Unsere Buchempfehlungen im April

           


drei kameradinnen 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Shida Bazyar: "Drei Kameradinnen"

Dieses Buch könnte auch einen Warnhinweis tragen: „Achtung, dieser Roman gefährdet Ihre Komfortzone!“ – und das ist wohl mit das Beste, was man von Literatur sagen kann.

Es ist gar nicht so einfach, die Geschichte dieses Romans nachzuerzählen, weil er auf verschiedenen Ebenen spielt. Auf jeden Fall geht es um die drei Freundinnen Hani, Saya und Kasih, Mitte 20, die ihre Kindheit und Jugend gemeinsam in „der Siedlung“ irgendwo in Deutschland verbracht haben, „sozialer Brennpunkt“ heißt das wohl im Amtsdeutsch. Nach dem Abitur wohnen die drei zwar in verschiedenen Städten und sind unterschiedliche Wege gegangen, aber immer noch verbindet sie eine tiefe Freundschaft. Nun wird eine frühere gemeinsame Freundin heiraten, eine schöne Gelegenheit, mal wieder etwas Zeit miteinander zu verbringen.

Das Buch ist aus der Perspektive von Kasih erzählt, und so, wie sie erzählt, sitzen wir als Leser direkt neben den Freundinnen, hören, was sie sich über ihren Alltag berichten und wie sie sich an gemeinsame Erlebnisse von früher erinnern. Ab und zu spricht Kasih uns auch direkt an – und dann nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Ansonsten ist ihr Erzählstil lässig, auch unterhaltsam, vor allem aber eindringlich.
Außergewöhnlich an diesem Roman ist, was er mit uns Lesern anstellt: Wir werden konfrontiert mit unseren Sichtweisen auf Menschen, die nicht weiß sind, oder aber seit Generationen in Deutschland ansässig. Wer mal genauer überlegt, wird vielleicht bemerken, dass wir oft nicht den Menschen „an sich“ wahrnehmen, sondern ihn gleich einer „Personengruppe“ zuordnen, der wir bestimmte Attribute zuschreiben. Und das passiert ja sehr oft unbewusst.

„Drei Kameradinnen“ hat mich etwas durchgerüttelt und im positiven Sinn erschüttert, mich wacher gemacht, aber auch verunsichert. Dass ein Buch das kann! Finde ich beeindruckend. Spannung erhält der Roman durch eine Art Zeitungsnotiz, mit der das Buch beginnt: Saya soll einen Brandanschlag auf ein Haus verübt und zusätzlich einen Mann körperlich attackiert haben. Wir ahnen also die ganze Zeit: Irgendwas wird gleich passieren…

Astrid Henning

 


frostmond 150x237

 

Pendragon 18,00€

 

Frauke Buchholz: "Frostmond"

Seit einiger Zeit werden im kanadischen Staat Quebec indigene junge Frauen vermisst. Manche tauchen wieder auf, aufgesetzter Kopfschuss, Misshandlungen, die Augenhöhlen leer… Die Polizei tappt im Dunkeln, ist aber auch nur mäßig engagiert! Creeindianerinnen, Prostituierte, Obdachlose - nicht unbedingt der Personenkreis für den es sich lohnt, sich zu strapazieren.
Das ändert sich, als die Leiche der 15jährige Jeanette Maskisin, ein Mädchen aus einem Cree-Reservat, im St.Lawrence River in Montreal angespült wird. Die Presse hängt den Fall hoch. Der Ermittler LeRoux der Surité Montreal, selbstverliebt und schwanzgesteuert, ist aufgeschreckt. Ihm direkt vor die Nase wird der Topprofiler Ted Garner aus Sakatchewan gesetzt. Die beiden können sich von Anfang an nicht leiden. LeRoux, dessen Leben ihm sukzessive durch Alkohol und Frauen entgleitet, und der disziplinierte, kühle, hochintelligente Garner, nur im Anzug mit blütenweißem Hemd anzutreffen, sind wie Feuer und Wasser. Die Atmosphäre zwischen den beiden ist den winterlichen Außentemperaturen angepasst, mehr als unterkühlt. Eine gemeinsame Reise in das Heimatreservat der jungen Frau erweist sich als Desaster.
Die Ureinwohner mauern, der Fall entwickelt sich zäh und wirkt unlösbar. Was für ein Mensch kann der Serienmörder sein, der entlang des Transcanada Highway, seine blutige Spur hinterlässt? Garner ist gefordert, noch nicht ahnend, dass er bei diesem Case nur knapp mit dem Leben davonkommen wird.

Die beiden ungleichen Männer wissen es nicht, aber sie sind nicht allein bei ihrer Suche nach dem Mörder. Auch der Cousin der Toten, Leon Maskisin, ein in der Wildnis im hohen Norden lebender Trapper heftet sich auf dessen Fersen, mit seinen ganz eigenen, brutalen Methoden, getrieben von Rachsucht und einem nagenden Gefühl der Enttäuschung über die Behandlung seines indianischen Volkes.

Frauke Buchholz, die selbst einige Zeit in einem Cree-Reservat gelebt hat, weiß wovon sie schreibt. Gepaart mit Spannung bringt sie uns die Kultur der kanadischen Ureinwohner in ihrem Debütkriminalroman nahe und fesselt uns auf das Beste!!!

Annette Matthaei

 


klara und die sonne 150x237

 

Blessing Verlag 24,00€

 

Kazuo Ishiguro: " Klara und die Sonne"

Das Universum von Klara scheint zu Beginn ganz klein; wir begegnen ihr in dem Schaufenster eines Kaufhauses, wo sie Beobachtungen über das geschäftliche Treiben auf den Straßen anstellt. Ihr Verständnis für die Draußenwelt ist noch begrenzt, ihre empathischen Fähigkeiten jedoch enorm. Hier wartet sie nun darauf gekauft zu werden.
Klara ist eine künstliche Freundin, ein Roboter dazu gedacht, den Kindern einer nicht allzu entfernten Zukunft eine Stütze ob ihrer sozialen Inkompetenz zu sein. Sie wird von Josie und ihrer Familie „adoptiert“, analysiert dort das verwirrende Geflecht menschlicher Beziehungen und hält Ausschau nach der Wahrhaftigkeit von Liebe. Dabei lernt sie viele neue Menschen und Dinge kennen und lernt und lernt und lernt… bis sie erfährt, dass Josie krank ist und nur Klara ihr helfen kann.

Ein wundervoller Roman über die Bedeutung des Menschseins. Kazuo Ishiguro hat einen wertungsfreien Blick auf die Aussicht eines Lebens mit künstlicher Intelligenz geworfen und im selben Zuge eine Fabel über die Liebe geschaffen, deren Kraft weder an Hormone noch an Klaras Synapsen gebunden zu sein scheint. Klaras Perspektive ist in ihrer Narration unaffektiert und schlicht, emotionslos ohne kalt zu sein. Ihre einzigartige Sichtweise erlaubt es den Leser*innen eigene Interpretationen ob des Beobachteten zu schließen, denn die Frage nach einem unantastbaren Kern des Selbst in Mensch oder Maschine, bleibt stets uns zu beantworten.
Klara und die Sonne ist ein besonderes Buch von einem besonderen Autor, der in "Romanen von starker emotionaler Kraft den Abgrund unserer Illusion einer Verbindung mit der Welt aufgedeckt hat“ – so das Nobelkomitee zu seiner Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2017. Mit Klara und die Sonne fügt Ishiguro seinem Werk ein weiteres Puzzleteil hinzu.
Seine anderen Titel, wie „Alles, was wir geben mussten“ und „Was vom Tage übrig blieb“, sind im Zuge dieser Neuerscheinung in wunderschöne Neuauflage bei Blessing erschienen.

Mattes Daugardt

 


in aufruhr 150x237

 

Kindler 22,00€

 

Inga Vesper: "In Aufruhr"

Liest man den Klappentext dieses Debütromans, so erahnt man nicht mal ansatzweise, welch eine Spannung zwischen Seite 7 und Seite 379 steckt!

Kalifornien 1959 - die Sommertemperaturen klettern auf neue Höhenrekorde in Sunnylakes. Ruby sitzt im Bus fest, und weiß, dass Mrs. Ingram ihr jede Minute ihres Zuspätkommens vom Lohn abziehen wird. Wahrscheinlich darf sie sich auch keine kalte Limonade aus dem Kühlschrank nehmen.
Als Ruby endlich mit der Putzerei fertig ist, läuft sie schnell rüber zu den Haneys. Die Lady dort ist beinahe Rubys Freundin. Auf alle Fälle spricht sie mit ihr und hat ihr sogar schon einmal Persönliches anvertraut. Sie mag die schöne Joyce Haney, und sie liebt ihre beiden niedlichen kleinen Mädchen. Barbara, die ältere, kommt ihr gerade entgegen gelaufen. Sie weint, und ihre großen Augen blicken verstört und voller Angst umher. "Mami, wo ist meine Mami? Ich will zu meiner Mami!" Ruby nimmt Barbara auf den Arm. Das Kind fühlt sich ganz heiß an. Sie wird ihr zuerst etwas zu trinken geben! An der Küchentür hält sie abrupt inne: eine große Blutlache auf dem Boden lässt Schreckliches erahnen... Gemeinsam mit Detective Mick Blanke, der gerade ins  Santa Monica Police Department (straf-)versetzt wurde, versucht Ruby Wright zu klären, was sich in der Küche der Haynes ereignet hat. Die farbige Hausangestellte hofft auf die ausgesetzten 1000 Dollar Belohnung, um sich einen Collegebesuch leisten zu können. Ein absolut fesselnder Kriminalroman,der einmal mehr die unmenschliche und diskriminierende Zweiklassengesellschaft der damaligen Zeit widerspiegelt.

Andrea Westerkamp

 


ueber menschen 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Juli Zeh: "Über Menschen"

Das ist mal wieder eine Juli Zeh, auf die Sie sich so richtig fre
uen
können, toll!
Keine Fiktion, keine psychologischen Höhenflüge, sondern mit scharfem Blick und spitzer Feder dem deutschen Volk auf den Nabel geguckt! Dieser neue Roman erinnert an das fantastische „Unterleuten“, kommt aber mit weniger Charakteren aus. Das hat die Autorin sicherlich geringere Schreibzeit gekostet und macht ihn deutlich flüssiger zu lesen.

Dora, Mitte dreißig, ist Werbetexterin in Berlin. Politisch einigermaßen korrekt, arbeitet sie für Kampagnen nachhaltiger Unternehmen. In Kreuzberg lebt sie mit ihrem ehemals sanftmütigen Freund Robert zusammen. Ein typisches Dinks- (Double income, no kids) Pärchen mit langen Diskussionsabenden bei gutem Wein auf dem Balkon. Das hat Dora genossen. Robert hat sich allerdings verändert. Vom aktiven, verständnisvollen Zuhörer hat er sich über den radikalen Umweltschützer zum apokalyptischen Reiter der Coronakrise entwickelt. Als er Dora mangelnde Solidarität vorwirft, weil sie des nachts mit ihrer Hündin „Jochen-dem-Rochen“ Gassigehen will, langt es ihr. Mit Sack und Pack zieht sie von dannen…
Was Robert nicht weiß : Dora hat sich heimlich ein kleines, heruntergekommenes Gutshaus 70 Kilometer von Berlin entfernt, gekauft. Bracken heißt das Dorf, in dem sie nun Zuflucht sucht. Am ersten Morgen, Dora steht mit Zigarette und Kaffee in ihrem Garten, schiebt sich ein Glatzkopf über die Gartenmauer. „Gote, der Dorfnazi“, stellt sich der Hüne vor. Wie geht man nun als Frau mit linksliberalen Ansichten mit einer derartigen Nachbarschaft um? Hört man sich stillschweigend das Horst Wessel Lied aus Nachbars Garten an? 
Zudem in Gotes Vergangenheit noch andere Untiefen schlummern…
Seine kleine verwahrloste Tochter Franzi stiftet Verbindung zwischen diesen ungleichen Menschen, ja, genau Menschen sind und bleiben sie alle… Und nicht nur Dora und Gote finden einen Weg des gemeinsamen Umgangs, auch andere Dorfbewohner, wie ein Schwulenpärchen, eine alleinerziehende Blondine und ein obligatorischer, Flachwitze reißender Dauergriller nähern sich im Laufe dieses fesselnden Buches an.

Vielen Dank für Sätze, die man sich unbedingt merken möchte und zu Papier gebrachten Gefühlen, die man selbst nicht besser hätte ausdrücken können.

Annette Matthaei

 


im wasse sind wir schwerelos 150x237

 

Hoffman & Campe 23,00€

 

Tomasz Jedrowski: "Im Wasser sind wir schwerelos"

Manhattan. Ein Blick aus dem Fenster. Ludwik hat von dieser Welt geträumt, doch jetzt träumt er von der Vergangenheit und wir träumen mit ihm.

Ein langer Brief an eine womöglich verlorene Liebe: Ludwik nimmt uns mit ins Polen der 80er Jahre, wo er als studentischer Erntehelfer dem schönen Janusz begegnet und sich gleich in ihn verliebt. Zaghaft nähern sich die beiden an – mit tiefen Blicken, mit ihrer Körperlichkeit, durch die Liebe zur Literatur. Ihre Zeit auf dem Feld scheint wie ein Tanz, der sie immer näher zum Kern ihrer Leidenschaft führt und den Sommer leuchten lässt inmitten politischer Unruhe und Unsicherheit. Ihre Liebe fühlt sich wunderschön an und könnte beiden doch bald gefährlich werden. Die Möglichkeiten bestehen darin, sich selbst zu verleugnen oder das Land zu verlassen, um in Freiheit mit sich selbst zu leben. Ludwik sieht nur den einen Ausweg, Janusz einen anderen.

"Im Wasser sind wir schwerelos" ist Tomasz Jedrowskis Debütroman, wurde in Großbritannien von der Kritik gefeiert und vom Guardian zum Buch des Jahres ernannt.
In seiner Sprache erinnert der Roman an Ocean Vuong, in dem atmosphärischen Schreibstil an André Acimans „Call Me by Your Name“ – und ist doch etwas komplett Eigenes. Tomasz Jedrowski versteht es weder die Brisanz der politischen Welt des Romans noch die Leichtigkeit und Innbrunst einer jungen Liebe zu vernachlässigen. In seinem Roman schafft er eine unvergessliche Poesie der sinnlichen Identität und abschließender Jugend. Jedrowski erzählt eine Geschichte von der Universalität romantischen Sehnens und auch von der Kraft, die in der Entscheidung steckt, man selbst zu sein und welch große Opfer diese Entscheidung fordert.
Eine Geschichte, die so viel Hintergrund und Brisanz mit sich bringt ohne zu erschlagen, so gut zu lesen ist ohne je Trivial zu sein.

Mattes Daugardt

 


lebenssekunden 150x237

 

Droemer Verlag 20,00€

 

Katharina Fuchs: "Lebenssekunden"

Diese Autorin ist wirklich ein Phänomen. „Lebenssekunden“ ist bereits Fuchs‘ dritter Roman und allmählich spricht sich von Leserin zu Leserin herum, dass man mit diesen Büchern wunderbare Sofa-Nachmittage haben kann. Schon nach ein paar Seiten ist man immer „mittendrin“ und mag eigentlich nicht so recht aufhören.
Der neue Roman „Lebenssekunden“  beschreibt den Lebensweg zweier junger Mädchen/Frauen, er setzt ein 1956 und endet am 13. August 1961.

Angelika lebt in Kassel, sie ist knapp 16 Jahre und in der Schule läuft es alles andere als rund. Mehr als Mathe und Physik interessiert Angelika die Fotografie, am liebsten würde sie professionelle Fotografin werden.  Doch dieser Wunsch scheint in weiter Ferne, insbesondere als sie nach einem vermeintlichen Täuschungsversuch von der Schule verwiesen wird – ohne Abschluss. Nur durch einen Zufall ergattert sie tatsächlich einen Ausbildungsplatz bei einem Fotografen, Mitte der 50er Jahre für ein Mädchen absolut ungewöhnlich.
Christine wiederum lebt in Berlin – Berlin-Ost, um genau zu sein. Vor ihr liegt eine vielversprechende Karriere als Kunstturnerin, sie ist extrem begabt und wird zudem von ihrer Mutter sehr „unterstützt“, vielleicht sogar eher drangsaliert. Ihr Vater ist schon vor langer Zeit in den Westen gegangen, zu ihm hat Christine keinen Kontakt. Der Trainer tut sein übriges, auf Christine Druck auszuüben, auf Befindlichkeiten wird keine Rücksicht genommen, trotz Schmerzen wird trainiert was das Zeug hält. Christine kennt es nicht anders, außerdem ist sie erfolgreich – das kommt auch ihrem älteren Bruder zugute, der einen der begehrten Studienplätze für Ingenieurswesen erhält… natürlich nur, solange Christine weiter spurt.
Angelika wird nach ihrer Ausbildung den Sprung zu einer großen Zeitung nach Berlin schaffen und muss sich in der männlichen Journalistenrunde erstmal ihren Platz erkämpfen. Und dann, wir sind mittlerweile im August 1961, bittet ihr ehemaliger „Lehrherr“ sie um Hilfe: Seine Tochter in Ost-Berlin braucht dringend Hilfe, muss raus aus dem Osten.

Man kann sich gut vorstellen, dass sich Katharina Fuchs zu ihrem Roman u.a. von den berühmten Fotos aus der Bernauer Str. am 16. und 17. August hat inspirieren lassen. In jedem Fall ist ihr ein wunderbarer Schmöker vor dem Hintergrund deutscher Zeitgeschichte gelungen.

Astrid Henning

 


kleine wunder um mitternacht 150x237

 

Limes Verlag 20,00€

 

Keigo Higashino: "Kleine Wunder um Mitternacht"

Shota, Kohei und Atsuya sind drei junge Einbrecher - umständehalber, möchte man sagen! Drei sympathische Jungs, die in einer Kleinstadt nahe Tokio des Nächtens Unterschlupf suchen, nachdem sie eine völlig verkorkste Straftat begingen! Den finden sie ausgerechnet im seit Jahren leer stehenden Gemischtwarenladen von Herrn Namiya. Und während die drei noch darüber nachsinnen, was alles wenige Stunden zuvor schief lief, fällt ein Brief durch den Rolladenschlitz....

Das allein ist schon seltsam genug, zumal niemand sich dem Haus unbemerkt genähert haben kann, aber der Inhalt des Schreibens setzt die drei ehemaligen Heimkinder in noch größeres Erstaunen. Eine Frau namens "Mondhase" bittet darin nämlich Herrn Namiya inständig um Hilfe. Kurz entschlossen wird der Brief von Shota beantwortet und draußen im "Milchkästchen" abgelegt. Nach kurzer Zeit ist der nicht nur wie von Zauberhand verschwunden, sondern ein neuer Schrieb plumpst den Männer vor die Füße.

Spätestens jetzt wird auch dem Leser klar, dass er sich mitten in einer herrlich skurillen Geschichte befindet. Diese poetische Märchen für Erwachsene liest sich wunderbar leicht und hinterlässt definitiv ein gute Gefühl!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


kleine freiheit 150x237

 

C.H. Beck 22,00€

 

Nicola Kabel: "Kleine Freiheit"

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Kinder der Hardcore-68er keine einfache Kindheit hatten und sie nach der Schule meist die ersten waren, die mit Aktentasche und Trenchcoat ausgestattet, bürgerlichen Berufen nachgingen. So wird es auch beschrieben in diesem großartigen Roman von Frau Kabel.

Saskia, gerade 40 geworden, lebt mit Mann und zwei Jungs in einem Schläferdorf auf dem Lande. Christian pendelt täglich nach Hamburg in seine Kanzlei. Sas hat sich vor acht Jahren entschieden bei den Kindern zu Hause zu bleiben, obwohl ihr der Job als Richterin viel Spaß gemacht hat.
Saskias Kindheit war komplett unbehütet. Sie wuchs mit ihrer kleinen Schwester in einer Kommune auf. Keiner kümmerte sich wirklich um die Kinder, grenzenlose Freiheit, aber auch so gut wie keine Verantwortung für die Kleinen und völliges Ablehnen jeglicher Konventionen, somit auch von  für Kinder so wichtige Rituale. Was macht es mit einem Kind, wenn der Vater mit langem Haar und barfuß auf den Elternabend geht und pausenlos gegen alles wettert, die eigenen Klamottten schmutzig und durchlöchert sind? Wie ist es, wenn nie Weihnachten gefeiert wird, die Klassenkameraden von Barbiegeschenken und Tannenbäumen schwärmen. Die Mutter Meggie setzt sich auf Nimmerwiedersehen nach Amerika ab, da ist Sas 9 Jahre alt. Aus dieser Zeit hat sie eine steile Falte zwischen den Augenbrauen, einen anstrengenden Perfektionismus und wenig Lebensfreude und Leichtigkeit mitgenommen. Zu ihrem Vater Hans hat sie ein ambivalentes Verhältnis. Sie grollt ihm, liebt ihn, gerät immer wieder aneinander mit dem antikapitalistischen Rechtsanwalt.
Momentan ganz besonders, soll doch hinter ihrer Siedlung ein Windpark entstehen, gegen den Saskia und einige Nachbarn sich entschieden zur Wehr setzen. Auf einer der Bürgerversammlungen lernt die Juristin einen älteren Herren mit besten hanseatischen Manieren kennen, Joachim von Wedekamp, Vorsitzender eines Vereines, der sich zum Ziel gesetzt hat, „alte Werte“ zu schützen…ganz das Gegenteil von Hans.

Ich kann gar nicht glauben, dass dieses sensibel geschriebene Buch ein Debütroman ist. Die Autorin arbeitet die Zerrissenheit und zum Teil auch Verlogenheit der wilden Revoluzzergeneration und die Folgen für deren Nachkommen anhand der Vater-Tochter Beziehung aufs Feinste heraus. Für mich eins der besten Bücher dieses Frühjahres!

Annette Matthaei

 


das leben ist zu kurz fuer irgendwann 150x237

 

Goldmann 20,00€

 

Ciara Geraghty: "Das Leben ist zu kurz für irgendwann"

Haben Sie eine beste Freundin? Dann habe ich hier das ultimative Oster-, Geburtstags-, oder Einfachmalsogeschenk für Sie!
Die Rezensionen im Netz sind entweder überschwänglich und total euphorisch oder vernichtend. Bilden Sie sich unbedingt ein eigenes Urteil und lassen Sie sich nicht vom unsäglichen Cover des Buches abschrecken!

Terry und Iris sind sogenannte beste Freundinnen. Sie vertrauen sich gegenseitig bedingungslos. Um so tiefer trifft es Terry, als sie festellen muss, dass sich Iris still und heimlich davon schleichen will, um sich zum Sterben in die Schweiz zu begeben...
Im letzten Moment erreicht Terry die Fähre im Hafen von Dublin,
und Iris Proteste und Einwände werden kurzerhand über Bord gekippt. Für beide Frauen beginnt eine unvergessliche Woche. (Erwähnte ich schon, dass Terrys seniler Vater umständehalber mit von der Partie ist?) Sie reisen durch England und Frankreich, liegen jeden Nacht in einem anderen Bett, leben mit allen Sinnen und entdecken noch neue Seiten an sich und der Freundin.

Der Autorin gelingt es, das Thema Sterbehilfe mit gutem Gespür und Taktgefühl umzusetzen. Wir lesen keinen Roman über den Tod, sondern eine Hommage an das Leben und die Freundschaft!

Andrea Westerkamp

 


das geheimnis von zimmer 622 150x237

 

Piper 25,00€

 

Joël Dicker: "Das Geheimnis von Zimmer 622"

Und wieder schafft Joël Dicker einen Roman im Roman im Roman… Unglaublich spannend und raffiniert, perfide, aber jederzeit unterhaltsam liest sich diese neue Geschichte - geschliffen und durchtrieben gleichermaßen hat der Autor eine Struktur geschaffen, die von Seite eins an fesselt.

Der Erzähler in diesem Buch heißt ebenfalls Joël Dicker, ist (ebenfalls) ein erfolgreicher Genfer Schriftsteller und reist wegen eines misslich verpatzten Liebesintermezzos zur Entspannung in ein Luxushotel in Verbier, um dort seine Wunden zu lecken, Ruhe und Abstand zu gewinnen. Ein wenig irritiert zeigt sich Herr Dicker, als er herausfindet, dass sich in der sechsten Etage des Hotel Palace ein Zimmer mit der Nummer 621a befindet; die Zimmernummer 622 fehlt. Seltsam ist auch, dass der Portier dazu eine Geschichte erzählt, die sich schon nach wenigen oberflächlichen Recherchen als unwahr herausstellt.
Sein zufälliges Zusammentreffen mit der hinreißenden Scarlett macht aus den beiden Fremden ein Ermittlerpaar: ganz eingenommen sind sie von dem Umstand, dass sich in dem Hotel offenbar Mysteriöses ereignete. Und so machen sie sich auf die Suche nach einer Spur…

Vor und zurück springt jetzt die Geschichte: Joël Dicker, als Autor in Realität und im Buch, lässt sich viel Zeit, alles auszubreiten. Diese Zeit braucht es aber auch, denn es sind eine Menge an Vorgängen, Geheimnissen, Beziehungen und einiges an Hinterlist, was man kennenlernen muss. Immer wieder gibt es Hinweise auf unbekannte Ereignisse, scheibchenweise lässt der Autor dann Erklärungen dazu in den Roman einsickern. So viel man auch erfährt, so unklar bleibt es doch lange, was überhaupt geschah, damals in Zimmer 622. Ein Mord, das wird schnell sichtbar, aber wer war das Opfer? Die verschlungenen Pfade der Erzählung versperren immer wieder den Blick auf das, was in der besagten Nacht wirklich vor sich ging. In ganz kleinen, immer kleiner werdenden Schritten und Enthüllungen wird man an den Zeitpunkt herangeführt, an dem das bislang Verborgene geschah. Die Richtung ändert sich in beinahe jedem Kapitel – und ist man denn endlich zur Lösung vorgestoßen, weiß man doch nicht sicher, ob es wirklich die Lösung ist.
Eine Story wie eine russische Matrjoschka: immer steckt noch etwas drinnen, wenn man glaubt, bereits alles erfahren zu haben. Die Protagonisten, ob in der Gegenwart oder Vergangenheit angesiedelt, sind allesamt überzeugend gezeichnet, scharf konturiert, nicht immer sympathisch, aber durchweg authentisch.

Heike Kasten

 


ein stadtmensch im wald 150x237

 

Galiani 14,00€

 

H.D. Walden: "Ein Stadtmensch im Wald"

Wer genug hat von schreibenden Förstern und waldbadenden Zauseln, aber trotzdem gerne was über Natur und Wald liest, noch dazu sehr amüsant, der ist mit diesem wunderbaren Buch bestens bedient!

„Ein Stadtmensch im Wald“ ist der Bericht einer Berliner Großstadtpflanze (leider unter Pseudonym), der sich selbst als „naturblind“ bezeichnet und während des ersten Lockdowns in die Datsche seiner Freundin mitten im Nichts von Brandenburg zieht.
Die Freundin ist Krankenschwester, hat alle Hände voll zu tun und überhaupt, man hält’s ja kaum mehr aus in dem ganzen Irrsinn, also: Ab in die Natur! Die allerdings ist so gar nicht still und beschaulich, ganz im Gegenteil: Schon in der ersten Nacht fragen sich Walden, welch muntere Tiertruppe sich da auf dem Dach der Datsche vergnügt, um festzustellen, dass eine einzelne Maus jede Menge Krach machen kann. Die Vogelschar, die sich gerne dem Futterangebot hingibt, wird mittels Vogel-App und genauer Beobachtung allmählich unterscheidbar, und wir lernen: Auch bei den Vögeln gibt es Draufgänger wie Tom Cruise (die Mönchsgrasmücke), aber auch die gemütlichen, etwas behäbigen Naturelle wie den Dompfaff.
Wahre Dramen spielen sich ab direkt vor der Tür: Wer klaut nachts den Meisenknödel?? Und zwar wiederholt und unter verschärften Bedingungen? Tja, Waschbären sind halt intelligente Zeitgenossen, das kann man nicht bestreiten.

Dieses Buch ist eine wahre Labsal für die Seele, intelligent, humorvoll und in Teilen sogar anrührend (ich sage nur „der Fuchs“!). Außerdem natürlich bestens geeignet als Ostergabe, passend zum Schoko-Osterhasen!

Astrid Henning

 


bluetengrab 150x237

 

Wunderlich Verlag 16,00€

 

Ada Fink: "Blütengrab"

Anfang der 90er Jahre in der mecklenburgischen Provinz: Die Wende-Euphorie ist schon längst verflogen, inzwischen wird eher „abgewickelt“. In diese Stimmungslage kommt ein neuer Kollege aus Kiel zur Kripo nach Wussnitz, na prima, ein „Besserwessi“, das hat gerade noch gefehlt. Vor allem Kollegin Bandow ist alles andere als begeistert, dass sie ihr Büro mit Ingo Larssen aus dem Westen teilen soll.
Doch mit diesen Kinkerlitzchen können sich die Beiden nicht lange aufhalten, denn die Ereignislosigkeit der Provinz wird durch eine verstörende Entdeckung unterbrochen: Im nahen Dohlenwäldchen ist eine Tote gefunden worden, ziemlich zugerichtet, in die Stirn ein germanisches Schriftzeichen eingeritzt, aufgebahrt auf einem Grab von weißen Ebereschenblüten. Um den Hals trägt die junge Frau eine kleine Kette mit einem Marienkäferanhänger – und genau dieser Anhänger katapultiert Ulrike Bandow zurück in ihre Vergangenheit als Jungpionierin…ihre Freundin Christa trug den gleichen Anhänger…verschwand wenig später in einem Kinderheim…berichtete von schrecklichen Zuständen dort. Diese Vorwürfe wurden damals zwar „untersucht“, aber eben nur an der Oberfläche, und es war nicht zuletzt Ulrikes Aussage als Freundin von Christa, die zur Beendigung der Untersuchung führte: Ja, Christa neige zu Übertreibungen, das sei schon immer so gewesen.
Diese Schuld der Vergangenheit drängt wieder an die Oberfläche, denn es stellt sich heraus, bei der Toten handelt es sich um eine Vermisste aus einem polnischen Jugendheim.
Gleichzeitig wird ein zweites polnisches Mädchen vermisst… die Zeit drängt, man befürchtet ein zweites Verbrechen.

„Blütengrab“ wartet mit gleich drei Pluspunkten auf: eine schlüssige und fesselnde Krimihandlung, interessante und vielschichtige Figuren und das Ganze vor einem spannenden politischen Hintergrund. Ada Fink gelingen unglaublich lebendige und glaubhafte Charaktere, nie schablonenhaft oder zu klischeebefrachtet. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Geschichte um das Ermittlerteam Bandow/Larsson noch einige Fortsetzungen findet!

Astrid Henning

 


der verdacht 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Ashley Audrain: "Der Verdacht"

Dieser Roman ist keine leichte Kost, packt den Leser von der ersten Zeile an und lässt ihn in psychologische Tiefen eines Familiendramas einsteigen, wie man es sonst nur bei Leilas Slimanis „Nun schlaf auch du“ erfahren hat.

Blythe ist Ende dreißig und steht vor den Scherben ihres Lebens. Das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Was so vielversprechend anfing, nämlich die Beziehung zu ihrem Mann, der liebevoll, humorvoll und einfach selig mit der Frau seines Herzens war, scheiterte. Blythe und er wollten eine Familie gründen und als sie schwanger war, schien das Glück vollkommen. Durch die weibliche Linie der werdenden Mutter zieht sich jedoch ein Schatten. Alle Frauen ihrer Familie sind mit absolut lieblosen Müttern aufgewachsen und so hat auch Blythe ein schweres Paket zu tragen.
Cecilia, ihre Mutter, kümmerte sich kaum um sie, war stets abweisend, und obwohl sie um deren Liebe buhlte, verliess die Mutter das Kind im Alter von 11 Jahren und zeigte nie wieder ein Interesse an ihrer Tochter. Es ist nicht verwunderlich, dass Blythe unter enormem Druck steht mit ihrem Kind alles besser zu machen. Das kann aber nicht schwer sein mit so einem perfekten Partner an ihrer Seite. „Die Geburt unserer Tochter Violet hätte der glücklichste Augenblick meines Lebens sein sollen. Doch schon als ich das Baby zum ersten Mal im Arm hielt, war ich mir sicher: Sie lehnt mich ab, von ganzem Herzen. Alles nur Einbildung? Zu meinem Mann war sie immer lieb. Zu mir aber war sie anders: abweisend, kalt, böse. Und dann kam der Tag, an dem das größtmögliche Unglück über unsere Familie hereinbrach...“.
Die Kleinkindjahre mit Violet sind für Blythe ein Graus. Ständig müde, überfordert, abgewiesen schon von dem Baby, unverstanden von ihrer Umwelt, fühlt sie sich allein, verunsichert und verängstigt. Das ändert sich, als sie mit einem kleinen Jungen schwanger wird. Jetzt merkt sie sofort die enge Verbindung und tiefe Liebe, Sam, ihr ein und alles… mit ihm ist alles, wie es sein soll zwischen Mutter und Kind. Doch dann kommt es zu oben genanntem Unglück…

Nachdem ich die letzten Worte dieses beeindruckenden Romanes gelesen habe, musste ich erstmal kräftig ausatmen… Ein unglaubliches Debüt der Kanadierin  Ashley Audrain, die sich mit Autorinnen wie Celeste Ng durchaus messen kann.

