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Unsere Buchempfehlungen im April

    
               


almas sommer 150x237

 

Kindler Verlag 20,00€

 

Lenz Koppelstätter: "Almas Sommer"

Dreimal Sommerfrische in Südtirol, dreimal Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler in Toblach, das präsentiert uns Lenz Koppelstätter in „Almas Sommer“. Und wenn Sie mit Sommerfrische vielleicht so etwas wie Erholung und Entspannung verbinden, kann ich nur sagen: Dass war zumindest Alma und Gustav nicht vergönnt. Als Leserin ist man sehr froh, dass man nur von außen zugucken darf – ein Vergnügen – aber nicht Teil dieser Sommerurlaube in den Jahren 1908 - 1910 sein muss.

Von beiden Protagonisten ist bekannt, dass sie keine einfachen Charaktere waren: Alma galt als eine der schönsten Frauen Wiens, hatte jede Menge Verehrer (und später auch Ehemänner), was sie offensichtlich für völlig angemessen hielt. Zudem war sie musikalisch extrem begabt, musste aber vor der Eheschließung mit Mahler versprechen, dass sie ihre Tätigkeit als Komponistin einstellen würde.
Gustav Mahler wiederum war der gefeierte Komponist und Dirigent, hatte über Europa hinaus auch die „neue Welt“, sprich New York, erobert und ist sich seiner Bedeutung absolut bewusst. Aber weiß man diese Bedeutung auch in Toblach zu schätzen und zu würdigen? Weit gefehlt, niemand nimmt Rücksicht auf die Sensibilität und Feinnervigkeit des Komponisten. Die Bauern singen während der Arbeit auf dem nahegelegenen Feld, das Postauto fährt am Haus vorbei durchs Dorf – so kann man nicht arbeiten.
Alma selbst ist vorwiegend langweilig, sie sehnt sich nach der anregenden Gesellschaft der Wiener Kaffeehäuser. Wie gut, dass wenigstens Walter Gropius ab und zu in der Nähe ist, mit dem sie eine Affaire beginnt. Dumm nur, dass Gropius einen Brief an Alma mit Gustavs Adresse versieht: Die Liaison fliegt auf und führt zu einer großen Krise.

Koppelstätter gelingt mit seinem Roman ein wirkliches Lesevergnügen. Gut recherchiert, kompetent und mit feiner Ironie portraitiert der Autor dieses außergewöhnliche Paar. Der Roman bietet Unterhaltung, lotet aber auch die Tragik der Persönlichkeiten und ihrer Beziehung zueinander aus. Ein schöner Kontrapunkt zu Robert Seethalers Roman „Der letzte Satz“.

Astrid Henning

 


nebenan 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Kristine Bilkau: "Nebenan"

Eine Kleinstadt, eine Autostunde nördlich von Hamburg entfernt. Ein Ort im Niedergang, idyllisch am Kanal gelegen, aber doch vom Wegzug der Menschen bedroht. In diesem Szenario stellt uns die Autorin Bilkau in ihrem zweiten Roman einige Frauenschicksale vor.

Julia ist eine von ihnen. Mit Ende dreißig sind Chris und sie erst vor kurzen in das Efeuhaus gezogen, weg aus einem trendigen, wirrigen Stadtteil Hamburgs. Chris forscht als Umweltbiologe und ist erfüllt von seiner sinnvollen Arbeit. Julia eröffnete einen kleinen Töpferladen, doch am liebsten ist es ihr, wenn sie ihre Produktion nur verschicken kann und möglichst wenig Kundenkontakt haben muss. Scheusein war nicht immer eine Eigenschaft von ihr, aber seit der Wunsch ein Kind zu bekommen, immer mehr Raum einnimmt und später zur fixen Idee wird, meidet Julia Menschen, insbesondere junge Familien. Trotz intensiver, teurer medizinischer Behandlung, gelingt es Julia nicht schwanger zu werden. Eine schwere seelische Belastung und nicht einfach für eine Beziehung.
Astrid hat seit über dreißig Jahren eine Hausarztpraxis im Zentrum des Ortes. Eigentlich würde sie gerne demnächst verkaufen und mit ihrem Mann Andreas den Ruhestand genießen. Doch die Nachfolge erweist sich als Problem. Wer will schon in eine Kleinstadt, die ihre beste Zeit hinter sich hat? Seit einiger Zeit bekommt Astrid merkwürdige Beschwerdebriefe, die sie als schlechte Medizinerin bezeichnen. Wer steckt dahinter? Ein enttäuschter Patient? Muss sie sich Sorgen machen? Klar ist, dass sie die Situation als belastend empfindet. Hinzu kommt, dass ihre Tante Elsa, die sie an Mutter statt aufgezogen hat, physisch und auch im Geiste deutlich abzubauen scheint. Alles in allem ändert sich in Astrids Leben gerade einiges nicht zum Guten und sie versucht, ihre Mitte zurückzuerlangen.
Und dann gibt es noch Elsa, die ihr Ende gelassen nahen sieht, aber vorher noch ein Geständnis ablegen muss...

Die Frauenschicksale in diesem gefühlvollen Roman sind zart miteinander verknüpft. Freundschaft, Nähe, ein Achtgeben auf den anderen, aber auch ein Auseinandersetzen mit verschütteten Sehnsüchten, die an die Oberfläche drängen, diese Themen werden in dem Roman, in dem eigentlich gar nicht so viel passiert, fesselnd behandelt. Ich war tief drin in den Geschichten der so unterschiedlichen Frauen und das hat mir sehr gefallen.

Annette Matthaei

 


meine kleine welt familiengeschichten 150x237

 

Ars Vivendi 20,00€

 

Ewald Arenz: "Meine kleine Welt"

Den Schriftsteller Ewald Arenz kennen viele von Ihnen von seinen Romanen „Alte Sorten“ und „Der große Sommer“. Mit Begeisterung habe ich diese beiden Bücher gelesen, fasziniert von Arenz Sprachgewandheit und seiner Liebe zum Detail.
Nun ist ein neues Buch von ihm im fränkischen ArsVivendi-Verlag erschienen. Nein, neu ist es eigentlich nicht - es ist eine Sammlung von Kolumnen, die Arenz zwischen 2007 und 2009 für die Nürnberger Nachrichten geschrieben hat.

Arenz Alter Ego Heinrich berichtet in diesen Texten von kleinen Episoden aus dem Familienalltag mit seinen Kindern Theo, Philly und Otto, seiner Frau Juliane und der immer präsenten Hauskatze. Humorvoll, politisch manchmal nicht ganz korrekt, immer herzlich, herrlich skurril und unpädagogisch beschreibt Arenz Situationen, die jedem von uns auf die eine oder andere Art bekannt vorkommen werden. Er erzählt von den kleinen Missgeschicken und Desastern des Alltags so pointiert und witzig, dass man nicht umhinkommt, manchmal laut zu lachen: So landet er mit seinem jüngsten Sohn in einem Striptease-Lokal auf der Reeperbahn, beschreibt die Lebensgefahr, die an Samstagen auf Baumarktparkplätzen lauert, und versucht mehr oder weniger verzweifelt im Familienchaos nicht völlig unterzugehen. Arenz versteht es wirklich, mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht von den kleinen und größeren Katastrophen des Alltags zu erzählen. Fest steht die ganze Zeit, dass alle Beteiligten lieben und geliebt werden und die Familie letztlich das ist, was trägt, auch wenn es manches Mal nicht ganz einfach ist!

Am Anfang war ich zugegebenermaßen etwas skeptisch, doch das Buch erwies sich für mich und meine Kinder als unerwartetes (Vor-)Lesevergnügen! Gemeinsam ist allen Büchern Ewald Arenz‘, dass die Quelle seines Tuns und Schreibens die Familie ist. Ein wunderbares Buch, um in diesen grauen Zeiten wieder einmal herzlich zu lachen!

Sabine Christ

 


die wut die bleibt 150x237

 

Rowohlt Hundert Augen 22,00€

 

Mareike Fallwickl: "Die Wut, die bleibt"

Selten hab ich ein Buch gelesen, das mit einem solchen Paukenschlag beginnt: Eine scheinbar harmlose Abendbrot-Szene in einer Familie, Johannes und Helene, die Eltern, dazu drei Kinder im Alter von anderthalb bis 14 Jahren. Johannes fragt/sagt „Haben wir kein Salz?“ und Helene steht auf, geht auf den Balkon und springt runter.

Nach dieser Eröffnung muss man erstmal tief durchatmen, aber dafür bleibt gar nicht so viel Zeit, denn Fallwickl richtet ihren Blick sofort auf zwei Personen: Zum einen auf Lola, die 14-jährige Tochter, in der vor allem ein Gefühl vorherrscht und das ist Wut. Natürlich ist sie auch traurig und fühlt sich verlassen, das spüren wir als Leser, aber in Lola selbst tobt – die Wut, ein heller Zorn.
Die andere zentrale Protagonistin ist Sarah, seit Kindertagen die beste Freundin von Helene, ca. Ende 30, selbst kinderlos, aber nicht unbedingt ohne Kinderwunsch. Ihre Gefühlswelt ist im Moment ganz schön komplex: Da ist die Traurigkeit, so viel hat sie mit Helene zusammen erlebt und so viel hatten sie noch vor. Aber auch bei ihr macht sich eine Wut breit, jetzt ohne Helene dazustehen – und natürlich macht sie sich Vorwürfe und fragt sich: „Was um Himmels Willen hab ich hier nicht mitbekommen?!“
Helene fehlt aber nicht nur als Mutter und Freundin, sie fehlt auch in ihrer Funktion als „Versorgerin und Kümmerin“. Der Roman spielt während des Lockdowns, eine Zeit, die Frauen nochmal ganz besonders viel abverlangt hat: Homeschooling, Haushalt, oft waren sie es, die im Beruf erstmal kürzer getreten sind – weil der Verdienstausfall meist nicht so groß war wie bei Männern. Womit wir schon bei den Strukturen sind. Jedenfalls ist es erstmal Sarah, die diese Lücke füllt und ganz direkt spürt, was es bedeutet, einen anderthalbjährigen und einen 5-jährigen Sohn zu versorgen und eine 14-jährige pubertierende Tochter ins Erwachsen werden zu begleiten. Große Frage: Wo bleibt Johannes, der Vater??

Mareike Fallwickl findet ganz außergewöhnliche Worte für die komplexen Gefühle ihrer Romanfiguren, das Buch macht aber auch nochmal sehr deutlich, welche Rolle Frauen in unserer Gesellschaft bis heute ausfüllen. Ein Buch, das mich über die Lektüre hinaus nachhaltig beschäftigt und über das man unbedingt mit anderen LeserInnen sprechen möchte.

Astrid Henning

 


der markisenmann 150x237

 

Heyne 22,00€

 

Jan Weiler: "Der Markisenmann"

Der Anblick des neuenBuches von Jan Weiler erweckt wohl bei jedem, der die Zeit mitgemacht hat, schrille Assoziationen an die 70er Jahre. Dieses abgrundtief hässliche Design war einzigartig für die wilden Jahre und ist heutzutage beinahe wieder Kult - der Hammer.

Die 15jährige Kim staunt nicht schlecht, als sie ihrem leiblichen Vater Ronald Papen das erste Mal in ihrem Leben gegenüber steht. Der „Unscharfe“, wie Kim ihren bis dato nicht existenten Vater nennt, haust in einer alten Fabrikhalle, Industriegebiet von Duisburg, direkt am Rhein-Herne-Kanal, gemeinsam mit unzähligen Rollen Markisenstoff in rotorangebraun (Mumbai), wahlweise blaugrün(Amsterdam). Es ist unfassbar, dieser schmächtige Kerl scheint völlig durchgeknallt. Ein Markisenvertreter, das geht gar nicht. Und bei diesem Typen soll sie die Sommerferien verbringen…
Kim wuchs bisher mit ihrer Mutter Susanne, dem lieblosen Stiefvater Heiko und dem sechs Jahre jüngeren Halbbruder Geoffrey im Luxusneureichtum in Köln auf. Nun hat sie es richtig verbockt. Aus einer pubertären Laune heraus und weil sie es satt hatte, in dieser Familie immer die ungesehene, nicht gewollte Tochter zu sein, verursacht sie eine Katastrophe bei der ihr Bruder beinahe ums Leben kommt.Jetzt also nicht Sommerurlaub in Miami mit der Familie, sondern Abschiebehaft bei diesem schrägen Vogel, der nichts mehr liebt als in seiner alten Schrottkarre zu sitzen und sich alte DDR Schlager auf die Ohren zu geben.
Kim macht es ihrem Vater nicht leicht, der unbekannten Tochter näher zu kommen, obwohl er sich doch so rührend bemüht. Im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden jedoch ein zartes Band der Verbundenheit. Die pfiffige Kim begleitet den wohl erfolglosesten Vertreter aller Zeiten auf seinen Touren durch den Pott und entwirft schnell eine Verkaufsstrategie, die die Geschäfte von Papen durch die Decke gehen lassen. Das wird ein unvergesslicher Sommer.

Jan Weiler hat es einfach drauf, skurrile Typen zu beschreiben. Seien es die harten Jungs, die sich täglich in Rosi‘s Pilstreff versammeln, den Schrott sammelnden Jungen Alik, aber eine besondere Liebe gilt den Loosern, hier der bescheidene, sanftmütige Papen und nicht zuletzt die Erzählerin. Tiefgang bekommt der Roman durch die Fragen nach Schuld, Vergangenheit und Wurzeln. Ein wirklich großartiges Buch!

Annette Matthaei

 


nachts im kanzleramt 150x237

 

Droemer Verlag 20,00€

 

Marietta Slomka: "Nachts im Kanzleramt"

Diese Autorin muss man nun wahrlich nicht vorstellen, Marietta Slomka ist als Moderatorin des „heute journals“ bestens bekannt.

Der Journalistin ist mit ihrem neuen Buch etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen: Wer liest schon gern und freiwillig ein Buch über das Funktionieren von Politik, das auch Bereiche wie Wirtschaft und Recht nicht außer Acht lässt? Das klingt trocken und anstrengend. All dies ist aber „Nachts im Kanzleramt“ überhaupt nicht, im Gegenteil. Unterhaltsam und kompetent bietet Slomka einen Überblick über die Grundlagen unserer Demokratie: Wie funktionieren bei uns Wahlen, wie die Parteien, was passiert vielleicht auch hinter den Kulissen – wir erinnern uns an die Kür so manches Kanzlerkandidaten.
Dann geht es schon ein paar Etagen höher: Was macht eigentlich eine Ministerin und ist es dann wirklich sie, die inhaltlichen Linien des Hauses bestimmt? Oder sind das doch eher die StaatssekretärInnen? Und schließlich der Kanzler/die Kanzlerin: Wie sieht so ein Tag im Kanzleramt ganz konkret aus?
Aber Politik wird heutzutage nicht nur von Berlin aus gemacht, die EU ist ein ganz wichtiger Punkt bei vielen Entscheidungen, auch hier gibt Slomka einen guten, kompakten Einblick. Natürlich bleibt auch der Bereich der Medien nicht ausgespart, auch das ein wirklich interessantes Kapitel in diesem Buch.

Nicht unerwähnt bleiben sollen hier die kleinen Cartoons von Mario Lars, die in den Text eingestreut sind und ihn so nochmal pointiert unterstreichen. Insgesamt ist „Nachts im Kanzleramt“ ein Buch, dass wirklich viele unterschiedliche LeserInnen finden kann: Lesealter ab ca. 15/16 Jahren (toll zur Konfirmation!), aber auch für Erwachsenen hochinteressant.

Astrid Henning

 


rosenkohl und tote bete 150x237

 

Knaur Verlag 12,99€

 

Mona Nikolay: "Rosenkohl und die tote Bete"

Ach ja, so ein Schrebergarten, das könnte wirklich was Schönes sein. Ein Platz im Grünen, ein bisschen gärtnern, ein bisschen grillen – auf jeden Fall jede Menge Entspannung.
Genau das, wovon Caro von Ribbeck träumt, und jetzt ist es endlich so weit: Sie hat tatsächlich ein kleines Gärtchen ergattert und freut sich auf schöne Zeiten mit ihrem Mann Eike und Tochter Greta. Viel Ahnung vom Gärtnern hat sie zwar nicht, dafür umso mehr von Instagram etc., aber das wird schon.

Doch gleich am ersten Tag, Caros Mann Eike greift tatkräftig zum Spaten, um ein Beet umzugraben, macht man eine unschöne Entdeckung: Neben Regenwürmern und kleinen Käfern befindet sich eine veritable Leiche im Beet – das ist, oder vielmehr war: Kalle, Vorbesitzer des Schrebergartens. Damit hatte man ja nun wirklich nicht gerechnet, weder Familie von Ribbeck, noch der Nachbar nebendran, die zweite Hauptfigur in diesem amüsanten Krimi, nämlich Manne Nowak, Vorsitzender des Kleingartenvereins „Harmonie“. Manne ist Ex-Polizist und: Ex-Freund von Kalle, denn in letzter Zeit hatten die beiden sich eigentlich nur noch gestritten, weshalb auch bald Mannes alte Kollegen von der Polizei vor der Gartenpforte stehen und ihn des Mordes verdächtigen.
Was soll ich sagen: Hier schlägt ein neues Ermittler-Duo in der Berliner Krimi-Szene auf, denn Caro ist tatendurstig und kann doch ihren neuen Nachbarn Manne nicht im Regen stehen lassen. Wie wär’s mit der Gründung einer Detektei, „Nowak und Partner“? Manne ist zunächst skeptisch, Caro trinkt Kaffee mit Hafermilch, redet viel und trägt rot-weiß gepunktete Gummistiefel, aber eine Verbündete kann er tatsächlich gut gebrauchen.

Mona Nikolay hat einen erfrischenden „cosy crime“ geschrieben, der sich auf der Gartenliege leicht und flüssig wegliest, nachdem man hoffentlich ohne unangenehme Entdeckungen die Gartenarbeit erledigt hat.

Astrid Henning

 


alles spricht 150x237

 

Verlag Antje Kunstmann 22,00€

 

Nicolò Targhetta: "Alles spricht"

Sprechen Sie manchmal mit Ihren Topfpflanzen? Ganz bestimmt, jeder tut das ab und zu und angeblich soll es ja auch irgendwie helfen oder etwas bewirken; der Pflanze oder Ihnen, man weiß es nicht genau. Wenn Sie allerdings mit Ihrem Zahnputzbecher, Ihrem Mixer oder Ihrem Kerzenständer kommunizieren, sollten Sie sich doch Gedanken machen oder vielleicht auch nicht; möglicherweise ist auch das ganz normal. Wenn Ihnen die genannten Gegenstände dann jedoch beginnen zu antworten, dann ... geht es Ihnen wie der weiblichen Hauptperson im Roman „Alles spricht“ des italienischen Autors Nicolò Targhetta. Er ist Mitte dreißig und schreibt eigentlich Kurzgeschichten auf Facebook, mit denen er in Italien sehr bekannt geworden zu sein scheint.

In seinem Roman erzählt dieser (junge) Mann über die existentielle Lebenskrise einer Frau als wäre es seine eigene. Das hat mich sehr fasziniert. Eine Frau, ebenfalls vermutlich in den Dreißigern, wird von ihrem Freund verlassen, mit dem sie fünf Jahre zusammen war. Alles in ihrem Leben scheint innerhalb kurzer Zeit auseinander zu brechen, alles geht kaputt, wird zerlegt: Freund weg, Job weg, Ausweglosigkeit. Die kleinen blauen Pillen, die Erleichterung versprechen, winken aus der Dose im Badezimmerschrank. In ihrer Verzweiflung und Einsamkeit, in ihrem Zorn und ihrer Enttäuschung gefangen, versucht die Frau, Antworten, Wege und Lösungen zu finden, aber eben auch ihre Selbstzweifel und ihre Wut irgendwie loszuwerden. Das tut sie, indem sie mit Dingen spricht, bevorzugt mit ihrem geduldigen, alten, abgenutzten Sofa, aber auch mit der besserwisserischen Zimmerpflanze ihrer Therapeutin oder ihrem Aschenbecher. Und - oh Wunder - die Sachen antworten, erteilen Ratschläge, ernüchtern oder helfen, so gut es ihnen eben möglich ist.

Zu verrückt denken Sie jetzt? Zu deprimierend oder merkwürdig? Nein, Targhettas Buch ist weder das eine noch das andere. Es ist fein und nachdenklich, manchmal traurig, dann wieder zum Brüllen lustig. Der Autor jongliert mit den Worten, und das tut er wirklich meisterhaft. Mir jedenfalls ist es am Ende überhaupt nicht mehr seltsam vorgekommen, dass „alles spricht“ - und das Sofa habe ich nach der Lektüre wirklich vermisst!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


die botschaft der riesenkalmare 150x237

 

S. Fischer 20,00€

 

Fabio Genovesi: "Die Botschaft der Riesenkalmare"

Manchmal gibt es diesen magischen Moment: Man beginnt ein neues Buch und schon nach ein paar Seiten ist man gefangen, ist man „drin“ – quasi schockverliebt. So ging es mir mit der „Botschaft der Riesenkalmare“, ein Buch wie ein Geschenk, überraschend, erstaunlich und vor allem ein Quell von Geschichten - was es nicht einfach macht, davon zu erzählen.

Fabio Genovesi macht uns mit unglaublichen Geschöpfen bekannt:  den Riesenkalmaren. Noch immer wissen wir nicht allzu viel über diese Tiere, die bis zu 18 Metern lang werden können, mit 10 Armen und Augen von bis zu 40 cm Durchmesser. Schon im 18. und 19. Jahrhundert gab es Berichte - vor allem von Seeleuten – die von Begegnungen mit diesen Tieren berichtet haben, aber geglaubt hat man ihnen nicht, „Seemannsgarn“, „zu tief ins Glas geschaut“, ganz klar. Genovesis Buch ist aber noch viel mehr, denn er erzählt auch von den Menschen, die sich der Erforschung der Riesenkalmare gewidmet haben. Und das waren wirklich ganz besondere Kaliber, leidenschaftlich und ein klein wenig verrückt. Auch wird klar, wie wenig wir Menschen von manchen Bereichen der Natur kennen, insbesondere vom Meer. Genovesi beschreibt es ganz treffend: Wenn wir einen Tag am Strand gewesen sind, sagen wir: „Ich hab heute das Meer gesehen“. In Wirklichkeit ist es aber so, als würden wir zum Zirkus gehen, einmal um das Zelt herumlaufen und sagen: „Ich habe heute den Zirkus gesehen“. Es bleibt also noch viel zu entdecken.

Was das Buch so ganz besonders macht, ist Genovesis Ton: charmant, leichtfüßig, voller Liebe zur Natur und geradezu mitreißend. Dass dann auch noch seine Großmutter eine spezielle Rolle spielt, eine echte italienische „Nonna“, sei hier nur kurz erwähnt. Dieses Buch hat alles, was es braucht, um uns zu begeistern, uns erneut klar zu machen, von welch magischen Welten wir umgeben sind und ich kann Sie nur ermutigen, sich auf eine Liebesbeziehung mit diesem Buch einzulassen.

Astrid Henning

 


der hypnotiseur 150x237

 

Galiani Verlag 20,00€

 

Jakob Hein: "Der Hypnotiseur"

Anfang der 80er Jahre in einem kleinen Dorf im Odertal, ehemalige DDR: Hier ist Micha gestrandet, nachdem er aus politischen Gründen aus dem Psychologie-Studium geschmissen wurde. Seine Ansichten zum Marxismus-Leninismus passten nicht so recht zu dem, was die offizielle Ansicht war – und das war’s dann mit der Psychologie.
Micha zieht ins Dorf und auch ins Haus seiner Großmutter Gerda, um in Ruhe zu überlegen, wie es beruflich mit ihm weitergehen soll. Außer Kraniche und neugierige Nachbarn gibt’s da nicht so viel, ist aber nicht weiter schlimm für Micha.

Nach dem Tod seiner Großmutter kommt er auf eine geniale Idee: Im Rahmen seiner zwei Jahre Studium hat er durchaus intensiver das Thema Hypnose gestreift und bietet nun „Hypnose-Reisen“ an – in Gedanken kann man in fernste Länder entschwinden. Offiziell natürlich politisch total korrekt in die sozialistischen Bruderstaaten, oder noch weiter, nach Nordkorea gar. Aber wohin wollen die Leute? Na klar, nach Paris, London, New York usw. Gleich seine erste Klientin Anika hat einen „Paris-Fimmel“ und ist so begeistert von ihrer Gedankenreise, dass sie den Hof gar nicht mehr verlassen will. Mit viel Energie und Geschäftssinn hilft sie Micha auf die Sprünge und professionalisiert das Unternehmen. Bald herrscht reges Treiben in dem Dorf, ein buntes Völkchen ist es, das sich da versammelt und teilweise auf dem Hof häuslich niederlässt, was natürlich den Argwohn der Stasi weckt. Zum anderen kann man etwas sehr Interessantes feststellen: Viele Menschen haben ja so ihre Traum-Urlaubsziele im Kopf, die Karibik meinetwegen. Doch kaum setzt man das Ganze dann in die Realität um, verträgt man das Essen nicht, man bekommt gemeine Insektenstiche und der Strand ist auch nicht so leer wie in der Phantasie.

Jakob Hein hat seinem Roman ein Zitat von Schopenhauer vorangestellt: „Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken.“ Dem Autor ist ein schöner, sehr feiner Roman gelungen, ein Vergnügen, durchaus, aber eben auch ein unbedingtes Plädoyer für die Gedankenfreiheit.

Astrid Henning

 


was wir glueck nennen 150x237

 

 Aufbau TB 12,00€

 

Jan Steinbach. "Was wir Glück nennen"

Lüneburg im Jahre 1961.
Der Restaurator Heinrich Hansen hat den Auftrag bekommen, die Decke der Ratsstube des Lüneburger Rathauses zu restaurieren. Unterkunft wird dem Witwer und seinen drei Kindern im Gesindehaus des Stadtdirektors Doktor Priggen und dessen Familie gewährt.

Wolfgang, der Älteste und designierter Betriebserbe, interessiert sich wenig für Kunst und Handwerk. Sein Herz schlägt für Rock‘n Roll und Beatmusik. Ein großer Gitarrist will er werden und träumt von einer Karriere auf den Bühnen der Clubs in St.Pauli und einem echten Hit. Sehr zum Verdruss des strengen Vaters, der sich die Flausen seines Sohnes kategorisch verbietet.
Im Gegensatz zu Wolfgang hat Monika, seine wenig jüngere Schwester, offenbar das Talent für die Handwerkskunst von Ihrem Vater geerbt und brennt für die alten Meister der Renaissance. Sie kann sich gar nicht sattsehen an den Kulturgütern, die das Lüneburger Rathaus zu bieten hat. Besonders hat es ihr das Gemälde „Das Bildnis des gerechten Richters“ von Daniel Frese angetan. Stundenlang kann sie sich in der Betrachtung dieses von dunklem Firnis bedeckten, dringend renovierungsbedürftigen Meisterwerkes verlieren.
Doch in den 60er Jahren gehörte eine Frau nicht in eine Werkstatt, sondern an den Herd, zumal wenn die Hausfrau und Mutter fehlt. Das bekommt auch Monika zu spüren. Schwer kämpft sie gegen ihren Vater und die Gesellschaft, um sich ihren verdienten Platz in einer männerdominierten Welt zu erarbeiten.

Die Rahmenhandlung spielt in der Jetztzeit. Die junge Restauratorin Jordis hat einen Auftrag im Ratshaus übernommen. Hier bekommt sie Besuch von ihrem Großonkel Wolfgang, einem berühmten Schlagerproduzenten, der sich - wo auch sonst - in einer Suite in Hotel Bergström, Hauptschauplatz der „Roten Rosen“, einmietet. Gemeinsam decken sie mehrere Jahrzehnte zurückliegende Familiengeheimnisse auf.

Dieser Roman ist leichte, leichte Kost und hat mir doch auf charmante Weise ein Wochenende mit wirklichem Lesevergnügen beschert. Jan Steinbach war Stipendiat im Heinrich-Heine Haus und hat in dieser Zeit Lüneburg kennen und lieben gelernt. Das spürt man aus jeder Zeile. Und klar ist, am nächsten freien Termin steht für mich eine Führung durch unser wunderschönen Rathaus auf dem Programm!

Annette Matthaei

 


die kinder sind koenige 150x237

 

Dumont 23,00€

 

Delphine De Vigan: "Die Kinder sind Könige"

Mélanie leidet seit der Kindheit unter ihrer Unscheinbarkeit. Als junges Mädchen bewirbt sie sich für die Teilnahme an einer Reality Show, ein französisches Pendant zu „Big brother“. Bereits in der Vorrunde fliegt sie achtkantig raus. Ein tiefsitzendes Trauma. Mittlerweile hat sie ihr größtes Ziel doch erreicht, sie ist berühmt.

Mit ihrem Mann Bruno und den beiden Kindern Sammy und Kimmy lebt sie in einer eleganten Wohnsiedlung in einer guten Gegend von Paris. Ihr Vermögen hat sie mit einem Youtube Kanal gemacht, in dem sie regelmäßig Videos und Clips von ihren Kindern postet. Mehr als 2 Millionen Klicks kommen da schon mal auf einen Beitrag zusammen. Die Kinder nehmen ihre Rollen als Stars wie dressierte Äffchen an. Natürlich sind Spielzeugfirmen, Süßigkeitenhersteller, die Kinderbekleidungsbranche auf die Familie Claux aufmerksam geworden. Sie werden mit Produkten, die dann in den Filmchen platziert werden, überhäuft, zahlen horrende Summen für die Bewerbung ihrer Produkte.
Die Familie wirkt zunächst nach außen wie eine glückliche Einheit. Eines Abends jedoch verschwindet die sechsjährige Kimmy beim Versteckspiel aus der Siedlung, ein Drama! Von der großangelegten Suchaktion und der Polizeiarbeit berichtet uns Clara, eine aufstrebende Polizistin mit hervorragendem analytischen Verstand. Kann es sein, dass das Kind eine Sehnsucht nach einem normalen Leben als unbekanntes Mädchen hat? Dass es in ihr anders aussieht, als die Mutter zu glauben scheint?

Delphine de Vigan macht klar, in was für einer verrückten, konsumorientierten Welt wir leben und dass Kinder dringend geschützt werden müssen, vor Eltern, die ihre Bedürfnisse skrupellos über die ihrer Schutzbefohlenen stellen. Großartig auch ist die Gegensätzlichkeit der beiden Protagonistinnen herausgearbeitet. Die oberflächliche, nach Aufmerksamkeit gierende Mélanie steht im krassen Gegensatz zu der Einsamkeit liebenden, reflektierten Clara.
Alles in allem wieder ein phantastischer Roman mit kriminalistischen Zügen einer meiner Lieblingsautorinnen.

