitet mittlerweile ein Sägewerk, nimmt Erna auf, geflüchtet aus Sudetenland und - Tochter von Maria. Sie wird einen Sohn gebären, die eigentliche Hauptfigur des Romans, Georg Schatzschneider. Dieser übernimmt bereits als 18jähriger die Geschicke des Werkes und wird in den Wirtschaftswunderjahren zu den ganz Großen aufsteigen. Ehrgeizig wie er ist, wendet er sich der Politik zu, entfernt sich von seinen Wurzeln. Eine große Lebenslüge seiner Vorfahren wird über dem Leben von Georg hängen, ihn zu einem Mann machen, der die Arbeit über alles stellt, bevor er im hohen Alter doch noch eine Veränderung in seinem Leben erfährt.

Ein großartiger Familienroman über vier Genration, sprachlich hervorragend, der mir ein ganz besonderes Lesevergnügen bereitet hat. Faszinierend sind die Verflechtungen der Charaktere und die Rückführungen zum Kern, selbst bei kleinen erzählerischen „Abwegen“.
Versinken Sie mit Herrn Nußbaumeder in einem Bogen deutsche Geschichte!

Annette Matthaei


totenwelt 150x237

 

Aufbau Verlag 11,00€

 

Michael Jensen: "Totenwelt"

Mai 1945  Flensburg

Vor einer Woche erst hat Jens Druwe den Mord an einem hohen Funktionär der NSDAP aufgeklärt, dabei lernte er die wesentlich jüngere Eva kennen und lieben. (Totenland Bd 1) Sie tut ihm gut, hat er doch im Krieg nicht nur seine Stellung als Hauptkommissionar in Berlin eingebüßt, sondern auch bei Kriegsgefechten eine Hand verloren. Die temperamentvolle Frau bestärkt Jens darin, wieder aktiv an seiner beruflichen Zukunft zu arbeiten.
Während die Regierung unter Admiral Dönitz noch glaubt, sich mit den Siegermächten arrangieren zu können, wird Druwe zum Marinestützpunkt gerufen. Die Engländer sind interessiert daran, den offenbar nicht parteizugehörigen Polizisten mit dem Neuaufbau einer Polizeieinheit zu beauftragen. Jens sucht nach möglichen Anwärtern, als er bereits über eine neue Leiche stolpert. Der Tote trug einen Brief bei sich, in dem er zugab, mit der Tötung von Eva beauftragt worden zu sein...
Währenddessen versucht Werner Grell, ein untergetauchter Geheimagent, hoch brisante Listen an die Engländer zu verkaufen. Sein alter Weggefährte Druwe soll dabei den Mittelsmann spielen. Doch es kommt ganz anders, und Grell, ebenso wie ein britischer Major werden erschossen aufgefunden...

Unglaublich dicht erzählt, vermittelt uns dieser neue Krimi von Michael Jensen ein stimmiges Bild des damaligen Umbruchs. Der Krieg ist seit wenigen Tagen verloren, und plötzlich gibt es nur noch weiße Westen unter den ehemaligen Parteimitgliedern... Der Spannungsbogen wird gekonnt aufgebaut und die Hauptperson stellt sich immer wieder die Frage, welchen Anteil sie selbst an Nazi-Deutschland hatte...

Andrea Westerkamp


die dame mit der bemalten hand 150x237

 

Berenberg 22,00€

 

Christine Wunnike: "Die Dame mit der bemalten Hand"

Dieses Buch ist nicht nur wunderschön und liebevoll ausgestattet, es entführt uns auch in fremde Welten vergangener Zeit.

Der Student Carsten Niebuhr ist einer von sechs Teilnehmern einer Expedition, die 1764 nach Arabien führt, dort soll die Realität mit den biblischen Schilderungen abgeglichen werden, natürlich will man auch botanische Untersuchungen durchführen und die Gegend kartographieren. Das ist Niebuhrs Aufgabe als Mathematicus.
Im Roman allerdings befinden wir uns keineswegs in Arabien, sondern auf der Insel Gharapuri, die in Indien liegt – woraus wir schon erkennen können, dass nicht alles nach Plan verlaufen ist. Fünf der sechs Entdecker sind bereits an diversen Krankheiten gestorben, auch Niebuhr wird vom Sumpffieber geplagt, aber offensichtlich hat er eine bessere Konstitution als seine Mitreisenden. Während einer dieser Fieberattacken wird er von Musa al-Lahuri gefunden, einem persischen Astronomen, der auf dem Rückweg in seine Heimat auf Gharapuri gestrandet ist. Diese beiden gelehrten Männer verbringen nun einige Tage miteinander und unterhalten sich über Gott und die Welt, ganz im Wortsinne.

Mit hintergründigem Witz, umfassender historischer Kenntnis und großer Liebe zu ihren Figuren schildert Wunnicke die Begegnung zweier unterschiedlicher Welten: Orient und Okkzident, ein Astronom und ein Kartograph, Arabisch und Deutsch – ein quecksilbriger Tausendsassa und ein norddeutscher Gelehrter – so viele Gelegenheiten zum Missverständnis, aber auch sehr viel Neugier und Interesse an der Welt des anderen. „Neugier und Interesse“ – damit wäre auch heute schon einiges gewonnen.

Astrid Henning


die unschaerfe der welt 150x237

 

Klett Cotta 20,00€

 

Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt"

Florentine, Hannes und ihr bald glücklich geborener Sohn, der hübsche aber sehr schweigsame Samuel, sind eine junge Pastorenfamilie im Banat. Banat? Müssen Sie sich da auch erst fragen, wo auf der Welt das Banat liegt? Es ist eine Region im Westen Rumäniens, ein Teil liegt in Serbien, ein winziger Ausläufer in Ungarn. Der Roman spielt in der winzigen deutschsprachigen Minderheit im Banat, in der Tiefebene im Norden, einer Landschaft mit endloser Weite, fruchtbaren Feldern und reichen Gärten, mit langen, heißen Sommern und harten, schneereichen Wintern.

Leicht ist es nicht, im Rumänien der 70er und 80er Jahre zu leben, insbesondere nicht, wenn man ein bisschen anders ist als andere. Spitzel gibt es auch in dem Dorf der deutschen Minderheit, und die repressive Politik Rumäniens führt zu einer Stimmung der Angst und Unfreiheit.
Obwohl Samuel relative Sorglosigkeit genießt, flieht er eines Tages mit einem Agrarflugzeug – die ungarische Grenze ist nah -, um seinen Freund zu retten. Er lässt seine Eltern und vor allem seine geliebte Freundin Sana zurück. Als der Ostblock bröckelt und Rumäniens Diktator zu Fall gebracht worden ist, kann er zurückkehren. Zeit, endlich als freie Familie zu leben.

Iris Wolff erzählt sanft und zurückhaltend, in poetischen Bildern und aus sieben verschiedenen Perspektiven. In kleinen Ausschnitten zeichnet sie mit zartem Gespür eine Banater Familiengeschichte auf, lässt dazwischen Raum fürs Innehalten und Nachspüren von Wörtern und Sätzen. In einem unaufhaltsamen Sog wird man in diese Familie, dieses Jahrhundert und die Gegend hineingezogen, lernt sie auf stille und intime Weise kennen und möchte sie ungern entlassen am Ende des Buches.
Dieses kleine, feine literarische Kunstwerk hallt noch lang nach.

Christiane Knappe


elsas glueck 150x237

 

Blanvalet 11,00€

 

Beate Maly: "Elsas Glück"

Manchmal braucht man einfach ein Buch zum Versinken, Wegträumen und Abtauchen- „Elsas Glück“ von Beate Maly, der zweite Band der Geschichte um die jüdische Familie Sonnstein in Wien, eignet sich dafür ganz hervorragend!

Während wir im ersten Band Elsas Mutter Lotte auf ihrem Weg begleitet haben, die zusammen mit einer der ersten Geschäftsfrauen Wiens die erste Skimodenkollektion für Frauen kreierte, tauchen wir nun mit Elsa ins Studentenleben Wiens in den 1920er Jahren ein.
Elsa ist eine junge, ambitionierte Frau; sie studiert an der Universität Wien Pädagogik und Psychologie und interessiert sich sehr für neue Strömungen und Konzepte in der Lehrtätigkeit und in der Betreuung von Kindern. Besonders die Situation elternloser Kinder in Heimen beschäftigt sie sehr. Sie ist überzeugt davon, dass die Behandlung der Kinder in solchen „Anstalten“ nicht richtig ist und es neue Mittel und Wege geben muss, um ihnen beizustehen und zu helfen. Auf ihrem Weg scheut Elsa sich nicht, auch unkonventionelle Ideen in die Tat umzusetzen. Dank des Reichtums und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Eltern stehen Elsa alle Wege offen. Da jedoch ihre Kommilitonen nahezu alle aus dem erstarkenden sozialdemokratischen Umfeld kommen, bewegt Elsa sich ständig im Spannungsfeld zwischen ihrer eigenen Herkunft und den Ideen und Idealen ihrer Freunde.

Sorgen bereitet Elsa zudem die spannungsreiche Beziehung ihrer Eltern. Ihr Vater, im ersten Weltkrieg Arzt in den Bergen, leidet nach wie vor stark unter einem Lawinenunglück, das er als einziger Überlebender mitansehen musste. Lotte vermisst die Berge und das Skifahren, die Freiheit früherer Jahre, will aber ihrem Mann nicht noch mehr Kummer bereiten. Als Elsas Bruder nach seinem Medizinstudium die Familie verlässt, um als Bergführer in den Alpen zu arbeiten, droht die Situation zu eskalieren. Kurz darauf stößt Elsa auch noch auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis, das alles ins Wanken zu bringen scheint...

Sabine Christ


real tigers 150x237

 

Diogenes 18,00€

 

Mick Herron: "Real Tigers"

(Bd.3 um Jackson Lamb und seine "Slow Horses")

Feinster britischer Humor gepaart mit allen Zutaten, die ein typischer Spionagethriller benötigt!

Auch im 3. Teil der Reihe um die in Ungnade gefallenen Agenten des Regent Parks (MI5), geht es sofort zur Sache. Kurzes Bargeplänkel, Gläser werden gekippt, Ohrfeigen verteilt, und am nächsten Morgen erscheint Catherine Standish nicht zum Appell. Jackson Lamb, dieser ungehobelte, schlecht riechende, ständig Beleidigungen ausstoßende Chef sieht vorerst keinen Anlass zur Sorge. Zwar hat er zwei Anrufe von Catherine überhört, aber die können ja wohl nicht so wichtig gewesen sein... Zugegeben: Catherine kam noch keinen einzigen Tag zu spät, aber irgendwann ist eben immer das erste Mal!
Wir Leser wissen bereits, dass die Ärmste entführt wurde, und während der Countdown läuft, bemüht sich Kollege River Cartwright nach besten Kräften, die Forderungen der Entführer zu erfüllen. Dummerweise muss er dazu das "Mutterhaus" betreten, und nicht nur das, er benötigt dringend eine bestimmte Akte aus dem Allerheiligsten. Da ist es fast schon unerheblich, dass es sich bei dem brisanten Schriftstück um das Dossier des Premierministers handelt...
Die lahmen Gäule aus dem Slough House beweisen einmal mehr, dass sie völlig zu Unrecht degradiert wurden!

Andrea Westerkamp

 

Unsere Buchempfehlungen im November -  2. Teil



bergsalz 150x237

 

Droemer 20,00€

 

Karin Kalisa: "Bergsalz"

Im schönen, sehr ländlichen Voralpenland sitzt Franziska Heberle schon fast an ihrem Mittagstisch, fragt sich gerade noch, ob sie frischen Estragon aus dem Garten ans Essen geben soll, da klingelt es plötzlich an der Haustür. Und das wiederum ist sehr ungewöhnlich für Franzi und für das Dorf, in dem sie lebt: In der Mittagszeit, kurz davor und auch danach – da klingelt man nicht! Da hat nämlich eh niemand Zeit, weil jeder das Essen zubereitet (so wie Franzi), dann isst, dann die Küche macht und danach ist Mittagszeit, sprich Ruhe.
Aber nun, jetzt hat’s tatsächlich geklingelt, und es geht noch weiter mit den Merkwürdigkeiten: Vor der Tür steht Johanna von gegenüber, die übrigens mittlerweile ebenfalls allein lebt, Kinder (und Mann) aus dem Haus und fragt nach einer Tasse Mehl. Eine Tasse Mehl?? Da stimmt was nicht, denn Johanna ist mindestens eine ebenso gewissenhafte Hausfrau wie Franzi und hat mindestens drei verschiedenen Mehlsorten auf Vorrat im Keller. Weil Johanna zudem etwas aufgeregt und nervös wirkt, macht Franzi etwas ziemlich Unerhörtes – sie fragt Johanna, ob sie vielleicht mit ihr zusammen essen will – dabei isst doch eigentlich in diesem Dorf jeder hübsch für sich allein. Dass es nach dem gemeinsamen Essen ein zweites Mal klingelt, eine weitere Nachbarin vor der Tür steht und ein Päckchen abholen möchte, Franzi auch sie hineinbittet und Johanna schließlich die anderen beiden zu morgen Mittag zum Essen einlädt, all das ist neu und höchst ungewöhnlich.
Es beginnt damit eine völlig neue Form der Begegnung im Dorf – aber war das nicht schon immer was, dass dem Menschen höchst eigen ist: zusammen zu essen? Eine Idee nimmt Form an, zunächst im Kopf von drei Frauen, die aber sehr schlau ihre Verbindungen nutzen. Das alte Wirtshaus, das „Rössle“, ist doch geschlossen, mit großer Küche, die nicht genutzt wird, obwohl das Gasthaus als Unterkunft für Geflüchtete dient. Die wiederum ihr Essen in Plastikbehältern geliefert bekommen, lauwarm und nicht sehr lecker. Ja, wenn man da mit Tatkraft und Energie 1 + 1 zusammenzählt, offen ist und Sprachbarrieren überwindet, dann kann etwas wunderbar Neues für alle entstehen.

Vom Tonfall sehr bayrisch eingefärbt, mit jeder Menge Schwung und Atmosphäre: der neue Roman von Karin Kalisa!

Astrid Henning


normale menschen 150x237

 

Luchterhand 20,00€

 

Sally Rooney: "Normale Menschen"

Eine der intensivsten Liebesgeschichten, die ich bisher gelesen habe.