Annette Matthaei

 


schwester 150x237

 

Piper 22,00€

 

Mareike Krügel: "Schwester"

Iulia führt ein ruhiges, zufriedenes Leben. Mit ihrem Mann, dem Pastor Niels, und ihrem Teenager-Sohn Aaron wohnt sie im Pfarrhaus des Ortes und arbeitet als Bankfachfrau in der Sparkasse. Die Zahlen und Fakten bei ihrer Arbeit geben ihr Sicherheit, Niels ist ein sehr aufmerksamer Ehemann, der alles Gute in sich zu vereinen scheint. Und auch Aaron hat vernünftige Zukunftspläne und bereitet Iulia kaum Sorgen und Probleme. Als jedoch Iulias Schwester Lone einen schweren Verkehrsunfall hat und im künstlichen Koma liegt, gerät ihre scheinbar perfekte Welt bedrohlich ins Wanken.

Immer weniger wurde der Kontakt der beiden Schwestern zueinander in den letzten Jahren. Iulia stellt fest, dass sie kaum etwas über das Leben, das ihre Schwester in den letzten Jahren als freiberufliche Hebamme geführt hat, zu wissen scheint.
Zunächst nur, um die Frauen zu informieren, die ihre Schwester betreute, stattet Iulia Lones Schützlingen einen Besuch ab. Doch plötzlich scheint nichts mehr zu sein, wie es vorher war: Bei den so unterschiedlichen Frauen und ihren geborenen und ungeborenen Kindern eröffnet sich Iulia eine für sie völlig fremde Welt. Sie beginnt zu verstehen, warum ihre Schwester diesen Beruf ergriffen hat und bekommt einen Einblick in Lones Leben.

Mit diesem neuen Blickwinkel verändert sich auch ihr Verhältnis zu ihrem eigenen Leben. Die Verabredung zum Sex mit ihrem Mann am Sonntagabend bekommt plötzlich einen fahlen Beigeschmack, die Bewohner des kleinen Ortes, die das Verhalten des Pastorenpaares mit Argusaugen beobachten, wandeln sich von „Schäfchen“ zu „Wölfen“, die Chorleiterin, die Iulia immer so kalt und abweisend erschien, scheint dem Pastor doch recht zugetan zu sein und plötzlicher, innerer Widerstand regt sich gegen die irrationalen Entscheidungen ihres Chefs in der Bank.
Iulia spürt, dass sie unmöglich weiter das Leben führen kann, das ihr bisher so erstrebenswert und sicher vorkam. Und über allem schwebt der drohende Tod Lones, und die Frage, was eigentlich an jenem verhängnisvollen Sonntag, als Lones „Hebammobil“ auf offener, wenig befahrener Straße mit einem Traktor kollidierte, passiert ist...

Sabine Christ

 


der libanese 150x237

 

Heyne Verlag 16€

 

Clemens Murath: "Der Libanese"

Für  Fans von Joe R. Lansdale und Elmore Leonard.

Fank Bosman, LKA Berlin, ist wahrlich nicht zartbesaitet. Gerade hat er bei einer missglückten Verhaftung einen Drogendealer erschossen. Natürlich wird er sich der internen Ermittlung stellen müssen. Das raubt ihm nicht wirklich den Schlaf, aber angesichts dessen, dass eine junge und durchaus attraktive Augenzeugin ihn nun zum Gegenstand ihrer sexuellen Fantasien macht, wird die Situation prekär....
Währenddessen wird Franks Schwager Harry, ein windiger Filmproduzent mit großen Geldproblemen entführt. Um das Maß voll zu machen gibt es gewaltigen Ärger mit der libanesischen Mafia. Frank und seine Kollegen haben alle Hände voll zu tun, um den Sumpf in der Hauptstadt trocken zu legen.

Die Verwicklungen sind mannigfaltig, der Thriller strotzt nur so vor Action, und es empfiehlt sich nicht, ihn aus der Hand zu legen. Sie könnten sonst eventuell den ein oder anderen Erzählstrang vergessen...;)
Unzählige Male dachte ich während des Lesens: Frank! Tu´s nicht.... Korruption, Lügen, Drogen, Sex und heillose Verwicklungen mit herrlich skurrilen Typen werden uns in diesem Thriller geboten. Die Sprache ist rau und dem Straßenjargon Berlins (oder jeder x-beliebigen Großstadt) angepasst. Das Erzähltempo ist rasant, und es passiert ungeheuer viel auf diesen 470 Seiten. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf den zweiten Teil!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar



maedchen frau etc 150x237

 

Tropen Verlag 25,00€

 

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc."

Noch bedeutsamer als in Deutschland der Deutsche Buchpreis ist in England der Booker Prize. Umso größer war die Sensation, als 2019 erstmals eine schwarze Frau diese renommierte und traditionsreiche Auszeichnung erhielt – Bernadine Evaristo. Nun liegt ihr Roman auch in deutscher Sprache vor, hervorragend übersetzt von Tanja Handels, um das gleich vorwegzunehmen.

12 Lebensgeschichten erzählt uns Evaristo in ihrem Roman, Geschichten von schwarzen Frauen in England, die Jüngste ist 19, die Älteste 93 Jahre. Und ähnlich breit wie das Altersspektrum sind auch ihre Persönlichkeiten, Bedürfnisse und Ziele – hetero, lesbisch, queer, trans, non-binär… Da kam ich mir beim Lesen doch erstmal vor wie eine „alte, weiße Frau“ und, ich gebe es zu, musste mir einen kleinen Schubs geben, um das Buch nicht ignorant zuzuschlagen. Was ein großer Verlust gewesen wäre, denn „Mädchen, Frau etc.“ ist ein unglaublich klarsichtiger, scharfsinniger und  ja -  witziger Roman.
Für jede ihrer Figuren findet Evaristo den richtigen Ton: Hattie z.B., 93 inzwischen und mit jedem Recht, grantelnd auf ihre Nachkommen zu schauen. Dass ihre Enkelin sich offensichtlich in eine Frau verliebt hat und mir ihr zusammenlebt, nun gut, an „sowas“ hat man sich inzwischen gewöhnt, dass sie sich jetzt aber gar keinem Geschlecht mehr zuordnen möchte, das geht Hattie dann doch zu weit.
Oder Bummi, die in Nigeria erfolgreich ein Mathematikstudium absolviert hat, in England dann aber trotzdem als Putzfrau arbeitet, weil niemand einer schwarzen Frau was anderes zutraut – und da reden wir von London in den 90er Jahren! Mit enormer Willenskraft und Disziplin bringt sie es schließlich zu einer eigenen Reinigungsfirma.

Evaristos Figuren kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, und genau das führt beim Lesen dazu, dass ein Klischee nach dem anderen in sich zusammenfällt. Gekonnt und durchaus ironisch beschreibt sie die aktuellen Debatten um Diskriminierung, Rassismus, Geschlecht – gibt es inzwischen einen „Wettbewerb“ um die Gruppe mit den meisten Benachteiligungen?
Auch die Form, die sie für ihren Roman gefunden hat, überzeugt auf ganzer Linie. Die sparsame Interpunktion führt hier nicht zu fehlender Struktur, sondern erzeugt vielmehr einen Schwung, einen Flug von einem Gedanken zum nächsten. Bernadine Evaristo zeigt uns mit ihrem Roman einen Teil der britischen Gesellschaft, dessen Vielfältigkeit und Lebenswelt bislang viel zu wenig Beachtung gefunden hat, und das gilt ganz sicher nicht nur für Großbritannien!
Ein Lese-Erlebnis, das bereichert und den Horizont erweitert.

Astrid Henning

 


leichenblume 150x237

 

Fischer Scherz 15,00€

 

Anne Mette Hancock: "Leichenblume"

Ein solider, spannender Skandinavienkrimi, wie wir ihn lieben, Setting Kopenhagen.
Kein unbekanntes Strickmuster: taffe Investigativ-Journalistin, kauziger Kommissar und untergetauchte Mörderin. Das gab es so ähnlich schon und ist trotzdem spannend, fesselnd,mit der nötigen Prise Mord und Totschlag und was sonst noch dazu gehört, gewürzt.

Bei Heloise Kalden läuft es gerade nicht so rund. Sie ist bei einer großen, seriösen Zeitung beschäftigt und hat sich mit einem Leitartikel aktuell ordentlich in die Nesseln gesetzt. Unwissentlich hat sie Falschinformationen über einen Textilfabrikanten auf‘s Papier gebracht und die „Ente“ kam ausgerechnet von ihrem aktuellen Freund, einem Pressemitarbeiter im Ministerium. Das bringt auch im Privaten einiges in Schieflage.
Zu allem Überfluss erhält sie jetzt noch Briefe kryptischen Inhaltes, abgestempelt in Frankreich, unterzeichnet von einer vor Jahren untergetauchten Frau namens Anna Kiel, die nach einem bestialischen Mord an einem renommierten Rechtsanwalt, spurlos von der Bildfläche verschwunden ist. Beunruhigend ist zudem die Tatsache, dass eben diese Mörderin Dinge über Heloise zu wissen scheint, die diese nicht mal ihrer besten Freundin mitgeteilt hat.
Erik Schäfer, in die Jahre gekommener Kommissar in Kopenhagen, war vor Jahren mit dem Fall Anna Kiel betraut. Es wurmt ihn, dass er die Mörderin nie stellen konnte. Nun wird ihm aus Frankreich ein Foto zugespielt auf der eindeutig die Gesuchte zu sehen ist. Erik nimmt Witterung auf und sein Adrenalinspiegel steigt, als Heloise sich in ihrer Not an ihn wendet. Die beiden arbeiten zwar zusammen, doch natürlich unter jeweils anderen Vorzeichen. Heloise erhofft sich, durch die Aufdeckung des alten Falles ihren Fauxpas wieder gut zu machen, nicht ahnend in welche Lebensgefahr sie sich damit begibt, denn hinter der Geschichte stecken mächtige, skrupellose Drahtzieher.

Super Krimi, mit unerwarteten Wendungen, anständigem Shutdown in einem Nobelhotel in Cannes und irgendwie gerechtem Ausgang. Wir können uns nach diesem völlig abgeschlossenem ersten Krimi von der Dänin Anne Mette Hancock auf weitere Bücher mit dem Gespann Heloise Kalden und Erik Schäfer freuen, prima, ich bin dabei. „Narbenherz“, der Nachfolger, wird im Juli diesen Jahres erscheinen.

Annette Matthaei

 


die frau vom strand 150x237

 

Ruetten und Loening 16,99€

 

Petra Johann: "Die Frau vom Strand"

Rerik an der Ostsee....
Rebecca ist selig! Endlich scheint sie in ihrem Leben angekommen  zu sein. Täglich läuft sie am Strand stundenlang spazieren und genießt das Ostseeklima, immer in einem Tragetuch dabei, ihre niedliche Tochter Greta. Währenddessen arbeitet ihre Frau Lucy als Unternehmerin in Hamburg. Einziger Wermutstropfen : Lucy kommt immer erst am Wochenende nach Hause, selten schafft sie einen Kurztripp mittwochs.

Montagmorgen - Becca hat den Strand für sich, noch ist kein anderer Mensch zu sehen. Hinter einen kleinen Uferböschung steht plötzlich eine Fremde vor ihr : nackt,mit triefendnassen Haaren und offensichtlich verärgert. Sie habe nur ein kurzes Bad in der Ostsee nehmen wollen, erzählt sie. Und zwischenzeitlich hat irgendjemand sowohl ihre Kleidung, als auch ihr Handtuch entwendet. Rebecca leiht der Frau ihre Jacke, und gemeinsam suchen sie erfolglos den Strandabschnitt nach den Sachen ab. Schließlich nimmt Rebecca Julia,so heißt die Unbekannte, mit nach Hause. Bei heißem Tee und in geliehener Kleidung verbringen die zwei Frauen mehrerer Stunden. Abends erzählt Becca Lucy am Telefon von dieser ungewöhnlichen Begegnung.
Wie sehr hat sie gute Gespräche vermisst! Während der nächsten Tage treffen sich Rebecca und Julia fast täglich,und so scheint es nur logisch, dass Julia herzlich eingeladen ist, am Samstag zum Abendessen zu kommen. Becca möcht Lucy und die sympathische neue Freundin einander vorstellen. Julia erscheint jedoch nicht zum Abendessen. Über das Handy ist sie auch nicht zu erreichen. Rebecca ist enttäuscht und beginnt sich Sorgen zu machen....

Eigentlich hat Edda noch Urlaub, den braucht sie auch dringend, wenngleich das Nichtstun bei ihr nicht wirklich zur Entspannung beiträgt. Stattdessen sitzt sie stundenlang vor irgendwelchen Videospielen, natürlich mit schlechtem Gewissen. Der Anruf aus der Dienststellen kommt ihr daher gar nicht so ungelegen. Eine Tote wurde von Spaziergängern am Strand entdeckt....

Andrea Westerkamp

 


die erfindung der sprache 150x237

 

Kindler 20,00€

 

Anja Baumheier: "Die Erfindung der Sprache"

Da war ich überrascht, als mir der neue Roman von Anja Baumheier in die Hände fiel. Ein so gänzlich anders geschriebenes Buch als die gern gelesenen Vorgänger "Kastanienjahre" und "Kranichland".

Wir finden uns ein auf einer winzigen ostfriesischen Insel : Platteoog. Ubbo lebt dort von Kindesbeinen an, obwohl doch sein Traum das Besteigen von unbezwingbar hohen Bergen ist. Bei einer solchen Tour in Tschechien steht er unwettergebeugt bei Leska vor der Tür, die ihn kulinarisch verwöhnt, sich verliebt und ihm als seine Frau flugs auf die Insel in der Nordsee folgt. Die beiden haben eine Tochter, Oda.
Oda pflegt als Radiomoderatorin besonders eine Sendung namens „Sprich dich frei“ mit ganzem Herzen. Kein großer Lauschangriff, sondern gezieltes Zuhören, das ist genau ihr Fall und so erfreut sich der Radiokummerkasten großer Beliebtheit. Obwohl sie in Besitz von wunderschönen semmelblonden Locken, unfassbar grünen Augen und einer ordentlichen Portion Liebreiz ist, hat es noch kein Mann an ihre Seite geschafft. Das ändert sich als Hubert Riese, ein geheimnisvoller Hüne aus Bayern, die Stelle als Leuchtturmrestaurator auf Platteoog antritt. Die beiden sind schockverliebt, die gesamten Insulaner nehmen an dem Glück der Verliebten teil und hecheln mit bei Odas Wehen, als sie endlich einen kleinen Jungen erwartet, Adam wird geboren.
Adam Riese!!! „Mit dem Jungen stimmt was nicht“, wird gesagt, als der Kleine mit zwei Jahren immer noch keinen Pieps von sich gegeben hat. Trotz dieses nicht falschen Urteils, wird es Adam zwar nicht zu einer zu seinem Namen passenden Körpergröße bringen, jedoch eine Stelle als Dozent für, ja, wirklich!, Sprachwissenschaften an einer Universität in Berlin innehaben. Was Adan das Leben schwer macht, das ist eine Art von Autismus. Veränderungen, viele Menschen, Gefühle, Farben, all das löst in ihm Angst und Panik aus. Listen und Systeme, besonders die Zahl 7, das ist es, was er liebt.
Wie beunruhigend ist es für ihn, dass nun ausgerechnet ihm die Aufgabe zufällt, seinen Vater Hubert zu suchen, der aus unerfindlichen Gründen vor vielen Jahren von der Insel verschwand ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Mutter Oda verstummte nach diesem Ereignis und verweigert nun auch noch das Essen, nachdem sie in einem Buch auf Spuren des verschwundenen Huberts stieß. Adam hat keine andere Wahl, als sich aus der Komfortzone zu bewegen und sich in die bedrohliche Welt aufzumachen.

Wer mit dem Humor vom Hundertjährigen von Jonasson etwas anfangen konnte und einen Faible für skurrile, liebenswert beschriebene Figuren hat, für den ist dieser Roman genau das Richtige. Ich glaube, ich habe noch nie ein Buch mit derartig vielen Adjektiven, zum Teil auch frei erfundenen (aber man weiß genau, was die Autorin meint), gelesen und kenne mich jetzt mit einsteingrauen Sakkos und zimtbraunen Katzenfellen aus.
Viel Spaß bei der Lektüre!

Annette Matthaei

 


how dare you 150x237

 

Siedler 20,00€

 

Jan Fleischhauer: "How dare you!"

Manchmal bleibt einem beim Lesen dieser wunderbaren Kolumnen das Lachen sprichwörtlich im Halse stecken, so pointiert, so böse und so klar formuliert der Autor und zeigt gnadenlos auf, was in unserem Staate, vor allem in der Politik so alles, sagen wir mal, hinterfragbar ist. Jan Fleischhauer vertritt provokant, bissig und ausgesprochen unterhaltsam eine eigene Meinung („How dare you“) – und das ist etwas, was heutzutage eher unüblich ist, egal wohin man schaut. Aber Herr Fleischhauer nimmt sich diese Freiheit! Ob über die Ökoträume der Grünen, den Rudeltrieb der Medien oder die neue Kultur der Empfindlichkeit und Dauer-Achtsamkeit: er traut sich dagegen zu halten, auch auf die Gefahr hin, von allen Seiten Prügel zu beziehen.

In diesem Buch nimmt er seine beliebtesten – und umstrittensten – Kolumnen als Ausgangspunkt für Nachfragen. In Gespräche mit Andersdenkenden und Lieblingsgegnern wie Jakob Augstein, Margot Käßmann oder Armin Nassehi wird klar, dass die Auseinandersetzung grundsätzlich erst anfängt, wo die Kolumne endet. Jan Fleischhauer schafft Distanz, und zwar indem er austeilt: gegen Heiko Maas und seine Anzüge genauso wie gegen Alice Schwarzer und ihre schwachen Nerven. Reines Schubladendenken funktioniert hier also nicht. Die elegante Provokation zieht sich wie ein roter Faden durch die Sammlung – und das liest sich richtig gut, ist reich an klugen Pointen und auch ausreichend recherchiert. So geschliffen wird hier formuliert, das macht die Lektüre zu einem reinen Vergnügen. Jedoch, und das sei betont, niemals tritt Jan Fleischhauer auf diejenigen ein, die bereits am Boden liegen, das tun andere Kommentatoren ja schon zur Genüge!
Sind sich allerdings alle einig, schert Fleischhauer garantiert aus der Reihe: Er legt den Finger in die Wunde und kämpft für das Recht auf eine eigene Meinung – auch wenn diese mitunter weh tut.

Je nach Sichtweise kann man sich über die Kolumnen aufregen, freuen, nachdenken – auf jeden Fall aber muss man sie ernstnehmen; und was sie von anderen unterscheidet und ihnen öfter mal den Glanz des Feuilletons alter Schule gibt, ist ihre Milieudurchlässigkeit.

Heike Kasten

 


als ich einmal in den canal grande fiel 150x237

 

Droemer 18,00€

 

Petra Reski: "Als ich einmal in den Canal Grande fiel"

An einer Botschaft kommt man in diesem Buch nicht vorbei: Mit Venedig-Besuchen muss es erstmal auf längere Zeit vorbei sein, wenn man sich wie ein verantwortungsvoller Tourist (und Mensch) verhalten will. Denn wie schreibt Petra Reski so treffend: „Ich lebe in einer Stadt, die unter der Liebe von mehr als dreißig Millionen Menschen pro Jahr leidet.“ Einer Stadt, die zum Disneyland, zum Freizeitpark degradiert wird. Museum kann man leider nicht sagen, die werden besser geschützt.

Seit 1991 lebt die Journalistin Reski in Venedig. Eigentlich nur beruflich dort, um vom Filmfest zu berichten, läuft ihr ein Venezianer über den Weg und mitten rein ins Herz. Seitdem ist sie mit ganzem Herzen Bewohnerin von Venedig und beobachtet, wie sich die Stadt verändert. Dieses Buch ist eine einzige, wehmütige Liebeserklärung an Venedig und gleichzeitig eine Klageschrift, weil der Stadt durch die galoppierenden Entwicklungen der letzten Jahre die Luft abgedrückt wird. Ein Billigflug für 29,99 €, jährlich mehr als 500 Kreuzfahrtschiffe, Airbnb statt Wohnungen für Venezianer – gegen diese Bedrohungen käme man nur mit entschiedener Politik an, die die Massen an Besuchern begrenzen würde. Das aber passiert nicht, denn die Verquickung von Politik und Wirtschaft ist zu groß, Korruption auch hier an der Tagesordnung. Und neben dem Tourismus ist die Stadt natürlich noch durch den Klimawandel und den damit verbundenen steigenden Meeresspiegel bedroht.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum Sie sowas lesen sollten, deprimierend und trostlos klingt das doch. Aber das ist eben auch das besondere an Reskis Buch: Es verbreitet auf jeder Seite italienische, venezianische Atmosphäre und nimmt uns mit in die Welt der Kanäle, Lagunen und Inseln. Reskis Ton ist klar und frisch; genauso, wie sie Missstände benennt, schwärmt sie von den Begegnungen mit „echten“ Venezianern und beschreibt z.B., wie sie Boot fahren gelernt hat, was nach einer ähnlichen Herausforderung klingt, wie in New York den Führerschein zu machen.
Reisen im Kopf ist ja zur Zeit wenigstens möglich, und das geht mit diesem Buch ganz hervorragend – und gar nicht zu Lasten dieser besonderen Stadt.

Astrid Henning

 


eine formalie in kiew 150x237

 

Hanser Berlin 20,00€

 

Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"

Dima, der Ich-Erzähler, ist 34 Jahre alt. Demokratiedeutscher aus Überzeugung. Nun fehlt ihm nur noch die Staatsbürgerschaft, nach 25 Jahren als ehemaliger Kontingentflüchtling aus der Ukraine, sollte das eigentlich nur noch eine kleine Formalie sein... Doch die Beamtin fordert Dima auf, eine Apostille aus Kiew vorzuweisen, nur dann klappt es mit der Einbürgerung!

Also reist Dima nach Kiew in die Vergangenheit: Beim Besuch der alten Wohnung mit ihren „Stillstandsziegeln“, porösen Steinstufen und „regressrostigen Fenstern“ und bei Spaziergängen mit dem einst besten Kinderfreund prüft er, ob das, was ihm über die Ukraine „eingevorurteilt“ wurde, zutrifft. Manches stößt ihn ab, doch kostbar bleibt die Geburtsstadt, weil seine Eltern dort einmal glücklich gewesen waren.

Wunderbar liest sich Kapitelmans "Wortschöpfungslust", seine traurig-schöne Familiengeschichte erschien mir daher viel zun kurz. Man spürt Dimas persönliche Betroffenheit, wenn er von der Heute- und der Damals-Mutter schreibt, die sich lieber mit zig sibirischen Hauskatzen umgibt, als dem sich verlierenden Ehemann zur Seite zu stehen. Mit feiner Satire ist dieser neue, stark autobiografische Roman geschrieben. Absolut lesenswert!!!

Andrea Westerkamp

 


kindheit 150x237

 

Aufbau Verlag 18,00€

 

Tove Ditlevsen: "Kindheit"

Drei Dinge von denen ich vor „Kindheit“ von Tove Ditlevsen keine Ahnung hatte: Tove Ditlevsen, die 1920er Jahre in Kopenhagen und die geballte Kraft dieses schmalen Bandes. Die dänische Autorin ist in ihrem Heimatsland bereits Kanon, doch erst durch die Kopenhagen-Trilogie lernte ich endlich von der faszinierenden Autorin – ganze 45 Jahre nach ihrem Tod.

In dem autofiktionalen Werk erzählt Tove Ditlevsen von ihrer Kindheit in einem Kopenhagener Arbeiterviertel, das ihr gleichzeitig so viel Geschichte bietet und doch so wenig Raum diese zu erzählen. Ein Bruder, der nicht früh genug ausziehen kann. Eine Mutter, die mit sich selbst beschäftigt ist. Ein Vater, der nicht an die Existenz weiblicher Dichterinnen glaubt. Für einen kurzen Moment erscheint uns die junge Tove so sonderbar in dieser Umgebung, bis wir sie erkennen und uns bloß ob der Sonderbarkeit der anderen wundern, die es nicht tun. Ihre Beobachtungsgabe distanziert sie und macht doch jede ihrer Begegnungen völlig unangestrengt zu einem literarischen Erlebnis, das sich so gerne und gut lesen lässt.
Tove schreibt über die Anfänge ihres Schreibens und Schreiberin-seins in einer Stimme, deren Echo zurecht in der Gegenwart widerhallt. Ihr Schreibstil ist modern, die Themen aktuell – als Autorin und als Frau ihrer Zeit voraus.
Über ein freies und selbstbestimmtes Leben, allen Widrigkeiten zum Trotz, berichten die Bände von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie. Auch die nachfolgenden Bände „Jugend“ (978-3-351-03869-4, 18€) und „Abhängigkeit“ (978-3-351-03870-0, 18€) sind diesen Monat im Aufbau Verlag erschienen und lesen sich wie ein einzelnes großartiges Werk: Absätze von ergreifender Intensität, Sätze von atemberaubender Prägnanz.

Tove Ditlevsen sollte man gelesen haben, ihre Bücher machen große Lust auf noch mehr Bücher.

Mattes Daugardt

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar



miss bensons reise 150x237

 

Krüger 20,00€

 

Rachel Joyce: "Miss Bensons Reise"

Wenn wir Glück haben, gibt es irgendetwas in unserem Leben, dass uns so richtig wichtig ist, für das wir Hindernisse überwinden und uns anstrengen – für das wir brennen.
Für Margery ist die Sache klar, endlich wieder, denn eine Zeitlang hatte sie fast vergessen, was ihre Leidenschaft ist. Aber den „Goldenen Käfer von Neukaledonien“ zu entdecken, das ist ihr Ziel, seitdem ihr Vater ihr davon eine Abbildung in einem Lexikon gezeigt hatte, irgendwann 1914 oder so.
Jetzt ist 1950 und Margery fristet ihr Dasein als Hauswirtschaftslehrerin – dabei kann sie nicht mal gut kochen. Als sich dann auch noch ihre Klasse mit einer gemeinen, aber leider treffenden Karikatur über sie lustig macht, brennen bei Margery die Sicherungen durch: Sie unterbricht den Unterricht, geht nach Hause und setzt ein Inserat in die Zeitung „Gesucht: Französisch sprechende Begleitung für eine Expedition ans andere Ende der Welt. Alle Kosten werden übernommen.“

Damit beginnt ein Abenteuer der ganz besonderen, für uns der ganz besonders unterhaltenden Art, denn zu guter Letzt bleibt Margery nichts anderes übrig, als mit Enid zu reisen, eine Notlösung, ein Ersatz; sie sieht Enid das erste Mal auf dem Bahnhof in London, kurz vor der Abfahrt – eine junge Frau im pinkfarbenen, äußerst figurbetonten „Reisekostüm“, auf dem Kopf ein neckisches Hütchen, insgesamt komplett fern von einer patenten Reisebegleitung… Kaum zu glauben, dass diese beiden Frauen nach Neukaledonien reisen werden: Sie werden die wildesten Abenteuer erleben und viel Hürden nehmen, gemeinsam, nachdem sie sich irgendwann bei all ihrer Verschiedenheit, oder gerade deswegen, zusammengerauft haben und sich treue Begleiterinnen werden.

Beide Frauen haben tiefe Verletzungen aus der Vergangenheit zu überwinden, und Rachel Joyce versteht es ganz wunderbar, ihre Protagonistinnen lebendig, warm und mit einer gehörigen Portion Skurrilität zu schildern.
Der passende Roman zur Jahreswende – statt mehr Sport und bewusster Ernährung zu Neujahr, vielleicht besser mal darüber nachdenken, was denn der eigene Traum im Leben war oder ist!

Astrid Henning


the german girl 150x237

 

Rowohlt 20,00€

 

Ulrike Sterblich: "The German Girl"

„The German Girl“ – das ist Mona, die mit Anfang 20 aus Berlin nach New York zieht, Ende der 60er Jahre, um sich dort als Fotomodell zu versuchen. Ihre langen Beine sind ihr dabei jedenfalls nicht im Weg, ein Engagement als Strumpfhosenmodell hat sie schon in der Tasche, und der Rest wird sich ganz bestimmt ergeben, meint Mona.
Langweilig ist es jedenfalls nicht, denn New York ist zu diesem Zeitpunkt eine turbulente, brodelnde Stadt, voll mit Künstlern und vor allem welchen, die sich dafür halten. Showbusiness, Kunst, Politik, Geld – alles da, und von allem reichlich.
Mit Konventionen hat man nicht viel am Hut, alles fühlt sich irgendwie sehr leicht, schwebend und in Bewegung an – was auch ganz schön anstrengend sein kann. Wenn man mal wieder das Gefühl hat, nicht mehr gut drauf zu sein, sich schlecht und überfordert fühlt, na dann gibt’s ja ganz spezielle Ärzte, „Feelgood-Doctors“, die einen innerhalb von Sekunden und mit ein paar Spritzen wieder ganz nach vorne katapultieren können. Was das für Injektionen sind, will man gar nicht genau wissen, Vitamine, Enzyme und Mineralien sind drin, das hört sich doch gesund an.
Dr. Max ist einer von den ganz berühmten, sogar John F. Kennedy hat sich von ihm behandeln lassen, außerdem alles was in Wirtschaft, Politik und Showbiz einen Namen hat, das Wartezimmer platzt regelmäßig aus allen Nähten. Auch Mona profitiert von Dr. Max‘ Behandlung, übrigens ein Deutscher, der 1936 in die USA emigriert ist und mit Mona gerne über Berlin plaudert. Könnte also alles so unbeschwert weiter laufen, doch dann wird ein Patient und Freund von Dr. Max tot aufgefunden, mit jeder Menge Einstichstellen: Da möchte man doch mal genauer untersuchen, was es mit den Wunderspritzen so auf sich hat.

Dieser Roman hat was von der Party-Stimmung bei Holly Golightly, mit den dazugehörigen seelischen Katern. Er lässt uns nochmal eintauchen in die Pop-Art Welt New Yorks Ende der 60er, er vermittelt den ungeheuren Schwung und Optimismus, der offensichtlich (geforderte) Lebenshaltung war. Frisch, temporeich und mit intelligentem Witz!

Astrid Henning


die unverhofften 150x237

 

Suhrkamp 25,00€

 

Christoph Nußbaumeder: "Die Unverhofften"

666 Seiten! Ein Wälzer wie gemacht für momentane Zeiten, in denen viele Menschen ihr Leben mit Lesen füllen.

Dieses Familien- und Gesellschaftsepos behandelt mehr als 100 Jahre deutsche Geschichte, beginnend 1899 im bayrischen Wald, nahe von Böhmen, endend im Jahre 2019. In Eisenstadt ist die Geschichte angesiedelt.
Die Familie Hufnagel beherrscht mit ihrer Glashütte das Geschehen des Ortes als Arbeitgeber für die meisten Einwohner. Die Zeiten sind hart, die Bedingungen für die Arbeiter, egal ob Männer oder Frauen, beinahe unzumutbar. Einige Arbeiter organisieren sich zum Widerstand. Maria, ein Mädchen aus niederer Schicht, hat einen Traum. Nach Amerika will sie auswandern. Doch es kommt anders. Siegfried Hufnagel vergewaltigt die junge Frau und nachdem ihr alle Hilfe verweigert wird, verflucht sie die Bewohner von Eisenstadt und begeht vor ihrem Verschwinden eine folgenschwere Tat. Die Glashütte brennt…

Mai 1945: die Amerikaner fahren mit ihren Panzern in den Ort ein. Josef Hufnagel, der Sohn Siegfrieds, leitet mittlerweile ein Sägewerk, nimmt Erna auf, geflüchtet aus Sudetenland und - Tochter von Maria. Sie wird einen Sohn gebären, die eigentliche Hauptfigur des Romans, Georg Schatzschneider. Dieser übernimmt bereits als 18jähriger die Geschicke des Werkes und wird in den Wirtschaftswunderjahren zu den ganz Großen aufsteigen. Ehrgeizig wie er ist, wendet er sich der Politik zu, entfernt sich von seinen Wurzeln. Eine große Lebenslüge seiner Vorfahren wird über dem Leben von Georg hängen, ihn zu einem Mann machen, der die Arbeit über alles stellt, bevor er im hohen Alter doch noch eine Veränderung in seinem Leben erfährt.

Ein großartiger Familienroman über vier Genration, sprachlich hervorragend, der mir ein ganz besonderes Lesevergnügen bereitet hat. Faszinierend sind die Verflechtungen der Charaktere und die Rückführungen zum Kern, selbst bei kleinen erzählerischen „Abwegen“.
Versinken Sie mit Herrn Nußbaumeder in einem Bogen deutsche Geschichte!