Annette Matthaei

 


die sieben maenner der evelyn hugo 150x237

 

Ullstein TB-Verlag 10,99€

 

Taylor Jenkins Reid: "Die sieben Männer der Evelyn Hugo"

Dieses Buch geht auf den sozialen Medien komplett durch die Decke: überall ist sie zu sehen, die atemberaubend schöne Frau in dem grünen Kleid. Oft sind es aber gerade diese Bücher, die etwas enttäuschen. Bei so vielen begeisterten Stimmen und so vielen eifrigen Leser*innen, sind die Erwartungen am Ende einfach zu hoch. Anders jedoch bei diesem Buch, das so anders war als ich es eigentlich erwartet hatte.

Evelyn Hugo ist eine Legende des goldenen Zeitalters von Hollywood. Sie ist eine Ikone in Sachen Stilsicherheit, Lifestyle und Schauspielerei. Ihre Performances sind berüchtigt, wurden gefeiert und getadelt zugleich – kurz, sie war ihrer Zeit eindeutig voraus. Mittlerweile geht die kamerascheue Kubanerin auf die 80 zu und ist bereit auszupacken. Sie möchte erzählen wie ihre Karriere ihren Anfang fand, was wirklich hinter ihren erinnerungswürdigsten Auftritten steckte und wie es dazu kam, dass sie in ihrem Leben mit gleich sieben Männern verheiratet war.
Das alles soll die etwas zurückhaltende Monique in einem Interview aufdecken. Sie selbst steckt mitten in einer Scheidung, in ihrem Beruf kommt sie nicht so voran, wie sie es verdienen würde, fühlt sich in allen Bereichen unterschätzt. Da kommen ihr die Lektionen und Lebensweisheiten von Evelyn Hugo gerade recht. Doch als Evelyns Geschichte der ihren schmerzlich nahekommt, muss sie sich unweigerlich fragen, wie sehr die Wahrheit sie verletzen könnte, oder ob die Wahrheit ihr die Freiheit schenkt.

Taylor Jenkins Reid hat ambivalente Charaktere geschaffen, die nicht ganz durchschaubar und doch so verwirrend liebenswert sind. Mit jedem Ehemann lernen wir Evelyn Hugo ein kleines bisschen besser kennen und wissen doch letztlich noch gar nichts über sie: ein spannendes Leseerlebnis, das sich Seite um Seite entfaltet, um schrittweise tiefer unter die Haut zu gehen. Sehr angenehm zu lesen, nicht allzu düster und schwermütig, aber dennoch überhaupt nicht flach.
Netflix hat gerade die Produktion eines Films angekündigt und ich persönlich kann es kaum erwarten noch mehr Zeit im Glanze von Evelyn Hugo und ihrer größten Liebe zu verbringen.

Mattes Daugardt

 


pizza girl 150x237

 

Kampa Verlag 22,00€

 

Jean Kyoung Frazier: "Pizza Girl"

Jane lebt in einem Vorort von Los Angeles. Tagsüber arbeitet sie für einen Pizza-Lieferanten, abends kehrt die 18jährige müde und erschöpft zu ihrer Mutter und ihrem Freund Billy nach Hause zurück. Seit sie schwanger ist, lassen die beiden sie kaum noch einen Finger rühren. Das geht Jane bald schon gewaltig auf die Nerven, schließlich ist sie nicht krank. Offenbar haben die zukünftige Großmutter und der werdende Vater viel mehr Interesse an ihrem wachsenden Bauch, als Jane selbst....

Alles ändert sich an dem Tag, an dem eine Kundin Salamipizza mit Gürkchen für ihren Sohn bestellt. Als Jane mit der Lieferung vor der fremden Frau steht, gerät ihr ohnehin schon kompliziertes Leben in absolute Schieflage...

Stellen Sie sich vor, Sie hätten den ganzen Tag schon Heißhunger auf eine köstliche Pizza. Endlich steht sie dampfend vor Ihnen und Sie stecken den ersten Bissen in den Mund... Eine absolute Gaumenfreude! Tauschen Sie nun das Wort "Gaumen" gegen "Lese" aus, und Sie wissen, was Sie in diesem Buch erwartet! Frisch, frech, köstlich!

Andrea Westerkamp

 


gesichter 150x237

 

Aufbau Verlag 20,00€

 

Tove Ditlevsen: "Gesichter"

Tove Ditlevsen hat in der Kopenhagen-Trilogie ihr eigenes Leben autofiktional verarbeitet und erfahrbar gemacht. Wir begleiteten die fiktionale Tove durch ihre Kindheit in einem dänischen Arbeiterviertel der 1920er Jahre, wuchsen gemeinsam mit ihr durch die Jahre der Freiheitssuche in ihrer turbulenten Jugend und litten kollektiv, als sie der Abhängigkeit von Rauschmitteln und der Abhängigkeit von anderen Menschen verfiel.  Ein Werk, das in dessen Sprachgewalt begeistert hat. Umso toller ist es, dass nun eine weitere Geschichte aus der Feder dieser großen Autorin post mortem als Neuübersetzung im Aufbau Verlag erschienen ist.

In „Gesichter“ befinden wir uns in den späten 60er Jahren von Kopenhagen. Lise Mundus ist Ehefrau, Mutter und Autorin: gesellschaftliche Normen bestimmen die Hierarchie dieser Rollen. Zuerst ist sie Ehefrau, doch ihr Mann geht ihr fremd. An zweiter Stelle ist sie Mutter, doch ihre Kinder (und ihr Mann) wenden sich lieber dem hübschen und klugen Kindermädchen zu. Aber zuletzt ist sie auch noch Autorin und das, entgegen der gesellschaftlichen Vorstellungskraft, mit Leib und Seele. Daher ist es bei all ihren Problemen gerade die Angst vor der Inspirations-losigkeit, die auf so besondere Weise an ihr nagt. Die Angst vor Redundanz und künstlerischer Unbedeutsamkeit.
So beginnt in ihr ein Prozess, in der sich ihre Wahrnehmung zusehends verschiebt und der Unterschied zwischen Realität, Fiktion und schierem Wahnsinn immer weiter verschwimmt.

Lise nimmt uns mit, tief in das Wirrsal ihrer Bewusstseinsstörung. Als Leser*innen sind wir ihrer Erfahrung unglaublich nah und doch können wir sie als Menschen schwer fassen: ein sprachliches Spiel der Spannung zwischen Distanzlosigkeit und empathischer Reserviertheit, das Tove Ditlevsen betreibt.
Ähnlich wie in „Abhängigkeit“, schafft die Autorin es, die Schwächen des Geistes auszuloten und die Folgen gesellschaftlichen Ungleichgewichts in literarischer Form mitreißend und auf singuläre Weise zu kommentieren. Auch hier wird Tove Ditlevsens schreiberisches Schaffen durch eigene Erfahrungswerte gestützt, was ihre Umschreibung   der Psychose einer schreibenden Frau so entsetzlich eindrücklich macht.

Mattes Daugardt

 


die rote jaegerin 150x237

 

Goldmann TB 10,00€

 

Juan Gómez-Jurado: "Die rote Jägerin"

Bilbao
Welch eine Schmach! Inspector Jon Gutiérrez hat hoch gepokert und alles verloren. Die Idee war im Prinzip nicht schlecht: um einer, von ihrem Zuhälter misshandelten Prostituierten zu helfen, schmuggelte er heimlich Koks in das Auto ihre Peinigers. Anschließend wollte Jon ihn wegen unerlaubten Drogenbesitzes verhaften lassen. Schade nur, dass der Inspector bei seiner Aktion gefilmt wurde...
Nun sitzt Jon in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Mutter (die Witze über "Langzeitsöhne" kennt er alle!) und leckt seine Wunden.

Madrid
Ein ominöser Anrufer hat Jon veranlasst, umgehend nach Madrid zu fahren. "Mentor", so nennt sich der Fremde, gibt Jon eine allerletzte Chance: wenn es ihm gelingen sollte, die überaus eigenwillige und extrem menschenscheue Spitzenagentin Antonia Scott davon zu überzeugen, dass sie endlich wieder undercover ermittelt, dann hat er nicht nur einen neuen Job an ihrer Seite, sondern kann auch auf Weiterzahlung seiner Bezüge hoffen.
Das beinahe Unmögliche gelingt! Und beinahe sofort werden die neuen Partner zu einem Tatort gerufen. Ein Toter sitzt recht blass, da nahezu blutleer, auf dem elterlichen Sofa. Der Sohn einer der finanzkräftigsten Frauen Spaniens wurde ermordet, offenbar ohne Spuren zu hinterlassen. Nur wenige Momente scheinen Antonia zu genügen, um eine verblüffend logische und absolut intelligente erste Mutmaßung anzustellen. Keine Frage, diese Frau ist ein "Brain"!

Dieses neue Ermittlerduo besticht durch seine offensichtlichen Unterschiede, und das meine ich nicht nur äußerlich. Voller Esprit und Humor beschreibt uns der spanische Autor diese beiden Ausnahmeerscheinungen. Jon: ewiger Sohn, schwul bis in die stets frisierten Haarspitzen, rund (aber nicht dick, darauf legt er Wert), in feinsten Zwirn gehüllt, ein munterer Plauderer und Menschenfreund, normal intelligent.  Antonia: hager, unnahbar, trauernd, Mutter ohne Kind (lebt beim Großvater), Ehefrau ohne Mann (liegt im Koma), wortkarg, egozentrisch, tablettensüchtig und GENIAL. Ich möchte mehr davon!!!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar

 


alles was wir nicht erinnern 150x237

 

C.H. Beck Verlag 22,00€

 

Christiane Hoffmann: "Alles, was wir nicht erinnern."

Was für ein außergewöhnlicher Weg, sich der eigenen Familiengeschichte zu nähern: Christiane Hoffmann wandert im Januar 2020 auf den Spuren ihres Vaters – 550 km von Schlesien bis nach Wedel bei Hamburg.

Im Alter von x Jahren muss die Familie ihres Vaters aus Rosenthal, heute Rózyna, in Niederschlesien aufbrechen, „der Russe“ steht kurz vorm Dorf, innerhalb von ein paar Stunden wird das Nötigste zusammengerafft und am Nachmittag des 22. Januar 1945 macht sich ein Treck des Dorfes auf den Weg. Zunächst meint man, man müsse nur ein paar Ortschaften weiterziehen, um dort das Ende des Kriegs abzuwarten, aber tatsächlich werden die Rosenthaler ihren Ort erst Jahrzehnte später, wenn überhaupt, wiedersehen.
Und wie so viele aus der nachfolgenden Generation erhält Hoffmann nur sehr eingeschränkt Informationen zu dieser Familiengeschichte, auf Geburtstagen, auf Familienfesten: „Oben seufzen die Erwachsenen, essen Schnittchen und reden über die verlorene Heimat“ - und unterm Tisch lauschen die Kinder und verknoten die Schnürsenkel der Erwachsenen.

Hoffmann findet eine ausgezeichnete und angemessene Balance in der Schilderung der beiden Gruppen: Hier die deutschen Fliehenden und ihre Trauer über den Verlust, materiell und natürlich auch seelisch, und dort die Neuankömmlinge, ihrerseits nicht unbedingt freiwillig aus der Ukraine und Litauen kommend. Und dazwischen, im Januar 2020, eine Deutsche, die wandernd den Beschädigungen – auch hier physisch und psychisch - der Elterngeneration nachspürt.
Entstanden ist so eine eindrucksvolle Reportage, klug und nachdenklich, die uns nochmal verdeutlicht, dass sich schmerzhafte Ereignisse oftmals über Generationen vererben, zumal wenn diese nur zwischen den Zeilen thematisiert werden.

Astrid Henning

 


die gezeiten gehoeren uns 150x237

 

Hanser Berlin 22,00€

 

Vendela Vida: "Die Gezeiten gehören uns"

1984/85 in Sea Crest, San Francisco.
Wenn Eulabee „wir“ sagt, dann meint sie manchmal auch ihre Freundinnen Julia und Faith, aber immer sich und Maria Fabiola. Den beiden gehören die Straßen ihrer Nachbarschaft, sie kennen jeden Winkel; sie kennen Ebbe und Flut so gut, dass sie zwischen Wellen und Ufern wandern. Die beiden Freundinnen sind unzertrennlich. Sie sind 13 Jahre alt, fast 14, und gehen gemeinsam auf eine reine Mädchenschule in San Francisco. Ihre Körper verändern sich, besonders Maria Fabiola wird mit jedem Tag immer schöner und Jungs werden plötzlich immer interessanter. Vor allem aber verändern sich die Dynamiken in der Freundesgruppe, Streiche laufen aus dem Ruder, Loyalitäten verschieben sich und Identitäten werden ausgekundschaftet.
Als die Clique auf der Straße angesprochen wird, geht es für die Freunde bergab: Eulabee ist sich sicher, dass der Mann lediglich nach der Uhrzeit gefragt hat – die anderen meinen aber, dass er sich währenddessen „da unten“ berührt hat und je öfter sie davon erzählen, desto mehr Einzelheiten werden der Geschichte hinzugefügt. Als die Polizei Eulabee befragt, bleibt sie bei ihrer Version der Geschichte, weshalb die Polizei nicht ermittelt, und das Mädchen wird der Gruppe prompt verwiesen. Nun muss sich Eulabee selbst beschäftigen und wird sich den Widersprüchlichkeiten der Erwachsenenwelt nur allzu bewusst. Als Maria Fabiola dann verschwindet, fängt Eulabee an alles zu hinterfragen...

Vandela Vida hat ein tolles Buch über das Mädchen- und Frausein, aber vor allem über das Frauwerden geschrieben. Ganz nebenbei kommentiert sie noch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Tech Booms in San Francisco.
Ich habe mit schweißnassen Händen gelesen, denn Eulabee ist so ungelenk, wie nur eine Teenagerin es sein kann. Die Situationen, in die sie gelangt in dem Maße unangenehm, wie sie es nur in der Pubertät sein können. Wer vergessen hat, wie sich das anfühlt – das Nicht-Verstehen und doch probieren zu wollen, das Ausloten und Erwachsenspielen, der sollte dieses Buch lesen. Es ist manchmal schwierig Eulabees Entscheidungen nachzuempfinden, doch nicht schwierig mit ihr mitzufühlen, denn was ist Pubertät, wenn nicht verwirrend.
Gleichzeitig porträtiert Vida den Druck, dem Frauen, vor allem aber junge Mädchen, ausgesetzt sind. Mit zunehmender Reife immer sexualisierter wahrgenommen zu werden, verunsichert Eulabee in gleichem Maße wie es sie bestärkt; sie zieht daraus Macht, nimmt sich selbst manchmal als Gefahr wahr, besonders der Blicke der Männer wegen. So wird sie auch zum Opfer dieser Anschauung, kann nicht anders als sich den Ambivalenzen der Jugend zu fügen.

Mattes Daugardt

 


mauersegler 150x237

 

Rowohlt 10,00€

 

Valerie Jakob: "Mauersegler"

Eintauchen in einen Schmöker, zusammen mit Juliane, Marianne und Roseanne, das können Sie in Valerie Jakobs „Mauersegler“:

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart in Berlin, Juliane hat ihren ungeliebten Job als Lehrerin aufgegeben, um zu ihrem Freund nach Berlin zu ziehen und weiß noch nicht so richtig, wie es beruflich für sie weitergehen soll. Im Moment hält sie ihrem Freund den Rücken frei, der gerade dabei ist sich selbständig zu machen. Dumm nur, dass er ihr nach ein paar Wochen gesteht, eine andere Frau kennengelernt zu haben…
In dieser Situation meldet sich Johann, um die 80, ein Cousin von Julianes Mutter, zu dem es lange nur sehr wenig Kontakt gab, weil er in Greifswald wohnt – Ex-DDR also. Johann macht sich Gedanken darüber, wer nach seinem Tod sein Haus erbt, sich um den schönen Garten kümmert und dies Alles mit Leben füllt. Juliane nutzt ihre freie Zeit zu einem Besuch bei Johann und erfährt dort so einiges von ihren Vorfahren, insbesondere von Marianne, Johanns Mutter.

In den 20ern erwachsen geworden, war Marianne ein Freigeist, eine Entdeckerin und Abenteuerin: Sie genießt das Leben in vollen Zügen, lernt erst Auto fahren und lässt sich schließlich sogar gemeinsam mit ihrer Freundin Roseanne zur Pilotin ausbilden. Die beiden Frauen übernehmen Transportflüge in den Senegal, wo Roseannes Bruder eine Handelsvertretung aufgebaut hat. Doch mit dem Aufstieg der Nazis ändert sich auch das Frauenbild in Deutschland, eine berufstätige Frau und auch noch Mutter ist nicht akzeptabel, außerdem entwickelt sich Mariannes Ehemann zum Tyrannen und schließlich bleibt nur ein Weg, aus diesem Gefängnis zu entkommen…
Juliane taucht immer tiefer in das Leben ihrer Großtante ein und reist schließlich sogar auf deren Spuren in den Senegal, wo sie eine überraschende Entdeckung macht.

Marianne und Roseanne hat es in der Realität nicht gegeben, aber ihre Geschichte ist inspiriert von so mutigen Frauen wie Elly Beinhorn und Amelia Earheart, Pionierinnen der weiblichen Fliegerei. Dieser Roman bietet wirklich fesselnde und besondere Unterhaltung, in einer sehr passender Balance zwischen Gegenwart und Zeitgeschichte.

Astrid Henning

 


Lost du darfst dich nicht erinnern 150x237

 

Goldmann TB 11,00€

 

Leona Deakin: "Lost - Du darfst dich nicht erinnern"

Nach MIND GAMES der 2. Fall für die Londoner Privatermittler Augusta Bloom, Kriminalpsychologin, Profilerin und Marcus Jamerson, Exagent des MI6.

Die Stimmung zwischen den beiden könnte nicht schlechter sein. Noch immer hängt der letzte Fall wie eine dunkle Wolke über ihnen... Marcus nimmt übel! Währenddessen passieren tragische Dinge in Plymouth auf der Militärbasis. Was als pompöser Militärball beginnt, endet abrupt mit der Detonation einer Bombe. Niemand scheint den Selbstmordattentäter wahrgenommen zu haben...
Unter den Opfern befindet sich auch Captain Harry Peterson. Seine Freundin Karene, die unverletzt blieb, beugt sich über den am Boden liegenden Ohnmächtigen und stellt erleichtert fest, dass er äußerlich unversehrt scheint. So lässt sich Karene bereitwillig als Ersthelferin für die einsetzen, die nicht so viel Glück hatten. Stunden später legt sich das Chaos etwas. Alle Verwundeten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, und die Toten abtransportiert. Karene wünscht sich nur noch, möglichst schnell an Harrys Krankenbett zu kommen. Das wiederum gestaltet sich als schwierig, beziehungsweise als unmöglich. Harry liegt in keinem der umliegenden Hospitäler! Niemand kann etwas über seinen Verbleib sagen, die Situation wirkt geradezu absurd. In ihrer Verzweiflung wendet sich Karene an ihre Freundin Augusta...

Als sie Harry schließlich in einer weit entfernt liegenden Klinik finden,liegt er mit schwersten äußeren und inneren Kopfverletzungen ins künstliche Koma versetzt auf der Intensivstation. Karene ist überzeugt, dass ihm das nachträglich zugefügt wurde. Als der Captain aus dem Koma erwacht, fehlt ihm die Erinnerung an die letzten vier Jahre...
Wer hatte ein Interesse daran, sein Gedächtnis  zu manipulieren. Was geschah bei seinen Einsätzen in Kriegsgebieten? Augusta Bloom muss den "Hausfrieden"  wieder herstellen, denn sie braucht dringend Marcus Geheimdienstverbindungen. Schade nur, dass sie denTeufel mit dem Belzebub austreiben will....

Andrea Westerkamp

 


dschinns 150x237

 

Hanser 24,00€

 

Fatna Aydemir. " Dschinns"

Ende der neunziger Jahre hat Hüseyin es endlich geschafft. Nach Jahrzehnten der Plackerei an deutschen Fließbändern, erst Metall, dann Kartonage, erfüllt er sich den Wunsch mit seiner Frau Emine in die Türkei zurückzugehen. Fast durchströmt ihn ein Glücksgefühl, als er die nagelneue, abbezahlte Wohnung in Istanbul durchschreitet. Morgen soll der Familie das harterarbeitete Eigentum vorgeführt werden.
Doch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ein massiver Herzinfarkt setzt Hüseyins Leben ein jähes Ende. Die Witwe und die vier Kinder reisen nun am nächsten Tag nicht zur Besichtigung, sondern zur Beerdigung an. Schock und Verzweiflung beherrscht sie alle.

Die Autorin Aydemir widmet jedem Mitglied der Sippe ein eigenes Kapitel. Ein jeder beleuchtet aus seiner Sicht die Probleme, die von den Eltern vorgegeben, strikt unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten werden. Sprichwörtlich unter den Teppich gekehrt, wird jede Wahrheit und Meinungsverschiedenheit abgewehrt.
Den Anfang macht Ümit, der jüngste Sohn. Er fühlt sich allein, sexuell verunsichert, nicht wissend, wie er mit der Veranlagung zur Homosexualität umgehen darf. In seinem Zuhause findet er keine Vertrauensbasis und kein Gehör, sodass er schweigt und sich zurückzieht.
Sevda, die Älteste, leidet unter fehlender Mutterliebe. Sie schlägt sich, ohne Schulbildung genossen zu haben, mit zwei Kindern allein durch. Ein harter Kampf, der Spuren hinterlassen hat. Von den Eltern verraten, als sie deren Hilfe so dringend gebraucht hätte, hat sie das dringende Bedürfnis mit der Mutter abzurechen.
Peri ist die Emanzipierteste von allen. Sie studiert und hat sich am besten aus den Fängen ihrer Kultur und Eltern befreien können, erlitt aber einen schweren Verlust in ihrer frühen Jugend. Der Tod ist ihr Thema und dessen Bearbeitung versackt in Trauer und Wut.
Hakan, der älteste Sohn, leidet unter den Erwartungen, die seine Eltern als Thronfolger an ihn stellen und die er nicht ansatzweise erfüllen kann. Er erfüllt das Klischee des türkischen Mackers, getuntes Auto, Machismus und Unnahbarkeit. Sein eigentlich weiches Herz versteckt er hinter unangenehmer Coolness und Härte.
Den Schlussakkord setzt die Ehefrau Emine und nach deren schockierender Beichte kann man ahnen, warum die Schicksale dieser so unterschiedlichen Menschen jene Verläufe genommen haben, die in Isolation und Unglück führen.

Dieser großartige Familienroman mit Migrationsproblematik wird in diesem Frühjahr mit Sicherheit eine hohe, wohlverdiente Aufmerksamkeit im Literaturbetrieb erhalten.
Ein wichtiges, packendes Buch!!!

Annette Matthaei

 

 

danowski hausbruch 150x237

 

Rowohlt 16,00€

 

Till Raether: "Danowski: Hausbruch"

Der Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski hat es wahrlich nicht leicht. Nachdem ihn ein Geiselnehmer in seiner Gewalt hatte, leidet er nachvollziehbarerweise unter posttraumatischen Belastungsstörungen und befindet sich aus diesem Grunde in einer Reha-Klinik an der Ostsee (man hat die Anstalt direkt vor Augen). Kur oder Therapie war die Frage, Danowski war auf keine dieser Varianten erpicht. Aber es gab nun mal kein Entkommen – er ist dienstunfähig geschrieben. Und so verbringt er jetzt seine Tage in Gruppensitzungen, bei Entspannungsübungen, Tanztherapie und Wassergymnastik, im Stuhlkreis mit mehr oder minder redseligen Leidensgenossen – alles schön mit Blick auf die See – er schließt seltsame Bekanntschaften und hockt ratlos in der Beschäftigungs-therapie vor einem Klumpen Ton.

Das alles ist, ehrlich gesagt, nur mit Ironie zu ertragen, Danowskis trockener Humor hilft nicht nur ihm. Vor allem eine Frau nervt ihn: Mareike Teschner. Sie hat genau die positive Glas-halbvoll-Art, die Danowski nicht ertragen kann. Erst als er bemerkt, dass Mareike von ihrem Mann misshandelt wird, beginnt er ihr zuzuhören.
Eines Abends klopft sie an seine Zimmertür und bittet ihn um Hilfe: Mareikes Mann liegt tot in ihrem Zimmer, ermordet… Danowski trifft eine ungewöhnliche und folgenschwere Entscheidung – exakt dort, wo dieser hypersensible Kommissar eigentlich wiederaufgebaut werden soll, begeht er vermutlich beruflichen Selbstmord.

Till Raether beweist einmal wieder, dass es keiner knallharten Action bedarf, um einen spannenden Krimi zu schreiben. Die geschützte Umgebung einer Kurklinik reicht deutlich aus, um in die Abgründe der menschlichen Psyche zu schauen. Und so verschwindet in einer Nacht- und Nebelaktion, der Strandhafer wiegt sich sanft im Winde, der Eine und das Andere, Leichen werden beseitigt, Spuren verwischt – auf Nimmerwiedersehen. Wirklich? Auf Nimmerwiedersehen? Kommissar Adam Danowski ist ein Polizist bis auf die Knochen. Er ist knochenehrlich, er ist seinem Job verschrieben, im Grunde genommen ist das seine Berufung. Und auf der anderen Seite ist er so sensibel, so tiefsinnig, er macht sich so relevante tiefe Gedanken über Alles und Jeden, das rundet seine Persönlichkeit ab, das macht ihn authentisch, das macht ihn sympathisch, seine Zerrissenheit verbunden mit seinem Pflichtgefühl – ein hochinteressanter Mensch.

Nachsatz: Der Krimi heißt „Hausbruch“, und Hausbruch ist ein Stadtteil von Hamburg, und in diesem Stadtteil hat sich ein Ehepaar eine Immobilie zugelegt. Und das ist ganz schön wichtig in dieser Geschichte…

Heike Kasten

 


der fuersorgliche mrcave 150x237

 

Droemer 20,00€

 

Matt Haig: "Der fürsorgliche Mr. Cave"

Mr. Terence Cave ist Antiquitätenhändler in einer kleinen englischen Stadt. Er liebt es, in konzentrierter Versunkenheit, alte Möbel, Uhren, Figürchen zu reparieren und zu restaurieren. Sein Geschäft ist genauso, wie man sich einen solchen Laden vorstellt: ein Glöckchen bimmelt beim Öffnen der Türe, es duftet angenehm nach Staub und längst vergessenen Zeiten. Unterstützt wird Mr. Cave von seiner Schwiegermutter Cynthia, die ihm seit dem Tode seiner Frau, ihrer Tochter, immer wieder zu Hand geht.
Und eines Tages, Mr. Cave schaut angelegentlich zum Bürofenster hinaus, muss er den Tod seines Sohnes sozusagen live miterleben. Reuben hat, vermutlich im Zuge einer grausamen Mutprobe, eine Straßenlaterne erklommen, kann sich an den Streben nicht mehr halten, stürzt ab – und stirbt. Vor den Augen seiner Clique, und vor den Augen seines fassungslosen Vaters. Er hinterlässt seine knapp fünfzehnjährige Zwillingsschwester Byrony – vor allem hinterlässt er eine wahnsinnig große, nicht zu schließende Lücke.

Während Byrony irgendwie, so scheint es zumindest, ihr Leben weiterlebt, dreht sich bei Mr. Cave die Traumaspirale. Terence hat das Gefühl, dass alle seine Lieben um ihn herum sterben, und er gibt sich die Schuld daran. Wie in einem langen Brief oder einem Tagebuch schildert er sein Leiden und sein immer stärker werdendes Bedürfnis, seine Tochter zu beschützen: vor dem Großwerden, vor Jungs, vor Alkohol, vor Erfahrungen, vor schlechtem Umgang – eigentlich vor allem. Und was zunächst wirkt, als würde ein wahrlich fürsorglicher Vater eine Menge Verantwortung übernehmen, entpuppt sich schnell und dramatisch als Zwangshandlung, als Obsession. Beklemmend ist es mit anzusehen, wie Bryony mehr und mehr von ihrem Vater kontrolliert wird.
Es beginnt damit, dass er sie, als sei sie ein kleines Mädchen, zur Schule fährt und wieder abholt. Verabredungen mit gleichaltrigen Freundinnen versucht er zu verhindern. Er geht sogar so weit, in ihrem Zimmer das alte Babyphone zu installieren, um ihre Gespräche abzuhören. Ein jeder Junge, der seine Tochter auch nur ansieht, ist für ihn ein knallharter Rivale, den es auszuschalten gilt. Was mit einer guten und verständlichen Intention beginnt, nimmt wahnhafte Züge an, und selbst seine Schwiegermutter kann das drohende Unheil nicht mehr abwenden. Dass man Menschen nicht nur durch Tod verlieren kann, kommt dem verzweifelten Mr. Cave nicht in den Sinn.
Bryony, Teenager, trauernde Schwester und mittenmang in der Pubertät und ihrem weiblichen Erwachen, wird von ihrem Vater nicht als junge Frau wahrgenommen, die ihr eigenes Leben versuchen möchte zu leben. Bald wird sie, und das empfindet nicht nur sie so, quasi wie eine Gefangene gehalten. Es ist bedrückend, Mr. Caves Handlungen mitansehen zu müssen, dennoch: seine Gedanken, seine Nöte und Sorgen rühren auch ein Stück weit an. Doch mehr und mehr ruft dieses Gefängnis aus Verboten, unnützen Regeln und Überwachung auch ein Gefühl der Beklemmung hervor. Als Bryony sich nun mit einem Jungen trifft, der den tödlichen Unfall von Reuben mitangesehen hat, kennt Mr. Cave kein Halten mehr.

Die Geschichte ist sicherlich keine leichte Kost, doch Matt Haig schafft es über den ganzen Roman, die seelischen Nöte seiner Protagonisten auf der einen Seite klar zu formulieren, andererseits aber zart und einfühlsam, psychologisch fesselnd zu vermitteln.

