Unsere Buchempfehlungen im August

                 


die ewigkeit ist ein guter ort 150x237

 

Kindler 22,00€

 

Tamar Noort: "Die Ewigkeit ist ein guter Ort"

Der Katalog ärztlicher Diagnosen muss um eine Krankheit erweitert werden: „Gottdemenz“ – was das bedeutet und wie man sie erkennt, dazu gleich mehr.

Elke ist Theologin, angehende Pastorin, momentan arbeitet sie in einem Hospiz und begleitet dort Sterbende und ihre Angehörigen. Eines Tages muss sie feststellen, dass ihr das ganz normale Vokabular der seelsorgerischen Tätigkeit abhanden gekommen ist, eindeutig ein Fall von Gottdemenz. Beim „Vater unser“ kommt sie über die erste Zeile nicht hinaus, das feste Repertoire an Kirchenliedern hat sich verflüchtigt und überhaupt klappt es mit dem Dialog mit Gott so gar nicht mehr. Dass Elke aus einem Pastorenhaushalt kommt und ihr Vater sie schon in seiner Gemeinde als Nachfolgerin sieht, macht die Lage nicht gerade entspannter. Noch dazu setzt sie die Beziehung zu Jan in den Sand, obwohl der sich gerade alle Mühe gibt, besonders empathisch und sensibel zu sein.
Doch dann wird Elke dringend gebraucht: Ihr Vater hatte einen Herzinfarkt und muss in die Reha, da liegt nahe, wer ihn vertreten soll… Aber eine Pastorin mit Gottdemenz? Wie gut, dass der Vater seine ganzen Predigten auf dem PC gespeichert hat, nach 10 Jahren kann man da schon mal wieder alten Stoff bringen, merkt doch keiner. Oder??
So ganz nebenbei erfahren wir dann auch, weshalb Elke eigentlich so neben der Spur ist, dem kann sie nämlich in ihrem Elternhaus nicht ausweichen: Ihr Bruder Chris starb mit 17 Jahren bei einem Badeunfall, nach einer Party war man noch an den See zum Paddeln gegangen, etwas alkoholisiert, keine gute Idee.

In Tama Noorts Debütroman geht es um die ganz großen Themen, und das mit leichter Hand und viel Humor: Wer will ich sein, was gibt mir Halt, wie überwindet man Schmerz, was bedeuten Freundschaft und Familie?  Ein wirklich gelungener Auftakt, hoffentlich liest man bald mehr von dieser Autorin.

Astrid Henning

 


tristania 150x237

 

Mare 24,00€

 

Marianna Kurtto: "Tristania"

Tristan da Cunha ist wohl der abgelegenste Ort, der auf dieser Erde von Menschen bewohnt wird. Knappe 100 Quadratkilometer misst die Insel auf der sich mächtig der Vulkan Queen Marys Peak erhebt. Sie ist Teil einer britischen Inselgruppe im südlichen Atlantik zu der unter anderem auch St.Helena, Napoleons letztes Exil, gehört. Zum afrikanischen wie zum südamerikanischen Kontinent sind es um die 3000 Seemeilen und es gab Jahre in denen die Inselbewohner (aktuell 243 Menschen) nicht mal aus der Ferne ein Schiff zu Gesicht bekamen. Am 8.Oktober 1961 brach der Vulkan aus und begrub das sonst grüne Eiland unter einer Schicht glühender Lavamassen. Fast alle Bewohner konnten sich mit Booten auf ein nur von Vögeln bewohntes Inselchen retten und wurden von einem englischen Schiff nach Kapstadt und von dort ins  britische Königreich gebracht. Dort wurde Ihnen  ein kleines Militärdorf in der Nähe von Southampton zur Verfügung gestellt. Doch trotz allen ungewohnten Komforts und der Vorteile der Zivilisation setzte die Mehrheit der Insulaner durch, 1965 zum Wiederaufbau auf ihre Insel zurückzukehren.

Schon als Sachbuch wäre es hochinteressant über dieses abgelegene Fleckchen Erde zu lesen. Die finnische Autorin Kurtto entschied sich zum Glück aber für einen Roman und hängt die Geschichte über den Vulkanausbruch an dem Leben unterschiedlichster Bewohner von Tristan da Cunha auf.
Lars war nie für das Leben des Fischers geboren und obwohl er Frau und Sohn hat, zieht es ihn als Händler in die weite Welt. Martha, kinderlos und vom Leben enttäuscht, träumt von Schiffen, die sie einfach nur fortbringen. Jon vermisst seinen Vater und sucht nach einem Goldschatz, von einem der ersten Siedler bei den Wasserfällen versteckt.

Es gibt noch mehr Dorfbewohner in deren Köpfe wir schauen dürfen, aber ein Großteil des Reizes dieses wirklich außergewöhnlichen Buches liegt in der Beschreibung der wunderschönen Natur. Selten war ich atmosphärisch derartig eingesogen. Ein typisches Buch des tollen Mareverlages, das ich ganz sicher nie mehr vergessen werde.

Annette Matthaei

 


denk ich an kiew 150x237

 

Lübbe 24,00€

 

Erin Litteken: "Denk ich an Kiew"

Und wieder so ein Buch, das einen komplett gefangen nimmt, schockiert und eindringlich darum bittet, gelesen und besprochen zu werden!

Die junge Cassie versucht, über den Verlust ihres Mannes hinwegzukommen, als ihre Mutter Anna sie dazu überredet, mit ihrer kleinen Tochter Birdie zu ihrer geliebten Großmutter Bobby zu ziehen, die tüdelig und gebrechlich wird. Die alte Frau versteckt neuerdings an den merkwürdigsten Orten Lebensmittel und macht Notizen auf kleinen Zetteln in ihrer Muttersprache Ukrainisch. Außerdem findet Cassie ein sehr altes, in Leder gebundenes Tagebuch in kyrillischer Schrift. Die leidenschaftliche Schriftstellerin, die seit dem Tod ihres Mannes ein Jahr zuvor kein Wort mehr geschrieben hat, erhofft sich, in den Aufzeichnungen ihrer Großmutter endlich Antworten zu finden. Mit der Begründung, wichtig sei die Zukunft, nicht die Vergangenheit, hat sich Bobby seit jeher allen Fragen Cassies vehement verweigert; ihr Leben, bevor sie in die USA gekommen war, ist Tochter und Enkelin ein Rätsel. Doch nun scheint die Vergangenheit die alte Frau einzuholen. Auf Bobbys Bitte hin übersetzt der junge, sympathische und attraktive Nachbar Nick, dessen kürzlich verstorbene Großmutter ebenfalls aus der Ukraine stammte, die Tagebucheintragungen peu à peu für Cassie ins Englische. Diese ist erschüttert von der unfassbar tragischen Lebensgeschichte ihrer Großmutter und erfüllt ihr deren letzten Wunsch: diese Geschichte niederzuschreiben und endlich zu veröffentlichen…
Denn Bobby, die eigentlich Katja heißt, ist Überlebende des Holodomor 1931/1932, der unter Stalin gezielt herbeigeführten Hungersnot im damals sowjetischen Teil der Ukraine. Katja führte in ihrer Bauernfamilie mit ausreichend Vieh und Land ein gutes, sicheres und behütetes Leben, bis russische Parteigenossen und deren ukrainische Aktivisten in ihr Dorf kamen und der jungen Frau (fast) alles nahmen – Besitz, Angehörige, Nahrung, Würde, nur ihren festen Glauben an eine bessere Zukunft und ihren eisernen Willen nicht – und der Kampf ums nackte Überleben begann. Katja musste ihrer Schwester Alina damals ein Versprechen geben, bei dem es um Leben und Tod ging, und ihrem jungen Ehemann schwören, dass sie der Welt berichten würde, welchem Terror und welch ungeheurem Leid das ukrainische Volk unter Stalin und den Bolschewiken ausgesetzt war.

Erin Litteken hat ihren von der eigenen Familiengeschichte inspirierten „Roman über die Unterdrückung des ukrainischen Volkes in der Vergangenheit“, der erschreckenderweise in einer Zeit erscheint, da die Ukrainer*innen schon wieder um ihr Leben und ihr Land kämpfen, in zwei sich abwechselnde Erzählstränge gegliedert: Cassies Geschichte Anfang der 2000er Jahre in Illinois / USA und Katjas Geschichte zwischen 1929 und 1932 in der Ost-Ukraine. Vielleicht bedarf es dieses literarischen Stilmittels, um dem Todschweigen der eigenen Vergangenheit, der Unerträglichkeit des Erinnerns Raum zu geben. Und um die eigentliche Geschichte, die so intensiv und grausam daherkommt, durch Unterbrechung nicht nur spannender, sondern vor allem erträglicher zu machen.
Der Teil des aktuelleren Erzählstranges gestaltet sich ein wenig schnulzig und auf jeden Fall vorhersehbar. Doch verknüpft die Autorin beide Stränge auf geschickte Weise, findet schlüssige Überleitungen und endet stets in Spannungsmomenten, so dass ich bei der Lektüre am liebsten jene Kapitel, die 2004 spielen, übersprungen und nur Katjas Jahre in der Ukraine gelesen hätte.
„Denk ich an Kiew“ ist ein Roman über Liebe, Familienbande, Verlust, Überlebenskampf, unterdrückte Traumata und unbeugsame Zuversicht, der ein kaum beachtetes, ja sogar verleugnetes brutales Kapitel der ukrainischen Geschichte ins Bewusstsein rückt, auf einfühlsame und doch schonungslose Weise. Dieses Buch klärt auf und rüttelt wach – in vielerlei Hinsicht. Dass ein Teil des Erlöses als Spende der Ukraine zugutekommt, ist nur ein weiterer guter Grund, dieses Buch zu kaufen.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


an den ufern von stellata 150x237

 

Ullstein Verlag 23,99€

 

Daniela Raimondi: "An den Ufern von Stellata"

Diese äußerst lebendige und unterhaltsame Familiengeschichte, die fast zwei Jahrhunderte umfasst, begeisterte mich dermaßen, dass ich sie Ihnen unbedingt vorstellen möchte!

510 Seiten lang begleiten wir die Familien Casadio, deren Haus in Stellata, irgendwo in der Nähe des Flusses Po steht.
Zu damaligen Zeiten reiste das fahrende Volk in ganz Europa umher, so auch die geheimnisvolle und bildschöne Viollca und ihr Clan. Auf ihrem Weg durch die Lombardei geraten die Planwagen in sintflutartige Regenfälle. Eine Weiterfahrt ist unmöglich, und der Dorfälteste von Stellat genehmigt eine längerfristige Rast auf dem Anger. Als sich der Eigenbrödler Giacomo Casadio von Violcca aus der Hand lesen lässt, geschieht das, was in der Familie niemand mehr für möglich hielt: er verliebt sich! Das ungleiche Paar heiratet, und die Schwiegereltern gewöhnen sich nur schwer an die "Exotin". Der Grundstein für eine ganz außergewöhnliche Nachkommenschaft ist aber damit gelegt.... Während sich der kleine Dollaro begeistert mit den Toten der Familie Casadio unterhält, werden später geborene andere Besonderheiten aufweisen können...

Während sieben Generationen Casadios an uns vorbei ziehen, tauchen wir tief in die gesellschaftspolitische Geschichte Italiens ab 1800 ein.

Andrea Westerkamp

 


der plot 150x237

 

Heyne Hardcore 16,00€

 

Jean Hanff Korelitz: "Der Plot"

Jakes‘ Zukunft sah auch schon mal besser aus: Sein erster Roman war ein beachtlicher Überraschungserfolg, das zweite Buch hat der Verlag pflichtschuldig veröffentlicht, das dritte Werk erschien dann bei einem kleinen No Name-Verlag und am vierten sitzt er seit mehreren Jahren. Über Wasser hält sich Jake als Dozent für Kreatives Schreiben,  eine Tätigkeit, die im Prinzip völlig unter seiner Würde ist und bei der er sich mit Menschen herumschlagen muss, die ihre Fähigkeiten total überschätzen.

Jetzt ist es wieder soweit, das jährliche Sommercamp in Ripley findet statt, Jake graut schon davor, aber er hat keine Wahl. Bereits am 2. Tag macht er Bekanntschaft mit Evan Parker, einem Studenten, der Jakes‘ Büro mit einer absolut blasierten und herablassenden Haltung betritt, total davon überzeugt, den Stoff für den nächsten Bestseller zu haben. Und damit meint er nicht einfach nur ein Buch, das sich „ganz gut“ verkaufen wird, sondern einen Mega-Bestseller, der alles in den Schatten stellen wird, der nach Verfilmung schreit, New York Times Platz 1 usw. Jake erkennt die Qualität des Stoffs, die Story ist ziemlich unwiderstehlich und Evan schreibt soweit ganz gut, aber ein paar Verbesserungen wären durchaus angebracht. Nichts zu machen, man fragt sich, wieso Evan überhaupt am Seminar teilnimmt.
Dann springen wir ein paar Jahre, Jakes‘ Situation hat sich in keiner Weise verbessert, da erinnert er sich an Evans Romanstoff, recherchiert und stellt fest, das Buch ist entweder nie geschrieben worden oder zumindest nicht erschienen. Wenig später hat Jake selbst das Buch fertig, mit geklauter Story, aber immerhin selbst geschrieben und tatsächlich passiert genau das, was Evan erwartet hatte: Das Buch erklimmt sämtliche Bestsellerlisten, Jake wird eingeladen in Oprahs Talkshow, Steven Spielberg wird es verfilmen und bald gibt es niemanden mehr, der seinen Roman nicht kennt. Jake schwimmt auf einer mächtigen Erfolgswelle, lernt durch das Buch sogar seine zukünftige Frau kennen und kann sein Glück kaum fassen. Bis…er die erste anonyme Twitter-Nachricht sieht: „Du bist ein Dieb. Das wissen wir beide.“

An dieser Stelle wird nichts weiter verraten, dass wäre übelstes Spoilern. Egal, ob Krimi- oder Nicht-Krimi-LeserIn: Schnappen Sie sich dieses Buch und tauchen ein in Jakes „Plot“.

Astrid Henning

 


freundin bleibst du immer 150x237

 

hanserblau 24,00€

 

Tomi Obaro: "Freundin bleibst Du immer"

Drei enge Freundinnen aus Studienzeiten treffen nach 30 Jahren das erste Mal wieder aufeinander. Anlass ist die prunkvolle Hochzeit der Tochter einer dieser Frauen in Lagos.

Sunmi, die Mutter der Braut, hat einen reichen Mann geheiratet und lebt mit ihm in einer riesigen Villa in der nigerianischen Hauptstadt. Die Ehe ist eine reine Zweckgemeinschaft. Lieblos geht das Paar miteinander um, tröstend für Sunmi ist einzig Prestige und materielles Prassen.
Anders ist es der früher so schüchternen Enitan ergangen. Sie hatte den unfassbaren Mut mit einem Oyinbo, einem Weißen europäischer Abstammung, nach Amerika durchzubrennen. Auch Charles und Enitan haben eine Tochter, Remi, die als Kind der freien westlichen Welt aufgewachsen ist, kein Blatt vor den Mund nimmt, zum Teil fassungslos der Rolle der Frau im männlich geprägten Nigeria gegenüber steht. Das Elternpaar hat sich im beidseitigen Einvernehmen getrennt, aber für Enitan steht es nicht zur Debatte, in ihr Heimatland zurückzukehren.
Die dritte im Bunde ist die damals bildschöne Zainab. Ihr flogen die Blicke der Männer zu. Doch im Gegensatz zu der eher leichtlebigen, frechen Sunmi, hielt sie sich keusch vor ihrer Heirat. Ihre große Liebe Ahmed und sie leben mit vier Kindern im Norden des Landes, führen eine Ehe, geprägt von Liebe und Respekt. Seit ein paar Jahren ist Ahmed nach einem schweren Schlaganfall gelähmt und Zainab kümmert sich rührend um ihn.