Annette Matthaei


totenwelt 150x237

 

Aufbau Verlag 11,00€

 

Michael Jensen: "Totenwelt"

Mai 1945  Flensburg

Vor einer Woche erst hat Jens Druwe den Mord an einem hohen Funktionär der NSDAP aufgeklärt, dabei lernte er die wesentlich jüngere Eva kennen und lieben. (Totenland Bd 1) Sie tut ihm gut, hat er doch im Krieg nicht nur seine Stellung als Hauptkommissionar in Berlin eingebüßt, sondern auch bei Kriegsgefechten eine Hand verloren. Die temperamentvolle Frau bestärkt Jens darin, wieder aktiv an seiner beruflichen Zukunft zu arbeiten.
Während die Regierung unter Admiral Dönitz noch glaubt, sich mit den Siegermächten arrangieren zu können, wird Druwe zum Marinestützpunkt gerufen. Die Engländer sind interessiert daran, den offenbar nicht parteizugehörigen Polizisten mit dem Neuaufbau einer Polizeieinheit zu beauftragen. Jens sucht nach möglichen Anwärtern, als er bereits über eine neue Leiche stolpert. Der Tote trug einen Brief bei sich, in dem er zugab, mit der Tötung von Eva beauftragt worden zu sein...
Währenddessen versucht Werner Grell, ein untergetauchter Geheimagent, hoch brisante Listen an die Engländer zu verkaufen. Sein alter Weggefährte Druwe soll dabei den Mittelsmann spielen. Doch es kommt ganz anders, und Grell, ebenso wie ein britischer Major werden erschossen aufgefunden...

Unglaublich dicht erzählt, vermittelt uns dieser neue Krimi von Michael Jensen ein stimmiges Bild des damaligen Umbruchs. Der Krieg ist seit wenigen Tagen verloren, und plötzlich gibt es nur noch weiße Westen unter den ehemaligen Parteimitgliedern... Der Spannungsbogen wird gekonnt aufgebaut und die Hauptperson stellt sich immer wieder die Frage, welchen Anteil sie selbst an Nazi-Deutschland hatte...

Andrea Westerkamp


die dame mit der bemalten hand 150x237

 

Berenberg 22,00€

 

Christine Wunnike: "Die Dame mit der bemalten Hand"

Dieses Buch ist nicht nur wunderschön und liebevoll ausgestattet, es entführt uns auch in fremde Welten vergangener Zeit.

Der Student Carsten Niebuhr ist einer von sechs Teilnehmern einer Expedition, die 1764 nach Arabien führt, dort soll die Realität mit den biblischen Schilderungen abgeglichen werden, natürlich will man auch botanische Untersuchungen durchführen und die Gegend kartographieren. Das ist Niebuhrs Aufgabe als Mathematicus.
Im Roman allerdings befinden wir uns keineswegs in Arabien, sondern auf der Insel Gharapuri, die in Indien liegt – woraus wir schon erkennen können, dass nicht alles nach Plan verlaufen ist. Fünf der sechs Entdecker sind bereits an diversen Krankheiten gestorben, auch Niebuhr wird vom Sumpffieber geplagt, aber offensichtlich hat er eine bessere Konstitution als seine Mitreisenden. Während einer dieser Fieberattacken wird er von Musa al-Lahuri gefunden, einem persischen Astronomen, der auf dem Rückweg in seine Heimat auf Gharapuri gestrandet ist. Diese beiden gelehrten Männer verbringen nun einige Tage miteinander und unterhalten sich über Gott und die Welt, ganz im Wortsinne.

Mit hintergründigem Witz, umfassender historischer Kenntnis und großer Liebe zu ihren Figuren schildert Wunnicke die Begegnung zweier unterschiedlicher Welten: Orient und Okkzident, ein Astronom und ein Kartograph, Arabisch und Deutsch – ein quecksilbriger Tausendsassa und ein norddeutscher Gelehrter – so viele Gelegenheiten zum Missverständnis, aber auch sehr viel Neugier und Interesse an der Welt des anderen. „Neugier und Interesse“ – damit wäre auch heute schon einiges gewonnen.

Astrid Henning


die unschaerfe der welt 150x237

 

Klett Cotta 20,00€

 

Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt"

Florentine, Hannes und ihr bald glücklich geborener Sohn, der hübsche aber sehr schweigsame Samuel, sind eine junge Pastorenfamilie im Banat. Banat? Müssen Sie sich da auch erst fragen, wo auf der Welt das Banat liegt? Es ist eine Region im Westen Rumäniens, ein Teil liegt in Serbien, ein winziger Ausläufer in Ungarn. Der Roman spielt in der winzigen deutschsprachigen Minderheit im Banat, in der Tiefebene im Norden, einer Landschaft mit endloser Weite, fruchtbaren Feldern und reichen Gärten, mit langen, heißen Sommern und harten, schneereichen Wintern.

Leicht ist es nicht, im Rumänien der 70er und 80er Jahre zu leben, insbesondere nicht, wenn man ein bisschen anders ist als andere. Spitzel gibt es auch in dem Dorf der deutschen Minderheit, und die repressive Politik Rumäniens führt zu einer Stimmung der Angst und Unfreiheit.
Obwohl Samuel relative Sorglosigkeit genießt, flieht er eines Tages mit einem Agrarflugzeug – die ungarische Grenze ist nah -, um seinen Freund zu retten. Er lässt seine Eltern und vor allem seine geliebte Freundin Sana zurück. Als der Ostblock bröckelt und Rumäniens Diktator zu Fall gebracht worden ist, kann er zurückkehren. Zeit, endlich als freie Familie zu leben.

Iris Wolff erzählt sanft und zurückhaltend, in poetischen Bildern und aus sieben verschiedenen Perspektiven. In kleinen Ausschnitten zeichnet sie mit zartem Gespür eine Banater Familiengeschichte auf, lässt dazwischen Raum fürs Innehalten und Nachspüren von Wörtern und Sätzen. In einem unaufhaltsamen Sog wird man in diese Familie, dieses Jahrhundert und die Gegend hineingezogen, lernt sie auf stille und intime Weise kennen und möchte sie ungern entlassen am Ende des Buches.
Dieses kleine, feine literarische Kunstwerk hallt noch lang nach.

Christiane Knappe


elsas glueck 150x237

 

Blanvalet 11,00€

 

Beate Maly: "Elsas Glück"

Manchmal braucht man einfach ein Buch zum Versinken, Wegträumen und Abtauchen- „Elsas Glück“ von Beate Maly, der zweite Band der Geschichte um die jüdische Familie Sonnstein in Wien, eignet sich dafür ganz hervorragend!

Während wir im ersten Band Elsas Mutter Lotte auf ihrem Weg begleitet haben, die zusammen mit einer der ersten Geschäftsfrauen Wiens die erste Skimodenkollektion für Frauen kreierte, tauchen wir nun mit Elsa ins Studentenleben Wiens in den 1920er Jahren ein.
Elsa ist eine junge, ambitionierte Frau; sie studiert an der Universität Wien Pädagogik und Psychologie und interessiert sich sehr für neue Strömungen und Konzepte in der Lehrtätigkeit und in der Betreuung von Kindern. Besonders die Situation elternloser Kinder in Heimen beschäftigt sie sehr. Sie ist überzeugt davon, dass die Behandlung der Kinder in solchen „Anstalten“ nicht richtig ist und es neue Mittel und Wege geben muss, um ihnen beizustehen und zu helfen. Auf ihrem Weg scheut Elsa sich nicht, auch unkonventionelle Ideen in die Tat umzusetzen. Dank des Reichtums und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Eltern stehen Elsa alle Wege offen. Da jedoch ihre Kommilitonen nahezu alle aus dem erstarkenden sozialdemokratischen Umfeld kommen, bewegt Elsa sich ständig im Spannungsfeld zwischen ihrer eigenen Herkunft und den Ideen und Idealen ihrer Freunde.

Sorgen bereitet Elsa zudem die spannungsreiche Beziehung ihrer Eltern. Ihr Vater, im ersten Weltkrieg Arzt in den Bergen, leidet nach wie vor stark unter einem Lawinenunglück, das er als einziger Überlebender mitansehen musste. Lotte vermisst die Berge und das Skifahren, die Freiheit früherer Jahre, will aber ihrem Mann nicht noch mehr Kummer bereiten. Als Elsas Bruder nach seinem Medizinstudium die Familie verlässt, um als Bergführer in den Alpen zu arbeiten, droht die Situation zu eskalieren. Kurz darauf stößt Elsa auch noch auf ein streng gehütetes Familiengeheimnis, das alles ins Wanken zu bringen scheint...

Sabine Christ


real tigers 150x237

 

Diogenes 18,00€

 

Mick Herron: "Real Tigers"

(Bd.3 um Jackson Lamb und seine "Slow Horses")

Feinster britischer Humor gepaart mit allen Zutaten, die ein typischer Spionagethriller benötigt!

Auch im 3. Teil der Reihe um die in Ungnade gefallenen Agenten des Regent Parks (MI5), geht es sofort zur Sache. Kurzes Bargeplänkel, Gläser werden gekippt, Ohrfeigen verteilt, und am nächsten Morgen erscheint Catherine Standish nicht zum Appell. Jackson Lamb, dieser ungehobelte, schlecht riechende, ständig Beleidigungen ausstoßende Chef sieht vorerst keinen Anlass zur Sorge. Zwar hat er zwei Anrufe von Catherine überhört, aber die können ja wohl nicht so wichtig gewesen sein... Zugegeben: Catherine kam noch keinen einzigen Tag zu spät, aber irgendwann ist eben immer das erste Mal!
Wir Leser wissen bereits, dass die Ärmste entführt wurde, und während der Countdown läuft, bemüht sich Kollege River Cartwright nach besten Kräften, die Forderungen der Entführer zu erfüllen. Dummerweise muss er dazu das "Mutterhaus" betreten, und nicht nur das, er benötigt dringend eine bestimmte Akte aus dem Allerheiligsten. Da ist es fast schon unerheblich, dass es sich bei dem brisanten Schriftstück um das Dossier des Premierministers handelt...
Die lahmen Gäule aus dem Slough House beweisen einmal mehr, dass sie völlig zu Unrecht degradiert wurden!

Andrea Westerkamp

 

Unsere Buchempfehlungen im November -  2. Teil



bergsalz 150x237

 

Droemer 20,00€

 

Karin Kalisa: "Bergsalz"

Im schönen, sehr ländlichen Voralpenland sitzt Franziska Heberle schon fast an ihrem Mittagstisch, fragt sich gerade noch, ob sie frischen Estragon aus dem Garten ans Essen geben soll, da klingelt es plötzlich an der Haustür. Und das wiederum ist sehr ungewöhnlich für Franzi und für das Dorf, in dem sie lebt: In der Mittagszeit, kurz davor und auch danach – da klingelt man nicht! Da hat nämlich eh niemand Zeit, weil jeder das Essen zubereitet (so wie Franzi), dann isst, dann die Küche macht und danach ist Mittagszeit, sprich Ruhe.
Aber nun, jetzt hat’s tatsächlich geklingelt, und es geht noch weiter mit den Merkwürdigkeiten: Vor der Tür steht Johanna von gegenüber, die übrigens mittlerweile ebenfalls allein lebt, Kinder (und Mann) aus dem Haus und fragt nach einer Tasse Mehl. Eine Tasse Mehl?? Da stimmt was nicht, denn Johanna ist mindestens eine ebenso gewissenhafte Hausfrau wie Franzi und hat mindestens drei verschiedenen Mehlsorten auf Vorrat im Keller. Weil Johanna zudem etwas aufgeregt und nervös wirkt, macht Franzi etwas ziemlich Unerhörtes – sie fragt Johanna, ob sie vielleicht mit ihr zusammen essen will – dabei isst doch eigentlich in diesem Dorf jeder hübsch für sich allein. Dass es nach dem gemeinsamen Essen ein zweites Mal klingelt, eine weitere Nachbarin vor der Tür steht und ein Päckchen abholen möchte, Franzi auch sie hineinbittet und Johanna schließlich die anderen beiden zu morgen Mittag zum Essen einlädt, all das ist neu und höchst ungewöhnlich.
Es beginnt damit eine völlig neue Form der Begegnung im Dorf – aber war das nicht schon immer was, dass dem Menschen höchst eigen ist: zusammen zu essen? Eine Idee nimmt Form an, zunächst im Kopf von drei Frauen, die aber sehr schlau ihre Verbindungen nutzen. Das alte Wirtshaus, das „Rössle“, ist doch geschlossen, mit großer Küche, die nicht genutzt wird, obwohl das Gasthaus als Unterkunft für Geflüchtete dient. Die wiederum ihr Essen in Plastikbehältern geliefert bekommen, lauwarm und nicht sehr lecker. Ja, wenn man da mit Tatkraft und Energie 1 + 1 zusammenzählt, offen ist und Sprachbarrieren überwindet, dann kann etwas wunderbar Neues für alle entstehen.

Vom Tonfall sehr bayrisch eingefärbt, mit jeder Menge Schwung und Atmosphäre: der neue Roman von Karin Kalisa!

Astrid Henning


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Luchterhand 20,00€

 

Sally Rooney: "Normale Menschen"

Eine der intensivsten Liebesgeschichten, die ich bisher gelesen habe.

Connell und Marianne gehen seit Jahren an dieselbe Schule in Westirland und haben nicht viel miteinander gemein – er ist der beliebte Fußballspieler, sie spielt die Rolle der Außenseiterin. Als die beiden ins Gespräch kommen, passiert etwas Unwiderstehliches – etwas, das sich bald als unwiderruflich herausstellt: die beiden verlieben sich.
Der Roman beginnt so unbesorgt, wie die Schulzeit im Nachhinein eben erscheint und gräbt sich doch Seite über Seite in die Materie bis Sie sich mit feuchten Händen fragen: Wo ist die Unschuld geblieben und die Leichtigkeit der Jugend?
Über die Anfänge ihrer Beziehung begleiten wir Connell und Marianne ans College in Dublin; wir erleben, wie sich die beiden verändern und wie sich ihre Beziehung mit ihnen verändert – wie sie sich voneinander wegbewegen, nur um sich wieder gegenseitig anzuziehen. Es geht darum, wie lebendig Liebe sein kann und sich zwischen Attraktion und tiefer Freundschaft bewegt. Es geht auch darum, wie die Liebe instrumentalisiert werden kann und welche Rolle Sex und Macht dabei spielen.

Ein gelungener Roman über moderne Liebe und die Komplexität menschlicher Beziehungen und die alles entscheidende Frage: Was ist eigentlich „normal“?
Sally Rooney verfügt über die Gabe, hässliche Dinge wunderschön erscheinen zulassen und wunderschöne Dinge leuchten zu lassen. Sie werden den Roman in dem Gefühl beenden, als wären Ihnen ganze Passagen unter die Haut tätowiert worden – so intensiv, so transformativ ist Rooneys Geschichte über zwei Menschen, die stets auf der Suche sind.

Mattes Daugardt


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Mare 22,00€

 

Rachel Elliott: "Bärenfüttern verboten"

Es ist doch immer wieder eine große Freude, wenn man in der Flut der Neuerscheinungen eine echte Perle entdeckt. So ist es mir mit dem wunderbaren Roman von der mir bisher unbekannten Autorin Rachel Elliott ergangen. „Bären füttern verboten“ gehört für mich ganz eindeutig zu den warmherzigsten, empfehlenswertesten Büchern in diesem Herbst!

Sydney Smith geht auf die 50 zu. Sie ist Cartoonistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Freundin Ruth zusammen. Nicht nur das pausenlose Zeichnen treibt sie um, eine viel tiefer sitzende Obsession ist für sie das „Freerunning“. Jede sichtbare Fläche ist eine Bewegungsaufforderung. In lockeren Hosen, mit Sneakern an den flinken Füßen erklettert sie Hausfassaden, springt federnd von Dach zu Dach, halsbrecherisch möchte man meinen und das in dem Alter. Vielleicht eine Art „Wegspringen“? Schon als Kind war sie unbändig, konnte nicht begreifen, warum die Menschen sich wie Roboter gleichförmig und in Zeitlupe bewegen, wo es doch so ein herrliches Gefühl ist über Dinge zu hopsen und zu fliegen. Eine Bettenabteilung in einem Kaufhaus erscheint ihr als paradiesischer Ort, die Spielzeugabteilung kann man ihr schenken.

Trotz aller skurrilen Eigenschaften sind sie eine glückliche Familie, die Smiths. Vater Howard, Mutter Ila, der ältere Bruder Jason, der eine tiefe Liebe zu Eisenwarenhandlungen hegt, und eben die quirlige Sydney. Jedes Jahr verbringen sie zusammen die Ferien in St.Ives an der Küste, herrliche Kinderzeit. Bis in dem Sommer, als Sydney 10 Jahre alt wird, die Mutter tödlich verunglückt. Die restliche Familie knallt auseinander. Gesprochen wird nicht, jeder zieht sich in sein Schneckenhaus und damit in das Gefängnis der eigenen Gedanken und Schuldgefühle zurück. Mehr als dreißig Jahre später kehrt Sydney an den Ort am Meer zurück, sie versucht, sich der Vergangenheit zu stellen.
Hier nun lernen wir andere Menschen und Schicksale kennen. Marie, die mit einem missmutigen, lieblosen Mann verheiratet ist und heilende Muffins backen kann. Belle, die mit über 30 immer noch zu Hause lebt und die T-Shirts ihrer Kindheit nie abgelegt hat. Stuart, ein irischer Wolfshund, der sich seine Familie energisch ausgesucht hat und eine Seele von Hund ist. Auch die Verstorbenen kommen zu Wort, sprechen in Träumen zu ihren Lieben oder begleiten sie sogar Hand in Hand an den Strand. Die Leben dieser Menschen und Tiere sind verknüpft wie in einem Episodenfilm.

Ein so herzerwärmender, liebevoller Roman, der hoffentlich ganz vielen Menschen Freude bereiten wird. Danke, Frau Elliott!

Annette Matthaei


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Eisele 22,00€

 

Polly Clark: "Tiger"

Das Schicksal der Amur-Tiger in der russischen Taiga wird in dem jüngst erschienen Roman der Kanadierin Polly Clark sehr eindringlich und voller Wärme geschildert.
Mit großem Feingefühl, jedoch ohne Pathos, wirkt er wie ein Plädoyer für den Schutz der Artenvielfalt.

Vier Erzählstränge benutzt die Autorin, um das Leben von Luna, der Tigerin darzustellen und all derer, die mit ihr zu tun haben.
Frieda ist Primatenforscherin in einem kleinen Zoo in Devon. Sie erforscht das Verhalten der Bonobos.
Ihr persönliches Schicksal drückt sie mit erheblichem Tablettenkonsum in den Hintergrund. Das geht nicht lange gut. Als man sie eines Tages mit der Betreuung der Amur-Tiger betraut, trifft sie auf Luna.....
Tomas ist Wildhüter. Gemeinsam mit seinem Vater baute er das Iwanowitsch-Reservat für Tiger in der kalten Taiga auf. Der Hintergrund von Vater und Sohn birgt jede Menge Konflikte, und nach einem folgenschweren Vergehen des Vaters kommt es zwischen beiden zum Bruch.
Edit gehört zum aussterbenden Volk der Udeh. Mit ihrer Tochter lebt sie fernab der schützenden Dorfgemeinschaft. Eines Tages trifft auch sie auf den Tiger....
Der letzte Strang dieses Ausnahmeromans gehört ganz allein dem Hauptprotagonisten!

Selten zog mich ein Buch dermaßen in seinen Bann! Mein absoluter Lesetipp für den Herbst/Winter 2020!!

Andrea Westerkamp-Stützel


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Heyne 22,00€

 

Robert Harris: "Vergeltung"

Pünktlich zur dunklen Jahreszeit unterhält uns Robert Harris mit einem neuen spannenden Roman, geschrieben im ersten Corona Lockdown. Er handelt von der letzten „Wunderwaffe“ der Deutschen im zweiten Weltkrieg, der Rakete V2.

Rudi Graf, ein deutscher Ingenieur und Idealist, dessen Lebenstraum es war, ein Raumschiff zu bauen, lernt während des Studiums Wernher von Braun kennen. Ihre Lebenswege werden lange verflochten bleiben. Trotz diverser Mängel und noch mehr Fehlversuchen, erhält Wernher von Braun den Zuschlag für Peenemünde von Himmler und dem Führer persönlich. Gemeinsam mit Rudi baut er das Herstellungslager von Flugobjekten auf Usedom auf.
Wir befinden uns nun im November 1944. Hitler ist schwer unter Druck geraten, Peenemünde längst zerbombt und die unterirdische Rüstungsfabrik und Produktionsstätte der Rakete namens V2 (V von Vergeltung) in die Minen „Mittelbau Dora“ nach Nordhausen verlegt. Dieses mörderische Gerät soll zu einer entscheidenen Wende im Krieg beitragen, indem mehrere Hundert nach Antwerpen und London fliegen und dort ihr Unheil anrichten, abgeschossen von einer Basis aus dem besetzten Holland in Scheveningen.

Die attraktive Kay arbeitet in England als W A A F (Women‘s Auxiliary Air Force, eine militärische Hilfstruppe von Frauen im zweiten Weltkrieg). Sie analysiert Luftaufnahmen von vom Feind besetzten Gebieten, unter anderm die Anlage in Peenemünde. Nur knapp entgeht sie einem Anschlag der V2 Rakete. Viele Menschen sterben, ihr Geliebter wird schwer verwundet. Das gibt den Ausschlag, dass sie, streng geheim, als „Frau am Rechenschieber“ ins belgische Mecheln geht, um dort mit anderen Freiwilligen Radarmessungen der Raketenflüge auszuwerten und über deren Flugbahn Rückschlüsse auf den Abschussort zu ziehen - ein Wettlauf mit der Zeit.
Rudi ist inzwischen desillusioniert, angewidert vom SS Regime und von sinnlosem Morden. Durch kritische Bemerkungen und Zweifel am Endsieg gerät er mehr und mehr selbst zur Zielscheibe der SS. Wird er linientreu bleiben?

Etwa 20 000 Zwangsarbeiter starben beim Bau der V2. Ca. 3400 Menschen ließen in London und Antwerpen durch die Rakete ihr Leben. Das V-Programm gilt als „die mit Abstand größte Verschwendung durch ein kriegsführendes Land in einem höchst verschwenderischen Krieg“ (Daniel Todmann, Britain‘s War, 2020). Der SS-Mann Wernher von Braun erhielt nach dem Krieg sehr schnell den Persilschein, ging in die USA und war massgeblich im Apollo Programm und beim Bau von Nasa Trägerraketen tätig…
Recherche auf hohem Niveau und wieder einmal ein Spotlight auf einen Teil zweiter Weltkriegsgeschichte, spannend nach bewährter Harris Manier, sehr zu empfehlen.

Annette Matthaei


just like you 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Nick Hornby: "Just like You"

Und wieder hat es Nick Hornby geschafft, aus einer neuen Lovestory einen guten, lesenswerten Roman zu basteln: einen Gegenwartsroman, in dem der Brexit eine nicht unerhebliche Rolle spielt (und als Metapher auch deutlich etwas hermacht), der vom Rassismus handelt (auch das ein mehr als aktuelles Thema) und der unterschiedliche Klassen und Milieus miteinander verknüpft.

Lucy, eine zweiundvierzigjährige Lehrerin, und ihr Mann Paul, den Alkohol und Kokain aus der Bahn und aus der Ehe geworfen haben, stehen am Ende ihrer Beziehung. Mehr zufällig lernt Lucy den 22 Jahre jungen Joseph kennen, der sich mit Aushilfsjobs in einer Metzgerei, in einem Freizeitzentrum und einem Fußballverein mehr schlecht als recht durchschlägt, hauptberuflich allerdings eine Karriere als DJ vor Augen hat. Lucy heuert ihn als Babysitter für ihre beiden Jungs an, damit sie endlich einmal wieder ausgehen kann. Es dauert ein wenig, bis Lucy und Joseph spüren, dass sie sich mehr als sympathisch sind. Er arbeitet dort, wo sie wohnt, in einem besseren Londoner Stadtteil, aber er lebt da, wo das Gras nicht besonders grün ist.
Hier also typisch juvenile Desorientiertheit, dort eine schwere Midlife-Crisis. Und das ist nicht einmal alles, es gibt zwischen den beiden nicht nur den Alters- und Klassenunterschied, sondern auch den der Hautfarbe: Joseph ist schwarz. Selbst als er und Lucy längst offiziell ein Paar sind, wird er gelegentlich für die Haushaltshilfe gehalten; auch racial profiling widerfährt ihm: als er vergeblich vor Lucys Haustür klingelt, wird er von der Polizei aufgegriffen.

Hornby entwickelt routiniert und feinfühlig eine Beziehungsgeschichte unter erschwerten Bedingungen. Nebenbei gelingt es ihm, ohne aufgesetzte Reflexion, den Brexit in seiner Kompliziertheit zu fassen, so wie dieser ganz Großbritannien in zwei Lager aufgeteilt hat. Nie hat man den Eindruck, dass Hornby sich bei der Verquickung der Themen verhebt - und er schafft es bis zum Schluss, die Spannung hoch zu halten, die entscheidende Frage hinauszuzögern: Packen die beiden es wirklich? Oder stellen Alter, Klasse und Rasse zu hohe Hürden dar?

Heike Kasten


die verschwindende haelfte 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Brit Bennett: "Die verschwindende Hälfte"

Diesem Roman wünsche ich sehr viele LeserInnen, denn hier kommt so viel vom Besten zusammen: Das Buch lässt uns mit seinen Protagonistinnen mitfühlen, lässt uns ihre Lebenswelt mit neuen Augen sehen, es urteilt nicht, regt zum Nachdenken an – und es unterhält auch noch hervorragend.

Los geht’s 1954 in dem kleinen Städtchen Mallard in Louisiana, einem fiktiven Ort, der noch dazu eine Besonderheit hat: Hier wohnen nur extrem hellhäutige Farbige, deren Hautfarbe sich über die Generationen hinweg so sehr in Richtung „Weiße“ verändert hat, dass ihre Bewohner gar nicht mehr als People of Colour zu erkennen sind.
Dort wachsen die Zwillinge Desiree und Stella auf, in wenig privilegierten Verhältnissen – weshalb sie mit knapp 16 Jahren nach New Orleans türmen und jahrelang nichts von sich hören lassen. Nach einem Jahr in New Orleans trennen sich ihre Wege, denn die beiden werden ihre Zukunft völlig unterschiedlich gestalten. Desiree heiratet einen schwarzen Mann und wird mit knapp 30 Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehren, an der Hand das erste wirklich schwarze Kind in Mallard – ihre Tochter. Und Stella? Was zuerst nur ein aufregendes Spiel ist, nämlich sich als „Weiße“ auszugeben, wird zu Stellas Lebenskonzept, man könnte auch sagen zu ihrer Lebenslüge.

Brit Bennett schildert beide Schwestern und deren Familie so einfühlsam und glaubwürdig über knapp 40 Jahre hinweg, dass man wirklich das Gefühl bekommt, ganz nah dran zu sein. Gekonnt legt sie die Spuren, macht uns neugierig auf die nächsten Seiten, weshalb ich den Roman nur schwer aus der Hand legen konnte. Dabei sind die Entwicklungen nie vorhersehbar, verschiedenste Themen werden angesprochen, ohne dass die Geschichte überfrachtet wird. Ein Buch über Herkunft, Identität, Selbstbestimmung und Loyalität.

Astrid Henning


das zweitbeste leben 150x237

 

Arche 22,00€

 

Tayari Jones: "Das zweitbeste Leben"

Atlanta in den 80ern. James Witherspoon hat es geschafft! Jahrelang sparte er, und nun besitzt er ein eigenes Auto. Damit steht seiner Karriere als Taxiunternehmer nichts mehr im Wege. Dana sieht ihren Vater meistens in seiner schicken Chauffeursuniform. Wenn er sie von der Schule abholt, starren sie die anderen Kinder manchmal an, das mag sie nicht so gerne. Und wenn sie dann zu dritt am Mittagstisch sitzen, stellt sich Dana vor, sie seien eine ganz normale Familie : Vater, Mutter, Kind.

Laverne wurde mit 14 geschwängert. Daraufhin musste der erst 18 jährige James sie sofort heiraten. Alles andere wäre einer Katastrophe gleichgekommen. Seither sind viele Jahre vergangen.  Ihre Tochter Chaurisse ist ein aufgeweckter Teenager und der Frisiersalon von Laverne wirft genug ab, um sich neben James Einkommen als Taxifahrer, manches Zusätzliche leisten zu können. Das Leben meint es gut mit den Witherspoons, bis eines Tages die Salontür aufgeht und ein Mädchen hereintritt. Sie sagt, sie heiße Dana und möchte gerne Chaurisse sprechen...

Seit Erscheinen des Romans „In guten wie in schlechten Tagen“ wird die Autorin in den USA als Buchkönigin gefeiert. Zu ihren Fans gehören Barack Obama und Oprah Winfrey. Nun gibt es diese zweite Buch auf Deutsch von ihr, das in den USA bereits 2011 veröffentlicht wurde.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

Unsere Buchempfehlungen im November -  1. Teil


berlin prepper 150x237

 

Suhrkamp TB 10,00€

 

Johannes Groschupf: "Berlin Prepper"

Unsere schöne, coole und vermeintlich so saubere Digital-Welt hat auch unschöne Seiten und bringt Berufe hervor, von denen die meisten von uns gar nichts wissen. Oder könnten Sie auf Anhieb erklären, was ein Content-Manager den ganzen Tag macht? Tatsächlich gehören in diese Berufsgruppe Menschen, die nichts anderes tun, als den ganzen Tag Leserbriefe, Mails, Kommentare zu sichten und entsprechend zu sortieren. „Approve“ (in diesem Fall „zulassen“) oder „delete“ – löschen.

Walter Noack ist so ein Content Manager bei einer großen Boulevardzeitung in Berlin, irgendwie muss man ja sein Geld verdienen. Noack ist schon ein ziemlich besonderer Typ: nicht sehr gesellig, vor allem aber überzeugt davon, dass uns allen die große Katastrophe kurz bevorsteht, in welcher Form auch immer. Doch dann ist er vorbereitet, denn Walter Noack ist ein „Prepper“ – bedeutet, er hortet in seiner Wohnung Konserven, Bundeswehr-Nahrung und Medikamente, er kann eine ganze Weile ohne Hilfe oder Kontakt nach außen gut durchkommen. Von der Menschheit im Allgemeinen erwartet er eh nicht viel, weshalb ihn auch sein Arbeitsalltag ziemlich kalt lässt. Approve, delete, delete, delete – das ist sein Alltag, und da der Roman 2017 spielt, gibt es für bestimmte Menschen jede Menge Anlass, sich widerlichst und menschenfeindlich zu äußern.
Allerdings, in letzter Zeit gibt es vermehrt massive Beschwerden über Zensur, Verfasser von Kommentaren beschweren sich, dass ihre Mails nicht auftauchen. „Lügenpresse“ kommt da schon automatisch hinterher und auch massive körperliche Gewalt wird angedroht. Schließlich wird Noack eines Abends auf dem Weg nach Hause zusammengeschlagen, kurze Zeit später trifft es seine junge Kollegin. Der Sicherheitsdienst der Zeitung verweist auf das Containerdorf um die Ecke, eine Unterbringung für Geflüchtete, allerdings weist darauf eigentlich so gar nichts hin.

Mit Walter Noack und seiner Kollegin Peppa tauchen wir tief ein ins Milieu der Verschwörungstheoretiker, der „Hater“, der Reichsbürger und sonstigen Rechtsextremen.
Ein hochaktueller und wirklich spannender Thriller mit überraschender Auflösung, der vermutlich nur das Zipfelchen einer Szene zeigt, die bestens vernetzt ist und quer durch alle gesellschaftlichen Schichten geht.

Astrid Henning

 


das eis schmilzt 150x237

 

Delius Klasing 19,90€

 

Arved Fuchs: "Das Eis schmilzt"

Seit fast 40 Jahren ist Arved Fuchs in der Arktis unterwegs, er war zu Fuß sowohl am Nord- als auch am Südpol, hat Expeditionen in viele Teile der Welt unternommen und beobachtet somit die Veränderung unseres Klimas seit langer Zeit.

Fuchs hat sich immer zu diesen beunruhigenden Entwicklungen geäußert, aber wir wissen, dass die Klimadebatte erst so richtig in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen hat. Nun also ein neues Buch „Das Eis schmilzt – Klimaschutz und Wirtschaft neu denken“, der Titel verrät schon, dass Fuchs Möglichkeiten sieht, den großen Problemen zu begegnen. Doch zunächst beschreibt er seine Erfahrungen, vor allem der letzten Jahre, dokumentiert auch mit Fotos wie sich unsere Welt verändert. Ganz wichtig ist Fuchs eine Botschaft, die wir uns immer wieder vor Augen führen sollten: „Die Natur gibt die Spielregeln vor, und es ist an uns, sie zu berücksichtigen. Die Natur kann ohne uns existieren, aber wir nicht ohne sie.“

Anhand konkreter Beispiele beschreibt Fuchs in seinem Buch, was wir, was Länder, Städte und Gemeinden konkret tun können – und da ist zuvörderst die Förderung erneuerbarer Energien zu nennen. Die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten müssen schlau genutzt werden, und die sind Island z.B. anders als in Spanien. Wichtig sind der Wille und die Einsicht, dass mit lauwarmen Kompromissen nichts mehr zu holen ist.
Ebenso aber appelliert Fuchs an jeden von uns, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und zu erkennen: Mein Handeln hat Auswirkungen. Ob es die Vermeidung von Verpackung ist, der Boykott umweltfeindlicher Produkte oder – vor allem – die eigene Bequemlichkeit zu überwinden: Hier ist jeder von uns gefragt. Auch Corona bleibt nicht unerwähnt, allerdings begreift Fuchs die Pandemie als Chance, unsere Wirtschaft neu und klimagerechter aufzustellen. Ein Buch, das – auch – Hoffnung macht.