Heike Kasten

 


erschuetterung 150x237

 

Hanser 23,00€

 

Percival Everett: "Erschütterung"

Als Paläontologe gilt Zach Wells nicht nur bei seinen Kollegen als komischer Kauz. Das ficht ihn nicht an. Im Gegenteil, er benimmt sich wie ein Nerd und gefällt sich in dieser Rolle. Gleichberechtigung? Selbst ein Afroamerikaner, denkt Zach nicht im Traum daran, sich dafür einzusetzen.
Seine Ehe mit Meg befindet sich in absoluter Schieflage, aber selbst dafür erwacht er nicht aus seiner Lethargie. Klug, humorvoll,aufmerksam, zugewandt und sehr liebevoll - so würde Sarah vermutlich ihren Vater beschreiben. Wenn das 13 j. Mädchen mit seinem Vater Schach spielt, dann ist Zach selig. Sie ist sein ganzer Stolz. Blitzgescheit und voller Lebensfreude stellt Sarah das Bindeglied zwischen ihren Eltern dar.
Als die beiden plötzlich merken, dass irgendetwas mit ihrer Tochter nicht stimmt, geraten sie in Panik....

Percifal Everett, Finalist des Pulitzer-Preises 2021, hat einen zutiefst aufwühlenden Familienroman geschrieben, der mich auch sprachlich, trotz der Dramatik, ungeheuer in den Bann zog.

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar

 


eine art familie 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Jo Lendle: "Eine Art Familie"

Jo Lendle, seit acht Jahren Verleger beim renommierten Hanser Verlag, begibt sich von Zeit zu Zeit auf das Parkett der Autoren und das ist sehr gut so. Auch in seinem neuen Roman erweist er brillante Erzählkunst und führt uns anhand seiner eigenen Familie durch das letzte Jahrhundert.
Die Geschichte rankt sich um seinen Großonkel Ludwig Lendle, geboren 1899.

Doch beginnen wir mit Alma. Alma wird im Alter von 11 Jahren zur Vollwaisen, nachdem ihre Mutter einen Brief erhält, in dem sie erfährt, dass ihr Mann in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges gefallen ist. Im Schock kommt diese unter die Räder einer Berliner Straßenbahn, ist sofort tot. Alma wächst im Waisenhaus und bei Diakonissen unter harten Verhältnissen auf, bis ihr nur 4 Jahre älterer Patenonkel Ludwig sie in seinen Haushalt holt.
Die junge Alma verliebt sich in ihren Paten, der ihre Zuneigung jedoch nicht erwidern kann. Träumt er doch noch immer von Gerhard, der in seinen Armen im Schützengraben verstarb. Was jedoch in ihrem gesamten weiteren Leben vorherrschend sein wird, ist eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit der so unterschiedlichen Charaktere.
Alma lebenslustig und naiv, aber alles andere als dumm, weiß nach einiger Zeit, ihre Bedürfnisse auf unkonventionelle Art zu befriedigen. Als zugewandte Gesprächspartnerin für die zwei jungen Menschen erweist sich die mit den beiden lebende Haushälterin Frau Gerner. Diese Drei bilden eine eingespielte Menage à trois.
Ludwig ist ein in sich gekehrter Typ. Ein Schöngeist. Gequält durch seine nicht eingestandene Zuneigung zum männlichen Geschlecht. Mit seinem eher groben Bruder Wilhelm verbindet ihn die Liebe zu großen deutschen Künstlern, wie Bach und Hölderlin. In Zeiten der braunen Barbaren entzweien sich die beiden jedoch unwiderruflich. Wilhelm wird ein strammer Bewunderer der Nazis, Ludwig rettet sich in seinen Beruf. Als Professor der Pharmakologie forscht er über den Schlaf, dessen Sinn und wie man ihn herbeiführen kann. Das führt ihn zu Giften und letztendlich zu Narkotika, die er in Tier- und Selbstversuchen ausprobiert, besessen und sich selbst nicht verschonend. Die Entdeckung von Giftgas macht ihn für die Nazis zu einem interessanten Mann. Er kann mit diesem Konflikt kaum leben.

Alma sagt in einem nachdenklichen, dunklem Moment: „Was sind wir denn? Drei eigenartige Menschen, von Zufällen zusammengewürfelt, ohne rechte Verbindung und ohne Zukunft. Drei Lebensläufe von denen man nur eines lernen kann: wie man ausstirbt.“ Ludwigs Antwort: „Wir sind eine Art Familie.“ Diese Art von Familie dürfen wir durch die Kaiserzeit, den Nationalsozialismus bis hin zur frühen DDR begleiten und das ist ein tiefes Eintauchen in Zwischenmenschlichkeit, Schuld und Zeitgeschehen.
Ein wirklich bemerkenswerter und nachwirkender Roman.

Annette Matthaei

 


der sucher 150x237

 

Scherz Verlag 22,00€

 

Tana French: "Der Sucher"

Im neuen Roman von Tana French geht es um Cal, Polizist aus Chicago, der spürt, dass er mittlerweile die Leidenschaft und auch das Gespür für seinen Job verloren hat. Er ist ca. 50 Jahre alt und beschließt, seinem Leben eine ganz neue Wendung zu geben: Er kauft einen etwas runtergekommenen Kotten in einem kleinen irischen Dorf, sein Plan ist, das Haus so langsam für sich selbst herzurichten und ansonsten angeln zu gehen – sehr viel mehr bitte nicht.

Aber soviel Gespür hat er als Ex-Polizist eben dann doch noch: Cal spürt, dass  rgendjemand ständig um sein Grundstück herumschleicht… Das ist Tray, ein ca. 13 jähriger Teenager mit einem Problem: Tray erzählt, dass der älteste Sohn der Familie seit Wochen verschwunden ist und Tray schwört, nie im Leben wäre sein Bruder einfach so gegangen, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen, völlig klar, dass da was passiert ist. Und Cal – ist doch schließlich ehemaliger Cop, der kann was rauskriegen.
Das ist ja nun überhaupt nicht das, was sich Cal gerade vorgestellt hatte, sein Plan lautete ja eher: Renovieren, Angeln und sich im Dorf integrieren… Aber Tray bleibt hartnäckig und es entwickelt sich eine ungewöhnliche, aber zunehmend intensivere Beziehung zwischen den beiden. Außerdem wird Cal recht schnell klar, dass irgendwas in diesem idyllischen, irischen Dorf nicht stimmt…

Ein toller, spannender Roman, sehr raffiniert, French ist wirklich eine echte Könnerin und bietet uns nach ca. einem Drittel einen Kniff, der – sehr vieles auf den Kopf stellt!

Astrid Henning

 


die hafenaerztin 150x237

 

Ullstein 14,99€

 

Henrike Engel: "Die Hafenärztin"

Hamburg, 1910. Trüb wabert der Dunst über die Hafenstadt zur Kaiserzeit.
Anne Fitzpatrick taucht mit großen Plänen aus den Nebeln auf, ihre Vergangenheit so schemenhaft und mysteriös wie die düsteren Umrisse der Auswandererstadt. Als aktives Mitglied in der Frauenrechtsbewegung und eine der ersten Ärztinnen Deutschlands, will sie ein weiteres Frauenhaus in Hamburg eröffnen und kann dabei jede Hilfe gebrauchen.
Helene ist Pastorentochter und will den familiären Erwartungen entkommen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen – zum Wohl anderer. Die Frauen könnten von der gegenseitigen Unterstützung profitieren, wäre Helene bei der großen Eröffnung nicht über die Leichname zweier Frauen gestoßen.
Ermittler Berthold Rheydt ist sich sicher es mit einem erfahrenen Killer zu tun zu haben, der weiter morden wird. Beide Opfer hatten Kontakt zur Frauenbewegung: ist diese in Gefahr von dem Täter ausgebremst zu werden oder hat er es gar auf Helene oder Anne abgesehen? Und wieso kommt Anne die Vorgehensweise des Täters so bekannt vor?

Anne, Helene und Rheydt, sie alle haben ihre Geheimnisse und auf unterschiedliche Weise geliebte Menschen verloren. Sie befinden sich in der Rekalibrierungsphase ihres Lebens, auf Sinnsuche. Wir fiebern ihrem Lebensglück genauso hinterher, wie der Festnahme eines gefährlichen Serienmörders – ein guter Ausgangspunkt für den Auftakt dieser wundervollen Reihe.
Das Cover verspricht bereits ein wunderbares Schmökervergnügen und doch ist das Buch mehr als das: gut recherchiert, hält dieser Roman ebenfalls, neben einem packenden Kriminalfall, interessante Hintergründe zur (Frauen)geschichte Hamburgs bereit. Dennoch traut Henrike Engel es ihren Charakteren zu, über die Limitierungen ihrer Zeit hinauszublicken und stellt dabei relevante gesellschaftliche Fragen. Damit fängt sie den Zeitgeist des Aufbruchs ein und schafft ein rundes, kurzweiliges Lesevergnügen, bei dem die Seiten sich wie von selbst umzublättern scheinen. Zum Glück müssen wir nur noch wenige Monate auf Teil 2 warten!

Mattes Daugardt

 


wenn ich wiederkomme 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Marco Balzano: "Wenn ich wiederkomme"

Daniela lebt mit ihrer Familie in Rumänien, ihr Mann und sie haben zwei Kinder, Angelica und Manuel. Doch die Zeiten sind schlecht, das Geld knapp und ihr Mann Filip verdient immer weniger – bis er schließlich gar keinen Job mehr hat.
In dieser Situation entschließt sich Daniela, es wie viele andere Frauen aus Osteuropa zu machen: in den Westen zu gehen, nach Deutschland, Frankreich oder Italien, um dort als Altenpflegerin oder als Haushaltshilfe zu arbeiten. Eines morgens stiehlt sie sich ohne Abschied aus dem Haus – vielleicht meint sie, so sei es einfacher für alle - und steigt in einen Bus nach Mailand. Dort erwartet sie ein griesgrämiger, pflegebedürftiger alter Mann, sie bekommt eine kurze Einweisung vom Sohn und ist fortan allein verantwortlich für das Wohlergehen ihres Schützlings. Ohne Ausbildung, ohne Absicherung, ohne Vertrag.

Ihre Familie ist vor den Kopf gestoßen, und was von Daniela nur als vorübergehender Zustand geplant war, solange bis sich zu Hause was ändern würde, wird über Jahre andauern. Zwar schickt sie nun regelmäßig Geld nach Hause, bei sporadischen Besuchen bringt sie begehrte Westartikel mit – aber der Familie wird sie fremd, und insbesondere der sensible Manuel fühlt sich von seiner Mutter im Stich gelassen, da helfen auch keine Video-Telefonate. Manuel beginnt Schule zu schwänzen, zusammen mit einem Freund versucht er sich in Sachen Alkohol und Drogen – er steigt in einem solchen Zustand auf das Motorrad des Freundes und verunglückt schwer.
Erst dieses Unglück bewirkt, dass Daniela zurückkehrt und wochenlang am Krankenbett ihres Sohnes sitzt, der im Koma liegt. Sie spricht mit ihm, erzählt ihm von früher, aber auch von ihrer Arbeit in Italien. Es scheint, als wolle sie alles an Gesprächen nachholen, was sie in den Jahren zuvor versäumt hat.

Dieser eindringliche Roman ist aus drei Perspektiven erzählt: Im ersten Drittel kommt Manuel zu Wort, hautnah erfahren wir so, wie es sich für ein Kind, für einen Jugendlichen anfühlen kann, mit einer abwesenden Mutter aufzuwachsen. Dann der Unfall und die Rückkehr Danielas, jetzt erzählt sie selbst. Und schließlich, im letzten Teil, sehen wir durch die Augen Angelicas, Tochter und Schwester. Diese unterschiedlichen Sichtweisen machen das Buch umso reizvoller, ganz klar eine Geschichte, die einem im Gedächtnis bleibt.

Astrid Henning

 


maedchenmeuterei 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Kirsten Fuchs: "Mädchenmeuterei"

„Wir sahen aus wie Dummgelaufen, Pechgehabt und Selberschuld. Schönescheiße war in der Nebenkabine eingesperrt.“ Ich sag’s Ihnen: Zum Piepen! Selten hat mich ein Buch auf intelligente und charmante Weise so grandios unterhalten.

Wir – das sind vier Teenager-Mädchen: die Ich-Erzählerin Charlotte Nowak, Einzelkind mit Hund aus der Mittelschicht, eher unscheinbar und schüchtern, dafür ziemlich clever und sehr fantasievoll; Yvette, eine extrovertierte, extravagante Erscheinung aus extrem reichem Elternhaus, die gerne stänkert; Freigunda, eine junge, verwildert und verroht wirkende Frau der wenigen Worte, aber handfesten Taten, hineingeboren in eine Großfamilie, die wortwörtlich wie im Mittelalter lebt; und Antonia, das etwas naive, schutzbedürftige Nesthäkchen, kindlicher Moralapostel der Gruppe und stets um Harmonie bemüht.
Diese Mädchen waren im Sommer gemeinsam mit einigen anderen aus einem Camp in Ostdeutschland abgehauen und hatten mehrere Wochen wild im Wald gelebt, während sie polizeilich gesucht und zu Medienstars wurden. (Wer Kirsten Fuchs‘ preisgekrönte „Mädchenmeute“ von 2016 noch nicht gelesen hat, möchte dies spätestens nach der Lektüre von „Mädchenmeuterei“ tun. Versprochen.) Nun ist es Herbst und sie kommen erneut zusammen. Grund hierfür ist das Verschwinden eines weiteren Mädchens der Meute: die sechzehnjährige Rabea Adler, genannt Bea, freiheitsliebend, rebellisches, toughes Auftreten, schwieriges Verhältnis zur Mutter, den Vater als Lkw-Fahrer kaum gesehen.
Charlotte, die beeindruckt und vielleicht auch etwas schwärmerisch zu Bea aufschaut und diese so gerne ihre Freundin nennen würde, erhält plötzlich kryptische Videobotschaften aufs Smartphone. Aus diesen schließt die plietsche Hobby-Detektivin, dass Bea in Gefahr schwebt und sich in Marokko aufzuhalten scheint. Eine turbulente Rettungsaktion wird gestartet. Mithilfe der sympathisch-trotteligen Journalistin Francesca (Oh, habe ich Tränen gelacht!) checkt die Mädchenmeute – halb legal, halb illegal – in Rotterdam auf einem Containerschiff namens Lexy Barker ein und nimmt uns mit auf eine moderne Abenteuerreise, an deren Ende es tatsächlich zu einer waschechten Meuterei kommt…

Kirsten Fuchs‘ Sprache ist messerscharf; jedes Wort, jeder Satz hat seine Bedeutung, ist präzise auf den Punkt gebracht. Ohne langweilige Ausschweifungen lässt die Autorin wissenswerte Fakten, beispielsweise zu den Themen Globalisierung, Containerschifffahrt und Tierschmuggel, einfließen, wird an so mancher Stelle philosophisch, wenn Charlotte teenagertypisch über die kleineren und größeren Fragen des Lebens sinniert, und unterhält (nicht nur junge Leser*innen!) mit sagenhaftem Wortwitz. Fast jeder Absatz hat mich zum Schmunzeln, zum Lachen und/ oder ins Grübeln gebracht.
Ein Buch, das lange nachklingt. Dass einige Aspekte tatsächlich nicht ganz glaubwürdig erscheinen, einige sogar völlig unrealistisch sind, tut der literarischen Qualität überhaupt keinen Abbruch. Lebt nicht jede gute Geschichte auch von der Fantasie ihrer Erfinderin bzw. ihres Erfinders? Davon scheint Kirsten Fuchs eine Menge zu haben. Und ihre sehr realistische Sozialkritik verknüpft sie damit nebenbei auf sehr geschickte Weise. Meine Empfehlung: Unbedingt lesen!

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


meine schwester die serienmoerderin 150x237

 

Aufbau TB 10,00€

 

Oyinkan Braithwaite: "Meine Schwester, die Serienmörderin"

Als ihr Handy klingelt und der Name ihrer Schwester Ayoola auf dem Display steht, hat Korede ein ganz merkwürdiges Gefühl: bitte nicht schon wieder, denkt sie. Doch Menschen lassen sich nicht wirklich ändern – das gilt generell und ist besonders wahr im Fall von Serienmördern.
Leider auch im Fall von Serienmörderinnen und so muss Korede ihrer Pflicht als große Schwester eben nachgehen, lädt reichlich Plastikfolie und Bleichmittel ins Auto und macht sich auf den Weg zu der Wohnung von Ayoolas Freund. Nun ja… Ex-Freund.
Korede hat so fest daran geglaubt, dass es dieses Mal anders sein würde. Der ausgeblutete Liebhaber war so viel besonderer als die vorherigen Männer in Ayoolas Leben: kultiviert und feinfühlig, wortgewandt und romantisch veranlagt. Ayoola gibt ihr schnell zu verstehen, wirklich besonders ist kein Mann. Sie sind alle gleich. Obwohl die hübschen Gedichte des Ausgeflossenen Korede lange begleiten, ist Ayoolas gespielte Trauer bloß kurzfristig und schnell wirft sie sich wieder ungezügelt ins Dating Leben und in ihre Instagram Community.
Immerhin hat Korede ihre Arbeit im Krankenhaus als Rückzugsort. Dort dient ein komatöser Patient als Beichtvater und ein hübscher Doktor verdreht ihr gehörig den Kopf. Als Ayoola sie ungefragt zu einem Mittagessen einladen kommt, verliebt dieser sich jedoch in die jüngere aber so viel spektakulärer erscheinende Schwester. Natürlich will Korede den hübschen Mann vor einem Messer im Rücken bewahren, aber geht Familie nicht über alles?

Oyinnkan Braithwaite hat einen böse-witzigen Roman geschaffen, bei dem man nicht umhinkommt, düster zu gackern. Auf der einen Seite schlägt man sich bei Ayoolas „Schabernack“ die Hand vor die Stirn, aber auf der anderen Seite muss man sie auch wegen ihres praxisorientierten Aufbegehrens gegen das Patriarchat bewundern.
Ein gerissenhaft aufwühlender Text, der sich (trotz Erscheinen auf etlichen Preislisten) ganz locker weglesen lässt und in das nicht oft porträtierte Nigeria entführt. Endlich ist der Roman als Taschenbuch erschienen, denn Braithwaite eignet sich perfekt um einfach mal dem Alltag zu entfliehen.

Mattes Daugardt

 


stroemung 150x237

 

Aufbau Verlag 22,00€

 

Jakob Augstein: "Strömung"

Aus der Verbindung eines katholischen Zahnarztes aus Südtirol und einer anderthalb Jahre in der DDR inhaftierten Republikflüchtigen entsteht ein Junge namens Franz Xaver Misslinger. Der kleine Franz wächst in behüteten Verhältnissen an der Flensburger Förde auf. „Ich will in den Himmel springen!“, soll der kleine, pummelige Kerl  mit den großen Zielen schon früh ausgerufen haben.

„Meine Damen und Herren, ich bin Franz Xaver Misslinger und ich sage immer,  bei mir hört das Scheitern mit dem Namen auf!“ So beginnt Misslinger Jahre später so ziemlich jede Rede, die er auf Parteitagen oder vor großem Publikum hält; Lacher garantiert. Mittlerweile hat er Karriere bei einer liberalen Partei gemacht und ist von der Landesebene abgehoben, längst auf dem Berliner Parkett der Politik zu Hause. Nicht ganz unschuldig daran ist ein väterlicher Freund und Fürsprecher, die graue Eminenz der Partei. Der Preis für die schützende Hand: Misslinger muss zu jeder Tages- und Nachtzeit nach dessen Pfeife springen. Sehr zum Unmut seiner Frau Selma, die ihrem Ehemann vorwirft, seine Ideale verraten zu haben.
Die Ehe steht kurz vor dem Aus. Aus diesem Grunde und um seinen Kopf frei zu kriegen, begibt Misslinger sich mit seiner Teenitochter Luise kurz vor dem großen Parteitag, der über seine weitere Karriere entscheiden wird, auf eine kurze Reise nach New York. Die USA, sein gelobtes Land mit der einzig wahrenVerfassung, dem alles ermöglichenden Freiheitsbegriff und dem obersten Gebot, dass der Markt alles allein regelt. Man muss ihn sich nur entfalten lassen…. Doch sind diese Werte wirklich noch immer gültig, überhaupt möglich?

Jacob Augstein liegt das Schreiben in den Genen, „beide“ Väter haben sich im Gedruckten einen großen Namen gemacht. Dieses Debüt ist tatsächlich bemerkenswert. Geschliffen geschrieben, perfekt gezeichnete Figuren, interessante Thematik und erhellend in Bezug auf Denkweise, Moral und Charakter so manch eines Politikers auf höherer Ebene. Super!

Annette Matthaei

 


frau shibatas geniale idee 150x237

 

Atlantik Verlag 21,00€

 

Emi Yagi: "Frau Shibatas geniale Idee"

Kaffee kochen für Meetings an denen sie gar nicht teilnimmt, die Meetingräume in gutem Zustand halten, die Firmenpost verteilen und natürlich auch die Büroküche aufräumen und putzen – das sind die Aufgaben von Frau Shibata, der einzigen weiblichen Mitarbeiterin eines japanischen Großraumbüros. ZUSÄTZLICH zu ihrem eigentlichen Job, für den sie hochqualifiziert ist. Das reicht ihr jetzt aber gewaltig! „Tut mir leid, aber ich kann den Kaffee für Ihr heutiges Meeting nicht kochen“, sagt Frau Shibata. Warum das nicht? Na, weil sie schwanger ist, ganz einfach. Sie wissen schon, die Übelkeit im ersten Trimester und der starke Kaffeegeruch kombinieren sich gar nicht gut: so beginnt die Odysee einer Lüge.

In japanischer Manier werden wir in jede Kleinigkeit von Frau Shibatas Alltag eingeführt. Welche Sorte an Joghurt sie unheimlich gerne verspeist interessiert nicht wirklich, aber jedes Kapitel kündigt eine neue Schwangerschaftswoche an und je länger wir Frau Shibata auf ihrer Reise in die Mutterschaft begleiten, desto aufregender ist jede Veränderung, die sie an sich und ihrem geregelten Leben vornimmt. Wir beobachten, wie aus der fleißigen Arbeiterbiene ein selbstdenkender Mensch wird, der mit allen Konventionen bricht und der Schwarmintelligenz entkommt, ohne dabei in Erklärungsnot zu geraten.
Sehr elegant gemacht, wie Emi Yagi in ihrem vergnüglichen Text das Patriarchat mit dessen eigenen Instrumenten aushebelt. Eine sehr unzuverlässige Erzählerin zieht uns dabei immer mehr in ihren Bann und versetzt uns in laut loslachendes Staunen. Letztlich werden wir mit einem bösen Augenzwinkern entlassen – wunderbar ungewöhnliche und präzise Prosa.

Wer ausgefallene Spannungsbögen mit Witz und subtiler Klugheit mag, ist gut beraten sich in Frau Shibatas Netz aus Wahrheit und Lüge verstricken zu lassen.

Mattes Daugardt

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November

 


als deutschland erstmals einig wurde 150x237

 

Galiani 25,00€

 

Bruno Preisendörfer: "Als Deutschland erstmals einig wurde"

Zum vierten Mal dürfen wir mit Bruno Preisendörfer eine Zeitreise unternehmen: Nach Reisen in die Goethe-, Bach- und Lutherzeit kommen wir unserer Gegenwart ein Stückchen näher und reisen in die Bismarckzeit.
Wie immer ist es ein reines Vergnügen mit diesem Reiseleiter durch die Zeitläufte zu streichen, so kundig und eloquent wie Preisendörfer uns das 19. Jahrhundert näherbringt. Das Buch folgt dem bewährten Konzept und bietet dem Leser, der Leserin zu Beginn einen Überblick über die politische Großwetterlage von 1815 bis zur Zeit Wilhelm II.

Doch dann streifen wir wie schon in den drei Bänden zuvor mit Preisendörfer quer durch die Milieus und durch die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Gespickt mit Zitaten und kleinen Passagen aus Romanen der Zeit (Fontane!), entsteht vor unseren Augen ein Panorama mit vielen Facetten.
Wie haben die Menschen zu der Zeit gewohnt, wie war das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, welche Freizeit-Vergnügungen gab es (Zoo, Zirkus, hoch im Kurs: Rollschuhlaufen), wie hat man sich fortbewegt usw.
Viele von uns haben in der Gegenwart das Gefühl, dass sich unsere Welt in atemberaubendem Tempo ändert, so dass man kaum noch mitkommt. Ich kann mir denken, dass es den Menschen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebenso ging: Dampfmaschinen, elektrisches Licht, Telefon, Photographie – die technische Entwicklung galoppierte und stellte die Menschen vor ganz neue Herausforderungen. Politische Parteien gründeten sich, man wagte es, Kritik an den Kirchen zu üben, die Arbeiterbewegung entstand, ebenso die Frauenbewegung und stellte die herrschenden Machtverhältnisse in Frage.

Wie immer bei Preisendörfer ist es nicht zwingend notwendig, das Buch in der angebotenen Reihenfolge zu lesen, auch lässt es sich wunderbar auf den Nachtisch legen, um immer mal wieder hineinzuschauen. Lesen, durch andere Augen sehen und dabei klüger werden: Was gibt es Besseres!

Astrid Henning

 


die stimme meiner mutter 150x237

 

Ecco Verlag 22,00€

 

Eva Baronsky: "Die Stimme meiner Mutter"

Der Roman von Eva Baronsky spielt zu weiten Teilen im Jahr 1959 an einem sehr speziellen Ort, nämlich auf der Yacht des damals reichsten Manns der Welt: Aristoteles Onassis. Die Person, um die es um Buch aber eigentlich geht, ist die berühmteste Sängerin des 20. Jahrhunderts: Maria Callas.

Die Callas und ihr Ehemann Battista Meneghini sind eingeladen, auf der „Christina“ mit einer illustren Gästeschar drei Wochen durch’s Mittelmeer zu kreuzen. Mit an Bord u.a. Winston Churchill mit Frau, Tochter und Privatsekretär, aber natürlich auch Onassis selbst mit Ehefrau und seinen beiden Kindern. Maria Callas hat anstrengende Jahre hinter sich, ihr Ehemann und Manager hat ihr einen Auftritt nach dem anderen verordnet, oft, ohne ihrer Stimme ausreichend Zeit zur Erholung zu geben. Und während Maria Callas sich auf die Auszeit auf der luxuriösen Yacht freut, blickt der deutlich ältere Meneghini dem Aufenthalt missmutig entgegen. An Bord soll seine Laune noch sehr viel schlechter werden, denn vor seinen Augen und denen sämtlicher Gäste beginnen Onassis und Callas eine Liebesaffäre, die letztendlich zwei Scheidungen zur Folge haben wird.

Thema dieses Romans ist aber nicht nur diese glamouröse Beziehung, die natürlich von der Öffentlichkeit und der Presse begierig beobachtet und kommentiert wird. Baronsky beschäftig sich ebenso mit der Persönlichkeit der Callas: Sie erzählt von der Lieblosigkeit ihrer Mutter, von der Härte und der Disziplin, mit der sich Maria Callas ihren Weg erkämpft hat. Zeit ihres Lebens hat sie um ihre Figur, um ihr Aussehen gekämpft, nachdem sie lange Jahre ein stark übergewichtiges und kurzsichtiges Mädchen war, dem niemand eine Karriere auf der Bühne zutraute.
Die Beziehung zwischen Onassis und Maria Callas dauerte bis etwa 1968, mit vielen Höhen und Tiefen – bis sich Aristoteles Onassis 1968 schließlich einer anderen berühmten Frau zuwandte und diese dann auch tatsächlich heiratete: Jackie Kennedy.
Maria Callas starb 1977 in Paris, ihre Asche wurde auf ihren Wunsch hin vor der Insel Skorpios verstreut, einer Insel im Mittelmeer, die Onassis 1963 gekauft hatte und auf der sowohl er als auch seine Tochter begraben sind.

Astrid Henning

 


alles wird gut 150x237

 

btb 20,00€

 

Nina Lykke: "Alles wird gut"

Elin ist um die 50 und arbeitet seit Jahren als Allgemeinmedizinerin in einer großen Praxisgemeinschaft im Herzen von Oslo. Die Patienten sind in den Jahren deutlich „ansprüchlicher“ und anstrengender geworden. Um Dampf und Frust abzulassen, hat Elin sich angewöhnt mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum Dialoge zu führen. Es ist schon bedenklich, wenn man sich mit einem Haufen Plastik namens Tore unterhalten muss, um über die Tage zu kommen. Das sieht sie genauso. Einen zweiten Weg zur Entspannung gibt es noch für sie. Allabendlich füllt sie Wein in ein Glas, groß wie ein Goldfischaquarium…
Mit Acksel, ihrem Ehemann, hat sie eine stille Übereinkunft getroffen. Beide haben gelernt, sich absolut zufrieden zu lassen. Acksel blüht auf in jeder Art von Skirennen. Da wird der phlegmatische Gemahl munter, wenn es um ein Sandrennen oder eine waghalsige Abfahrt in Chinas Bergen geht, an der er teilnehmen kann. Gespräche zwischen den Eheleuten finden nach zwanzig gemeinsamen Jahren so gut wie gar nicht mehr statt. Elin kümmert sich um alles, die Kinder, die sozialen Kontakte, den Einkauf, den Haushalt. Sie hat es durchaus manchmal mit stillem Widerstand versucht, konnte dem Dreck und leeren Kühlschrank dann aber doch nicht standhalten. Ein dahinplätscherndes Leben voller Pflichten, kein Einzelfall…
Eines Tages, Elin scrollt sich durch Facebook, stößt sie auf Björn, einen Jugendfreund. Mehr durch Zufall nimmt sie seine Freundschaftsanfrage an und tatsächlich kommt es zu einem Treffen der beiden. Wie Elin nun, fast ungewollt, in eine Affäre mit dem verheirateten Exlover schlittert, raubt den Atem. Es dauert nicht lange, da klebt sie am Handy, gierig und süchtig auf die nächste Nachricht wartend, die ihr, so sie denn kommt, einen längst vergessen geglaubten Schwung und ein inneres Leuchten gibt, auf das sogar ihre Familie aufmerksam wird. Die heimlichen Treffen mit dem zunächst attraktiven Björn werden zu ihrem Lebenselixier.
Es ist von Anfang an klar, dass alles auf ein Fiasko hinausläuft, denn als wir Elin kennenlernen, „wohnt“ sie schon ein paar Wochen mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum. So viel zum Thema „Alles wird gut“.

Ein großartiges Buch: mit viel Humor geschrieben, langjährigen Ehen erbarmungslos auf den Pelz geguckt und ziemlich dicht am Leben dran. Die „Aftenposten“ vergleicht die Autorin dieses norwegischen Bestsellers mit einer modernen Jane Austen. Ich muss sagen, dass die Lektüre um einiges mehr Dampf hat, als die englische Beschaulichkeit der Jahrhundertwende… einfach klasse.