Dieser Roman handelt von drei sehr unterschiedliche Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen, die eine unerschütterliche Freundschaft verbindet. Es ist eine Geschichte von schillernden Farben, afrikanischen Traditionen und starken Emotionen. Süffig und mitreißend.
"Nigeria erinnerte einen täglich an die eigene Sterblichkeit: Autounfälle, Überfälle, einstürzende Brücken, Flugzeugunglücke, ein besonders schlimmer Malaria-Verlauf, eine schlampige Bluttransfusion, eine Entführung mit fatalem Ausgang, Herzinfarkte durch Stress, Lebensmittelvergiftung, schwarze Magie, Armut. Und darum musste man leben, und zwar wild und hemmungslos, oft auch rücksichtslos und ausbeuterisch…“
Diese Erkenntnis sickert ein bei der Lektüre dieses tollen Buches und man fühlt sich mittendrin im heißen, brodelnden Nollywood.

Annette Matthaei

 


kummer aller art 150x237

 

Dumont 22,00€

 

Mariana Leky: "Kummer aller Art"

Das neue Buch von Mariana Leky ist da! Ehrlicherweise ist es mein erstes von dieser bekannten und beliebten Autorin. Aber ich kann alle Leky-Fans gut verstehen: Wenn ihre kurzen Texte schon dermaßen geistreich, witzig, lebensnah, tiefgründig ohne literarische Überforderung daherkommen, wie muss es sich dann erst mit ihren Romanen verhalten?

Diesmal beglückt Mariana Leky uns mit einer Sammlung ihrer überarbeiteten Kolumnen aus der „Psychologie Heute“, in denen sie uns von ihrem Umgang mit dem Leben berichtet. „Kummer aller Art“ folgt keinem bestimmten Handlungsstrang und keiner speziellen Thematik; Lekys Figuren – und auch die Autorin selbst – ringen mit ganz individuellen und alltäglichen Situationen, Sorgen und Problemen, mit ihrem Gewissen und ihrem inneren Schweinehund.
Einigen Personen begegnen wir dabei immer wieder, wie den Nachbar*innen der Ich-Erzählerin, dem klaustrophobischen Herrn Pohl oder der konfliktscheuen Frau Wiese, und bald fühlt man sich fast so, als würde man selbst mit in dem Haus wohnen und sich über eine frische Verliebtheit, schlaflose Nächte oder Erlebnisse in der Warteschlange beim Bäcker austauschen. Onkel Ulrich, bis vor Kurzem noch praktizierender Psychotherapeut, erhält in mehreren Texten das Wort bzw. ergreift es einfach, hat in jeder Situation einen analytischen oder gleich therapeutischen Kommentar parat. Und wie begegnet man der liebeskummerigen Teenager-Patentochter oder dem kleinen Patensohn mit dessen großen Fragen?

Alle Figuren Lekys stellen sich den großen und kleinen Fragen des Lebens, allein oder in der Begegnung mit anderen Menschen, finden manchmal sogar eine Antwort, eine Lösung; manchmal ist es aber auch einfach, wie es ist. Wie im echten Leben halt.

Es ist zu empfehlen, Mariana Lekys 39 literarische Kolumnen in wohl dosierten Portionen zu genießen, optimalerweise nur eine pro Tag, etwa zum Frühstück oder vor dem Schlafengehen. Das Buch reizt, es in einem Zuge durchzulesen. Vielleicht weil es sich anfühlt, als würde man aus dem eigenen Leben lesen, so sehr kann man sich mit den Charakteren identifizieren, so bekannt erscheint einem der Kummer aller Art, hier auf intelligente und humorvolle Weise relativiert und teils sogar aufgelöst. Doch es wäre schade drum. Zu viel Lebensweisheit steckt in jedem einzelnen Text; jeder einzelne Beitrag klingt lange nach, wenn man ihn nur lässt. Und ruft ein gutes, ein leichtes Gefühl hervor. Bei mir zumindest.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


london rules 150x237

 

Diogenes 18,00€

 

Mick Herron: "London Rules"

Jackson Lamb und seine lahmen Gäule in ihrem 5. Fall!

In Slough House (der Regent Park spricht eher von slow horse) lesen die in Ungnade gefallenen Agenten des Geheimdienstes die neueste Twitternachricht: Eine Söldnertruppe löschte brutal 20 Leben eines Dorfes in Derbyshire aus! Wenig später wird ein Pinguingehege im Londoner Zoo gesprengt. Während der MI5 Alarmstufe Rot signalisiert, sind unsere Lieblingsagenten unter Jackson Lamb noch damit beschäftigt, die Bleistifte zu spitzen...
Erst in dem Augenblick, als der Nerd vom Dienst Roderick Ho nur durch das beherzte Eingreifen von Kollegin Catherine Standish einem recht dilettantischen Attentat entgeht, kommt so etwas wie Bewegung in die Truppe. Das bedeutet: Jackson legt seine Füße auf den Schreibtisch und genehmigt sich einen ersten Drink!

Mick Herrons Krimis sind in ihrer Art einzigartig und unnachahmlich. Der scharfzüngige Humor, die teilweise derben, aber immer passenden, wenn auch stets politisch unkorrekten Sprüche sind grandios und das Tempo flott. Auch wenn die Fälle gegen Ende der 70er angesiedelt sind, besitzen sie eine verblüffenden Aktualität. Beste Unterhaltung auf die feine britische Art!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


die psychologin 150x237

 

BTB 16,00€

 

Helene Flood: "Die Psychologin"

Dieser Debütthriller aus Norwegen hat in eigenen Land sofort einen Senkrechtstart hinlegt. Und ich weiß ganz genau warum!!!

Sara, Anfang 30, lebt mit ihrem Mann Sigurd noch nicht lange in einem kleinen Häuschen mit großartigem Blick über Oslo. Normalerweise würden sich die beiden, er als ambitionierter Architekt, sie als halbherzige Psychologin für Jugendliche, eine solche Immobilie gar nicht leisten können. Doch Sigurd erbte sie von seinem Großvater. Dessen Leiche wurde erst nach Wochen auf dem Dachboden eben dieses Hauses gefunden. Schon ein bisschen gruselig, aber da das junge Paar sowieso das gesamte Haus renovieren muss, wird danach sicher ein anderes Karma herrschen.
In dieser Baustelle wacht nun Sara eines morgens auf, mit der Aussicht, ein Wochenende allein zu verbringen. Sigurd hat sich im Morgengrauen mit einem Kuss von ihr verabschiedet. Ein Angelwochenende mit seinen Freunden ist geplant. Ihr ist nicht wohl dabei. Seit einiger Zeit fühlt sie sich sehr einsam. Sie hat sich eine kleine Praxis im Haus eingerichtet, empfängt ihre wenigen Patienten dort. Tag für Tag im Bauschutt und ohne normale Sozialkontakte. Außerdem hat sie den Eindruck, dass Sigurd in den letzten Monaten den gemeinsamen Kinderwunsch nicht mehr mit ihr teilt. Seine Arbeit, die Renovierung und Geldnöte fressen zu viel Energie. Er wirkt abgeschlagen und gereizt. Immer häufiger kommt es zum Streit zwischen den beiden.
Am Vormittag erhält sie von ihm dennoch eine Nachricht auf der Mailbox, dass er angekommen sei und sich schon mit den Freunden amüsiere.  Vielleicht tut ihm und somit ihrer Beziehung eine kleine Auszeit gut. Beunruhigt ist Sara allerdings, als sie am Abend einen Anruf eben einer der Freunde erhält, ob sie wisse, wo Sigurd stecke. Hat er sie angelogen? Ist ihm etwas zugestoßen? Was ist passiert? Paranoia schiebt sie endgültig, als sie in der folgenden Nacht Geräusche im Haus vernimmt und feststellen muss, dass sie unbekannten Besuch hatte. Die benachrichtigte Polizei nimmt Sara ins Verhör, verdächtigt sie, anstatt ihr zu helfen. Ist sie schuldig am Verschwinden ihres Mannes?
Je mehr Wahrheiten ans Licht kommen, desto mehr entgleitet Sara ihr bisheriges Leben. Sie, die anderen Menschen hilft, Gedanken und Gefühle zu sortieren, gerät zunehmend in einen Strudel aus Angst, Verwirrtheit und Kontrollverlust.

Die Autorin Flood ist selbst Psychologin und fantastisch in der Lage uns Leser mit in den Sog vegetativem Unwohlseins und Panik zu ziehen. Ein echter Pageturner mit überraschendem Ende.

Annette Matthaei

 


auf der strae heien wir anders 150x237

 

Klett-Cotta 22,00€

 

Laura Cwiertnia: "Auf der Straße heißen wir anders"

Eher zufällig bin ich auf den beeindruckenden Debütroman von Laura Cwiertnia gestoßen; Klett-Cotta hatte ihn im Zuge seiner Neuerscheinungen im Frühjahr den Buchhandlungen als eBook empfohlen. Das Thema hat mich angesprochen: eine junge, identitätssuchende Frau aus Bremen mit armenischen Wurzeln, eine Familiengeschichte, in der das Trauma des Völkermordes an den Armeniern von 1915 seit Generationen stillschweigend weitervererbt wird. Nun möchte ich diesen autofiktionalen Roman „Auf der Straße heißen wir anders“ nicht mehr missen und unbedingt weiterempfehlen!

Wie die Autorin selbst, wächst ihre Protagonistin Karlotta, die sich selbst Karla nennt, in den 1980er und 90er Jahren als Tochter einer deutschen Mutter und eines armenischen Vaters in Bremen-Nord auf. Das Buch beginnt mit der Beerdigung der Großmutter Maryam, die als junge Frau und Mutter ihre Familie in Istanbul zurückgelassen hatte und alleine als Gastarbeiterin nach Deutschland gegangen war. Hinterlassen hat sie eine Liste mit vierzehn letzten Wünschen. Einer davon ist, einer gewissen Lilit in Armenien ein Armband zu bringen. Auf der Suche nach dieser Unbekannten, die zweifelsfrei etwas mit der Familienvergangenheit zu tun hat, reist Karla mit ihrem Vater Avi nach Armenien – und wir mit den beiden in die Vergangenheit, ins Istanbul und nach Jerusalem der 1950er und 60er Jahre, nach Armenien vor hundert Jahren. Dabei tauchen wir immer tiefer in das Leben der einzelnen Familienmitglieder ein.
Der Roman spielt auf zwei Erzählebenen, die sich zeitlich voneinander wegbewegen: Auf der Gegenwartsebene wird vorwärts aus Karlas Perspektive erzählt, wie sie ihren Vater nach der Beerdigung zu einer gemeinsamen Reise in dessen nie gesehenes Heimatland überredet, was und wer ihnen in Armenien begegnet, wie sich Avi und die Vater-Tochter-Beziehung verändern.
Auf der Vergangenheitsebene wird rückwärts erzählt: Die einzelnen Familienmitglieder, welche jeweils für eine Generation stehen, erhalten eigene Stimmen in eigenen Kapiteln und werden im Lauf des Buches immer jünger – bis wir im vorletzten Kapitel des Buches in der Kindheit der Urgroßmutter Armine landen und den alles verändernden Schicksalstag miterleben. Armines armenische Kindheit findet ein jähes Ende, als ihre Familie von den Türken ausgelöscht wird und sie nur durch einen Zufall überlebt. „Du kannst nicht mehr nach Hause. […] Sie sind nicht mehr da, keiner ist mehr da, dein Dorf gibt es nicht mehr, verstehst du?“
Fortan lebt Armine in der Türkei, bekommt ein Kind – Maryam – von einem sehr viel älteren Mann, mit dem sie eine lieblose Zweckpartnerschaft eingegangen ist. Aus dem armenischen Familiennachnamen Kuyumcyan haben die Beamten die türkische Version Kuyumcuoglu gemacht. Um nicht aufzufallen, nennt Maryam sich auf der Straße Meryem, verbirgt ihr rotes Haar unter einem Kopftuch, wird ihren eigenen Sohn später Ali rufen, obwohl er eigentlich Avedis/ Avi heißt.

Cwiertnia sagt in einem Interview, der Grund für die von ihr gewählte Erzählstruktur sei, dass in der Geschichte von Menschen die Erklärung dafür liege, warum sie so geworden seien, wie sie geworden sind. Deswegen wollte sie mehrere Generationen zu Wort kommen lassen. Um die Charaktere und ihr langes Schweigen zu erklären. „Auf der Straße heißen wir anders“ ist „auch ein Buch über das Schweigen, das Nicht-Erzählen“ eines transgenerationalen Traumas. Laura Cwiertnia hat ihre eigene Methode gefunden, dieses Schweigen zu brechen: Sie hat ein Buch geschrieben. Und sich damit die Legitimation errungen, Fragen zu stellen. Und sie hat Antworten bekommen: von Genozid-Forschern, Armenier*innen, ihrem Vater. Es ist Cwiertnia gelungen, aus ihren Rechercheergebnissen ein detailliertes, authentisches, lebendiges Bild vom Straßenleben in Istanbul in den 60er Jahren, von der Pogromnacht 1955 und von Jerusalem während des Sechstagekrieges 1967 zu zeichnen. Wir bekommen Einblick in armenische Bräuche, lernen ein Stück des heutigen Armeniens, aber auch das Leben in Bremen-Nord vor 30 Jahren kennen. Cwiertnia führt uns nah an ihre Charaktere heran, schildert eindrücklich deren Erlebnisse.
Mit knapp 200 Seiten ist es ein eher dünnes Buch, aber sehr gehaltvoll und vor allem lange nachklingend.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


eine frage der chemie 150x237

 

Piper 22,00€

 

Bonnie Garmus: "Eine Frage der Chemie"

„Die Fernsehsendung „Essen um sechs“ von und mit Elizabeth Zott ist nicht bloß die Einführung in die Chemie, es ist ein dreißigminütiger, fünfmal die Woche stattfindender Unterricht in Sachen Leben.“ Ein halbes Leben wird es dauern, dass Mrs. Zott diese Zeilen lesen wird und ihr Lächeln wiederfindet.