Astrid Henning

 


passengers 150x237

 

Heyne TB 14,99€

 

John Marrs: "The Passengers"

Erst kürzlich hat das britische Oberhaus die Einführung autonomer Fahrzeuge auf Großbritanniens Straßen binnen fünf Jahren beschlossen, und zwar einstimmig. Das Verbot nicht autonomer Wagen wird in zehn Jahren erwartet.
Eine für viele Menschen sehr entspannende Vorstellung: man setzt sich einfach in sein Auto, gibt das Ziel per Sprachnachricht ein und kann während der Fahrt schlummern, arbeiten, essen, was auch immer. Doch nicht jeder kann sich mit dieser Aussicht anfreunden. Zu diesen Skeptikern gehört auch die Psychiatrie-Krankenschwester Libby Dixon, die scheinbar zufällig aus der Bevölkerung ausgewählt wird, in einer Untersuchungskommission mitzuwirken, die Verkehrsunfälle mit autonomen Fahrzeugen analysiert und bewertet. Diese sollen nämlich dank künstlicher Intelligenz in der Lage sein, innerhalb einer Millisekunde Gefahrensituationen durchzurechnen, um einem drohenden Unfall zu vermeiden.

Genau diese Entscheidungsfähigkeit wird von einem Hacker angezweifelt:
In einer Welt, in der diese autonomen, selbstfahrenden Fahrzeuge mehr und mehr zur Normalität zählen, werden plötzlich acht Menschen in ihren Autos eingeschlossen. Sie kennen sich nicht, und sie sind einander auch noch niemals begegnet. Aber nun haben sie eines gemeinsam, denn in zwei Stunden und 30 Minuten sollen ihre Autos kollidieren. Ohne jegliche Kontrolle über das eigene Fahrzeug rasen sie aufeinander zu – und nur der anonyme Hacker hat die Möglichkeit, dieses Desaster zu beenden. Eine einzige Geisel, so lässt er verlauten, soll jedoch am Leben bleiben. Auf wen die Wahl fällt, darüber lässt er die Öffentlichkeit abstimmen, denn das Geschehen wird live gestreamt und steht allen in sämtlichen sozialen Medien zur Verfügung. Und während die Welt gebannt zuschaut, läuft den Beteiligten die Zeit davon…

Im Laufe der Handlung werden abwechselnd die Protagonisten in den Mittelpunkt gestellt, immer mehr Lügen, Geheimnisse und Intrigen kommen ans Tageslicht, die auf den ersten Blick eine konträre Wertung zulassen. Im Zeitalter von Fake News wird hier aber konkret ein leichtgläubiges und oftmals realitätsfernes Denken angeprangert. Mit bewusster Manipulation wird so eine ausgefeilte Propaganda über die sozialen Medien verbreitet. „The Passengers“ ist ein beängstigend realistischer Roman, der das blinde Vertrauen in Bezug auf künstliche Intelligenzen sowie den unreflektierten Umgang mit den social media kritisiert.
Ein unglaublich rasantes und spannendes Werk, das nicht nur gleichermaßen fasziniert und in Atem hält, sondern in seiner deutlichen Kritik an der modernen Gesellschaft, verknüpft mit philosophischen Fragen, auch lange nachhallt.

Heike Kasten

 


das luegenhafte leben der erwachsenen 150x237

 

Suhrkamp 24,00€

 

Elena Ferrante: "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen"

Elena Ferrante stieg mit ihrer neapolitanischen Familiensaga steil in den Bestsellerhimmel auf. Viele Leser konnten es kaum aushalten, als der vierte und letzte Band erschienen war und sie Abschied von den Protagonistinnen Lila und Elena nehmen mussten. Mit dem Kennenlernen von Giovanna können sie sich nun in alter Ferrantemanier über diesen Verlust hinweg trösten.

Giovanna, ein hübsches Einzelkind aus einer intellektuellen Mittelstandsfamilie, wächst behütet und von der Liebe ihres Vaters umhüllt, in einer vornehmen Gegend von Neapel auf. Umso mehr stürzt es sie in tiefe Verzweiflung, als sie ihre Eltern bei einem Gespräch belauscht und den Vater sagen hört, dass sie, die geliebte Tochter, immer mehr ihrer Tante, seiner verschmähten und verfeindeten Schwester Vittoria, gleicht. Die Mutter widerspricht ihrem Ehemann zum Entsetzen der Tochter - nicht.
„Der Name Vittoria klang bei uns zu Hause wie der eines Monsters, das jeden besudelt und infiziert, der mit ihm in Berührung kommt.“
Mit diesem Tenor ist die kleine Giovanna aufgewachsen. Nun soll sie dem Monster ähnlich sein ?? Die von Gefühlen und Hormonen durchgeschüttelte Pubertierende sucht Schutz bei ihren Freundinnen, findet aber auch dort keine Geborgenheit. Zu unterschiedlich sind deren Leben und Wahrheiten. Giovanna macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln, lernt die verhasste Tante und deren Umfeld kennen, fühlt sich hin und her gerissen zwischen den Werten ihrer Eltern und der dunklen, verruchten Welt der vermeintlich ähnlichen Verwandten, die versucht, sie in ihren Bann zu ziehen.

Mit der ihr eigenen Intensität führt uns Ferrante in die Tiefen des Seelenlebens der Heranwachsenden, entzaubert die Welt der Erwachsenen, enttarnt durch deren Lügen und Scheinheiligkeiten, hinein in eine neue, unbekannte Welt der Sexualität und Selbstzweifel und der bisher sicher geglaubten Normen.
So kennen wir sie, so mögen wir sie, die bekannteste italienische Schriftstellerin der Gegenwart - Elena Ferrante!

Annette Matthaei

 


der halbbart 150x237

 

Diogenes 26,00€

 

Charls Lewinsky: "Der Halbbart"

Schauplatz dieses Romans ist ein kleines Dorf in der Schweiz (die es so damals noch gar nicht gab) und zwar im ausgehenden Mittelalter, Anfang des 14. Jahrhunderts. Wenn Sie jetzt schon innerlich abschalten wollen, weil Sie denken „Geht mich gar nichts an“ – Halt, Stopp! Ganz genauso hab ich dieses Buch im Stapel der Neuerscheinungen zunächst auch betrachtet und bin absolut froh, dass ich es doch nochmal in die Hand genommen habe.

Hauptfigur und Erzähler ist Sebi, eigentlich Eusebius, ungefähr 12 Jahre alt, ein scharfsinniger Denker und Beobachter, aber eben auch ein Finöggel – ein Schisser, eine Mimose. Für’s körperlich schwere Arbeiten ist er nicht gemacht, deswegen bleibt ihm wohl nur der Weg ins Kloster, wie er selbst meint. Was Sebi außerordentlich gut beherrscht, ist nicht nur das genaue Hinsehen, sondern auch das Geschichten erzählen, und deswegen sind wir auf knapp 700 Seiten mittendrin in Sebis Dorf. Hier passiert allerhand, eigentlich ist so, als sei man inmitten eines Breughel-Gemäldes: Grausamkeiten neben normalem bäuerlichen Alltag, es gibt die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Befehlsempfänger. Das alles wird nicht in Frage gestellt, denn schließlich war es schon immer so. Außerdem gibt es für alles eine Erklärung, bzw. wenn es keine gibt, ist es entweder Gottes Wille oder aber der des Teufels, weshalb etwas so ist, wie es ist.
Sebi allerdings zweifelt so manches an und macht sich seine eigenen Gedanken: „Die Gerechtigkeit, das hab ich gelernt, ist mehr eine Sache für die Predigten als für die Wirklichkeit“.

In vielen Dingen sind wir heute zwar nicht mehr auf Religion und Aberglaube angewiesen, aber der Mensch als solcher ist (leider) immer noch genauso, weshalb „Der Halbbart“ interessanterweise auch sehr aktuell ist „Menschen haben immer gern einen Feind, das sortiert einem die Welt angenehm, hier die unseren, dort die anderen“.
Lewinsky erzählt vom Kampf der Mächtigen (Wittelsbacher gegen Habsburger) auf dem Rücken der Bevölkerung, mehr aber noch vom ganz normalen Dorfleben um 1320 – ein erstaunlich unterhaltsames und hellsichtiges Lesevergnügen.

Astrid Henning

 


tage mit felice 150x237

 

Rotpunktverlag 24,00€

 

Fabio Andina: "Tage mit Felice"

"Gestern hatte ich Felice vor meinem Haus getroffen, es war ein sonniger Nachmittag, um die Berggipfel zogen sich die ersten grauen Wolken zusammen, die den Himmel noch vor Sonnenuntergang verdunkeln sollten. Ich lasierte gerade die Tür des Holzschuppens, er ging vorbei, genauso angezogen, barfuß und mit einer Plastiktüte voller Kakis. Wir wechselten einige Worte, dann fragte ich ihn, ob ich ihn ein paar Tage lang begleiten dürfe. Um ein bisschen so zu leben wie er.“ So beginnt dieser wunderbare Roman von Fabio Andina.

Das Tessin ist seine Heimat, einen „Felice“ hat auch er einige Tage begleitet. Man spürt auf jeder Seite dieses schmalen Buches die Authentizität. Ruhe, große Gelassenheit, Gottvertrauen und die Weisheit ist dem 90 jährigen Felice gegeben.
Nichts Spektakuläres erwartet Sie in diesem Roman, dennoch vermittelt er, so habe ich es wenigstens empfunden, eine wohltuende Entspannung. Gemeinsam mit Felice und dem Ich-Erzähler „verbrachte“ ich Tage in dem kleinen Bergdorf, die in ihrer Eintönigkeit bestechend schön erschienen. Die Natur spielt definitiv eine Hauptrolle und die gekonnten Schilderungen Andinas ließ sie immer wieder vor meinem geistigen Auge erscheinen.
Tage mit Felice erschien bereits im April, passt aber wunderbar in unsere derzeitige Herbststimmung!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


schockraum 150x237

 

Piper 22,00€

 

Tobis Schlegel: "Schockraum"

Nach einem vielversprechenden Start ins Berufsleben, beschließt Kim von heut auf morgen, den gut bezahlten Job in der Werbeagentur aufzugeben. Stattdessen schult er um und absolviert eine dreijährige Ausbildung als (deutlich schlechter bezahlter) Notfallsanitäter. Seine Arbeit ist fortan in jeder Hinsicht aufreibend. Die Beziehung zu seiner Freundin leidet ebenso darunter, wie seine eigene Psyche.
Als Kim spürt, das seine Belastbarkeit immer mehr schwindet, lässt er sich zu einer Auszeit mit seinem alten Freund Benny überreden. Gemeinsam fahren sie nach Texel, und als unterwegs die flippige und völlig entschleunigte Luzi dazu stößt, verspricht der Ausflug in jeder Hinsicht besonders zu werden...

Tobias Schlegel beschreibt in seinem Debüt die ganz eigenen Erfahrungen.
Als der ehemalige Moderator (u.a. beim Musiksender VIVA) vor ca. vier Jahren umschulte, ahnte er nicht, wie schwer dieser Knochenjob zu verkraften ist, bzw. auf seine Psyche schlägt. Gerade noch rechtzeitig nahm er professionelle Hilfe in Anspruch, und daraus entstand dieser sehr kurzweilige heiter-tragische Roman!

ZITAT des Autoren:
"Ich würde gerne den Satz sagen: Ich empfehle diesen Job zu hundert Prozent. Das kann ich aber nicht. Das kann ich jungen Menschen nicht sagen. Aufgrund der Arbeitsbedingungen. Sie sollten dieses Buch lesen, um zu wissen, worauf Sie sich einlassen. Dabei ist es, wenn man es runterbricht, ein toller Job. Ich konnte ein Leben retten und dafür hat sich einfach alles gelohnt. Diese ganze Arbeit, dieser ganze Stress, diese ganzen Kämpfe, die ich ausgefochten habe. Es hat sich gelohnt. Weil ich bei einer Lebensrettung dabei sein konnte, und derjenige hat sich auch noch persönlich bei mir bedankt. Was will man mehr? Deshalb geht es mir gut.“

Andrea Westerkamp-Stützel

 


flavour 150x237

 

Dorling Kindersley 29,95€

 

Ottolenghi/Belfrage: "Flavour"

Yotam Ottolenghi ist unbestritten ein Stern - und beileibe keine Schnuppe - am modernen Kochbuchhimmel.

Bereits mit den Büchern „Jerusalem“, Simple“, „Genussvoll vegetarisch“ und „Sweet“ hat er uns relativ leicht nachzukochende Gaumenfreuden bereitet. Im September kam nun sein neues, vegetarisches Werk „Flavour“ auf den Markt.
Schon beim Durchblättern läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Beim Ausprobieren der Rezepte ist man begeistert von seinen eigenen Fähigkeiten am Herd. Ist ja alles gar nicht so schwer!!! Die Geschmacksnerven bekommen ordentlich Input. Wer kombiniert schon Rosenkohl mit grünen Weintrauben oder Kohlrabi mit Nudeln? Selbst langweiliger Tofu wird mit den richtigen Gewürzen und Begleitern zu einem Essen zum „Reinsetzen“. Zum Dessert gibt es dann „ Pochierte Aprikosen und Pistazien-Amaretti-Mascarpone“ -  lecker! Zusätzlich zu überraschenden Anregungen bekommen Sie Produktinformationen und lernen etwas über verschiedene Zubereitungsarten, Rösten, Bräunen, Ziehenlassen, etc… Schöne Fotos machen Lust auf sofortiges Loslegen in der Küche.

Mit einem besonderen Gewürz dazu, haben Sie ein perfektes Weihnachtsgeschenk für alle die, die sich in diesen Zeiten, in denen Restaurantbesuche leider erschwert bis gar nicht gehen, auf den heimischen Herd besinnen und Freude am Kochlöffelschwingen haben.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


wilde freude 150x237

 

dtv 22,00€

 

Sorj Chalandon: "Wilde Freude"

Was für ein Auftakt für diesen Roman: Paris, Place Vendôme, hier sitzen die ganz, ganz edlen Juweliere. Eine offensichtlich schwerreiche, saudische Prinzessin betritt mit einer weiblichen Angestellten ein Geschäft, zwei Colliers sollen – wie vereinbart – angesehen werden. Es wird probiert, ein Foto an den Bruder und Entscheider der Prinzessin geschickt, hin und her… Plötzlich eine Explosion, zwei maskierte Frauen stürmen in den Raum – wie sich herausstellt sind es Komplizinnen der angeblichen Prinzessin, die fünf Minuten später eine Beute von knapp 1 Mio. € gemacht haben.
Da holt man erstmal tief Luft.

Der eigentliche Roman beginnt mit einer niederdrückenden Diagnose: Jeanne erfährt bei einer Untersuchung, dass sie Brustkrebs hat, operiert werden muss, Chemo, Bestrahlung – das ganze Programm. Anstatt ihr beizustehen, offenbart sich ihr Mann Matt als absolut jämmerliche Figur: „Ich kann das einfach nicht, Jeanne, ohne mich bist du besser dran…“ Armer Matt, kann einem echt leid tun, wenn die Ehefrau ihre Haare verliert, gar nicht schön. Während der Chemotherapie lernt Jeanne Brigitte kennen, ebenfalls Patientin, die beiden freunden sich an. Brigitte hat eine große Wohnung, in der sie mit zwei weiteren Freundinnen lebt, ein Zimmer ist noch frei und so zieht Jeanne dort ein.
Warum aber beschließen diese vier Frauen einen Raubüberfall?? Nun, Mélody, ebenfalls Mitbewohnerin und Krebspatientin, hat leider mit dem falschen Mann eine kleine Tochter. Der ist mit ihr nach Russland, seiner Heimat, ausgereist und will das Kind nur gegen 100.000 € hergeben. Woher nehmen und nicht stehlen? Eben.

Eine ungewöhnliche Mischung ist dieser Roman: ein bisschen Krimi, ein bisschen Lebensbewältigung, ganz viel Freundschaft und Solidarität, Pariser Flair, rasant, unterhaltsam und mit einem trickreichen Dreh zum Schluss.

Astrid Henning


die app 150x237

 

Fischer Tb 15,99€

 

Arno Strobel: "Die App"

Smart Home ist ein Thema, das uns immer wieder und immer häufiger begegnet: wie ist es doch komfortabel, alles über eine App, über das Handy regeln zu können, egal, wo man sich befindet: Kühlschrank, Rolläden, der Saugroboter, Licht und vieles mehr lassen sich problemlos und vor allem sicher koordinieren!

Und auch Hendrik und seine Verlobte Linda, die ein schönes Häuschen im Hamburger Winterhude bewohnen, haben sich die App „Adam“ gegönnt (natürlich nach ausführlicher Recherche), über die per Ansage die gesamte automatisierte Technik zu steuern ist – so haben sie sich ein gemeinsames Zuhause immer vorgestellt: entspannt und verlässlich.
Hendrik arbeitet als erfolgreicher Arzt in einer großen Klinik, auch Linda ist beruflich ausgefüllt, und die gemeinsame Hochzeit steht kurz bevor. Doch als Henrik nach einem Einsatz nach Hause kommt, ist seine Lebensgefährtin spurlos und ohne eine Nachricht hinterlassen zu haben verschwunden. Schnell wird klar, dass alles nach einer Flucht Lindas aussehen soll, doch Hendrik zweifelt und ist felsenfest von einer Entführung überzeugt. Jedoch, diese These wird von den ermittelnden Polizeibeamten ignoriert. Hendrik startet auf eigene Faust eine groß angelegte Suchaktion auf Facebook und erhält schnell eine überraschende Antwort: offensichtlich gibt es Parallelen zu einem weiteren Verschwinden.

In Alexandra, die just ein Praktikum bei den Ermittlern beendete, findet er eine Unterstützerin und Hilfe. Unmittelbar stoßen die beiden auf Fälle, die dem seinen sehr ähnlich sind – und jedes Mal spielt das in den Häusern installierte Smart-Home-System eine wesentliche Rolle…

Heike Kasten


blutzahl 150x237

 

Blanvalet 11,00€

 

Thomas Enger/Jörn Lier Horst: "Blutzahl"

Dass sich erfolgreiche Krimiautoren für gemeinsame Projekte zusammen tun, kennen wir bereits von deutschen Autoren. Auch die Skandinavier sind auf Partnersuche...
Die beiden Norweger Enger und Lier Horst haben sich gemeinsam an einen Thriller gemacht. Und zwar so erfolgreich, dass sie damit sofort auf Platz 1 der norwegischen Bestsellerliste gehüpft sind.

Die mehrfache Weltmeisterin im Langstreckenlauf Sonja Nordstrom hat eine Biografie, namens „Ewige Eins“, herausgebracht. Schonungslos geht sie in einer Art Generalabrechnung mit Trainern, Konkurrenten und ihrer Familie um. Zu einem Interview zum Erscheinungstermin ihres Buches erscheint die sonst so pünktliche und disziplinierte Frau nicht.
Emma Ramm ist Journalistin auf einer digitalen Plattform. Sie ist zuständig für die Veröffentlichung von Insiderwissen aus dem Leben von A bis C Promis. Das Ausbleiben von Frau Nordström, mit der auch sie ein Date hatte, lässt ihr keine Ruhe. Sie sucht das Anwesen der Sportlerin auf. Doch außer einem laufenden Fernseher, an dem merkwürdiger Weise eine Startnummer, nämlich die 1, klebt, findet sie nichts. Das Haus ist ausgestorben. Ein zerbrochener Spiegel weist allerdings auf ein Gewaltverbrechen hin.
Alexander Blix ist Kommissar in der Osloer Mordkommission. Er macht einen guten Job, obwohl er nicht die Karriereleiter hinaufgeklettert ist. Einer seiner ersten Einsätze als junger Polizist hat ihm das Genick gebrochen. Der Tod eines Mannes hängt ihm nach. Ist es durch sein Fehlverhalten damals, vor 18 Jahren, eskaliert? Mit seinen Kollegen wird er nun zu einem Einsatz gerufen. Die Leiche eines berühmten Sportlers, Startnummer 7 in seinem Fußballteam, wurde in einem Boot auf einem See gefunden. Die Besitzerin des Bootes ist keine andere als die vermisste Sonja Nordström…

Zwischen Emma und Blix besteht eine Verbindung, die Emma und uns Lesern erst im Laufe des Thrillers klar wird. Aus anfänglich unklaren Gründen versorgt der Kommissar die Journalistin mit Informationen, die eigentlich das Dezernat nicht verlassen dürften. Dadurch erhält Emma die Chance, die Lifestyle-Berichte sausen zu lassen und stattdessen als Kriminalreporterin für ihren Onlinechannel zu schreiben. Der Kontakt zu Blix ist für die taffe, junge Frau Gold wert.

Es werden noch wesentlich mehr Menschen ihr Leben lassen. Alle können mit einer Zahl verbunden werden und kommen durchweg aus der Prominentenszene. Die Idee, Morde wie einen Countdown laufen zu lassen, ist nicht neu. Durchgeknallte Serienmörder und psychisch angeknackste Ermittler sind uns auch nicht unbekannt. Dennoch ist dieses Gemeinschaftswerk dermaßen spannend und hat solch unerwartete Wendungen, dass ich das Leseexemplar nicht mal in der Sauna aus der Hand legen konnte.
Solide, fesselnde Krimikunst aus dem düsteren Norden, klasse!

Annette Matthaei

 

carnival 150x237

 

Aufbau Verlag 14,00€

 

Philipp Winkler: "Carnival"

Ganz tief tauche ich gleich auf den ersten Seiten in dieses schmale Büchlein hineien. Ich versinke quasi in meine Welt aus Kindertagen.

Wenn die Kirmes in unsere westfälische Stadt kam, waren wir Kinder aus dem Häuschen. Die Straßen mit bunten Wimpeln überspannt, der Festplatz, etwas außerhalb der Stadt plötzlich bevölkert mit bunten Wagen, offenen Buden, Karussels, einer Geisterbahn, der obligatorischen Autoscooterbahn und vielen weiteren Attraktionen, die mein Kinderherz höher schlagen ließen.

Wer waren und sind die Kirmser, die Menschen, die in den Wohnwagen leben, die arbeiten, während wir die Zuckerwatte genießen? Philipp Winkler gibt ihnen eine Stimme: mal rau und laut, mal melancholisch und zutiefst verletzt, immer authentisch lässt er seine Figuren aus ihrem Leben erzählen.
Ein sehr berührendes Buch, das nur leider viel zu kurz ist...

Andrea Westerkamp-Stützel


hope street 150x237

 

Piper 22,00€

 

Campino: "Hope Street"

Sein Großvater war im nationalsozialistischen Berlin ein NS-kritischer Richter, sein Vater hat nach dem Krieg die studentische Hilfe für das Durchgangslager Friedland aufgebaut. 1948 lernte er in Göttingen an der Uni Jennie aus England kennen, die als einzige Studentin mit vier männlichen Kommilitonen dorthin geschickt wurde, um Brücken zu bauen zum gerade erst besiegten Feind. Die beiden heirateten, bekamen sieben Kinder – und vor allem der zweitjüngste Sohn erlangte weltweit Berühmtheit: Campino, Frontmann und Sänger der deutschen Punkband „Tote Hosen“.

Und nun hat Campino ein Buch geschrieben über seine Liebe zu England und zum FC Liverpool: Hope Street. Und diese Biographie ist eine überaus lohnenswerte, vor allem für Fußball-Fans! Auch wenn das Buch von ihm handelt – Campino geht immer auch einen Schritt zurück: Deutsche und britische Nachkriegsgeschichte, Fußballdramen in Sheffield, wo 1996 Liverpool-Fans im Gedränge umkamen, die frühen Punk-Tage in 1970ern mit Spaß, Schlägereien, Champagner und Tischtennis bei Jürgen Klopp im Keller – Campino erzählt gut und nahbar und mit einer angenehmen und feinen Prise Humor.
Eine Reise durch die letzten dreißig Jahre, die immer wieder nach England führt…

Heike Kasten


dorfroman 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Christoph Peters: "Dorfroman"

Dieser Roman erzählt von einer Kindheit und Jugend am Niederrhein, einer ländlich, teilweise dörflich geprägten Gegend, einer Kindheit in Hülkendonck, in der Nähe von Kalkar. Hier pflegt man alte Traditionen, achtet auch die ungeschriebenen Regeln, von denen es jede Menge gibt – und ist vor allen Dingen religiös, was in diesem Fall ganz eindeutig katholisch bedeutet.

Der Roman steigt ein zu Beginn der 70er Jahre. Die Nachrichten in diesen Zeiten berichten von Vietnam, von Hunger in Afrika, später von dem, was wir inzwischen Deutscher Herbst nennen. Bundeskanzler ist noch Willy Brandt, den die Mutter des Erzählers „Whisky-Willy“ nennt, weil er angeblich nicht nur ein unsolides Eheleben führt, sondern auch zu viel Alkohol trinkt. Unser Erzähler ist zu diesem Zeitpunkt noch in der Grundschule, der Vater arbeitet im Landmaschinenhandel in führender Position, ist außerdem im Kirchenvorstand, die Mutter ist Lehrerin. Samstags wird das Auto gewaschen, dabei hört man Bundesliga, im Garten wird Unkraut gezupft und anderes erledigt und abends guckt man zusammen Kulenkampff oder ähnliche Perlen der Fernsehunterhaltung.
Doch dann kommt die Politik nicht mehr nur aus dem Fernseher, sondern macht sich mitten im Dorf breit: Ein Atomreaktor ganz neuer Art, soll direkt in der Nähe, nämlich in Kalkar, gebaut werden. Bauern sollen ihr Land verkaufen, auch der Kirche gehört einiges an Grund und Boden, der für den Bau benötigt wird. Und schon geht der Riss mitten durch’s Dorf, wer ist dafür, wer ist dagegen. Bauer Praats jedenfalls ist klar dagegen und überlässt seine alte Scheune sogar lauter langhaarigen jungen Leuten, wahrscheinlich alles Terroristen, die dort den Widerstand organisieren wollen.

Das alles durch Augen eines Kindes zu sehen, später eines unbedarften, aber ernsthaften und zunehmend renitenten Jugendlichen, gelingt Peters außerordentlich. Die Glaubens- und Grundsätze des Dorfes hat er mit der Muttermilch eingesogen, und jetzt spürt er, dass es außerhalb von Hülkendonck eine andere, größere Welt gibt. Was wir abstrakt wissen, wird in diesem Roman nochmal sehr deutlich: Die BRD der 70er Jahre war, verglichen mit unserer heutigen Welt, geradezu übersichtlich und verlässlich. Die Zukunft wird immer besser, für alles findet sich eine Lösung. Diese Sicherheit, wahrscheinlich damals schon trügerisch, ist uns heute ganz klar abhandengekommen.

Astrid Henning


wenn du mich heute wieder fragen wuerdest 150x237

 

Eisele 24,00€

 

Mary Beth Keane: "Wenn Du mich heute wieder fragen würdest"

Francis und Brian lernen sich auf der Polizeischule in New York kennen. Der Zufall will es, dass sie nach abgeschlossener Ausbildung gemeinsam zur Streife in der Bronx eingeteilt werden. Beide haben eine feste Freundin und träumen von Familie und einem Häuschen im Grünen. Gillam, ein Vorort von New York, wird tatsächlich zu ihrer neuen Heimat, zwei Häuser in direkter Nachbarschaft. Alles könnte harmonisch sein. Doch so sehr Lena Gleeson, Francis Frau, sich bemüht, Anne näher kennenzulernen, blockt diese ab, bleibt verschlossen. Francis und Lena bekommen ein Baby nach dem anderen, drei Mädchen. Anne und Brian hingegen haben schwere Schicksalsschläge einzustecken. Zwei Totgeburten muss Anne durchleiden, bevor sie dann doch einen Sohn namens Peter gesund zur Welt bringt. Sicherlich ist das der Grund für ihre psychische, immer offensichtlicher werdende Labilität.

Peter und die Jüngste der Gleesons, Kate, wachsen wie Bruder und Schwester auf. Unzertrennlich sind die beiden. In der Pubertät entwickelt sich aus der tiefen Freundschaft der beiden eine erste zarte Liebe, die rasch an Intensität zunimmt. Weder Peters noch Kates Eltern sind glücklich über diese Verbindung. Jahrelange unterkühlte Nachbarschaft hat jegliche Sympathie verschwinden lassen. Eines Nachts dann, als ein geheimes Rendevouz der Teenager auffliegt, eskaliert die Situation und es kommt zu einer Tragödie von unglaublicher Tragweite….

Mary Keane ist es gelungen ein außergewöhnliches Psychogramm zweier amerikanischer Familien zu zeichnen. Seelische und körperliche Verletzungen werden hautnah beschrieben und obwohl die Protagonisten in diesem Buch alle nur in der dritten Person zu Wort kommen, war ich selten von einem Buch so gefesselt und hatte die einzelnen Personen überdeutlich vor Augen. Es ist nicht nur die Geschichte von Schuld, Vergebung, Tragik, Annehmen, sondern auch die einer großen Liebe á la Romeo und Julia.
Ein echter Geheimtipp und eines meiner Highlights der Herbstsaison 2020!

Annette Matthaei

 


love and bullets 150x237

 

Suhrkamp 11,00€

 

Nick Kolakowski: "Love & Bullets"

Achtung! Nichts für schwache Nerven!

Bill liiiiebt rasante Flitzer, Designeranzüge, teure Uhren und - Fiona. Vielleicht nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.... Um sein Luxusleben finanzieren zu können, raubt und betrügt er in großem Stil. Wie dumm von ihm, dass er nun ausgerechnet seinen Auftraggeber um ettliche Millionen erleichter hat. Hier kommt Fiona ins Spiel! Erwähnenswert an dieser Stelle: sie beherrscht das große 1x1 des Tötens wie kaum jemand. Fiona ist Auftragskillerin, und ihr aktueller Befehl lautet : kill Bill...
Das raubmordende Paar rast durch amerikanische Provinzdörfer, fliegt in die Karibik, und landet irgendwann, schon leicht aus der Puste in New York. Jede Menge Blei und coole Sprüche flastern ihren Weg. Sie haben die Nase gestrichen voll von der Hektik ihres Alltags, aber der Showdown, der einige Überraschungen bereit hält, lässt nicht lange auf sich warten!

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!!

Andrea Westerkamp-Stützel

 

Unsere Buchempfehlungen im September


kalmann 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Joachim B. Schmidt: "Kalmann"

Hier kommt ein Buch für alle Island-Fans, genauso aber auch für alle, die mit Island noch gar nichts am Hut haben. Denn hier lernen wir Kalmann kennen, Kalmann, den selbsternannten „Sheriff von Raufarhövn“, dem nördlichsten Ort auf Island. Danach kommt nur noch Schnee, Eis und das Nordpolarmeer.

Bei Kalmanns Geburt ist irgendwas schief gelaufen, wahrscheinlich zu wenig Sauerstoff, seine Mutter meint „Ärztepfusch“, wie auch immer – jedenfalls laufen die Räder in seinem Kopf manchmal rückwärts, wie er selbst sagt. Macht aber nichts, denn Kalmanns Großvater passt auf ihn auf und bringt ihm die wesentlichen Dinge des Lebens bei, dazu gehört unbedingt, wie man Polarfüchse jagt, fischen geht und den besten Gammelhai macht, der übrigens genauso riecht, wie es sich anhört. Leider ist Kalmanns Großvater mittlerweile in einem Altenheim und seine Mutter nach Reikjavik gezogen, sodass Kalmann jetzt alleine in Großvaters Haus wohnt, aber das klappt eigentlich auch ganz gut.
Eines Tages ist er mal wieder draußen auf der Jagd nach einem Polarfuchs, da begegnet ihm etwas Schreckliches: Mitten im gleißenden, weißen Schnee stößt Kalmann auf eine Blutlache, eine richtig große, und er weiß sofort, dass es sich um menschliches Blut handelt, in beträchtlicher Menge. Gleichzeitig wird Robert McKenzie vermisst, der Betreiber des örtlichen Hotels und König der Fangquoten. Da liegt ein Zusammenhang natürlich nahe. Außerdem fehlt die Leiche, es sieht nicht nach einem sehr friedlichen Tod aus, also hat man plötzlich jede Menge Polizei am Hals, inklusive Medienberichterstattung. Und da Kalmann nun mal als Erster auf das Blut gestoßen ist, führt er den Suchtrupp zu besagter Stelle und geizt auch sonst nicht mit Aussagen zu Polarfüchsen, Jagd und Eisbären, die möglicherweise auf Futtersuche weite Wege zurücklegen können.