Annette Matthaei

 


der zauberer 150x237

 

Hanser Verlag 28,00€

 

Colm Tóibín : "Der Zauberer"

Vielleicht ist es ganz gut, dass es kein deutscher Schriftsteller ist, der sich an diesen Titan der deutschen Literatur heranwagt. Nach Goethe wohl „der“ deutsche Autor, dessen Verhältnis zu seinem eigenen Land nie einfach war.
„Der Zauberer“ beginnt zwar nicht mit der Geburt Thomas Manns – wahrscheinlich sind die Baby- und sehr frühen Kinderjahre auch nicht so ergiebig – aber der Roman setzt ein, als Mann ca. zehn Jahre alt ist. Und von dort an begleiten wir ihn bis kurz vor seinem Tod 1955.
Die Stationen dieses Lebens hier nachzuzeichnen, ist vielleicht überflüssig, da weithin bekannt. Dennoch seien ein paar Meilensteine kurz erwähnt: 1929 Nobelpreis für die „Buddenbrooks“, 1933 Emigration in die Schweiz, 1938 in die USA und schließlich 1952 die Rückkehr nach Europa, in die Schweiz.
Tóbín erzählt diese Biografie auf so lebendige Weise, dass man das Buch wie einen Film vor sich sieht. Er zeigt sich als profunder Kenner nicht nur der literarischen Werke Thomas Manns, sondern auch der Essays, der politischen Äußerungen, auch der Tagebücher. Durch diese umfassende Kenntnis schildert Tóbín die inneren Kämpfe des Autors, er zeichnet den langen Weg zur eindeutigen politischen Positionierung nach und natürlich auch Manns Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität, ein Thema, das ihn bis zum Lebendende beschäftigt.
Natürlich kann man kein Buch über Thomas Mann schreiben, ohne auch seine Familie zu portraitieren. Allen voran sicher Manns Frau Katia, ohne die sein Werk überhaupt nicht zu denken wäre. Nicht nur, dass sie ihm alle Alltagsdinge vom Leib gehalten hat, sie war auch immer eine kluge Ratgeberin und hat aus dem Hintergrund die Fäden gezogen. Erika und Klaus begegnen uns als sehr früh eigenständige und politisch denkende Persönlichkeiten, Elisabeth, die jüngste Tochter als Lieblingskind. Insgesamt eine Familiengeschichte, die reich an Dramen, an Unkonventionalität und vor allem an sprühendem Geist ist.

Dieses Buch ist sowohl ein Genuss für Leser, die mit dem Werk Manns schon gut vertraut sind, es ist aber ebenso ein wundervoller Einstieg für alle, denen Thomas Mann und sein Werk bislang doch „eine Nummer zu groß“ erschien. Unbedingte Empfehlung!

Astrid Henning

 


schoene welt wo bist du 150x237

 

Claassen Verlag 20,00€

 

Sally Rooney: "Schöne Welt, wo bist du"

Ich habe ein grundlegendes Problem mit Sally Rooney: würde ich mir ihre Einkaufsliste durchlesen, ich würde mich einsperren und bitte nicht gestört werden; ich würde diese Einkaufsliste nicht lesen, sondern studieren – ich würde sie einatmen. Klingt versessen? Tja nun, das ist was Sally Rooneys Worte auslösen. Man fühlt ein Sally Rooney Buch eher, als dass man es liest.

„Schöne Welt, wo bist du“ ist ein Roman über Menschen in ihren frischen Dreißigern, aber angesprochen fühlen wir uns alle: Alice und Eileen sind langjährige Freundinnen auf Sinnsuche. Wer hat nicht immer mal wieder das Gefühl den düstersten Nachrichten aus aller Welt zu trotzen, Bedeutendes tun zu müssen und nie trivial sein zu dürfen? In Zwischenkapiteln schreiben sich die Frauen aufgeschnappte Gedanken aus Büchern, Zusammenfassungen von Wikipedia-Artikeln, abstrakte Denkprozesse und dazwischen ein wenig aus ihren Leben, in einem Versuch die eigene Daseinsberechtigung zu hinterfragen.
Alice ist Buchautorin mit lachhaft großem literarischem Erfolg und als sie dem Fabrikangestellten Felix auf einer Dating-App begegnet, lädt sie ihn prompt auf Lesereise nach Rom ein. Eileen wiederum ist Redakteurin eines kleinen, schlecht verkauften Literaturmagazins – frisch verlassen verbringt sie immer mehr Zeit mit ihrem Kindheitsfreund Simon. Wie trivial ist nun Liebe und Freundschaft und auch Sex? Darf man das Oberflächliche trotz allem feiern und das vermeintlich Einfache ganz tief spüren?

Rooney schafft es komplexe Emotionen präzise zu entschlüsseln, sodass man sich immer wieder ertappt, aber auch verstanden fühlt. Besonders spannend ist es bei ihrem neuesten Werk dadurch, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, Alice und Eileen wären alternative Versionen der Autorin.
In Kritiken ruft Sally Rooney polarisierende Meinungen hervor: man liebt ihren Stil oder hasst ihn, denke ich. Ich für meinen Teil bin bei all ihren Texten bisher immer nah bei ihren Charakteren gewesen. Ohne viel zu erzählen, versteht Rooney es ihre Figuren spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich auch mal an altbekannten Bildern, aber immer ihrer ganz eigenen Sprache, die so viel auslösen kann. Eines Tages werde ich mir ihre Sätze nehmen und Wort für Wort ein Haus daraus bauen.

Mattes Daugardt

 


wo auch immer ihr seid 150x237

 

btb 22,00€

 

Khue Pham: "Wo auch immer ihr seid"

Kim ist dreißig Jahre alt und interessiert sich nur bedingt für ihre Vergangenheit. Als ihr Vater Minh 1968 zum Studium aus Vietnam nach Deutschland zog, rechneten die Verwandten nicht damit, dass er künftig seiner Heimat den Rücken kehren, und sich nur noch sporadisch für die Familie interessieren würde. Selbst die Auswanderung der Eltern und Geschwister nach Amerika vor vielen Jahren, fand wenig Beachtung bei Kim und ihrer Familie. Die Journalistin hat sich immer mal gewünscht, eine Deutsche zu sein, statt eine werden zu müssen!
Da schlägt die Nachricht des Onkels wie eine Bombe ein: Er bittet alle Familienmitglieder nach Kalifornien zur Testamentseröffnung. Kims Großmutter hat einen Brief hinterlassen, der ausdrücklich ALLEN vorgelesen werden soll. Mit Widerwillen macht man sich auf die Reise nach Kalifornien, und danach ist nichts mehr, wie zuvor....

In dieser besonderen Familiengeschichte werden politische Aspekte ebenso beleuchtet und dargestellt, wie die Folgen der Auswanderer über mehrere Generationen. Ganz gleich ob TET-Offensive und Umerziehungslager, Fluchtversuche über Kambodscha oder Demos gegen den Vietnamkrieg, die Autorin beschreibt einfühlsam und sehr authentisch die Situation der damaligen Geschehnisse!

Andrea Westerkamp


prima aussicht 150x237

 

Dumont Verlag 20,00€

 

Judith Poznan: "Prima Aussicht"

Judith übt Campingwagen-Kaufen. Also eigentlich will sie üben, aber nach nur 15 Minuten hat sie für 1.500,00€ tatsächlich einen vollkommen abgewrackten Wohnwagen erworben. An diesem Ding sind nur die Löcher an allen Ecken und Kanten Fakt. Und wenn sie ehrlich ist, kann der Kauf als klassische Übersprungshandlung betrachtet werden. Eigentlich möchte Judith viel lieber ein zweites Kind. Doch zu dieser Entscheidung gehören üblicherweise zwei. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Bruno, ihr Freund mit den schönen braunen Augen, den wilden Wuschellocken und dummerweise der ausgeprägten Angststörung, vertröstet sie. Jetzt ist noch nicht die Zeit für ein weiteres Kind, obwohl der kleine, gemeinsame Sohn für beide ein echter Sonnenschein ist. Später vielleicht. Mit 35 Jahren kann für eine Frau da schon mal die biologische Uhr ticken…

Nun  beschließt Judith spießig zu werden. Von einer Freundin hört sie von einem Campingplatz im Brandenburgischen. Und dort, an dem lauschigen See, dürfen wir Zeuge werden von typischen Campingplatzbehausern. Die Männer überwiegend oben ohne, aber immer mit einem Werkzeug in der Hand. Die Frauen hilfsbereit, allwissend und Quinoasalat zubereitend für die gemeinsamen Grillfeiern.
Judith grübelt über ihr Leben. So richtig hat sie nichts auf dieReihe gekriegt. Ihre Eltern haben sich mit Nachtschichten krummgelegt für die Tochter, schon aus der Art geschlagen mit dem Abitur. Das Literaturgeschichtsstudium ist mehr schlecht als recht abgeschlossen und das Ziel ein Buch zu veröffentlichen steht mit viel Druck im Raum. Das erweist sich als mal gar nicht so einfach mit einer ausgeprägten Legasthenie und einem gehörigen Phlegma.
Trotzdem, Judith und ihre verschwurbelten Gedankengänge wachsen einem mit jeder Seite mehr ans Herz und die humorvolle Selbstbetrachtung bringt häufig zum liebevollen Schmunzeln. Das Leben kann aber auch manchmal ein vertracktes sein… Dieser Sommer wird für die junge Frau ein ganz besonderer sein und nicht nur ihr bekommt die Zeit in der Natur bestens.

Wenn mich nicht alles täuscht, spiegelt die Autorin in diesem Buch einiges aus der eigenen Vita. Umso toller ist es, dass der frische Dumont Verlag diesen Roman entdeckt hat und es zur Veröffentlichung in diesem Sommer kam. Ein humorvolles und weises Lesevergnügen und eine echt Entdeckung!!!

Annette Matthaei

 


die letzte tochter von versailles 150x237

 

Insel Verlag 16,00€

 

Eva Stachniak: "Die letzte Tochter von Versailles"

Was für ein herrlicher, dicker Schmöker für Urlaub oder gemütliche Herbstabende…

Die Autorin Stachniak entführt uns in das Paris Mitte des 18.Jahrhunderts.
Die auffällig hübsche Véronique, schlanke Gestalt, Kaskaden von braunen Locken, lebt mit drei jüngeren Brüdern und der verwitweten Mutter im Armenviertel von Paris. Die Mutter versucht ihre Familie mit dem Verkauf von ausgebesserten Lumpen über Wasser zu halten. Für Véronique bedeutet dieses Leben Plackerei und Verantwortung, sehr anstrengend für ihre 12 Jahre.
Eines Tages erscheint ein eleganter Herr in ihrer Behausung und verhandelt mit der Mutter. Die Schönheit von Véronique soll der Familie zu einem besseren Leben verhelfen. Das junge Mädchen wird in ein Schlösschen in Versailles gebracht, um dort angeblich einem russischen Adligen zu dienen. Was sie und andere Mädchen aus dem „Hirschpark“ nicht wissen, sie werden zu Mätressen des skrupellosen und verwöhnten Königs Louis XV ausgebildet. Madame Pompadour persönlich hat ein Auge auf den Nachwuchs. Es dauert nicht lange, da wird Véronique zur Lieblingsgespielin des Königs. Doch als sie schwanger wird, ist es vorbei mit der Liebelei. Sie wird verstoßen, das Kind, ein Mädchen, wird ihr genommen und sie gegen ihren Willen nach Brest verheiratet.
Die kleine Marie Louise wird höchst geheim als königlicher Bastard in einer Pflegefamilie unweit des Hofes lieblos aufgezogen. Ein Glücksfall will es, dass sie als Heranwachsende in die Obhut einer couragierten Hebamme gelangt und von dieser selbst als Geburtshelferin ausgebildet wird. Ihre Ehe mit dem Rechtsanwalt Pierre beginnt glücklich und für damalige Zeiten beinahe gleichberechtigt.
Doch die Wirren des Jahrhunderts nehmen ihren Lauf und auch Marie Louise wird nicht verschont bleiben, zumal das Geheimnis ihrer Herkunft nach und nach gelüftet wird.

Betrachtet man das Cover dieses Taschenbuches, wird man wegen Kitschwarnung zurückschrecken, doch hier muss ein Plädoyer eingelegt werden. Sprachlich völlig korrekt und auch solide, angelehnt an die Historie, begleitet man mit viel Lesevergnügen die Figuren durch ein aufregendes Jahrhundert bis in die französische Revolution hinein.
Ich fühlte mich bestens unterhalten und kann nur eine Empfehlung aussprechen für alle Leser von historischen Romanen.

Annette Matthaei

 


die zeit der kirschen 150x237

 

Kindler Verlag 22,00€

 

Nicolas Barreau: "Die Zeit der Kirschen"

Nicolas Barreau hat erneut einen wunderbaren kurzweiligen Liebesroman verfasst, den man am besten mit „Ich wünschte, dieser Roman möge niemals enden“ beschreiben kann.

Für den Autor und Lektor Andrè ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Seit einem Jahr sind er und die Köchin Aurélie ein Paar. Nun möchte er den nächsten Schritt gehen und ihr einen Heiratsantrag machen. Einige Male schon musste er diesen Plan verschieben, aber der Valentinstag erscheint ihm als der beste Zeitpunkt, kann ein Datum romantischer sein? Geradezu akribisch plant er die Details: nach der Buchpremiere seines zweiten Romans, bei der er auch erstmalig als Autor in Erscheinung tritt, möchte er Aurélie fragen.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse aus einem ganz anderen Grund. Aurèlie nämlich bekommt zu erfahren, dass ihr kleines feines Restaurant völlig überraschend mit einem Michelin Stern ausgezeichnet wird! Euphorisch wird gefeiert, doch bereits am nächsten Tag folgt die bittere Ernüchterung: es handelt sich um ein Missverständnis, eine Verwechslung, denn die Ehre wird dem arroganten Sternkoch Jean Marie zuteil, dessen Restaurant den gleichen Namen trägt wie Aurèlies.
Die beiden Kochkoryphäen kommen ins Gespräch, finden einander so gar nicht sympathisch, nichtsdestotrotz nimmt Aurélie eine Einladung des Konkurrenten an, und absolviert sogar einen Kochkurs bei ihm. Wasser auf die Mühlen der Eifersucht des erfolgsverwöhnten Andrè, der diese beginnende Freundschaft mit Argusaugen betrachtet. Mehr und mehr steigert er sich in ein Misstrauen hinein, das ihm wie eine hässliche Kröte auf der Brust sitzt und konfrontiert Aurèlie zunehmend mit seinen Unterstellungen. Bis sie ihn vor die Tür setzt. Und seine Welt zusammenbricht.

Können Aurèlie und Andrè ihre Missverständnisse und verletzte Eitelkeiten hinter sich lassen, oder kommt es zum Neuanfang mit anderen Partnern? Da gibt es nämlich noch eine ebenso charmante wie gutaussehende Buchhändlerin, die auf Andrè durchaus nicht reizlos wirkt…

Heike Kasten

 


kleine palaeste 150x237

Arche Verlag 22,00€

 

Andreas Moster: "Kleine Paläste"

Dieser Moment der Stille, wenn alles platzt – ein Moment, gefangen in der Zeit, durch den wir das Verborgene entdecken und jede einzelne Scherbe, jeden Riss in der Fassade betrachten dürfen. Was für eine literarische Wucht dieses wunderbare Cover ankündigt und dieses Versprechen auch noch hält. „Kleine Paläste“ ist ein Familienroman und ein feinsinniges Porträt des verbohrten Spießbürgertums.

Hanno Holtz ist ihr vor mehr als dreißig Jahren entflohen, doch nun kehrt er zurück in die familiäre Kleinstadt, um seinen Vater zu pflegen. Seine Mutter ist just eines skurrilen Todes gestorben und es sind oft diese Momente, die den Roman so richtig leuchten lassen: Momente die böse-traurig, aber auch humoristisch, so wahrhaft eingefangen und meisterhaft gedreht werden.
Die Nachbarin Susanne Dreyer ist verwirrt von der neuen Situation im Hause gegenüber. Von ihrem Fenster aus dem Obergeschoss hat sie mit ihrem Fernglas einen Logenplatz, doch das gewöhnliche Holtz-Lustspiel folgt nun einem neuen, unsichtbaren Intendanten. Sie begibt sich aus ihrer Routine und bietet dem Kindheitsfreund Hanno ihre Hilfe an. So beginnt das kollektive Gedächtnis zu Rumoren und Erinnerungen an eine Feier im Jahre 1986 werden wach – Erinnerungen, die altbekannte Geschichten implodieren lassen und wieder neu zusammensetzen.

In diesem Roman ziehen die Geister der Erinnerung an den Fäden, die alles zusammenhalten. Mit Andreas Moster führt der Arche Verlag große Erzählkunst vor, die zurecht vom Hamburger Literaturpreis mit der Auszeichnung „Buch des Jahres“ gekürt wurde. Ein Kompositum an monumental erscheinenden Kleinigkeiten, ungewöhnlichen Perspektiven und großem Einfühlungsvermögen. Muss man gelesen haben.

Mattes Daugardt

 


sharing willst du wirklich alles teilen 150x237

 

Fischer TB 15,99€

 

Arno Strobel: "Sharing - Willst Du wirklich alles teilen?"

Aus Überzeugung haben Markus und Bettina ein Sharing-Unternehmen gegründet, das Autos und Wohnungen zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt: ökologisch, ökonomisch, nachhaltig und gemeinwohlorientiert! Das Konzept wird erfolgreich angenommen, das Ehepaar vereint Beruf und Privatleben bestens, gerade die gemeinsamen Interessen verbinden die beiden.
Doch eines Nachts kommt Bettina nicht heim von einem Treffen mit ihrer Freundin. Ein anonymer Anruf macht Markus schnell klar, dass seine Frau entführt wurde und nun im Darknet öffentlich zur Schau gestellt wird. Über einen speziellen Link und nach der Entrichtung eines Eintrittsgeldes können sich interessierte Schaulustige einwählen und live mitverfolgen, wie Bettina von maskierten Unbekannten gequält wird. Die Zuschauerzahlen steigen im rasenden Tempo. Wolle Markus seine Frau je lebend wiedersehen, habe er alles zu tun, was ihm befohlen werde.
Unvermittelt befindet sich Markus in einem höllenhaften Alptraum! Denn am nächsten Morgen muss er feststellen, dass auch seine jugendliche Tochter entführt wurde. Und auch sie soll in einer sog. Show im Darknet vorgeführt werden. Um sie zu finden, muss Markus sich auf das Spiel des Entführers einlassen, der ihm telefonisch immer neue Aufgaben stellt. Völlig auf sich allein gestellt, verdächtigt nicht nur von der Polizei, sondern auch von Freunden und den Schwiegereltern, kämpft er verzweifelt gegen die Zeit.

Der perfide Wettkampf, dem er nicht ausweichen kann, ist gnadenlos und nicht verhandelbar. Ein in jeder Hinsicht quälender Countdown beginnt…

Heike Kasten

 


heaven 150x237

 

Dumont Verlag 22,00€

 

Mieko Kawakami: "Heaven"

Eines Tages entdeckt der namenlose Ich-Erzähler in seinem Federmäppchen ein beschriebenes Stück Papier. Es stehen nur fünf Worte darauf: „Wir gehören zur selben Sorte.“ Von wem stammt die Nachricht? Bald folgen weitere Zettel, unauffällig unter die Tischplatte geklebt, an der Tür des Schulspinds verborgen. Fragen stehen darauf, harmlose, wohin er gerne einmal verreisen würde? Was er während des letzten Regens gemacht habe? Und irgendwann eine knappe Aufforderung zu einem Treffen mit einer kleinen Skizze.
Mit gemischten Gefühlen sucht der Erzähler schließlich den genannten Treffpunkt auf und stellt mit Erstaunen fest, dass dort seine Klassenkameradin Kojima auf ihn wartet. Die beiden Jugendlichen beginnen sich Briefe zu schreiben; es entsteht ein feiner, zarter, wunderschöner Dialog zwischen ihnen, fast poetisch, über Alltäglichkeiten und Besonderes, über Belanglosigkeiten und Erzählenswertes. Ein Band wird gesponnen, eine neue Freundschaft wächst. Nur ein Thema sparen beide aus, obwohl sie tagtäglich auf brutalste Art und Weise mit ihm konfrontiert werden: Beide werden von ihren Klassenkameraden auf furchtbare Art und Weise gemobbt, gequält und erniedrigt.
In ihre Realität versuchen sie möglichst unsichtbar zu sein, die Attacken wegzustecken und zu überleben. Sie wehren sich nicht, sie tun, was man von ihnen verlangt; sie sehen weg, wenn der andere an der Reihe ist, um nur das Schreckliche nicht in ihre Beziehung, die immer mehr zu einer Parallelwelt, gar zu einer Schutzzone wird, zu lassen.

Der Ich-Erzähler und Kojima leben in einer Gesellschaft von Gleichen, die jedes Anderssein sofort bemerkt. Beide haben etwas an sich, das sie tatsächlich von den anderen unterscheidet. Trotzdem scheint es dem Leser, als sei ihre Auswahl willkürlich, als könne es auch jeden beliebig anderen Schüler treffen. Gerechtigkeit und Lösungen sucht man in Kawakamis Roman vergebens; es geht ums blanke Überleben, ums Erdulden, ums Überstehen; darum, irgendwie durch die Schule, den Tag und letztlich die Jugend zu kommen. Die Jugendlichen versuchen ihr Schicksal zu verstehen, zu erklären und anzunehmen. Sie sehen die Schwäche derer, die nur zusehen; die Schwäche ihrer Peiniger, die die Not anderer brauchen, um sich selbst an ihr zu erhöhen. Sie sehen auch ihre eigene Schwäche, doch diese ist anders: „Wir sind vielleicht schwach, aber unsere Schwäche hat einen Sinn. Wir wissen. Wir wissen, was wichtig und was nicht richtig ist. […] Die Einzigen in unserer Klasse, die wirklich unabhängig sind, sind du und ich. Sonst niemand.“

Die beiden Jugendlichen fliehen in die Parallelwelt ihrer Freundschaft, um einen letzten Rest Würde zu behalten, auch wenn ihre Peiniger in der „zweiten Realität“ mit allen Mitteln versuchen, diese Würde zu zerstören und sie mit Füßen treten. Doch durch einen letzten, besonders brutalen Angriff wird dem Ich-Erzähler diese Möglichkeit des Ertragens auch noch genommen. Zu viel willkürlich ausgeübte Gewalt beraubt ihn schließlich seines Glaubens, dass irgendein höherer Sinn hinter allem stecken könnte.

Sabine Christ

 


soerensen am ende der welt 150x237

 

rororo 11,00€

 

Sven Stricker: "Sörensen am Ende der Welt"

Normalerweise bin ich kein Freund der Krimivorstellung, dritter, vierter, fünfter Band… Bei Sörensen aber werde ich schwach, da muss ich eine Ausnahme machen. Den Kommissar hinterm Deich von  Katenbüll  hoch im friesischen Norden kann und will ich Ihnen auch bei seinem dritten Fall nicht vorenthalten, weil er einfach zu gut ist.
Sörensen erfreut sich mittlerweile einer großen Fangemeinde, nicht zuletzt weil Bjarne Mädel ihn mit dieser ihm auf den Leib geschriebenen Rolle auf die Mattscheibe gebracht hat. Aber auch wer bisher noch nichts von dem Kommissar gehört hat, kann direkt mit Spannung und noch mehr Amüsement in das Setting einsteigen.

Sörensen wächst hier kurz vor Ostern so ziemlich alles über den Kopf. Der Tankstellenbesitzer Töns Gregersen aus Katenbüll hat eine männliche Leiche aus dem Teich im Koog gefischt. Am Morgen beim Gassigang, ganz verstört ist der immer noch… Und seit der Nacht ist Ole spurlos verschwunden, Aushilfe in der Tanke, Musiker mit Rastalocken, Bekannter von Sörensen und zudem bald der Vater von Jenni Holstenbecks Enkel.
Wie immer kann Sörensen von Glück sagen, dass er die patente Jenni an seiner Seite hat, aber diesmal ist noch nicht mal auf die KOKin (Kriminaloberkommissarin) Verlass. Mit 35 Oma werden, wem gefällt sowas schon? Und warum müssen Töchter eigentlich die gleichen Fehler wie ihre Mütter machen? Und dann gibt es da noch die Frage nach dem Opa in Spe…. Nee, also selbst die Deichverbundene Jenni verliert mal die Bodenhaftung.
Zu allem Überfluss hat sich auch noch Sörensens scharfzüngiger Vater über die Feiertage angekündigt und die Kollegen aus Husum seiner Dienststelle eine frustrierte, störrische Praktikantin in Nest geschmissen. Sieke Pfeifer, so heißt man doch nicht...die keiner leiden kann, aber doch allen ein bisschen leid tut. Oh Mann, wen wundert es, dass da eine alte Bekannte, die Angststörung aus Hamburger LKA Zeiten, an die Tür klopft und Sörensen mächtig zusetzt… Es wird nicht bei der einen Leiche bleiben, und wieder muss der arme Töns dran glauben… „ist doch kein Leben, ist das nicht, jeden zweiten Tag einen Toten finden“… Und auch für Sörensen wird es noch mal so richtig eng und mulmig, aber zu Ostern wird dann doch noch alles gut hinterm Deich.

Nicht in einer Zeile ist dieser neue Fall ein Abklatsch der anderen, im Gegenteil, ordentlich spannend. Und dieser schrullige, in gewisser Weise geradezu philosophisch angehauchte Menschenkenner Sörensen wird mir von Mal zu Mal vertrauter und das Abschiednehmen  bis zum nächsten Fall schwerer.

Annette Matthaei


the watchers 150x237
 

John Marrs: "The Watchers"

Wertvoller als Gold, begehrter als funkelnde Edelsteine sind ja heutzutage Daten und Informationen. Leicht zu beschaffen, haben wir doch alle durch digitale Verbandelungen unsere Privatsphäre quasi in den Mond geschossen.

Für Hacker stellt es kein Problem dar, eigentlich geheime Daten und Sicherheitslücken auszuspionieren, brisante Files abzugreifen und ihrer jeweiligen Behörde, die wiederum einer jeweiligen Regierung untersteht, Vorteile jeglicher Art zu beschaffen. Da schweben Informationen im virtuellen Raum, die ganze Nationen ins Chaos stürzen könnten. Wie kann man es diesen Daten-Dieben so schwer wie möglich machen?
Die britische Regierung hat da einen ganz vorzüglichen Plan: fünf speziell ausgesuchte Zivilisten, sorgfältig ausgewählt, waren in der Lage, ein komplexes Rätsel zu lösen, das eigens für sie entwickelt wurde. Allesamt sind sie Synästhetiker, also Menschen, die in der Lage sind, Sinnesreize auf besondere Art und Weise wahrzunehmen. So schmecken sie beispielsweise Farben oder visualisieren Musik, verknüpfen quasi ihre Wahrnehmung. Die geheimsten Daten des Vereinigten Königsreichs werden in einen genetischen Code umgewandelt und den fünf Auserwählten ins Gehirn implantiert.
Und hier beginnen die Schwierigkeiten. Den Geheimnisträgern ist es strengstens untersagt, miteinander Kontakt aufzunehmen. Hinzu kommt, dass sie ihr bisheriges Leben für die Dauer von fünf Jahren komplett aufgeben müssen. Gut, sie werden fürstlich entlohnt für diese Opfer, jedoch ist es ihnen, wie allen anderen Menschen auch, nicht möglich, ihr bisheriges Dasein komplett hinter sich zu lassen. Ein jeder von ihnen weilte nicht auf der Sonnenseite des Lebens, und so holen die Schatten sie nach und nach ein…

Der rasante, nicht künstlich mit Fachbegriffen aufgeblasene Schreibstil, der rasante Wechsel von Figur zu Figur halten in Atem und bei der Stange. Einzelschicksale, menschliche Abgründe und politisches Kalkül treffen aufeinander – und zeigen, wie grandios ein auf dem Papier entstandener Plan dann doch scheitern kann. Dieser brisante Thriller ist vielleicht näher am Puls der Zeit, als uns lieb sein mag.

 

Heike Kasten


wer das feuer entfacht 150x237

 

Blanvalet Verlag 20,00€

 

Paula Hawkins: "Wer das Feuer entfacht"

Mit GIRL ON THE TRAIN gelang Mrs.Hawkins vor  einigen Jahren ein großartiger Einstieg in die Thrillerszene, seither "liefert" sie zuverlässig regelmäßig neue, spannende Krimis.

Ihr aktuelles Buch spielt u.a. auf einem Hausboot in London. Während die frustrierte und vom Leben nicht unbedingt verwöhnte Miriam aus dem Bullauge ihres Hausboots starrt, verlässt plötzlich eine junge, blutbesudelte Frau panikartig das Boot ihres Nachbarn Daniel. Der junge Mann hatte nächtlichen Besuch, und nun liegt er blutüberströmt und mausetot (das passiert, wenn man sich die Kehle durchschneiden lässt) in seiner Kajüte. Während die Polizei nach der verschwundenen Frau sucht, scheint auch Miriam durchaus unter Tatverdacht zu geraten. Immerhin wird ihre DNA am Tatort gefunden, und ein Motiv scheint sie auch zu haben... Eine weitere Verdächtige fehlt uns noch: Carla Meyerson, die Tante des Verblichenen, hatte ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Neffen.

Und so rätseln wir Leser gemeinsam mit der Polizei, während sich die nächste Katastrophe bereits anbahnt...

Andrea Westerkamp

 


die vier winde 150x237

 

Ruetten und Loening 20,00€

 

Kristin Hannah: "Die vier Winde"

Texas 1921

Die kleine Elsa wächst wohlbehütet, aber streng abgeschottet auf. Nach einer Fehldiagnose wird ihr eine äußerst schwache Konstitution bescheinigt. Das führt zu einem Leben ohne jegliche Abwechslung, oder gar soziale Kontakte. Im Alter von 25 Jahren bricht sie aus und wagt einen Alleingang in die Stadt....