Connell und Marianne gehen seit Jahren an dieselbe Schule in Westirland und haben nicht viel miteinander gemein – er ist der beliebte Fußballspieler, sie spielt die Rolle der Außenseiterin. Als die beiden ins Gespräch kommen, passiert etwas Unwiderstehliches – etwas, das sich bald als unwiderruflich herausstellt: die beiden verlieben sich.
Der Roman beginnt so unbesorgt, wie die Schulzeit im Nachhinein eben erscheint und gräbt sich doch Seite über Seite in die Materie bis Sie sich mit feuchten Händen fragen: Wo ist die Unschuld geblieben und die Leichtigkeit der Jugend?
Über die Anfänge ihrer Beziehung begleiten wir Connell und Marianne ans College in Dublin; wir erleben, wie sich die beiden verändern und wie sich ihre Beziehung mit ihnen verändert – wie sie sich voneinander wegbewegen, nur um sich wieder gegenseitig anzuziehen. Es geht darum, wie lebendig Liebe sein kann und sich zwischen Attraktion und tiefer Freundschaft bewegt. Es geht auch darum, wie die Liebe instrumentalisiert werden kann und welche Rolle Sex und Macht dabei spielen.

Ein gelungener Roman über moderne Liebe und die Komplexität menschlicher Beziehungen und die alles entscheidende Frage: Was ist eigentlich „normal“?
Sally Rooney verfügt über die Gabe, hässliche Dinge wunderschön erscheinen zulassen und wunderschöne Dinge leuchten zu lassen. Sie werden den Roman in dem Gefühl beenden, als wären Ihnen ganze Passagen unter die Haut tätowiert worden – so intensiv, so transformativ ist Rooneys Geschichte über zwei Menschen, die stets auf der Suche sind.

Mattes Daugardt


baeren fuettern verboten 150x237

 

Mare 22,00€

 

Rachel Elliott: "Bärenfüttern verboten"

Es ist doch immer wieder eine große Freude, wenn man in der Flut der Neuerscheinungen eine echte Perle entdeckt. So ist es mir mit dem wunderbaren Roman von der mir bisher unbekannten Autorin Rachel Elliott ergangen. „Bären füttern verboten“ gehört für mich ganz eindeutig zu den warmherzigsten, empfehlenswertesten Büchern in diesem Herbst!

Sydney Smith geht auf die 50 zu. Sie ist Cartoonistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Freundin Ruth zusammen. Nicht nur das pausenlose Zeichnen treibt sie um, eine viel tiefer sitzende Obsession ist für sie das „Freerunning“. Jede sichtbare Fläche ist eine Bewegungsaufforderung. In lockeren Hosen, mit Sneakern an den flinken Füßen erklettert sie Hausfassaden, springt federnd von Dach zu Dach, halsbrecherisch möchte man meinen und das in dem Alter. Vielleicht eine Art „Wegspringen“? Schon als Kind war sie unbändig, konnte nicht begreifen, warum die Menschen sich wie Roboter gleichförmig und in Zeitlupe bewegen, wo es doch so ein herrliches Gefühl ist über Dinge zu hopsen und zu fliegen. Eine Bettenabteilung in einem Kaufhaus erscheint ihr als paradiesischer Ort, die Spielzeugabteilung kann man ihr schenken.

Trotz aller skurrilen Eigenschaften sind sie eine glückliche Familie, die Smiths. Vater Howard, Mutter Ila, der ältere Bruder Jason, der eine tiefe Liebe zu Eisenwarenhandlungen hegt, und eben die quirlige Sydney. Jedes Jahr verbringen sie zusammen die Ferien in St.Ives an der Küste, herrliche Kinderzeit. Bis in dem Sommer, als Sydney 10 Jahre alt wird, die Mutter tödlich verunglückt. Die restliche Familie knallt auseinander. Gesprochen wird nicht, jeder zieht sich in sein Schneckenhaus und damit in das Gefängnis der eigenen Gedanken und Schuldgefühle zurück. Mehr als dreißig Jahre später kehrt Sydney an den Ort am Meer zurück, sie versucht, sich der Vergangenheit zu stellen.
Hier nun lernen wir andere Menschen und Schicksale kennen. Marie, die mit einem missmutigen, lieblosen Mann verheiratet ist und heilende Muffins backen kann. Belle, die mit über 30 immer noch zu Hause lebt und die T-Shirts ihrer Kindheit nie abgelegt hat. Stuart, ein irischer Wolfshund, der sich seine Familie energisch ausgesucht hat und eine Seele von Hund ist. Auch die Verstorbenen kommen zu Wort, sprechen in Träumen zu ihren Lieben oder begleiten sie sogar Hand in Hand an den Strand. Die Leben dieser Menschen und Tiere sind verknüpft wie in einem Episodenfilm.

Ein so herzerwärmender, liebevoller Roman, der hoffentlich ganz vielen Menschen Freude bereiten wird. Danke, Frau Elliott!

Annette Matthaei


tiger 150x237

 

Eisele 22,00€

 

Polly Clark: "Tiger"

Das Schicksal der Amur-Tiger in der russischen Taiga wird in dem jüngst erschienen Roman der Kanadierin Polly Clark sehr eindringlich und voller Wärme geschildert.
Mit großem Feingefühl, jedoch ohne Pathos, wirkt er wie ein Plädoyer für den Schutz der Artenvielfalt.

Vier Erzählstränge benutzt die Autorin, um das Leben von Luna, der Tigerin darzustellen und all derer, die mit ihr zu tun haben.
Frieda ist Primatenforscherin in einem kleinen Zoo in Devon. Sie erforscht das Verhalten der Bonobos.
Ihr persönliches Schicksal drückt sie mit erheblichem Tablettenkonsum in den Hintergrund. Das geht nicht lange gut. Als man sie eines Tages mit der Betreuung der Amur-Tiger betraut, trifft sie auf Luna.....
Tomas ist Wildhüter. Gemeinsam mit seinem Vater baute er das Iwanowitsch-Reservat für Tiger in der kalten Taiga auf. Der Hintergrund von Vater und Sohn birgt jede Menge Konflikte, und nach einem folgenschweren Vergehen des Vaters kommt es zwischen beiden zum Bruch.
Edit gehört zum aussterbenden Volk der Udeh. Mit ihrer Tochter lebt sie fernab der schützenden Dorfgemeinschaft. Eines Tages trifft auch sie auf den Tiger....
Der letzte Strang dieses Ausnahmeromans gehört ganz allein dem Hauptprotagonisten!

Selten zog mich ein Buch dermaßen in seinen Bann! Mein absoluter Lesetipp für den Herbst/Winter 2020!!

Andrea Westerkamp-Stützel


vergeltung 150x237

 

Heyne 22,00€

 

Robert Harris: "Vergeltung"

Pünktlich zur dunklen Jahreszeit unterhält uns Robert Harris mit einem neuen spannenden Roman, geschrieben im ersten Corona Lockdown. Er handelt von der letzten „Wunderwaffe“ der Deutschen im zweiten Weltkrieg, der Rakete V2.

Rudi Graf, ein deutscher Ingenieur und Idealist, dessen Lebenstraum es war, ein Raumschiff zu bauen, lernt während des Studiums Wernher von Braun kennen. Ihre Lebenswege werden lange verflochten bleiben. Trotz diverser Mängel und noch mehr Fehlversuchen, erhält Wernher von Braun den Zuschlag für Peenemünde von Himmler und dem Führer persönlich. Gemeinsam mit Rudi baut er das Herstellungslager von Flugobjekten auf Usedom auf.
Wir befinden uns nun im November 1944. Hitler ist schwer unter Druck geraten, Peenemünde längst zerbombt und die unterirdische Rüstungsfabrik und Produktionsstätte der Rakete namens V2 (V von Vergeltung) in die Minen „Mittelbau Dora“ nach Nordhausen verlegt. Dieses mörderische Gerät soll zu einer entscheidenen Wende im Krieg beitragen, indem mehrere Hundert nach Antwerpen und London fliegen und dort ihr Unheil anrichten, abgeschossen von einer Basis aus dem besetzten Holland in Scheveningen.

Die attraktive Kay arbeitet in England als W A A F (Women‘s Auxiliary Air Force, eine militärische Hilfstruppe von Frauen im zweiten Weltkrieg). Sie analysiert Luftaufnahmen von vom Feind besetzten Gebieten, unter anderm die Anlage in Peenemünde. Nur knapp entgeht sie einem Anschlag der V2 Rakete. Viele Menschen sterben, ihr Geliebter wird schwer verwundet. Das gibt den Ausschlag, dass sie, streng geheim, als „Frau am Rechenschieber“ ins belgische Mecheln geht, um dort mit anderen Freiwilligen Radarmessungen der Raketenflüge auszuwerten und über deren Flugbahn Rückschlüsse auf den Abschussort zu ziehen - ein Wettlauf mit der Zeit.
Rudi ist inzwischen desillusioniert, angewidert vom SS Regime und von sinnlosem Morden. Durch kritische Bemerkungen und Zweifel am Endsieg gerät er mehr und mehr selbst zur Zielscheibe der SS. Wird er linientreu bleiben?

Etwa 20 000 Zwangsarbeiter starben beim Bau der V2. Ca. 3400 Menschen ließen in London und Antwerpen durch die Rakete ihr Leben. Das V-Programm gilt als „die mit Abstand größte Verschwendung durch ein kriegsführendes Land in einem höchst verschwenderischen Krieg“ (Daniel Todmann, Britain‘s War, 2020). Der SS-Mann Wernher von Braun erhielt nach dem Krieg sehr schnell den Persilschein, ging in die USA und war massgeblich im Apollo Programm und beim Bau von Nasa Trägerraketen tätig…
Recherche auf hohem Niveau und wieder einmal ein Spotlight auf einen Teil zweiter Weltkriegsgeschichte, spannend nach bewährter Harris Manier, sehr zu empfehlen.

Annette Matthaei


just like you 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Nick Hornby: "Just like You"

Und wieder hat es Nick Hornby geschafft, aus einer neuen Lovestory einen guten, lesenswerten Roman zu basteln: einen Gegenwartsroman, in dem der Brexit eine nicht unerhebliche Rolle spielt (und als Metapher auch deutlich etwas hermacht), der vom Rassismus handelt (auch das ein mehr als aktuelles Thema) und der unterschiedliche Klassen und Milieus miteinander verknüpft.

Lucy, eine zweiundvierzigjährige Lehrerin, und ihr Mann Paul, den Alkohol und Kokain aus der Bahn und aus der Ehe geworfen haben, stehen am Ende ihrer Beziehung. Mehr zufällig lernt Lucy den 22 Jahre jungen Joseph kennen, der sich mit Aushilfsjobs in einer Metzgerei, in einem Freizeitzentrum und einem Fußballverein mehr schlecht als recht durchschlägt, hauptberuflich allerdings eine Karriere als DJ vor Augen hat. Lucy heuert ihn als Babysitter für ihre beiden Jungs an, damit sie endlich einmal wieder ausgehen kann. Es dauert ein wenig, bis Lucy und Joseph spüren, dass sie sich mehr als sympathisch sind. Er arbeitet dort, wo sie wohnt, in einem besseren Londoner Stadtteil, aber er lebt da, wo das Gras nicht besonders grün ist.
Hier also typisch juvenile Desorientiertheit, dort eine schwere Midlife-Crisis. Und das ist nicht einmal alles, es gibt zwischen den beiden nicht nur den Alters- und Klassenunterschied, sondern auch den der Hautfarbe: Joseph ist schwarz. Selbst als er und Lucy längst offiziell ein Paar sind, wird er gelegentlich für die Haushaltshilfe gehalten; auch racial profiling widerfährt ihm: als er vergeblich vor Lucys Haustür klingelt, wird er von der Polizei aufgegriffen.

Hornby entwickelt routiniert und feinfühlig eine Beziehungsgeschichte unter erschwerten Bedingungen. Nebenbei gelingt es ihm, ohne aufgesetzte Reflexion, den Brexit in seiner Kompliziertheit zu fassen, so wie dieser ganz Großbritannien in zwei Lager aufgeteilt hat. Nie hat man den Eindruck, dass Hornby sich bei der Verquickung der Themen verhebt - und er schafft es bis zum Schluss, die Spannung hoch zu halten, die entscheidende Frage hinauszuzögern: Packen die beiden es wirklich? Oder stellen Alter, Klasse und Rasse zu hohe Hürden dar?

Heike Kasten


die verschwindende haelfte 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Brit Bennett: "Die verschwindende Hälfte"

Diesem Roman wünsche ich sehr viele LeserInnen, denn hier kommt so viel vom Besten zusammen: Das Buch lässt uns mit seinen Protagonistinnen mitfühlen, lässt uns ihre Lebenswelt mit neuen Augen sehen, es urteilt nicht, regt zum Nachdenken an – und es unterhält auch noch hervorragend.

Los geht’s 1954 in dem kleinen Städtchen Mallard in Louisiana, einem fiktiven Ort, der noch dazu eine Besonderheit hat: Hier wohnen nur extrem hellhäutige Farbige, deren Hautfarbe sich über die Generationen hinweg so sehr in Richtung „Weiße“ verändert hat, dass ihre Bewohner gar nicht mehr als People of Colour zu erkennen sind.
Dort wachsen die Zwillinge Desiree und Stella auf, in wenig privilegierten Verhältnissen – weshalb sie mit knapp 16 Jahren nach New Orleans türmen und jahrelang nichts von sich hören lassen. Nach einem Jahr in New Orleans trennen sich ihre Wege, denn die beiden werden ihre Zukunft völlig unterschiedlich gestalten. Desiree heiratet einen schwarzen Mann und wird mit knapp 30 Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehren, an der Hand das erste wirklich schwarze Kind in Mallard – ihre Tochter. Und Stella? Was zuerst nur ein aufregendes Spiel ist, nämlich sich als „Weiße“ auszugeben, wird zu Stellas Lebenskonzept, man könnte auch sagen zu ihrer Lebenslüge.

Brit Bennett schildert beide Schwestern und deren Familie so einfühlsam und glaubwürdig über knapp 40 Jahre hinweg, dass man wirklich das Gefühl bekommt, ganz nah dran zu sein. Gekonnt legt sie die Spuren, macht uns neugierig auf die nächsten Seiten, weshalb ich den Roman nur schwer aus der Hand legen konnte. Dabei sind die Entwicklungen nie vorhersehbar, verschiedenste Themen werden angesprochen, ohne dass die Geschichte überfrachtet wird. Ein Buch über Herkunft, Identität, Selbstbestimmung und Loyalität.