Kalmann ist sicher keine besondere intellektuelle Größe, aber seine Sicht der Dinge ist oftmals ziemlich klug und entwaffnend. Wie sagt er selbst beim Nachdenken über die Welt im Allgemeinen: „Wir wissen überhaupt sehr wenig. Und ich finde das sehr tröstlich, denn ich weiß ja auch nicht viel über die Welt, und wer so tut als hätte er auf alle Fragen eine Antwort, hat einen Schaden und mehr nicht.“
Pikant wird es, als Kalmann mal wieder einen Hai gefangen hat, ihn verarbeiten will und sich im Magen des Tiers Robert McKenzies linke Hand befindet. Da fragt man sich doch gleich, wo ist die rechte? Und der ganze Rest?

Ein kluges Buch, ein lustiges Buch – ein toller Diogenes-Treffer. Der Autor ist übrigens Schweizer, lebt seit 13 Jahren in Island und findet, dass die Schweiz und Island sich so sehr gar nicht voneinander unterscheiden.

Astrid Henning

 


bin noch da 150x237

 

Rowohlt 18,00€

 

Sven Stricker: "Bin noch da"

Moritz ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben. Vor kurzem hat er sich seinen Traum erfüllt und ein Café eröffnet, steht nun als gutgelaunter Barista hinter dem Tresen. Es macht ihm viel Spaß und der Laden läuft prima an. Seine lebenskluge Freundin Jessy und er sind Eltern von einem süßen 4jährigen Fratz namens Elias.

Ein glückliches Familienleben, das kennt Moritz so gar nicht aus seiner eigenen Kindheit. Sein Vater Karlheinz war ein durch und durch böser Menschenhasser, nur Gemecker und Gezeter über Gott und die Welt. An niemandem ließ er ein gutes Haar, kurze Ruhe nur vor der Tagesschau mit viel Bier. Und so wurden auch Moritz und seine Schwester von kleinauf an nieder gemacht. Die Mutter zog den Kopf ein und flüchtete ins Weinen und in Unterwürfigkeit. Es wundert nicht, dass Moritz am 18. das Elternhaus verließ. Seitdem ist Funkstille. Zwanzig Jahre ohne Kontakt, so soll es bleiben. Bleibt es aber nicht….
Als Moritz Handy klingelt, meint er seinen Augen nicht zu trauen. Die bekannte Nummer seiner Eltern erscheint auf dem Display. Das kann nur eins bedeuten: sein Vater ist tot. Er unterdrückt den Anruf und versucht die Vogel Strauß Taktik. Bis am nächsten Tag ein altes, verwahrlostes Männlein in der Schlange vor dem Tresen steht, lauthals schimpfend: Karlheinz!!! Nicht er ist verstorben, sondern die Mutter. Karlheinz will nun auch nicht mehr und verlangt von seinem Sohn ihm beim Übergang ins Jenseits zu helfen.

Sven Stricker mag seine Figuren, das merkt man ganz deutlich. Schon sein leicht psychotischer Kriminaler Sörensen hinterm Deich war ein wirklich sympathischer Typ und auch den Moritz, der es nicht leicht hat, mit den Dämonen seiner Kindheit zu kämpfen, liebt er.
Eine gelungene Aufbereitung früher Traumata aus männlicher Sicht mit viel Humor und Augenzwinkern.

Annette Matthaei

 


seitensprung 150x237

 

Diogenes 16,00€

 

Jason Starr: "Seitensprung"

Bei Jack Harper, einer kleinen Leuchte auf dem Immobilienmarkt, läuft es nicht rund. In seiner Jugend war er ein begnadeter Gitarrist, aber wie es in diesem Milieu manchmal so ist, man rutscht leicht auf die schiefe Bahn.
So erging es auch Jack, er hing schwer an der Flasche. Dass er jetzt trocken ist, hat er den Anonymen Alkoholikern, aber vor allem seiner Frau Maria und seinem achtjährigen Sohn Jonah zu verdanken. Sie hieltzu ihm, doch diese Zeiten sind längst vorbei. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sie nicht in dieser verdammt winzigen 2-Zimmer-Wohnung in Manhattan geblieben wären. Mehr Freiraum und Grün hätte der kleinen Familie sicher besser getan. Doch sie sind geblieben und nun beschränkt sich der Kontakt zwischen den Eheleuten nur noch auf wenige Worte, das Kind betreffend; ein tiefer Groll hat sich eingeschlichen, seit mehr als vier Jahren gab es keinen Sex mehr.
Da wundert es nicht, dass Jack hellhörig wird, als ihm ein früheres Bandmitglied, Typ „dicke Hose“, von einer diskreten Seitensprung-Platform vorschwärmt. Normalerweise ist Fremdgehen für Jack überhaupt keine Option, aber eines einsamen Abends kann er nicht widerstehen.

Gleich beim ersten Mal lernt er „FUGITIVE RED“ (flüchtiges Rot) kennen, eine Frau, die Verständnis für ihn zeigt, eine Seelenverwandte. Der Chat wird von einem Flirt, vorangetrieben durch sie, schnell zu einem harten Anmachen. Obwohl Jacks Gewissen mächtig pocht, lässt er sich auf ein reales Treffen ein. Noch vor der Tür ihres imposanten Townhouses beschliesst er, der Dame einen Korb zu geben, sich gleich wieder freundlich zu verabschieden. Dazu wird es nicht kommen, denn im Schlafzimmer findet er die Chatpartnerin, nackt, mit einer Krawatte erdrosselt. In völliger Panik wählt er den Notruf, nicht ohne vorher noch genügend DNA hinterlassen zu haben.

Von Anfang an, denken wir als Leser, „Junge lass die Finger davon, das nimmt kein gutes Ende“, halten es kaum aus, müssen ihm aber gebannt folgen, wie er immer fester in folgenschwere Fallen tappt.
Ein wahrhaft gelungener Psychothriller im NewYorker Milieu.

Annette Matthaei

 


der innere stammtisch 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Ijoma Mangold: "Der innere Stammtisch"

Auch die klügsten Journalisten sind normale Menschen, die zunächst mal emotional auf Nachrichten und Ereignisse reagieren. Erst danach wird – hoffentlich - nochmal reflektiert, recherchiert und dann druckreif gesprochen und geschrieben. Dann hat man seine Meinung, seine eigene Wahrheit und ist davon ziemlich überzeugt – was sich z.B. in Talkshows zeigt, die allzu oft ein Pingpong an Standpunkten sind.
Diese Beobachtung hat auch Mangold bei sich selbst gemacht und ich finde es sehr sympathisch, dass er damit nicht hinterm Berg hält. „Der innere Stammtisch“ ist daher auch ein sehr treffender Titel, am Stammtisch wird erstmal was „rausgehauen“, da erwartet man keine differenzierten Debatten.

Mangold beginnt sein politisches Tagebuch im September 2019, und das ist ein weiterer, höchst interessanter Aspekt: Ein Jahr später schlagen wir dieses Buch auf und denken: „Der schreibt aus und von einer anderen Welt“. Unglaublich, wie viele Themen seit Beginn 2019, seit Corona, unter den Tisch fallen! Fast ein halbes Jahr haben wir nur noch über Viren gesprochen, über Ansteckungswege, Maskenpflicht, Impfungen, Tests etc. Fridays for future? War da mal was? Unsere Kinder sind monatelang freitags nicht zur Schule gegangen, das hat jetzt niemanden mehr interessiert und schon gar nicht der Grund dafür. Integration der Geflüchteten? Meetoo-Debatte? Zukunft der Mobilität? Hallo?? So ganz allmählich kommen diese Themen wieder ins Blickfeld, aber unser Alltag wird nach wie vor von der Pandemie bestimmt.

Mangold ist jedenfalls gerne ein Provokateur: Wenn fünf Leute einer Meinung sind, dann ist er schon aus Prinzip „dagegen“. Allerdings klug und selbstkritisch genug, um auch mal zuzugeben, dass er sich mit Urteilen und Einschätzungen geirrt hat.
Sein Tagebuch geht bis ca. Mitte April, hat also noch eine gehörige Portion Corona intus und bietet jede Menge Stoff für Diskussionen.

Astrid Henning

 


die heilige henni der hinterhoefe 150x237

 

Kampaverlag 22,00€

 

Tim Krohn: "Die heilige Henni der Hinterhöfe"

Henni Binneweis ist zwölf Jahre, als in Sarajevo Herzogin Sophie den Tod findet, folgenschwer, wie wir ja wissen.
Der Hinterhof einer Mietskaserne am Prenzlauer Berg dient der quirligen Henni als Bühne. Hier spielt sie das Dahinsiechen einer an Schwindsucht erkrankten Nachbarin ebenso gekonnt nach, wie das Leiden der drei verwaisten Adelskinder im tiefen Böhmen. ("Schlafen die wohl auf piksenden Rosshaarmatratzen?") Ihre Fantasie kennt keine Grenzen, und das ist mitunter besser, als jedes Schlafmittel: dienen ihre haarsträubenden Geschichten doch  dem großen Bruder Kuddl nicht selten als Einschlafhilfe.
Henni ist ein Unikum, schwer zu beschreiben in ihrer unglaublichen Lebhaftigkeit. Wir Leser verfallen ihr, sie zieht uns ständig hinter sich her, weil wir kaum ihr Tempo halten können. Seit ihr ein Feuerwehrmann prophezeite, sie sei zu "was Höherem jeborn" ist Hennis Selbstbewusstsein unerschütterlich. Gut so, denn als Halbjüdin geht, nein, hüpft sie schweren Zeiten entgegen.
Henrietta wird erwachsen und im schummrigen Licht des Varietés steht sie plötzlich auf einer richtigen Bühne...

Tim Krohn, als Norddeutscher geboren und in der Schweiz lange angesiedelter Schriftstller, hat eine herrlich freche Geschichte ersonnen : spritzig, temperamentvoll, rührend - janz einfach knorke!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


kostbare tage 150x237

 

Diogenes 24,00€

 

Kent Haruf: "Kostbare Tage"

Der vierte posthum übersetzte Holt-Roman von Kent Haruf führt uns in einem heißen Sommer zurück in die Kleinstadt mitten in Colorado, in der sich das Leben nicht schnell verändert und in der sich doch alle nach und nach den Veränderungen des Lebens stellen müssen.

Die Zeit ist vorangeschritten. Dad Lewis wird sterben und erlebt seinen letzten Sommer, umsorgt von seiner geliebten Frau Mary und seiner Tochter Lorraine, die ihr Büro in Denver in Stich gelassen hat, um bei ihrem Vater zu sein. Auf den Besuch seines Sohnes Frank wartet Dad vergeblich – er hat der Familie vor Jahren den Rücken gekehrt. Wieder tauchen wir auch in weitere Familiengeflechte ein, in denen jeder versucht, sein Leben bestmöglichst zu leben, auch wenn es das Schicksal nicht immer gut mit einem meint.
Nebenan wohnt die 11jährige Alice bei ihrer Großmutter, seit ihre alleinerziehende Mutter an Krebs gestorben ist. Lorraine und auch zwei weitere befreundete Frauen, Alene und Willa, fühlen sich zu dem Mädchen hingezogen und wollen Zeit mit ihm verbringen. Und so kommen Menschen zusammen, die sich aus ihrer Einsamkeit, auch Trauer, herausholen und gemeinsame Momente zaubern. Momente der Geselligkeit, Momente, in denen das volle Leben gespürt werden kann, Momente des Glücks.

Es ist ein ruhiger Sommer, heiß und träge, in dem wir Teil dieser Menschen in Holt sein dürfen, ein Sommer des Abschieds und gleichzeitig des Aufbruchs. Es ist das Leben pur, liebevoll, einfühlsam, unendlich ehrlich und von menschlichem Verstehen durchzogen geschildert.
Mit „Kostbare Tage“ ist ein weiterer wunderbarer Roman vom 2014 verstorbenen Kent Haruf übersetzt worden – wieder ein Leseglück für uns, verbunden mit der Hoffnung, dass wir auch seine zwei ersten Romane demnächst auf Deutsch zu lesen bekommen!

Christinane Knappe

 


das verschwinden des dr muehe 150x237

 

Penguin 20,00€

 

Oliver Hilmes: "Das Verschwinden des Dr. Mühe"

Berlin in den 30ern. Erich Mühe ist ein fleißiger Arzt. Seine Praxis in Berlin-Kreuzberg floriert, und das ermöglicht ihm und seiner Frau Charlotte ein durchaus angenehmes Leben. Sein neues Automobil, ein ADLER, ist sein ganzer Stolz! Währenddessen brodelt es im ganzen Land, besonders aber in den Straßen Berlins. Kommunisten und Nazis liefern sich erbitterte Kämpfe, wohingegen sich die Monarchisten ihren Kaiser zurück wünschen. Kanzler von Papen scheint das Ende der Weimarer Republik einzuläuten. Unaufhaltsam strebt indessen Hitler der Machtergreifung entgegen...

Am 13. Juni 1932 wird Dr. Mühe mit seinem schönen neuen Auto eine Fahrt an den Sacrower See unternehmen. Tags darauf entdecken Anwohner das am Ufer abgestellte Auto, vom Fahrer fehlt jede Spur. Kommissar Ernst Keller und sein Kriminalassistent Schneider ermitteln, und schnell wird klar, der Fall ist völlig undurchsichtig, zumal auch nach wochenlanger Suche jede Spur des verschwundenen Arztes fehlt.

In seinem Roman verbindet Hilmes gekonnt Fiktion und Realität, denn der Fall Mühe war ein sogenannter COLD CASE, dessen Akte, einzusehen im Landesarchiv Berlin, über 100 Seiten umfasste.
Dieser Kriminalroman bietet Spannung und beste Unterhaltung. Darüber hinaus tauchen wir tief ein in das Berlin der 30er und werden zu Beobachtern einer realen polizeilichen Ermittlung.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


feinde des sports 150x237

 

Econ Verlag 20,00€

 

Hajo Seppelt: "Feinde des Sports"

Er ist der Enthüller im internationalen Spitzensport: der investigative Journalist Hajo Seppelt, der seit Jahren Korruption und Doping aufdeckt, nicht nur im Radsport und der Leichtathletik. Während der Fußball-WM 2018 verweigerte ihm Gastgeber Russland die Einreise. Hintergrund: Seppelt hatte mithilfe russischer Whistleblower systematisches Staatsdoping offengelegt.

Oftmals liest sich das Buch wie ein True-Crime-Thriller: es geht um international anerkannte Sportärzte, die den Athleten und Athletinnen dazu verhelfen, immer schneller, höher, weiter, ausdauernder zu trainieren und abzuliefern. Es geht um Stammzellen- und Eigenblutbehandlungen, um lebensverändernde und lebensgefährliche Behandlungen mit Steroiden, Wachstumshormonen oder Cocktails aus beidem. Und immer wieder geht es auch um das große Leugnen und Ignorieren, nicht nur seitens der Sportler und Sportlerinnen, sondern auch und gerade bei den hohen Funktionären der nationalen und internationalen Verbände. Geheime Treffen mit unerkannt bleibenden Hinweisgebern zeigen das wahre Gesicht hinter dem Kampf um Medaillen. Wer auch immer dachte oder auch hoffte, offizielle Dopingkontrollen seien sicher und nicht zu manipulieren, der wird eines Besseren belehrt.

Seppelt hat es sich ganz offensichtlich zur Lebensaufgabe gemacht, in Sachen Doping aufzuklären und zu verhindern - dieses häufig unter extrem schweren und herausfordernden Bedingungen! Und es ist ihm ernst mit seinem Kampf gegen die Feinde des Sports, das zeigt auch sein Forderungskatalog: Ohne Transparenz, eine wirklich unabhängige und finanziell besser ausgestattete Dopingbekämpfung und eine Neuausrichtung der Verbände wird der Spitzensport immer weiter an Glaubwürdigkeit verlieren.

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August

 


ich bleibe hier 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Marco Balzano: "Ich bleibe hier"

Das Leben in Graun, einem Dorf am Reschenpass in Südtirol, wird seit jeher vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt. Es ist sicher kein einfaches, kein bequemes Leben, aber so war es schon immer, die Menschen finden ihr Auskommen und nehmen das Leben, wie es ist: „Die Sprache war Deutsch, die Religion christlich, die Arbeit die auf dem Feld und im Stall. Das war alles.“
Hier kommt Trina Anfang des 20. Jahrhunderts zur Welt, sie wächst in Graun auf, geht zur Schule und wird Lehrerin. In den 20er Jahren beginnen die italienischen Faschisten unter Mussolini sich Südtirols zu bemächtigen: Die Menschen sollen italienisch sprechen, alles Deutsche soll ausgemerzt werden. Es gibt Widerstand, Trina unterrichtet heimlich deutsch, doch insgesamt versuchen die Grauner, die Politik nicht allzu sehr in ihr Leben hineinzulassen.
In den 30er Jahren jedoch wird der Druck größer, das Dorf spaltet sich, so mancher Grauner verlässt den Ort und geht nach Deutschland. Trina ist mittlerweile verheiratet und hat mit Erich zwei Kinder, nie im Leben käme ihnen der Gedanke, ihre Heimat aufzugeben. Der zweite Weltkrieg steht vor der Tür, er beginnt, verläuft und endet – mit allen großen und kleinen Katastrophen. Und jetzt nehmen Pläne, hier in und um Graun einen Staudamm zu bauen, wieder Form an. Diese Pläne gab es schon in den 20er Jahren, sie haben das Dorf immer wieder beunruhigt, aber nie ist es zur konkreten Umsetzung gekommen. Und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf, denn viele Grauner wollen das kommende Unheil nicht sehen. Die offizielle Bekanntmachung hing zwar 14 Tage im Rathaus aus, allerdings auf italienisch, einer Sprache, die die meisten Grauner nach wie vor nicht verstehen. Der Bau beginnt, die Maschinen vernichten die Landschaft, der Plan wird Realität. Der Widerstand im Dorf kann nichts mehr ausrichten, die Interessen der Wirtschaft sind zu gewaltig: Im Sommer 1950 ist der Staudamm fertig gestellt und Graun wird überflutet. Die verbliebenen Einwohner werden in lächerlichster Weise „entschädigt“ und in in schäbigen Baracken untergebracht.

Diese Geschichte berührt, auch gerade aufgrund Trinas Sprache. In einem ruhigen Rhythmus, schlicht und ohne Pathos, erzählt sie ihr Leben, in dem es nur wenige unbeschwerte Momente, dafür umso mehr Herausforderungen und Schmerz gab. Mit seinem Roman hat Marco Balzano dieser untergegangenen Welt, den Dorfbewohnern von Graun, ein würdiges Denkmal gesetzt.

Astrid Henning

 


cryptos 150x237

 

Loewe 19,95€

 

Ursula Poznanski: "Cryptos"

So wie wir unsere Erde kennen, existiert sie nicht mehr. Die Böden sind verdorrt, die Temperaturen unerträglich hoch, überall Wüste. Da ist Leben nur noch vereinzelt möglich. Die Menschen lagern in Depots in Kapseln, die wie große Bohnen aussehen, werden intravenös ernährt und - das ist der Clou - können sich virtuell in wunderschöne, aufregende, ganz unterschiedliche Welten versetzen…

Jana ist eine der letzten, die in der realen Welt leben. Sie arbeitet für Mastermind, eine der wenigen Riesenfirmen, und entwirft an ihrem Computer eben genau diese virtuellen Welten. Eine Handvoll Mitarbeiter lässt ihrer Phantasie freien Lauf. Da gibt es Welten, in denen Dinosaurier fliegen, man in den dreckigen Straßen des englischen Mittelalters um sein Leben kämpft. Mit Philosophen kann man sich im alten Griechenland austauschen, mit Lanzen Ritterspiele kämpfen oder sich mit der Familie in eine Kinderwelt, in der nur gespielt, geplanscht und gesungen wird, versetzen lassen. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, die Auswahl frei verfügbar.
Jana ist eher eine softe Entwicklerin. Ihre Welten sind von Harmonie, heiler Natur und schönen Farben geprägt. Kein Wunder also, dass ihre „Bewohner“ lange Zeitspannen dort verweilen, bis sie sich für einen anderen Lebensraum entscheiden. Umso überraschter ist sie, als sie feststellen muss, dass einige Personen plötzlich von der Bildfläche verschwinden. Und die Zahlen geben ihr recht, die Prozentzahlen der sogenannten „Exits“ steigen dramatisch.
Natürlich will sie sich vor Ort überzeugen, was in ihrer Lieblingswelt los ist und transferiert. In der von ihr gestalteten Umgebung, wird sie Zeuge eines Mordes – und zwar nicht virtuell, sondern völlig real. Als sie davon aufgewühlt in der Zentrale von Mastermind berichtet, stößt sie auf eine Mauer des eisigen Schweigens. Sie wird in den Zwangsurlaub geschickt. Was stimmt da nicht??? Jana ist nicht allein. Schon länger hat sich eine Gruppe von Leuten zusammengetan, die ahnen, was Mastermind im Schilde führt und sich dagegen auflehnt. Es beginnt ein Kampf um Leben und Tod!

Was Frau Poznanski sich da wieder ausgedacht hat, ist schier unglaublich. Die virtuellen Welten ziehen in den Bann, die Spannung steigt in höchste Höhen, die Auflösung ist stimmig. Das ist wieder einmal ein absolut gelungenes Buch für Jugendliche und Erwachsene, die Fans von Phantasie sind. Sie werden begeistert sein.
Einziger Wermutstropfen: Frau Poznanski hat sich in ihren vorhergegangenen Büchern häufig mit Themen wie zum Beispiel Google Watch oder Drohnen auseinandergesetzt. Kurze Zeit später wurden ihr Szenarien zur Realität. Bleibt die Hoffnung, dass sie diesmal keine hellseherischen Fähigkeiten besitzt...

Annette Matthaei

 


die sommer 150x237

 

Hanser 22,00€

 

Ronya Othmann: " Die Sommer"

Leyla wird in der Nähe von München groß. Die Mutter ist eine deutsche, praktisch veranlagte Krankenschwester. Der kurdische Vater wanderte unter lebens-
gefährlichen Verhältnissen aus Syrien nach Deutschland aus, nachdem er in seinem Heimatland gefangengehalten und gefoltert wurde.
Für ihn, den sehr guten Schüler aus einem kleinen Bergdorf, grenznah der Türkei, gab es als Êziden, bei uns bekannt als Jesiden, keine Hoffnung auf einen Arbeitsplatz, geschweige denn den erträumten Studienplatz.
Die Gruppe dieser Gläubigen galt als staatenlos, hatte keinen Pass und wurde seit mehreren Jahrhunderten von den arabisch stämmigen Herrschern unterdrückt.

Jeden Sommer reist die kleine Familie für mehrere Wochen in den Geburtsort des Vaters. Ein Kulturschock für die kleine Leyla. Das isolierte Leben in der kleinen Wohnung im Münchner Vorort und der Besuch des dortige Gymnasiums steht im krassen Gegensatz zum Leben in dem Dorf. Die stets in Töpfen rührende Großmutter mit ihren geblümten Kleidern und dem Kopftuch, das Sitzen auf dem Lehmboden bei köstlich duftenden Mahlzeiten, das Schlafen mit der gesamten Familie unter dem Sternenzelt, der Staub, der bei großer Hitze durch das Dorf geweht wird, das alles erfüllt Leyla mit Faszination und Geborgenheit. Gleichzeitig spürt sie schon als Kind deutlich, dass sie nicht wirklich dazu gehört.
2011 beginnen die Unruhen mit den bekannten verheerenden Folgen und während der Vater in Deutschland, Sonnenblumenkerne kauend, sich den ganzen Tag durch kurdische und arabische TV Sender zappt- 24 Stunden Krieg im Wohnzimmer – irrt Leyla entwurzelt als Germanistikstudentin durch Leipzig. Wie kann sie normal ihr Leben leben, wenn vielleicht gleichzeitig ihre Familie von Saddats Truppen niedergemetzelt wird?

Nach dem Lesen dieses herausragenden Buches wundert es tatsächlich nicht, dass es Jugendliche ethnischer, verfolgter Minderheiten gibt, die bereit sind, sich zu radikalisieren. Ronya Othmann hat einen anderen Weg gewählt, um auf die grauenhaften Vergehen an ihrem Volk, den êzidischen Kurden aufmerksam zu machen. Sie schreibt - und das sehr gut!!
Dieses Buch geht unter die Haut, macht sprachlos und auch wütend auf die herrschenden, unfassbaren Verhältnisse in dem nicht so weit entfernten nahen Osten, hier Syrien. Mit einigen Stipendien belegt, schrieb die junge Autorin, ausgezeichnet mit diversen Literaturförderpreisen, unter anderem auch einige Zeit bei uns in Lüneburg im Heinrich Heine Haus.
Ich bin mir sicher, dass dieses Buch für Aufsehen sorgen wird und vielleicht sogar auf der Longlist des diesjährigen Literaturpreises erscheinen wird.

Annette Matthaei

 


der sinn des ganzen 150x237

 

Kein & Aber 22,00€

 

Anne Tyler: "Der Sinn des Ganzen"

Pulitzer-Preis Gewinnerin Anne Tyler bedarf eigentlich keiner Vorstellung mehr. Unzählige Bücher, unzählige berührende Geschichten, entstammen ihrer Feder – zuletzt begeisterte sie mit „Launen der Zeit“ und „Der leuchtend blaue Faden“. Dennoch muss ich meiner Begeisterung für diese Autorin hier Raum geben und ihr neues Buch „Der Sinn des Ganzen“ bietet mir die perfekte Gelegenheit dazu.

In „Der Sinn des Ganzen“ läuft Micah Mortimer durchs Leben, wie durch die strukturiert amerikanischen Straßen Baltimores: in die eigene Gedankenwelt vertieft, vor allem aber routiniert und ganz nach Plan. Ob er da in seinem das-Leben-planbar-machen nicht vielleicht etwas verpasst? Die Familien seiner vielen chaotischen Schwestern können sich da über seine schrulligen Eigenheiten ruhig belustigen, denn Micah hat in der unkomplizierten Cassia die perfekte Lebenspartnerin gefunden (mit vierzig nennt er doch niemanden mehr seine Freundin!) und auch sein Alltagstrott bietet keine Hindernisse. Alles ist so einfach.
Und dann – Sie haben es vorhergesehen, Micah nicht – ist plötzlich gar nichts mehr einfach, denn Cassia droht der Rauswurf aus der getrennten Wohnung und ein Teenager steht vor seiner Tür, suchend nach Antworten. Antworten, die Micah auch gerne hätte.

Anne Tylers Geschichten sind eine Liebeserklärung an das Menschsein. Hier porträtiert die Autorin einen liebenswürdigen Mann, für den sich die Menschen immer eine Armeslänge außerhalb seines Verständnisses bewegen. Sie öffnet ein Fenster in das Leben facettenreicher Charaktere, die trügerisch vorhersehbar scheinen in ihrer bemerkenswerten Normalität. Tylers feinfühlige Beobachtungsgabe findet im Alltäglichen das Besondere.


Mattes Daugardt

 


die richterin und die tote vom pontdu gard 150x237

 

Piper 10,00€

 

Liliane Fontaine: "Die Richterin" und die Tote vom Pont Du Gard"

Die attraktive Mathilde de Boncourt ist Richterin am Strafgericht von Nimes. Gerade eben hat sie einen Urteilsspruch verkündet, der ein angesehenes Ehepaar für einige Zeit hinter Gitter bringen wird. Nun die Zigarette zur Entspannung danach. Dass eine Böe um die Ecke fegt und sie sich mit dem Feuerzeug aus dem Wind dreht, wird ihr das Leben retten.
Mehrere Schüsse fallen, die Richterin bricht zusammen, von einigen Kugeln getroffen, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Die Rekonvaleszenzzeit verbringt sie auf dem Weingut ihres Großvaters. Doch bei allem Zauber der südfranzösischen Weinberge, kann sie von der Arbeit nicht lassen und empfängt ihren Mitarbeiter Rachid Bouraada, einen smarten jungen Mann mit algerischen Wurzeln, regelmäßig auf dem Gut. Rachid hält sie über die Ermittlungen über das an ihr verübte Attentat auf dem Laufenden.

Einen feinen Dreh hat die Autorin eingebaut. Der zweite Protagonist in ihrem stimmungsvollen Südfrankreich- Krimi ist Martin, ein Reisejournalist aus Deutschland, der zwar auch ein Familiengeheimnis lüften möchte, dessen Aufgabe aber in erster Linie ist, einen etwas anderen Reiseführer über diesen zauberhaften Landstrich zu schreiben. Gemeinsam mit Martin erkunden wir alte Burgruinen, streifen durch verschlafene Dörfer, sitzen in sengender Mittagshitze unter dem Schatten von Platanen….
Die Wege von Martin und Mathilde werden sich kreuzen und die Spannung bei der Aufspürung eines Mädchenhändlerringes in höchsten Kreisen steigt im Laufe der Handlung.

Wenn Sie Ihren Sommer ein wenig verlängern möchten, kommen Sie in Gedanken mit in die Provence und Camargue, schnuppern Sie Lavendel und probieren Sie gerne auch schon um die Mittagszeit von der sonnengereiften, im Fass veredelten Traube, bon appetit y à votre santé.

Annette Matthaei

 


42 grad 150x237

 

Rowohlt Polaris 15,00€

 

Wolf Harlander: "42 Grad"

Deutschland erlebt einen Sommer, wie es ihn schon lange nicht mehr gab. Temperaturen wie in Südeuropa, Hitzerekorde aus Regionen, die sonst eher für lang anhaltende Regenfälle bekannt sind, lassen die Sonnenhungrigen jubeln! Die Freibadbetreiber frohlocken, endlich wieder schwarze Zahlen schreiben zu können, und Getränkemärkte, ebenso wie Eisdielen, verzeichnen erste Lieferengpässe...
Julius Denner ist Hydrologe. Ihm bereitet die unfassbare Wärmeperiode zunehmend Kopfzerbrechen. Kerstin Lange ist nach der Trennung von ihrem Mann auf einen Hof nach Brandenburg gezogen. Das Landleben schien ihr die ideale Ablenkung für ihre zwei kleinen Kinder. Alles scheint perfekt, bis zu dem Moment, als Kerstin eines Morgens feststellt, dass ihr Brunnen kein Wasser mehr führt... Noah Luethy arbeitet europaweit als Experte für den Wasserbau, d.h. er ist u.a. für Wasserwerke zuständig.
Während seine Familie nach Barcelone in den Urlaub fliegt, wird Noah zu einem Störfall nach Frankreich gerufen. Vor Ort muss er erkennen, dass alle Reperaturmaßnahmen nichts ausrichten können und neue Schäden bereits gemeldet werden....

Elsa Forsberg ist IT-Spezialistin. Früher war sie aktives Mitglied einer Umweltschutzorganisation. Als ihr die Aktionen zu militant wurden, stieg sie aus. Mit großer Sorge nimmt sie die zunehmende Wasserknappheit auch in Deutschland wahr und versucht, sich in Brüssel an höchster Stelle Gehör zu verschaffen. Für ihren Aufruf zur Vorsicht erntet sie Unverständnis, und ein Haftbefehl gegen sie sorgt dafür, dass sie untertaucht. Weiterhin brennt die Sonne auf die Erde, die ersten Menschen müssen evakuiert werden, und immer mehr Wasserflüchtlinge verstopfen Straßen und Autobahnen. Panik bricht aus, eine Katastrophe scheint unvermeidbar!

Lesen Sie diesen Umweltthriller nun während der heißen Außentemperatur, garantiere ich Ihnen, ein wohliges Frösteln wird Sie ergreifen...

Andrea Westerkamp-Stützel

 


rose royal 150x237

 

Hanser 18,00€

 

Nicolas Mathieu: "Rose Royal"

2018 hat Mathieu den wichtigsten französischen Literaturpreis, den „Prix Goncourt“ erhalten, nun ist bei Hanser sein neuer Roman „Rose Royal“ erschienen – für mich einer der besten Romane dieses Sommers.

Rose ist knapp 50, eine attraktive, im eigentlichen Sinne sich selbst-bewusste Frau. Nach einer unspektakulär gescheiterten Ehe und zwei Kindern macht sie sich keine großen Illusionen mehr, was etwas ganz anderes ist, als desillusioniert zu sein – sie hat einfach eine klare und realistische Vorstellung vom Leben. Eine Art zu Hause findet sie im „Royal“, einer ganz normalen Kneipe, wo sie sich gerne mit ihrer Freundin auf ein oder durchaus mehrere Bier trifft.
Nach ihrer Ehe hatte Rose noch ein paar Beziehungen, aber insgesamt kommt sie alleine besser klar, vor allem nachdem sie mehr als ein Mal Männergewalt erleben musste. Das ist auch der Grund, weshalb sie sich im Internet einen kleinen Revolver bestellt hat, den sie fortan immer in der Handtasche bei sich hat. „Die Angst sollte die Seiten wechseln“ – ein typischer Satz für Nicolas Mathieu, der nicht viele Worte braucht, um die Dinge auf den Punkt zu bringen. Eines Abends lernt Rose im Royal dann aber doch jemanden kennen: Luc, Anfang 50, kein Blender, doch offensichtlich mit Geld, angenehm zurückhaltend. Aus diversen Treffen wird tatsächlich eine Beziehung – und mehr kann man hier einfach nicht verraten, das wäre viel zu bedauerlich.

Ein schmales Buch mit Sätzen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen möchte und bei denen man dann wieder merkt „Ja, das ist eben Literatur, das macht den entscheidenden Unterschied“. Dazu noch versehen mit einem Buch-Umschlag, der mehr als gelungen ist. Insgesamt: unbedingte Empfehlung!