Raf, der junge, hübsche Sohn italienischer Einwanderer verdreht Elsa den Kopf, und nicht nur den... Als Elsa schwanger wird, zwingt ihr Vater sie zur Heirat und enterbt sie. Nie wieder wird sie ihre Eltern sehen! Fortan wird aus dem kränklich zarten Mädchen eine immer stärkere Frau, die sich in den Haushalt ihrer Schwiegereltern einfügt und arbeitet, wie nie zuvor in ihrem Leben.
Währenddessen ziehen dunkle Wolken am texanischen Himmel auf! Nach jahrzehntelanger Ausbeutung der Äcker und Raubbau der Natur, sorgt der "Dustbowl" für verheerende Schäden an Mensch, Tier und Umwelt. 100.000 Menschen werden nach Kalifornien fliehen, darunter auch Elsa und ihre zwei Kinder....

Die Schilderungen der damaligen Verhältnisse um die Dürrekatastrophe und die daraus resultierenden Folgen, machen diesen Roman zusätzlich zu etwas Besonderem!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober

 


ascona 150x237

 

Piper 22,00€

 

Edgar Rai: "Ascona"

Dieser Roman entwickelt besondere Faszination, wenn man ihn im Zusammenhang mit Colm Tóibíns Roman „Der Zauberer“ über Thomas Mann liest, zwei unterschiedlichere Persönlichkeiten in der Literatur lassen sich kaum denken.

Doch beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten: Beide Autoren werden von den Nazis geächtet, ihre Bücher verbrannt. Beide emigrieren Anfang der 30er in die Schweiz, beide waren bereits sehr erfolgreich, so dass zumindest materiell keine existentielle Sorge besteht. Remarque hatte sich Anfang 1931 eine Villa am Lago Maggiore gekauft und seinen Hauptwohnsitz in die Schweiz verlegt. Einen Tag nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, zieht er endgültig nach Ascona.
Doch wenn Thomas Mann jeden Tag streng durchstrukturiert hat, nach festem Plan arbeitet und schreibt, taumelt Remarque durch Tage und Nächte, trinkt zu viel, ringt mit seinem eigentlich schon fertig gestellten Roman „Pat“. Sein deutscher Verleger wartet händeringend, die ausländischen Lizenzen sind schon vergeben, alles wartet auf DEN neuen Roman nach „Im Westen nichts Neues“ – doch Remarque erscheint plötzlich alles falsch am neuen Werk. Da passt es prima, dass man der Arbeit sehr leicht aus dem Weg gehen kann, denn ähnlich wie damals in Ostende, finden sich auch in Ascona berühmte und von den Nazis verfolgte KünstlerInnen ein, darunter Else Lasker-Schüler, Ernst Toller und die Malerin Marianne von Werefkin. Zum Teil erscheint es einem wie ein Tanz auf dem Vulkan, maßlos, vergessen wollend, sich dem Rausch hingebend.

Edgar Rai beschreibt in seinem Roman die Verzweiflung über die Heimatlosigkeit, die Suche nach einem sicheren Hafen auch für Angehörige und liebe Freunde. Natürlich gehören auch Liebschaften dazu, hier u.a. die Leidenschaft Remarques für Marlene Dietrich, die fast an eine Art Hörigkeit grenzt.
Rai gelingt mit seinem Buch ein fesselnder und lebendiger Einblick in ein weiteres Kapitel deutscher Emigrationsgeschichte, berührend und gut recherchiert.

Astrid Henning

 


unter dem sturm 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Christoffer Carlsson: "Unter dem Sturm"

Südschweden, ein kleines Kaff namens Märbäck, 1995

Hier ereignet sich in einer Herbstnacht ein unfassbares Unglück. Der Hof der Familie Markström brennt bis auf die Grundmauern nieder. Mitten im Inferno wird die Leiche der Tochter des Hauses, der hübschen Lovisa gefunden. Zur Zeit des grauenvollen Ereignisses war Lovisa mit Edvard liiert.
Der junge Mann wird verwirrt und durch Verbrennungen verletzt im nahen Wald aufgefunden und sofort festgenommen. Edvard gilt als Hauptverdächtiger, ist er doch bekannt für seinen Jähzorn, so wie bereits sein Vater, der seine Frau schlug und im Dorf höchst unbeliebt war. Die Männer dieser Familie scheinen den Teufel in sich zu haben.

Für Isak bricht eine Welt zusammen, der Siebenjährige liebt seinen Onkel abgöttisch. So ist er es, der mit ihm angeln geht, seine Hand hält, wenn er sich vor etwas fürchtet und immer ein offenes, verständnisvolles Ohr für seinen Neffen hat. Nun ist sein Onkel zu  ebenslanger Haft verurteilt, sitzt im Gefängnis und beteuert seine Unschuld.
Vidar Jörgensson war einer der ersten am Unglücksort. Er lebt in Märbäck, arbeitet als Polizist im nahegelegenen Ort. Auch für ihn scheint der Täter überführt.

Zehn Jahre später: Isak ist zu einem wankelmütigen, aufbrausenden und depressiven Jugendlichen herangewachsen. Der Kontakt zu seinem Onkel wurde von der Familie komplett abgebrochen, aber er muss noch oft an ihn denken, zumal ihn der Gedanke quält, seinem Onkel charakterlich ähnlich zu sein. Wird er geärgert, kommt es zu einem Punkt, an dem er nur noch rot sieht und unbarmherzig zuschlägt.
Auch Vidar lässt das Schicksal von Edvard nicht los. In ihm tauchen zunehmend Zweifel an dessen Schuld auf. Sind da einige Indizien unterschlagen worden? Sollte Edvard bewusst als Mörder belastet werden? Der Fall hält ihn in den Klauen.

Noch einen Zeitsprung von zehn Jahren wird es in diesem packenden Krimi von Christoffer Carlsson geben und die Welt wird eine andere sein.
Wer einen typischen Skandinavienthriller erwartet, für den ist dieses Buch nicht das Richtige. Die düstere Atmosphäre des schwedischen Landlebens wird zwar perfekt getroffen, aber die Gewalt und Grausamkeit anderer nordischer Krimis wird hier durch feinste Psychologie ersetzt. Der Entwicklung der Hauptfiguren über eine Spanne von zwanzig Jahren beizuwohnen, übt einen enormen Lesesog aus.
Bei gebundenen Krimis habe ich zumeist Vorbehalte, was den Preis angeht. In diesem Falle kann ich nur sagen, es lohnt sich von Anfang bis Ende!

Annette Matthaei

 


welten auseinander 150x237

 

S. Fischer 23,00€

 

Julia Franck: "Welten auseinander"

Vor knapp 15 Jahren gewann Julia Franck mit der „Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis. Jetzt hat die Autorin nach längerer Roman-Pause ein neues Buch vorgelegt, ein Buch, das mich sehr begeistert hat. Und auch wenn „Welten auseinander“ ein Roman ist, so ist dieses Buch doch gleichzeitig ein intensives, autobiographisches Stück Erinnerung an Julia Francks Kindheit und Jugend.

1978 wird der dritte Ausreiseantrag der Mutter genehmigt, zusammen mit ihren vier Töchtern darf die Schauspielerin aus Ost-Berlin in den Westen reisen. Nach einem Aufenthalt im Auffanglager zieht die Familie in ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein und bewohnt dort einen runtergekommenen Hof. Während die Mutter sich dort völlig ihren eigenen Belangen widmet, zu einer Mischung aus Hippie und Messie mutiert, sind die Kinder auf sich allein gestellt, da bekommt „alleinerziehend“ nochmal eine ganz besondere Bedeutung. Julia und ihre Zwillingsschwester sind zu diesem Zeitpunkt ca. acht Jahre, und doch beginnen sie, für sich selbst zu kochen, sich selbst Kleidung zu nähen, weil die alten Klamotten auseinanderfallen, den Schulalltag irgendwie zu regeln und nebenbei auch noch die Mutter über Wasser zu halten. Nach fünf Jahren hält Julia es nicht mehr aus und setzt durch, dass sie zu ihrer Tante nach West-Berlin ziehen darf, im damals noch geteilten Deutschland.
Gleichzeitig berichtet Franck in ihrem Buch vom Leben ihrer Großmutter und Urgroßmutter, beileibe keine einfachen Frauen, aber immer Teil der kulturellen und intellektuellen Szene ihrer Zeit. Hier begegnen uns Namen wie Erich Fried, Victor Klemperer, Robert Havemann u.a.
Und dann ist da noch die Rahmenhandlung: Die Mitte 20-jährige Julia ist nachmittags mit ihrem Freund in einem Café in Berlin verabredet, doch zu diesem Treffen wird es nicht kommen…

Ich wünsche diesem offenen und mutigem Buch alles erdenklich Gute und jede Menge LeserInnen.

Astrid Henning

 


der gesang der berge 150x237

Insel Verlag 23,00€

 

Nguyen Phan Qué Mai: "Der Gesang der Berge"

Hanoi in den 70ern

Die Folgen des Vietnamkrieges sind noch spür- und sichtbar.
Huong ist 12 Jahre alt und lebt bei ihrer Großmutter. Ihrer Eltern hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Der Vater gilt als verschollen, und ihre Mutter begab sich vor Zeiten auf die Suche nach ihm. Großmama Dieu Lan (1920 geb.) gibt sich größte Mühe, die Eltern zu ersetzen. Aber auch sie hat unendlich viel Federn gelassen während der furchtbaren Jahrzehnte.
Vor dem Bürgerkrieg lebte die Famile im Wohlstand. Dieu arbeitete als Lehrerin, ihr Mann lebte noch und gemeinsam zogen sie ihre sechs Kinder groß. Während Huong Tag für Tag nach ihren Eltern Ausschau hält, erzählt die Großmutter ihrer Enkeltochter an langen Abenden nach und nach die Familiengeschichte. Wir Leser tauchen fasziniert ein in die für uns Europäer teilweise so anders anmutende asiatische Lebensweise. Der Roman wird dramatisch, als Dieu berichtet, wie der Bürgerkrieg sie zwingt, alles aufzugeben. Sie flieht mit vier ihrer Kinder und kämpft um´s nackte Überleben. Man spürt die unglaubliche Willensstärke dieser besonderen Frau! Die Hoffnung, eines Tages wieder als Familie vereint zu sein, gibt ihr Kraft und treibt sie voran.

Eine unglaublich fesselnde Familiengeschichte, die ich unbedingt(!) empfehlen möchte.

Andrea Westerkamp

 


der leere platz 150x237

 

Kein & Aber 22,00€

 

Marion Karausche: "Der leere Platz"

„Eine Mutter kann nur so glücklich sein, wie ihr unglücklichstes Kind“ (Sarah Blaffer Hrdy)

Marlen schätzt sich glücklich. Sie ist stolz auf ihre Familie und ihr Leben, mit sich im Einklang. Als sie Martin vor mehr als 25 Jahren kennenlernte, war ihr klar, dass sie mit der Heirat ihren erfüllenden Beruf als MTA aufgeben und ihm auf Grund seines Jobs nach Marokko folgen würde. In Rabat leben sie nun schon lange im Privilegiertenviertel in einer großen Villa mit Blick auf das Meer. Die Eheleute gelten im Freundeskreis als das absolute Traumpaar. Marlen widmet sich ganz und gar dem Familienleben. Erst wird der ruhige, sanfte Kai geboren. Große Augen, dunkle Locken, ein stilles, angenehmes Kind. Ein paar Jahre später folgt die etwas anstrengendere, wilde Amy.
Nun sind beide Kinder Teenies und haben eine enge und liebevolle geschwisterliche Bindung. Kai hat gerade das Abitur auf einer internationalen Schule überdurchschnittlich gut abgelegt. Mit ein paar Freunden plant er eine Reise durch Europa. Danach ist ein Studium in Deutschland das Ziel. Und das ist der Moment, in dem das Leben der Familie ins Kippen – bis hin zum Absturz - gerät.

Schon bevor er abreist, beschleicht Marlen ein ungutes Gefühl. Ihr Sohn ist zögerlich, verschlossen, tut sich schwer mit Entscheidungen. Auch ihr fällt es nicht leicht, eines ihrer Küken ziehen zu lassen. Es scheint ein neuer Entwicklungsschritt zu sein. Dass die Nachrichten aus Europa aber nun sehr spärlich ausfallen und später ganz ausbleiben, versetzt die Eltern verständlicherweise in höchste Unruhe. Die Freunde von Kai kehren nach Rabat zurück, um ihre Ausbildungen zu beginnen. Er hingegen lässt ausrichten, dass er noch auf der Suche nach sich selbst sei und vorerst in Portugal bleiben würde. Die nächsten Nachrichten kommen nach Wochen aus Peru. Kai hat sich Schamanen in der Wildnis angeschlossen.
Marlen wird ihren Sohn erst zu Ostern bei Martins Familie in Deutschland wiedersehen. Völlig überraschend steht der verwahrloste, abgemagerte junge Mann zur traditionellen, alljährlichen Familienfeier bei seiner Großmutter vor der Tür. Komplett verschlossen, mürrisch und misstrauisch, mit einem Bein auf der Flucht.

Was nun passiert ist eine Abfolge von Ereignissen, die die Belastung einer Mutter um ein Weites übersteigen. Ein Anruf: der Sohn sei in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Marlen eilt zu ihm, findet ihr Kind apathisch, komplett unter Medikamenten stehend vor. Sein Auto hat er angezündet, spricht stockend von Stimmen und Verfolgern. Die Diagnose Schizophrenie haut die Eltern um. Marlen ist erfüllt von Schmerz und Verzweiflung. Martin reist allein zurück nach Rabat, sie bleibt bei ihrem Sohn in Deutschland. Die Eltern haben schlagartig ihre Bindung verloren und verlieren sich jeder auf seine Art in ihrer Einsamkeit.

Mit einer unglaublichen Intensität erzählt die Autorin die Geschichte einer Mutter, die sich selbst aufgibt, nichts unversucht lässt, um ihr Kind zu retten, aber wohl einen aussichtslosen Kampf kämpft. Hilflosigkeit, Ohnmacht, Unsicherheit, all das sind die Gefühle, die sicherlich die meisten Eltern erleben, deren Kinder psychisch schwer erkranken. Was für ein beklemmender und beeindruckender Roman und dazu noch ein Debüt!!! Auch nach der letzten Seite hat mich dieses hervorragende Buch lange nicht losgelassen.

Annette Matthaei

 


every 150x237

 

KiWi 25,00€

 

Dave Eggers: "Every"

Der „Circle“ ist Vergangenheit: Das (Digital-)Unternehmen hat die Konkurrenz aufgekauft, u.a. auch einen weltweit agierenden Online-Versand namens dschungel, und nennt sich nun „Every“.

Delaney Wells, Hauptfigur der Geschichte, steht der zunehmenden Komplettdigitalisierung der Welt kritisch gegenüber und befürchtet eine soziale Kontrollübernahme. Innerlich sympathisiert sie mit den Digitalverweigerern, den sog. Trogs, die man sich wie Alt-Hippies vorstellen muss, deren städtischer Lebensraum immer weiter eingeschränkt wird und die sich unbewacht und unbeobachtet nur noch an wenigen Orten aufhalten können.
Delaney nun bewirbt sich bei diesem größten, modernsten Konzern, „Every“, verfolgt jedoch eine geheime Agenda: Sie plant, den Konzern von innen heraus zu Fall zu bringen. Immer übergriffigere Vorschläge bei der Produktentwicklung sollen die Belegschaft bzw. Nutzer:innen zur Rebellion gegen die Einschränkung von Persönlichkeits- und Freiheitsrechten bringen.
Der einzig Eingeweihte und Verbündete ist ihr Mitbewohner Wes, ein begnadeter Programmierer, auch er ist bei „Every“ tätig. Die beiden überlegen, so viele absurde digitale Ideen in den „Every“-Kosmos einzubringen, bis der Konzern sich am Ende selbst diskreditiert und zerstört. Aber selbstverständlich entwickeln sich die Dinge anders: das so raffinierte wie naive Vorhaben der beiden scheint komplett nach hinten loszugehen. Keine Idee ist so absurd, so lächerlich, so wenig nachvollziehbar für den gesunden Menschenverstand, als dass sie von der Every-Gemeinde nicht frenetisch gefeiert und begrüßt würde. Hauptsache, jemand hat überhaupt neue Ideen! Denn auf dem Every-Campus leben die Angestellten in einer künstlichen Wohlfühlblase, die sie in den zugewiesenen Aufgaben und der physischen Selbstoptimierung dermaßen aufgehen lässt, dass jegliche Ambition, jegliche Motivation, verloren scheint.
Zunehmend ratlos sieht Delaney mit an, wie die absurden Ideen, die sie und Wes unauffällig platzieren, umgehend zu lukrativen Produkten aufgebauscht werden. Da gibt es beispielsweise eine 3D-Anwendung, die virtuelle Reisen ermöglicht, weltweiten Tourismus obsolet macht - der ökologische Fußabdruck entfällt, es lebe das gute Gewissen! Es gibt eine App, die die Gespräche befreundeter Personen auswertet und scheinbar auf ihren wahren Freundschaftsgehalt hin analysiert – ein Alptraum für alle Beziehungen! Jedoch, die Menschen nehmen jede Gelegenheit einer scheinbaren Optimierung wahr, es wird geliket, geshamet, mit Emojis herumgeworfen, gemessen, verglichen, gezählt, ausgewertet; die Funktionsarmbänder piepen und blinken und erinnern und loben in einer Tour und unaufhörlich.
Noch schlimmer und besorgniserregender jedoch ist die zunehmende Verzahnung zwischen den Geschäftsinteressen des „Every“ und der allgemeinen Gesetzgebung, die sich rasant beschleunigt.

Was die technische, die digitale Seite der Geschichte betrifft, ist Dave Eggers der Zukunft, auch hier in der Satire, nicht weit voraus. Praktisch alle beschriebenen Anwendungen gibt es dieser oder ähnlicher Weise oder sind zumindest möglich – wir alle kennen sie. Die gesellschaftlichen Implikationen hingegen, die eine so umfassende Marktmacht eines einzigen Digitalkonzerns mit sich bringen kann, wird ein wenig übersteigert vorgeführt. Oder?
Erneut hat Dave Eggers es geschafft, den Finger in die Wunde der (digitalen) Leichtgläubigkeit der Menschen zu legen.

Heike Kasten

 


barbara stirbt nicht 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Alina Bronsky: "Barbara stirbt nicht"

Barbara und Walter Schmidt führen eine, sagen wir mal, traditionelle, eingefahrene Ehe mit sehr, sehr klassischen Rollenmustern. Seit 52 Jahren sind die beiden verheiratet, da kennt man sich.
Der Herr des Hauses ist ein etwas zwanghafter, Filzpantoffeln tragender Durchschnittslangweiler, hat noch nicht ein einziges Mal freiwillig die Küche betreten, um sich dortselbst nützlich zu machen und weiß weder, wie man eine Tütensuppe aufschneidet, geschweige denn erhitzt, noch, wie man Kaffee kocht. Und auch Herrn Schmidts Pensionierung hat nicht dazu beigetragen, an diesen Routinen etwas zu ändern: Frau Schmidt ist für das Wohlbefinden des Gatten zuständig, für die Organisation von Haus und Garten, Herr Schmidt lässt sich bedienen und beurteilt gütig die Arbeit seiner Frau.
Bis zu dem Tag, an dem Barbara einfach nicht mehr aus dem Bett aufsteht, sie ist müde, krank, will nichts essen, bis zu dem Tag, an dem Barbara im Badezimmer stürzt und der Hilfe bedarf. Herr Schmidt, man kann es sich vorstellen, ist mehr als konsterniert ob dieser Situation. Er sorgt sich weniger um seine Frau als um den ausbleibenden gewohnten Service. Unwillig muss er notgedrungen den ersten Kaffee seines Lebens kochen, den Hund und seine Frau versorgen, dieses mehr schlecht als recht. Tatsächlich muss sogar der Arzt ins Haus kommen, und nach dessen Diagnose dämmert es Herrn Schmidt allmählich, dass die Situation ernster ist, als angenommen. Barbara wird niemals wieder die gewohnten Arbeiten aufnehmen können. Und so krempelt Herr Schmidt tatsächlich sein Leben um und die Ärmel hoch.
Rührend mitzuerleben, wie er im hohen Alter plötzlich auf sich allein gestellt lernt, seine schwerkranke Frau zu umsorgen. Mit ihrem Facebook-Account begibt er sich zum ersten Mal sogar ins Internet und lernt durch die Tipps und Anleitungen eines Fernsehkochs seine ersten Schritte zu einem selbstgekochten Essen. Erstmalig zeigt er, dass er sich für Barbara verantwortlich fühlt. Vor allem sein Blick auf die gemeinsame Vergangenheit ändert sich…

„Barbara stirbt nicht“ ist ein mitunter ein wenig bösartiger Entwicklungsroman, einer über eine Transformation, über gestörte Familienverhältnisse und über große Familiengeheimnisse. Am Ende der Geschichte erkennt Herr Schmidt, dass er auch ein ganz anderer sein könnte – und er fängt endlich damit an. Rührend, warmherzig und auch ein bisschen witzig, obgleich die Thematik keine heitere ist, steuert der Roman einem Ende zu, dass die Figuren noch einmal schärft und ihnen Tiefe verleiht.

Heike Kasten

 


die tote mit der roten straehne 150x237

 

Suhrkamp 19,95€

 

Kathleen Kent: "Die Tote mir der roten Strähne"

Detective Betty Rhyzyk wechselte erst vor kurzem von New York City zum Dallas Police Department. Ihre neuen Kollegen staunen gewaltig über die taffe große Frau mit den flammend roten Haaren (nebenbei bemerkt: was für ein tolles Cover). Gleich der erste Einsatz hat es in sich.

Ähnlich wie in einem amerikanischen Actionfilm erleben wir die Eskalation eines scheinbar gut geplanten Polizeieinsatzes. El Gitano Ruiz, mexikanischer Drogendealer und brutaler Bandenchef, entkommt, Bettys Kollege wird tödlich getroffen, und auch eine Passantin verliert ihr Leben. Die Stimmung im Department ist unterirdisch und Betty spürt teilweise deutliche Ablehnung gegen ihre Person. Als sie ein paar Tage später morgens vom Joggen zurückkehrt, liegt auf ihrer Bettdecke ein kleines Souvenir... Offensichtlich wird sie gestalkt, denn von Jackie, ihrer Lebenspartnerin, stammt das Päckchen nicht!

Immer temporeicher und heftiger, um nicht zu schreiben blutiger wird der Thriller, aber Atempausen gibt es immer wieder durch Wortwitz und private Intermezzi. Ich freue mich definitiv auf Bettys nächsten Fall!!!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


russische botschaften 150x237

 

KiWi 16,00€

 

Yassin Musharbash: "Russische Botschaften"

In diesem Thriller kann man kaum noch sagen, was Fiktion ist und was Realität. Auf jeder Seite merkt man, dass der Autor selbst Journalist ist und jeden Tag mit brisanten Nachrichten konfrontiert ist, aus Quellen, von denen man nicht immer weiß: sind sie verlässlich? Oder steckt Manipulation dahinter?

Merle Schwab ist eine junge, ehrgeizige Journalistin beim Globus, einem Polit-Magazin, das in Berlin erscheint, vergleichbar vielleicht dem SPIEGEL. Sie ist zufällig hautnah dabei, als ein junger Russe von einem Balkon stürzt und dabei umkommt. Selbstmord? Unfall? Mord? Wie sich bei Merles Recherche herausstellt, war der junge Mann für den russischen Geheimdienst tätig, mehr noch: Er scheint ein Doppelagent gewesen zu sein, denn auch der deutsche Verfassungsschutz führt ihn als V-Mann. Merle ahnt, dass hinter dieser Geschichte noch mehr stecken könnte, eine perfekte Gelegenheit, sich beim Globus zu profilieren. Doch schnell stellt sie fest, dass diese Angelegenheit größere Kreise ziehen wird, ein Informant lässt ihr eine Liste zukommen, auf der Personen gelistet sind, die Zuwendungen vom russischen Geheimdienst erhalten haben, teilweise in beträchtlicher Höhe. Politiker sind darunter, Geschäftsleute, renommierte Journalisten – sogar die Inhaberin des Globus‘.
Nachdem Merle zwei Kollegen ihrer Zeitung eingeweiht hat, beschließen die drei, auch Journalisten der Konkurrenz, der „Norddeutschen“ mit ins Boot zu holen, denn auch dort steht ein hochrangiger Journalist auf der Gehaltsliste der Russen. In einem kleinen Dorf in Brandenburg versammelt sich eine kleine, schlagkräftige Truppe von Journalisten, um unter höchster Geheimhaltung in der Angelegenheit zu recherchieren.

Dieser Polit-Thriller führt tief hinein in verschiedenste Geheimdienste, in Fake-News, ins Darknet und andere technische Finessen. Sehr, sehr spannend zu lesen und möglicherweise beklemmend aktuell.

Astrid Henning

 


schweig 150x237

 

KiWi 15,00€

 

Judith Merchant: "Schweig!"

Dass in Familien nicht immer Harmonie herrscht, ist eine Binsenweisheit, und dass dies vor und an Weihnachten verschärft gilt, weiß auch jeder. Der Kreis der Liebsten erweitert sich plötzlich um Verwandtschaft, zu der man den Rest des Jahres vielleicht aus gutem Grund etwas Abstand hält.

„Schweig!“ ist ein Thriller, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt, heiklerweise am 23. Dezember, einem Tag, an dem jede und jeder noch wahnsinnig viel erledigen will, zumal wenn kleine Kinder im Spiel sind.
Trotzdem hat sich Esther den Vormittag freigeschaufelt, um ihre Schwester Sue zu besuchen, die psychisch einigermaßen labil zu sein scheint, zumindest in Esthers Augen. Vor gut einem Jahr ist Sues Ehe gescheitert, seitdem wohnt sie in einem riesigen Haus, irgendwo mitten im Wald, hat (und braucht) keine Arbeit und möchte eigentlich auch keinen Kontakt zu ihrer Schwester. Aber an Weihnachten…das kann Esther als Familientier nicht ertragen: Ihre Schwester „Schnecke“ allein? Ohne Plätzchenduft, Geschenke, glänzende Kinderaugen? Das kann nicht richtig sein, da vergisst man dann auch schon mal das Fiasko vom letzten Heiligabend, als Esthers Mann Martin und Sue auf dem Balkon, naja, sich etwas zu nahekamen. Sicher Sues Initiative, so allein und verzweifelt, wie sie sonst immer sein muss, da draußen, allein, im Wald. Soweit Esthers Sicht.
Sue hingegen ist tatsächlich etwas verzweifelt, aber nur deswegen, weil Esther absolut übergriffig ist und nicht verstehen will, dass es selbstgewähltes Alleinsein ist, dass Sue genau so zufrieden ist und ihr Leben völlig in Ordnung findet. Die Tür nicht öffnen reicht da nicht, Esther ist in der Lage sich anders Zugang zu verschaffen, wenn sie es für nötig hält. Und das tut sie.
Und Martin, Esthers Ehemann? Auch er leidet unter seiner dominanten Ehefrau, trinkt zu viel, um das alles ertragen zu können. Eine Trennung ist nicht möglich, weil Esther ihm den Kontakt zu den Kindern verweigern wird. Stimmt das?

Drei Menschen, drei Perspektiven, und das Verrückte ist: Wessen Sicht man gerade liest, dem glaubt man. Judith Merchant ist eine Meisterin der Täuschung, der vermeintlichen Sicherheit, in der sie uns wiegt, endlich wissen wir, wie der Hase läuft, bis…?
Selbst lesen ist das Einzige, was hilft ;-).

Astrid Henning

 


schach mit dem tod 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Steffen Jacobsen: "Schach mit dem Tod"

USA Los Alamos 1945

David Adler ist Elektroingenieur. Als er nach beschwerlicher Reise in Los Alamos ankommt, spürt er sofort die knisternde Spannung, die im gesamten Camp herrscht.Das Manhattan-Projekt vereint die aktuell größten Forscher der Welt und David ist sich schnell der Tragweite dessen bewusst. Sie alle arbeiten an der Entwicklung der Atombombe...
Durch seine Verwandtschaft mit Niels Bohr, erhält David diese einzigartige Gelegenheit, sich unter die Gruppe der außergewöhnlich großen Ansammlung brillianter Wissenschaftler zu mischen. Als persönlicher Assistent von Professor Bohr hat David Zugang zu nahezu allen Geheimnissen rund um die Konstruktion dieser
verheerenden Erfindung. Alle fiebern dem ersten Atombombentest entgegen. Aber je näher das Experiment rückt, um so stärker wird Davids Aversion gegen seine eigentliche Aufgabe: Niemand ahnt, dass sich hinter dem sympathischen Herrn Adler ein Spion verbirgt....

Wir alle haben von den Versuchen, Erfolgen und Misserfolgen um die Entstehung der Atombomben gehört oder gelesen. Für mich war es überaus spannend, nun aus der Sicht der Zeitzeugen quasi direkt im Camp zu "wohnen" und alles "live" mit zu erleben!

Andrea Westerkamp

 


die letzten romantiker 150x237

 

Harper Collins 22,00€

 

Tara Conklin: "Die letzten Romantiker"

Welch eine Familiengeschichte!

Bexley Frühjahr 1981
Ellis Avery Skinner, Zahnarzt und Vater von vier Kindern, ist erst 34 Jahre alt, als sein Herz plötzlich still steht. Renee 11, Caroline 8, Joe 7 und Fiona 4, die Ich-Erzählerin, fallen von jetzt auf gleich aus ihrer heilen Welt. Ihre Mutter Noni sieht sich außer Stande die Kinder aufzufangen. Zu groß ist die Schockstarre, in die sie nach Ellis Tod fällt. Und so gewöhnen sich die Vier daran, die Dinge des Lebens mehr oder weniger selbst zu regeln, wenn Noni wieder einmal wochenlang nicht aus dem Bett aufsteht. Sie erziehen sich gegenseitig und bilden schon bald ein festes Bollwerk gegen die Fallstricke der Außenwelt. Nicht nur Renee leistet dabei Außergewöhnliches, auch Caroline und Joe wachsen über sich selbst hinaus. Lediglich die kleine Fiona genießt noch etwas Nestschutz.
Jahre vergehen und die Folgen der verlorenen Kindheit zeigen sich immer deutlicher. Renee wird eine herausragende Ärztin, Joe erlangt Ruhm beim Baseball, Carolin heiratet und geht in ihrer Mutterrolle auf, Fiona schreibt als Bloggerin unter einem Pseudonym über Familieninterna, und eines Tages platzt die Blase...

So dicht und intensiv beschreibt uns die Autorin die einzelnen Schicksale der mittlerweile Erwachsenen, dass ich mich dem Sog nicht entziehen konnte.