Die kleine Elizabeth Zott wächst in unguten Verhältnissen auf. Ihr Vater, ein geldgieriger Wanderprediger, landet im Knast. Die Mutter setzt sich wegen Steuerhinterziehung nach Südamerika ab, der geliebte Bruder stirbt. John, dem Elizabeth alles zu verdanken hat! Nimmt er doch seine kleine, hochintelligente Schwester an die Hand, bringt ihr Lesen und Schreiben bei und öffnet ihr die Wunderwelt der Bibliotheken. Sein Verschwinden hinterlässt eine tiefe Wunde in der Seele des Mädchens.
Doch die Wissenschaft hilft! Die Chemie, das ist ihr Leben. Mit einem scharfen, analytischen Verstand gesegnet, nimmt sie in der Männerdominierten Welt der Wissenschaften kein Blatt vor den Mund. Zudem ist sie noch bekennende Atheistin. Das kommt überhaupt nicht gut in den USA der frühen 50er Jahren. Diese leidvolle Erfahrung muss Elizabeth mehr als einmal machen.
Doch das Leben scheint sich zu wandeln, als sie am Institut Hastings den berühmten Chemiker Calvin Evans kennenlernt, der sich auf den ersten Blick in die bildhübsche, junge Frau verliebt. Tatsächlich führen die beiden eine wunderschöne Liebesbeziehung auf Augenhöhe. Er nimmt sie ernst in ihrem Streben und sieht in ihr die brillante  Wissenschaftlerin, die sie ist. Leider währt das Glück nicht lange. Ein zweiter Verlust lässt sie verzweifeln. Doch Calvin hat ihr ein zunächst ungewolltes Geschenk hinterlassen. Elizabeth ist schwanger – und unverheiratet. Damals ein Grund zur Kündigung, doch die zähe Frau gibt nicht auf. In ihrer Küche richtet sie sich ein Labor ein, versorgt das schreiende Töchterchen und bekommt tatsächlich eine neue Lebenschance. Ihr Aussehen verhilft ihr zu einer Sendung im Nachmittagsfernsehen. Eine, wie man heute sagen würde, Kochshow, aber mit dem feinen, wichtigen Unterschied, dass sie nicht nur Rezepte, sondern  gegen alle Widerstände ihre Lebensklugheit per Bildschirm an die Frau bringt. Nicht lange wird es dauern und die weibliche Bevölkerung ganz Amerikas hängt an Elizabeth Zotts Lippen...

Witzig und skurril geschrieben, gehört dieser Roman zu einem der Highlights in diesem Frühjahr, der sich einer breiten Leserschaft erfreuen wird. Einfach gut!!!

Annette Matthaei



das fluestern der bienen 150x237

 

Ullstein 12,99€

 

Sofia Segovia: "Das Flüstern der Bienen"

Auf den ersten Blick nahm mich das Cover mit den farbig gezeichneten Orangen, deren Blüten und Blättern und den Bienen für sich ein. „Sommer!“, dachte ich. Nun, 475 Seiten später, weiß ich, dass das Buch eher wenig mit dieser Jahreszeit zu tun hat. (Mit Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ übrigens auch nichts!) Dennoch war ich keineswegs enttäuscht! Segovias historischer Familienroman, der in ihrer Heimat wochenlang in den Bestsellerlisten verweilte, liest sich streckenweise wie ein Krimi und ist umso spannender, da er im fernen Mexiko spielt.
„Der Roman erzählt von der Liebe für das Land, das Leben, die Familie und von einem Verrat, der alles enden lassen kann.“ So steht es im Klappentext. Das Außergewöhnliche, was diesen Roman so besonders macht, ist die Magie, die Übersinnlichkeit, verkörpert durch das von einem Bienenschwarm umgebene Findelkind Simonopio, das nur die Sprache der Natur spricht…

Simonopio, der aufgrund seiner angeborenen Gaumenspalte nie richtig sprechen lernt und von abergläubischen Mitmenschen als vom Teufel geküsstes Kind gefürchtet wird, hat eine besondere Gabe: Mit all seinen Sinnen nimmt er die Natur und seine Umwelt wahr, spürt, was in den Mitgliedern seiner Familie vorgeht, und kann Geschehnisse vorhersehen. Der elternlose Junge wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Hacienda La Amistad auf, unweit der kleinen mexikanischen Stadt Linares, am Fuße der Berge, umgeben von Zuckerrohrplantagen. Land und Gutshaus gehören seit Generationen der Familie Morales; die alte Nana Reja, die als Amme sämtliche Morales-Kinder – und noch viele mehr – gestillt hat, wird seit jeher mit vererbt. Schweigend und mit geschlossenen Augen verbringt sie die Tage auf der Veranda in ihrem geliebten Schaukelstuhl. Der Legende nach, ist sie die Einzige, die das ausgesetzte Baby hat schreien hören. Sie nimmt sich seiner an, bringt ihn auf die Hacienda und weicht ihm nicht mehr von der Seite, bis er groß genug ist, um alleine über die Ländereien, bis in die Berge zu streifen, immer begleitet von seinem Schwarm Bienen, deren Flüstern er verstehen kann… Don Francisco Morales und seine Frau Beatriz Cortés de Morales, die zu der Zeit zwei Töchter haben, nehmen Simonopio als Patenkind in ihre Familie auf und lieben ihn wie einen eigenen Sohn. Dank Simonopios Gabe, von der nur Nana Reja zu wissen scheint, entgehen sie mehrmals dem Unglück, überstehen sowohl die Spanische Grippe als auch den Bürgerkrieg der Mexikanischen Revolution relativ unbeschadet. Bei der Umstrukturierung der Zuckerrohrfelder in Orangenplantagen im Zuge der Landreform sind Simonopios magisches Gespür und einzigartiger Wissensschatz über die Natur Gold wert für den Großgrundbesitzer Morales, der zwar immer wirtschaftlich, aber auch sozial agiert und seine Pächter und Landarbeiter gut behandelt und bezahlt. Letzteres sehen jedoch nicht alle so: Anselmo Espiricueta hasst seine Existenz als Leibeigener und möchte sich und seine Familie um jeden Preis aus der Knechtschaft seines Patróns befreien. Simonopio ist ihm dabei ein riesiger Dorn im Auge…

Vielleicht geht Segovia nicht kritisch genug mit den Klassenunterschieden der mexikanischen Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts um, zeichnet ein etwas zu schwarz-weißes Bild des faulen, gewalttätigen indigenen Angehörigen der niederen Arbeiterschicht, der seinem Herrn zu Dank verpflichtet sei, und des gönnerhaften weißen Großgrundbesitzers, der seine Arbeiter zwar vermeintlich sozial und fair behandelt, ihnen faktisch aber jede Chance auf Freiheit und eigenen Besitz verwehrt. Wer sich an diesem Punkt nicht allzu sehr stört, wird sich verlieren in der Geschichte der Familie Morales, mit ihnen lachen, lieben und leiden. Segovia erzählt sie aus mehreren Perspektiven, lässt uns tief eintauchen in die Gedanken und Gefühlswelten des kindlich-sensiblen Simonopio, des verbitterten Anselmo Espiricueta, des gutherzigen Familienoberhauptes, dessen starker Gattin, und nicht zuletzt deren spät geborenen leiblichen Sohnes, Francisco Morales, der uns als alter Mann in der Ich-Perspektive rückblickend an seinen beglückenden wie schmerzhaften Erinnerungen teilhaben lässt.  Segovia verknüpft dabei in wunderschöner, teils fast poetischer Sprache Imagination und Realität und lässt einem angesichts der unerschütterlichen Liebe, Zuneigung und gegenseitigen Unterstützung des Ehepaares Morales das Herz aufgehen.
Dieses Buch beschreibt Zuversicht und Lebensmut in einer krisengebeutelten Gesellschaft. Nicht schmalzig! Einfach nur wohltuend!

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


alles geben 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 22,00€

 

Neven Subotic: "Alles geben - Warum der Weg zu einer gerechten Welt bei uns selbst anfängt"

Der Fußballprofi Neven Subotic hat in den 32 Jahren seines Lebens so viel erlebt, dass seine Geschichte, und nicht nur seine sportliche, ein Buch füllen kann.

Anfang der 90er-Jahre flohen seine Eltern vor den Bürgerkriegswirren aus Bosnien nach Süddeutschland und fingen bei Null in einem fremden Land an, erlernten die Sprache, die Bräuche, integrierten sich. Und als ihre Aufenthaltsgenehmigung ablief und die Abschiebung in die alte Heimat drohte, zog die Familie beherzt weiter, Richtung Salt Lake City in den USA. Dort begann Neven Fußball zu spielen und wurde ziemlich schnell gesichtet und in die amerikanische Jugend-Nationalmannschaft berufen.
Als junger Mann von 17 Jahren folgte er einem Angebot und kehrte als Profisportler nach Deutschland zurück. Seine Karriere entwickelte sich rasant: Subotic spielte für Mainz 05, folgte Jürgen Klopp nach Dortmund, gewann Deutsche Meisterschaften, triumphierte im Pokalfinale – kurz: er war ganz oben, galt als einer der besten Verteidiger der Liga. Subotic verdiente Millionen Euro, es folgten rauschende Nächte, schnelle und teure Autos, eine riesige Villa mit allen Schikanen – also genau das, wann man so von einem erfolgsverwöhnten Star erwartet.
Aber es kamen auch Zweifel auf und Scham. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere entschied er, seine Leidenschaft und sein Geld denjenigen zu widmen, die ein Leben im anderen Extrem führen müssen, die Tag um Tag bangen müssen, nicht genug Wasser zum Trinken zu haben, die Tag um Tag weite Wege auf sich nehmen müssen, eine Quelle zu erreichen, die ihnen ihr Überleben sichert. Neven Subotic gründete nach langen und gründlichen Recherchearbeiten eine Stiftung, die Menschen in Äthiopien Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen sollte. Mittlerweile fließen fast seine gesamte Zeit und ein Großteil seines Geldes in dieses Projekt. Voran ging ein jahrelanger Prozess der Reflexion und Selbstanalyse – und am Ende dieses Denkprozesses aus seinem privilegierten Status heraus und in einem der reichsten Länder der Welt lebend, stand für ihn fest, dass es um globale Gerechtigkeit gehen müsse – er nennt das selbst einen logischen Ansatz.

Subotic erzählt in seinem Buch ungeschönt von seinem sportlichen und gesellschaftlichen Werdegang, er lässt den Leser teilhaben an seinen Gedanken, seinen Zweifeln und seinen Wünschen. Mittlerweile ist er ein Experte auf dem Gebiet des Brunnenbaus, immer wieder interviewt er Fachleute und Politiker für die Webseite seiner Stiftung. Hunderte von Brunnen haben er und seine Mitstreiter in Äthiopien finanziert und gebaut, seit kurzer Zeit auch in Tansania und Kenia. Seine Partner sind durchweg lokale Organisationen, die Mitarbeiter kommen aus dem jeweiligen Land. Zweimal jährlich reist Neven Subotic selbst in die Regionen – und auch davon berichtet er: von kulturellen Unterschieden, von Gesprächen, von Menschen, die selbstlos ihr Leben den Ärmsten der Armen widmen, und das mit Begeisterung und Freude. Wenn er von diesen Begegnungen erzählt, von den Kindern und der Unmittelbarkeit der Hilfe vor Ort, dann spürt man seine Begeisterung, seinen inneren Auftrag und seine Vision. Es ist ja auch so, dass Wasser indirekt in die Bildung fließt. Die Mädchen und Jungen können die Schule besuchen und müssen eben nicht stundenlang zum nächsten Wasserloch laufen, um den täglichen Bedarf zu decken.
Das soziale Engagement von Neven Subotic ist mehr als eine Passion – es ist sein Lebensmittelpunkt.

Heike Kasten

 


der unbekannte 150x237

 

Blanvalet 15,00€

 

Christine Brand: "Der Unbekannte"

Als ihre Mutter Margret sie dringend um Hilfe bittet, passt es gerade eigentlich überhaupt nicht ins Leben der jungen, engagierten Journalistin Milla; doch irgendetwas in der Stimme ihrer Mutter lässt sie aufhorchen und bringt sie dazu, trotz all ihrer eigenen momentanen Probleme (und das sind nicht wenige), doch zu ihr zu fahren. Dort angekommen trifft sie auf eine unglaubliche Szenerie: Ausgerechnet der Schweizer Nationalratspräsident liegt tot - ... und nackt...-  im Bett der Mutter, offenbar verstorben an einem Herzinfarkt...
Da ist guter Rat teuer: Ihren Freund, den Polizeikommissar Sandro Baldini, kann Milla schlecht zu Hilfe holen. Sie will ihrer Mutter um jeden Preis ersparen, ins Kreuzfeuer der Medien zu geraten. Also muss der Tote so schnell wie möglich aus der Wohnung. Dies gelingt mit Hilfe von Millas Onkel, der ein Bestattungsunternehmen leitet.

Währenddessen kämpft Millas blinder Freund Nathaniel mit seiner Vergangenheit. Als er ein kleiner Junge war, brachte sein Vater seine Mutter, seine Schwester und schließlich sich selbst um und verletzte Nathaniel so schwer, dass er sein Augenlicht verlor, jedoch als Einziger überlebte. So zumindest wurde dem kleinen Jungen die Geschichte wieder und wieder erzählt. Nun möchte seine Freundin Gundula gerne ein Kind, doch Nathaniel fühlt sich einfach nicht bereit für diese große Verantwortung. Er beschließt, sich endlich seiner Vergangenheit zu stellen, fordert die alten Fallakten an und stößt dabei auf einige Ungereimtheiten. Wie kann es sein, dass der damalige leitende Ermittler, Felix Winter, der auch heute noch im Polizeikommissariat arbeitet, einige Akten einfach nicht mehr findet? Immer tiefer gräbt Nathaniel in den Abgründen seiner Vergangenheit, und die Geschichte, auf die er stößt, bringt absolut alles in seinem Leben ins Wanken. Auf der Suche nach Antworten begibt er sich zusammen mit seiner Blindenhündin Alisha in tödliche Gefahr...
Nathaniel versucht, Hilfe von Milla zu bekommen, doch deren Probleme nehmen ebenfalls gerade überhand: Der Politiker ist leider mitnichten einem unglücklichen Herzanfall erlegen, sondern wurde mit dem Gift der Herbstzeitlose umgebracht! Und ausgerechnet im Regal von Millas Mutter steckt ein Buch über Giftpflanzen und deren tödlicher Wirkung...

Auch der vierte Fall der Krimiautorin Christina Brand um die Journalistin Milla und den blinden Nathaniel Brenner ist wieder sehr spannend, hält viele unerwartete Wendungen bereit und lässt den Leser das Buch bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen!
Ich mochte auch schon die drei Vorläuferbände, allerdings kann man diesen Band auch völlig unabhängig von den anderen lesen. Ein wahres Krimivergnügen - raffiniert und nicht allzu blutrünstig!

Sabine Christ

 


die toten von fleat house 150x237

 

Goldmann Verlag 22,00€

 

Lucinda Riley: "Die Toten von Fleat House"

Wir befinden uns in Norfolk, Großbritannien, genauer gesagt in der ehrwürdigen St. Stephen`s School, die von Kindern betuchter Eltern besucht wird, die ihrem Nachwuchs die bestmögliche Schulbildung, aber auch eine vernünftige traditionelle Erziehung angedeihen lassen möchten. Das Internatsleben ist gerade für die jüngeren Schüler nicht immer einfach, es gab schon mehr als einen Fall von Mobbing und Drangsalierung. Einer, der ausgesprochen gerne die kleineren Jungen quält, ist Charlie, ein provokanter Großkotz, der sein Leben auf der Überholspur feiert. Leider nicht mit dem Einverständnis seines konservativen Vaters, der ihn als Nachfolger in seiner Anwaltskanzlei sehen will.
Eines Morgens nun wird Charlie tot in seinem Wohnheimzimmer in Fleat House aufgefunden – und was zunächst wie ein tödlicher epileptischer Anfall aussieht, entpuppt sich rasch als anaphylaktischer Schock! Charlie war hochgradig allergisch auf Aspirin. Seine abendliche Tablettenration musste ausgetauscht worden sein!