Astrid Henning

 


strasse der jugend 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 


André Kubiczek : " Strasse der Jugend"

Als bekennender Fan von André Kubiczek war die Vorfreude entsprechend groß, als ich sah, dass es eine Fortsetzung von "Skizze eines Sommers" geben würde. Vor wenigen Tagen erschien nun der zweite Teil, und ich bin wieder hingerissen!

1985 - Ostdeutschland René, 17 jähriger Potsdamer mit Hang zu großen Gefühlen, steigt in den Zug, um nach Halle zu fahren. Freundin Viktoria steht weinend am Bahnhof. Während der nächsten zwei Jahre werden sich die Frischverliebten nur alle sechs Wochen sehen, da René fortan seine Ausbildung in einem Internat komplettiert.Dieses Internat bietet nur wenige Plätze für ein paar Auserwählte, an deren Schulzeit sich ein Studium in Moskau anschließen wird. Doch so weit denkt René noch gar nicht. Ihn locken die Freiheit, das Fehlen einer erwachsenen Aufsichtsperson, sehen wir mal von Hauswart Breuer ab, der erfolglos versucht, seinen Schutzbefohlenen Ordnung beizubringen, die neuen Freundschaften, das Stöbern in sämtlichen Buchhandlungen und Antiquariaten Halles, und, last but not least, die Mädchen.
Eines Tages taucht dann Rebecca auf, ein nur zu gut bekanntes Gesicht aus dem fernen Potsdam....

Dieser "Internatsroman" kommt leicht daher, lässt uns an längst vergangene Zeiten denken und bereitet nicht nur Altersgenossen von Herrn Kubiczek großes Lesevergnügen!

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni

 

 

helle tage helle naechte 150x237

 

Fischer Tb 11,00€

 

Jetzt als Taschenbuch...

Hiltrud Baier: "Helle Tage, helle Nächte"

Wer Familiengeschichten liebt, gerne über mehrere Generationen, garniert mit Verwicklungen, unerfüllter Liebe und einem jahrzehntealtem Geheimnis – der kommt bei Hiltrud Baier voll auf seine Kosten. Und weil es eben so geheimnisvoll ist, kann der Inhalt hier auch nur angedeutet werden.

Anna Albinger ist über 70, lebt in einer kleinen süddeutschen Kleinstadt und weiß seit kurzem, dass sie Krebs hat. Nach einem ersten Behandlungsdurchgang, bei dem es ihr eher schlecht ergangen ist, will sie keine weitere Therapie, sondern bereitet sich darauf vor, dass ihr Leben in absehbarer Zeit zu Ende geht. Vorher aber muss sie unbedingt noch ein paar Briefe schreiben und mit ihrer großen Lebenslüge aufräumen.
Anna war nie verheiratet, noch nicht mal liiert und so lebt sie auch jetzt alleine in einem Mehrfamilienhaus – mit ihrem netten Nachbarn Karl und Nele, der jungen Studentin. Sie ist eine eher ernste, disziplinierte Person, naturverbunden und meist sich selbst genug. Die engste Beziehung hat sie zu ihrer Nichte Friederike, die bei ihr aufwuchs, nachdem Friederikes Mutter Marie sehr jung verstarb und ihr Vater Georg sich nicht um sie kümmern konnte. Als junge Frauen haben Anna und Marie einen Urlaub in Lappland verbracht, der Heimat ihrer Mutter, und dort Petter kennengelernt – in den sich beide Schwestern sofort verliebten. Petter allerdings hatte nur Augen für Marie…
Und nun ruft Anna ihre Nichte Friederike an und bittet sie, genau diesem Petter einen Brief zu überbringen. Sehr richtig: nicht schicken, per Post – sondern persönlich überbringen. Friederike ist mit 51 Jahren frisch getrennt, überlegt, wie ihr Leben jetzt weitergehen soll, fühlt sich außerdem Anna verpflichtet – also, ab nach Lappland.

Der Roman erzählt von ausdauernder, lebenslanger Liebe, von unerfüllter Sehnsucht und von dem Preis, den Menschen dafür bezahlen, manchmal sogar ohne ihr Wissen. Teile der Geschichte spielen in den Weiten Lapplands und man merkt sofort, dass die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Hiltrud Baier lebt seit langer Zeit selbst in Lappland.

Astrid Henning


requiem fuer einen freund 150x237

 

Goldmann 10,00€

 

Elisabeth Herrmann: "Requiem für einen Freund"

So ganz rund läuft es nicht für den Berliner Strafverteidiger Joachim Vernau. Privat plätschert eine kleine Affäre vor sich hin, aber so ganz kommt Joe von seiner Verflossenen, Marie-Luise Hoffmann, deren roten Locken und ihrem gewissen Etwas, nicht los. Beruflich dümpelt er mit kleinen Fällen in einem Leihbüro, gemeinsam mit asiatischen „Startuppern“ und ein paar anderen Nerds als Opa der Nation vor sich hin. Und nun steht auch noch zu allem Überfluss eine steuerliche Betriebsprüfung ins Haus.
Herr Fischer vom Finanzamt Wilmersdorf, ausgerüstet mit der obligaten Thermoskanne, randvoll mit Kamillentee, macht sich akribisch über seine Belege aus den vergangenen Jahren her. Besonders hat es ihm ein Bewirtungsbeleg aus einem Edelschuppen von vor 4 Jahren angetan. So sehr, dass er Vernau noch am späten Abend in dessen Büro zitiert. Der Anwalt leistet brav Folge, was ihm nicht besonders gut bekommt. Auf seinem Schreibtisch findet er Herrn Fischer in einer Blutlache. Dessen Gehirn klebt am Flipchart.
Die Polizei tut den Fall ausgesprochen schnell als Selbstmord ab. Viel zu schnell, findet Vernau, der sich von Herrn Fischer ein Bild gemacht hat, das so gar nicht zu einem Freitod passen will. Zudem findet er heraus, dass der Steuerprüfer auf eigene Faust in einem Fall recherchiert hat, in dem es um den mysteriösen Tod einer Staatsanwältin ging, die in einem mächtigen Schwarzgeldskandal ermittelte. Ihr Todestag deckt sich mit dem Datum auf dem Bewirtungsbeleg…

Der clevere Vernau landet zusammen mit Marie-Luise in einem Morast von internationaler Korruption, Baubetrügereien und vor keinem Mord zurückschreckenden Kriminellen mitten in Berlin, was für die Protagonisten alles andere als ungefährlich ist.

Ein rasanter, wirklich spannender Krimi von Elisabeth Herrmann, von der die „Brigitte“ behauptet, sie sei mit die beste deutsche Krimiautorin. Ich schließe mich dieser Meinung voll und ganz an.

Annette Matthaei

 


sommergaeste 150x237

 

Piper 22,00€

 

Agnes Krup: "Sommergäste"

Was für eine Stimmung! Kreischende Möwen, Meeresbrise, lange Strände und Klippen...

Es ist Sommer auf einer vor Kanadas Küste im Atlantik gelegenen Insel - „Rockcliff Isle“. Die Geschichte spielt in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Schriftstellerin Charlotte Overbeck bezieht mit ihrer Freundin Ellen ein idyllisches Sommerhaus, um dort in Ruhe an einem weiteren Buch zu arbeiten. Ellen, die in Chicago eine vielversprechende Karriere als Bildhauerin vor sich hatte, zog sich aufgrund von privaten Enttäuschungen komplett aus dem Beruflichen zurück. Sie umsorgt nun voll und ganz ihre extravagante und exaltierte Freundin Lotte.
Bereits bei der Ankunft am Hafen lernen die beiden Frauen den stillen, aber charismatischen Ornithologen Crawford Maker kennen. Einen in diesen Gefilden seltenen Vogel trägt er mit sich, einen Albatros. Den will er für ein Museum präparieren. Ellen fühlt sich sofort an ihre Berufung erinnert und es kribbelt ihr in den Fingerspitzen. Umso glücklicher macht es sie, dass Crawford sie bereitwillig in die Kunstfertigkeiten der Tierpräparation einführt. Zart entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, die über das Freundschaftliche hinausgeht. Ellen fühlt sich jedoch ihrer Freundin Lotte verpflichtet. Ein reicher Fabrikant und Großwildjäger veranstaltet eine Expedition in den Urwald Afrikas und lädt Crawford ein, dort einen bisher nie präparierten Vogel ausfindig zu machen. Auch Charlotte soll mitreisen und das Abenteuer schriftlich festhalten. Natürlich wird sie von Ellen begleitet…

Die Figur der Schriftstellerin hat es tatsächlich gegeben. Die 1873 in Virginia geborene Willa Cather studierte als eine der ersten Frauen an der Universität Nebraska englische Literatur und machte noch weit vor der Jahrhundertwende ihren Abschluss. Sie ging als Redakteurin nach New York, schrieb Bücher und erhielt 1923 den Pulitzer-Preis, erlangte somit große Berühmtheit. Trotzdem zog sie ein zurückgezogenes Leben vor und hielt die lesbische Beziehung zu ihrer langjährigen Freundin im Verborgenen.
Was mich unter anderem an diesem Buch gefesselt hat, waren die Hergänge der Präparation von Vögeln. Was für eine Geschicklichkeit und Sorgfalt muss man haben um einen Vogel „aufzustellen“. Wie fängt man ihn natürlich, vielleicht sogar mit ausgebreiteten Schwingen, ein?
Ein wirklich interessantes und atmosphärisch dichtes Buch von der Autorin Agnes Krup, die mich schon mit ihrem Erstling, einer Familiengeschichte in Hamburg-Finkenwerder, „Mit der Flut“, begeistert hat.

Annette Matthaei

 


die taten der toten 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 12,00€

 


Voosen/Danielsson: „Die Taten der Toten“

Ein Sommerurlaub in Schweden? Jetzt gerade? Das ist wohl für die Wenigsten von uns eine Option. Wenn Sie aber dennoch schwedische Atmosphäre suchen und ordentlich Spannung dazu, dann kommt dieser Krimi zur rechten Zeit.

Im Februar 1986 geschah in Stockholm ein Mord, der sich zum nationalen Trauma auswuchs: Der schwedische Ministerpräsident Olof Palme wurde auf dem Weg vom Kinobesuch nach Hause auf offener Straße erschossen. Palme hatte seinen Leibwächtern für den Abend frei gegeben, er liebte es, sich ungezwungen wie ein „normaler Bürger“ Im Alltag zu bewegen. Aus nächster Nähe schoss der Täter Palme in den Rücken, seine Frau wurde durch einen Streifschuss leicht verletzt. Was dann folgte, war eine höchst widersprüchliche Ermittlungsarbeit der Polizei mit jeder Menge Ungereimtheiten und offensichtlichen Pannen. Oder doch beabsichtigten Vertuschungen? Die Spuren wiesen in verschiedenste Richtungen: CIA …PKK…der israelische Mossad…das Apartheitsregime in Südafrika… 10.000 Zeugenaussagen, 250 Meter Akten und  32 Jahre später wurde der Fall im Sommer 2020 als gelöst eingestuft.

Es ist ein besonderes Timing, dass ausgerechnet zwei Wochen vorher „Die Taten der Toten“ erschien, denn genau um diesen Fall geht es im aktuellen Krimi von Voosen/Danielsson. Kommissarin Nyström setzt ihr Team auf diesen ungelösten Fall an, allerdings ohne Deckung ihres Vorgesetzten, weshalb die Ermittlungen und Ergebnisse doppelt schwierig sind. Stina Forss, Nyströms ungeduldige und impulsive Kollegin, steht wegen eines vorherigen Falls eigentlich unter Polizeischutz und soll sich bedeckt halten – für Forss ein Ding der Unmöglichkeit…

Rasant und intelligent geschrieben, spannend und hochaktuell: Auch wer die vorherigen Fälle aus dieser Krimireihe nicht kennt, kann hier mühelos einsteigen, es lohnt sich. Und man kommt auf den Geschmack, es liegen bereits sieben weitere Fälle mit Nyström und Forss bei KiWi als Taschenbuch vor.

Astrid Henning


die detektive vom bhoot basar 150x237

 

Rowohlt 24,00€

 

Deepa Anappara: "Die Detektive vom Bhoot-Basar"

Wir befinden uns in einem Basti des heutigen Indien, einem illegalen Slum mit seinen rechtlosen und sehr armen Bewohnern, die jederzeit befürchten, von einem Bulldozer platt gemacht zu werden, wenn sie die Polizei verärgern oder zu wenig Bestechungsgeld zahlen.
Der neunjährige Jai lebt dort mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester. Während seine Schwester jeden Tag trainiert um eines Tages eine große Läuferin zu werden, verbringt Jai seine Nachmittage gern damit, Detektiv-Serien zu gucken; wenn es einen Experten für echte Polizei-Arbeit gibt, dann ihn! Eines Tages beginnt jedoch das Spiel sich in Ernst zu wandeln. Ein Junge aus dem Basti verschwindet, etwas später noch weitere Kinder. Weil die Polizei untätig bleibt, nimmt Jai mit seinen zwei Freunden die Suche in die Hand – und wagt sich erst in entfernte Ecken des Bhoot Basars, dann in ganz andere, für ihn verbotene Viertel der Stadt hinaus. Gefährlich ist es, und von den Eltern verboten – aber Jai, Pari und Faiz sind von ihrer Mission überzeugt... . Werden sie schaffen, was die Polizei nicht gewillt ist zu tun?

Basierend auf einem wirklichen Kriminalfall schildert uns die Autorin Anappara in ihrem vielfach ausgezeichneten Debütroman eine schillernde Geschichte aus dem heutigen Indien. Sie erzählt vom Leben der Rechtlosen mit den sozialen Ungerechtigkeiten und Spannungen, und von den Mythen, von denen das Leben der Menschen durchzogen ist. Sie erzählt vor allem von drei unerschrockenen, phantasievollen Kindern, die eine Menge wagen, weil sie das Verschwinden von Kindern aus ihrem Viertel nicht hinnehmen wollen.
Eine Geschichte, die einen emotional tief berührt und lange nicht loslässt!

Christiane Knappe

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


city of girls 150x237

 

Fischer 16,99€

 

Elizabeth Gilbert: "City of girls"

Ihnen steht der Sinn nach einem Buch, das so überhaupt gar nichts mit „social distancing“, Maskenpflicht und Desinfektionsmitteln zu tun hat? Ein Corona-freies Werk sozusagen? Bitte sehr: „Im Sommer 1940, als ich neunzehn Jahre alt und ein Dummkopf war, schickten meine Eltern mich zu Tante Peg, der eine Theaterkompanie in New York City gehörte.“ So beginnt der neue Roman von Elizabeth Gilbert, den ich in kürzester Zeit mit sehr großem Vergnügen verschlungen habe.

Vivian ist gerade vom College freigestellt worden (eine hübschere Umschreibung für „rausgeschmissen worden“) – die Ergebnisse ihres ersten Studienjahres waren dermaßen desaströs, dass keine Hoffnung auf erfolgreichen weiteren Besuch bestand. Nun geht sie ihren Eltern zu Hause mächtig auf den Geist, beide haben andere Pläne, als sich um ihre fast erwachsene Tochter zu kümmern, andererseits kann diese Langeweile auch beim Zusehen niemand ertragen. Da kommt der Gedanke, Vivian nach New York zu Tante Peg zu schicken, gerade recht.
So ganz astrein ist Tante Peg zwar nicht, denn ihre Theaterkompanie in Manhattan befindet sich eher in einer zwielichtigen Ecke der Stadt, die Shows sind oftmals leidlich originell von erfolgreichen Broadway-Musicals abgekupfert und haben mit „Kultur“ im engeren Sinne nicht allzu viel zu tun. Aber wer fragt nach einer stimmigen Handlung, wenn die Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf der Bühne umwerfend jung, attraktiv und lebenshungrig sind. Vivian jedenfalls erlebt eine Art Kulturschock: vom langweiligen, wohlhabenden Vorort New Yorks rein ins pralle Leben, so dass ihr fast Hören und Sehen vergeht – was sie in vollen Zügen genießt. Von ihrer Großmutter Morris hat sie nähen gelernt und so wird sie kurzerhand zur Kostümbildnerin des „Lily Playhouse“. Tagsüber also wird geprobt und genäht, abends dann Vorstellung und danach: zieht Vivian mit der Truppe durch Clubs und Bars, lernt das New Yorker Nachtleben in jeglicher Beziehung kennen.
Doch nach einem turbulentem, aber sorglosem Jahr macht Vivian einen folgenschweren Fehler…der alles auf den Kopf stellt.

„City of girls“ ist ein herrlich spritziger Roman mit vielen ganz eigenen Charakteren, für die Elizabeth Gilbert den jeweils passenden Ton findet. Ganz sicher ist das Buch eine wunderbare Möglichkeit, sich für eine gewisse Zeit aus unserem Alltag herauszuschleichen, um danach wieder gut gelaunt die Maske aufzusetzen.

Astrid Henning

 


bis wieder einer weint 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Eva Sichelschmidt: "Bis wieder einer weint"

Der Fabrikantensohn Wilhelm Rautenberg lernt Anfang der 60er Jahre im Westfälischen die Arzttochter Inga kennen. Die junge Frau hat das Aussehen von Grace Kelly, ist mit einer gehörigen Portion Naivität ausgestattet und bereit, das Leben zu genießen. Wilhelm ist ein vielversprechender Dressurreiter, erfolgreich im Geschäft und ein schmucker Kerl. Nach außen sind sie ein Traumpaar, allein mit dem „Gefühligen“ hapert es. Doch das bleibt in der Zeit, in der Adenauer die vom Kriege traumatisierten Deutschen regiert, unter der Decke der Verschwiegenheit. Zwei Mädchen bekommen die beiden, es könnte alles gut sein, doch da erkrankt Inga schwer.
„Du reimst dir alles nur zusammen, du hast eine blühende Phantasie“. Das sagt die Großmutter zur Enkelin, die sich genau an den Tag der Beerdigung ihrer Mutter zu erinnern glaubt, da war sie ein Baby von 10 Monaten. Die ältere Schwester lebt beim Vater, die Kleine wird von den Großeltern großgezogen, bis zu dem Tag, an dem sie eingeschult werden soll. Der Vater, der für sie bis dato ein Fremder war, holt sie zu sich nach Hause. Es beginnt ein Martyrium für das kleine Mädchen.

Dieser fantastische Familienroman beschreibt die Nachkriegszeit, die beginnenden fetten Jahre, auf eine solch intensive Art, dass ich mich wie in einer Zeitmaschine in meine Kindheit zurückversetzt fühlte. Nicht nur längst vergessen gemeinte Tapetenmuster, Wasch - oder Nahrungsmittelnamen, bringen einem die vergangenen Zeiten nahe. Was mich beim Lesen besonders fasziniert hat, war die Weise, wie mit den Kindern umgegangen wurde. Nicht eine Sekunde haben Eltern oder Großeltern sich in die Bedürfnisse der jungen Seelen versetzt. Konnten sie es nicht? Sicher schwelten die schlimmen Erlebnisse des Krieges noch in ihnen und die preussische Disziplin tat ihr übriges dazu, trotzdem schockierend, wie wenig einfühlsam Erziehung damals verlief und für uns heute fast nicht mehr vorstellbar, zum Glück.

Für Frau Sichelschmidt tut es mir besonders leid, dass ihr wirklich tolles Buch in einer Zeit auf den Markt kam, da die Verbreitung über Lesereisen und andere Veranstaltungen nicht möglich war. Ich hoffe sehr, dass dieser Titel nicht Corona zum Opfer fällt, denn für mich zählt er zu den Entdeckungen des Frühjahres 2020 und sollte unbedingt ein großes Publikum erreichen.

Annette Matthaei

 

 

die frequenz des todes 150x237

 

Droemer 12,99€

 

Vincent Kliesch: "Die Frequenz des Todes"

In einem Berliner Villenviertel verschwindet ein Baby spurlos aus seiner Wiege; überall ist Blut...
Kurz darauf geht bei der Feuerwehr der verzweifelte Notruf einer Mutter ein, doch nach kurzen Kampfgeräuschen bricht der panische Anruf ab. Und eine Adresse kann nicht festgestellt werden. Wenn jemand aus diesem Tonfragment Rückschlüsse zum Aufenthaltsort der Frau ziehen kann, dann ist das der forensische Phonetiker Matthias Hegel, davon ist der LKA-Beamte Oswald Holder überzeugt. Hegel übernimmt widerstrebend die schwierigen Ermittlungen und zieht geschickt die Podcasterin Julia Ansorge hinzu, auf deren Recherchefähigkeiten er aus Erfahrung setzen kann. Julia lässt sich auf ihn ein und versucht, das entführte Baby zu finden. Dabei gerät sie selbst in unfassbare Gefahr

Akustische Forensik, ein undurchsichtiger Profiler, eine offene Rechnung, eine Entführung – Vincent Kliesch gelingt es ein weiteres Mal, einen Thriller, nach der Idee von Sebastian Fitzek, zu bauen, den man nicht aus der Hand zu legen vermag!
Die beiden sehr interessanten Protagonisten, der kontinuierliche Spannungsbogen, der manches Mal verzwickte Perspektivenwechsel in der Handlung und der intensive Schreibstil machen das Buch wahrlich zu einem Pageturner.

Heike Kasten

 


das kind in mir will achtsam morden 150x237

 

Heyne 10,99€

 

Karsten Dusse: "Das Kind in mir will achtsam morden"

Sehnsüchtig erwartet!!! Björn Diemel ist wieder da.

Nachdem der Rechtsanwalt im ersten Band sehr achtsam den einen oder anderen Bösewicht um die Ecke gebracht hat, gönnt er sich nun ein ruhiges, besonnenes Dasein. Das Seminar der Achtsamkeit hat ihm gut getan. Weniger Arbeit, mehr Zeit mit seiner kleinen Tochter, das Leben könnte schön sein. Wäre da nicht noch ein eingesperrter Mafiaboss in seinem Keller und andere unschöne Vorkommnisse, die sich in seine Ruhe drängen.
Um nicht wieder in alte, verzweifelte Muster zu verfallen, sucht er seinen schon damals so hilfreichen Therapeuten und Coach Herrn Joschka Breitner auf. Natürlich weiß dieser kluge Menschenkenner Rat. Herr Breitner macht den Klienten mit seinem „inneren Kind“ bekannt. Und dieses kleine Kerlchen ist ein wahrer Wutzwerg. Enttäuschungen aus der frühen Kindheit haben in Björn ein „Schattenkind“ wachsen lassen, das heute, da er es nun kennt, sehr ernst zu nehmen und achtsam zu behandeln ist. Leitsätze seiner Eltern waren: „Nimm Dich nicht so wichtig“, „Deine Bedürfnisse sind uns egal“. Erlebt der große Björn heute nun ähnliche Situationen, übermannt ihn von Zeit zu Zeit ein gewisser, feuriger Jähzorn. Der muss doch in den Griff zu bekommen sein…!
Nicht ganz leicht der Weg, aber Björn ist ein ausgesprochen aufmerksamer und intelligenter Patient und weiß zudem die kreativen Teufeleien, die ihm sein kleiner Begleiter ins Ohr flüstert, hervorragend in die Tat umzusetzen.

Auch in diesem Krimi gelingt es Herrn Dusse uns mehrfach zum lauten Lachen zu bringen, gleichzeitig gespannt zu sein, wie Björn seinen Kopf aus der Schlinge ziehen wird und vor allem dem Protagonisten ein großes Maß an Verständnis entgegenzubringen, auch wenn er ab und zu den „inneren Kindern“ seiner Mitmenschen ordentlich auf den Schlips tritt und nicht nur das...
Jedem, der sich mit psychologischen Ratgebern der letzten Zeit beschäftigt hat, ist der Begriff des „inneren Kindes“ wohl bekannt. In diesem Buch wird das Thema zwar einerseits auf die Schippe genommen, andererseits aber auch nochmal stark verdeutlicht.
Herrliches Lesevergnügen mit gelungener Psychoprise!

Annette Matthaei

 


die langen abende 150x237

 

Luchterhand 20,00€

 

Elizabeth Strout: "Die langen Abende"

Versetzen Sie sich bitte in eine kleine, unscheinbare  Kleinstadt in dem US-Bundesstaat Maine - oben im Norden, direkt am Atlantik gelegen. Schon seit Jahren beglückt uns Strout mit Romanen, die das Leben von ganz normalen Menschen widerspiegeln, Menschen, deren Leben immer Tiefpunkte und Schwärzen haben, Menschen, die von weit weg unscheinbar und – vielleicht – bedeutungslos wirken, deren Leben aber genauso ein bedeutsamer Kampf um das kleine bisschen Glück oder Zufriedenheit ist wie bei jedem von uns.

Stellen Sie sich nun also vor, wir fahren durch Crosby an der Küste von Maine, wir sehen hell erleuchtete Fenster, die Kamera zoomt heran und wir tauchen kurz ein in das Leben der dortigen Bewohner. Manchmal für ein paar Stunden, oft für ein paar Tage und Wochen – manchmal begleiten wir die Menschen über ein paar Jahre.
Im Zentrum dieses Romans steht Olive Knitteridge, inzwischen in die Jahre gekommen und in die Breite gegangen und genauso streitbar, direkt, barsch und unbeholfen und dennoch mitfühlend wie eh und je. Sie lernt nach dem Tod ihres ersten Ehemannes Jack kennen, ebenfalls verwitwet, und die beiden lernen im Alter das erneute Glück der Zweisamkeit kennen - gar nicht so leicht, so ein zweiter Start, und gar nicht so leicht, das, was in all den Jahren vorher nicht ganz so geglückt ist (Ehe Kindererziehung…) auszuhalten und anzunehmen.
Um Olive herum gruppieren sich andere Bewohner von Crosby; die mit Geld-Problemen oder Einsamkeit zu kämpfen haben, - oder damit, dass ihre Kinder „verrückt“ geworden sind – oder auch damit, dass sie in einer Kindheit aufgewachsen sind, in der es so etwas wie Psychotherapie noch nicht gab.

Ums Aushalten, Annehmen und auch Ausbrechen geht es in diesen „glimpses“, die wir in das Leben der Menschen um Olive herum bekommen. Es geht um Verlust und um Alter, aber es geht genauso um die Momente des Glücks und des Staunens, die uns durch all diese Auf und Abs des Lebens begleiten. Es geht um Türen, und seien sie noch so klein, die sich öffnen.
Das Besondere an Strouts Roman ist ihr kenntnisreicher, liebe- und achtungsvoller Blick auf die Menschen, die so sind wie Sie und ich, mit der ganzen Palette an Schwächen und Stärken, die so vorhanden sind. Man fühlt sich sehr nah, sehr verstanden und auch irgendwie getröstet. Und auch wenn die Protagonisten der Strout-Romane langsam in die Jahre kommen, so hoffe ich, dass es wir noch eine Weile weiterlesen werden, über die Bewohner von Crosby, Maine.

Christiane Knappe

 


dunkel 150x237

 

btb 15,00€

 

Ragnar Jonasson: "Dunkel"

Huldar Hermannsdóttir steht kurz vor der Pensionierung. Als engagierte Kommissarin hat sie ein Dienstleben lang für Recht und Ordnung gesorgt. Selbst das offensichtliche Übergehen ihrer Person bei Beförderungen, hat sie zwar verletzt, aber nie dazu geführt, dass sie ihren Arbeitseifer verlor. Mitten in einem neuen Fall teilt ihr nun ihr Vorgesetzter mit, dass sie sich "doch ruhig schon mal auf ihren Ruhestand vorbereiten könnte"... Soll heißen : in zwei Wochen kommt ihr (junger) Nachfolger, und bis dahin muss ihr Schreibtisch geräumt sein. Rüde Methoden in einer von Männern dominierten Arbeitswelt bei der Polizei in Reykjavik!
Huldar entscheidet sich schweren Herzens dafür, nicht um die verbleibenden, ihr zustehenden Monate zu kämpfen, sondern sucht sich einen cold case, einen nicht gelösten Fall. Vor einem Jahr fand man an der Küste eine tote Asylbewerberin. Der damals zuständige Beamte hatte offenbar kein großes Interesse, denn schnell wird Huldar klar, dass zu vielen Ungereimtheiten nie nach gegangen wurde...

Warum sollten Sie diesen Island-Thriller lesen? Dunkel ist der Auftakt und gleichzeitig auch das Ende einer Trilogie (Teil II und III folgen noch in diesem Jahr) um Huldar und Ihr Leben. In Rückblenden wird puzzleartig erzählt, wie sie aufwuchs, welche Hürden sie in ihrem Leben bereits nehmen musste, und wie viele Leichen in ihrem Keller liegen... Ein Krimi mit Suchtpotential!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


handbuch fuer zeitreisende 150x237

 

Rowohlt Berlin 20,00€

 

Kathrin Passig/Aleks Scholz: " Handbuch für Zeitreisende"

Das mit dem Reisen ist in Corona-Zeiten ja so eine Sache: Nicht alle Grenzen sind geöffnet, Hotels unter Umständen geschlossen, wenn man nach Hause kommt, droht Quarantäne – alles sehr unerquicklich. Da ist es doch vielleicht viel schlauer, sich mit Passig und Scholz auf Zeitreisen zu begeben – billiger ist es in jedem Fall.

Und was Sie da alles erleben können! Der Untertitel verrät es schon: „Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer“. Der besondere Charme dieses Reiseführers ist seine behauptete Ernsthaftigkeit. Völlig selbstverständlich widmen sich die Autoren im praktischen Teil den Themen „Fortbewegung und Unterkunft“, „Bezahlen“, „Ernährung“ und anderen ganz praktischen Aspekten des Reisens. Anstatt einer sog. „Virtual Reality“-Brille halten Sie sich ganz einfach dieses Buch vor Augen und lassen sich verführen von unterschiedlichsten Zielen und Zeiten…
Wo soll’s hingehen? Wen wollen Sie besuchen? Vielleicht Galileo Galilei in Padua oder die Weltausstellung in Paris 1889? Es gibt auch einige  reizvolle Vorschläge für Wochenend-Reisen, schließlich hat man nicht ewig Zeit: Granada z.B. um 1350, die Pest ist vorerst besiegt, es gibt bereits unterirdische Abwasserleitungen und jede Menge Kultur (Alhambra!). Oder doch lieber Neapel in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts? Die Stadt lockt mit Kultur, Natur und Party – die perfekte Mischung.

Das „Handbuch für Zeitreisende“ ist eine bemerkenswerte Mischung aus Phantasie und Wissen, eine  Einladung, sich auf originelle Art entführen zu lassen und ganz sicher eine Anregung, die Welt unserer Vorfahren zu entdecken. Übrigens ist Aleks Scholz „im echten Leben“ Astronom, ein echter Experte also für Raum & Zeit.

Astrid Henning

 


der mann der seinem gewissen folgte 150x237

 

dtv 22,00€

 

Janet Lewis: "Der Mann, der seinem Gewissen folgte"

Janet Lewis hat fast ein Jahrhundert lang gelebt und ist 1998 gestorben. Sie hatte sich in den USA als Lyrikerin einen Namen gemacht; dass sie in den Jahren 1941-59 auch drei ganz wundervolle kleine Romane geschrieben hat, ist nicht besonders bekannt – und in Deutschland erst seit ganz kurzem. 2018 kam die erste Übersetzung heraus („Die Frau, die liebte“) und nun liegt der zweite Roman in Übersetzung vor: „Der Mann, der seinem Gewissen folgte“. Wieder war es ein Hochgenuss, diesen kleinen, feinen Roman zu lesen, der einen eine Weile nicht loslässt.

Wie auch in ihrem ersten Buch hat Lewis einen lang zurückliegenden Gerichtsfall als Vorlage genutzt, diesmal einen Fall aus dem dänischen Jütland im Jahr 1625.
Pastor Sören Quist ist weithin bekannt als großherzige, gütige und weise Seele. Er führt ein friedliches Leben in seiner Gemeinde, die ihn liebt – und er hat eine Tochter, die er seinem guten Freund, dem Richter Tryg Thorwaldsen zur Frau verspricht – die beiden lieben sich. Leider hat Pastor Quist auch einen Widersacher, den weithin verhassten Morton Bruus, dem er die Hand seiner Tochter verweigert. Als dessen Bruder Niels Bruus auf seinem Hof als Knecht anheuert, beginnt eine qualvolle Zeit der Herausforderung; denn Sören Quist ist nicht nur gütig und voller Liebe, er kann auch aufbrausend und jähzornig sein. Und Niels Bruus ist faul, dreist und unangenehm, was den Pastor vor große Prüfungen stellt.
Eines Tages bricht er Jähzorn aus ihm heraus, er schlägt Niels so, dass dieser davonläuft. Der wirkliche Schrecken beginnt aber, als Morton Bruus am nächsten Tag mit der Anklage hervortritt, der Pastor hätten seinen Bruder ermordet. Das, was unglaublich erscheint, wird auf einmal durch die Last von Beweisen erdrückend für den Angeklagten….