Astrid Henning


das zweitbeste leben 150x237

 

Arche 22,00€

 

Tayari Jones: "Das zweitbeste Leben"

Atlanta in den 80ern. James Witherspoon hat es geschafft! Jahrelang sparte er, und nun besitzt er ein eigenes Auto. Damit steht seiner Karriere als Taxiunternehmer nichts mehr im Wege. Dana sieht ihren Vater meistens in seiner schicken Chauffeursuniform. Wenn er sie von der Schule abholt, starren sie die anderen Kinder manchmal an, das mag sie nicht so gerne. Und wenn sie dann zu dritt am Mittagstisch sitzen, stellt sich Dana vor, sie seien eine ganz normale Familie : Vater, Mutter, Kind.

Laverne wurde mit 14 geschwängert. Daraufhin musste der erst 18 jährige James sie sofort heiraten. Alles andere wäre einer Katastrophe gleichgekommen. Seither sind viele Jahre vergangen.  Ihre Tochter Chaurisse ist ein aufgeweckter Teenager und der Frisiersalon von Laverne wirft genug ab, um sich neben James Einkommen als Taxifahrer, manches Zusätzliche leisten zu können. Das Leben meint es gut mit den Witherspoons, bis eines Tages die Salontür aufgeht und ein Mädchen hereintritt. Sie sagt, sie heiße Dana und möchte gerne Chaurisse sprechen...

Seit Erscheinen des Romans „In guten wie in schlechten Tagen“ wird die Autorin in den USA als Buchkönigin gefeiert. Zu ihren Fans gehören Barack Obama und Oprah Winfrey. Nun gibt es diese zweite Buch auf Deutsch von ihr, das in den USA bereits 2011 veröffentlicht wurde.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

Unsere Buchempfehlungen im November -  1. Teil


berlin prepper 150x237

 

Suhrkamp TB 10,00€

 

Johannes Groschupf: "Berlin Prepper"

Unsere schöne, coole und vermeintlich so saubere Digital-Welt hat auch unschöne Seiten und bringt Berufe hervor, von denen die meisten von uns gar nichts wissen. Oder könnten Sie auf Anhieb erklären, was ein Content-Manager den ganzen Tag macht? Tatsächlich gehören in diese Berufsgruppe Menschen, die nichts anderes tun, als den ganzen Tag Leserbriefe, Mails, Kommentare zu sichten und entsprechend zu sortieren. „Approve“ (in diesem Fall „zulassen“) oder „delete“ – löschen.

Walter Noack ist so ein Content Manager bei einer großen Boulevardzeitung in Berlin, irgendwie muss man ja sein Geld verdienen. Noack ist schon ein ziemlich besonderer Typ: nicht sehr gesellig, vor allem aber überzeugt davon, dass uns allen die große Katastrophe kurz bevorsteht, in welcher Form auch immer. Doch dann ist er vorbereitet, denn Walter Noack ist ein „Prepper“ – bedeutet, er hortet in seiner Wohnung Konserven, Bundeswehr-Nahrung und Medikamente, er kann eine ganze Weile ohne Hilfe oder Kontakt nach außen gut durchkommen. Von der Menschheit im Allgemeinen erwartet er eh nicht viel, weshalb ihn auch sein Arbeitsalltag ziemlich kalt lässt. Approve, delete, delete, delete – das ist sein Alltag, und da der Roman 2017 spielt, gibt es für bestimmte Menschen jede Menge Anlass, sich widerlichst und menschenfeindlich zu äußern.
Allerdings, in letzter Zeit gibt es vermehrt massive Beschwerden über Zensur, Verfasser von Kommentaren beschweren sich, dass ihre Mails nicht auftauchen. „Lügenpresse“ kommt da schon automatisch hinterher und auch massive körperliche Gewalt wird angedroht. Schließlich wird Noack eines Abends auf dem Weg nach Hause zusammengeschlagen, kurze Zeit später trifft es seine junge Kollegin. Der Sicherheitsdienst der Zeitung verweist auf das Containerdorf um die Ecke, eine Unterbringung für Geflüchtete, allerdings weist darauf eigentlich so gar nichts hin.

Mit Walter Noack und seiner Kollegin Peppa tauchen wir tief ein ins Milieu der Verschwörungstheoretiker, der „Hater“, der Reichsbürger und sonstigen Rechtsextremen.
Ein hochaktueller und wirklich spannender Thriller mit überraschender Auflösung, der vermutlich nur das Zipfelchen einer Szene zeigt, die bestens vernetzt ist und quer durch alle gesellschaftlichen Schichten geht.

Astrid Henning

 


das eis schmilzt 150x237

 

Delius Klasing 19,90€

 

Arved Fuchs: "Das Eis schmilzt"

Seit fast 40 Jahren ist Arved Fuchs in der Arktis unterwegs, er war zu Fuß sowohl am Nord- als auch am Südpol, hat Expeditionen in viele Teile der Welt unternommen und beobachtet somit die Veränderung unseres Klimas seit langer Zeit.

Fuchs hat sich immer zu diesen beunruhigenden Entwicklungen geäußert, aber wir wissen, dass die Klimadebatte erst so richtig in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen hat. Nun also ein neues Buch „Das Eis schmilzt – Klimaschutz und Wirtschaft neu denken“, der Titel verrät schon, dass Fuchs Möglichkeiten sieht, den großen Problemen zu begegnen. Doch zunächst beschreibt er seine Erfahrungen, vor allem der letzten Jahre, dokumentiert auch mit Fotos wie sich unsere Welt verändert. Ganz wichtig ist Fuchs eine Botschaft, die wir uns immer wieder vor Augen führen sollten: „Die Natur gibt die Spielregeln vor, und es ist an uns, sie zu berücksichtigen. Die Natur kann ohne uns existieren, aber wir nicht ohne sie.“

Anhand konkreter Beispiele beschreibt Fuchs in seinem Buch, was wir, was Länder, Städte und Gemeinden konkret tun können – und da ist zuvörderst die Förderung erneuerbarer Energien zu nennen. Die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten müssen schlau genutzt werden, und die sind Island z.B. anders als in Spanien. Wichtig sind der Wille und die Einsicht, dass mit lauwarmen Kompromissen nichts mehr zu holen ist.
Ebenso aber appelliert Fuchs an jeden von uns, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und zu erkennen: Mein Handeln hat Auswirkungen. Ob es die Vermeidung von Verpackung ist, der Boykott umweltfeindlicher Produkte oder – vor allem – die eigene Bequemlichkeit zu überwinden: Hier ist jeder von uns gefragt. Auch Corona bleibt nicht unerwähnt, allerdings begreift Fuchs die Pandemie als Chance, unsere Wirtschaft neu und klimagerechter aufzustellen. Ein Buch, das – auch – Hoffnung macht.

Astrid Henning

 


passengers 150x237

 

Heyne TB 14,99€

 

John Marrs: "The Passengers"

Erst kürzlich hat das britische Oberhaus die Einführung autonomer Fahrzeuge auf Großbritanniens Straßen binnen fünf Jahren beschlossen, und zwar einstimmig. Das Verbot nicht autonomer Wagen wird in zehn Jahren erwartet.
Eine für viele Menschen sehr entspannende Vorstellung: man setzt sich einfach in sein Auto, gibt das Ziel per Sprachnachricht ein und kann während der Fahrt schlummern, arbeiten, essen, was auch immer. Doch nicht jeder kann sich mit dieser Aussicht anfreunden. Zu diesen Skeptikern gehört auch die Psychiatrie-Krankenschwester Libby Dixon, die scheinbar zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt wird, in einer Untersuchungskommission mitzuwirken, die Verkehrsunfälle mit autonomen Fahrzeugen analysiert und bewertet. Diese sollen nämlich dank künstlicher Intelligenz in der Lage sein, innerhalb einer Millisekunde Gefahrensituationen durchzurechnen, um einem drohenden Unfall zu vermeiden.

Genau diese Entscheidungsfähigkeit wird von einem Hacker angezweifelt:
In einer Welt, in der diese autonomen, selbstfahrenden Fahrzeuge mehr und mehr zur Normalität zählen, werden plötzlich acht Menschen in ihren Autos eingeschlossen. Sie kennen sich nicht, und sie sind einander auch noch niemals begegnet. Aber nun haben sie eines gemeinsam, denn in zwei Stunden und 30 Minuten sollen ihre Autos kollidieren. Ohne jegliche Kontrolle über das eigene Fahrzeug rasen sie aufeinander zu – und nur der anonyme Hacker hat die Möglichkeit, dieses Desaster zu beenden. Eine einzige Geisel, so lässt er verlauten, soll jedoch am Leben bleiben. Auf wen die Wahl fällt, darüber lässt er die Öffentlichkeit abstimmen, denn das Geschehen wird live gestreamt und steht allen in sämtlichen sozialen Medien zur Verfügung. Und während die Welt gebannt zuschaut, läuft den Beteiligten die Zeit davon…

Im Laufe der Handlung werden abwechselnd die Protagonisten in den Mittelpunkt gestellt, immer mehr Lügen, Geheimnisse und Intrigen kommen ans Tageslicht, die auf den ersten Blick eine konträre Wertung zulassen. Im Zeitalter von Fake News wird hier aber konkret ein leichtgläubiges und oftmals realitätsfernes Denken angeprangert. Mit bewusster Manipulation wird so eine ausgefeilte Propaganda über die sozialen Medien verbreitet. „The Passengers“ ist ein beängstigend realistischer Roman, der das blinde Vertrauen in Bezug auf künstliche Intelligenzen sowie den unreflektierten Umgang mit den social media kritisiert.
Ein unglaublich rasantes und spannendes Werk, das nicht nur gleichermaßen fasziniert und in Atem hält, sondern in seiner deutlichen Kritik an der modernen Gesellschaft, verknüpft mit philosophischen Fragen, auch lange nachhallt.

Heike Kasten

 


das luegenhafte leben der erwachsenen 150x237

 

Suhrkamp 24,00€

 

Elena Ferrante: "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen"

Elena Ferrante stieg mit ihrer neapolitanischen Familiensaga steil in den Bestsellerhimmel auf. Viele Leser konnten es kaum aushalten, als der vierte und letzte Band erschienen war und sie Abschied von den Protagonistinnen Lila und Elena nehmen mussten. Mit dem Kennenlernen von Giovanna können sie sich nun in alter Ferrantemanier über diesen Verlust hinweg trösten.

Giovanna, ein hübsches Einzelkind aus einer intellektuellen Mittelstandsfamilie, wächst behütet und von der Liebe ihres Vaters umhüllt, in einer vornehmen Gegend von Neapel auf. Umso mehr stürzt es sie in tiefe Verzweiflung, als sie ihre Eltern bei einem Gespräch belauscht und den Vater sagen hört, dass sie, die geliebte Tochter, immer mehr ihrer Tante, seiner verschmähten und verfeindeten Schwester Vittoria, gleicht. Die Mutter widerspricht ihrem Ehemann zum Entsetzen der Tochter - nicht.
„Der Name Vittoria klang bei uns zu Hause wie der eines Monsters, das jeden besudelt und infiziert, der mit ihm in Berührung kommt.“
Mit diesem Tenor ist die kleine Giovanna aufgewachsen. Nun soll sie dem Monster ähnlich sein ?? Die von Gefühlen und Hormonen durchgeschüttelte Pubertierende sucht Schutz bei ihren Freundinnen, findet aber auch dort keine Geborgenheit. Zu unterschiedlich sind deren Leben und Wahrheiten. Giovanna macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln, lernt die verhasste Tante und deren Umfeld kennen, fühlt sich hin und her gerissen zwischen den Werten ihrer Eltern und der dunklen, verruchten Welt der vermeintlich ähnlichen Verwandten, die versucht, sie in ihren Bann zu ziehen.

Mit der ihr eigenen Intensität führt uns Ferrante in die Tiefen des Seelenlebens der Heranwachsenden, entzaubert die Welt der Erwachsenen, enttarnt durch deren Lügen und Scheinheiligkeiten, hinein in eine neue, unbekannte Welt der Sexualität und Selbstzweifel und der bisher sicher geglaubten Normen.
So kennen wir sie, so mögen wir sie, die bekannteste italienische Schriftstellerin der Gegenwart - Elena Ferrante!

Annette Matthaei

 


der halbbart 150x237

 

Diogenes 26,00€

 

Charls Lewinsky: "Der Halbbart"

Schauplatz dieses Romans ist ein kleines Dorf in der Schweiz (die es so damals noch gar nicht gab) und zwar im ausgehenden Mittelalter, Anfang des 14. Jahrhunderts. Wenn Sie jetzt schon innerlich abschalten wollen, weil Sie denken „Geht mich gar nichts an“ – Halt, Stopp! Ganz genauso hab ich dieses Buch im Stapel der Neuerscheinungen zunächst auch betrachtet und bin absolut froh, dass ich es doch nochmal in die Hand genommen habe.

Hauptfigur und Erzähler ist Sebi, eigentlich Eusebius, ungefähr 12 Jahre alt, ein scharfsinniger Denker und Beobachter, aber eben auch ein Finöggel – ein Schisser, eine Mimose. Für’s körperlich schwere Arbeiten ist er nicht gemacht, deswegen bleibt ihm wohl nur der Weg ins Kloster, wie er selbst meint. Was Sebi außerordentlich gut beherrscht, ist nicht nur das genaue Hinsehen, sondern auch das Geschichten erzählen, und deswegen sind wir auf knapp 700 Seiten mittendrin in Sebis Dorf. Hier passiert allerhand, eigentlich ist so, als sei man inmitten eines Breughel-Gemäldes: Grausamkeiten neben normalem bäuerlichen Alltag, es gibt die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Befehlsempfänger. Das alles wird nicht in Frage gestellt, denn schließlich war es schon immer so. Außerdem gibt es für alles eine Erklärung, bzw. wenn es keine gibt, ist es entweder Gottes Wille oder aber der des Teufels, weshalb etwas so ist, wie es ist.
Sebi allerdings zweifelt so manches an und macht sich seine eigenen Gedanken: „Die Gerechtigkeit, das hab ich gelernt, ist mehr eine Sache für die Predigten als für die Wirklichkeit“.

In vielen Dingen sind wir heute zwar nicht mehr auf Religion und Aberglaube angewiesen, aber der Mensch als solcher ist (leider) immer noch genauso, weshalb „Der Halbbart“ interessanterweise auch sehr aktuell ist „Menschen haben immer gern einen Feind, das sortiert einem die Welt angenehm, hier die unseren, dort die anderen“.
Lewinsky erzählt vom Kampf der Mächtigen (Wittelsbacher gegen Habsburger) auf dem Rücken der Bevölkerung, mehr aber noch vom ganz normalen Dorfleben um 1320 – ein erstaunlich unterhaltsames und hellsichtiges Lesevergnügen.