Andrea Westerkamp

 


dinge an die wir nicht glauben 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Bryan Washington: "Dinge, an die wir nich glauben"

Dies ist kein Liebesroman, sondern ein Lebensroman über zwei junge Männer, die sich nicht sicher sind, was Zuhause bedeutet oder ob es das überhaupt gibt.

Mike ist ein Koch mit japanischen Wurzeln, der in einem mexikanischen Restaurant arbeitet, Ben ist Kindergärtner und Schwarz. Seit vier Jahren leben sie schon zusammen und sind sich so vertraut, wie sie sich fremd sind – die Liebe ist abgekühlt, die Streitereien hitzig, der letzte Ausweg oft Sex. In der Nacht bevor Mikes Mutter Mitsuko zu Besuch kommt, gesteht Mike Ben, dass er nach Japan reisen wird um seinen todkranken Vater zu pflegen. Dieser hatte ihn und seine Mutter vor Jahren verlassen, doch Mike kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, sie nicht einmal hinterfragen.
Die brüske Mitsuko und Ben ecken in ihrem Zusammenleben an, finden aber bald in ihren Blickwinkeln über Mike zueinander. Mitsuko bringt Ben das Kochen bei und die beiden lernen einmal mehr, wie vielschichtig Familie sein kann. Auch Mike lernt in Japan, dass Familie nicht unbedingt etwas mit Blutsverwandtschaft zu tun hat und Heimat und das Fremde sich nicht so klar voneinander unterscheiden lassen. Unausweichlich scheint, dass die drei sich großen Fragen stellen müssen, wenn Mike zurückkehrt.

In seinem Romandebüt, beweist Bryan Washington, dass er ein großartiger Schriftsteller ist, von dem wir noch viel erwarten dürfen. Voller Leichtigkeit und teils amüsant, fasst er große und aktuelle Themen mit geschulten, erzählerischen Fingern an: spricht wie nebenbei über Rassismus, Homophobie, Sucht und Armut, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was seine schlagfertigen Protagonisten antreibt. Sein Schreibstil ist geprägt von einer lockeren edginess und der Fähigkeit, dem Alltäglichen einen besonderen Glanz zu verleihen. Ein Roman, modern und doch nahbar, der anders ist ohne fremd zu sein.

Mattes Daugardt

 


im letzten licht des herbstes 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Mary Lawson: "Im letzten Licht des Herbstes"

Die idyllische Kleinstadt Solace steht seit Tagen unter Schock: Die knapp 16-jährige Rose wird vermisst, noch ist völlig unklar, ob es sich um ein Verbrechen handelt, oder ob Rose, sehr eigensinnig und unangepasst, ihr zu Hause ganz bewusst verlassen hat. Ihre siebenjährige Schwester Clare jedenfalls ist extrem bedrückt. Seit Roses Verschwinden steht sie am Fenster, isst am Fenster, „lebt“ am Fenster, um zu beobachten, ob ihre Schwester wieder auftaucht. Clare merkt, dass ihre Eltern nicht offen mit ihr sprechen, sie wollen sie schützen, erreichen aber mit ihrem Rumgedruckse und vermeintlich harmloser Miene geradezu das Gegenteil.
Gleichzeitig ist Mrs Orchard, eine ältere Nachbarin, zu der Clare ein sehr warmes und intensives Verhältnis hat, im Krankenhaus, das Haus plötzlich von einem Clare völlig fremden Mann bewohnt, der zudem noch beginnt, Mrs Orchards persönliche Dinge zu verpacken.

In drei Menschen schlüpfen wir geradezu in diesem Roman: Clare spielt die größte Rolle, ihr Innenleben beschreibt Mary Lawson wirklich außerordentlich gekonnt, ganz nah sind wir bei ihr, spüren ihre Nöte, ihre Phantasien („Wenn ich immer an diesem Fenster stehen bleibe, kommt Rose ganz bald zurück“, „wenn ich genau x-Schritte zur Schule brauche, kommt Rose zurück“). Mit Mrs Orchard sind wir im Krankenhaus und blicken auf ihr Leben zurück, auf das liebevolle Verhältnis zu ihrem Mann, auf das große Thema in ihrem Leben – die ungewollte Kinderlosigkeit. Und der Fremde im Haus von Mrs. Orchard? Das ist Liam, der als kleiner Junge bei den Orchards ein und aus ging, der für Mrs Orchard zum Ersatz-Sohn wurde, und dem sie bereits jetzt schon ihr Haus vermacht hat.
Doch wir bleiben nicht nur in der Gegenwart: Vor 30 Jahren gab es im Leben von Mrs Orchard und Liam ein Ereignis, dass für diese zwei Familien tragische Konsequenzen hatte…

Ein Roman, der feinfühlig die unterschiedlichsten Charaktere einfängt, der jederzeit die Spannung hält und uns wirklich perfekt zu Mitbewohnerinnen von Solace werden lässt.

Astrid Henning

 


treue seelen 150x237

 

btb 20,00€

 

Til Raether: "Treue Seelen"

Viele von uns kennen Till Raether als stellvertretenden Chefredakteur der BRIGITTE. Heute lebt er in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für das SZ Magazin, hat sich aber auch als Krimiautor einen Namen gemacht. Nun ist ein absolut gelungener Roman erschienen.

Achim und Barbara sind vom piefigen Bonn nach Westberlin gezogen. Sie kommt als Dauerdoktorandin nicht so recht vom Fleck, die Gänge in die Uni werden immer seltener. Achim ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Job. Bei der BAM ist er untergekommen. Mit BAM assoziiert man Bumm und damit liegt man auch nicht ganz falsch. Als Laborant in der Bundesanstalt für Materialprüfung hat Achim es hauptsächlich mit der Kontrolle von Feuerwerkskörpern zu tun. Nicht nur das Stagnieren ihres beruflichen Werdeganges lässt Barbara zunehmend in eine Depression versinken, nein, besonders die Angst über die Folgen der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl in diesem Frühsommer 1986 lähmt sie komplett und so hockt sie zwischen Umzugskisten und verlässt kaum noch die nicht eingerichtete Wohnung in einem Wohnblock in Berlin Zehlendorf. Dunkelheit, Muff, Schweigen.
Für Achim hingegen beginnt ein Sommer der Liebe. Mit einem  faszinierenden Brizzeln!!! Auf dem Trockenboden des Mehrfamilienhauses lernt er die Nachbarin Marion beim Schmöken kennen und lieben. Sofort fühlt er sich von der zehn Jahre älteren, unkomplizierten Mutter von Zwillingen magisch angezogen und nach ein paar Tagen kreisen seine Gedanken nur noch um Marions Haaransatz, ihre Sommerkleider, ihre Sommersprossen... - seufz.
Marion hat das Einerlei ihrer Ehe mit Volker, Bundesgrenzschutz und ein Spießer vor dem Herrn, satt. Wann haben sie eigentlich das letzte Mal wirklich geredet und warum nerven sie die Kleinigkeiten im Alltag mit ihm so bundesgrenzenlos??? Da ist der Achim doch anders, auch ein bisschen ulkig in seiner unsicheren Art, aber zärtlich kann der sein und angenehm zurückhaltend ist er. Marion hat als 15jährige „rübergemacht“. Mehr zufällig, gar nicht so richtig geplant. Ihre stramme SED-Mutter, ihre jüngere Schwester Sibylle und die Unfreiheit im Osten nervten zwar gehörig, aber als sie 1961 in der Bahn sitzt und einfach nicht an ihrer Haltestelle aussteigt, schlicht in den Westen weiterfährt, ist sie selbst überrascht von der eigenen Courage. In einem amerikanischen Supermarkt kam sie damals unter und da sitzt sie heute noch, an der Kasse, und träumt davon eines Tages die Geschäftsleitung zu übernehmen. 25 Jahre ist ihre Flucht nun her und seitdem hatte sie keinerlei Kontakt zu ihrer Kindheitsfamilie.
Marion und Achim erleben einen unbeschwerten Sommer der Verliebtheit und als die Nachbaraugen allzu neugierig werden, verlegen sie ihre Tête-à-têtes flugs in den Osten Berlins. Dort wird Marion von ihrer Vergangenheit eingeholt und Achim lässt dummerweise seine Zurückhaltung fallen, ein fataler Fehler…

Einen lustigen, schnodderigen Seitensprungsroman mit viel Berlinfeeling hat Herr Raether da geschaffen und mehrfach habe ich geschmunzelt, sogar gelacht. Aber zwischen den Zeilen bleibt da doch eine Nachdenklichkeit und Trauer hängen, wenn klar wird, wie viele Familien unter dem Leben im geteilten Deutschland leiden mussten und wie sehr es die Menschen zum Teil unwiederbringlich entzweit hat. Von Oberflächlichkeit keine Spur, trotzdem ein amüsant geschriebenes Stück Zeitgeschichte.

Annette Matthaei

 


die frauen von new york glanz der freiheit 150x237

 

atb 12,99€

 

Ella Carey: "Die Frauen von New York - Glanz der Freiheit"

New York im Jahr 1942.

Die ambitionierte, aus wohlhabenden Verhältnissen stammende junge Lily Rose hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt und arbeitet für Giorgio Conti als Sous-Chefin in der Küche des Nobelrestaurants Valentino’s in Manhattan. Das Kochen ist Lilys Leben und ihre Berufung: Mit Hingabe probiert sie neue Rezepte aus und entwirft eigene, schmackhafte Kreationen. Unterstützt wird Lily von ihrer liebevollen Großmutter Josie, die ein gemütliches, kleines Häuschen in Greenwich bewohnt, das oft Lilys Zufluchtsort vor ihrer engstirnigen, starrköpfigen Mutter Victoria ist.
Diese hat ganz andere Pläne für die Zukunft ihrer Tochter als Lily selbst: Lily soll den aus einer reichen, einflussreichen Familie stammenden Nathaniel heiraten, den sie schon seit dem Sandkasten kennt. Lily jedoch fühlt sich mehr und mehr zu Tom Morelli hingezogen, der als Chefkoch im Valentino’s arbeitet. Und Tom scheint ihre Gefühle zu erwidern.
Doch der Krieg zerstört zunächst alle Pläne und Hoffnungen: Tom und Nathaniel werden, wie so viele andere junge Männer, zum Kriegsdienst in Europa eingezogen. Für die Frauen von New York entstehen plötzlich völlig neue Möglichkeiten; Arbeitsplätze, die bisher ausschließlich Männern vorbehalten waren, werden frei und müssen neu besetzt werden. Lily und ihre Kollegin Martina werden die neuen Küchenchefinnen des Valentino’s und meistern ihre Aufgabe trotz aller Unkenrufe der Männer mit Bravour. Einer glänzenden Karriere scheint nichts im Wege zu stehen. Doch schon bald wird Tom als vermisst gemeldet und Victoria setzt alles daran, die Pläne für ihre Tochter in die Tat umzusetzen.

Der auf einer wahren Geschichte beruhende Auftakt einer herzerwärmenden, spannenden Schmöker-Trilogie!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


schweigt nicht 150x237

 

Droemer Verlag 8,00€

 

Alexei Navalny: "Schweigt nicht!"

In vielen Ländern der Welt erleben wir aktuell einen massiven Verlust an allgemeinen Grundrechten: das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf Demonstrationen beispielsweise. Staaten wie Belarus, China (Hongkong!), der Libanon und Russland stehen da nur exemplarisch für diverse Andere. Umso mehr muss man die Menschen bewundern, die sich trotzdem nicht den Mund verbieten lassen, die sich offen zeigen, sich zusammenschließen und gemeinsam auf die Straße gehen.  Jederzeit mit dem Risiko, dafür im Gefängnis oder in einem Straflager zu landen.
Ein prominentes und sehr aktuelles Beispiel für diese mutigen Menschen ist ganz sicher Alexei Nawalny. Nun veröffentlicht der Droemer Verlag vier kurze Reden, die Nawalny vor Gericht gehalten hat, wohl wissend, dass es sich bei diesen Prozessen nicht um ernstzunehmende, rechtsstaatliche Verhandlungen handelt. Und obwohl Nawalnys Kampf schon so lange andauert, verliert er nicht seine Unerschrockenheit, seinen Kampfesmut und seine Kraft. Er fordert Putin heraus, benennt ganz klar die Missstände und Verbrechen, knickt an keiner Stelle ein – und fordert alle Menschen auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. Die Reden sind nicht pathetisch, sondern voller Energie und – man staunt – Zuversicht.

Wir haben das Glück in einer Demokratie zu leben, aber ohne unser Zutun bleibt sie nicht lebendig. Nawalnys Reden (übrigens zum Preis von ca. zwei Cappuccino!) laden ein, aus der Komfortzone herauszukommen und sich einzusetzen für Rechte, die uns so selbstverständlich scheinen.

Astrid Henning

 


gute nachbarn 150x237

 

Droemer HC 20,00€

 

Therese Anne Fowler: "Gute Nachbarn"

Dieses Buch war ein sehr unterhaltsamer Weg mir das Herz zu brechen. Sie werden nicht aufhören können zu lesen (und dann nicht aufhören können zu weinen).

In der Kleinstadt Oak Knoll in North Carolina halten die Leute zusammen. Die Forstwissenschaftlerin Valerie liebt es ihren Sohn in dieser liberalen Blase des Südens aufwachsen zu sehen. Als alleinerziehende Mutter hat sie es nicht leicht, aber Xavier ist wahrlich ein Kind der gesamten Nachbarschaft und ihr ganzer Stolz: genügsam, höflich und durch seine musikalische Begabung für ein Stipendium an einer Elite-Uni vorbestimmt. Als Sohn einer Schwarzen Mutter und eines weißen Vaters hadert er jedoch mit seiner Identität und seinem Platz in der Welt. Dann zieht Juniper in das Haus nebenan und die beiden Teenager verlieben sich innbrünstig. Valerie jedoch ist skeptisch gegenüber der neureichen, weißen Familie und, während eine geliebte Eiche einen langsamen Tod stirbt, werden Geheimnisse offenbar, die eine gesamte Nachbarschaft erschüttern können.

Die Erzählung wird aus der Perspektive dieser Nachbarschaft beschrieben: ein Chorus, der nicht griechisch anmutet, sondern äußerst leicht zugänglich ist. Man kann nicht anders als sich in die Charaktere zu verlieben, die liebenswürdig und fehlerhaft sind, aber durch die Distanz in der Perspektive stets nie gänzlich gekannt werden wollen. Es war zudem sehr erfrischend eine Geschichte zu lesen in der die wohlhabende, weiße Familie das fremde, disruptive Element in der vermeintlichen Kleinstadt-Utopie darstellt.

„Gute Nachbarn“ ist ein Porträt einer Nachbarschaft, das eine Familiengeschichte zu einem Gesellschaftsroman macht, in dem Themen wie Rassismus und Sexismus, und ihr weitreichender Einfluss, Anklang finden. In einer Anmerkung der Autorin geht sie offen damit um, dass sie als weiße Autorin gezögert hat eine Geschichte über Schwarze Charaktere zu schreiben – darf sie aus einer ihr unzugänglichen Perspektive schreiben, einer politisch und kulturell vielschichtigen menschlichen Erfahrung, die sie nie machen wird? Ms. Fowler hat sich dazu entschieden sich der Thematik künstlerisch zu nähern. Herausgekommen ist ein Roman, der wichtige Themen anreißt. Ich würde ihr Unterfangen keineswegs aktivistisch nennen, aber mutig und vor allem unterhaltend.


Mattes Daugardt

 


reise nach maine 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Matthias Nawrat: "Reise nach Main"

Dieses Buch war für mich wirklich ein kleiner Überraschungsfund: Ich hatte von Nawrat bislang kein Buch gelesen, hier hat mich die Geschichte neugierig gemacht, das Cover angesprochen – also los!

Ein Sohn, ein Schriftsteller, ca. Mitte 40, reist mit seiner – recht energischen und meinungstarken – Mutter in die USA. Geplant ist, dass er ihr eine Woche „sein“ New York zeigt, danach besucht sie noch eine Woche Freunde in den USA und der Sohn reist seinerseits eine Woche durch Maine. Recht kurz vor der Abreise zerschlägt sich allerdings der Besuch der Mutter bei den Freunden, sodass sie zum Sohn sagt: „Fein, dann reise ich noch eine Woche mit dir durch Maine.“ Hm. Das trübt die Vorfreude des Schriftstellers nun doch ein wenig. Eine gemeinsame Woche in New York, das wär genau das Richtige gewesen, aber nun, eine weitere Woche, das ist vielleicht etwas zu viel des Guten.

Der feine Ton von Nawrat, lakonisch, warmherzig beobachtend, ruhig und humorvoll, macht dieses Buch zu einem  ganz besonderen Vergnügen. Ich habe es jedenfalls in mehrfacher Hinsicht genossen: Der Roman ist eine wunderbare Mutter-Sohn-Geschichte, die sehr schön einfängt, wie vielleicht jedes Kind manchmal fühlt, irgendwas zwischen Liebe, Dankbarkeit und doch einer latenten Genervtheit. Außerdem besuchen wir mit den beiden Protagonisten eine Woche lang New York, und jeder, der diese Stadt liebt, wird hier viel wiedererkennen und zumindest im Kopf durch die Stadt schlendern können. Und: Die hier beschriebene zugewandte und freundliche Art der New Yorker und Amerikaner versöhnt einen mit einem Land, das in den letzten Jahren, Monaten, Wochen für heftigste Irritationen gesorgt hat. Absolute Empfehlung!

Astrid Henning

 


herren der lage 150x237

 

Hanser 20,00€

 

Castle Freeman: "Herren der Lage"

Vermont, Cardiff

Lucian Wing, der "Hinterwäldler mit Sheriffstern", auch bekannt unter dem Namen "Abreger", liebt seinen Job. Zwar gibt es bedeutendere Sheriffposten, als in Cardiff, aber seinem Gemüt entspricht das entschleunigte Leben durchaus.Verheiratet ist er mit Clementine, der Tochter des einflussreichen und idealerweise sehr wohlhabenden Rechtsanwalt Addison Jessup. Während die temperamentvolle Clemmie noch wutschnaubend Kaffeebecher nach ihrem Mann wirft, wartet bereits zusätzlicher Ärger im Police Office...
Carl Armentrout, aufgeblasener Wichtigtuer (mit Chauffeur und Limousine) aus New York, vertritt niemand geringeren, als den millionenschweren Rex Lord. Dessen 17jährige Stieftochter Pamela ist aus dem Eliteinternat weggelaufen und soll sich nun irgendwo in der Gegend um Cardiff aufhalten. Angeblich hat sie Angst vor ihrem Stiefvater. An ihrer Seite vermutet man den jungen Duncan, Sohn von Buster March, einem eher unangenehmen Einheimischen.
Relativ schnell wird Lucian fündig.
Die zwei Ausreißer haben sich im Wald versteckt. Allerdings wird ihr Zelt von Kugeln durchsiebt - zum Glück während ihrer Abwesenheit! Auch das nächste Versteck, das diesmal Sheriff Wing aussucht, bleibt nicht lange geheim...

So viel schwarzer Humor, Kurzweil, schräge Typen und herrliche Ironie = ein tolles Buch! (Auch für Quartalsleser bestens geeignet!)

Andrea Westerkamp

 

 

inneres wetter 150x237

 

C.H. Beck 22,00€

 


Elke Schmitter: "Inneres Wetter"

Familie…ein gefährliches Terrain – zumindest manchmal, wie man hier wieder schön erfahren kann.

Huberta, Bettina und Sebastian sind Geschwister, alle drei irgendwas zwischen 50 und Mitte 50, der Kontakt zwischen ihnen ist eher beiläufig und pflichtschuldig als innig und intensiv. Nun steht der 77. Geburtstag des Vaters bevor, seit längerem Witwer, auch hier kein übermäßig intensiver Austausch. Aber 77 – das ist schon was, und so plant Bettina einen Überraschungsbesuch mit ihren Geschwistern (optional mit Anhang, so vorhanden).
Der Roman beginnt mit einer Mail an Huberta und Sebastian, in der Bettina den Besuch vorschlägt. Und schon nach dieser kurzen Mail haben wir einen recht genauen Eindruck vom Verhältnis der Drei untereinander, das ist wirklich gekonnt. Eher sachlich geschrieben, dabei nicht unherzlich, jedem die Möglichkeit gegeben ohne Gesichtsverlust „nein“ zu sagen zur Geburtstags-Aktion. Tatsächlich aber stimmen Huberta und Sebastian zu, nicht übermäßig begeistert, aber dennoch. Und ab dann setzt ein, was so mancher von uns sicher aus eigenem Erleben kennt: Egal, ob man noch Anfang 20 ist, oder eben Mitte 50 – den unausgesprochenen Erwartungen der Eltern und der Geschwister möchte man doch gerne entsprechen, sie bestmöglichst übertreffen. Es ist ein bisschen wie beim Klassentreffen nach 20 Jahren.
Der Besuch beim Vater selbst nimmt nur einen recht kleinen Teil des Romans ein, interessanter ist, was vorher passiert: Jede/r der drei zieht ein wenig Bilanz, die dann eben doch recht ernüchternd ausfällt: Aus Hubertas Utopien, in Afrika helfend tätig zu sein, ist eine schlecht bezahlte Tätigkeit im „Weltladen“ geworden, in dem sich die Kundschaft ein gutes Gewissen erkauft. Bettina, klug und schön, hat nach dem Studium ihren Professor geheiratet, zwei Kinder bekommen – sie arbeitet stundenweise in einer Nobel-Boutique und verkauft Hermès-Seidentücher. Ansonsten ahnt sie, dass ihre Kinder sie sehr bald nicht mehr brauchen werden, was füllt dann den Alltag? Und Sebastian? Die verqueren Ansprüche seiner Mutter hat er nie erfüllen können: Klavierstunden, Sport, Schule – alles eher „normal“ als herausragend. Mittlerweile ist er Verwaltungsjurist, das ist verlässlich, genau definiert, schön neutral und eher emotionslos.

Ein Roman mit vielen klugen Sätzen, davon hier nur einer: „Die Infrastruktur muss funktionieren (…), Biografien nicht.“ Kann man sich auch als Eltern hinter die Ohren schreiben.

Astrid Henning

 


parnussus heim fuer magisch begabte 150x237

 

Heyne 14,99€

 

T.J. Klune: "Mr. Parnassus' Heim für Magisch Begabte"

Linus Baker ist Sozialarbeiter. Er ist alleinstehend, sehr gewissenhaft, kennt alle Regeln und Vorschriften, die das Ministerium für seine Arbeit vorgibt, und hält sich tunlichst daran. Linus besucht Heime, in denen magisch-begabte Lebewesen untergebracht sind, und überprüft, ob diese den Qualitätsstandards des Allerhöchsten Managements seines Landes genügen.
Als er von seinen Vorgesetzten für eine ganz besondere Mission ausgewählt wird, wundert er sich zunächst, kommt dann aber zu dem Schluss, dass diese schon alles gut durchdacht haben werden. Nicht zu viel denken, lieber den Anweisungen Folge leisten. Doch Linus mulmiges Gefühl verstärkt sich zusehends, je näher er seinem neuen Wirkungsort kommt: Auf einer kleinen, der Küste vorgelagerten Insel, befindet sich das Waisenhaus von Mr. Parnussus, der dort „besonders schwierige Fälle“ betreut. Schnell wird klar, dass die Bewohner des kleinen Küstenortes nicht gut auf Mr. Parnussus und seine Schützlinge zu sprechen sind. Was ihn jedoch erwartet, übersteigt all seine Erwartungen und auch alles, was er bisher in seiner 17-jährigen Dienstzeit erlebt hat. Kaum hat Linus die Insel betreten, trifft er auf die Elementargeister Zoe und Phee, auf Sal, einen sehr ängstlichen Gestaltwandler, den Lindwurm Theodore, die freche, gärtnernde Gnomin Thalia, auf Chauncy, ein gallertartiges Wesen, das unbedingt Hotelpage werden möchte, und zu guter Letzt auf Lucy, den direkten Nachkommen des Teufels.
Ständig hin- und hergerissen zwischen seinen rigiden Dienstvorschriften und dem Wunsch, nur das Beste für die Kinder zu wollen, steht Linus Baker der Herausforderung gegenüber, sich seine eigene Meinung zu bilden und sich von alten Vorurteilen und eingetrichterten Ansichten zu verabschieden. Mit jedem Tag bröckelt seine professionelle Distanz ein Stückchen mehr, er verliebt sich in die Insel, entwickelt Sympathien für die Kinder, die er sich nie vorstellen konnte, und entdeckt völlig verborgene Seiten an sich selbst, die ihn ziemlich aus der Bahn werfen...

„Mr. Parnussus Heim für magisch Begabte“ ist ein wunderbares Fantasybuch, dessen Charaktere mir in ihrer Einzigartigkeit allesamt sehr ans Herz gewachsen sind. Auch wenn die Geschichte an einigen Stellen ein wenig plakativ und vorhersehbar ist, bleibt sie ein Plädoyer gegen Ausgrenzung und Vorurteile, für Vielfalt und Anderssein, in einer Welt, in der dies an vielen Orten für viele Menschen noch genauso unvorstellbar scheint wie für die Bewohner des Küstenstädtchens in Klunes Roman.

Sabine Christ

 


wo der wolf lauert 150x237

 

Kein & Aber 25,00€

 

Ayelet Gundar-Goshen: " Wo der Wolf lauert"

Ist ein Buch dieser Schriftstellerin angekündigt, bin ich freudig gespannt, gehört sie doch zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Und auch dieses Mal wurde ich nicht eine Minute enttäuscht.

Der 16jährige Adam lebt mit seinen Eltern im Silicon Valley. Er ist ein schmächtiger, zarter und in letzter Zeit immer verschlossenerer Heranwachsender. Seine Mutter Lilach leidet darunter, dass sie zu ihrem geliebten, recht „behelikopterten“ Sohn keinen Zugang mehr hat. Überhaupt ist sie in ihrem heutigen Leben kaum verwurzelt. Michael Shuster, ihr beruflich überaus erfolgreicher Ehemann, und sie wanderten vor 17 Jahren aus Israel ins verheißungsvolle Kalifornien aus. Ihre Motivation war es, dem Sohn ein sicheres Zuhause zu bieten. Adam sollte ohne Bomben, Wehrdienst, Angst und dem Gefühl von Judenhass groß werden. Für Michael war diese Umsiedlung kein Problem, schnell wurde aus ihm ein Mikel. Lilach hingegen tut sich bis heute schwer, hat nur einen kleinen ehrenamtlichen Job in einem Altersheim, bei dem sie ein kulturelles Unterhaltungsprogramm für die Bewohner zusammenstellt. Das füllt die vielen Stunden, die sie allein zu überbrücken hat nicht aus. Lilach leidet unter Einsamkeit und Sinnsuche. Umso härter trifft sie die Eiszeit zwischen Mutter und Sohn und die Hilflosigkeit zusehen zu müssen, wie ihr Kind immer mehr zum Einzelgänger wird.
Adams Zustand verändert sich jedoch schlagartig nach einem Attentat in der Synagoge der Gemeinde, bei dem ein kleines Mädchen niedergestochen wird. Die zumeist ausgewanderten Israelis des Viertels sind in höchster Alarmbereitschaft und in der Highschool wird ein Kampfkurs für jüdische Kinder ins Leben gerufen, angeboten von einem ehemaligen Mossadisten, dem charismatischen Uri. Unter seiner Regie scheint der Junge aufzublühen. Uri zaubert ihm ein stolzes Lächeln ins Gesicht. Begeistert erzählt Adam von den zum Teil brutalsten Trainingseinheiten. Lilach ist befremdet, Michael begeistert, dass aus seinem verweichlichten Sohn nun endlich ein Mann zu werden scheint. Sogar zur Teilnahme an einer Party können die Eltern ihren Spross überreden… das soll allen zum Verhängnis werden.
Ein farbiger Junge aus dem Biologiekurs bricht tot zusammen, eine Überdosis Meth, wohlmöglich heimlich von einem Mitschüler in den Drink gekippt. Die Ermittlungen der Polizei bringen ans Licht, dass Jamal, der Tote, Adam über einen langen Zeitraum gemobbt und gequält hat. Adam hat einer handvoll Mitschülern gegenüber mehrfach geäußert, dass er Jamal den Tod wünscht und sein kleines Chemielabor in der Garage hat er von heute auf morgen verschwinden lassen.

Nicht umsonst hat die Autorin Gundar-Goshen Psychologie studiert. Sie nimmt uns mit in die Abgründe der menschlichen Seele. Ängste, die in uns schlummern, spüren wir beim Lesen körperlich. Das Schweigen der Figuren steht im Raum. Gleichzeitig ist dies ein politischer Roman, zur Zeit leider wieder hochaktuell, der die Schmähung jüdischer Mitbürger darstellt und sich mit Rassismus und dessen Umgang auseinandersetzt. Von Anfang bis Ende war ich gefesselt, Sie werden es auch sein.

Annette Matthaei

 


von hier bis zum anfang 150x237

 

Piper 22,00€
(Vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt)

 

Chris Whitaker: "Von Hier bis zum Anfang"

California, Cape Haven
Malerisch liegt der kleine Ort auf atemberaubenden Küstenfelsen. Als die ersten Hanggrundstücke ins Rutschen geraten, verändert sich die Stimmung in Cape Haven.

Heute ist ein besonderer Tag für Chief Walk! Sein alter Freund aus längst vergangenen Zeiten wird nach dreißig Jahren Gefängnis entlassen. Vincent war damals verantwortlich gemacht worden, am Tod der kleinen Sissy Radley Schuld zu sein. Diese Tragödie hatte den ganzen Ort monatelang in Atem gehalten, und noch heute kämpfen die Angehörigen der damals Involvierten mit den Folgen. Z.B. Star, die große Schwester von Radley: Alle Jungs waren verliebt in dieses bildhübsche Mädchen - Walk und Vincent bildeten da keine Ausnahme. Hübsch ist sie immer noch, aber das Leben ist hart für sie und die Kinder Robin (5) und Duchess (13). Während Star immer mehr im Alkoholrausch verschwindet, mutiert ihre Tochter zur Ersatzmutter.
Nach folgenschwerer Brandstiftung und dem überraschenden Tod von Star, bringt Walk die Kinder nach Montana. Dort lebt ihr unbekannter Großvater auf einer Farm. Für den kleinen Robin scheint sich das Leben endlich zum Guten zu wenden, Duchess hingegen spürt eine so große Wut in sich, dass sie allen Annäherungsversuchen ihres Umfelds mit Misstrauen, Hass und Provokation entgegentritt. Als sich im fernen Cape Haven jemand auf den Weg nach Montana macht, ist die Spannung im Roman kaum noch auszuhalten...