Natürlich darf ein solcher rufschädigender Fall die Mauern der Schule unter keinen Umständen verlassen. Daher beginnen die polizeilichen Ermittlungen unter besonders diskreten Umständen und werden geleitet von der charismatischen Jazz Hunter, die sich nach einer beruflichen Auszeit aus persönlichen Gründen einem, wie immer deutlicher wird, verzwickten Mordfall gegenüber sieht. Doch bevor sich Jazz überhaupt einen Reim auf Situation machen kann, begeht ein Lehrer Selbstmord und ein Kind verschwindet.
Jazz versucht, in den verschlossenen Kosmos des Internats vorzudringen und sticht in ein Netz von Beziehungen, emotionalen Abhängigkeiten und offenen Rechnungen.
Und sie erkennt, dass sie weit in die Vergangenheit zurückgehen muss, wenn sie das Rätsel von Fleat House enthüllen will. Clever verfolgt sie diverse Spuren, stößt dabei immer wieder auf eisiges Schweigen oder einsilbige Antworten – der Ruf von Schule und Familien soll zwingend gewahrt bleiben. Trotzdem: ganz offensichtlich waren viele Personen nicht gut auf Charlie Cavendish zu sprechen!

Schwierig ist die Rolle von Charlies Eltern einzuordnen: Da ist auf der einen Seite der erfolgsverwöhnte, ehrgeizige Vater, den der Tod seines Sohnes irgendwie nicht weiter berührt, da ist auf der anderen Seite die Mutter, eine beherrschte, aber undurchsichtige Frau, die sicherlich trauert, aber… DI Jazz trifft sie an unvermuteten Orten an, zudem bei Menschen, die sie leugnete zu kennen.

Heike Kasten

 


die frauen von schoenbrunn 150x237

 

Ullstein 11,99€

 

Beate Maly: "Die Frauen von Schönbrunn"

Im Sommer 1914 wird Emma Mosers Traum wahr: Sie bekommt eine Stelle als Tierpflegerin im Wiener Tierpark Schönbrunn. Eigentlich möchte Emma in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der als Tierarzt jahrzehntelang im Zoo arbeitete. Doch Frauen sind in Wien nicht zum Studium der Veterinärmedizin zugelassen. Dafür müsste Emma nach Zürich gehen - doch das Geld ist knapp.

Dann bricht der Erste Weltkrieg aus und das sorglose Leben im schönen Wien findet ein jähes Ende: Emmas Vater und der Ehemann ihrer hochschwangeren Schwester Greta, Gustav, werden eingezogen. Auch die meisten Pfleger aus dem Zoo müssen als Soldaten in den Krieg und so lastet die meiste Verantwortung für die Tiere nun auf Emma. Diese wiegt schwer: Der Winter bricht herein und in Zeiten, in denen schon Nahrung für die Menschen knapp ist, bleibt für die Tiere erst recht nicht viel übrig. Dazu kommt, dass Emma erkennt, wie wenig artgerecht die Tiere gehalten werden, und sie verzweifelt - gegen die Widerstände des Zoodirektors und des unangenehmen Zoologen von Kochauf - versucht, etwas Abwechslung in den Käfigen und Gehegen zu schaffen. Greta bemüht sich, für Essen und Haushalt zu sorgen, während Emma im Zoo für ihre Schützlinge sorgt und das wenige Geld verdient, das ihnen das Überleben sichert.
Die Bevölkerung hungert und friert, und die Rufe, den Zoo in diesen Notzeiten zu schließen, werden immer lauter. Emma kämpft zusammen mit Julius Winter, einem jungen Arzt, der verletzt aus dem Krieg nach Wien zurückgekehrt ist, um das Überleben der Tiere. Zunehmend fühlt Emma sich zu ihm hingezogen; Julius jedoch wird von seinen schrecklichen Kriegserinnerungen gequält und ertränkt seine Sorgen regelmäßig in Alkohol. Als die Schwestern auch noch die Nachricht erreicht, dass Gustav gefallen und der Vater vermisst wird, scheint die Lage hoffnungslos zu werden. Doch Emma weigert sich aufzugeben!

Ein wunderbarer Schmöker über die Geschichte des Wiener Tiergartens und zwei starke Frauen in einer schwierigen Zeit, nebenbei eine angenehme Liebesgeschichte... nicht zu schwer und angenehm flüssig zu lesen!

Sabine Christ

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


eine gemeinsame sache 150x237

 

Kein&Aber 26,00€

 

 Anne Tyler: "Eine gemeinsame Sache"

Anne Tyler… muss ich noch mehr sagen? Na gut. Anne Tyler könnte ein Buch über den alltäglichen Einkaufstrip schreiben und wir würden ein vollständiges, spannendes und so gerne zu lesendes Bild einer Familie bekommen. In der Zeit, die es dauert, bis sie den Laden wieder verlassen haben, weiß man alles, was es über ihre Eltern, Großeltern, Kinder und Kindeskinder zu wissen gibt – und hat trotzdem das Gefühl nicht genug erfahren zu haben.
Mit den Garretts verbringen wir einen weitaus längeren Zeitraum. Wir begleiten sie von den 50er Jahren an bis in die heutige Zeit der Pandemie. Von dem einzigen Familienurlaub ausgehend, den die Garretts je unternehmen werden, fächert sich die Erzählung auf und über Jahre hinweg formen und verändern sich unglaublich unterschiedliche Charaktere dieser tragischen, aber hoffnungsvollen, liebenswürdigen Familie.

Eines Tages denkt sich Mercy Garrett, Matriarchin extraordinaire, wie niemand es bemerken würde, sollte sie verschwinden. Wenn sie sich einfach die Haare schwarz färben würde, einen Faltenrock anzieht und eine Zigarette rauchend die Stadt verließe – denn wer würde schon denken, dass Mercy Garrett raucht? Stattdessen nimmt sie sich ein Apartment und macht es zu ihrem Atelier. Alice, Lily und David, mittlerweile erwachsen, sind zu sehr mit sich und ihren Kindern beschäftigt, um zu bemerken, dass ihre Mutter nach und nach das Haus und ihren Vater verlässt. Sie sind eine Familie, die sich unglaubliche Mühe gibt, das zu sein was Familie im traditionellen Sinne bedeutet. Welche Dynamiken sie aber entwickeln und wie sich die Beziehungen untereinander entfalten, ist unglaublich spannend anzusehen.

Es ist ein Wunder, wie Anne Tyler ganze Leben zwischen zwei Buchdeckeln verpackt und dabei so unangestrengt, natürlich und behutsam bleibt. Ich liebe einfach ihre charakterfokussierten Texte, in denen die Lücken zwischen den vielen Details fast am aussagekräftigsten sind und damit ein ganz individuelles Leseerlebnis bieten. Ich vermisse die Garretts jetzt schon und kann ein Kennenlernen nur wärmstens empfehlen.

Mattes Daugardt

 


die hundert jahre von lenni und margot150x237

 

Bertelsmann 20,00€

 

Marianne Cronin: "Die hundert Jahre von Lenni und Margot"

Keine Frage: dieser Roman wühlt emotional auf. Marianne Cronin erzählt uns die fiktive Geschichte von Lenni und Margot und behandelt dabei ein großes und berührendes Thema: Was ist wichtig, wenn man nicht mehr viel Zeit zum Leben hat?

Lenni befindet sich seit längerem auf der sogenannten „Mai-Station“ des Glasgow Princess Royal Hospitals. Sie ist 17 Jahre alt, trägt nur Schlafanzüge und ist sterbenskrank. Ganz klar spürt Lenni, was ihr guttut und was nicht: Eine Maltherapie mit Gleichaltrigen, die sich locker miteinander unterhalten und thematisch anders unterwegs sind, bricht sie sofort ab. Hingezogen fühlt sie sich dagegen zur 83-jährigen, herzkranken Margot, die sehr gerne und zudem außerordentlich gut malt. Margot und Lenni sind beide energiegeladene, mutige und leicht eigensinnige Persönlichkeiten, das verbindet sie sofort. Lenni findet Margot so sympathisch, dass sie schließlich die Erlaubnis des Krankenhauses erhält, im „Rosensaal“ an den Malstunden der Ü-80-Senioren teilzunehmen. Als sie errechnet, dass sie und Margot zusammen genau 100 Jahre alt sind, ist Lenni völlig aus dem Häuschen und entwickelt die Idee für ein Riesenprojekt: nämlich für jedes ihrer hundert Jahre ein Bild zu malen und sich anschließend gegenseitig die jeweils dazugehörige Geschichte zu erzählen. Margot nimmt Lennis Idee begeistert auf und so tauchen wir Lesenden mittels Rückblenden in einzelne Stationen aus zwei sehr schicksalhaften Leben ein. Zwischen Margot und Lenni wächst mit dem Projekt eine tiefe Verbundenheit und Freundschaft.
Neben Margot wird auch Pater Arthur, der kurz vor seinem Ruhestand steht, zum wichtigen Ansprechpartner und zum Freund für Lenni. Mit ihm führt sie tiefe Gespräche über Glaube, Vergebung, Abschied u.a.m. Leichtigkeit gewinnt der Roman durch Lennis leicht freche, direkte, kraftvolle und kämpferische Art. Sie ist eine echte Persönlichkeit mit viel Herz und einfach zum Gernhaben.

Was mir besonders gefallen hat, ist, dass uns Cronin trotz der schweren Thematik dieses Romans nicht resignierend zurücklässt. Denn sie zeigt auf, wie sich das Ende eines Lebens so positiv wie möglich gestalten lässt: mit Kreativität, mit kleinen unerlaubten Abenteuern, die einen das Leben spüren lassen, mit dem Revue passieren lassen des eigenen Lebens, mit tiefgründigen Gesprächen über grundlegende Fragen des Lebens und Sterbens und mit der Begleitung von wirklich guten Freunden bis zum Schluss.

Gabi Pieper

 


das unglaubliche leben des wallace price 150x237

 

Heyne 16,00€

 

T.J. Klune: "Das unglaubliche Leben des Wallace Price"

Die Bücher von TJ Klune sind wirklich magisch, nicht nur ihrer fantastischen Schauplätze wegen, sondern vor allem wegen der liebenswerten Charaktere, die er erschafft. Nach "Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte" haben wir es mit einem weiteren Knaller zu tun, der nicht nur Fantasy-Fans zum Wohlfühlen einlädt.

Wallace Price liebt die Arbeit. Er liebt seine Arbeit so sehr, dass es ihm sehr ungelegen kommt, als er sich eines Tages auf dem Boden seines Büros wiederfindet – und zwar alles andere als lebendig. Sehr lästig ist es ihm schon, dass nun einige wichtige Deadlines in seiner Anwaltskanzlei verpasst werden, aber seine kaum besuchte, ziemlich groteske Beerdigung ist wohl die Krönung. Der Tod ist und bleibt ihm ein deutliches Ärgernis. Vor allem, wenn er in Form des freundlichen Teeladenbesitzers Hugo daherkommt, der Wallaces Geistführer (a.k.a. Wächter) ist. Zusammen mit einer frechen Wächterin-in-Training, einem noch ziemlich lebendig wirkenden Großvater-Gespenst und dem geistreichsten Hund, den man je getroffen hat, zeigen sie ihm, worum es im Leben geht. Und so beginnt Wallace im Tode zum ersten Mal wirklich zu leben ... aber die Zeit bleibt für niemanden stehen, nicht einmal für die Toten. Neben gruseligen Geisterwesen, noch gruseligeren Managern (der Tod ist die schlimmste Bürokratie) und sich viel zu voll nehmenden Promi-Geisterjägern, wird es nur allzu bald Zeit herauszufinden, was unter der flüsternden Tür wartet.

Eine Geschichte über die Toten und die Lebenden, über Trauer, wahre Liebe und das Jenseits. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was als Nächstes von diesem brillanten Autor kommt, der uns weiterhin Charaktere schenkt, in die wir uns verlieben können.

Mattes Daugardt

 


sommerschwestern 150x237

 

Kiepenheuer&Witsch 16,00€

 

Monika Peetz: "Sommerschwestern"

Vielleicht kennen Sie bereits die Bücher um die fünf „Dienstagsfrauen“ von Monika Peetz? Wenn Ihnen diese gefallen haben, dann wird Ihnen „Sommerschwestern“ auch gefallen, da es einige Parallelen aufweist.

Das Buch beginnt mit Yella Thalberg. Yella befindet sich auf Einladung Ihrer Mutter im Zug auf dem Weg nach Bergen in den Niederlanden. Sie ist 33 Jahre alt, verheiratet, engagierte und leicht gestresste Mutter von zwei süßen Grundschuljungs und: Sie ist die zweitälteste der insgesamt vier Sommerschwestern. Neben ihr gibt es da noch die jüngeren zweieiigen Zwillinge Helen und Amelie und die ältere Schwester Doro. Sommerschwestern, so haben sie sich selber schon spaßeshalber als Kinder genannt. Warum? Weil sie sich ausschließlich im Sommer in den Ferien gut verstanden haben. Und jeden Sommer verbrachten sie ihre Ferien mit ihren Eltern im Niederländischen Bergen auf einen Campingplatz an der Nordsee. Dort fühlten sich die vier Mädchen frei und glücklich.
Als Yella 13 Jahre alt war, verunglückte ihr Vater an genau diesem wunderschönen Urlaubsort tödlich bei einem Autounfall. Seitdem ist keine der Schwestern je wieder dorthin zurückgekehrt. Die Mutter  Henriette ging kompromisslos ihren eigenen Weg in der Traumabewältigung, u.a. indem sie neu heiratete. Die Beziehung zur verhärteten Mutter war und ist für alle kompliziert und aufs Minimum beschränkt. Die Wege der Schwestern trennten sich und blieben bis heute getrennt.
Nun, 20 Jahre später, lädt Henriette ihre Töchter in ihrer herrischen und zwingenden Art äußerst kurzfristig zu einem fünftägigen Aufenthalt in Bergen ein, um ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen, sagt aber nicht, was es ist. Das große Rätselraten nach dem Grund der Einladung beginnt. Und warum soll es genau dort stattfinden? War es ein Trick, um die Familie wieder zusammenzuführen? Trotz der kurzfristigen Einladung schaffen es tatsächlich alle Schwestern, rechtzeitig nach Bergen zu kommen. Schon am ersten Abend, als die Mutter noch nicht zugegen ist, zeigt sich wieder, wie unterschiedlich die Schwestern sind und wie zerrissen die Familie ist.

Und genau hier liegt eine Stärke des Romans, wenn Peetz die Persönlichkeiten der einzelnen Schwestern, ihre Beziehungen untereinander und zur Mutter herausarbeitet sowie insbesondere aus Yellas Sicht aufzeigt, wie diese ihren Platz in der Familie sucht und Beziehungen klären will.
Sommerschwestern ist eine unterhaltsame, leicht zu lesende Lektüre mit einem gut aufgebauten Spannungsbogen und einer zum Teil überraschenden Auflösung des Mysteriums. Und ganz klar ist: Es wird wieder Fortsetzungen geben. Ich empfehle es als schöne Urlaubslektüre.

Gabi Pieper

 


iglhaut 150x237

 

Rowohlt 23,00€

 

Katharina Adler: "Iglhaut"

München, ein Hinterhof mit Werkstatt, die Iglhaut bei der Arbeit... Heiligenfiguren sind es gerade - ansonsten geht´s eher unheilig zu im neuen Roman von Katharina Adler.