Astrid Henning

 


tage mit felice 150x237

 

Rotpunktverlag 24,00€

 

Fabio Andina: "Tage mit Felice"

"Gestern hatte ich Felice vor meinem Haus getroffen, es war ein sonniger Nachmittag, um die Berggipfel zogen sich die ersten grauen Wolken zusammen, die den Himmel noch vor Sonnenuntergang verdunkeln sollten. Ich lasierte gerade die Tür des Holzschuppens, er ging vorbei, genauso angezogen, barfuß und mit einer Plastiktüte voller Kakis. Wir wechselten einige Worte, dann fragte ich ihn, ob ich ihn ein paar Tage lang begleiten dürfe. Um ein bisschen so zu leben wie er.“ So beginnt dieser wunderbare Roman von Fabio Andina.

Das Tessin ist seine Heimat, einen „Felice“ hat auch er einige Tage begleitet. Man spürt auf jeder Seite dieses schmalen Buches die Authentizität. Ruhe, große Gelassenheit, Gottvertrauen und die Weisheit ist dem 90 jährigen Felice gegeben.
Nichts Spektakuläres erwartet Sie in diesem Roman, dennoch vermittelt er, so habe ich es wenigstens empfunden, eine wohltuende Entspannung. Gemeinsam mit Felice und dem Ich-Erzähler „verbrachte“ ich Tage in dem kleinen Bergdorf, die in ihrer Eintönigkeit bestechend schön erschienen. Die Natur spielt definitiv eine Hauptrolle und die gekonnten Schilderungen Andinas ließ sie immer wieder vor meinem geistigen Auge erscheinen.
Tage mit Felice erschien bereits im April, passt aber wunderbar in unsere derzeitige Herbststimmung!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


schockraum 150x237

 

Piper 22,00€

 

Tobis Schlegel: "Schockraum"

Nach einem vielversprechenden Start ins Berufsleben, beschließt Kim von heut auf morgen, den gut bezahlten Job in der Werbeagentur aufzugeben. Stattdessen schult er um und absolviert eine dreijährige Ausbildung als (deutlich schlechter bezahlter) Notfallsanitäter. Seine Arbeit ist fortan in jeder Hinsicht aufreibend. Die Beziehung zu seiner Freundin leidet ebenso darunter, wie seine eigene Psyche.
Als Kim spürt, das seine Belastbarkeit immer mehr schwindet, lässt er sich zu einer Auszeit mit seinem alten Freund Benny überreden. Gemeinsam fahren sie nach Texel, und als unterwegs die flippige und völlig entschleunigte Luzi dazu stößt, verspricht der Ausflug in jeder Hinsicht besonders zu werden...

Tobias Schlegel beschreibt in seinem Debüt die ganz eigenen Erfahrungen.
Als der ehemalige Moderator (u.a. beim Musiksender VIVA) vor ca. vier Jahren umschulte, ahnte er nicht, wie schwer dieser Knochenjob zu verkraften ist, bzw. auf seine Psyche schlägt. Gerade noch rechtzeitig nahm er professionelle Hilfe in Anspruch, und daraus entstand dieser sehr kurzweilige heiter-tragische Roman!

ZITAT des Autoren:
"Ich würde gerne den Satz sagen: Ich empfehle diesen Job zu hundert Prozent. Das kann ich aber nicht. Das kann ich jungen Menschen nicht sagen. Aufgrund der Arbeitsbedingungen. Sie sollten dieses Buch lesen, um zu wissen, worauf Sie sich einlassen. Dabei ist es, wenn man es runterbricht, ein toller Job. Ich konnte ein Leben retten und dafür hat sich einfach alles gelohnt. Diese ganze Arbeit, dieser ganze Stress, diese ganzen Kämpfe, die ich ausgefochten habe. Es hat sich gelohnt. Weil ich bei einer Lebensrettung dabei sein konnte, und derjenige hat sich auch noch persönlich bei mir bedankt. Was will man mehr? Deshalb geht es mir gut.“

Andrea Westerkamp-Stützel

 


flavour 150x237

 

Dorling Kindersley 29,95€

 

Ottolenghi/Belfrage: "Flavour"

Yotam Ottolenghi ist unbestritten ein Stern - und beileibe keine Schnuppe - am modernen Kochbuchhimmel.

Bereits mit den Büchern „Jerusalem“, Simple“, „Genussvoll vegetarisch“ und „Sweet“ hat er uns relativ leicht nachzukochende Gaumenfreuden bereitet. Im September kam nun sein neues, vegetarisches Werk „Flavour“ auf den Markt.
Schon beim Durchblättern läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Beim Ausprobieren der Rezepte ist man begeistert von seinen eigenen Fähigkeiten am Herd. Ist ja alles gar nicht so schwer!!! Die Geschmacksnerven bekommen ordentlich Input. Wer kombiniert schon Rosenkohl mit grünen Weintrauben oder Kohlrabi mit Nudeln? Selbst langweiliger Tofu wird mit den richtigen Gewürzen und Begleitern zu einem Essen zum „Reinsetzen“. Zum Dessert gibt es dann „ Pochierte Aprikosen und Pistazien-Amaretti-Mascarpone“ -  lecker! Zusätzlich zu überraschenden Anregungen bekommen Sie Produktinformationen und lernen etwas über verschiedene Zubereitungsarten, Rösten, Bräunen, Ziehenlassen, etc… Schöne Fotos machen Lust auf sofortiges Loslegen in der Küche.

Mit einem besonderen Gewürz dazu, haben Sie ein perfektes Weihnachtsgeschenk für alle die, die sich in diesen Zeiten, in denen Restaurantbesuche leider erschwert bis gar nicht gehen, auf den heimischen Herd besinnen und Freude am Kochlöffelschwingen haben.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen in besonderen Zeiten

Sie kennen das?!  - Es gibt Titel bei denen man immer gesagt hat: "das lese ich mal, wenn ich ganz viel Zeit habe"... Vielleicht ist dies der richtige Augenblick, sich dieser Titel zu erinnern.
Zu diesem Zweck, stellen wir Ihnen neben aktuellen Büchern nun auch immer mal wieder Klassiker vor. Sie erkennen Sie an der Überschrift: "Endlich Zeit für..." oberhalb der jeweiligen Rezension.

 


der sommer in dem einstein verschwand 150x237

 

Insel 22,00€

 

Marie Hermanson: "Der Sommer, in dem Einstein verschwand"

Im Sommer 1923 ist Göteborg in heller Aufruhr. Die sonst eher provinzielle Stadt feiert ihr 300jähriges Gründungsjubiläum. Ganz Europa soll auf die Schweden aufmerksam werden und deshalb ist eine mehrere Monate dauernde Ausstellung geplant. Geradezu magisch und elektrisch aufgeladen ist die Stimmung. Neben Schaustellern, Akrobaten und Gauklern stehen auch Präsentationen von technischen Neuerungen auf dem Programm. Fluggeräte, Kugellager, Seilbahnen, alles glänzt in diesem Sommer auf den Plätzen der Stadt.
Da wundert es nicht, dass auch Herr Einstein aus Deutschland, neben anderen namhaften Wissenschaftlern, eingeladen ist, um seine um ein Jahr verspätete Nobelpreisrede zu halten. Seine Relativitätstheorie ist hart umstritten. Unter den Wissenschaftlern gibt es böse Widersacher und Neider. Es kursieren sogar Gerüchte über einen Verschwörungszirkel gegen den Mann mit den wirren grauen Haaren…
Den Preis bekam Albert denn auch nicht für die bahnbrechende Entdeckung, die ihm ewigen Ruhm verschaffte, sondern für „das Gesetz des photoelektrischen Effekts“. Eigentlich möchte er in Ruhe in seinem Turmzimmer in Berlin  sitzen, Pfeife rauchen, seiner entzückenden Sekretärin beim Tippen zuschauen und vor allem denken. Jedoch seit alle Welt über ihn spricht, sieht er sich in einem Maße im Mittelpunkt und sogar gefährdet, das ihm manchmal angst und bange wird. Und gerade in der deutschen Hauptstadt nimmt der Hass auf die Juden, und somit auch auf ihn, immer mehr Fahrt auf. Er traut sich kaum noch vor die Tür und nimmt daher dankbar die Einladung in ein friedliches Schweden an. Doch das Begrüßungskomitee mit Fähnchen und Orchester auf dem Bahnhof von Göteborg wartet vergeblich auf das Genie. Wo ist bloß Albert Einstein geblieben?

Die blutjunge Ellen ist begeistert. Vom Lande kommend, hat sie als Journalistin einen Job bei der täglich erscheinenden Ausstellungszeitschrift „Krone und Löwe“ ergattert. Wie aufregend. Wohnen kann sei bei ihrer etwas merkwürdigen Tante. Die ist so mit ihren geheimnisvollen Zirkeln beschäftigt, dass sie kaum ein Auge auf das junge Mädchen hat, das sich als Flapperin voll in die Stimmung der 20er Jahre und die großartige Ausstellung wirft. Beim Tanz in der Rotunde lernt sie den jungen Wachtmeister Nils kennen, die Anziehung liegt auf beiden Seiten. Ein Glück für Einstein, denn die beiden werden eine wichtige Rolle bei seiner Rettung spielen.

Ein leichter, freundlicher Roman, in fröhlichen Farben wie das hübsche Cover. Die Geschichte ist zwar erfunden, verwertet aber doch einige Tatsachen. Unbeschwerter Lesegenuss und allerbeste Ablenkung.

Annette Matthaei

 


der brennende see 150x237

 

Dumont 22,00€

 

John von Düffel: "Der brennende See"

Hannah fährt mit schwerem Herzen in ihre Heimatstadt zurück. Ihr Vater, ein in Vergessenheit geratener Schriftsteller, ist vor kurzer Zeit verstorben und ihr fällt als einziger Angehörigen die nicht leichte Aufgabe zu, die Wohnung aufzulösen.
Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter war distanziert. Hannah glaubt, sich emotional schon längst von ihrem Vater gelöst zu haben. Als sie nun in der spartanisch möblierten, stickigen Zweizimmerwohnung des Verstorbenen steht, kommen alte Erinnerungen hoch, gepaart mit einer Scheu sich mit seinem Leben postmortem auseinander zu setzen. Zögerlich durchschreitet sie die Zimmer, zieht hier und da eine Schublade auf, öffnet den muffigen Schrank. Dabei stößt sie auf ein Foto, eingelegt in die Seiten des von ihm zuletzt gelesenen Buches. Die jüngere Frau auf dem Bild hat ein verblüffende Ähnlichkeit mit ihr selbst.
Der Familienanwalt teilt Hannah mit, dass das gesamte, spärliche Hab und Gut ihres Vaters, nicht an sie, seine Tochter, sondern an eine Stiftung von Klimaaktivisten geht. Hannah, die das Erbe ausschlagen wollte, fühlt sich nun verletzt, abgelehnt und reagiert mit Wut und Trauer. Hat die Unbekannte etwas damit zu tun? Was hat ihr Vater ihr verschwiegen?

Das Szenario spielt in einem außergewöhnlich heißen, trockenen April. Die Luft knistert, es ist mühsam zu atmen, die Hitze ist lähmend. Von Düffel versteht es meisterhaft, diese drückende Stimmung auf seine Figuren zu übertragen. Außerdem wäre es kein „von Düffel“, spielte nicht das Thema Wasser eine entscheidende Rolle. Um einen Baggersee, der See in dem Hannahs Vater täglich schwamm, entbrennt ein erbitterter Streit zwischen Investoren einer Seniorenresidenz, der Stadt und Umweltschützern.

Ein herausragend gut geschriebener Roman über Vergangenheitsbewältigung und gleichzeitigem Aufzeigen drängender klimatischer Probleme. Höchst beeindruckend.

Annette Matthaei

 


margos toechter 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Cora Stephan: " Margos Töchter"

„Ab heute heiße ich Margo“ – dieser Roman von Cora Stephan erschien 2016 und erzählte die Geschichte zweier Frauen, Margo und Helene, beginnend in den 30er Jahren in Weimar bis ca. ins Jahr 2000. Ein spannender Blick auf und in die deutsche Vergangenheit, denn während Margo nach dem Krieg in Westdeutschland lebt, bleibt Helene in der DDR – dennoch kreuzen sich ihre Wege immer wieder.

Nun also „Margos Töchter“ und zunächst mal vorab: Man muss den Vorgänger nicht kennen, um richtig tief in diese Geschichte einzutauchen. Der Roman beginnt in den frühen 60er Jahren in der Provinz: In der Nähe von Osnabrück lebt Margo mit ihrem Mann Henri und der Tochter Leonore. Noch ist von Beat, Rock'n Roll & Aufbruch wenig zu spüren, es herrschen Konvention und Spießigkeit.
Leonore ist ein Teenager, der den Erwartungen ihrer Mutter so gar nicht entspricht. Eher schüchtern, etwas linkisch, ein Bücherwurm, aber zunehmend renitent, denn das Leben ihrer Eltern findet sie verlogen und langweilig. Mit den „richtigen“ Freunden lässt sich auch in Osnabrück die aufkommende freiere Luft erschnuppern, im „Karloff“ jedenfalls gibt es Bier, Zigaretten, die passende Musik und scheinbar Gleichgesinnte. Während der Sommerferien in einem gesamtdeutschen Jugendcamp der Kirche lernt sie dann Clara aus der DDR kennen, etwas älter, linientreu bis zum geht nicht mehr, Leonore ist total beeindruckt (und Clara wird noch eine wichtige Rolle spielen…).
Nach dem Abitur geht Leonore zum Studium nach Frankfurt, wo sie unverschuldet ins Visier der Polizei gerät: Eine nächtliche Bekanntschaft klaut ihr sämtliche Papiere, entpuppt sich als Sympathisant der RAF, und plötzlich wird Leonores Name im Zusammenhang mit schweren Straftaten genannt, etwas, das sie lange begleiten wird. Ein paar Jahre später scheint es fast, als habe sich Leonore ausgetobt, sie heiratet Alexander, der aus der DDR geflohen ist, arbeitet als Lektorin und – adoptiert Jana.