Nur der Leser weiß mehr, der nämlich am Anfang des Romans im Jahr 1646 eingestiegen ist! Ich möchte von der Geschichte nicht mehr verraten. Sie liest sich spannend wie ein Krimi, sie ist sprachlich ein Hochgenuss, denn wie schon in ihrem ersten Roman schmeckt, sieht, riecht man die wunderschöne, schlichte Landschaft, das Essen, die Jahreszeiten, die Kleidung der Leute – so dass ich gar nicht lassen konnte von diesem kleinen Juwel Literatur. Wie wunderbar, dass es noch ein bisschen Vorfreude gibt – auf die Übersetzung des dritten Romans, die sicher nicht lange auf sich warten lässt!

Christiane Knappe

 

Unsere Buchempfehlungen in besonderen Zeiten

Sie kennen das?!  - Es gibt Titel bei denen man immer gesagt hat: "das lese ich mal, wenn ich ganz viel Zeit habe"... Vielleicht ist dies der richtige Augenblick, sich dieser Titel zu erinnern.
Zu diesem Zweck, stellen wir Ihnen neben aktuellen Büchern nun auch immer mal wieder Klassiker vor. Sie erkennen Sie an der Überschrift: "Endlich Zeit für..." oberhalb der jeweiligen Rezension.

 


der sommer in dem einstein verschwand 150x237

 

Insel 22,00€

 

Marie Hermanson: "Der Sommer, in dem Einstein verschwand"

Im Sommer 1923 ist Göteborg in heller Aufruhr. Die sonst eher provinzielle Stadt feiert ihr 300jähriges Gründungsjubiläum. Ganz Europa soll auf die Schweden aufmerksam werden und deshalb ist eine mehrere Monate dauernde Ausstellung geplant. Geradezu magisch und elektrisch aufgeladen ist die Stimmung. Neben Schaustellern, Akrobaten und Gauklern stehen auch Präsentationen von technischen Neuerungen auf dem Programm. Fluggeräte, Kugellager, Seilbahnen, alles glänzt in diesem Sommer auf den Plätzen der Stadt.
Da wundert es nicht, dass auch Herr Einstein aus Deutschland, neben anderen namhaften Wissenschaftlern, eingeladen ist, um seine um ein Jahr verspätete Nobelpreisrede zu halten. Seine Relativitätstheorie ist hart umstritten. Unter den Wissenschaftlern gibt es böse Widersacher und Neider. Es kursieren sogar Gerüchte über einen Verschwörungszirkel gegen den Mann mit den wirren grauen Haaren…
Den Preis bekam Albert denn auch nicht für die bahnbrechende Entdeckung, die ihm ewigen Ruhm verschaffte, sondern für „das Gesetz des photoelektrischen Effekts“. Eigentlich möchte er in Ruhe in seinem Turmzimmer in Berlin  sitzen, Pfeife rauchen, seiner entzückenden Sekretärin beim Tippen zuschauen und vor allem denken. Jedoch seit alle Welt über ihn spricht, sieht er sich in einem Maße im Mittelpunkt und sogar gefährdet, das ihm manchmal angst und bange wird. Und gerade in der deutschen Hauptstadt nimmt der Hass auf die Juden, und somit auch auf ihn, immer mehr Fahrt auf. Er traut sich kaum noch vor die Tür und nimmt daher dankbar die Einladung in ein friedliches Schweden an. Doch das Begrüßungskomitee mit Fähnchen und Orchester auf dem Bahnhof von Göteborg wartet vergeblich auf das Genie. Wo ist bloß Albert Einstein geblieben?

Die blutjunge Ellen ist begeistert. Vom Lande kommend, hat sie als Journalistin einen Job bei der täglich erscheinenden Ausstellungszeitschrift „Krone und Löwe“ ergattert. Wie aufregend. Wohnen kann sei bei ihrer etwas merkwürdigen Tante. Die ist so mit ihren geheimnisvollen Zirkeln beschäftigt, dass sie kaum ein Auge auf das junge Mädchen hat, das sich als Flapperin voll in die Stimmung der 20er Jahre und die großartige Ausstellung wirft. Beim Tanz in der Rotunde lernt sie den jungen Wachtmeister Nils kennen, die Anziehung liegt auf beiden Seiten. Ein Glück für Einstein, denn die beiden werden eine wichtige Rolle bei seiner Rettung spielen.

Ein leichter, freundlicher Roman, in fröhlichen Farben wie das hübsche Cover. Die Geschichte ist zwar erfunden, verwertet aber doch einige Tatsachen. Unbeschwerter Lesegenuss und allerbeste Ablenkung.

Annette Matthaei

 


der brennende see 150x237

 

Dumont 22,00€

 

John von Düffel: "Der brennende See"

Hannah fährt mit schwerem Herzen in ihre Heimatstadt zurück. Ihr Vater, ein in Vergessenheit geratener Schriftsteller, ist vor kurzer Zeit verstorben und ihr fällt als einziger Angehörigen die nicht leichte Aufgabe zu, die Wohnung aufzulösen.
Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter war distanziert. Hannah glaubt, sich emotional schon längst von ihrem Vater gelöst zu haben. Als sie nun in der spartanisch möblierten, stickigen Zweizimmerwohnung des Verstorbenen steht, kommen alte Erinnerungen hoch, gepaart mit einer Scheu sich mit seinem Leben postmortem auseinander zu setzen. Zögerlich durchschreitet sie die Zimmer, zieht hier und da eine Schublade auf, öffnet den muffigen Schrank. Dabei stößt sie auf ein Foto, eingelegt in die Seiten des von ihm zuletzt gelesenen Buches. Die jüngere Frau auf dem Bild hat ein verblüffende Ähnlichkeit mit ihr selbst.
Der Familienanwalt teilt Hannah mit, dass das gesamte, spärliche Hab und Gut ihres Vaters, nicht an sie, seine Tochter, sondern an eine Stiftung von Klimaaktivisten geht. Hannah, die das Erbe ausschlagen wollte, fühlt sich nun verletzt, abgelehnt und reagiert mit Wut und Trauer. Hat die Unbekannte etwas damit zu tun? Was hat ihr Vater ihr verschwiegen?

Das Szenario spielt in einem außergewöhnlich heißen, trockenen April. Die Luft knistert, es ist mühsam zu atmen, die Hitze ist lähmend. Von Düffel versteht es meisterhaft, diese drückende Stimmung auf seine Figuren zu übertragen. Außerdem wäre es kein „von Düffel“, spielte nicht das Thema Wasser eine entscheidende Rolle. Um einen Baggersee, der See in dem Hannahs Vater täglich schwamm, entbrennt ein erbitterter Streit zwischen Investoren einer Seniorenresidenz, der Stadt und Umweltschützern.

Ein herausragend gut geschriebener Roman über Vergangenheitsbewältigung und gleichzeitigem Aufzeigen drängender klimatischer Probleme. Höchst beeindruckend.

Annette Matthaei

 


margos toechter 150x237

 

KiWi 22,00€

 

Cora Stephan: " Margos Töchter"

„Ab heute heiße ich Margo“ – dieser Roman von Cora Stephan erschien 2016 und erzählte die Geschichte zweier Frauen, Margo und Helene, beginnend in den 30er Jahren in Weimar bis ca. ins Jahr 2000. Ein spannender Blick auf und in die deutsche Vergangenheit, denn während Margo nach dem Krieg in Westdeutschland lebt, bleibt Helene in der DDR – dennoch kreuzen sich ihre Wege immer wieder.

Nun also „Margos Töchter“ und zunächst mal vorab: Man muss den Vorgänger nicht kennen, um richtig tief in diese Geschichte einzutauchen. Der Roman beginnt in den frühen 60er Jahren in der Provinz: In der Nähe von Osnabrück lebt Margo mit ihrem Mann Henri und der Tochter Leonore. Noch ist von Beat, Rock'n Roll & Aufbruch wenig zu spüren, es herrschen Konvention und Spießigkeit.
Leonore ist ein Teenager, der den Erwartungen ihrer Mutter so gar nicht entspricht. Eher schüchtern, etwas linkisch, ein Bücherwurm, aber zunehmend renitent, denn das Leben ihrer Eltern findet sie verlogen und langweilig. Mit den „richtigen“ Freunden lässt sich auch in Osnabrück die aufkommende freiere Luft erschnuppern, im „Karloff“ jedenfalls gibt es Bier, Zigaretten, die passende Musik und scheinbar Gleichgesinnte. Während der Sommerferien in einem gesamtdeutschen Jugendcamp der Kirche lernt sie dann Clara aus der DDR kennen, etwas älter, linientreu bis zum geht nicht mehr, Leonore ist total beeindruckt (und Clara wird noch eine wichtige Rolle spielen…).
Nach dem Abitur geht Leonore zum Studium nach Frankfurt, wo sie unverschuldet ins Visier der Polizei gerät: Eine nächtliche Bekanntschaft klaut ihr sämtliche Papiere, entpuppt sich als Sympathisant der RAF, und plötzlich wird Leonores Name im Zusammenhang mit schweren Straftaten genannt, etwas, das sie lange begleiten wird. Ein paar Jahre später scheint es fast, als habe sich Leonore ausgetobt, sie heiratet Alexander, der aus der DDR geflohen ist, arbeitet als Lektorin und – adoptiert Jana.

Mit Jana nämlich beginnt der Roman in der Gegenwart: Sie ist eine erwachsene Frau, hat das Haus ihrer Großmutter Margo bei Osnabrück geerbt und lebt dort mit Mann und zwei Kindern. Vor vielen Jahren hatte sie mal Einsicht in die vermutlich existierende Stasi-Akte von Leonore beantragt, inzwischen fast gar nicht mehr daran gedacht, aber nun liegt der Bescheid der Behörde im Briefkasten: Es gibt eine Akte, Leonore wird nach Berlin fahren und das heißt für uns: Jetzt geht’s los, die Vergangenheit wird lebendig.

Cora Stephan gelingt ein sehr spannender Roman, der sich vor allem auf die Zeit der 60er Jahre bis zur Wiedervereinigung konzentriert. Leonore, Jana, Clara, nicht zuletzt Margo selbst: Jede versucht, ihr Leben nach ganz eigenen Vorstellungen zu gestalten und ist doch eingewoben in ein Netz familiärer Beziehungen und politischer Entwicklungen.

Astrid Henning

 


abgrund 150x237

 

btb 15,00€

 

Yrsa Sigurdardóttir: " Abgrund"

Nach "DNA", "SOG", und "R.I.P." hat die Autorin einen neuen Thriller um den Ermittler Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freya geschrieben.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Büchern, findet Huldar in diesem neuen Fall keine Zeit für amouröse Kurzweil, dennoch lässt er nichts unversucht, um Freya für sich einzunehmen.
Siggi, ein kleiner 4Jähriger, wird aus einem Luxusappartement befreit. Wie und warum er dort hin gelangte, bleibt erst einmal ein Geheimnis, ebenso, wie der Aufenthaltsort  seiner offenbar schwangeren Mutter und des gewaltätigen Vaters. Während Siggi in die Obhut vom Jugendamt kommt, entdeckt ein Jogger die Leiche von Helgi. Der millionenschwere Eigentümer des Appartements hängt tot auf einer alten Hinrichtungsstätte in einem Lavafeld nahe des Präsidentensitzes. Als man bei dem Toten Fragmente einer in die Brust genagelten Nachricht findet, muss die Polizei davon ausgehen, dass kein Suizid, sondern ein Mord vorliegt. Dank der Aufnahmen diverser Überwachungskameras können die Ermittler feststellen, dass Helgi, nachdem er einen feuchtfröhlichen Samstagabend mit seinen vier besten Freunden verlebt hatte, offenbar volltrunken zu einem Unbekannten in ein Auto einstieg. Bei der Obduktion der Leiche wird allerdings eine bertächtliche Menge Rohypnol nachgewiesen.....

Gewohnt spannend und kurzweilig geschrieben, bietet dieser neue Fall Nervenkitzel, ohne Brutalität und Grausamkeiten , wie z.B. in "DNA". Die unvorhersehbare Wendung am Ende des Thrillers sorgt für einen stimmigen "Aha-Effekt"!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


sommer bei nacht 150x237

 

Galiani 20,00€

 

Jan Costin Wagner: "Sommer bei Nacht"

„Jan Costin Wagner schreibt psychologische Romane, die auch noch spannende Krimis sind. Kein deutscher Autor kann das so gut wie er. Beneidenswert.“ So urteilt Matthias Brandt über „Sommer bei Nacht“, das neue Buch von Wagner – und das kommt quasi einem Ritterschlag gleich.

An einem sonnigen Sommernachmittag lässt Lea ihren Sohn auf dem Schulflohmarkt nur für einen winzigen Moment aus den Augen – und schon beginnt der Albtraum, ein Szenario, dass eigentlich nicht auszuhalten, nicht zu ertragen ist: der fünfjährige Jannis ist verschwunden!  Weggelockt von einem Mann, der – obwohl er zwei große Teddy-Bären bei sich hatte – keinem groß aufgefallen ist. Alles Suchen, Fragen verläuft ergebnislos, die Polizei wird eingeschaltet. Die beiden leitenden Ermittler, Christian und Ben, gehen natürlich allen Hinweisen nach, und schon bald reichen ihre Verzweigungen bis nach Österreich und zu einem ähnlich gelagerten Fall, der gerade mal ein Jahr zurückliegt.

Mit „Sommer bei Nacht“ startet Jan Costin Wagner eine neue Reihe und baut gleich auf den ersten Seiten eine beklemmende Atmosphäre auf, die über die gesamte Geschichte hinweg nicht abreißen wird. Mit sehr kurzen Kapiteln und den ständig wechselnden Sichtweisen wird diese Stimmung noch verstärkt. Außergewöhnlich ist der verknappte Sprachstil: auf der einen Seite scheint man nie genug Zeit zu haben, den jeweiligen Protagonisten kennenzulernen, auf der anderen Seite glückt Wagner eine messerscharfe Beobachtung, die die Essenz eines jeden Charakters so genau ausleuchtet, dass man schon fast ein Psychogramm erstellen könnte. Was dort bei den Menschen unter der Oberfläche brodelt, ist keineswegs stereotyp gehalten – dieser Krimi macht auch vor abartigen menschlichen Abgründen nicht Halt.
So hoch der sprachliche Anspruch des Krimis auch ist, er ist leicht und zügig zu lesen: Es sind alles verändernde Kippmomente, die keiner kommen sieht, die seelischen Schieflagen, in die sie Menschen so tief rutschen lassen, dass diese nie mehr herausfinden, und die unerklärlichen Abgründe menschlicher Gefühle.
Ein aufwühlender, fesselnder Roman, mit dem Jan Costin Wagner einmal mehr ein großes Stück Literatur gelingt.

Heike Kasten

 


die parade 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Dave Eggers: "Die Parade"

Der Verlag stellt zu diesem Buch die Frage „Tut man automatisch Gutes, wenn man Gutes tun will?“ Wahrscheinlich haben wir alle schon mal erlebt, dass das nicht immer der Fall ist.

„Die Parade“ spielt in einem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land, das – auch mit Hilfe der Industrieländer – so ganz allmählich wieder auf die Füße kommt. Nun soll der ärmere Südteil des Landes durch eine nagelneue Straße mit dem reicheren Nordteil verbunden werden, nicht zuletzt, damit der Herrscher dieser Nation auf der neuen Straße eine prächtige Parade abhalten kann. Vorbereitet und planiert ist die Strecke schon, fehlt noch die Asphaltierung. Das sollen zwei ausländische Arbeiter erledigen, die mit einer hochentwickelten Maschine die Straße fertigstellen werden.
Für diese beiden Arbeiter gibt es sehr klare Regeln: Sie werden so anonym wie irgend möglich dort arbeiten, um für potentielle Entführer uninteressant zu sein – wenn man nicht weiß, wer jemand ist und woher er kommt, gibt es auch keinen Adressaten für eventuelle Forderungen. Noch nicht einmal untereinander kennen sie ihre Identität, sind einfach „Vier“ und „Neun“. Den Beiden wird eingeschärft, möglichst große Distanz zur einheimischen Bevölkerung einzuhalten: keine Gespräche, generell keine Kontaktaufnahme, nur eigene Nahrung verzehren, keine Hilfsangebote annehmen – eigentlich sollen sie selbst wie zwei Maschinen agieren.
Während Vier sich an alle Regeln hält und sehr strukturiert vorgeht, ist Neun ein ganz anderer Charakter: ein idealistischer Chaot, vielleicht liebenswert, aber völlig unberechenbar. Da er die Landessprache zumindest rudimentär beherrscht, ist er in ständigem Kontakt mit den Menschen, scherzt mit ihnen und lässt sich zum Abendessen einladen. Zunächst ist Vier nur sauer, weil sich der Arbeitsplan nicht einhalten lässt, doch als Neun tatsächlich ernsthaft erkrankt, gerät er in einen ernsthaften Konflikt. Ohne die Hilfe der Bevölkerung, ohne Transport ins Krankenhaus wird Neun nicht überleben. Aber kann man ihnen denn trauen, „diesen Einheimischen“? Wollen sie wirklich helfen, oder nicht doch nur Vier zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen?

In diesem Buch geht es nicht unbedingt um literarische Raffinesse, aber ähnlich wie in „Der Circle“ zeigt Eggers einmal mehr sein Gespür für aktuelle und relevante Themen.
Ein Buch, das zum Nachdenken einlädt, allein oder mit anderen, das zum Diskutieren anregt und auch für Lesekreise  bestens geeignet ist.

Astrid Henning

 


der klavierstimmer ihrer majestaet 150x237

 

C.H.Beck 24,00€

 

Daniel Mason: " Der Klavierstimmer Ihrer Majestät"

London 1887: Die britischen Kolonialherren in Afrika und Asien stehen auf der Höhe ihrer Macht. Doch von den Gewaltverbrechen in der Ferne bekommt der Klavierstimmer Edgar Drake nur wenig mit, er hat Großbritannien noch nie verlassen – bis sein beschauliches Leben plötzlich komplett auf den Kopf gestellt wird: Wieso schickt ihn das britische Kriegsministerium in den umkämpften Dschungel von Birma, um einen Flügel zu reparieren?
Der Flügel gehört dem dort stationierten Militärarzt Anthony Carrol, der sein Instrument einsetzt und nutzt, um über die Kraft der Musik einen friedlichen Dialog mit den Einheimischen zu führen. Drake ist beeindruckt, der Brutalität des Krieges auf diese Weise zu trotzen, und er nimmt den Auftrag an.
Schnell verfällt er in Birma nicht nur der betörenden exotischen Landschaft und den fremden, aber faszinierenden Bräuchen, sondern auch dem charismatischen Arzt Carrol. Und als die Arbeiten am Klavier schon längst vollzogen sind, schafft er es nicht, sich von dieser verführerischen Welt zu lösen – mit fatalen Folgen...

Einmal mehr gelingt es Daniel Mason ("Der Wintersoldat") den Leser in eine ferne Welt zu entführen, geschichtliches Hintergrundwissen zu vermitteln und seine Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd und literarisch gleichermaßen zu vermitteln.

Heike Kasten

 

 


homo faber 150x237

 

Suhrkamp 9,00€

 

Endlich Zeit für...

Max Frisch: "Homo Faber"

Möglicherweise machen Sie mit diesem Buch eine Zeitreise – schließlich war „Homo Faber“ lange und oft Schullektüre. Das führt meist zu eher unguten Erinnerungen, ohne dass das Buch überhaupt etwas dafür könnte, also: Zeit für den 2. Versuch.

Walter Faber ist ein Schweizer Ingenieur, lebt in den USA, ist viel auf Reisen, vor allem aber: Sein Blick auf die Welt ist ein rein technischer, mathematischer, es gibt für alles eine Erklärung. „Fügung“ oder „Schicksal“? Das sind Wörter, mit denen Faber nichts anfangen kann. Er sagt von sich selbst: „…als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung?“
Und dann ist dieser Roman eine einzige Aneinanderreihung von Unwahrscheinlich-keiten, die Fabers Weltbild deutlich in Frage stellen. Was mit der Zufälligkeit des Sitznachbarn im Flugzeug beginnt, führt zu weitreichenden Konsequenzen für den rational denkenden Ingenieur – nicht nur, was seine unmittelbaren Pläne betrifft. Fabers komplettes Lebenskonzept gerät innerhalb von ein paar Wochen ins Wanken: Mit gut 50 Jahren muss er sich selbst Rechenschaft über seine Vergangenheit geben, die Frage nach Schuld und Verantwortung stellen und vor allem erkennen, dass Ingenieurskunst und mathematische Fähigkeiten gegen die Irrationalität des Lebens nicht viel ausrichten können.

Für mich ein hoch aktuelles Buch, denn nichts anderes erleben wir gerade. Und ganz abgesehen vom Thema des Buches ist immer wieder ein großer Genuss, Max Frisch zu lesen – vielleicht entdecken Sie ihn „ohne Schullektüre“ nochmal ganz neu.

Astrid Henning

 


mach mal halblang 150x237

 

dtv 14,90€

 

Matt Haig: "Mach mal halblang - Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten"

Vernetzt. Wenn wir heutzutage wirklich eines sind, dann trifft es dieses Wort auf den Punkt. Denn wir sind online – ständig und überall. Sei es auf Instagram, Facebook oder Twitter. Wir wissen, was völlig fremde Menschen heute zu Mittag essen, welchen Sport sie gerade betreiben oder wie toll sie aussehen, wenn sie aus dem Bett steigen. Und was tun viele von uns daraufhin? Richtig, wir vergleichen uns mit einem Bild oder einem Leben, das oft nicht der Realität entspricht. Wir würden am liebsten auch den gleichen Filter über unser Dasein legen um genauso fit, glamourös oder glücklich zu wirken. Doch was bedeutet das für unsere Psyche und unseren Körper? Definitiv nicht die reichliche Ausschüttung von Glückshormonen sondern Stress pur.
Und genau hier setzt Matt Haig mit seinem aktuellen Buch an, das deutlich keineswegs ein weiteres belangloses Werk über die menschliche Psyche ist, sondern einem Juwel gleicht. Denn Matt Haig scheint die Fähigkeit zu besitzen, zum menschlichen Kern zu gelangen und diesen Schicht für Schicht abzutragen. Er lässt uns Leser fühlen und nachdenken, wie kaum ein anderer Autor es schafft. Er schreibt über Schmerz, Wahrnehmungen und auch Wahrheiten, die so viele von uns in diesem geschäftigen Leben empfinden, aber nur selten aussprechen. Vorrangig geht es in "Mach mal halblang" über den sozialen und medialen Druck, dem wir uns aussetzen und den wir auch selbst ausüben.

Gerade im Kontext unserer jetzigen schwierigen Zeit, die keiner von uns je in der Form erlebt hat, sind Haigs Anmerkungen so glasklar, so aufrüttelnd. Wir werden mit Informationen überflutet, können schon längst nicht mehr einordnen, ob diese einer Wahrheit oder Wahrhaftigkeit entsprechen – kein Wunder also, dass unser Schaltsystem einfach mal zusammenbricht.
Was dieses Buch so besonders macht sind Haigs ehrliche und persönliche Erfahrungen, die er sehr deutlich, jedoch nicht belehrend, zu formulieren weiß. Seine Art des Schreibens ist ein wenig wie eine warme Decke, die einem das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung kommen wird, egal wie verrückt die Welt auch sein mag.

Zitat: Wir brauchen keine andere Welt. Alles, was wir brauchen, ist hier. Wenn wir nur aufhören würden zu denken, wir bräuchten alles.

Heike Kasten

 


der groesste kapitaen aller zeiten 150x237

 

KiWi 14,00€

 

Dave Eggers: "Der größte Kapitän aller Zeiten"

Wenn ein Amerikaner eine Satire schreibt und sie vom „größten Kapitän aller Zeiten“ handelt, dann ist klar, wer damit gemeint ist – natürlich geht es um Donald Trump.

Das stolze und traditionsreiche Kreuzfahrtschiff „Glory“ braucht einen neuen Kapitän, nachdem „der Admiral“ von Bord gegangen ist. Es gibt eine Reihe von kompetenten Kandidaten und Kandidatinnen, die Passagiere überlegen hin und her – bis sich plötzlich ein großer, etwas pummeliger Typ mit gelber Feder im Haar in die erste Reihe drängelt und „Lasst mich Kapitän werden!“ krakeelt. Es ist der Betreiber der Minigolfbahn auf dem Schiff, mit etwas zwielichtigem Ruf, weil er als Kartentrickser und Hütchenspieler reihenweise Passagiere reingelegt hat, zudem intellektuell nicht gerade eine große Leuchte, aber: Er verspricht alles anders zu machen, einfach mal so. Selbstzweifel sind diesem Mann völlig fremd, sein Ego ist riesig und sein „Programm“ kommt an. Als die Passagiere z. B. fragen, wie er zum Thema „Steuern“ steht, kommt prompt „Nur Idioten zahlen Steuern“ – „Hurra!“ rufen viele der Passagiere. Die Leute mögen, dass dieser Typ alles sagt, was ihm gerade so einfällt, und die Idee alles einfach „umzukrempeln“ klingt spannend und erfrischend, vielleicht wurde es auch gerade etwas zu langweilig auf dem Schiff.

Als gewählter Kapitän betritt er die Brücke und feuert erstmal die komplette Besatzung, er fühlt sich nämlich unwohl in der Gegenwart von Menschen, die mehr wissen könnten als er selbst, einzig seine Tochter leistet ihm im Kommandozentrum des Schiffes Gesellschaft. Der Kapitän merkt schnell, dass es ganz schön anstrengend ist, ein Schiff zu steuern, wenn man davon so gar keine Ahnung hat, ob das die richtige Idee war? Aber andererseits fühlt es sich großartig an, alles befehlen zu können, was ihm in den Kopf kommt. Wozu übrigens auch gehört, störende Elemente über die Reling zu werfen. Als schließlich der frühere Feind „Der Helle“ mit seinem Schiff in Sicht kommt, ist der Kapitän sehr erfreut, denn er selbst bewundert Den Hellen, der mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd einfach umwerfend aussieht. Klar, wer das nun wiederum ist, und es bleibt auch nicht bei diesem Gast allein.

Die Geschichte nimmt ihren vergnüglich-tragischen Lauf, jede Menge in diesem schmalen Bändchen entspricht der Realität - leider, muss man sagen. Immer wieder schüttelt man den Kopf und fragt sich: Wie kann das alles sein? In Eggers Buch kommt die Rettung schließlich von ungeahnter Seite, nämlich von außen.
Eine Satire überzeugt durch Witz, Schärfe, Lächerlichkeit und Spott – mission accomplished.

Astrid Henning

 


dankbarkeiten 150x237

 

Dumont 20,00€

 

Delphine de Vigan: "Dankbarkeiten"

Dieses zarte Buch ist ein echtes Juwel!

Marie ist eine junge alleinstehende Frau. Sie kümmert sich seit geraumer Zeit rührend um eine ältere Dame aus der Nachbarschaft. Michka Seld, weltoffen, klug und mit dem Habitus eines jungen Mädchens in dem Körper einer alten Frau. Als Lektorin für eine große französische Zeitung war sie tätig, im Umgang mit der Sprache hochgebildet und souverän.
Eines Tages stellt Marie fest, dass die Tage des Alleinlebens für ihre weise Freundin gezählt sind.
Aussetzer des Gedächtnisses plagen Michka. Die Worte verheddern sich in ihrem Kopf und dieser Zustand bereitet ihr zunehmend Angst und stürzt sie in Verzweiflung. Die Folge ist eine Unterbringung in einem Heim. Das Leben dort steht im krassen Gegensatz zu ihrer bisherigen Unabhängigkeit. Zudem plagen Albträume die alte Dame. Die Vergangenheit raubt ihr den Schlaf, denn da ist eine Sache, die sie unbedingt noch erledigt wissen möchte.
Ihre Dankbarkeit möchte sie einem Ehepaar aussprechen, das sie als junges Mädchen vor den in Frankreich einmarschierenden Nazis versteckte, rettete und dabei ihr eigenes Leben riskierte. Eine Suchanzeige blieb bisher ohne Erfolg. Noch jemand bemerkt, was für einen Menschen mit besonderer Ausstrahlung er in Madame Seld gefunden hat. Jerome ist der Logopäde im Heim und freut sich besonders, wenn er das Zimmer der alten Dame betritt und dort eine Therapiestunde verbringen darf. Denn es verhält sich so, dass Michka Güte und Lebensweisheiten vermitteln kann und ihrer Umwelt damit sehr viel zu geben hat.

Ein so feines Buch hat Delphine de Vigan hier geschrieben. Ich war gerührt, musste teilweise sogar lachen, ob der Wortverdrehungen, aus der Dauerwurst wurde Lauerwurst, aus Lachs Pax und wenn sie einverstanden war, sagte Michka „oje“ mit der Betonung von okay. Und es wurde ein großes Dante gesagt, anstelle von danke.
Diese lustigen Wortspiele beschreibt die Autorin ohne auch nur ein winziges bisschen ins Klamaukige abzurutschen, nein, sie bleibt ganz nah an der Realität und zeigt auf, welche Verunsicherung bei den Betroffenen dadurch ausgelöst wird, wenn die Worte nicht mehr richtig und auf Kommando kommen wollen, im Kopf stecken bleiben, und wie wichtig es ist, liebevolle Menschen um sich zu haben, die einen feinfühlig unterstützen. Und denen kann man Dante sagen und auch denen, die einen zu dem gemacht haben, was man ist.
Bitte unbedingt lesen!!!

Annette Matthaei

 


liebe 150x237

 

Ars edition 20,00€

 

Hélène Delforge/Quentin Gréban: "Liebe"

Nach ihrem großartigen „Mama“ Buch, das ein wahres Kultbuch wurde, hat Hélène Delforge nun einen Nachfolger mit dem Namen „Liebe“ geschaffen.

Kleine Geschichten, Gedichte, Haikus über diese unerschöpfliche Thema hat sie geschrieben, aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen gesammelt.
„Verliebt. Ein Gefühl, ein Daseinszustand, eine Überraschung, ein Glückstreffer, eine Sehnsucht. Liebe bringt uns zum Lachen und zum Weinen. Sie hat viele Gesichter und erzählt unzählige Geschichten.
Liebe beginnt und endet… manchmal, aber nicht immer. Es gibt so viele Arten von Liebe wie Verliebte. Und jede Liebe ist einzigartig.“

Die Illustrationen sind auch in diesem Kunstwerk von Quentin Gréban.
Jede Seite ein Stupser für‘s Herz und vielleicht gerade in diesen Zeiten eine Möglichkeit,auch entfernten Menschen zu sagen: Ich lieb Dich
.

Annette Matthaei

 


der empfaenger 150x237

 

Klett Cotta 22,00€

 

Ulla Lenze: "Der Empfänger"

Josef Klein wandert in den späten zwanziger Jahren als 22jähriger aus dem Rheinländischen nach Amerika aus. Viele Deutsche sahen nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland für sich keine Zukunft und machten sich auf in die neue Welt. Joseph bezieht eine kleine Wohnung in Harlem, findet Arbeit bei einer Druckerei, die Geburtstagseinladungen und Flugblätter herstellt. Sein Hobby ist das Funken und Morsen. Das wird ihm zum Verhängnis, denn er zieht die Aufmerksamkeit von einigen deutschen Auswanderern, die dem aufkommenden Naziregime mehr als nahe stehen, auf sich und ehe er sich versieht, ist er verstrickt in Industriespionage und wird massiv von den Nazichargen unter Druck gesetzt.
„Es war nach 1941 in den USA schon ein Verbrechen, Deutscher zu sein, nachdem Deutschland Amerika den Krieg erklärt hatte.“
1949, zurück in Deutschland, schlüpft er bei seinem Bruder Carl und dessen Familie in Neuss unter. Carl hat den Krieg in Deutschland überlebt und versucht nun hartnäckig, eine neue Existenz auf die Beine zu stellen.

Der Empfänger“ wirkt zunächst wie ein Konflikt zweier Brüder, die im Zweiten Weltkrieg auf gegnerischen Seiten standen und ihre Entfremdung nur schwer überwinden können. Josef kann Carl einfach nicht gestehen, warum er in den USA zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde – und Carl kann seinem Bruder deshalb nicht trauen.
Ulla Lenze, die die Geschichte an das Leben ihres Großonkels anlehnt, schafft es - häufig in Nebensätzen - ganze atmosphärische Geschichten erzählen – aus Nachkriegsdeutschland, aus Costa Rica und aus einem oberen Stockwerk in Black Harlem, an dem die Bahn vorbei dröhnt.

Annette Matthaei

 

 


eine kurze weltgeschichte fuer junge leser 150x237

 

Dumont 13,00€

 

Endlich Zeit für...

Ernst H. Gombrich: "Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser"

Eindeutig: Wer mit 25 Jahren meint, eine „kurze Weltgeschichte“ auf gut 300 Seiten schreiben zu können, dem darf es an Selbstbewusstsein nicht mangeln. Und wem es dann auch noch gelingt, dem darf man vielleicht einen Hauch von Genialität bescheinigen.
Die Geschichte der Menschheit – für sowas hat man im normalen Alltag selten die Zeit, oder nimmt sie sich nicht. Vielleicht ist es deshalb jetzt eine wunderbare Gelegenheit, sich in Gombrichs Weltgeschichte zu vertiefen, die tatsächlich in der Urzeit beginnt.
Ja, Gombrich wirft sogar zunächst einen kurzen Blick auf die Erde ohne den Menschen, bevor es dann mit dem Neandertaler losgeht. Schließlich das Alten Ägypten, Mesopotamien, die alten Griechen, China – wirklich weltumspannend ist seine Beschreibung, der Tonfall durchaus unterhaltsam. Solche LehrerInnen hätte man sich gewünscht (und hat sie mit Glück gehabt): leidenschaftlich und kompetent, nie von oben herab. In dieser Weltgeschichte erkennt man die Zusammenhänge, man erfährt, dass zwar jede Zeit ihre ganz eigenen Probleme hatte, aber es gibt eben auch erstaunlich viele Parallelen, die großen Bögen.