Es menschelt gewaltig im Mehrfamilienhaus : Frau Ivanovic (3.Stock links),Tilda Rolff (gleiche Etage rechts), Jasmina (betreute Wohngemeinschaft 1.Stock), und das sind noch längst nicht alle. Eher unfreiwillig reist die Iglhaut nach Ägypten in den Urlaub. Schließlich kann man den Kreuzworträtselgewinn ja nicht einfach so verfallen lassen, und den Uli hat`s wirklich bös erwischt. Dabei wollte sie sich eigentlich nicht mehr "opfern", auch nicht für die Berge von Selbstgekochtem, die ihr Vater vorbei bringt. ("Deine Mama macht mir ja nicht mehr die Tür auf!") Der Sex mit Dori ist indes kein Opfer, sondern fühlt sich immer noch gut an. Obwohl das mit den beiden ja schon längst vorbei ist. Netterweise geht er sogar mit der Kanzlerin noch kurz Gassi. Die liebt ihn auch immer noch...

Turbulent, sehr launig, bezaubernd, das sind Begriffe, die mir spontan einfallen, wenn ich an den Roman denke! Ich hätte noch seitenlang verweilen wollen...

Andrea Westerkamp

 


ueber carl reden wir morgen 150x237

 

Zsolnay-Verlag 24,00€

 

Judith W. Taschler: "Über Carl reden wir morgen"

Diese Geschichte hier ist ein Leseknaller der allerfeinsten Sorte! Ein Buch, das einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt, das einen auch danach nicht so schnell wieder loslässt.

Judith Taschler hat einen großen und großartigen Familienroman geschrieben; über drei Generationen hinweg verfolgen wir gebannt das Leben der Familie Brugger, die im österreichischen Mühlviertel in einem sehr kleinen Ort eine Mühle betreibt. Beginnend im frühen 19. Jahrhundert verfolgt die Autorin die Schicksale und Geschicke der Bruggers über mehr als 100 Jahre und lenkt dezent den Fokus auf die Frauen der Familie, die das oftmals harte und karge Leben prägen. Sie zeichnet damit, fast wie nebenbei, ein Sittengemälde dieser Sippe, lakonisch, lapidar, mit leichter Distanz und viel Empathie – fest eingebunden in die Traditionen und Weisen des ländlichen Lebens.
Und so entsteht beim Lesen das Porträt eines Dorfes, ein Buch über Abschiede und die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, über den Krieg und die unstillbare Sehnsucht nach vergangenem Glück. Das Leben auf dem Land, fernab der großen Städte und auch der sog. Zivilisation war und ist mehr als hart und zeichnet sich in den Seelen der Figuren deutlich wieder. Die eine geht ihren Weg in die Stadt, der andere wandert aus, aber im Herzen sind sie immer noch tief mit ihrer Heimat verbunden und verwurzelt.

Die ersten Mitglieder der Familie Brugger, die wir kennenlernen, sind Anton und seine Schwester Rosa. Sie fällt auf die Versprechungen einer Anwerberin herein und verdingt sich als Hausmädchen in Wien. Und hier kommt es wie es kommen sollte: sie wird schwanger, muss ihr Kind fortgeben, erfährt Ausbeutung und Misshandlung. Nach vielen Jahren kehrt sie auf den Bruggerhof zurück und übernimmt nach dem Tode ihrer Schwägerin die Betreuung der Kinder ihres Bruders.
Albert, der Sohn, der als Ältester die Mühle übernimmt, kehrt nach 12 Jahren im Dienste der k.u.k Marine in sein Heimatdorf zurück und erweist sich als guter Geschäftsmann. Er gründet ein schnell erfolgreiches Handelsgeschäft und etabliert die Familie durch den Warenhandel. Albert ist eine Rarität unter den Männern im Dorf: friedliebend, ausgleichend, aufgeschlossen und vielseitig interessiert.
In einzelnen, aber ineinander übergreifenden Episoden, erleben wir die Geschichten der Bruggers, sei es das Schicksal von Antons Frau Anna oder die Geschichte von Rosas Familienzweig, eingebunden in den historischen Kontext. Kraftvolle Bilder vermittelt Frau Taschler, man lebt mit den Protagonisten, man hat Figuren und Kulisse klar und deutlich vor Augen. Judith Taschler braucht keinen Kitsch, keine Verklärung; sie nutzt die Realität für ihre Erzählung, und die bietet genug Material und wird unsentimental beleuchtet.  Noch näher heran geht der Blick dann an die letzte Generation der Familie, den Kindern von Albert und Anna: Carl und Eugen, Zwillingsbrüder der dritten Generation, unzertrennlich in ihren jungen Jahren. Wir folgen Carl in die Schützengräben des 1. Weltkrieges, Eugen hingegen in sein unstetes Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im Jahr 1918 geschieht Unerwartetes…

Und dann ist da ja noch der Titel des Buches „Über Carl reden wir morgen“ – wird dieser Titel dem Buch gerecht? Ja, das wird er! Irgendwann reden wir endlich über Carl, und ich kann Ihnen nur sagen: machen Sie sich ruhig auf etwas gefasst!

Heike Kasten

 


wer ohne suende ist 150x237

 

Bertelsmann 22,00€

 

Asa Larsson: "Wer ohne Sünde ist"

Kiruna Schweden
Rebecka Martinsson ist zurück! In Nordschweden herrscht Kälte, und die Staatsanwältin fühlt sie nicht nur äußerlich. Längst schon will sie ihren Arbeitsplatz aufgeben und zurück nach Stockholm ziehen. Ihre gescheiterte Beziehung trägt auch nicht wirklich dazu bei, dass sie sich besser fühlt. Im Gegenteil! Während Krister, der Hundestaffelführer, von ihren Launen genervt aufgab, hat Mons, der smarte Jurist, ihr nie verziehen, dass sie ihn betrogen hat. Wie passend, dass ein neuer (alter) Fall auf ihrem Tisch landet: Vor vielen Jahren verschwand Börje Ströms Vater. Weder wurde seine Leiche je gefunden, noch fand die Polizei heraus, was damals geschah. Nun liegt die sehr alte und obendrein extrem kalte Leiche, da tiefgefroren, vom Vater des Ex-Boxchampions Björn in der Gerichtsmedizin und wirft jede Menge Fragen auf.

Parallel versucht die altgediente Krankenschwester Ragnhild Pekkari ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wieso ihr das nicht gelingt, und welche Überraschung das Leben noch für sie bereit hält, ist ein weiterer Erzählstrang in diesem 6. Thriller um Rebecka Martinsson. Lange mussten wir Fans darauf warten.
Allerdings befürchte ich, die Autorin wird sich zukünftig anderen Themen widmen. Ich bin seit " Sonnensturm" mehr als angetan von ihren Thrillern!

Andrea Westerkamp

 


schreib oder stirb 150x237

 

Droemer HC 19,99€

 

Sebastian Fitzek/Micky Beisenherz: "Schreib oder stirb"

Wenn zwei Schnacker, zwei, die weiß Gott nicht auf den Mund gefallen sind, zwei Sprücheklopfer, zwei Alphatiere beschließen, gemeinsam einen Thriller zu schreiben, dann kann im Grunde genommen nichts anderes rauskommen als dieser hier: „Schreib oder stirb“. Ich muss offen zugeben, dass mich die ersten Seiten, auf denen ein Spruch den nächsten ablöst, eine Spur genervt haben. So ein bisschen konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere zwei Autoren hier im Wettstreit standen. Aber dann, dann wird das Buch, wird der Plot richtig, richtig gut. Sehr unterhaltsam, das zieht sich durch das gesamte Werk, nichtsdestotrotz mit einer Story, die einen nicht aus ihren Fingern lässt.

„Tut mir leid, dass ich Sie töten muss“ – mit diesem Satz startet der Krimi nicht eben einfühlsam. Aber das ist wohl das, was man so zur Begrüßung sagt, wenn man zufällig in einem schlachthausähnlichen Gemäuer auf einen Unbekannten trifft, der nackt und gefesselt in der Badewanne zittert. Ein sanftes Heranführen an die Geschichte entfällt mit diesem Prolog, diesem Alptraumszenario. Doch dann lernen wir David Dolla kennen, einen erfolgreichen und eloquenten Literaturagenten. Dolla wacht eines Morgens auf und liest seinen Namen in der Presse. Natürlich nicht zum ersten Male, doch dieses Mal wird er von einem vermeintlich geständigen Kindesentführer aufgefordert, zu ihm in die Psychiatrie zu kommen, er wird geradezu dorthin bestellt. Carl Vorlau will, dass Dolla einen Buchdeal über eine Million Vorschuss aushandelt – für einen meta-fiktionalen Roman über einen Literaturagenten, der einen Roman über einen Kindesentführer schreibt. David Dolla soll umgehend mit dem Schreiben anfangen, es gibt bereits eine Deadline. Nimmt er an, wird er zum Helden und rettet ein kleines Mädchen; lehnt er ab, stirbt die kleine Pia in einem Bunker im brandenburgischen Nirgendwo.
Was David Dolla zunächst für einen schlechten Scherz hält, entpuppt sich als grauenvolle Realität. Als seine Verlobte brutal angegriffen wird, muss er handeln. Seine Recherchen führen ihn immer tiefer in den Dschungel irrwitziger Verstrickungen und höchst krimineller Machenschaften. Und je langsamer er mit seinen Ermittlungen vorankommt desto schneller und lauter tickt die Uhr: das Leben der kleinen Pia, und nicht nur ihres, ist in akuter Gefahr! Die scheinbar psychischen Auswüchse eines Verrückten entpuppen sich als reale Bedrohung. Dollas Lösungswege versickern im Nichts. Ihm bleibt keine andere Wahl, als zu versuchen, sich in die Gedankengänge von Carl Vorlau einzuspüren. Zum Glück kann auf seine loyale Sekretärin und seinen erfolgreichsten Klienten, ein ehemaliges Clan-Mitglied, zählen, die ihn beherzt und eher unkonventionell unterstützen. Mehr als einmal ist er dicht davor, die Nerven zu verlieren, die ob des Zeitdrucks ohnehin blankliegen, muss er doch auch noch erkennen, dass seine Verlobte nicht die zu sein scheint, die er zu kennen meint.

Sebastian Fitzek und Micky Beisenherz legen mit diesem tatsächlich humorvollen Thriller ein neuartiges Konzept, eine gewagte Kooperation und ein spannendes und unterhaltsames Ergebnis vor – lassen Sie sich überzeugen!

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


almas sommer 150x237

 

Kindler Verlag 20,00€

 

Lenz Koppelstätter: "Almas Sommer"

Dreimal Sommerfrische in Südtirol, dreimal Alma Mahler-Werfel und Gustav Mahler in Toblach, das präsentiert uns Lenz Koppelstätter in „Almas Sommer“. Und wenn Sie mit Sommerfrische vielleicht so etwas wie Erholung und Entspannung verbinden, kann ich nur sagen: Dass war zumindest Alma und Gustav nicht vergönnt. Als Leserin ist man sehr froh, dass man nur von außen zugucken darf – ein Vergnügen – aber nicht Teil dieser Sommerurlaube in den Jahren 1908 - 1910 sein muss.

Von beiden Protagonisten ist bekannt, dass sie keine einfachen Charaktere waren: Alma galt als eine der schönsten Frauen Wiens, hatte jede Menge Verehrer (und später auch Ehemänner), was sie offensichtlich für völlig angemessen hielt. Zudem war sie musikalisch extrem begabt, musste aber vor der Eheschließung mit Mahler versprechen, dass sie ihre Tätigkeit als Komponistin einstellen würde.
Gustav Mahler wiederum war der gefeierte Komponist und Dirigent, hatte über Europa hinaus auch die „neue Welt“, sprich New York, erobert und ist sich seiner Bedeutung absolut bewusst. Aber weiß man diese Bedeutung auch in Toblach zu schätzen und zu würdigen? Weit gefehlt, niemand nimmt Rücksicht auf die Sensibilität und Feinnervigkeit des Komponisten. Die Bauern singen während der Arbeit auf dem nahegelegenen Feld, das Postauto fährt am Haus vorbei durchs Dorf – so kann man nicht arbeiten.
Alma selbst ist vorwiegend langweilig, sie sehnt sich nach der anregenden Gesellschaft der Wiener Kaffeehäuser. Wie gut, dass wenigstens Walter Gropius ab und zu in der Nähe ist, mit dem sie eine Affaire beginnt. Dumm nur, dass Gropius einen Brief an Alma mit Gustavs Adresse versieht: Die Liaison fliegt auf und führt zu einer großen Krise.

Koppelstätter gelingt mit seinem Roman ein wirkliches Lesevergnügen. Gut recherchiert, kompetent und mit feiner Ironie portraitiert der Autor dieses außergewöhnliche Paar. Der Roman bietet Unterhaltung, lotet aber auch die Tragik der Persönlichkeiten und ihrer Beziehung zueinander aus. Ein schöner Kontrapunkt zu Robert Seethalers Roman „Der letzte Satz“.

Astrid Henning

 


nebenan 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Kristine Bilkau: "Nebenan"

Eine Kleinstadt, eine Autostunde nördlich von Hamburg entfernt. Ein Ort im Niedergang, idyllisch am Kanal gelegen, aber doch vom Wegzug der Menschen bedroht. In diesem Szenario stellt uns die Autorin Bilkau in ihrem zweiten Roman einige Frauenschicksale vor.

Julia ist eine von ihnen. Mit Ende dreißig sind Chris und sie erst vor kurzen in das Efeuhaus gezogen, weg aus einem trendigen, wirrigen Stadtteil Hamburgs. Chris forscht als Umweltbiologe und ist erfüllt von seiner sinnvollen Arbeit. Julia eröffnete einen kleinen Töpferladen, doch am liebsten ist es ihr, wenn sie ihre Produktion nur verschicken kann und möglichst wenig Kundenkontakt haben muss. Scheusein war nicht immer eine Eigenschaft von ihr, aber seit der Wunsch ein Kind zu bekommen, immer mehr Raum einnimmt und später zur fixen Idee wird, meidet Julia Menschen, insbesondere junge Familien. Trotz intensiver, teurer medizinischer Behandlung, gelingt es Julia nicht schwanger zu werden. Eine schwere seelische Belastung und nicht einfach für eine Beziehung.
Astrid hat seit über dreißig Jahren eine Hausarztpraxis im Zentrum des Ortes. Eigentlich würde sie gerne demnächst verkaufen und mit ihrem Mann Andreas den Ruhestand genießen. Doch die Nachfolge erweist sich als Problem. Wer will schon in eine Kleinstadt, die ihre beste Zeit hinter sich hat? Seit einiger Zeit bekommt Astrid merkwürdige Beschwerdebriefe, die sie als schlechte Medizinerin bezeichnen. Wer steckt dahinter? Ein enttäuschter Patient? Muss sie sich Sorgen machen? Klar ist, dass sie die Situation als belastend empfindet. Hinzu kommt, dass ihre Tante Elsa, die sie an Mutter statt aufgezogen hat, physisch und auch im Geiste deutlich abzubauen scheint. Alles in allem ändert sich in Astrids Leben gerade einiges nicht zum Guten und sie versucht, ihre Mitte zurückzuerlangen.
Und dann gibt es noch Elsa, die ihr Ende gelassen nahen sieht, aber vorher noch ein Geständnis ablegen muss...