Mit Jana nämlich beginnt der Roman in der Gegenwart: Sie ist eine erwachsene Frau, hat das Haus ihrer Großmutter Margo bei Osnabrück geerbt und lebt dort mit Mann und zwei Kindern. Vor vielen Jahren hatte sie mal Einsicht in die vermutlich existierende Stasi-Akte von Leonore beantragt, inzwischen fast gar nicht mehr daran gedacht, aber nun liegt der Bescheid der Behörde im Briefkasten: Es gibt eine Akte, Leonore wird nach Berlin fahren und das heißt für uns: Jetzt geht’s los, die Vergangenheit wird lebendig.

Cora Stephan gelingt ein sehr spannender Roman, der sich vor allem auf die Zeit der 60er Jahre bis zur Wiedervereinigung konzentriert. Leonore, Jana, Clara, nicht zuletzt Margo selbst: Jede versucht, ihr Leben nach ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und ist doch eingewoben in ein Netz familiärer Beziehungen und politischer Entwicklungen.

Astrid Henning

 


abgrund 150x237

 

btb 15,00€

 

Yrsa Sigurdardóttir: " Abgrund"

Nach "DNA", "SOG", und "R.I.P." hat die Autorin einen neuen Thriller um den Ermittler Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freya geschrieben.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Büchern, findet Huldar in diesem neuen Fall keine Zeit für amouröse Kurzweil, dennoch lässt er nichts unversucht, um Freya für sich einzunehmen.
Siggi, ein kleiner 4Jähriger, wird aus einem Luxusappartement befreit. Wie und warum er dort hin gelangte, bleibt erst einmal ein Geheimnis, ebenso, wie der Aufenthaltsort  seiner offenbar schwangeren Mutter und des gewaltätigen Vaters. Während Siggi in die Obhut vom Jugendamt kommt, entdeckt ein Jogger die Leiche von Helgi. Der millionenschwere Eigentümer des Appartements hängt tot auf einer alten Hinrichtungsstätte in einem Lavafeld nahe des Präsidentensitzes. Als man bei dem Toten Fragmente einer in die Brust genagelten Nachricht findet, muss die Polizei davon ausgehen, dass kein Suizid, sondern ein Mord vorliegt. Dank der Aufnahmen diverser Überwachungskameras können die Ermittler feststellen, dass Helgi, nachdem er einen feuchtfröhlichen Samstagabend mit seinen vier besten Freunden verlebt hatte, offenbar volltrunken zu einem Unbekannten in ein Auto einstieg. Bei der Obduktion der Leiche wird allerdings eine bertächtliche Menge Rohypnol nachgewiesen.....

Gewohnt spannend und kurzweilig geschrieben, bietet dieser neue Fall Nervenkitzel, ohne Brutalität und Grausamkeiten , wie z.B. in "DNA". Die unvorhersehbare Wendung am Ende des Thrillers sorgt für einen stimmigen "Aha-Effekt"!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


sommer bei nacht 150x237

 

Galiani 20,00€

 

Jan Costin Wagner: "Sommer bei Nacht"

„Jan Costin Wagner schreibt psychologische Romane, die auch noch spannende Krimis sind. Kein deutscher Autor kann das so gut wie er. Beneidenswert.“ So urteilt Matthias Brandt über „Sommer bei Nacht“, das neue Buch von Wagner – und das kommt quasi einem Ritterschlag gleich.

An einem sonnigen Sommernachmittag lässt Lea ihren Sohn auf dem Schulflohmarkt nur für einen winzigen Moment aus den Augen – und schon beginnt der Albtraum, ein Szenario, dass eigentlich nicht auszuhalten, nicht zu ertragen ist: der fünfjährige Jannis ist verschwunden!  Weggelockt von einem Mann, der – obwohl er zwei große Teddy-Bären bei sich hatte – keinem groß aufgefallen ist. Alles Suchen, Fragen verläuft ergebnislos, die Polizei wird eingeschaltet. Die beiden leitenden Ermittler, Christian und Ben, gehen natürlich allen Hinweisen nach, und schon bald reichen ihre Verzweigungen bis nach Österreich und zu einem ähnlich gelagerten Fall, der gerade mal ein Jahr zurückliegt.

Mit „Sommer bei Nacht“ startet Jan Costin Wagner eine neue Reihe und baut gleich auf den ersten Seiten eine beklemmende Atmosphäre auf, die über die gesamte Geschichte hinweg nicht abreißen wird. Mit sehr kurzen Kapiteln und den ständig wechselnden Sichtweisen wird diese Stimmung noch verstärkt. Außergewöhnlich ist der verknappte Sprachstil: auf der einen Seite scheint man nie genug Zeit zu haben, den jeweiligen Protagonisten kennenzulernen, auf der anderen Seite glückt Wagner eine messerscharfe Beobachtung, die die Essenz eines jeden Charakters so genau ausleuchtet, dass man schon fast ein Psychogramm erstellen könnte. Was dort bei den Menschen unter der Oberfläche brodelt, ist keineswegs stereotyp gehalten – dieser Krimi macht auch vor abartigen menschlichen Abgründen nicht Halt.
So hoch der sprachliche Anspruch des Krimis auch ist, er ist leicht und zügig zu lesen: Es sind alles verändernde Kippmomente, die keiner kommen sieht, die seelischen Schieflagen, in die sie Menschen so tief rutschen lassen, dass diese nie mehr herausfinden, und die unerklärlichen Abgründe menschlicher Gefühle.
Ein aufwühlender, fesselnder Roman, mit dem Jan Costin Wagner einmal mehr ein großes Stück Literatur gelingt.

Heike Kasten

 


die parade 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Dave Eggers: "Die Parade"

Der Verlag stellt zu diesem Buch die Frage „Tut man automatisch Gutes, wenn man Gutes tun will?“ Wahrscheinlich haben wir alle schon mal erlebt, dass das nicht immer der Fall ist.

„Die Parade“ spielt in einem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land, das – auch mit Hilfe der Industrieländer – so ganz allmählich wieder auf die Füße kommt. Nun soll der ärmere Südteil des Landes durch eine nagelneue Straße mit dem reicheren Nordteil verbunden werden, nicht zuletzt, damit der Herrscher dieser Nation auf der neuen Straße eine prächtige Parade abhalten kann. Vorbereitet und planiert ist die Strecke schon, fehlt noch die Asphaltierung. Das sollen zwei ausländische Arbeiter erledigen, die mit einer hochentwickelten Maschine die Straße fertigstellen werden.
Für diese beiden Arbeiter gibt es sehr klare Regeln: Sie werden so anonym wie irgend möglich dort arbeiten, um für potentielle Entführer uninteressant zu sein – wenn man nicht weiß, wer jemand ist und woher er kommt, gibt es auch keinen Adressaten für eventuelle Forderungen. Noch nicht einmal untereinander kennen sie ihre Identität, sind einfach „Vier“ und „Neun“. Den Beiden wird eingeschärft, möglichst große Distanz zur einheimischen Bevölkerung einzuhalten: keine Gespräche, generell keine Kontaktaufnahme, nur eigene Nahrung verzehren, keine Hilfsangebote annehmen – eigentlich sollen sie selbst wie zwei Maschinen agieren.
Während Vier sich an alle Regeln hält und sehr strukturiert vorgeht, ist Neun ein ganz anderer Charakter: ein idealistischer Chaot, vielleicht liebenswert, aber völlig unberechenbar. Da er die Landessprache zumindest rudimentär beherrscht, ist er in ständigem Kontakt mit den Menschen, scherzt mit ihnen und lässt sich zum Abendessen einladen. Zunächst ist Vier nur sauer, weil sich der Arbeitsplan nicht einhalten lässt, doch als Neun tatsächlich ernsthaft erkrankt, gerät er in einen ernsthaften Konflikt. Ohne die Hilfe der Bevölkerung, ohne Transport ins Krankenhaus wird Neun nicht überleben. Aber kann man ihnen denn trauen, „diesen Einheimischen“? Wollen sie wirklich helfen, oder nicht doch nur Vier zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen?

In diesem Buch geht es nicht unbedingt um literarische Raffinesse, aber ähnlich wie in „Der Circle“ zeigt Eggers einmal mehr sein Gespür für aktuelle und relevante Themen.
Ein Buch, das zum Nachdenken einlädt, allein oder mit anderen, das zum Diskutieren anregt und auch für Lesekreise  bestens geeignet ist.

Astrid Henning

 


der klavierstimmer ihrer majestaet 150x237

 

C.H.Beck 24,00€

 

Daniel Mason: " Der Klavierstimmer Ihrer Majestät"

London 1887: Die britischen Kolonialherren in Afrika und Asien stehen auf der Höhe ihrer Macht. Doch von den Gewaltverbrechen in der Ferne bekommt der Klavierstimmer Edgar Drake nur wenig mit, er hat Großbritannien noch nie verlassen – bis sein beschauliches Leben plötzlich komplett auf den Kopf gestellt wird: Wieso schickt ihn das britische Kriegsministerium in den umkämpften Dschungel von Birma, um einen Flügel zu reparieren?
Der Flügel gehört dem dort stationierten Militärarzt Anthony Carrol, der sein Instrument einsetzt und nutzt, um über die Kraft der Musik einen friedlichen Dialog mit den Einheimischen zu führen. Drake ist beeindruckt, der Brutalität des Krieges auf diese Weise zu trotzen, und er nimmt den Auftrag an.
Schnell verfällt er in Birma nicht nur der betörenden exotischen Landschaft und den fremden, aber faszinierenden Bräuchen, sondern auch dem charismatischen Arzt Carrol. Und als die Arbeiten am Klavier schon längst vollzogen sind, schafft er es nicht, sich von dieser verführerischen Welt zu lösen – mit fatalen Folgen...

Einmal mehr gelingt es Daniel Mason ("Der Wintersoldat") den Leser in eine ferne Welt zu entführen, geschichtliches Hintergrundwissen zu vermitteln und seine Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und literarisch gleichermaßen zu vermitteln.

Heike Kasten

 

 


homo faber 150x237

 

Suhrkamp 9,00€

 

Endlich Zeit für...

Max Frisch: "Homo Faber"

Möglicherweise machen Sie mit diesem Buch eine Zeitreise – schließlich war „Homo Faber“ lange und oft Schullektüre. Das führt meist zu eher unguten Erinnerungen, ohne dass das Buch überhaupt etwas dafür könnte, also: Zeit für den 2. Versuch.

Walter Faber ist ein Schweizer Ingenieur, lebt in den USA, ist viel auf Reisen, vor allem aber: Sein Blick auf die Welt ist ein rein technischer, mathematischer, es gibt für alles eine Erklärung. „Fügung“ oder „Schicksal“? Das sind Wörter, mit denen Faber nichts anfangen kann. Er sagt von sich selbst: „…als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung?“
Und dann ist dieser Roman eine einzige Aneinanderreihung von Unwahrscheinlich-keiten, die Fabers Weltbild deutlich in Frage stellen. Was mit der Zufälligkeit des Sitznachbarn im Flugzeug beginnt, führt zu weitreichenden Konsequenzen für den rational denkenden Ingenieur – nicht nur, was seine unmittelbaren Pläne betrifft. Fabers komplettes Lebenskonzept gerät innerhalb von ein paar Wochen ins Wanken: Mit gut 50 Jahren muss er sich selbst Rechenschaft über seine Vergangenheit geben, die Frage nach Schuld und Verantwortung stellen und vor allem erkennen, dass Ingenieurskunst und mathematische Fähigkeiten gegen die Irrationalität des Lebens nicht viel ausrichten können.

Für mich ein hoch aktuelles Buch, denn nichts anderes erleben wir gerade. Und ganz abgesehen vom Thema des Buches ist immer wieder ein großer Genuss, Max Frisch zu lesen – vielleicht entdecken Sie ihn „ohne Schullektüre“ nochmal ganz neu.

Astrid Henning

 


mach mal halblang 150x237

 

dtv 14,90€

 

Matt Haig: "Mach mal halblang - Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten"

Vernetzt. Wenn wir heutzutage wirklich eines sind, dann trifft es dieses Wort auf den Punkt. Denn wir sind online – ständig und überall. Sei es auf Instagram, Facebook oder Twitter. Wir wissen, was völlig fremde Menschen heute zu Mittag essen, welchen Sport sie gerade betreiben oder wie toll sie aussehen, wenn sie aus dem Bett steigen. Und was tun viele von uns daraufhin? Richtig, wir vergleichen uns mit einem Bild oder einem Leben, das oft nicht der Realität entspricht. Wir würden am liebsten auch den gleichen Filter über unser Dasein legen um genauso fit, glamourös oder glücklich zu wirken. Doch was bedeutet das für unsere Psyche und unseren Körper? Definitiv nicht die reichliche Ausschüttung von Glückshormonen sondern Stress pur.
Und genau hier setzt Matt Haig mit seinem aktuellen Buch an, das deutlich keineswegs ein weiteres belangloses Werk über die menschliche Psyche ist, sondern einem Juwel gleicht. Denn Matt Haig scheint die Fähigkeit zu besitzen, zum menschlichen Kern zu gelangen und diesen Schicht für Schicht abzutragen. Er lässt uns Leser fühlen und nachdenken, wie kaum ein anderer Autor es schafft. Er schreibt über Schmerz, Wahrnehmungen und auch Wahrheiten, die so viele von uns in diesem geschäftigen Leben empfinden, aber nur selten aussprechen. Vorrangig geht es in "Mach mal halblang" über den sozialen und medialen Druck, dem wir uns aussetzen und den wir auch selbst ausüben.

Gerade im Kontext unserer jetzigen schwierigen Zeit, die keiner von uns je in der Form erlebt hat, sind Haigs Anmerkungen so glasklar, so aufrüttelnd. Wir werden mit Informationen überflutet, können schon längst nicht mehr einordnen, ob diese einer Wahrheit oder Wahrhaftigkeit entsprechen – kein Wunder also, dass unser Schaltsystem einfach mal zusammenbricht.
Was dieses Buch so besonders macht sind Haigs ehrliche und persönliche Erfahrungen, die er sehr deutlich, jedoch nicht belehrend, zu formulieren weiß. Seine Art des Schreibens ist ein wenig wie eine warme Decke, die einem das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung kommen wird, egal wie verrückt die Welt auch sein mag.

Zitat: Wir brauchen keine andere Welt. Alles, was wir brauchen, ist hier. Wenn wir nur aufhören würden zu denken, wir bräuchten alles.