Eugen Gombrich wurde 1909 in Wien geboren, seine Weltgeschichte erstmals 1935 veröffentlicht. Zunächst reichte sie bis zum Ende des 1. Weltkriegs, bis er 1985 noch ein kurzes Kapitel anschloss. Man wüsste zu gerne, was dieser kluge Mensch zu unserer heutigen Gesellschaft sagen würde, welche Meinung er zu Globalisierung und Digitalisierung hätte. Leider ist Eugen Gombrich 2001 im Alter von 92 Jahren in London verstorben.

Eine erhellende und vergnügliche Lektüre für alle wissbegierigen Menschen ab 12 Jahren, auch für Erwachsene!

Astrid Henning

 


vanitas grau wie asche 150x237

 

Knaur 16,99€

 

Ursula Poznanski: "Vanitas - Grau wie Asche"

Wie schaufelt man wem ein Grab?

In Band 2 der Vanitas-Reihe, problemlos auch ohne Vorkenntnisse zu lesen, geht es erneut um die ehemalige verdeckte Ermittlerin Carolin, die zurück ist in Wien, zurück in der Blumenhandlung am Zentralfriedhof, zurück in ihrem ruhigen und einigermaßen sicheren zweiten Leben. Doch mit der Beschaulichkeit ist es alsbald vorbei: der Friedhof wird wiederholt von Grabschändern heimgesucht. Immer wieder werden nachts Gräber geöffnet, Überreste von Verstorbenen herausgeholt und die Grabsteine mit vermeintlich satanistischen Symbolen beschmiert. Und dann liegt auf einem der Gräber eine frische Leiche…
Carolin ermittelt auf eigene Faust, und sehr zum Unmut des zuständigen Kommissars, der ihre Aktionen mit Misstrauen verfolgt. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die diese Schandtaten hervorrufen, und das tägliche Polizeiaufkommen sind Carolin alles andere als recht, beeinträchtigen sie doch ihr Schattendasein – doch noch fast mehr irritiert sie ein junger Mann, der unter fadenscheinigen Gründen, immer wieder den Blumenladen besucht.
Carolins feine Antennen sind aufgestellt, und die Signale, die sie empfangen, beunruhigen sie zutiefst – und so entschließt sie sich zu einem folgenschweren Schritt.

Heike Kasten

 


liebe mrs bird 150x237

 

Kindler Verlag 10,00€

 

A.J. Pearce: "Liebe Mrs. Bird"

London 1941: Emmeline Lake hat einen festen Berufswunsch – sie will Kriegsreporterin werden. Bislang arbeitet sie als Sekretärin bei einem Anwalt, aber als sie die Stellenanzeige des London Evening Chronicle liest, scheint ihr Ziel zum Greifen nah. Zwar sucht man dort erstmal eine „Gehilfin“, in Teilzeit zudem, macht aber nichts, Emmeline wird es ihnen schon zeigen und sieht sich bereits mutig und durchaus glanzvoll vom Kriegsgeschehen berichten. Doch oh Graus: In ihrer Begeisterung hat sie die Anzeige nicht genau genug gelesen und landet als Assistentin der Kummerkastentante Mrs. Bird im kleinsten Büro des Gebäudes. Das ist schon eine herbe Enttäuschung, aber Emmy hat ihr Ziel klar vor Augen und sieht diese Stelle nur als kurzes Intermezzo.
Nun könnte man denken, eine „Kummerkastentante“ müsse einfühlsam und verständnisvoll sein, aber weit gefehlt: Jeder Feldmarschall würde vor Emmys Chefin Mrs. Bird strammstehen, ihr Organ ist äußerst eindrucksvoll und ihre Grundsätze sind es ebenso. Alle Briefe, die in Mrs. Birds Augen „anstößige“ oder „unmoralische“ Themen behandeln, werden nicht beantwortet, sondern müssen von Emmy sorgsam zerschnitten und in den Papierkorb befördert werden. Und anstößig ist auf jeden Fall alles, was mit Liebe und Zuneigung zu tun hat – klarer Fall. Doch Emmy lassen die Nöte der Briefe-Schreiberinnen nicht locker und so beginnt sie, in Mrs. Birds Namen Antworten zu verfassen, schmuggelt einige sogar in die Druckausgabe der Zeitschrift. Ob das gut geht?Parallel dazu erzählt der Roman von der wunderbaren Freundschaft zwischen Emmy und Bunty, ihrer Mitbewohnerin und Seelengefährtin. Auch da wird es zu einer großen Bewährungsprobe kommen.

Dieser Roman ist englische Unterhaltung at it’s best: geistreich, ironisch, frisch und humorvoll. Bitte mehr von Mrs. Pearce!!

Astrid Henning

 


offene see 150x237

 

Dumont 20,00€

 

Benjamin Myers: "Offene See"

Nordengland im Sommer 1946: Robert ist 16 und gerade mit der Schule fertig. Was vor ihm liegt, ist völlig klar: Schon sein Vater und sein Großvater waren Bergarbeiter, ab Herbst wird es auch für ihn soweit sein. Doch bevor es für ihn „unter Tage“ geht, will er seine Freiheit auskosten, will er Licht und Luft genießen, draußen sein, wandern, zur „Offenen See“.
Er macht sich auf den Weg, arbeitet unterwegs auf Feldern, bietet Handwerkern seine Dienste an und bekommt dafür Essen und ein Dach über dem Kopf.
Fast am Meer angekommen, stößt er auf das Cottage von Dulcie, einer älteren Dame, die ihn auf eine Tasse Tee einlädt. Und was mit dieser Tasse Tee beginnt, ist das Entdecken einer ganz neuen Welt: So eine Frau wie Dulcie gibt es in seiner Heimat jedenfalls nicht, und sie würde dort sicher für Aufsehen sorgen.
Dulcie lebt allein, hat sehr klare Vorstellungen von Politik, Liebe, Religion – und sie versteht es zu genießen. Zum ersten Mal probiert Robert frischen Hummer, zum ersten Mal trinkt er Wein. Vor allem aber: Zum ersten Mal gesteht ihm jemand zu, eine eigene Meinung zu haben, ja fordert ihn gerade dazu auf, sich zu bilden, neue Perspektiven zu entwickeln, Dinge auszuprobieren.
Versuch und Irrtum, was soll’s, jedes Scheitern ist eine neue Erfahrung! Aus der Tasse Tee werden mehrere Wochen, Robert kümmert sich um den Garten und kommt im kleinen heruntergekommenen Gartenhaus unter. Als er beginnt, dieses zu renovieren,stößt er unter den Dielen auf ein Gedichtband - von dem Dulcie nichts, aber auch gar nichts wissen will...

Dieser Roman ist ein kleines Juwel. Mitten in schwierigen Zeiten habe ich einen englischen Sommer an der „Offenen See“ verbracht, die salzige Luft eingeatmet, mit Dulcie und Robert am Esstisch gesessen und ihren Gesprächen gelauscht. Ein kluges Buch, das die Laune hebt.

Astrid Henning


abgefackelt 150x237

 

Knaur 14,99€

 

Michael Tsokos: "Abgefackelt"

Echte Fälle, authentische Ermittlungen – dafür steht Michael Tsokos, sicherlich Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner, der bislang mit all seinen Büchern für Furore sorgte.

In seinem neuen True-Crime-Thriller nun geht es um den Rechtsmediziner Paul Herzfeld. Dem steckt sein letzter Fall noch gehörig in den Knochen, weshalb er vorübergehend von Kiel nach Itzehoe auf eine vermeintlich ruhigere Stelle in der Pathologie versetzt wird. Für einige Zeit soll er dort auf einer vakanten Position sein Wissen zur Verfügung stellen, kurz: aushelfen. Doch das Archiv des Klinikums ist Opfer eines Flammenmeers geworden, in dem nicht nur tausende Akten und Gewebeproben vernichtet wurden, sondern auch Herzfelds Vorgänger den Tod fand. Ein Todesfall mit viel zu vielen Ungereimtheiten, wie Herzfeld bald herausfindet. Und je weiter er forscht, desto klarer wird ihm, dass er einem Skandal reinster Güte und ungeheuren Ausmaßes auf der Spur ist. Seine Ermittlungen auf eigene Faust bleiben nicht unbemerkt: eine eiskalte Killerin verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Ihr Mordwerkzeug: eine Drohne. Ihr Lieblingsspielzeug: Feuer.

Heike Kasten

 


nsa 150x237

 

Lübbe 12,90€

 

Andreas Eschbach: "Nationales Sicherhaitsamt - NSA"

Andreas Eschbach ist mit diesem Roman etwas wirklich Spannendes und Außergewöhnliches gelungen: Eschbach verknüpft die deutsche Geschichte mit einem Science-fiction-Szenario.

Der Roman beginnt Anfang der 30er Jahre, Hitler gewinnt mehr und mehr Anhänger, aber noch sieht ein Großteil der Bevölkerung nicht die wahren Absichten, die hinter seiner Politik stehen. Vorerst nimmt man begeistert zur Kenntnis, dass es der Wirtschaft besser geht, die Arbeitslosigkeit sinkt und Deutschland im Ausland wieder an Ansehen gewinnt. Wir befinden uns in Weimar und lernen Helene Bodenkamp kennen, aus gutbürgerlichem, patriotisch gesinntem Hause, mäßige Schülerin, allerdings mit einer besonderen Begabung für’s Programmieren. Ja, Sie haben richtig gelesen: „Programmieren“. Denn das ist das Besondere an diesem Roman – es existieren bereits Komputer, auch tragbare Telephone, sog. „Votels“ (Volkstelephone) gibt es. Es gibt elektronische Post, Bargeld ist abgeschafft, über jeden Bürger werden eine Unmenge von Daten gespeichert. Und nicht nur das, es gibt eben auch das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, das diese Daten sammelt und auswertet. Nach ihrem Schulabschluss beginnt Helene hier als Programmiererin zu arbeiten, eine Arbeit, die ihr zunächst durchaus Freude bereitet, bis sie die Auswirkungen ihres Tuns erkennt: Indem Daten miteinander abgeglichen werden, kann die Gestapo z.B. versteckte Personen entdecken und deportieren.
Im NSA arbeitet auch die zweite Hauptfigur, Eugen Lettke. Eugens Vater starb als Kriegsheld im 1. WK, diesem Andenken wird im Hause Lettke von Mutter und Sohn höchste Rechnung getragen. Schon als Jugendlicher findet Eugen Gefallen daran, Informationen über seine Mitmenschen zu sammeln und sie zum gegebenen Zeitpunkt damit zu erpressen. Auch seine Beziehungen zu Frauen unterliegen diesem Muster und sind zudem rein körperlicher Natur. Seine Position im NSA nutzt Eugen für seine privaten Zwecke, was natürlich strengstens verboten ist.
Helenes Situation spitzt sich zu, als sie sich in einen Soldaten verliebt, der später von der Wehrmacht desertiert und dem sie ein Versteck verschafft. Durch Datenmanipulation gelingt ihr immer wieder seine Rettung, doch das Netz zieht sich enger und enger.

Ich habe die knapp 800 Seiten mit großer Spannung gelesen, auch das Ende ist Eschbach überzeugend gelungen. Übrigens auch ein Roman, den man Jugendlichen ab 16 Jahren durchaus empfehlen kann.

Astrid Henning

 


keiner hat gesagt dass du ausziehem sollst 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 18,00€

 

Nick Hornby: "Keiner hat gesagt, dass Du ausziehen sollst"

Ein Mann, Tom, und eine Frau, Luise, treffen sich einmal wöchentlich in einem Pub, auf ein Pint London Pride (für ihn) und ein Glas Weißwein (für sie). An und für sich erst einmal nichts Besonderes, jedoch: die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet, sie gönnte sich kürzlich eine kleine Affäre, und nun kommt so manches zum Vorschein, was schon länger schwelt.
Daher haben die beiden, mehr oder weniger einvernehmlich, beschlossen, eine Paartherapie zu beginnen. Und jede Woche, bevor sie sich in professionelle Hände begeben, treffen sie sich in der Kneipe gegenüber der Praxis, und dann geht es sozusagen ans therapeutische Vorglühen.

Im Original heißt das neue Buch von Nick Hornby „State of the Union“, es ist eine Sequenz aus zehn Sitzungen, und der Titel benennt nicht nur den Beziehungszustand von Tom und Luise, sondern auch den des Vereinten Königreichs. So ist es kaum überraschend, dass der Brexit als immer wiederkehrende Metapher in diesen überaus eleganten und unterhaltsamen Gesprächen bemüht wird: ein Abschied, der sich dermaßen lange hinzieht, dass man am Ende ganz vergessen hat, dass und warum man eigentlich gehen wollte.

Im Einzelnen sind diese Unterhaltungen schnell, oft witzig, die Akteure sind ja schließlich Briten, intelligent, melancholisch und mit dem typischen englischen Humor gewürzt. Doch ab und an hat es auch etwas Quälendes, wie diese auseinanderdriftenden Schicksals- und Lebensgemeinschaftsgenossen keinen Ausweg aus ihrer misstrauischen Deckung finden.
Die insgesamt klugen Dialoge führen auf ein Ende zu, das auf der einen Seite wenig verwundert, andererseits allerdings emotionale Dimensionen perfide auslotet.

Heike Kasten

 


neu schnee 150x237

 

Penguin TB Verlag 15,00€

 

Lucy Foley: "Neuschnee"

Was passt besser zum heutigen Winter(kurz)einbruch, als obiger Titel?

Seit vielen Jahren verbringen sie den Jahreswechsel gemeinsam, neun Freunde, die sich in diesem Jahr eine Bergghütte in den schottischen Highlands gemietet haben. Die Anfahrt ist beschwerlich, da der heftige Schneefall die schmalen Wege immer unpasssierbarer macht.Um so größer ist die Erleichterung,als endlich alle bei einem köstlichen Glas Crémont vor dem prasselnden Kaminfeuer sitzen und gemeinsam auf die vor ihnen liegenden freien Tage anstoßen!
Voller Tatendrang beginnt der nächste Tag mit einem Ausflug und der Aussicht auf echte Jagderlebnisse. Der etwas verschrobene Guide verhält sich zwar merkwürdig, scheint aber verantwortungsbewusst und kompetent. Die Stimmung ist entspannt, die frische Luft tut allen gut, und schon bricht der zweite Abend herein. Als der Alkohol für immer gelöstere Zungen sorgt, droht die Stimmung zu kippen. Erste Gemeinheiten werden ausgesprochen, erste Tränen fließen, erste Türen knallen...
Am nächsten Morgen wachen nur noch acht Gäste auf. Ein Schneesturm sorgt dafür, dass mit keinerlei Hilfe zu rechnen ist. Das Urlaubsparadies ist von der Außenwelt abgeschnitten...

Dieser Thriller wird aus fünf unterschiedlichen Perspektiven geschildert. Das sorgt zusätzlich für Spannung.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


das beste kommt noch 150x237

 

Wunderlich 20,00€

 

Richard Roper: "Das Beste kommt noch"

Mit diesem Titel ist der Roman eindeutig das Buch der Stunde: „Das Beste kommt noch“. Übrigens sollten Sie sich nicht vom Titelbild irritieren lassen: Hier droht weder Kitsch noch das, was gemeinhin unter „Frauen-Roman“ verstanden wird (ganz nebenbei: eine schreckliche Bezeichnung).

Andrew ist Anfang 40, lebt alleine und von einem nennenswerten Sozialleben kann leider keine Rede sein. Er ist leidenschaftlicher Modelleisenbahn-Fan und hat in einem entsprechenden Online-Forum immerhin vier etwas engere Freunde. Zunächst tauscht man sich nur über diverse Baureihen aus, aber das wird sich im Verlauf des Romans noch ändern…
Auch Andrews Beruf ist ein durchaus spezieller: Er ist sog. „Nachlassinspektor“, im Klartext bedeutet das: Ist jemand gestorben, ohne dass es einen Hinweis auf Angehörige oder Freunde gäbe, geht Andrew in die entsprechende Wohnung, um dort nach Spuren zu suchen. Vielleicht gibt es doch einen Hinweis – ein Foto, eine Telefonnummer, was auch immer. Zu seinen Kollegen hat Andrew nicht großartig Kontakt, das Nötigste halt unter Büro-KollegInnen.
Seit kurzem jedoch gibt es Peggy, eine neue Kollegin: herzerfrischend, munter, rede- und lachbereit. Noch bevor Andrew es richtig kapiert hat,  schlägt sein Herz doppelt so schnell in Peggys Nähe. Ok, sie ist verheiratet, hat zwei Kinder, aber ihre Ehe scheint kurz vor dem absoluten Aus zu stehen.
Tja, das könnte doch jetzt ganz fein weitergehen zwischen Peggy und Andrew, allerdings gibt es ein – ziemlich großes – Problem: Schon längst war es Andrew vor seinen KollegInnen peinlich, dass er so gar nichts von Familie und Freunden zu berichten hat, deswegen hat er vor einiger Zeit seine Fantasie spielen lassen und sich die glückliche Ehefrau, zwei Kinder, das Grillen am Wochenende, die Urlaubspläne usw. einfach erfunden. Jeder im Büro geht davon aus, dass Andrew in festen Händen ist – auch Peggy, die großen Anteil an Andrews Privatleben nimmt. Wie kommt man aus so einem Märchen raus??

In wunderbar britischer Manier erzählt Roper in diesem Buch eine Liebesgeschichte, aber längst nicht nur. Es ist eben auch eine Geschichte von Einsamkeit in unserer Gesellschaft, von Wünschen und Bedürfnissen, von Träumen und Solidarität. Wie gesagt: das Buch der Stunde!

Astrid Henning

 


der wal und das ende der welt 150x237

 

Fischer 12,00€

 

John Ironmonger: "Der Wal und das Ende der Welt"

Gerade erschien dieser Roman kartoniert, und selten war der Inhalt eines Buches aktueller!
Der promovierte Zoologe Ironmonger erzählt uns eine Geschichte über die

Menschlichkeit, über den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten, aber er berichtet auch davon, dass nicht jeder Mensch automatisch ein Sozialverhalten besitzt.

Der Hintergrund: eine Epidemie globalen Ausmaßes droht... - Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? - Joe Haak wird, dank der Flosse eines Wales, nackt ans Ufer von St. Piran gespült. Als sich die hübsche Krankenschwester Aminata über ihn beugt, um ihn zu reanimieren, wähnt er sich im Himmel. Joe überlebt, bekommt etwas anzuziehen und gleich mehrere Angebote für eine kostenlose Unterkunft. Das kleine Dorf an der Küste Cornwells hat endlich neuen Gesprächsstoff, und viele der 300 Seelen würden den netten jungen Mann aus London gerne sofort adoptieren. Kurz darauf strandet der Wal genau dort, wo Joe an Land gespült wurde. Schnell organisiert er umfangreiche Rettungsmaßnahmen für das Tier, und spätestens jetzt lieben ihn nahezu alle Dorfbewohner.
Bevor der Roman in die Pilcherie abdriftet, erfahren wir, dass Joe geflohen ist: aus Angst, aus Scham, aus Verzweiflung.
Als Mathematiker und Analyst einer großen Bank arbeitete er an der Entwicklung eines Algorithmus, der Modelle von den Abhängigkeiten der Welt erstellen soll. Dieses System hat nun den globalen Kollaps vorhergesagt. Käme jetzt noch ein Grippevirus hinzu,gäbe es den Supergau. Joe weiß, dass er nicht die ganze Welt retten kann, aber 300 Menschen, das müsste doch zu schaffen sein! Dann bricht tatsächlich das Virus aus....

Ein wunderbares Buch,mit vielen liebevoll gezeichneten Charakteren, und der schönen Botschaft: wir schaffen sehr viel, wenn wir zusammen halten!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


das eis brechen 150x237

 

Mare 18,00€

 

Julien Blanc-Gras: " Das Eis brechen"

Grönland hat in den letzten 10 Jahren enorme Mengen Eis verloren, der Klimawandel lässt sich nicht mehr verleugnen. Hiervon, aber auch von so viel mehr, erzählt der französische Autor Julien Blanc-Gras.

Und das tut er mit viel Humor und Weisheit. Sein Verleger beauftragt ihn mit einem Reisebericht über Grönland. Eine dreiwöchige Segeltour ist geplant. Der Autor, normalerweise in südlichen Gefilden unterwegs, ist zunächst skeptisch. Kälte, Seetüchtigkeit, Enge, das macht ihm zu schaffen.
In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands angekommen, begibt er sich zunächst in eine Kneipe. Kneipen sind die Orte, in denen man Land und Leute am bestens kennenlernen kann. Hier kommt es zu ersten Sprach- und zwischenmenschlichen Missverständnissen. Der Autor kommt einer menschlichen Regung nach und wird, beim Verlassen der Toilette, von einer untersetzten Einheimischen auf deutliche Art darauf hingewiesen, dass er sich in der Tür geirrt hat - sie fasst ihm energisch und ohne zu zögern in den Schritt.
Am nächsten Tag entert er die „Atka“, einen kleinen Segler. Die Crew besteht aus zwei Bretonen, dem Kapitän und dem ersten Offizier, und einem französischen Landschaftsmaler. Die Route verläuft westlich der immer noch dänischen Rieseninsel, entlang der Küste, in der sogenannten Discobucht. Was diese vier Reisenden in den nächsten Wochen an Natur, aber auch mit den Menschen in den winzigen Städtchen erleben werden, ist großartig.Den Eisbären wird unser Autor nur auf einer Postkarte in einem der Supermärkte, den Pisiniarkiks (Grönländische Aldis, in denen auch gerne dicke Gewehre über den Tresen gehen) zu sehen bekommen, ansonsten lässt die abenteuerliche Tour keine Wünsche offen.

Die Beschreibungen der Eisberge macht ehrfürchtig, Stürme auf See sowieso, doch zumeist strahlt ein blauer Himmel über diamantenem Glitzern im nicht mehr so ewigen Eis. Die Begegnungen mit den Inuit sind lustig und beeindruckend. Die Bewohner des höchsten Nordens sind wohl keiner anderen ethnischen Gruppe ähnlich. Wir lesen über Geologie, Geschichte, heutige Politik und natürlich über das Klima, dessen Veränderung in diesen Breitengraden ganz besonders zu spüren ist.
Ein toller, sehr flüssig zu lesender Reisebericht, bei dem ich anfing von Eisbergjungen gebärenden Gletschern zu träumen.

Annette Matthaei

 


rote kreuze 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Sasha Filipenko: "Rote Kreuze"

Der Autor Filipenko macht aufmerksam auf ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte. Die Sowjetunion hat im zweiten Weltkrieg ganz unfassbar die russischen Brüder, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, verurteilt, als Volksverräter tituliert, im Stich gelassen und sogar deren Familien verfolgt und verstoßen.

Tatjana Alexejewna ist nunmehr 90 Jahre alt. Von Tag zu Tag lässt ihr Gedächtnis sie mehr im Stich, die Diagnose Alzheimer. Und das, obwohl sie soviel zu sagen hat. Einem jungen Mann, der seit einigen Tagen ihr Nachbar ist, erzählt sie ihre aufwühlende Lebensgeschichte, die ein ganzes Jahrhundert umfasst. In London geboren, zieht sie mit ihren Eltern im Alter von zwei Jahren zurück nach Moskau. Als bekennender Atheist, und im Stillen Systemkritiker, erzieht der Vater das Mädchen zu einem freien, selbstbewussten Denken. Ihre große Liebe Ljoscha Pawkowa lernt Tatjana kennen, da ist sie schon längst aufgrund ihrer internationalen Sprachkenntnisse aus dem Studium herausgefischt worden und arbeitet als Übersetzerin für den NKID, dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten.
In dieser Position hat sie Einblick in brisante Geheimakten. Ljoscha und Tatjana bekommen ein kleines Mädchen namens Assja. Mit dem Einzug von Ljoscha in den Krieg, kommt das große Leid in der bisher so glücklichen Familie an. Tatjana bangt. Zwei Briefe erhält sie noch von ihm, dann reisst der Informationsfluss ab. Nach drei Kriegsjahren fallen ihr Gefangenenlisten, aufgestellt vom Internationalen Roten Kreuz, in die Hände. Auch ihr Mann ist verzeichnet. Da russische Kriegsgefangene geächtet sind und als Verräter zum Tode verurteilt werden, fälscht sie den Namen bei der Übersetzung, um sich und vor allem ihrer Tochter Sicherheit zu gewähren.
Bis nach Kriegsende verläuft alles gut, doch im Juli 1945 stehen Tschekisten vor ihrer Tür, trennen sie von ihrer Tochter und verfrachten sie nach brutalen Verhören in einen Gulag. Sie wird Mann und Tochter nie wiedersehen. Tatjana hat nur überleben können, weil sie ihren Glauben zu Gott fand. Allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Sie wartet darauf, mit Gott abrechnen zu könne und nun schickt er ihr, feige wie er ist, diese Krankheit des Vergessens.

Mich hat dieser Roman zutiefst gebannt und auch erschüttert. In einem Interview am Ende des Buches erklärt der Autor seine Beweggründe für das Buch. Seiner Großmutter und den tapferen Frauen ihrer Generation wolle er ein Denkmal setzen und gleichzeitig auf dieses dunkle Kapitel aufmerksam machen.
Die Recherche dazu war nicht einfach, da unter dem Regime von Putin alle Archive, die Jelzin hatte öffnen lassen, wieder fest verschlossen sind. Die Schweiz allerdings hat alle Briefe des internationalen Roten Kreuzes peinlich genau archiviert, inklusive Eingangsdaten und Beantwortung. An den Genossen Molotow gingen unzählige Briefe und Bittschreiben, Gefangenenlisten zu erstellen. Sie blieben durchweg unbeantwortet.

Annette Matthaei

 


beute 150x237

 

Rütten & Loening 20,00€

 

Deon Meyer: "Beute"

Der Südafrikaner Deon Meyer schreibt seit vielen Jahren spannende Thriller, die sich wohltuend vom üblichen Mainstream abheben. Seine Bücher nehmen häufig Bezug auf die herrschenden politische Lage des Kontinents, und der Autor scheut sich nicht, darauf hinzuweisen, dass auch zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheidspolitik nicht genug erreicht wurde.
Zwar haben seine beiden sympathischen Ermittler die "genre-üblichen" privaten Probleme (zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf, zerrüttete Ehen, korrupte Kollegen), aber Meyer verzichtet weitestgehend auf zu brutale Tötungsszenen, ohne dabei den Spannungsaufbau zu gefährden. Seine Protagonisten sind bis in die kleinsten Nebenrollen sorgfältig gezeichnet. Der Humor kommt nicht zu kurz!

Im aktuellen Thriller ermitteln Bennie Griessel und sein Partner Cupido zum 6. Mal. Sie untersuchen den Tod eines ehemaligen Personenschützers. Der Mann war offenbar aus einem fahrenden Luxuszug "gefallen". Bei der Obduktion stellt man jedoch fest, dass mindestens eine Person dem Toten beim "Fallen" geholfen haben muss...
Währenddessen treffen sich in Frankreich zwei alte Freunde und Weggefährten wieder. Lonnie versucht, seinen untergetauchten Freund Daniel zu überreden, einen brisanten Auftrag zu übernehmen....

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die vielgeliebte meines mannes 150x237

 

Nagel & Kimche 18,00€

 

Margrit Schriber: "Die Vielgeliebte meines Mannes"

„Das Leben ist schwierig, fand ich. Aber was hatte ich erwartet? Den schönsten aller Sommer. Pirouetten auf Zehenspitzen. Unermüdlich blühende Blumen und immerwährendes Glück. Heute weiß ich, dass das Leben uns Grenzen steckt, aber Möglichkeiten bietet. Kompliziert ist nur die Liebe.“ Das sagt die Protagonistin des Buches, nachdem auf sie geschossen wurde, und fragt sich, wie man einen geliebten Menschen halten kann, wohin das Glück so plötzlich entschwindet.

Als der attraktive Musikstudent Charly eine Teilzeitstelle als Organist in der St. Agatha Kirche antritt, ringt er dem Priester und den Entscheidungsträgern des kleinen Ortes die Erlaubnis ab, einen Chor zu gründen. Bald verbringt der charismatische junge Mann mit der Ausbildung von acht dreizehnjährigen Mädchen eine Menge Zeit, wird zum umschwärmten Mittelpunkt seiner „Chorblumen“. Die Menschen des Ortes sind von den wunderbaren Singstimmen in ihrer Kirche verzaubert, der sympathische Organist ist allseits geschätzt.
Charly lebt für die Musik. Seiner frisch angetrauten Ehefrau Rosy widmet er, zu deren Leidwesen, immer weniger Aufmerksamkeit. Die pubertierenden Sängerinnen buhlen um seine Gunst. Ein unscheinbares Mädchen namens Kitty singt sich mit ihrer reizenden Stimme in die Herzen der Dorfbewohner. Sie liebt Charly fanatisch und betrachtet schon bald dessen Ehefrau als Hindernis zu ihrem Glück. Als der narzisstische Charly sich auch noch der exzentrischen Schönheit, der mondänen Madame Benz, zuwendet, eskaliert die Situation…

In diesem außergewöhnlichen Buch thematisiert die Autorin ein Tabu, lässt ihren Protagonisten Grenzen überschreiten. Gekonnt erzählt sie die Geschichte eines jungen Musikers, der sich in seiner Musik und in seinen Leidenschaften verliert. „Die Vielgeliebte meines Mannes“ hat Tiefgang, die Sprache ist schön, bildhaft und auf gute Art detailverliebt.
„Er war ein schneller Läufer und leichter Tänzer. Ich nahm ihn als Südwind wahr, der kurz die Büsche am Wegrand aufwühlte, und alles hoch flattern ließ, den Schal, die Zotteln der Mokassins, die Paspeln des Klöppelmantels und die beiden Haarlocken über der Stirn.“

 

Annette Matthaei

 


marianengraben 150x237

 

Eichborn Verlag 20,00€

 

Jasmin Schreiber: "Marianengraben"

Paulas Herz ist zerbrochen. Das ist zwei Jahre her und anhand eines Graphen, aufgezeichnet von ihrer Smartwatch, kann sie erkennen, wie ihre Herzrate auf 172 Schläge pro Minute stieg und sich dort stabilisierte. Diese Aufzeichnung hängt noch immer an ihrem Kühlschrank. Der Graph beschreibt den Moment, an dem ihre Mutter ihr am Telefon mitteilte, dass ihr kleiner Bruder Tim im Alter von 10 Jahren bei einem Badeunfall ums Leben kam.
Seitdem kann Paula nicht mehr Tritt fassen. „Sie trauern pathologisch“, konstatiert ihr Therapeut, den sie mit Gesprächen über diverse Nudelsorten oder langem gemeinsamen Schweigen davon abhält, sich ihrem Inneren zu nähern. So richtig weiß sie selber nicht, was mit ihr los ist. Abgrundtiefe Leere und Starre wechseln sich ab mit körperlich spürbaren Schmerzen. Der Verlust des aufgeweckten Jungen, zu dem sie ein so enges Verhältnis hatte, reißt ihr förmlich Löcher in Körper und Seele. Und es wird nicht besser.
Nach viel innerer Überzeugungsarbeit ringt Paula sich dazu durch, das Grab ihres Bruders zu besuchen. Das geht nur nachts, tagsüber sind zu viele Menschen auf dem Friedhof. Zum Innehalten an der Grabstätte kommt sie jedoch nicht, da befremdliche Geräusche sie ablenken. Ein Schippen von Erde, ein Husten und ein merkwürdiges Schnaufen ist zu hören.

Dahinter verbirgt sich Helmut, ein schrulliger Alter, der dabei ist, die Urne mit der Asche seiner verstorbenen Helga auszubuddeln. Natürlich hat er Gründe dafür, ein Versprechen will eingelöst werden. Nicht wissend, wie ihr geschieht, sieht Paula sich plötzlich in der Situation, Helmut die Schaufel abzunehmen und ihm mitsamt der Beute zur Flucht zu verhelfen. Dies ist der Beginn einer wahrhaft ungewöhnlichen Freundschaft. Auf einer Reise in die Alpen in Helmuts Wohnmobil, kommen sich der knurrige Alte und die traumatisierte junge Frau näher. Rührend, wie sie voneinander lernen und sich so schwer dabei tun. Auch Helmut hat viele Verluste in seinem Leben hinnehmen müssen, dabei aber ganz andere Strategien entwickelt als Paula.

In diesem Roman geht es um das Thema Loslassen, das richtige Gefühl für Nähe und Distanz und natürlich Freundschaft. Paula, die Biologin, schafft es, den Leser mit Beispielen aus dem Tierreich und der gesamten Natur, übertragen auf die menschliche Gedanken- und Gefühlswelt, zu verblüffen.

Annette Matthaei