Ein Buch mit einem unglaublichen Sog. Die Intensität, mit der Chris Whitaker Duchess Kampf gegen ihre inneren und äußeren Dämonen beschreibt, ist unglaublich.
A.J.Finn sagt: Seit Der Gesang der Flusskrebse hat mich kein Roman so bewegt und begeistert!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


der platz im leben 150x237

 

Penguin 11,00€

 

Anna Quindlen: "Der Platz im Leben"

Bücher, die Straßen und deren Bewohner beschreiben, ziehen mich an. Ich finde es herrlich von Haus zu Haus zu schlendern und hinter die Türen zu schauen. Man kommt sich beim Lesen direkt ein bisschen voyeuristisch vor. So auch in diesem Roman von Anna Quindlen.

Genauen Einblick bekommen wir in das New Yorker Leben von Nora Nolan und ihrer Familie. Seit 25 Jahren ist sie mit Charlie verheiratet. Die Zwillinge haben vor einiger Zeit das Elternhaus verlassen, um am College zu studieren. Es bleibt der gute, treue Homer, Familienhund. Nora jobbt, nicht besonders enthusiastisch, als rechte Hand einer steinreichen Erbin in Manhattan. Charlie arbeitet als Investmentbanker und das ermöglicht den Nolans in einer kleinen Sackgasse (Teekesselchenwort) zu wohnen. Sie können sich glücklich schätzen in der Westside von Manhattan vor vielen Jahren ein so schönes, kleines Domizil erworben zu haben. Heutzutage sind die Kaufpreise für die zentrale, aber ruhige Lage, exorbitant in die Höhe geschossen.
Die Nachbarschaft versteht sich gut, obwohl auch manche schräge Vögel dabei sind, Blockwart George allen voran. Es gibt gemeinsame Feste, die zu Institutionen geworden sind. Neue Mieter haben es schwer, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Man bleibt unter sich. Ein besonderes Prestigesymbol hat derjenige erlangt, der einen Parkplatz auf dem unbebauten Grundstück der Straße ergattern konnte. Der hat es geschafft, ist von der Gemeinschaft akzeptiert. Nora kann den Eifer ihres Mannes, sich dermaßen ins Zeug zu legen, um den Van endlich in der Brache untergebracht zu sehen, kaum nachvollziehen. Überhaupt ist sie nach vielen Jahren müde vom Getue der Upperside Gesellschaft. Auch ihre Ehe wirkt nach all der Zeit wie ein Luftballon aus dem langsam die Luft entwichen ist und übrig bleibt ein trauriges, knittriges Etwas…
Die Bombe platzt, als auf dem Parkplatz der hispanische Handwerker Enrico, hilfreicher Mann für jedes Problem, brutal zusammengeschlagen wird. Steckt ein Anwohner dahinter? Schnell spaltet sich die Gemeinschaft der ruhigen Wohnidylle in zwei Lager.

Obwohl wir alle eifrig Mengen an Neuerscheinungen lesen, passiert es immer mal, dass uns eine sehr lesenswerte Novität durchrutscht. Wie gut, dass diese Bücher zumeist später als Taschenbuch erscheinen. So bekommen sie eine zweite Chance… Und um diesen amerikanischen Gesellschafts- und Familienroman wäre es wirklich schade gewesen, hätten wir ihn Ihnen nicht vorgestellt. Humorvoll und nachdenkenswert.

Annette Matthaei

 


glueck hat einen langsamen takt 150x237

 

Droemer Verlag 18,00€

 

Mechthild Borrmann: "Glück hat einen langsamen Takt"

Dass Mechthild Borrmann hervorragende Romane schreiben kann, wissen wir schon länger: „Trümmerkind“ und „Grenzgänger“ sind nur zwei Erfolge der letzten Jahre.

Nun veröffentlicht der Droemer Verlag einen Band mit Erzählungen, und auch hier zeigt die Autorin, dass sie ebenso die kurze Form beherrscht. Die Geschichten handeln von unterschiedlichsten Dingen, von den großen Gefühlen: Schuld, Verrat, vom Bereuen oder Sehnsüchten, sie sind teilweise ganz kurz, manche nur 2-3 Seiten, andere etwas länger – aber nach jeder Geschichte hält man zunächst mal kurz inne, holt Luft und denkt nach. Viele der Erzählungen werfen einen Blick in die Vergangenheit, erzählen vom Beginn einer Liebe und wie sie sich abschleift, andere bleiben ganz in der Gegenwart. Wir haben langjährige Ehepaare, Väter und Söhne, Jugendfreunde, Nachbarn - eigentlich alles, was jeder von uns so in seinem Alltag auch an Beziehung erlebt.

Beim Lesen ging es mir jedenfalls wie beim Genießen von Pralinen: Man kann nicht einfach eine nach der anderen essen, sondern sinnt durchaus noch länger den verschiedenen Geschmacksnuancen nach.
Ein Buch mit kurzen Geschichten von großem Gewicht, dass auch für LeserInnen von Schirach oder Schlink ein guter Tipp ist.

Astrid Henning

 


die geschichte von kat und easy 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Susann Pásztor: "Die Geschichte von Kat und Easy"

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Freundschaft, eigentlich muss man sagen: zweier Freundschaften.
1973 sind Kat und Easy knapp 16 und auf jeden Fall „beste Freundinnen“. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie so unterschiedlich sind: Kat ist diejenige, die nach vorne geht, die sich was traut, offensiv und selbstbewusst. Easy bleibt oft ein bisschen im Hintergrund, sie ist die Zartere, die Zurückhaltende, auf den ersten Blick zumindest. Ganz wichtig: Kat ist für die Jungs mehr so der „Kumpeltyp“, sie mögen sie und sind mit ihr befreundet, aber verlieben…tja, verlieben, das tun sie sich in Easy. Die Schöne. Im Prinzip kommen die beiden damit irgendwie ganz gut klar, bis sie sich in denselben Jungen verlieben. Und dreimal darf man raten, wer das Rennen macht. Genau, es ist Easy, die mit Fripp zusammenkommt. Und wie Kat so ist: Tief durchatmen und weitermachen, macht doch nichts, sie kommt auch so klar. Stimmt aber natürlich nicht, diesmal hinterlässt die Verliebtheit deutliche Narben – und Fripp scheint sich auch nicht so ganz sicher zu sein. Ein tragisches Unglück beendet allerdings alle weiteren Fragen.

Jetzt sind Kat und Easy Ende 50 und haben seit ewigen Zeiten keinen Kontakt mehr zueinander. Kat betreibt einen Blog, in dem sie eine unkonventionelle Mischung aus Coach und Briefkastentante ist, und dort erhält sie eines Tages eine Anfrage mit dem Absender „easy1973“… Die beiden Frauen telefonieren miteinander und Easy überredet Kat, ein paar Tage mit ihr gemeinsam in Griechenland zu verbringen. Eigentlich hat Kat überhaupt keine Lust, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, aber so ganz allmählich tasten die Beiden sich vor, erkunden die letzten Jahrzehnte, trinken, essen, erzählen und trinken.

Vielleicht keine spektakulär neue Geschichte, aber erzählt im Susann Pásztor-Ton dann eben doch sehr frisch, berührend und sicherlich mit Wiedererkennungswert.

Astrid Henning

 


achtsam morden am rande der welt 150x237

 

Heyne 20,00€

 

Karsten Dusse: "Achtsam Morden - Am Rande der Welt"

Nun ist es soweit, unser guter Bekannter, der Rechtsanwalt Björn Diemel, wird 45 Jahre alt und eine Midlife-crisisis scheint sich in seinem Leben breit zu machen. Seinen Geburtstag feiert er, liebevoll betrachtet, mit ein paar Mandanten, realistisch gesehen mit zwei Damen des leichten Gewerbes und kriminellen Schwerkalibern einer deutschen Großstadt.
Dieser Abend verläuft auch nicht ganz so harmonisch, wie Björn es sich gewünscht hätte. Das „Hors d‘oeuvre“ besteht aus zwei mit Bauschaum ausgestopften Chinesen, das „Dessert“ aus dem an der Kindergartenmauer schrottreif gefahrenen Land Rover Defender mit Achsbruch. Dazwischen systematisches Abfüllen, aber das mit Achtsamkeit, bitteschön!!!
In der Mitte des Lebens kann man sich schon mal die Frage stellen, ob das denn nun alles gewesen sein soll. Bestes finanzielles Auskommen garantiert, schon mal gut. Nachmittage als Chauffeur der entzückenden Tochter zum Hula-Bula Tanz, inklusive Wartezeit in müffelnden Umkleiden mit wohlstandsprotzenden Muttertieren, mittel. Acht Leichen im Keller, zum Teil im wahrsten Sinne, eher schlechter. Ganz mies es ist jedoch, wenn einem klar wird, dass man auch seinen Geburtstag fremdgesteuert verbringt und zudem auch noch auf seine Ex Frau plus neuem Lebensabschnittsbegleiter trifft.

Wir sind froh, dass Björn den Psychotherapeuten Joschka Breitner als ewig verständnisvollen Ratgeber an seiner Seite hat. Dieser stets besonnene Mann (Herausgeber der Bücher: "Entschleunigt auf der Überholspur-Achtsamkeit für Führungskräfte“ und „Zu Fuß ins Ich-Pilgern als Selbstfindung“) rät unserem Helden, wir ahnen es schon, zur vierwöchigen Pilgerreise auf dem Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port bis Finisterre, dem früheren Rand der Welt. Geraten, getan: mit Tagebuch und wichtigen Lebensfragen ausgestattet, begibt Björn sich auf die nicht mehr ganz ungewöhnliche Reise.
Dass diese Pilgertour trotzdem keine gewöhnliche wird, ist schnell klar. Schon auf der ersten Etappe wird seinem Weggefährten das Hirn mit einer Kugel aus dem Kopf geblasen, eine weitere Wanderin verlässt durch Gift ihre körperliche, beachtliche Hülle. Da sieht man den Sinn des Lebens, sofern man es denn überhaupt behält, nochmal von einer ganz anderen Warte aus...

Nicht nur Harpe Kerkeling „kann“ Jakobsweg. Mit Björn Diemel werden Sie die Reise ins Innere noch von ganz anderen Seiten beleuchten können und dabei sehr viel zu Kichern haben. Das Einzige, was mich bei diesem zum Brüllen komischen Krimi nicht belustigt hat, ist die Tatsache, dass nachdem die ersten beiden Bände, der ansonsten völlig unabhängig voneinander zu lesenden Bücher, die sich zu Dauerbrennern auf den Bestsellerlisten gemausert haben, nun nicht als Taschenbuch wie die Vorgänger erschienen ist, sondern als Hardcover. Bei allem im Hier und Jetzt Bleiben, da ruft der schnöde Mammon...

Annette Matthaei

 


das prachtboot 150x237

 

S. Fischer 21,00€

 

Götz Aly: "Das Prachtboot"

Das Berliner Humboldt Forum zählt zu den Glanzstücken seiner Ausstellung über die Kulturgeschichte der Menschheit ein prachtvolles, kunstvoll verziertes Segelboot, dessen Geschichte zurückreicht in die weitaus weniger ruhmreiche Phase des deutschen Kolonialismus.

Der renommierte Historiker Götz Aly lüftet in seinem neuen Buch den Schleier kolossaler Verbrechen, die im Namen des deutschen Kaiserreiches nicht nur in Südwestafrika, sondern u.a. auch in Teilen des Pazifik, dem damals sogenannten Bismarck Archipel, an friedlichen Insulanern verübt wurden und bis zum heutigen Tag weitgehend verharmlost und in Vergessenheit geraten sind. In Alys Familie gab es einen Urgroßonkel, der als Militärpfarrer die ersten Schiffe der Kriegsmarine begleitete, verantwortlich für das seelische Wohl der Mannschaften. Dessen Tagebücher geben Aufschluss über Geschehnisse quasi „aus erster Hand“.
Nachdem bereits seit dem 17. Jahrhundert zahlreiche Handelsschiffe auf der Suche nach Gewürzen, Kaffee und Tee den pazifischen Raum erkundet hatten, sollten nun Kriegsschiffe folgen, um weite Gebiete unter deutschen Schutz zu stellen und die Handelsgeschäfte abzusichern. Hamburger Kaufleute erkannten den immensen Reichtum der Inseln, ließen Kokosplantagen anlegen, unter Zuhilfenahme der einheimischen Bevölkerung, die unter schweren Misshandlungen, Deportationen und Zwangsarbeit zu leiden hatten. Darüber hinaus kam es auf Befehl Otto von Bismarcks zu den sogenannten „Strafexpeditionen“, bei denen unzählige Dörfer und Anpflanzungen in brutaler Weise zerstört, die Insulaner damit ihrer Lebensgrundlage beraubt und zu Großteilen selbst massakriert und getötet wurden.
Dabei gelangte eine Vielzahl an Kunstwerken sowie auch die Schädel Einheimischer zum Zwecke anatomischer Studien ins deutsche Reich, die bis zum heutigen Tag die Museen füllen, ohne dass in der Regel in angemessener Form über die Geschichte ihrer Herkunft berichtet wird.

Am Beispiel des mittlerweile berühmten Einbaumbootes, des letzten noch verbliebenen Seglers der überlebenden Restbewohner der winzigen Insel Luf, demaskiert Götz Aly verzweifelte Versuche von offizieller Seite, die grausame Seite des deutschen Kolonialismus und den Rassismus bis zum heutigen Tage zu verharmlosen, in dem z. B. behauptet wird, das Boot sei angesichts des Bevölkerungsrückgangs vor dem Verrotten gerettet worden. Im Hinblick auf die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Gräueltaten des Nationalsozialismus die Erinnerung an den Kolonialismus des Kaiserreiches und seine Folgen in den Hintergrund treten ließ, liefert dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Ergänzung dieses Teils deutscher Geschichte.

Lennart Matthaei

 


der donnerstagsmordclub 150x237

 

List 15,99€

 

Richard Osman: "Der Donnerstagsmordclub"

Eine Seniorenresidenz von der man nur träumen kann. Auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters liegt Coopers Chase. Das Meer an der Küste von Kent rauscht im Hintergrund, die niedrigen, edlen  Gebäude sind geschickt in einem gepflegten Park angeordnet. Mit einem Alkoholverbot nimmt es hier auch niemand so genau, sodass bereits am Nachmittag ein  erfrischender, den Kreislauf anregenden Gin gezischt werden kann.

An diesem idyllischen Ort leben die vier Senioren Elizabeth, Ron, Ibrahim und neuerdings Joyce, die ihr Glück kaum fassen kann, wird sie doch von den drei anderen in den Donnerstagsmordclub aufgenommen. Man trifft sich, um ungelöste Mordfälle aufzuklären. Wie überaus spannend! Angestoßen hat diesen Club Elizabeth, ehemalige Geheimagentin, hellwacher Geist und Kopf der Bande. Ibrahim praktizierte als Psychiater, ist besonnen, voller Menschenkenntnis, mit analytischem Blick. Das kann man von Ron, früherem Gewerkschaftsführer, nicht unbedingt sagen.  Er trägt sein Herz lauthals auf der Zunge, ist aufbrausend, temperamentvoll, aber doch mit weichem Kern und breiter Brust zum Anlehnen. Fehlt nur noch die naive und an das Gute im Menschen glaubende Joyce mit ihren feinen weißen Löckchen, die sich durch den richtigen Spruch zum rechten Moment und der Fertigung einer fantastische Walnusscapuccinotorte auszeichnet.
Was kann die Vier nun mehr motivieren, als ein aktueller Mord direkt vor Ihrer Haustür? Und, hurra, es wird nicht bei dem einen bleiben!
Ein Bauunternehmer und sein Investor müssen nacheinander ihr Leben lassen. Ob da ein Zusammenhang besteht zwischen den Morden und einem Bauvorhaben in Coopers Chase, bei dem der alte Friedhof der Nonnen verlegt werden soll?? Der Inspector und seine Assistentin staunen nicht schlecht, dass ihnen ausgerechnet ein Seniorenkleeblatt mehrmals auf die Sprünge helfen wird…

Ein leichter Krimi voller Witz und liebenswerter Charaktere, der Lust auf den letzten Lebensabschnitt macht. Und wenn es bei mir mal so weit ist, ziehe ich nach Coopers Chase, das ist schon klar.

Annette Matthaei

 


die kandidatin 150x237

 

Hoffmann & Campe 22,00€

 

Constantin Schreiber: "Die Kandidatin"

Wie sieht es wohl in ca. dreißig Jahren in der Bundesrepublik Deutschland aus? Wo stehen dann die Parteien, welche heutigen Perspektiven, Pläne und Ziele konnten sich in der politischen Landschaft etablieren? Nun, diesen und anderen Fragen widmet sich Constantin Schreiber in seinem neuesten Roman.

Deutschland ist den Weg des Wandels angetreten, scheinbar gibt es kaum andere Themen mehr als Diversität in allen Bereichen. Vielfältigkeitsmerkmale sind Trumpf, werden in den Personalausweisen der Bürger:innen vermerkt und gelten als Einstellungskriterien bei Firmen und Behörden. „Wir wollen die totale Diversität“, so das Credo der ersten muslimischen Bundes-kanzler:innenkandidatin.
Sabah Hussein ist im Libanon geboren, mit ihren Eltern geflüchtet und kommt aus recht einfachen Verhältnissen. Sie ist eine Profiteurin dieser Vielfältigkeitspolitik, eigentlich nicht sonderlich qualifiziert, jedoch durch ihren gesellschaftlichen und religiösen Status schnell die politische Leiter hinaufgestiegen – und nun steht sie als Spitzenkandidatin (korrekter: Kandidierende) der Ökologischen Partei im Wahlkampf.
Ihren Hijab hat sie zwar abgelegt, aber sie bleibt ein Kind des Koran und trifft sich diskret mit dem Imam einer Moschee in Neukölln, um sich von ihm beraten zu lassen. Ihre Brüder sind in Clankriminalität verstrickt, was Sabah bestens zu vertuschen weiß. Das Deutschland, dass sie zu regieren gedenkt, ist ein Paradies für Menschen mit Vielfaltsmerkmalen. Durch weitreichende Quotenregelungen werden sie in allen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen begünstigt.

Der Roman ist reine Fiktion, aber dermaßen treffend und gut ausdekliniert, dass man ihn für bare Münze halten könnte. Mit voller Absicht enthält er einen dynamitgleichen Cocktail von Annahmen von Veränderungen, die bereits heute absurd und zum Teil beängstigend anmuten: Eine Fortführung der Spaltung der Gesellschaft, eine Weiter-entwicklung der Machtansprüche einzelner Personen.  Bewusst wird hier alles auf die Spitze getrieben, sei es die Diversität, seien es die schwierigen Auslandsbeziehungen zu China - und nicht zuletzt das konsequente Gendern der Sprache, was stellenweise durchaus belustigend wäre, wäre es nicht so anstrengend.
„Die Kandidatin“ polarisiert, das ganz bestimmt, fasziniert aber auch ungemein und stellt eigene Gedanken und Positionen einmal mehr auf den Prüfstein.

Heike Kasten

 


schneewittchen schlaeft 150x237

 

Goldmann TB 15,00€

 

C.J. Tudor: "Schneewittchen schläft"

Nach "Der Kreidemann" und "Lieblingskind" erschien nun der dritte Thriller von C.J.Tudor. Anders als bei vielen anderen Krimiautoren baut die Engländerin nicht auf Seriencharakter. So spielt ihr neues Gruselstück zwar ebenfalls in England, hat aber ansonsten keinerlei Verbindung zu den Vorgängern.

Gabe hat ein schlechtes Gewissen. Jenny bat ihn wiederholt darum, wenigstens an einem Abend pro Woche rechtzeitig nach Hause zu kommen, um die 5jährigen Izzy ins Bett zu bringen und ihr eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Stattdessen steht er im Stau und ahnt, dass es wieder unschöne Diskussionen geben wird. Vor ihm schleicht ein orangefarbener alter Ford Cortina mit auffallend geschmacklosen Aufklebern. Endlich löst sich der Stau auf, und Gabriel setzt zum Überholmanöver an. Da taucht urplötzlich ein kleines Mädchengesicht auf dem Rücksitz des Fords auf. Die Kleine schaut aus dem Fenster direkt in seine Augen, nimmt ihn wahr und formt das Wort "Daddy"...
Drei Jahre sind vergangen. Gabe lebt in einem heruntergekommenen Camper, er selbst ist nur noch ein Strich in der Landschaft. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau und seiner Tochter irrt er durch das Land und sucht fieberhaft den alten Ford. Niemand schenkte ihm damals Glauben, als er behauptete, Izzy gesehen zu haben, während sie angeblich ermordet im Haus lag. Im Gegenteil: zuerst geriet er sogar selbst in Verdacht, verantwortlich für den Tod seiner Frau und Tochter zu sein. Die nötige Opferidentifizierung nahm damals Jennys Vater vor, nachdem Gabe einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Trotz der Aussage des Großvaters ist Gabriel felsenfest davon überzeugt, dass seine kleine Tochter noch lebt.

Sobald ein Kind auf dem Cover eines Thrillers abgebildet ist, schrecken häufig sogar die abgebrühtesten Fans dieses Genres vor dem Kauf zurück. Gewalt an Kindern möchte niemand freiwillig lesen! Seien Sie gewiss, mir geht es nicht anders. Vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen garantiere : hohe Spannung - ohne Unaussprechliches!

Andrea Westerkamp

 


erwachsene menschen 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Marie Aubert: "Erwachsene Menschen"

Ein Sommerroman, der es in sich hat…

Ida und Marthe sind Schwestern, Ida ist 40, erfolgreiche Architektin, gerade Single, aber dennoch: Kinderwunsch ist absolut ein Thema für sie und die Uhr tickt. Deshalb überlegt sie gerade, ob sie nicht ein paar Eizellen einfrieren lassen soll, das geht ja inzwischen, für irgendwann mal. Sie hat gerade Untersuchungen hinter sich, ob das für sie überhaupt möglich ist. Nun ist sie auf dem Weg ins kleine Wochenendhaus der Familie, idyllisch in den Schären, ihre Schwester wird da sein, deren Partner Kristoffer samt Patchwork-Tochter. Auch die Mutter hat sich angesagt, es sollen ein paar unbeschwerte Tage werden.
Doch gleich bei Idas Ankunft spüren wir die Spannung, die zwischen den Schwestern besteht. Und diese Situation wird nicht gerade besser, als Marthe überglücklich ihrer Schwester erzählt: „Ich bin schwanger, endlich hat es geklappt, über die ersten drei Monate bin ich raus – ich bin so glücklich!“ Salz in Idas Wunden… Und was macht Ida? Sie fängt an, ein bisschen zu intrigieren, sie nimmt Kristoffer zur Seite und fragt ihn: „Sag mal, findest du das eigentlich wirklich so toll, dass Marthe schwanger ist? Mit dem einen Kind habt ihr ja auch schon ganz schön zu tun…“. Wenig später sagt sie zu Marthe: „Na, so begeistert ist Kristoffer ja gar nicht darüber, dass ihr noch ein Kind bekommt“. Plötzlich fällt Ida auf, dass ihre Schwester schon in der Kindheit immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, und so weiter und so fort. Fies, gemein, keine Frage, so was macht man nicht. Und das weiß Ida auch schon in dem Moment, in dem sie’s tut, aber: Der Neid treibt’s raus…

Wahrscheinlich kennt jede/r von uns diese Momente, und wenn’s gut geht, bezwingt man sich. Ein tolles deutsches Debut dieser norwegischen jungen Autorin, knapp und auf den Punkt, übersetzt von Ursel Allenstein, die auch schon die Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlefsen übersetzt hat.

Astrid Henning

 


das land der anderen 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Leila Slimani: "Das Land der Anderen"

Die blutjunge, lebens- und abenteuerlustige Elsässerin Mathilda lernt am Ende des zweiten Weltkrieges Amine, einen Marokkaner, der für Frankreich ehrenhaft gegen die Deutschen gekämpft hat, kennen und leidenschaftlich lieben. Als 21jährige, ausgehungert durch die Kriegsjahre, geht sie 1947 als Amines Ehefrau mit in sein von den Franzosen kolonialisiertes Heimatland, ohne auch nur die geringste Vorstellung von dem zu haben, was sie dort erwarten wird. Voller Vorfreude ist sie, aber auch belastet mit dem Gefühl der Verwirrung, ihr Heimatland hinter sich zu lassen und auf völlig unbekanntem Terrain in einer fremden Kultur ein neues Leben aufzubauen.

In der Nähe von Mekmes hat Amines Vater vor Jahren ein karges Stück Land gekauft, inmitten der Plantagen der französischen Kolonialisten. Der Traum des Sohnes ist es, diesen Boden fruchtbar zu machen. Die andauernde Schwere der Arbeit lässt Amine über die Jahre hart gegen sich selbst und seine Lieben werden. Mathilda gebärt zwei Kinder, Aische und Selim. Auch ihr Leben als Mutter und Bäuerin entwickelt sich zur Plackerei von morgens bis abends, hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl und Hass auf fremde Kultur, Unterdrückung der Frau und nicht zuletzt die erbarmungslose Hitze.
Ein komisches Paar müssen die beiden abgegeben haben. Der untersetzte dunkle Amine mit der steilen Zornesfalte auf der Stirn und Mathilda, die ihren Mann um Haupteslänge überragt. Wirre abstehende Haare, blasse Haut mit roten Flecken, große Füße. Alles in allem keine Frau, die von der Gesellschaft der Kolonialistengattinen anerkannt würde. Mathilda ist einsam an der Seite eines Mannes, dessen enge Bindung zur männlich dominierten Kultur sie nicht voraus geahnt hat. Auch Aische leidet unter ihrer Rolle. Sie wird in einer französischen Klosterschule untergebracht, lernt fleißig und ist hochintelligent. Als Mischlingskind aber wird sie von ihren Mitschülerinnen ausgestoßen und flüchtet unter die Rockschöße der Nonnen und in den christlichen Glauben.
Die politische Lage in Marokko spitzt sich in den frühen 50er Jahren zu. Die unter der Ausbeutung der Franzosen leidende Bevölkerung erhebt sich und es kommt in den größeren Städten zu Protesten und Ausschreitungen, die zumeist blutig enden. Auch die Familie in den Bergen bleibt nicht außen vor.

Faszinierend das Leben in der Wüste Marokkos, schockierend die Unterwerfung der Frau in den Nachkriegsjahren, spannend die politische Entwicklung in einem Land, das versucht sich von der Übermacht Frankreichs seit 1912 zu befreien.
Ich habe diesen zum Teil stoisch geschriebenen Roman mit großem Interesse gelesen, zumal das Buch stark an das Leben der Großmutter der Autorin angelehnt ist, also authentische Züge aufweist.

Annette Matthaei

 


hinterland 150x237

 

Rowohlt  10,00€

 

Nora Luttmer: "Hinterland"

Eine neue Ermittlerin betritt die Hamburger Krimiszene: Bette Hansen, bis vor kurzem noch Kommissarin im Hamburger Morddezernat. Ihren Dienst musste sie allerdings kürzlich quittieren, weil sie unter Narkolepsie leidet, d.h. sie hat plötzliche, für sie nicht kontrollierbare Schlafattacken. Und mitten im Verhör einschlafen, wie es ihr tatsächlich passiert ist – das geht natürlich gar nicht. Ziemlich frustriert ist sie vom quirligen Hamburg in den Ort ihrer Kindheit zurückgezogen, nur ein paar Kilometer weiter, ins ländliche Ochsenwerder und wohnt in ihrem ehemaligen Elternhaus.

Doch einen Fall, natürlich einen ungelösten, kann Bette nicht vergessen, im Morddezernat nannten sie ihn den „Muschelmörder-Fall“, das klingt so idyllisch… Der Mörder aber hatte mit brutaler Gewalt zwei Menschen umgebracht und am Tatort sein Zeichen hinterlassen, eingeritzt in ein Stück Holz: eine Muschel kombiniert mit einem Kreuz. Und nun stolpert Bette in ihrem Garten über ein Stück Holz, hebt es auf und entdeckt wiederum das Muschelkreuz. Kurz darauf erhält sie eine Mail, offensichtlich vom Mörder und es beginnt ein Katz- und Maus-Spiel der sehr spannenden Sorte, denn es wird nicht bei der einen Mail bleiben.

Der Krimi wechselt zwischen Bettes Perspektive und der von Hannah, einer jungen, eher unauffälligen Frau aus dem Schanzenviertel, die sich gerne und ziemlich unheimlich in die Leben anderer Menschen einschleicht. Sehr gekonnt lässt Nora Luttmer erstmal in der Schwebe, was die beiden denn miteinander zu tun haben könnten. Und ebenso haben wir hier den Wechsel vom gemütlichen Ochsenwerder, dem Dorf, wo jeder jeden kennt, das Leben einen Tick langsamer verläuft zum trubeligen Hamburger Zentrum, anonym, mit schnellem Takt und manchmal unerbittlich: Schaffst du’s hier? Gehörst du dazu?
Ein heißer Sommer, eine sympathische Ermittlerin und eine disparate junge Frau, von Seite zu Seite erhöht sich der Pulsschlag – ein wirklich gekonnt geschriebener Krimi! Nur schade, dass der nächste Bette Hansen-Fall erst im März 2022 erscheint


Astrid Henning

 


kronsnest 150x237

 

Pendragon Verlag 24,00€

 

Florian Knöppler: "Kronsnest"

Dithmarschen im Holsteinischen in den ausgehenden, zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der kleine Hannes lebt mit seinen Eltern auf einem mittelgroßen Hof in Kronsnest. Die Zeiten sind hart. Das Landleben trotzt den Bewohnern alle Kräfte ab. Auch der Vater arbeitet ununterbrochen und verbissen. Für das Vieh gibt es nicht mehr genug Geld, das Wetter führt zu Missernten. Diese Tatsachen, aber auch der Charakter des Bauern, entfachen in ihm eine zügellose Brutalität gegen alle Lebewesen.