Die Frauenschicksale in diesem gefühlvollen Roman sind zart miteinander verknüpft. Freundschaft, Nähe, ein Achtgeben auf den anderen, aber auch ein Auseinandersetzen mit verschütteten Sehnsüchten, die an die Oberfläche drängen, diese Themen werden in dem Roman, in dem eigentlich gar nicht so viel passiert, fesselnd behandelt. Ich war tief drin in den Geschichten der so unterschiedlichen Frauen und das hat mir sehr gefallen.

Annette Matthaei

 


meine kleine welt familiengeschichten 150x237

 

Ars Vivendi 20,00€

 

Ewald Arenz: "Meine kleine Welt"

Den Schriftsteller Ewald Arenz kennen viele von Ihnen von seinen Romanen „Alte Sorten“ und „Der große Sommer“. Mit Begeisterung habe ich diese beiden Bücher gelesen, fasziniert von Arenz Sprachgewandheit und seiner Liebe zum Detail.
Nun ist ein neues Buch von ihm im fränkischen ArsVivendi-Verlag erschienen. Nein, neu ist es eigentlich nicht - es ist eine Sammlung von Kolumnen, die Arenz zwischen 2007 und 2009 für die Nürnberger Nachrichten geschrieben hat.

Arenz Alter Ego Heinrich berichtet in diesen Texten von kleinen Episoden aus dem Familienalltag mit seinen Kindern Theo, Philly und Otto, seiner Frau Juliane und der immer präsenten Hauskatze. Humorvoll, politisch manchmal nicht ganz korrekt, immer herzlich, herrlich skurril und unpädagogisch beschreibt Arenz Situationen, die jedem von uns auf die eine oder andere Art bekannt vorkommen werden. Er erzählt von den kleinen Missgeschicken und Desastern des Alltags so pointiert und witzig, dass man nicht umhinkommt, manchmal laut zu lachen: So landet er mit seinem jüngsten Sohn in einem Striptease-Lokal auf der Reeperbahn, beschreibt die Lebensgefahr, die an Samstagen auf Baumarktparkplätzen lauert, und versucht mehr oder weniger verzweifelt im Familienchaos nicht völlig unterzugehen. Arenz versteht es wirklich, mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht von den kleinen und größeren Katastrophen des Alltags zu erzählen. Fest steht die ganze Zeit, dass alle Beteiligten lieben und geliebt werden und die Familie letztlich das ist, was trägt, auch wenn es manches Mal nicht ganz einfach ist!

Am Anfang war ich zugegebenermaßen etwas skeptisch, doch das Buch erwies sich für mich und meine Kinder als unerwartetes (Vor-)Lesevergnügen! Gemeinsam ist allen Büchern Ewald Arenz‘, dass die Quelle seines Tuns und Schreibens die Familie ist. Ein wunderbares Buch, um in diesen grauen Zeiten wieder einmal herzlich zu lachen!

Sabine Christ

 


die wut die bleibt 150x237

 

Rowohlt Hundert Augen 22,00€

 

Mareike Fallwickl: "Die Wut, die bleibt"

Selten hab ich ein Buch gelesen, das mit einem solchen Paukenschlag beginnt: Eine scheinbar harmlose Abendbrot-Szene in einer Familie, Johannes und Helene, die Eltern, dazu drei Kinder im Alter von anderthalb bis 14 Jahren. Johannes fragt/sagt „Haben wir kein Salz?“ und Helene steht auf, geht auf den Balkon und springt runter.

Nach dieser Eröffnung muss man erstmal tief durchatmen, aber dafür bleibt gar nicht so viel Zeit, denn Fallwickl richtet ihren Blick sofort auf zwei Personen: Zum einen auf Lola, die 14-jährige Tochter, in der vor allem ein Gefühl vorherrscht und das ist Wut. Natürlich ist sie auch traurig und fühlt sich verlassen, das spüren wir als Leser, aber in Lola selbst tobt – die Wut, ein heller Zorn.
Die andere zentrale Protagonistin ist Sarah, seit Kindertagen die beste Freundin von Helene, ca. Ende 30, selbst kinderlos, aber nicht unbedingt ohne Kinderwunsch. Ihre Gefühlswelt ist im Moment ganz schön komplex: Da ist die Traurigkeit, so viel hat sie mit Helene zusammen erlebt und so viel hatten sie noch vor. Aber auch bei ihr macht sich eine Wut breit, jetzt ohne Helene dazustehen – und natürlich macht sie sich Vorwürfe und fragt sich: „Was um Himmels Willen hab ich hier nicht mitbekommen?!“
Helene fehlt aber nicht nur als Mutter und Freundin, sie fehlt auch in ihrer Funktion als „Versorgerin und Kümmerin“. Der Roman spielt während des Lockdowns, eine Zeit, die Frauen nochmal ganz besonders viel abverlangt hat: Homeschooling, Haushalt, oft waren sie es, die im Beruf erstmal kürzer getreten sind – weil der Verdienstausfall meist nicht so groß war wie bei Männern. Womit wir schon bei den Strukturen sind. Jedenfalls ist es erstmal Sarah, die diese Lücke füllt und ganz direkt spürt, was es bedeutet, einen anderthalbjährigen und einen 5-jährigen Sohn zu versorgen und eine 14-jährige pubertierende Tochter ins Erwachsen werden zu begleiten. Große Frage: Wo bleibt Johannes, der Vater??

Mareike Fallwickl findet ganz außergewöhnliche Worte für die komplexen Gefühle ihrer Romanfiguren, das Buch macht aber auch nochmal sehr deutlich, welche Rolle Frauen in unserer Gesellschaft bis heute ausfüllen. Ein Buch, das mich über die Lektüre hinaus nachhaltig beschäftigt und über das man unbedingt mit anderen LeserInnen sprechen möchte.

Astrid Henning

 


der markisenmann 150x237

 

Heyne 22,00€

 

Jan Weiler: "Der Markisenmann"

Der Anblick des neuenBuches von Jan Weiler erweckt wohl bei jedem, der die Zeit mitgemacht hat, schrille Assoziationen an die 70er Jahre. Dieses abgrundtief hässliche Design war einzigartig für die wilden Jahre und ist heutzutage beinahe wieder Kult - der Hammer.

Die 15jährige Kim staunt nicht schlecht, als sie ihrem leiblichen Vater Ronald Papen das erste Mal in ihrem Leben gegenüber steht. Der „Unscharfe“, wie Kim ihren bis dato nicht existenten Vater nennt, haust in einer alten Fabrikhalle, Industriegebiet von Duisburg, direkt am Rhein-Herne-Kanal, gemeinsam mit unzähligen Rollen Markisenstoff in rotorangebraun (Mumbai), wahlweise blaugrün(Amsterdam). Es ist unfassbar, dieser schmächtige Kerl scheint völlig durchgeknallt. Ein Markisenvertreter, das geht gar nicht. Und bei diesem Typen soll sie die Sommerferien verbringen…
Kim wuchs bisher mit ihrer Mutter Susanne, dem lieblosen Stiefvater Heiko und dem sechs Jahre jüngeren Halbbruder Geoffrey im Luxusneureichtum in Köln auf. Nun hat sie es richtig verbockt. Aus einer pubertären Laune heraus und weil sie es satt hatte, in dieser Familie immer die ungesehene, nicht gewollte Tochter zu sein, verursacht sie eine Katastrophe bei der ihr Bruder beinahe ums Leben kommt.Jetzt also nicht Sommerurlaub in Miami mit der Familie, sondern Abschiebehaft bei diesem schrägen Vogel, der nichts mehr liebt als in seiner alten Schrottkarre zu sitzen und sich alte DDR Schlager auf die Ohren zu geben.
Kim macht es ihrem Vater nicht leicht, der unbekannten Tochter näher zu kommen, obwohl er sich doch so rührend bemüht. Im Laufe der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden jedoch ein zartes Band der Verbundenheit. Die pfiffige Kim begleitet den wohl erfolglosesten Vertreter aller Zeiten auf seinen Touren durch den Pott und entwirft schnell eine Verkaufsstrategie, die die Geschäfte von Papen durch die Decke gehen lassen. Das wird ein unvergesslicher Sommer.

Jan Weiler hat es einfach drauf, skurrile Typen zu beschreiben. Seien es die harten Jungs, die sich täglich in Rosi‘s Pilstreff versammeln, den Schrott sammelnden Jungen Alik, aber eine besondere Liebe gilt den Loosern, hier der bescheidene, sanftmütige Papen und nicht zuletzt die Erzählerin. Tiefgang bekommt der Roman durch die Fragen nach Schuld, Vergangenheit und Wurzeln. Ein wirklich großartiges Buch!

Annette Matthaei

 


nachts im kanzleramt 150x237

 

Droemer Verlag 20,00€

 

Marietta Slomka: "Nachts im Kanzleramt"

Diese Autorin muss man nun wahrlich nicht vorstellen, Marietta Slomka ist als Moderatorin des „heute journals“ bestens bekannt.

Der Journalistin ist mit ihrem neuen Buch etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen: Wer liest schon gern und freiwillig ein Buch über das Funktionieren von Politik, das auch Bereiche wie Wirtschaft und Recht nicht außer Acht lässt? Das klingt trocken und anstrengend. All dies ist aber „Nachts im Kanzleramt“ überhaupt nicht, im Gegenteil. Unterhaltsam und kompetent bietet Slomka einen Überblick über die Grundlagen unserer Demokratie: Wie funktionieren bei uns Wahlen, wie die Parteien, was passiert vielleicht auch hinter den Kulissen – wir erinnern uns an die Kür so manches Kanzlerkandidaten.
Dann geht es schon ein paar Etagen höher: Was macht eigentlich eine Ministerin und ist es dann wirklich sie, die inhaltlichen Linien des Hauses bestimmt? Oder sind das doch eher die StaatssekretärInnen? Und schließlich der Kanzler/die Kanzlerin: Wie sieht so ein Tag im Kanzleramt ganz konkret aus?
Aber Politik wird heutzutage nicht nur von Berlin aus gemacht, die EU ist ein ganz wichtiger Punkt bei vielen Entscheidungen, auch hier gibt Slomka einen guten, kompakten Einblick. Natürlich bleibt auch der Bereich der Medien nicht ausgespart, auch das ein wirklich interessantes Kapitel in diesem Buch.

Nicht unerwähnt bleiben sollen hier die kleinen Cartoons von Mario Lars, die in den Text eingestreut sind und ihn so nochmal pointiert unterstreichen. Insgesamt ist „Nachts im Kanzleramt“ ein Buch, dass wirklich viele unterschiedliche LeserInnen finden kann: Lesealter ab ca. 15/16 Jahren (toll zur Konfirmation!), aber auch für Erwachsenen hochinteressant.

Astrid Henning

 


rosenkohl und tote bete 150x237

 

Knaur Verlag 12,99€

 

Mona Nikolay: "Rosenkohl und die tote Bete"

Ach ja, so ein Schrebergarten, das könnte wirklich was Schönes sein. Ein Platz im Grünen, ein bisschen gärtnern, ein bisschen grillen – auf jeden Fall jede Menge Entspannung.
Genau das, wovon Caro von Ribbeck träumt, und jetzt ist es endlich so weit: Sie hat tatsächlich ein kleines Gärtchen ergattert und freut sich auf schöne Zeiten mit ihrem Mann Eike und Tochter Greta. Viel Ahnung vom Gärtnern hat sie zwar nicht, dafür umso mehr von Instagram etc., aber das wird schon.

Doch gleich am ersten Tag, Caros Mann Eike greift tatkräftig zum Spaten, um ein Beet umzugraben, macht man eine unschöne Entdeckung: Neben Regenwürmern und kleinen Käfern befindet sich eine veritable Leiche im Beet – das ist, oder vielmehr war: Kalle, Vorbesitzer des Schrebergartens. Damit hatte man ja nun wirklich nicht gerechnet, weder Familie von Ribbeck, noch der Nachbar nebendran, die zweite Hauptfigur in diesem amüsanten Krimi, nämlich Manne Nowak, Vorsitzender des Kleingartenvereins „Harmonie“. Manne ist Ex-Polizist und: Ex-Freund von Kalle, denn in letzter Zeit hatten die beiden sich eigentlich nur noch gestritten, weshalb auch bald Mannes alte Kollegen von der Polizei vor der Gartenpforte stehen und ihn des Mordes verdächtigen.
Was soll ich sagen: Hier schlägt ein neues Ermittler-Duo in der Berliner Krimi-Szene auf, denn Caro ist tatendurstig und kann doch ihren neuen Nachbarn Manne nicht im Regen stehen lassen. Wie wär’s mit der Gründung einer Detektei, „Nowak und Partner“? Manne ist zunächst skeptisch, Caro trinkt Kaffee mit Hafermilch, redet viel und trägt rot-weiß gepunktete Gummistiefel, aber eine Verbündete kann er tatsächlich gut gebrauchen.

Mona Nikolay hat einen erfrischenden „cosy crime“ geschrieben, der sich auf der Gartenliege leicht und flüssig wegliest, nachdem man hoffentlich ohne unangenehme Entdeckungen die Gartenarbeit erledigt hat.

Astrid Henning

 


alles spricht 150x237

 

Verlag Antje Kunstmann 22,00€

 

Nicolò Targhetta: "Alles spricht"

Sprechen Sie manchmal mit Ihren Topfpflanzen? Ganz bestimmt, jeder tut das ab und zu und angeblich soll es ja auch irgendwie helfen oder etwas bewirken; der Pflanze oder Ihnen, man weiß es nicht genau. Wenn Sie allerdings mit Ihrem Zahnputzbecher, Ihrem Mixer oder Ihrem Kerzenständer kommunizieren, sollten Sie sich doch Gedanken machen oder vielleicht auch nicht; möglicherweise ist auch das ganz normal. Wenn Ihnen die genannten Gegenstände dann jedoch beginnen zu antworten, dann ... geht es Ihnen wie der weiblichen Hauptperson im Roman „Alles spricht“ des italienischen Autors Nicolò Targhetta. Er ist Mitte dreißig und schreibt eigentlich Kurzgeschichten auf Facebook, mit denen er in Italien sehr bekannt geworden zu sein scheint.

In seinem Roman erzählt dieser (junge) Mann über die existentielle Lebenskrise einer Frau als wäre es seine eigene. Das hat mich sehr fasziniert. Eine Frau, ebenfalls vermutlich in den Dreißigern, wird von ihrem Freund verlassen, mit dem sie fünf Jahre zusammen war. Alles in ihrem Leben scheint innerhalb kurzer Zeit auseinander zu brechen, alles geht kaputt, wird zerlegt: Freund weg, Job weg, Ausweglosigkeit. Die kleinen blauen Pillen, die Erleichterung versprechen, winken aus der Dose im Badezimmerschrank. In ihrer Verzweiflung und Einsamkeit, in ihrem Zorn und ihrer Enttäuschung gefangen, versucht die Frau, Antworten, Wege und Lösungen zu finden, aber eben auch ihre Selbstzweifel und ihre Wut irgendwie loszuwerden. Das tut sie, indem sie mit Dingen spricht, bevorzugt mit ihrem geduldigen, alten, abgenutzten Sofa, aber auch mit der besserwisserischen Zimmerpflanze ihrer Therapeutin oder ihrem Aschenbecher. Und - oh Wunder - die Sachen antworten, erteilen Ratschläge, ernüchtern oder helfen, so gut es ihnen eben möglich ist.