Heike Kasten

 


der groesste kapitaen aller zeiten 150x237

 

KiWi 14,00€

 

Dave Eggers: "Der größte Kapitän aller Zeiten"

Wenn ein Amerikaner eine Satire schreibt und sie vom „größten Kapitän aller Zeiten“ handelt, dann ist klar, wer damit gemeint ist – natürlich geht es um Donald Trump.

Das stolze und traditionsreiche Kreuzfahrtschiff „Glory“ braucht einen neuen Kapitän, nachdem „der Admiral“ von Bord gegangen ist. Es gibt eine Reihe von kompetenten Kandidaten und Kandidatinnen, die Passagiere überlegen hin und her – bis sich plötzlich ein großer, etwas pummeliger Typ mit gelber Feder im Haar in die erste Reihe drängelt und „Lasst mich Kapitän werden!“ krakeelt. Es ist der Betreiber der Minigolfbahn auf dem Schiff, mit etwas zwielichtigem Ruf, weil er als Kartentrickser und Hütchenspieler reihenweise Passagiere reingelegt hat, zudem intellektuell nicht gerade eine große Leuchte, aber: Er verspricht alles anders zu machen, einfach mal so. Selbstzweifel sind diesem Mann völlig fremd, sein Ego ist riesig und sein „Programm“ kommt an. Als die Passagiere z. B. fragen, wie er zum Thema „Steuern“ steht, kommt prompt „Nur Idioten zahlen Steuern“ – „Hurra!“ rufen viele der Passagiere. Die Leute mögen, dass dieser Typ alles sagt, was ihm gerade so einfällt, und die Idee alles einfach „umzukrempeln“ klingt spannend und erfrischend, vielleicht wurde es auch gerade etwas zu langweilig auf dem Schiff.

Als gewählter Kapitän betritt er die Brücke und feuert erstmal die komplette Besatzung, er fühlt sich nämlich unwohl in der Gegenwart von Menschen, die mehr wissen könnten als er selbst, einzig seine Tochter leistet ihm im Kommandozentrum des Schiffes Gesellschaft. Der Kapitän merkt schnell, dass es ganz schön anstrengend ist, ein Schiff zu steuern, wenn man davon so gar keine Ahnung hat, ob das die richtige Idee war? Aber andererseits fühlt es sich großartig an, alles befehlen zu können, was ihm in den Kopf kommt. Wozu übrigens auch gehört, störende Elemente über die Reling zu werfen. Als schließlich der frühere Feind „Der Helle“ mit seinem Schiff in Sicht kommt, ist der Kapitän sehr erfreut, denn er selbst bewundert Den Hellen, der mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd einfach umwerfend aussieht. Klar, wer das nun wiederum ist, und es bleibt auch nicht bei diesem Gast allein.

Die Geschichte nimmt ihren vergnüglich-tragischen Lauf, jede Menge in diesem schmalen Bändchen entspricht der Realität - leider, muss man sagen. Immer wieder schüttelt man den Kopf und fragt sich: Wie kann das alles sein? In Eggers Buch kommt die Rettung schließlich von ungeahnter Seite, nämlich von außen.
Eine Satire überzeugt durch Witz, Schärfe, Lächerlichkeit und Spott – mission accomplished.

Astrid Henning

 


dankbarkeiten 150x237

 

Dumont 20,00€

 

Delphine de Vigan: "Dankbarkeiten"

Dieses zarte Buch ist ein echtes Juwel!

Marie ist eine junge alleinstehende Frau. Sie kümmert sich seit geraumer Zeit rührend um eine ältere Dame aus der Nachbarschaft. Michka Seld, weltoffen, klug und mit dem Habitus eines jungen Mädchens in dem Körper einer alten Frau. Als Lektorin für eine große französische Zeitung war sie tätig, im Umgang mit der Sprache hochgebildet und souverän.
Eines Tages stellt Marie fest, dass die Tage des Alleinlebens für ihre weise Freundin gezählt sind.
Aussetzer des Gedächtnisses plagen Michka. Die Worte verheddern sich in ihrem Kopf und dieser Zustand bereitet ihr zunehmend Angst und stürzt sie in Verzweiflung. Die Folge ist eine Unterbringung in einem Heim. Das Leben dort steht im krassen Gegensatz zu ihrer bisherigen Unabhängigkeit. Zudem plagen Albträume die alte Dame. Die Vergangenheit raubt ihr den Schlaf, denn da ist eine Sache, die sie unbedingt noch erledigt wissen möchte.
Ihre Dankbarkeit möchte sie einem Ehepaar aussprechen, das sie als junges Mädchen vor den in Frankreich einmarschierenden Nazis versteckte, rettete und dabei ihr eigenes Leben riskierte. Eine Suchanzeige blieb bisher ohne Erfolg. Noch jemand bemerkt, was für einen Menschen mit besonderer Ausstrahlung er in Madame Seld gefunden hat. Jerome ist der Logopäde im Heim und freut sich besonders, wenn er das Zimmer der alten Dame betritt und dort eine Therapiestunde verbringen darf. Denn es verhält sich so, dass Michka Güte und Lebensweisheiten vermitteln kann und ihrer Umwelt damit sehr viel zu geben hat.

Ein so feines Buch hat Delphine de Vigan hier geschrieben. Ich war gerührt, musste teilweise sogar lachen, ob der Wortverdrehungen, aus der Dauerwurst wurde Lauerwurst, aus Lachs Pax und wenn sie einverstanden war, sagte Michka „oje“ mit der Betonung von okay. Und es wurde ein großes Dante gesagt, anstelle von danke.
Diese lustigen Wortspiele beschreibt die Autorin ohne auch nur ein winziges bisschen ins Klamaukige abzurutschen, nein, sie bleibt ganz nah an der Realität und zeigt auf, welche Verunsicherung bei den Betroffenen dadurch ausgelöst wird, wenn die Worte nicht mehr richtig und auf Kommando kommen wollen, im Kopf stecken bleiben, und wie wichtig es ist, liebevolle Menschen um sich zu haben, die einen feinfühlig unterstützen. Und denen kann man Dante sagen und auch denen, die einen zu dem gemacht haben, was man ist.
Bitte unbedingt lesen!!!

Annette Matthaei

 


liebe 150x237

 

Ars edition 20,00€

 

Hélène Delforge/Quentin Gréban: "Liebe"

Nach ihrem großartigen „Mama“ Buch, das ein wahres Kultbuch wurde, hat Hélène Delforge nun einen Nachfolger mit dem Namen „Liebe“ geschaffen.

Kleine Geschichten, Gedichte, Haikus über diese unerschöpfliche Thema hat sie geschrieben, aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen gesammelt.
„Verliebt. Ein Gefühl, ein Daseinszustand, eine Überraschung, ein Glückstreffer, eine Sehnsucht. Liebe bringt uns zum Lachen und zum Weinen. Sie hat viele Gesichter und erzählt unzählige Geschichten.
Liebe beginnt und endet… manchmal, aber nicht immer. Es gibt so viele Arten von Liebe wie Verliebte. Und jede Liebe ist einzigartig.“

Die Illustrationen sind auch in diesem Kunstwerk von Quentin Gréban.
Jede Seite ein Stupser für‘s Herz und vielleicht gerade in diesen Zeiten eine Möglichkeit,auch entfernten Menschen zu sagen: Ich lieb Dich
.

Annette Matthaei

 


der empfaenger 150x237

 

Klett Cotta 22,00€

 

Ulla Lenze: "Der Empfänger"

Josef Klein wandert in den späten zwanziger Jahren als 22jähriger aus dem Rheinländischen nach Amerika aus. Viele Deutsche sahen nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland für sich keine Zukunft und machten sich auf in die neue Welt. Joseph bezieht eine kleine Wohnung in Harlem, findet Arbeit bei einer Druckerei, die Geburtstagseinladungen und Flugblätter herstellt. Sein Hobby ist das Funken und Morsen. Das wird ihm zum Verhängnis, denn er zieht die Aufmerksamkeit von einigen deutschen Auswanderern, die dem aufkommenden Naziregime mehr als nahe stehen, auf sich und ehe er sich versieht, ist er verstrickt in Industriespionage und wird massiv von den Nazichargen unter Druck gesetzt.
„Es war nach 1941 in den USA schon ein Verbrechen, Deutscher zu sein, nachdem Deutschland Amerika den Krieg erklärt hatte.“
1949, zurück in Deutschland, schlüpft er bei seinem Bruder Carl und dessen Familie in Neuss unter. Carl hat den Krieg in Deutschland überlebt und versucht nun hartnäckig, eine neue Existenz auf die Beine zu stellen.

Der Empfänger“ wirkt zunächst wie ein Konflikt zweier Brüder, die im Zweiten Weltkrieg auf gegnerischen Seiten standen und ihre Entfremdung nur schwer überwinden können. Josef kann Carl einfach nicht gestehen, warum er in den USA zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde – und Carl kann seinem Bruder deshalb nicht trauen.
Ulla Lenze, die die Geschichte an das Leben ihres Großonkels anlehnt, schafft es - häufig in Nebensätzen - ganze atmosphärische Geschichten erzählen – aus Nachkriegsdeutschland, aus Costa Rica und aus einem oberen Stockwerk in Black Harlem, an dem die Bahn vorbei dröhnt.

Annette Matthaei

 

 


eine kurze weltgeschichte fuer junge leser 150x237

 

Dumont 13,00€

 

Endlich Zeit für...

Ernst H. Gombrich: "Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser"

Eindeutig: Wer mit 25 Jahren meint, eine „kurze Weltgeschichte“ auf gut 300 Seiten schreiben zu können, dem darf es an Selbstbewusstsein nicht mangeln. Und wem es dann auch noch gelingt, dem darf man vielleicht einen Hauch von Genialität bescheinigen.
Die Geschichte der Menschheit – für sowas hat man im normalen Alltag selten die Zeit, oder nimmt sie sich nicht. Vielleicht ist es deshalb jetzt eine wunderbare Gelegenheit, sich in Gombrichs Weltgeschichte zu vertiefen, die tatsächlich in der Urzeit beginnt.
Ja, Gombrich wirft sogar zunächst einen kurzen Blick auf die Erde ohne den Menschen, bevor es dann mit dem Neandertaler losgeht. Schließlich das Alten Ägypten, Mesopotamien, die alten Griechen, China – wirklich weltumspannend ist seine Beschreibung, der Tonfall durchaus unterhaltsam. Solche LehrerInnen hätte man sich gewünscht (und hat sie mit Glück gehabt): leidenschaftlich und kompetent, nie von oben herab. In dieser Weltgeschichte erkennt man die Zusammenhänge, man erfährt, dass zwar jede Zeit ihre ganz eigenen Probleme hatte, aber es gibt eben auch erstaunlich viele Parallelen, die großen Bögen.

Eugen Gombrich wurde 1909 in Wien geboren, seine Weltgeschichte erstmals 1935 veröffentlicht. Zunächst reichte sie bis zum Ende des 1. Weltkriegs, bis er 1985 noch ein kurzes Kapitel anschloss. Man wüsste zu gerne, was dieser kluge Mensch zu unserer heutigen Gesellschaft sagen würde, welche Meinung er zu Globalisierung und Digitalisierung hätte. Leider ist Eugen Gombrich 2001 im Alter von 92 Jahren in London verstorben.

Eine erhellende und vergnügliche Lektüre für alle wissbegierigen Menschen ab 12 Jahren, auch für Erwachsene!

Astrid Henning

 


vanitas grau wie asche 150x237

 

Knaur 16,99€

 

Ursula Poznanski: "Vanitas - Grau wie Asche"

Wie schaufelt man wem ein Grab?

In Band 2 der Vanitas-Reihe, problemlos auch ohne Vorkenntnisse zu lesen, geht es erneut um die ehemalige verdeckte Ermittlerin Carolin, die zurück ist in Wien, zurück in der Blumenhandlung am Zentralfriedhof, zurück in ihrem ruhigen und einigermaßen sicheren zweiten Leben. Doch mit der Beschaulichkeit ist es alsbald vorbei: der Friedhof wird wiederholt von Grabschändern heimgesucht. Immer wieder werden nachts Gräber geöffnet, Überreste von Verstorbenen herausgeholt und die Grabsteine mit vermeintlich satanistischen Symbolen beschmiert. Und dann liegt auf einem der Gräber eine frische Leiche…
Carolin ermittelt auf eigene Faust, und sehr zum Unmut des zuständigen Kommissars, der ihre Aktionen mit Misstrauen verfolgt. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die diese Schandtaten hervorrufen, und das tägliche Polizeiaufkommen sind Carolin alles andere als recht, beeinträchtigen sie doch ihr Schattendasein – doch noch fast mehr irritiert sie ein junger Mann, der unter fadenscheinigen Gründen, immer wieder den Blumenladen besucht.
Carolins feine Antennen sind aufgestellt, und die Signale, die sie empfangen, beunruhigen sie zutiefst – und so entschließt sie sich zu einem folgenschweren Schritt.

Heike Kasten

 


liebe mrs bird 150x237

 

Kindler Verlag 10,00€

 

A.J. Pearce: "Liebe Mrs. Bird"

London 1941: Emmeline Lake hat einen festen Berufswunsch – sie will Kriegsreporterin werden. Bislang arbeitet sie als Sekretärin bei einem Anwalt, aber als sie die Stellenanzeige des London Evening Chronicle liest, scheint ihr Ziel zum Greifen nah. Zwar sucht man dort erstmal eine „Gehilfin“, in Teilzeit zudem, macht aber nichts, Emmeline wird es ihnen schon zeigen und sieht sich bereits mutig und durchaus glanzvoll vom Kriegsgeschehen berichten. Doch oh Graus: In ihrer Begeisterung hat sie die Anzeige nicht genau genug gelesen und landet als Assistentin der Kummerkastentante Mrs. Bird im kleinsten Büro des Gebäudes. Das ist schon eine herbe Enttäuschung, aber Emmy hat ihr Ziel klar vor Augen und sieht diese Stelle nur als kurzes Intermezzo.
Nun könnte man denken, eine „Kummerkastentante“ müsse einfühlsam und verständnisvoll sein, aber weit gefehlt: Jeder Feldmarschall würde vor Emmys Chefin Mrs. Bird strammstehen, ihr Organ ist äußerst eindrucksvoll und ihre Grundsätze sind es ebenso. Alle Briefe, die in Mrs. Birds Augen „anstößige“ oder „unmoralische“ Themen behandeln, werden nicht beantwortet, sondern müssen von Emmy sorgsam zerschnitten und in den Papierkorb befördert werden. Und anstößig ist auf jeden Fall alles, was mit Liebe und Zuneigung zu tun hat – klarer Fall. Doch Emmy lassen die Nöte der Briefe-Schreiberinnen nicht locker und so beginnt sie, in Mrs. Birds Namen Antworten zu verfassen, schmuggelt einige sogar in die Druckausgabe der Zeitschrift. Ob das gut geht?Parallel dazu erzählt der Roman von der wunderbaren Freundschaft zwischen Emmy und Bunty, ihrer Mitbewohnerin und Seelengefährtin. Auch da wird es zu einer großen Bewährungsprobe kommen.