Der eher schüchterne Sohn kann es seinem Vater niemals recht machen, wird verbal und körperlich gezüchtigt. Der scheuen Mutter bleiben nur ein heimlicher Blick und ein schnelles Berühren, um dem Jungen Trost zu spenden. Im Laufe der Jahre entwickelt sich jedoch aus dem kindlichen Duckmäusertum mit zunehmend breiter werdenden Kreuz beim Heranwachsenden ein tiefer Groll gegen den Vater. Er widersetzt sich, lässt den Tobenden mit seiner Wut auflaufen, ist ihm körperlich überlegen. Die Luft in der düsteren Küche der Kate bei den gemeinsamen Mahlzeiten ist zum Schneiden dick. Die Mutter versucht in stiller Verzweiflung zu vermitteln, vergeblich. Hannes findet jedoch ein Ventil, um mit seinem Leben klar zu kommen. Die Freundschaft zu Thies, die zarte Liebe zu der rätselhaften Gutsbesitzerstochter Mara und die Begeisterung für die Natur, all das lässt ihn ein Quäntchen Glück verspüren und weiterkommen auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Die Situation verändert sich, als der Vater ums Leben kommt und die Nazis für Unruhen auch unter der Landbevölkerung sorgen.

Zuviel will nicht verraten sein bei diesem herausragenden Roman, der mit leisen Tönen daher kommt. Die Schilderung des Landlebens vor 100 Jahren, die politische Entwicklung, die fein gezeichneten Charaktere, die Empathie für die Hauptperson, all das bringt der im Norden lebende Autor auf eine so intensive Weise zu Papier, dass das Lesen zu einer Sensation wird. Ein großartiges Debüt.

Annette Matthaei

 


eine geschichte die uns verbindet 150x237

 

Pendo Verlag 17,00€

 

Guillaume Musso: "Eine Geschichte, die uns verbindet"

Flora Conway, preisgekrönte, aber extrem publikumsscheue Schriftstellerin, begnügt sich bei einer jeden Neuerscheinung eines ihrer Bücher damit, in homöopathischen Dosen einige wenige Interviews per Email zu geben. Mehrfach schon erklärte Mrs. Conway, sich von den Zwängen und Heucheleien des Ruhms befreien zu wollen, sie geht sogar so weit zu erklären, dass sie sich weigere am Medienzirkus teilzunehmen, den sie verabscheut, sie schreibe Romane, um eben „dieser von Bildschirmen dominierten, intelligenzlosen Welt zu entfliehen.“
Einigermaßen abgeschieden von ihren Mitmenschen lebt Flora zusammen mit ihrer kleinen Tochter Carrie in einem Loft in Brooklyn. Zu und zu gerne spielt die Kleine mit ihrer Mutter in der geräumigen Wohnung Verstecken. Und an einem schönen sonnigen Nachmittag, genauer gesagt, am 12. April 2010, wird die dreijährige Carrie während eben dieses Spiels entführt. Von einer Minute zu anderen ist sie verschwunden, trotz zunehmend panischer Suche von Flora unauffindbar. Alles kontrolliert sie, die üblichen Verstecke, die Waschmaschinentrommel, den seit Ewigkeiten verschlossenen Kaminzugang, ja selbst den schweren Kühlschrank hievt sie beiseite – ohne Erfolg. Und dann entdeckt Flora einen von Carries Hausschuhen im Eingangsbereich hinter der von innen abgeschlossenen Haustür, einen kleinen Pantoffel aus hellrosa Velours. Flora ruft die Polizei. Doch auch aus kriminaltechnischer Sicht führen alle noch so kleinen Spuren ins Leere. Und Flora kann sich des Gefühls nicht erwehren, nur eine Figur in einem perfiden Spiel zu sein, über die jemand anderes ihre Geschichte bestimmt. Sie steigt auf das Dach ihres Hauses und fordert ihr Schicksal heraus.

Zur gleichen Zeit vermag der französische Romanschriftsteller Romain nicht zu glauben, was gerade in seinem Manuskript passiert: Seine Protagonistin befindet sich auf dem Dach ihres Hauses und droht in die Tiefe zu springen. Er könnte sie retten, aber nur, wenn er alles riskiert, so seinen eigenen Sohn.

Was ist hier Fiktion, was Realität? Guillaume Musso spielt gekonnt mit seiner Leserschaft und treibt ein überaus raffiniertes Verwirrspiel auf die Spitze. Kontinuierlich stellt sich die Frage: Wer ist der Autor, wer die Figur? Auf dem äußerst schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Fantasie bestimmen immer wieder überraschende Wendungen den Fortlauf der Geschichte.

Heike Kasten

 


vom ende eines sommers 150x237

 

Dumont 22,00€

 

Melissa Harrison: "Vom Ende eines Sommers"

Die vierzehnjährige Edie Mather lebt mit ihrer Familie an der Ostküste Englands auf der Wych Farm. Edie ist ein für ihre Zeit seltsames Mädchen. Sie liebt Bücher und Geschichten und legt kaum Wert auf die Gesellschaft anderer Menschen.
Seit Generationen bestellen die Mathers das Land rund um die Farm; harte Arbeit und die Abhängigkeit von Naturereignissen prägen über Generationen die Geschicke der Familie. Im Jahr 1933 wirft zusätzlich der Erste Weltkrieg noch immer seine Schatten über das Leben der Menschen. Abertausende junge Männer kehrten verseht und traumatisiert zu ihren Familien zurück, Unzählige verloren ihr Leben. Die Weltwirtschaftskrise treibt viele Familien in Armut und den finanziellen Ruin. Edie ahnt all diese Dinge, liebt jedoch von Herzen das Leben im Einklang mit der Natur, den Tieren und Jahreszeiten und träumt sich noch kindlich-unschuldig durch warme Sommertage.

Als jedoch die charmante, eloquente Journalistin Constance FitzAllen aus London im kleinen Ort auftaucht und mit beständiger Hartnäckigkeit ins Leben der Mathers eindringt, um Reportagen über das Leben der Landbevölkerung für eine Zeitung zu schreiben, öffnen sich für Edie völlig neue Sichtweisen und Horizonte. Constance ist freundlich zu Edie, scheint sich für sie und ihr Leben wirklich zu interessieren und symbolisiert ein für das Mädchen völlig neues Frauenbild. Nach und nach überwinden die Bewohner der Farm ihre Skepsis Constance gegenüber; sie scheint fast zu einem Teil der Familie zu werden. Nur John, ein Angestellter der Farm, bleibt konstant auf Abstand zu der jungen Frau. Zu spät erkennen die Dorfbewohner, dass die Journalistin andere Ziele verfolgt als die Dokumentation des heilen Landlebens und nicht die ist, die sie vorgibt zu sein.  Sie bringt politische Ideen mit, die bald ganz Europa in einen weiteren, fürchterlichen Krieg führen werden und die auch Edies Leben für immer verändern werden.

Die Geschichte von Edie hat mich in zweierlei Hinsicht sehr fasziniert: Sie ist gleichermaßen Zeitdokument wie auch eine zauberhafte, fast magische Darstellung der Schönheit der Natur mit all ihren Facetten.

Sabine Christ

 


tiefrot tanzen die schatten 150x237

 

Fischer TB 15,00€

 

Kate Penrose: "Tiefrot tanzen die Schatten"

Auf der idyllischen Scilly-Insel St. Mary‘s vor der Süd-Ostküste Englands geschieht ein grausamer Mord: Sabine, eine junge Frau aus Osteuropa, die den Sommer über in einem Hotel auf der kleinen Insel arbeitete, wird als Braut verkleidet, mit einem Schleier verhüllt und einem Ehering am Finger aufgehängt am Pulpit’s Rock, einer aufs Meer hinausragenden Felsformation, tot aufgefunden. Die Bewohner der kleinen Insel sind entsetzt: Wer tut so etwas bloß?

Für Detective Inspector Ben Kitto bedeutet der Mord eine doppelte Herausforderung. Erstens ist er gezwungen, alte Freunde und Bekannte zu vernehmen, zweitens wird schnell klar, dass der Mörder offenbar eine Botschaft mit seiner Tat senden will und es nicht nur auf Sabine abgesehen hatte.
Als kurze Zeit später eine zweite junge Frau spurlos verschwindet, beginnt für Kitto ein Wettlauf gegen die Zeit. Was verbindet die Frauen miteinander? Welches Motiv hat der Täter? Und welche Rolle spielt der alkoholkranke Bruder von Sabines Freundin Lily, der schon einige Taten auf dem Kerbholz hat?

Der spannende Kriminalfall auf den idyllischen Scilly-Inseln vereint Urlaubsgefühl und Nervenkitzel- Gänsehaut im Strandkorb garantiert!

Sabine Christ

 


fraeulein mozart und der klang der liebe 150x237

 

Ullstein Verlag 11,00€

 

Beate Maly: "Fräulein Mozart und der Klang der Liebe"

Im Jahr 1751 wird in Salzburg Maria Anna Mozart, die ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, geboren. Genau wie ihr Bruder Wolfgang liebt Maria Anna, von Eltern und Bruder liebevoll „Nannerl“ genannt, die Musik. Als Kind tritt sie zusammen mit ihrem Bruder oft bei Gesellschaften und kleinen Konzerten auf und interpretiert Wolfgangs erste eigene Kompositionen meisterhaft auf Violine und Klavier.
Als die Geschwister jedoch älter werden, konzentriert sich die Förderung und Unterstützung von Vater Leopold immer mehr auf Wolfgang. Nannerl ist eine Frau und schon aus diesem Grunde kann sie keine musikalische Karriere anstreben, egal wie begabt sie auch ist. Sie hat keine Chance mit ihrer Musik jemals Geld zu verdienen. Da Wolfgang einen recht ausschweifenden Lebensstil pflegt und nicht gut mit Geld umgehen kann, plagen die Familie immer wieder arge finanzielle Nöte. Nannerl unterstützt ihre Familie, wo sie nur kann, und erteilt reichen Töchtern Klavierunterricht.

Auf einem Ball lernt sie eines Tages den charmanten Franz Armand d’Ipold kennen und fühlt sich zum ersten Mal zu einem Mann hingezogen. Doch ihre Liebe scheint im festgefahrenen Gesellschaftssystem des 18. Jahrhunderts keine Chance zu haben...wird Nannerl trotzdem ihr Glück finden?
Ein wunderschöner Schmöker für lange Sommertage über eine beeindruckende Frau!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai



die nachtigall singt nicht mehr 150x237

 

Fischer TB 16,99€

 

Andreas Götz: "Die Nachtigall singt nicht mehr"

Ganz frisch auf den Tisch, gerade erst erschienen: Ein Wiedersehen mit dem Journalisten Karl Wieners, der schon im ersten Band dieser Krimi-Trilogie im München der Nachkriegszeit recherchiert hat und damals plötzlich mitten in einem Fall von Beutekunst steckte („Die im Dunkeln sieht man nicht“).
Während der erste Band in der direkten Nachkriegszeit spielte, sind wir nun ein bisschen weiter, Mitte der 50er Jahre. In Deutschland beginnt das Wirtschaftswunder, man gönnt sich wieder was. Es gibt ein Wiedersehen mit den wichtigen Personen aus dem ersten Band, da wäre natürlich vor allem Karls „Nichte“ Magda zu nennen, von der wir als Leser wissen, dass sie – zum Glück – gar nicht seine Nichte ist. Denn immer noch verbindet die beiden eine starke Zuneigung oder Liebe, auch wenn Magda inzwischen mit dem ehemaligen König des Münchner Schwarzmarkts verheiratet ist, Walter Blohm. Noch dazu bilden Magda und Karl einfach ein gutes Team, wenn es um Recherchen und Ermittlungen geht. Außerdem taucht auch Ludwig wieder auf, früherer Klassenkamerad von Karl, früher bei der Kripo, jetzt „Privatermittler“.

Der Krimi beginnt mit einem gehörigen Knall: Im Sommer 1955 explodiert auf dem Schwabinger Postamt eine Paketbombe, und bei diesem Anschlag kommt Tomás Cierny ums Leben, ein slowakischer Exilpolitiker mit undurchsichtigen Verbindungen zum Geheimdienst. Und obwohl Karl eigentlich damit beschäftigt ist, den früheren Schwarzmarktgeschäften von Blohm auf die Schliche zu kommen, seinen Verbindungen ins vielleicht kriminelle Milieu, tun sich ganz schnell Zusammenhänge auf, die darauf hinweisen, dass Blohm in Verbindung steht mit dem slowakischen/russischen Geheimdienst. Karl wittert die Chance, Blohm ein Verbrechen nachzuweisen, um der Zweck-Ehe zwischen Magda und Blohm endlich ein Ende zu bereiten.

Krimihandlung und private Belange sind in diesem Buch also eng verwoben, dazu die sehr gut geschilderte Atmosphäre der Wirtschaftswunderzeit, das macht den Roman zum echten, spannenden Lesevergnügen, nicht nur für Münchner – ich freu mich schon sehr auf den dritten Band!
Übrigens ist der erste Band „Die im Dunklen sieht man nicht“ seit kurzem als TB auf dem Markt.

Astrid Henning

 


der ehemalige sohn 150x237

 

Diogenes 23,00€

 

Sasha Filipenko: "Der ehemalige Sohn"

Belarus im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert.
Der junge Franzisk besucht die Akademie für Musik. Cellist möchte er werden, ist aber weder besonders begabt noch mit dem genügenden Ehrgeiz ausgestattet. So läuft der Teenager Gefahr, den diesjährigen Sommerabschluss nicht zu bestehen. Mit seinen Freunden will er nach der Schule nun ein Open Air Konzert besuchen. Er, der vor Massenveranstaltungen eher großen Respekt hat, kommt es dort so häufig zu Schlägereien, hat sich breitschlagen lassen. Er ist mit seiner neuen Freundin verabredet. An der U-Bahn Station wollen sie sich treffen, doch Nastja verspätet sich, wie immer. Das ist ihr Glück, denn plötzlich bricht ein Unwetter mit Hagelkörnern groß wie Taubeneiern los und die ungeheuren Mengen der Jugendlichen drängen zügellos zurück, stürmen die U-Bahn Station. Es kommt zu einer Massenpanik. In dem Gedränge sterben mehr als 50 Personen und auch Franzisk ergeht es schlecht. Er wird gedrückt, unter die Decke gequetscht und landet im Krankenhaus, liegt dort im Koma.
Aus diesem Koma wird er 10 Jahre nicht erwachen. Die Einzige, die sich mit völliger Selbstaufgabe um ihn kümmert, ist seine Babuschka, eine russische Großmutter wie aus dem Bilderbuch, harte, energische Schale, aber weicher Kern mit abgöttischer Liebe zu ihrem Enkel. Entgegen dem Rat und Wissen aller Ärzte, ist sie fest davon überzeugt, dass ihr Zisk es schaffen wird, liest ihm unermüdlich Geschichten vor, tapeziert das Krankenzimmer mit Fußballpostern und Postkarten aus der Heimatstadt. Einen Tag bevor das Wunder sich ereignet, dass der mittlerweile Mitte Zwanzigjährige die Augen aufschlägt, streikt das Herz der Baba, sie verstirbt.

Das ist nicht das Einzige, was sich im privaten Umfeld von Franzik verändert. Seine Mutter hat einen neuen Mann, mit diesem einen Halbbruder gezeugt und natürlich hat auch Nastja sich einem anderen zugewandt. Was sich nicht verändert hat, ja geradezu eingefroren erscheint, sind die politischen Verhältnisse in dem vom „großen Bruder“ überwachten, gegängeltem Land. Kein Fortschritt, derselbe autoritäre Präsident, nach wie vor niedergeknüppelte Proteste der frustrierten Bevölkerung.

Der in Minsk aufgewachsene Filipenko beschreibt die Zustände in seinem Land bei aller Ernsthaftigkeit des Themas mit einer Portion Galgenhumor. Der Roman erschien bereits vor fünf Jahren in seiner Muttersprache, wurde hochgelobt, doch von einigen Kritikern als Utopie verrissen. Vielleicht ist es dringend nötig, dass das Volk der Belarussen aus seinem Koma erwacht, erste Vorboten sind seit dem letzten Jahr zu spüren.
Ein kritischer Roman, seit letzter Woche aktueller denn je.

Annette Matthaei

 


jaffa road 150x237

 

Fischer TB 16,99€

 

Daniel Speck: "Jaffa Road"

Vermutlich hat Daniel Speck nicht geahnt, dass der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis dieser Tage erneut eskalieren würde, als er seinen aktuellen Roman Jaffa Road schrieb, dessen Thematik damit brandaktuell wird.
Wer auf sensible, eindrückliche und dabei unterhaltsame Weise mehr über die Hintergründe der Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung jener beiden Völker erfahren möchte, dem kann ich auch die Fortsetzung von Piccola Sicilia, dem Beginn von Specks hoch komplexer, spannender Familiengeschichte um den Deutschen Moritz Reincke, wärmstens empfehlen.

Wie in Piccola Sicilia lässt Speck seine Geschichte auch in Jaffa Road auf zwei Handlungsebenen spielen, die am Ende des Buches zusammenlaufen: In der Jetztzeit kommt die deutsche Enkelin von Moritz Reincke alias Maurice Sarfati, Nina Zimmermann, mit dessen jüdischer Tochter Joelle, die italienisch-tunesische Wurzeln hat, nach Sizilien, weil ihr Großvater tot in seiner Villa aufgefunden wurde. Dort begegnen die zwei Frauen dem palästinensisch-stämmigen, attraktiven Elias, der ebenfalls Anspruch aufs Erbe hat. Ein Schlag für die ältere Dame Joelle und ein Mysterium für die frisch geschiedene Nina. Wie viele Leben hat Moritz denn noch geführt? Sie bittet Elias und Joelle, die Geschichten ihrer Vergangenheit und ihrer Familien zu erzählen, und versucht so, dem Rätsel um die geheimnisvolle Person ihres Großvaters auf die Spur zu kommen, der im Zweiten Weltkrieg als Propaganda-Fotograf der SS mit dem Deutschen Afrikakorps nach Tunis kam, desertierte, bei italienischen Juden Unterschlupf fand und sich in deren Tochter Yasmina Sarfati, Jolles Mutter, verliebte, während in Deutschland eine junge Frau ein Kind von ihm erwartete…
In chronologischen Rückblicken und aus wechselnden Perspektiven erfährt Nina – und somit auch der Leser - wie Moritz Reincke 1948 als Maurice Sarfati mit Frau und kleiner Tochter im neuen jüdischen Staat Israel ankommt und sich in Haifa ein neues Leben aufzubauen versucht, wie unzählige Palästinenser ihr (altes) Leben verlieren und die Überlebenden und deren Nachfahren ihr Leben, ihr Land und ihr kulturelles Erbe zu verteidigen und zurückzuerobern versuchen – und wessen Wege Moritz alias Maurice dabei kreuzt. Und auch Nina selbst trägt ihren Teil dazu bei, die Lücken in der Geschichte um Moritz Reincke zu füllen: Sie berichtet, wie ihre Großmutter nach dem Krieg in Ostdeutschland als alleinstehende Frau die Tochter großzog und eine unbestimmte Sehnsucht nach dem im Krieg Verschollenen deren Leben begleitete.

Ohne Partei zu ergreifen, sehr einfühlsam und gut recherchiert, so mein Eindruck, als packende Familiengeschichte mit einer Prise Krimi und einem Hauch Spionage-Thriller präsentiert uns Daniel Speck ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte. Die 664 Seiten waren viel zu schnell um. Absolut lesenswert!

Nina Chaberny-Bleckwedel


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Heike Duken: "Denn Familie sind wir trotzdem"

Frau Duken, die Autorin, Jahrgang 1966, ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis. Sie verarbeitet in ihrem ersten Roman ein Stück dunkelster Familiengeschichte.

Euthanasie und Versuche an behinderten Kindern im Naziregime ist ein Thema, das uns alle zutiefst verstört. Der Großonkel Johann Duken war Direktor der Kinderklinik der Uniklinik Heidelberg und maßgeblich an der Ermordung von „erbkranken“ Kindern beteiligt. Ihr Vater, den sie nur als kleines Mädchen erlebte, da er früh verstarb, wurde von eben diesem Onkel erzogen. Johann brach dieses Kind und dessen jüngeren Bruder, der als Verweigerer des Regimes im Kriege fiel. Der Vater meldete sich freiwillig zur Waffen SS, überlebte, armamputiert, schweigend bis kurz vor seinem Tode, dann zutiefst bereuend.
Der Roman umfasst vier Generationen der Familie Duken und ist nicht als Biografie zu verstehen. Die Personen, die uns ans Herz gelegt werden sind Paul, der sich, von den Nazis verblendet, der SS anschließt. Als gebrochener Mann kehrt er aus dem Krieg zurück. Dessen Tochter Ina geht in den 80er Jahren in einen Kibbuz nach Israel, um sich der deutschen Schuld zu stellen, wird dort schwanger. Die Familie des Kindsvaters Ariel lehnt die Verbindung rigoros ab, drängt zur Abtreibung. Ina möchte, obwohl sie erst 19 Jahre alt ist, das Kind bekommen, kehrt zurück nach Deutschland und wird dort zur alleinerziehenden Mutter von einem recht anstrengenden, wilden Mädchen namens Floriane.
Floriane hält ihre Gedanken in niemals abgeschickten Briefen in einem Tagebuch an ihren Vater Ariel fest. Ihr fehlt die Anlehnung an eine Vaterfigur. Zorn über den nicht vorhandenen Vater, auf Gesellschaft und Politik ist für Floh eine starke Triebfeder über die eigene Familie Recherchen anzustellen und sich dem Fluch des Gestern zu stellen.

Zwar hat jede Generation ihr individuelles, nicht leichtes Päckchen zu tragen, aber doch begegnen die Jüngeren dem Schicksal und den früheren Entscheidungen der Älteren mit mehr Verständnis. Man merkt, dass sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht viel getan hat. Die jüngere Generation bricht das Schweigen und will wissen, was geschah. Das Schlimmste ist das Vergraben der Schuld und der Traumata in der Seele, ein Verhalten, das die Kriegsgeneration leider  in der Mehrheit an den Tag gelegt hat. Vielleicht gelingt es offenen, neugierigen jungen Menschen wie Floriane sich mit der Vergangenheit ihrer Urgroßeltern zu versöhnen, aber natürlich ohne die Gräueltaten zu vergessen.

Annette Matthaei

 


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DuMont 20,00€

 

Christine Drews: "Freiflug"

Manchmal tut es doch sehr gut zu sehen, dass sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt hat, dass bestimmte Entwicklungen nicht mehr umkehrbar sind, z.B. was die Gleichberechtigung von Männern und Frauen angeht.

„Freiflug“ erzählt die Geschichte von Rita Maiburg, der ersten Frau in Deutschland, die als Pilotin ein Linienflugzeug steuerte – Mitte der 70er Jahre! Allerdings nicht etwa bei der Lufthansa, der größten deutschen Fluggesellschaft, damals geradezu ein Staatsunternehmen, sondern bei einem kleinen privaten Unternehmen. Erst 1988 durften die ersten Pilotinnen ins Cockpit der Lufthansa-Maschinen – als Co-Pilotinnen.
Doch der Roman hat noch eine zweite starke Frauenfigur: Katharina Berner, aus höheren Kölner Unternehmerkreisen, hat nicht vor, ihr Leben als Hausfrau und Mutter zu verbringen. Gegen den Willen ihres Vaters studiert sie Jura und arbeitet in einer großen Kanzlei in der Kölner Innenstadt, wo sie sich heute undenkbare Kommentare ihrer männlichen Kollegen anhören muss. Sie nimmt allen Mut zusammen und macht sich mit einer kleinen Kanzlei selbständig. Einer ihrer ersten Fälle wird die Vertretung von Rita Maiburg sein, deren Bewerbung bei der Lufthansa mit dem Hinweis auf ihr Geschlecht abgelehnt wird. Ganz offen teilt das Unternehmen mit, Frauen seien aufgrund ihrer körperlichen und seelischen Veranlagung nicht in der Lage, die Verantwortung für eine große Maschine und die Passagiere zu übernehmen. Die Klage gegen die Lufthansa und die Bundes- republik Deutschland wurde zwar abgewiesen, dennoch sorgte der Prozess für großes Aufsehen in der Bevölkerung und bei den Medien. Maiburg flog daraufhin als weltweit erste Linienflugkapitänin bei der DLT, einer kleinen privaten Flug- gesellschaft, immerhin. Doch auch dieses Unternehmen begrüßte seine Passagiere „im Namen von Flugkapitän Maiburg“, die Durchsage übernahm die Stewardess, man wollte die Passagiere offensichtlich nicht überfordern…

Christine Drews erzählt die Geschichte von zwei mutigen Frauen, sehr unterhaltsam, gewürzt mit einer Liebes- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund von Flower Power, Aufbruch und gleichzeitig noch sehr verkrusteten Strukturen – ein richtig schöner Schmöker.

Astrid Henning

 


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Limes Verlag 18,00€

 

Amanda Eyre Ward: "Die Urlauber"

Zum großen Bedauern der 71-jährigen Charlotte aus Giorgia  sind ihr ihre drei erwachsenen Kinder Lee, Regan und Cord im Laufe der Jahre irgendwie abhanden gekommen. Dann stirbt zu allem Unglück auch noch ihre beste Freundin und stetige Begleiterin Minnie, und Charlotte wird schmerzlich bewusst, wie sehr ihr die Nähe anderer Menschen fehlt. Nicht dass sie ihren Ehemann Winston, der schon seit vielen Jahren tot ist (und nebenbei erwähnt auch kein ganz angenehmer Zeitgenosse war), sehr vermisst hätte; aber anstrengend war sie schon, die Zeit, in der Charlotte lernen musste, sich ohne Mann an der Seite in der Welt zurechtzufinden.
Die älteste Tochter Lee schlägt sich als mittelmäßige Schauspielerin durchs Leben, Regan führt ganz in der Nähe (und doch unendlich weit weg) ein scheinbares Bilderbuchleben mit Ehemann Matt und zwei bezaubernden Töchtern, und Cord steht mit seinem erfolgreichen Unternehmen kurz vor dem großen Durchbruch, findet aber unglücklicherweise keine geeignete Frau.

Als Charlotte im Fernsehen von einem Wettbewerb hört, bei dem man eine Kreuzfahrt in Europa gewinnen kann, beschließt sie, teilzunehmen und diese Reise zu gewinnen. Denn was könnte die Risse in ihrer kleinen Familie besser kitten und ihre Einsamkeit und Leere schneller ausfüllen als eine gemeinsame, entspannte Urlaubsfahrt? Und tatsächlich: Einige Wochen später flattert der ersehnte Brief ins Haus und Mutter und Kinder samt Regans Gatten Matt steigen in den Flieger nach Athen, um dort das luxuriöse Kreuzfahrtschiff „Splendido Marveloso“ zu besteigen. Dummerweise wabern im Hintergrund jedoch diverse dunkle Familiengeheimnisse und Konflikte, die nur auf eine Möglichkeit gewartet haben, an die Oberfläche zu dringen - und so verläuft die Reise schließlich ganz anders als ursprünglich geplant...

Wunderbar böse und humorvoll offenbart dieses Buch die Abgründe des Lebens und der Liebe im Chaos zwischenmenschlicher Beziehungen!

Sabine Christ

 


such a fun age 150x237

 

Ullstein Verlag 22,00€

 

Kiley Reid: "Such a Fun Age"

Eine Empfehlung von Reese Witherspoons Buchclub! Nach Der Gesang der Flusskrebse, Kleine Feuer überall und Alles, was wir sind baue ich auf die Tipps der Schauspielerin und Produzentin und wurde wieder nicht enttäuscht.

Emira ist Mitte Zwanzig und chronisch pleite. Als sie eines Nachts mit Freundinnen unterwegs ist, erhält sie einen Anruf von der Familie, für die sie babysittet und soll aufgrund eines Notfalls bei doppelter Bezahlung aushelfen. So landet die schwarze Frau nachts mit der kleinen Briar in einem Supermarkt und wird von der Security verdächtigt, das weiße Mädchen entführt zu haben. Sie wird erst aus der „fürsorglichen“ Obhut des Sicherheitsmannes entlassen, nachdem Briars Vater die beiden abholen kommt.
Alix Chamberlain, Briars Mutter, ist feministische Bloggerin und macht es sich zur Aufgabe das erlittene Unrecht wiedergutzumachen. Für Emira folgt ein verwirrender Medienrummel, die ungewollte Hilfe von liberalen Gutmenschen, sowie eine neue Liebe – und als eine Verbindung zwischen Alix und Emira offenbar wird, mit der beide nicht gerechnet hatten, wird es erst wirklich kompliziert.

Ein wahnsinniges Debüt: Such a Fun Age hat unglaublich gut unterhalten. Ich konnte nur laut loslachen, schockiert staunen und die Leute um mich herum in Diskussionen über diesen Text verwickeln.  Kiley Reid schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit Themen wie Rassismus und Klassenunterschiede zu behandeln, ohne zu belehren, während sie unbequeme Wahrheiten ausspricht. Sie lotet in Such a Fun Age die Privilegien aus, die durch Geld und Weiß-Sein bestimmt werden und den Unterschied zwischen Rassismus und Vorurteil ausmachen.
Ein großartiges, spannendes Lesevergnügen!

Mattes Daugardt

 


die anderen 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Laila Lalami: "Die Anderen"

Frühling in Oakland. Nora und ihre Mitbewohnerin genießen eisgekühlten Champagner, während hunderte von Kilometern entfernt in der kalifornischen Mojave-Wüste Noras Vater seinen Diner abschließt. Nur wenige Augenblicke später wird er von einem Auto überfahren, der Fahrer flieht und Noras Vater stirbt noch am Unfallort. Sofort nach Eintreffen der Nachricht reist Nora zu ihrer Familie. Ein Leben ohne ihren Vater Driss scheint unvorstellbar. Nie wieder darf sie seine Stimme hören... Als er sie wenige Stunden vor seinem Tod anrief, hatte sie ihn abgewürgt : Keine Zeit, Dad, wir telefonieren später,ok? Es wird kein "später" mehr geben.

Gemeinsam mit der heimkehrenden Nora tauchen wir tief in die Geschehnisse vor, während und nach dem Unfall von Driss ein. Aus jeweils anderen Perspektiven wird uns eine vielschichtige und äußerst spannende Familiengeschichte erzählt, die Jahre zuvor in Marokko begann. Jeremy, ein alter Schulfreund von Nora, unterstützt sie bei der Suche nach dem flüchtigen Fahrer. Abgründe tun sich auf, als Nora Geheimnissen ihres Vaters auf die Spur kommt, und von Kapitel zu Kapitel zieht uns dieser Roman mehr in seinen Bann. Während die Polizei von Fahrerflucht mit Todesfolge ausgeht, will die Familie auf heimtückischen Mord klagen.

Dieser Roman ist eine äußerst gelungene Mixtur aus Familiendrama, Gesellschaftskritik, Liebesgeschichte und Krimi - absolut lesenswert!

Andrea Westerkamp