Zu verrückt denken Sie jetzt? Zu deprimierend oder merkwürdig? Nein, Targhettas Buch ist weder das eine noch das andere. Es ist fein und nachdenklich, manchmal traurig, dann wieder zum Brüllen lustig. Der Autor jongliert mit den Worten, und das tut er wirklich meisterhaft. Mir jedenfalls ist es am Ende überhaupt nicht mehr seltsam vorgekommen, dass „alles spricht“ - und das Sofa habe ich nach der Lektüre wirklich vermisst!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


die botschaft der riesenkalmare 150x237

 

S. Fischer 20,00€

 

Fabio Genovesi: "Die Botschaft der Riesenkalmare"

Manchmal gibt es diesen magischen Moment: Man beginnt ein neues Buch und schon nach ein paar Seiten ist man gefangen, ist man „drin“ – quasi schockverliebt. So ging es mir mit der „Botschaft der Riesenkalmare“, ein Buch wie ein Geschenk, überraschend, erstaunlich und vor allem ein Quell von Geschichten - was es nicht einfach macht, davon zu erzählen.

Fabio Genovesi macht uns mit unglaublichen Geschöpfen bekannt:  den Riesenkalmaren. Noch immer wissen wir nicht allzu viel über diese Tiere, die bis zu 18 Metern lang werden können, mit 10 Armen und Augen von bis zu 40 cm Durchmesser. Schon im 18. und 19. Jahrhundert gab es Berichte - vor allem von Seeleuten – die von Begegnungen mit diesen Tieren berichtet haben, aber geglaubt hat man ihnen nicht, „Seemannsgarn“, „zu tief ins Glas geschaut“, ganz klar. Genovesis Buch ist aber noch viel mehr, denn er erzählt auch von den Menschen, die sich der Erforschung der Riesenkalmare gewidmet haben. Und das waren wirklich ganz besondere Kaliber, leidenschaftlich und ein klein wenig verrückt. Auch wird klar, wie wenig wir Menschen von manchen Bereichen der Natur kennen, insbesondere vom Meer. Genovesi beschreibt es ganz treffend: Wenn wir einen Tag am Strand gewesen sind, sagen wir: „Ich hab heute das Meer gesehen“. In Wirklichkeit ist es aber so, als würden wir zum Zirkus gehen, einmal um das Zelt herumlaufen und sagen: „Ich habe heute den Zirkus gesehen“. Es bleibt also noch viel zu entdecken.

Was das Buch so ganz besonders macht, ist Genovesis Ton: charmant, leichtfüßig, voller Liebe zur Natur und geradezu mitreißend. Dass dann auch noch seine Großmutter eine spezielle Rolle spielt, eine echte italienische „Nonna“, sei hier nur kurz erwähnt. Dieses Buch hat alles, was es braucht, um uns zu begeistern, uns erneut klar zu machen, von welch magischen Welten wir umgeben sind und ich kann Sie nur ermutigen, sich auf eine Liebesbeziehung mit diesem Buch einzulassen.

Astrid Henning

 


der hypnotiseur 150x237

 

Galiani Verlag 20,00€

 

Jakob Hein: "Der Hypnotiseur"

Anfang der 80er Jahre in einem kleinen Dorf im Odertal, ehemalige DDR: Hier ist Micha gestrandet, nachdem er aus politischen Gründen aus dem Psychologie-Studium geschmissen wurde. Seine Ansichten zum Marxismus-Leninismus passten nicht so recht zu dem, was die offizielle Ansicht war – und das war’s dann mit der Psychologie.
Micha zieht ins Dorf und auch ins Haus seiner Großmutter Gerda, um in Ruhe zu überlegen, wie es beruflich mit ihm weitergehen soll. Außer Kraniche und neugierige Nachbarn gibt’s da nicht so viel, ist aber nicht weiter schlimm für Micha.

Nach dem Tod seiner Großmutter kommt er auf eine geniale Idee: Im Rahmen seiner zwei Jahre Studium hat er durchaus intensiver das Thema Hypnose gestreift und bietet nun „Hypnose-Reisen“ an – in Gedanken kann man in fernste Länder entschwinden. Offiziell natürlich politisch total korrekt in die sozialistischen Bruderstaaten, oder noch weiter, nach Nordkorea gar. Aber wohin wollen die Leute? Na klar, nach Paris, London, New York usw. Gleich seine erste Klientin Anika hat einen „Paris-Fimmel“ und ist so begeistert von ihrer Gedankenreise, dass sie den Hof gar nicht mehr verlassen will. Mit viel Energie und Geschäftssinn hilft sie Micha auf die Sprünge und professionalisiert das Unternehmen. Bald herrscht reges Treiben in dem Dorf, ein buntes Völkchen ist es, das sich da versammelt und teilweise auf dem Hof häuslich niederlässt, was natürlich den Argwohn der Stasi weckt. Zum anderen kann man etwas sehr Interessantes feststellen: Viele Menschen haben ja so ihre Traum-Urlaubsziele im Kopf, die Karibik meinetwegen. Doch kaum setzt man das Ganze dann in die Realität um, verträgt man das Essen nicht, man bekommt gemeine Insektenstiche und der Strand ist auch nicht so leer wie in der Phantasie.

Jakob Hein hat seinem Roman ein Zitat von Schopenhauer vorangestellt: „Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken.“ Dem Autor ist ein schöner, sehr feiner Roman gelungen, ein Vergnügen, durchaus, aber eben auch ein unbedingtes Plädoyer für die Gedankenfreiheit.

Astrid Henning

 


was wir glueck nennen 150x237

 

 Aufbau TB 12,00€

 

Jan Steinbach. "Was wir Glück nennen"

Lüneburg im Jahre 1961.
Der Restaurator Heinrich Hansen hat den Auftrag bekommen, die Decke der Ratsstube des Lüneburger Rathauses zu restaurieren. Unterkunft wird dem Witwer und seinen drei Kindern im Gesindehaus des Stadtdirektors Doktor Priggen und dessen Familie gewährt.

Wolfgang, der Älteste und designierter Betriebserbe, interessiert sich wenig für Kunst und Handwerk. Sein Herz schlägt für Rock‘n Roll und Beatmusik. Ein großer Gitarrist will er werden und träumt von einer Karriere auf den Bühnen der Clubs in St.Pauli und einem echten Hit. Sehr zum Verdruss des strengen Vaters, der sich die Flausen seines Sohnes kategorisch verbietet.
Im Gegensatz zu Wolfgang hat Monika, seine wenig jüngere Schwester, offenbar das Talent für die Handwerkskunst von Ihrem Vater geerbt und brennt für die alten Meister der Renaissance. Sie kann sich gar nicht sattsehen an den Kulturgütern, die das Lüneburger Rathaus zu bieten hat. Besonders hat es ihr das Gemälde „Das Bildnis des gerechten Richters“ von Daniel Frese angetan. Stundenlang kann sie sich in der Betrachtung dieses von dunklem Firnis bedeckten, dringend renovierungsbedürftigen Meisterwerkes verlieren.
Doch in den 60er Jahren gehörte eine Frau nicht in eine Werkstatt, sondern an den Herd, zumal wenn die Hausfrau und Mutter fehlt. Das bekommt auch Monika zu spüren. Schwer kämpft sie gegen ihren Vater und die Gesellschaft, um sich ihren verdienten Platz in einer männerdominierten Welt zu erarbeiten.

Die Rahmenhandlung spielt in der Jetztzeit. Die junge Restauratorin Jordis hat einen Auftrag im Ratshaus übernommen. Hier bekommt sie Besuch von ihrem Großonkel Wolfgang, einem berühmten Schlagerproduzenten, der sich - wo auch sonst - in einer Suite in Hotel Bergström, Hauptschauplatz der „Roten Rosen“, einmietet. Gemeinsam decken sie mehrere Jahrzehnte zurückliegende Familiengeheimnisse auf.

Dieser Roman ist leichte, leichte Kost und hat mir doch auf charmante Weise ein Wochenende mit wirklichem Lesevergnügen beschert. Jan Steinbach war Stipendiat im Heinrich-Heine Haus und hat in dieser Zeit Lüneburg kennen und lieben gelernt. Das spürt man aus jeder Zeile. Und klar ist, am nächsten freien Termin steht für mich eine Führung durch unser wunderschönen Rathaus auf dem Programm!

Annette Matthaei

 


die kinder sind koenige 150x237

 

Dumont 23,00€

 

Delphine De Vigan: "Die Kinder sind Könige"

Mélanie leidet seit der Kindheit unter ihrer Unscheinbarkeit. Als junges Mädchen bewirbt sie sich für die Teilnahme an einer Reality Show, ein französisches Pendant zu „Big brother“. Bereits in der Vorrunde fliegt sie achtkantig raus. Ein tiefsitzendes Trauma. Mittlerweile hat sie ihr größtes Ziel doch erreicht, sie ist berühmt.

Mit ihrem Mann Bruno und den beiden Kindern Sammy und Kimmy lebt sie in einer eleganten Wohnsiedlung in einer guten Gegend von Paris. Ihr Vermögen hat sie mit einem Youtube Kanal gemacht, in dem sie regelmäßig Videos und Clips von ihren Kindern postet. Mehr als 2 Millionen Klicks kommen da schon mal auf einen Beitrag zusammen. Die Kinder nehmen ihre Rollen als Stars wie dressierte Äffchen an. Natürlich sind Spielzeugfirmen, Süßigkeitenhersteller, die Kinderbekleidungsbranche auf die Familie Claux aufmerksam geworden. Sie werden mit Produkten, die dann in den Filmchen platziert werden, überhäuft, zahlen horrende Summen für die Bewerbung ihrer Produkte.
Die Familie wirkt zunächst nach außen wie eine glückliche Einheit. Eines Abends jedoch verschwindet die sechsjährige Kimmy beim Versteckspiel aus der Siedlung, ein Drama! Von der großangelegten Suchaktion und der Polizeiarbeit berichtet uns Clara, eine aufstrebende Polizistin mit hervorragendem analytischen Verstand. Kann es sein, dass das Kind eine Sehnsucht nach einem normalen Leben als unbekanntes Mädchen hat? Dass es in ihr anders aussieht, als die Mutter zu glauben scheint?

Delphine de Vigan macht klar, in was für einer verrückten, konsumorientierten Welt wir leben und dass Kinder dringend geschützt werden müssen, vor Eltern, die ihre Bedürfnisse skrupellos über die ihrer Schutzbefohlenen stellen. Großartig auch ist die Gegensätzlichkeit der beiden Protagonistinnen herausgearbeitet. Die oberflächliche, nach Aufmerksamkeit gierende Mélanie steht im krassen Gegensatz zu der Einsamkeit liebenden, reflektierten Clara.
Alles in allem wieder ein phantastischer Roman mit kriminalistischen Zügen einer meiner Lieblingsautorinnen.

Annette Matthaei

 


die sieben maenner der evelyn hugo 150x237

 

Ullstein TB-Verlag 10,99€

 

Taylor Jenkins Reid: "Die sieben Männer der Evelyn Hugo"

Dieses Buch geht auf den sozialen Medien komplett durch die Decke: überall ist sie zu sehen, die atemberaubend schöne Frau in dem grünen Kleid. Oft sind es aber gerade diese Bücher, die etwas enttäuschen. Bei so vielen begeisterten Stimmen und so vielen eifrigen Leser*innen, sind die Erwartungen am Ende einfach zu hoch. Anders jedoch bei diesem Buch, das so anders war als ich es eigentlich erwartet hatte.

Evelyn Hugo ist eine Legende des goldenen Zeitalters von Hollywood. Sie ist eine Ikone in Sachen Stilsicherheit, Lifestyle und Schauspielerei. Ihre Performances sind berüchtigt, wurden gefeiert und getadelt zugleich – kurz, sie war ihrer Zeit eindeutig voraus. Mittlerweile geht die kamerascheue Kubanerin auf die 80 zu und ist bereit auszupacken. Sie möchte erzählen wie ihre Karriere ihren Anfang fand, was wirklich hinter ihren erinnerungswürdigsten Auftritten steckte und wie es dazu kam, dass sie in ihrem Leben mit gleich sieben Männern verheiratet war.
Das alles soll die etwas zurückhaltende Monique in einem Interview aufdecken. Sie selbst steckt mitten in einer Scheidung, in ihrem Beruf kommt sie nicht so voran, wie sie es verdienen würde, fühlt sich in allen Bereichen unterschätzt. Da kommen ihr die Lektionen und Lebensweisheiten von Evelyn Hugo gerade recht. Doch als Evelyns Geschichte der ihren schmerzlich nahekommt, muss sie sich unweigerlich fragen, wie sehr die Wahrheit sie verletzen könnte, oder ob die Wahrheit ihr die Freiheit schenkt.

Taylor Jenkins Reid hat ambivalente Charaktere geschaffen, die nicht ganz durchschaubar und doch so verwirrend liebenswert sind. Mit jedem Ehemann lernen wir Evelyn Hugo ein kleines bisschen besser kennen und wissen doch letztlich noch gar nichts über sie: ein spannendes Leseerlebnis, das sich Seite um Seite entfaltet, um schrittweise tiefer unter die Haut zu gehen. Sehr angenehm zu lesen, nicht allzu düster und schwermütig, aber dennoch überhaupt nicht flach.
Netflix hat gerade die Produktion eines Films angekündigt und ich persönlich kann es kaum erwarten noch mehr Zeit im Glanze von Evelyn Hugo und ihrer größten Liebe zu verbringen.

Mattes Daugardt

 


pizza girl 150x237

 

Kampa Verlag 22,00€

 

Jean Kyoung Frazier: "Pizza Girl"

Jane lebt in einem Vorort von Los Angeles. Tagsüber arbeitet sie für einen Pizza-Lieferanten, abends kehrt die 18jährige müde und erschöpft zu ihrer Mutter und ihrem Freund Billy nach Hause zurück. Seit sie schwanger ist, lassen die beiden sie kaum noch einen Finger rühren. Das geht Jane bald schon gewaltig auf die Nerven, schließlich ist sie nicht krank. Offenbar haben die zukünftige Großmutter und der werdende Vater viel mehr Interesse an ihrem wachsenden Bauch, als Jane selbst....

Alles ändert sich an dem Tag, an dem eine Kundin Salamipizza mit Gürkchen für ihren Sohn bestellt. Als Jane mit der Lieferung vor der fremden Frau steht, gerät ihr ohnehin schon kompliziertes Leben in absolute Schieflage...

Stellen Sie sich vor, Sie hätten den ganzen Tag schon Heißhunger auf eine köstliche Pizza. Endlich steht sie dampfend vor Ihnen und Sie stecken den ersten Bissen in den Mund... Eine absolute Gaumenfreude! Tauschen Sie nun das Wort "Gaumen" gegen "Lese" aus, und Sie wissen, was Sie in diesem Buch erwartet! Frisch, frech, köstlich!