Dieser Roman ist englische Unterhaltung at it’s best: geistreich, ironisch, frisch und humorvoll. Bitte mehr von Mrs. Pearce!!

Astrid Henning

 


offene see 150x237

 

Dumont 20,00€

 

Benjamin Myers: "Offene See"

Nordengland im Sommer 1946: Robert ist 16 und gerade mit der Schule fertig. Was vor ihm liegt, ist völlig klar: Schon sein Vater und sein Großvater waren Bergarbeiter, ab Herbst wird es auch für ihn soweit sein. Doch bevor es für ihn „unter Tage“ geht, will er seine Freiheit auskosten, will er Licht und Luft genießen, draußen sein, wandern, zur „Offenen See“.
Er macht sich auf den Weg, arbeitet unterwegs auf Feldern, bietet Handwerkern seine Dienste an und bekommt dafür Essen und ein Dach über dem Kopf.
Fast am Meer angekommen, stößt er auf das Cottage von Dulcie, einer älteren Dame, die ihn auf eine Tasse Tee einlädt. Und was mit dieser Tasse Tee beginnt, ist das Entdecken einer ganz neuen Welt: So eine Frau wie Dulcie gibt es in seiner Heimat jedenfalls nicht, und sie würde dort sicher für Aufsehen sorgen.
Dulcie lebt allein, hat sehr klare Vorstellungen von Politik, Liebe, Religion – und sie versteht es zu genießen. Zum ersten Mal probiert Robert frischen Hummer, zum ersten Mal trinkt er Wein. Vor allem aber: Zum ersten Mal gesteht ihm jemand zu, eine eigene Meinung zu haben, ja fordert ihn gerade dazu auf, sich zu bilden, neue Perspektiven zu entwickeln, Dinge auszuprobieren.
Versuch und Irrtum, was soll’s, jedes Scheitern ist eine neue Erfahrung! Aus der Tasse Tee werden mehrere Wochen, Robert kümmert sich um den Garten und kommt im kleinen heruntergekommenen Gartenhaus unter. Als er beginnt, dieses zu renovieren,stößt er unter den Dielen auf ein Gedichtband - von dem Dulcie nichts, aber auch gar nichts wissen will...

Dieser Roman ist ein kleines Juwel. Mitten in schwierigen Zeiten habe ich einen englischen Sommer an der „Offenen See“ verbracht, die salzige Luft eingeatmet, mit Dulcie und Robert am Esstisch gesessen und ihren Gesprächen gelauscht. Ein kluges Buch, das die Laune hebt.

Astrid Henning


abgefackelt 150x237

 

Knaur 14,99€

 

Michael Tsokos: "Abgefackelt"

Echte Fälle, authentische Ermittlungen – dafür steht Michael Tsokos, sicherlich Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner, der bislang mit all seinen Büchern für Furore sorgte.

In seinem neuen True-Crime-Thriller nun geht es um den Rechtsmediziner Paul Herzfeld. Dem steckt sein letzter Fall noch gehörig in den Knochen, weshalb er vorübergehend von Kiel nach Itzehoe auf eine vermeintlich ruhigere Stelle in der Pathologie versetzt wird. Für einige Zeit soll er dort auf einer vakanten Position sein Wissen zur Verfügung stellen, kurz: aushelfen. Doch das Archiv des Klinikums ist Opfer eines Flammenmeers geworden, in dem nicht nur tausende Akten und Gewebeproben vernichtet wurden, sondern auch Herzfelds Vorgänger den Tod fand. Ein Todesfall mit viel zu vielen Ungereimtheiten, wie Herzfeld bald herausfindet. Und je weiter er forscht, desto klarer wird ihm, dass er einem Skandal reinster Güte und ungeheuren Ausmaßes auf der Spur ist. Seine Ermittlungen auf eigene Faust bleiben nicht unbemerkt: eine eiskalte Killerin verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Ihr Mordwerkzeug: eine Drohne. Ihr Lieblingsspielzeug: Feuer.

Heike Kasten

 


nsa 150x237

 

Lübbe 12,90€

 

Andreas Eschbach: "Nationales Sicherhaitsamt - NSA"

Andreas Eschbach ist mit diesem Roman etwas wirklich Spannendes und Außergewöhnliches gelungen: Eschbach verknüpft die deutsche Geschichte mit einem Science-fiction-Szenario.

Der Roman beginnt Anfang der 30er Jahre, Hitler gewinnt mehr und mehr Anhänger, aber noch sieht ein Großteil der Bevölkerung nicht die wahren Absichten, die hinter seiner Politik stehen. Vorerst nimmt man begeistert zur Kenntnis, dass es der Wirtschaft besser geht, die Arbeitslosigkeit sinkt und Deutschland im Ausland wieder an Ansehen gewinnt. Wir befinden uns in Weimar und lernen Helene Bodenkamp kennen, aus gutbürgerlichem, patriotisch gesinntem Hause, mäßige Schülerin, allerdings mit einer besonderen Begabung für’s Programmieren. Ja, Sie haben richtig gelesen: „Programmieren“. Denn das ist das Besondere an diesem Roman – es existieren bereits Komputer, auch tragbare Telephone, sog. „Votels“ (Volkstelephone) gibt es. Es gibt elektronische Post, Bargeld ist abgeschafft, über jeden Bürger werden eine Unmenge von Daten gespeichert. Und nicht nur das, es gibt eben auch das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, das diese Daten sammelt und auswertet. Nach ihrem Schulabschluss beginnt Helene hier als Programmiererin zu arbeiten, eine Arbeit, die ihr zunächst durchaus Freude bereitet, bis sie die Auswirkungen ihres Tuns erkennt: Indem Daten miteinander abgeglichen werden, kann die Gestapo z.B. versteckte Personen entdecken und deportieren.
Im NSA arbeitet auch die zweite Hauptfigur, Eugen Lettke. Eugens Vater starb als Kriegsheld im 1. WK, diesem Andenken wird im Hause Lettke von Mutter und Sohn höchste Rechnung getragen. Schon als Jugendlicher findet Eugen Gefallen daran, Informationen über seine Mitmenschen zu sammeln und sie zum gegebenen Zeitpunkt damit zu erpressen. Auch seine Beziehungen zu Frauen unterliegen diesem Muster und sind zudem rein körperlicher Natur. Seine Position im NSA nutzt Eugen für seine privaten Zwecke, was natürlich strengstens verboten ist.
Helenes Situation spitzt sich zu, als sie sich in einen Soldaten verliebt, der später von der Wehrmacht desertiert und dem sie ein Versteck verschafft. Durch Datenmanipulation gelingt ihr immer wieder seine Rettung, doch das Netz zieht sich enger und enger.

Ich habe die knapp 800 Seiten mit großer Spannung gelesen, auch das Ende ist Eschbach überzeugend gelungen. Übrigens auch ein Roman, den man Jugendlichen ab 16 Jahren durchaus empfehlen kann.

Astrid Henning

 


keiner hat gesagt dass du ausziehem sollst 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 18,00€

 

Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass Du ausziehen sollst"

Ein Mann, Tom, und eine Frau, Luise, treffen sich einmal wöchentlich in einem Pub, auf ein Pint London Pride (für ihn) und ein Glas Weißwein (für sie). An und für sich erst einmal nichts Besonderes, jedoch: die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet, sie gönnte sich kürzlich eine kleine Affäre, und nun kommt so manches zum Vorschein, was schon länger schwelt.
Daher haben die beiden, mehr oder weniger einvernehmlich, beschlossen, eine Paartherapie zu beginnen. Und jede Woche, bevor sie sich in professionelle Hände begeben, treffen sie sich in der Kneipe gegenüber der Praxis, und dann geht es sozusagen ans therapeutische Vorglühen.

Im Original heißt das neue Buch von Nick Hornby „State of the Union“, es ist eine Sequenz aus zehn Sitzungen, und der Titel benennt nicht nur den Beziehungszustand von Tom und Luise, sondern auch den des Vereinten Königreichs. So ist es kaum überraschend, dass der Brexit als immer wiederkehrende Metapher in diesen überaus eleganten und unterhaltsamen Gesprächen bemüht wird: ein Abschied, der sich dermaßen lange hinzieht, dass man am Ende ganz vergessen hat, dass und warum man eigentlich gehen wollte.

Im Einzelnen sind diese Unterhaltungen schnell, oft witzig, die Akteure sind ja schließlich Briten, intelligent, melancholisch und mit dem typischen englischen Humor gewürzt. Doch ab und an hat es auch etwas Quälendes, wie diese auseinanderdriftenden Schicksals- und Lebensgemeinschaftsgenossen keinen Ausweg aus ihrer misstrauischen Deckung finden.
Die insgesamt klugen Dialoge führen auf ein Ende zu, das auf der einen Seite wenig verwundert, andererseits allerdings emotionale Dimensionen perfide auslotet.

Heike Kasten

 


neu schnee 150x237

 

Penguin TB Verlag 15,00€

 

Lucy Foley: "Neuschnee"

Was passt besser zum heutigen Winter(kurz)einbruch, als obiger Titel?

Seit vielen Jahren verbringen sie den Jahreswechsel gemeinsam, neun Freunde, die sich in diesem Jahr eine Bergghütte in den schottischen Highlands gemietet haben. Die Anfahrt ist beschwerlich, da der heftige Schneefall die schmalen Wege immer unpasssierbarer macht.Um so größer ist die Erleichterung,als endlich alle bei einem köstlichen Glas Crémont vor dem prasselnden Kaminfeuer sitzen und gemeinsam auf die vor ihnen liegenden freien Tage anstoßen!
Voller Tatendrang beginnt der nächste Tag mit einem Ausflug und der Aussicht auf echte Jagderlebnisse. Der etwas verschrobene Guide verhält sich zwar merkwürdig, scheint aber verantwortungsbewusst und kompetent. Die Stimmung ist entspannt, die frische Luft tut allen gut, und schon bricht der zweite Abend herein. Als der Alkohol für immer gelöstere Zungen sorgt, droht die Stimmung zu kippen. Erste Gemeinheiten werden ausgesprochen, erste Tränen fließen, erste Türen knallen...
Am nächsten Morgen wachen nur noch acht Gäste auf. Ein Schneesturm sorgt dafür, dass mit keinerlei Hilfe zu rechnen ist. Das Urlaubsparadies ist von der Außenwelt abgeschnitten...

Dieser Thriller wird aus fünf unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Das sorgt zusätzlich für Spannung.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


das beste kommt noch 150x237

 

Wunderlich 20,00€

 

Richard Roper: "Das Beste kommt noch"

Mit diesem Titel ist der Roman eindeutig das Buch der Stunde: „Das Beste kommt noch“. Übrigens sollten Sie sich nicht vom Titelbild irritieren lassen: Hier droht weder Kitsch noch das, was gemeinhin unter „Frauen-Roman“ verstanden wird (ganz nebenbei: eine schreckliche Bezeichnung).

Andrew ist Anfang 40, lebt alleine und von einem nennenswerten Sozialleben kann leider keine Rede sein. Er ist leidenschaftlicher Modelleisenbahn-Fan und hat in einem entsprechenden Online-Forum immerhin vier etwas engere Freunde. Zunächst tauscht man sich nur über diverse Baureihen aus, aber das wird sich im Verlauf des Romans noch ändern…
Auch Andrews Beruf ist ein durchaus spezieller: Er ist sog. „Nachlassinspektor“, im Klartext bedeutet das: Ist jemand gestorben, ohne dass es einen Hinweis auf Angehörige oder Freunde gäbe, geht Andrew in die entsprechende Wohnung, um dort nach Spuren zu suchen. Vielleicht gibt es doch einen Hinweis – ein Foto, eine Telefonnummer, was auch immer. Zu seinen Kollegen hat Andrew nicht großartig Kontakt, das Nötigste halt unter Büro-KollegInnen.
Seit kurzem jedoch gibt es Peggy, eine neue Kollegin: herzerfrischend, munter, rede- und lachbereit. Noch bevor Andrew es richtig kapiert hat,  schlägt sein Herz doppelt so schnell in Peggys Nähe. Ok, sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, aber ihre Ehe scheint kurz vor dem absoluten Aus zu stehen.
Tja, das könnte doch jetzt ganz fein weitergehen zwischen Peggy und Andrew, allerdings gibt es ein – ziemlich großes – Problem: Schon längst war es Andrew vor seinen KollegInnen peinlich, dass er so gar nichts von Familie und Freunden zu berichten hat, deswegen hat er vor einiger Zeit seine Fantasie spielen lassen und sich die glückliche Ehefrau, zwei Kinder, das Grillen am Wochenende, die Urlaubspläne usw. einfach erfunden. Jeder im Büro geht davon aus, dass Andrew in festen Händen ist – auch Peggy, die großen Anteil an Andrews Privatleben nimmt. Wie kommt man aus so einem Märchen raus??

In wunderbar britischer Manier erzählt Roper in diesem Buch eine Liebesgeschichte, aber längst nicht nur. Es ist eben auch eine Geschichte von Einsamkeit in unserer Gesellschaft, von Wünschen und Bedürfnissen, von Träumen und Solidarität. Wie gesagt: das Buch der Stunde!

Astrid Henning

 


der wal und das ende der welt 150x237

 

Fischer 12,00€

 

John Ironmonger: "Der Wal und das Ende der Welt"

Gerade erschien dieser Roman kartoniert, und selten war der Inhalt eines Buches aktueller!
Der promovierte Zoologe Ironmonger erzählt uns eine Geschichte über die

Menschlichkeit, über den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, aber er berichtet auch davon, dass nicht jeder Mensch automatisch ein Sozialverhalten besitzt.

Der Hintergrund: eine Epidemie globalen Ausmaßes droht... - Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? - Joe Haak wird, dank der Flosse eines Wales, nackt ans Ufer von St. Piran gespült. Als sich die hübsche Krankenschwester Aminata über ihn beugt, um ihn zu reanimieren, wähnt er sich im Himmel. Joe überlebt, bekommt etwas anzuziehen und gleich mehrere Angebote für eine kostenlose Unterkunft. Das kleine Dorf an der Küste Cornwells hat endlich neuen Gesprächsstoff, und viele der 300 Seelen würden den netten jungen Mann aus London gerne sofort adoptieren. Kurz darauf strandet der Wal genau dort, wo Joe an Land gespült wurde. Schnell organisiert er umfangreiche Rettungsmaßnahmen für das Tier, und spätestens jetzt lieben ihn nahezu alle Dorfbewohner.
Bevor der Roman in die Pilcherie abdriftet, erfahren wir, dass Joe geflohen ist: aus Angst, aus Scham, aus Verzweiflung.
Als Mathematiker und Analyst einer großen Bank arbeitete er an der Entwicklung eines Algorithmus, der Modelle von den Abhängigkeiten der Welt erstellen soll. Dieses System hat nun den globalen Kollaps vorhergesagt. Käme jetzt noch ein Grippevirus hinzu,gäbe es den Supergau. Joe weiß, dass er nicht die ganze Welt retten kann, aber 300 Menschen, das müsste doch zu schaffen sein! Dann bricht tatsächlich das Virus aus....

Ein wunderbares Buch,mit vielen liebevoll gezeichneten Charakteren, und der schönen Botschaft: wir schaffen sehr viel, wenn wir zusammen halten!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


das eis brechen 150x237

 

Mare 18,00€

 

Julien Blanc-Gras: " Das Eis brechen"

Grönland hat in den letzten 10 Jahren enorme Mengen Eis verloren, der Klimawandel lässt sich nicht mehr verleugnen. Hiervon, aber auch von so viel mehr, erzählt der französische Autor Julien Blanc-Gras.

Und das tut er mit viel Humor und Weisheit. Sein Verleger beauftragt ihn mit einem Reisebericht über Grönland. Eine dreiwöchige Segeltour ist geplant. Der Autor, normalerweise in südlichen Gefilden unterwegs, ist zunächst skeptisch. Kälte, Seetüchtigkeit, Enge, das macht ihm zu schaffen.
In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands angekommen, begibt er sich zunächst in eine Kneipe. Kneipen sind die Orte, in denen man Land und Leute am bestens kennenlernen kann. Hier kommt es zu ersten Sprach- und zwischenmenschlichen Missverständnissen. Der Autor kommt einer menschlichen Regung nach und wird, beim Verlassen der Toilette, von einer untersetzten Einheimischen auf deutliche Art darauf hingewiesen, dass er sich in der Tür geirrt hat - sie fasst ihm energisch und ohne zu zögern in den Schritt.
Am nächsten Tag entert er die „Atka“, einen kleinen Segler. Die Crew besteht aus zwei Bretonen, dem Kapitän und dem ersten Offizier, und einem französischen Landschaftsmaler. Die Route verläuft westlich der immer noch dänischen Rieseninsel, entlang der Küste, in der sogenannten Discobucht. Was diese vier Reisenden in den nächsten Wochen an Natur, aber auch mit den Menschen in den winzigen Städtchen erleben werden, ist großartig.Den Eisbären wird unser Autor nur auf einer Postkarte in einem der Supermärkte, den Pisiniarkiks (Grönländische Aldis, in denen auch gerne dicke Gewehre über den Tresen gehen) zu sehen bekommen, ansonsten lässt die abenteuerliche Tour keine Wünsche offen.

Die Beschreibungen der Eisberge macht ehrfürchtig, Stürme auf See sowieso, doch zumeist strahlt ein blauer Himmel über diamantenem Glitzern im nicht mehr so ewigen Eis. Die Begegnungen mit den Inuit sind lustig und beeindruckend. Die Bewohner des höchsten Nordens sind wohl keiner anderen ethnischen Gruppe ähnlich. Wir lesen über Geologie, Geschichte, heutige Politik und natürlich über das Klima, dessen Veränderung in diesen Breitengraden ganz besonders zu spüren ist.
Ein toller, sehr flüssig zu lesender Reisebericht, bei dem ich anfing von Eisbergjungen gebärenden Gletschern zu träumen.

Annette Matthaei

 


rote kreuze 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Sasha Filipenko: "Rote Kreuze"

Der Autor Filipenko macht aufmerksam auf ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte. Die Sowjetunion hat im zweiten Weltkrieg ganz unfassbar die russischen Brüder, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, verurteilt, als Volksverräter tituliert, im Stich gelassen und sogar deren Familien verfolgt und verstoßen.

Tatjana Alexejewna ist nunmehr 90 Jahre alt. Von Tag zu Tag lässt ihr Gedächtnis sie mehr im Stich, die Diagnose Alzheimer. Und das, obwohl sie soviel zu sagen hat. Einem jungen Mann, der seit einigen Tagen ihr Nachbar ist, erzählt sie ihre aufwühlende Lebensgeschichte, die ein ganzes Jahrhundert umfasst. In London geboren, zieht sie mit ihren Eltern im Alter von zwei Jahren zurück nach Moskau. Als bekennender Atheist, und im Stillen Systemkritiker, erzieht der Vater das Mädchen zu einem freien, selbstbewussten Denken. Ihre große Liebe Ljoscha Pawkowa lernt Tatjana kennen, da ist sie schon längst aufgrund ihrer internationalen Sprachkenntnisse aus dem Studium herausgefischt worden und arbeitet als Übersetzerin für den NKID, dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten.
In dieser Position hat sie Einblick in brisante Geheimakten. Ljoscha und Tatjana bekommen ein kleines Mädchen namens Assja. Mit dem Einzug von Ljoscha in den Krieg, kommt das große Leid in der bisher so glücklichen Familie an. Tatjana bangt. Zwei Briefe erhält sie noch von ihm, dann reisst der Informationsfluss ab. Nach drei Kriegsjahren fallen ihr Gefangenenlisten, aufgestellt vom Internationalen Roten Kreuz, in die Hände. Auch ihr Mann ist verzeichnet. Da russische Kriegsgefangene geächtet sind und als Verräter zum Tode verurteilt werden, fälscht sie den Namen bei der Übersetzung, um sich und vor allem ihrer Tochter Sicherheit zu gewähren.
Bis nach Kriegsende verläuft alles gut, doch im Juli 1945 stehen Tschekisten vor ihrer Tür, trennen sie von ihrer Tochter und verfrachten sie nach brutalen Verhören in einen Gulag. Sie wird Mann und Tochter nie wiedersehen. Tatjana hat nur überleben können, weil sie ihren Glauben zu Gott fand. Allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Sie wartet darauf, mit Gott abrechnen zu könne und nun schickt er ihr, feige wie er ist, diese Krankheit des Vergessens.

Mich hat dieser Roman zutiefst gebannt und auch erschüttert. In einem Interview am Ende des Buches erklärt der Autor seine Beweggründe für das Buch. Seiner Großmutter und den tapferen Frauen ihrer Generation wolle er ein Denkmal setzen und gleichzeitig auf dieses dunkle Kapitel aufmerksam machen.
Die Recherche dazu war nicht einfach, da unter dem Regime von Putin alle Archive, die Jelzin hatte öffnen lassen, wieder fest verschlossen sind. Die Schweiz allerdings hat alle Briefe des internationalen Roten Kreuzes peinlich genau archiviert, inklusive Eingangsdaten und Beantwortung. An den Genossen Molotow gingen unzählige Briefe und Bittschreiben, Gefangenenlisten zu erstellen. Sie blieben durchweg unbeantwortet.

Annette Matthaei

 


beute 150x237

 

Rütten & Loening 20,00€

 

Deon Meyer: "Beute"

Der Südafrikaner Deon Meyer schreibt seit vielen Jahren spannende Thriller, die sich wohltuend vom üblichen Mainstream abheben. Seine Bücher nehmen häufig Bezug auf die herrschenden politische Lage des Kontinents, und der Autor scheut sich nicht, darauf hinzuweisen, dass auch zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheidspolitik nicht genug erreicht wurde.
Zwar haben seine beiden sympathischen Ermittler die "genre-üblichen" privaten Probleme (zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf, zerrüttete Ehen, korrupte Kollegen), aber Meyer verzichtet weitestgehend auf zu brutale Tötungsszenen, ohne dabei den Spannungsaufbau zu gefährden. Seine Protagonisten sind bis in die kleinsten Nebenrollen sorgfältig gezeichnet. Der Humor kommt nicht zu kurz!

Im aktuellen Thriller ermitteln Bennie Griessel und sein Partner Cupido zum 6. Mal. Sie untersuchen den Tod eines ehemaligen Personenschützers. Der Mann war offenbar aus einem fahrenden Luxuszug "gefallen". Bei der Obduktion stellt man jedoch fest, dass mindestens eine Person dem Toten beim "Fallen" geholfen haben muss...
Währenddessen treffen sich in Frankreich zwei alte Freunde und Weggefährten wieder. Lonnie versucht, seinen untergetauchten Freund Daniel zu überreden, einen brisanten Auftrag zu übernehmen....

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die vielgeliebte meines mannes 150x237

 

Nagel & Kimche 18,00€

 

Margrit Schriber: "Die Vielgeliebte meines Mannes"

„Das Leben ist schwierig, fand ich. Aber was hatte ich erwartet? Den schönsten aller Sommer. Pirouetten auf Zehenspitzen. Unermüdlich blühende Blumen und immerwährendes Glück. Heute weiß ich, dass das Leben uns Grenzen steckt, aber Möglichkeiten bietet. Kompliziert ist nur die Liebe.“ Das sagt die Protagonistin des Buches, nachdem auf sie geschossen wurde, und fragt sich, wie man einen geliebten Menschen halten kann, wohin das Glück so plötzlich entschwindet.

Als der attraktive Musikstudent Charly eine Teilzeitstelle als Organist in der St. Agatha Kirche antritt, ringt er dem Priester und den Entscheidungsträgern des kleinen Ortes die Erlaubnis ab, einen Chor zu gründen. Bald verbringt der charismatische junge Mann mit der Ausbildung von acht dreizehnjährigen Mädchen eine Menge Zeit, wird zum umschwärmten Mittelpunkt seiner „Chorblumen“. Die Menschen des Ortes sind von den wunderbaren Singstimmen in ihrer Kirche verzaubert, der sympathische Organist ist allseits geschätzt.
Charly lebt für die Musik. Seiner frisch angetrauten Ehefrau Rosy widmet er, zu deren Leidwesen, immer weniger Aufmerksamkeit. Die pubertierenden Sängerinnen buhlen um seine Gunst. Ein unscheinbares Mädchen namens Kitty singt sich mit ihrer reizenden Stimme in die Herzen der Dorfbewohner. Sie liebt Charly fanatisch und betrachtet schon bald dessen Ehefrau als Hindernis zu ihrem Glück. Als der narzisstische Charly sich auch noch der exzentrischen Schönheit, der mondänen Madame Benz, zuwendet, eskaliert die Situation…

In diesem außergewöhnlichen Buch thematisiert die Autorin ein Tabu, lässt ihren Protagonisten Grenzen überschreiten. Gekonnt erzählt sie die Geschichte eines jungen Musikers, der sich in seiner Musik und in seinen Leidenschaften verliert. „Die Vielgeliebte meines Mannes“ hat Tiefgang, die Sprache ist schön, bildhaft und auf gute Art detailverliebt.
„Er war ein schneller Läufer und leichter Tänzer. Ich nahm ihn als Südwind wahr, der kurz die Büsche am Wegrand aufwühlte, und alles hoch flattern ließ, den Schal, die Zotteln der Mokassins, die Paspeln des Klöppelmantels und die beiden Haarlocken über der Stirn.“

 

Annette Matthaei

 


marianengraben 150x237

 

Eichborn Verlag 20,00€

 

Jasmin Schreiber: "Marianengraben"

Paulas Herz ist zerbrochen. Das ist zwei Jahre her und anhand eines Graphen, aufgezeichnet von ihrer Smartwatch, kann sie erkennen, wie ihre Herzrate auf 172 Schläge pro Minute stieg und sich dort stabilisierte. Diese Aufzeichnung hängt noch immer an ihrem Kühlschrank. Der Graph beschreibt den Moment, an dem ihre Mutter ihr am Telefon mitteilte, dass ihr kleiner Bruder Tim im Alter von 10 Jahren bei einem Badeunfall ums Leben kam.
Seitdem kann Paula nicht mehr Tritt fassen. „Sie trauern pathologisch“, konstatiert ihr Therapeut, den sie mit Gesprächen über diverse Nudelsorten oder langem gemeinsamen Schweigen davon abhält, sich ihrem Inneren zu nähern. So richtig weiß sie selber nicht, was mit ihr los ist. Abgrundtiefe Leere und Starre wechseln sich ab mit körperlich spürbaren Schmerzen. Der Verlust des aufgeweckten Jungen, zu dem sie ein so enges Verhältnis hatte, reißt ihr förmlich Löcher in Körper und Seele. Und es wird nicht besser.
Nach viel innerer Überzeugungsarbeit ringt Paula sich dazu durch, das Grab ihres Bruders zu besuchen. Das geht nur nachts, tagsüber sind zu viele Menschen auf dem Friedhof. Zum Innehalten an der Grabstätte kommt sie jedoch nicht, da befremdliche Geräusche sie ablenken. Ein Schippen von Erde, ein Husten und ein merkwürdiges Schnaufen ist zu hören.

Dahinter verbirgt sich Helmut, ein schrulliger Alter, der dabei ist, die Urne mit der Asche seiner verstorbenen Helga auszubuddeln. Natürlich hat er Gründe dafür, ein Versprechen will eingelöst werden. Nicht wissend, wie ihr geschieht, sieht Paula sich plötzlich in der Situation, Helmut die Schaufel abzunehmen und ihm mitsamt der Beute zur Flucht zu verhelfen. Dies ist der Beginn einer wahrhaft ungewöhnlichen Freundschaft. Auf einer Reise in die Alpen in Helmuts Wohnmobil, kommen sich der knurrige Alte und die traumatisierte junge Frau näher. Rührend, wie sie voneinander lernen und sich so schwer dabei tun. Auch Helmut hat viele Verluste in seinem Leben hinnehmen müssen, dabei aber ganz andere Strategien entwickelt als Paula.

In diesem Roman geht es um das Thema Loslassen, das richtige Gefühl für Nähe und Distanz und natürlich Freundschaft. Paula, die Biologin, schafft es, den Leser mit Beispielen aus dem Tierreich und der gesamten Natur, übertragen auf die menschliche Gedanken- und Gefühlswelt, zu verblüffen.

Annette Matthaei