Andrea Westerkamp

 


gesichter 150x237

 

Aufbau Verlag 20,00€

 

Tove Ditlevsen: "Gesichter"

Tove Ditlevsen hat in der Kopenhagen-Trilogie ihr eigenes Leben autofiktional verarbeitet und erfahrbar gemacht. Wir begleiteten die fiktionale Tove durch ihre Kindheit in einem dänischen Arbeiterviertel der 1920er Jahre, wuchsen gemeinsam mit ihr durch die Jahre der Freiheitssuche in ihrer turbulenten Jugend und litten kollektiv, als sie der Abhängigkeit von Rauschmitteln und der Abhängigkeit von anderen Menschen verfiel.  Ein Werk, das in dessen Sprachgewalt begeistert hat. Umso toller ist es, dass nun eine weitere Geschichte aus der Feder dieser großen Autorin post mortem als Neuübersetzung im Aufbau Verlag erschienen ist.

In „Gesichter“ befinden wir uns in den späten 60er Jahren von Kopenhagen. Lise Mundus ist Ehefrau, Mutter und Autorin: gesellschaftliche Normen bestimmen die Hierarchie dieser Rollen. Zuerst ist sie Ehefrau, doch ihr Mann geht ihr fremd. An zweiter Stelle ist sie Mutter, doch ihre Kinder (und ihr Mann) wenden sich lieber dem hübschen und klugen Kindermädchen zu. Aber zuletzt ist sie auch noch Autorin und das, entgegen der gesellschaftlichen Vorstellungskraft, mit Leib und Seele. Daher ist es bei all ihren Problemen gerade die Angst vor der Inspirations-losigkeit, die auf so besondere Weise an ihr nagt. Die Angst vor Redundanz und künstlerischer Unbedeutsamkeit.
So beginnt in ihr ein Prozess, in der sich ihre Wahrnehmung zusehends verschiebt und der Unterschied zwischen Realität, Fiktion und schierem Wahnsinn immer weiter verschwimmt.

Lise nimmt uns mit, tief in das Wirrsal ihrer Bewusstseinsstörung. Als Leser*innen sind wir ihrer Erfahrung unglaublich nah und doch können wir sie als Menschen schwer fassen: ein sprachliches Spiel der Spannung zwischen Distanzlosigkeit und empathischer Reserviertheit, das Tove Ditlevsen betreibt.
Ähnlich wie in „Abhängigkeit“, schafft die Autorin es, die Schwächen des Geistes auszuloten und die Folgen gesellschaftlichen Ungleichgewichts in literarischer Form mitreißend und auf singuläre Weise zu kommentieren. Auch hier wird Tove Ditlevsens schreiberisches Schaffen durch eigene Erfahrungswerte gestützt, was ihre Umschreibung   der Psychose einer schreibenden Frau so entsetzlich eindrücklich macht.

Mattes Daugardt

 


die rote jaegerin 150x237

 

Goldmann TB 10,00€

 

Juan Gómez-Jurado: "Die rote Jägerin"

Bilbao
Welch eine Schmach! Inspector Jon Gutiérrez hat hoch gepokert und alles verloren. Die Idee war im Prinzip nicht schlecht: um einer, von ihrem Zuhälter misshandelten Prostituierten zu helfen, schmuggelte er heimlich Koks in das Auto ihre Peinigers. Anschließend wollte Jon ihn wegen unerlaubten Drogenbesitzes verhaften lassen. Schade nur, dass der Inspector bei seiner Aktion gefilmt wurde...
Nun sitzt Jon in seinem Zimmer in der Wohnung seiner Mutter (die Witze über "Langzeitsöhne" kennt er alle!) und leckt seine Wunden.

Madrid
Ein ominöser Anrufer hat Jon veranlasst, umgehend nach Madrid zu fahren. "Mentor", so nennt sich der Fremde, gibt Jon eine allerletzte Chance: wenn es ihm gelingen sollte, die überaus eigenwillige und extrem menschenscheue Spitzenagentin Antonia Scott davon zu überzeugen, dass sie endlich wieder undercover ermittelt, dann hat er nicht nur einen neuen Job an ihrer Seite, sondern kann auch auf Weiterzahlung seiner Bezüge hoffen.
Das beinahe Unmögliche gelingt! Und beinahe sofort werden die neuen Partner zu einem Tatort gerufen. Ein Toter sitzt recht blass, da nahezu blutleer, auf dem elterlichen Sofa. Der Sohn einer der finanzkräftigsten Frauen Spaniens wurde ermordet, offenbar ohne Spuren zu hinterlassen. Nur wenige Momente scheinen Antonia zu genügen, um eine verblüffend logische und absolut intelligente erste Mutmaßung anzustellen. Keine Frage, diese Frau ist ein "Brain"!

Dieses neue Ermittlerduo besticht durch seine offensichtlichen Unterschiede, und das meine ich nicht nur äußerlich. Voller Esprit und Humor beschreibt uns der spanische Autor diese beiden Ausnahmeerscheinungen. Jon: ewiger Sohn, schwul bis in die stets frisierten Haarspitzen, rund (aber nicht dick, darauf legt er Wert), in feinsten Zwirn gehüllt, ein munterer Plauderer und Menschenfreund, normal intelligent.  Antonia: hager, unnahbar, trauernd, Mutter ohne Kind (lebt beim Großvater), Ehefrau ohne Mann (liegt im Koma), wortkarg, egozentrisch, tablettensüchtig und GENIAL. Ich möchte mehr davon!!!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar

 


alles was wir nicht erinnern 150x237

 

C.H. Beck Verlag 22,00€

 

Christiane Hoffmann: "Alles, was wir nicht erinnern."

Was für ein außergewöhnlicher Weg, sich der eigenen Familiengeschichte zu nähern: Christiane Hoffmann wandert im Januar 2020 auf den Spuren ihres Vaters – 550 km von Schlesien bis nach Wedel bei Hamburg.

Im Alter von x Jahren muss die Familie ihres Vaters aus Rosenthal, heute Rózyna, in Niederschlesien aufbrechen, „der Russe“ steht kurz vorm Dorf, innerhalb von ein paar Stunden wird das Nötigste zusammengerafft und am Nachmittag des 22. Januar 1945 macht sich ein Treck des Dorfes auf den Weg. Zunächst meint man, man müsse nur ein paar Ortschaften weiterziehen, um dort das Ende des Kriegs abzuwarten, aber tatsächlich werden die Rosenthaler ihren Ort erst Jahrzehnte später, wenn überhaupt, wiedersehen.
Und wie so viele aus der nachfolgenden Generation erhält Hoffmann nur sehr eingeschränkt Informationen zu dieser Familiengeschichte, auf Geburtstagen, auf Familienfesten: „Oben seufzen die Erwachsenen, essen Schnittchen und reden über die verlorene Heimat“ - und unterm Tisch lauschen die Kinder und verknoten die Schnürsenkel der Erwachsenen.

Hoffmann findet eine ausgezeichnete und angemessene Balance in der Schilderung der beiden Gruppen: Hier die deutschen Fliehenden und ihre Trauer über den Verlust, materiell und natürlich auch seelisch, und dort die Neuankömmlinge, ihrerseits nicht unbedingt freiwillig aus der Ukraine und Litauen kommend. Und dazwischen, im Januar 2020, eine Deutsche, die wandernd den Beschädigungen – auch hier physisch und psychisch - der Elterngeneration nachspürt.
Entstanden ist so eine eindrucksvolle Reportage, klug und nachdenklich, die uns nochmal verdeutlicht, dass sich schmerzhafte Ereignisse oftmals über Generationen vererben, zumal wenn diese nur zwischen den Zeilen thematisiert werden.

Astrid Henning

 


die gezeiten gehoeren uns 150x237

 

Hanser Berlin 22,00€

 

Vendela Vida: "Die Gezeiten gehören uns"

1984/85 in Sea Crest, San Francisco.
Wenn Eulabee „wir“ sagt, dann meint sie manchmal auch ihre Freundinnen Julia und Faith, aber immer sich und Maria Fabiola. Den beiden gehören die Straßen ihrer Nachbarschaft, sie kennen jeden Winkel; sie kennen Ebbe und Flut so gut, dass sie zwischen Wellen und Ufern wandern. Die beiden Freundinnen sind unzertrennlich. Sie sind 13 Jahre alt, fast 14, und gehen gemeinsam auf eine reine Mädchenschule in San Francisco. Ihre Körper verändern sich, besonders Maria Fabiola wird mit jedem Tag immer schöner und Jungs werden plötzlich immer interessanter. Vor allem aber verändern sich die Dynamiken in der Freundesgruppe, Streiche laufen aus dem Ruder, Loyalitäten verschieben sich und Identitäten werden ausgekundschaftet.
Als die Clique auf der Straße angesprochen wird, geht es für die Freunde bergab: Eulabee ist sich sicher, dass der Mann lediglich nach der Uhrzeit gefragt hat – die anderen meinen aber, dass er sich währenddessen „da unten“ berührt hat und je öfter sie davon erzählen, desto mehr Einzelheiten werden der Geschichte hinzugefügt. Als die Polizei Eulabee befragt, bleibt sie bei ihrer Version der Geschichte, weshalb die Polizei nicht ermittelt, und das Mädchen wird der Gruppe prompt verwiesen. Nun muss sich Eulabee selbst beschäftigen und wird sich den Widersprüchlichkeiten der Erwachsenenwelt nur allzu bewusst. Als Maria Fabiola dann verschwindet, fängt Eulabee an alles zu hinterfragen...

Vandela Vida hat ein tolles Buch über das Mädchen- und Frausein, aber vor allem über das Frauwerden geschrieben. Ganz nebenbei kommentiert sie noch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Tech Booms in San Francisco.
Ich habe mit schweißnassen Händen gelesen, denn Eulabee ist so ungelenk, wie nur eine Teenagerin es sein kann. Die Situationen, in die sie gelangt in dem Maße unangenehm, wie sie es nur in der Pubertät sein können. Wer vergessen hat, wie sich das anfühlt – das Nicht-Verstehen und doch probieren zu wollen, das Ausloten und Erwachsenspielen, der sollte dieses Buch lesen. Es ist manchmal schwierig Eulabees Entscheidungen nachzuempfinden, doch nicht schwierig mit ihr mitzufühlen, denn was ist Pubertät, wenn nicht verwirrend.
Gleichzeitig porträtiert Vida den Druck, dem Frauen, vor allem aber junge Mädchen, ausgesetzt sind. Mit zunehmender Reife immer sexualisierter wahrgenommen zu werden, verunsichert Eulabee in gleichem Maße wie es sie bestärkt; sie zieht daraus Macht, nimmt sich selbst manchmal als Gefahr wahr, besonders der Blicke der Männer wegen. So wird sie auch zum Opfer dieser Anschauung, kann nicht anders als sich den Ambivalenzen der Jugend zu fügen.

Mattes Daugardt

 


mauersegler 150x237

 

Rowohlt 10,00€

 

Valerie Jakob: "Mauersegler"

Eintauchen in einen Schmöker, zusammen mit Juliane, Marianne und Roseanne, das können Sie in Valerie Jakobs „Mauersegler“:

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart in Berlin, Juliane hat ihren ungeliebten Job als Lehrerin aufgegeben, um zu ihrem Freund nach Berlin zu ziehen und weiß noch nicht so richtig, wie es beruflich für sie weitergehen soll. Im Moment hält sie ihrem Freund den Rücken frei, der gerade dabei ist sich selbständig zu machen. Dumm nur, dass er ihr nach ein paar Wochen gesteht, eine andere Frau kennengelernt zu haben…
In dieser Situation meldet sich Johann, um die 80, ein Cousin von Julianes Mutter, zu dem es lange nur sehr wenig Kontakt gab, weil er in Greifswald wohnt – Ex-DDR also. Johann macht sich Gedanken darüber, wer nach seinem Tod sein Haus erbt, sich um den schönen Garten kümmert und dies Alles mit Leben füllt. Juliane nutzt ihre freie Zeit zu einem Besuch bei Johann und erfährt dort so einiges von ihren Vorfahren, insbesondere von Marianne, Johanns Mutter.

In den 20ern erwachsen geworden, war Marianne ein Freigeist, eine Entdeckerin und Abenteuerin: Sie genießt das Leben in vollen Zügen, lernt erst Auto fahren und lässt sich schließlich sogar gemeinsam mit ihrer Freundin Roseanne zur Pilotin ausbilden. Die beiden Frauen übernehmen Transportflüge in den Senegal, wo Roseannes Bruder eine Handelsvertretung aufgebaut hat. Doch mit dem Aufstieg der Nazis ändert sich auch das Frauenbild in Deutschland, eine berufstätige Frau und auch noch Mutter ist nicht akzeptabel, außerdem entwickelt sich Mariannes Ehemann zum Tyrannen und schließlich bleibt nur ein Weg, aus diesem Gefängnis zu entkommen…
Juliane taucht immer tiefer in das Leben ihrer Großtante ein und reist schließlich sogar auf deren Spuren in den Senegal, wo sie eine überraschende Entdeckung macht.

Marianne und Roseanne hat es in der Realität nicht gegeben, aber ihre Geschichte ist inspiriert von so mutigen Frauen wie Elly Beinhorn und Amelia Earheart, Pionierinnen der weiblichen Fliegerei. Dieser Roman bietet wirklich fesselnde und besondere Unterhaltung, in einer sehr passender Balance zwischen Gegenwart und Zeitgeschichte.

Astrid Henning

 


Lost du darfst dich nicht erinnern 150x237

 

Goldmann TB 11,00€

 

Leona Deakin: "Lost - Du darfst dich nicht erinnern"

Nach MIND GAMES der 2. Fall für die Londoner Privatermittler Augusta Bloom, Kriminalpsychologin, Profilerin und Marcus Jamerson, Exagent des MI6.

Die Stimmung zwischen den beiden könnte nicht schlechter sein. Noch immer hängt der letzte Fall wie eine dunkle Wolke über ihnen... Marcus nimmt übel! Währenddessen passieren tragische Dinge in Plymouth auf der Militärbasis. Was als pompöser Militärball beginnt, endet abrupt mit der Detonation einer Bombe. Niemand scheint den Selbstmordattentäter wahrgenommen zu haben...
Unter den Opfern befindet sich auch Captain Harry Peterson. Seine Freundin Karene, die unverletzt blieb, beugt sich über den am Boden liegenden Ohnmächtigen und stellt erleichtert fest, dass er äußerlich unversehrt scheint. So lässt sich Karene bereitwillig als Ersthelferin für die einsetzen, die nicht so viel Glück hatten. Stunden später legt sich das Chaos etwas. Alle Verwundeten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, und die Toten abtransportiert. Karene wünscht sich nur noch, möglichst schnell an Harrys Krankenbett zu kommen. Das wiederum gestaltet sich als schwierig, beziehungsweise als unmöglich. Harry liegt in keinem der umliegenden Hospitäler! Niemand kann etwas über seinen Verbleib sagen, die Situation wirkt geradezu absurd. In ihrer Verzweiflung wendet sich Karene an ihre Freundin Augusta...

Als sie Harry schließlich in einer weit entfernt liegenden Klinik finden,liegt er mit schwersten äußeren und inneren Kopfverletzungen ins künstliche Koma versetzt auf der Intensivstation. Karene ist überzeugt, dass ihm das nachträglich zugefügt wurde. Als der Captain aus dem Koma erwacht, fehlt ihm die Erinnerung an die letzten vier Jahre...
Wer hatte ein Interesse daran, sein Gedächtnis  zu manipulieren. Was geschah bei seinen Einsätzen in Kriegsgebieten? Augusta Bloom muss den "Hausfrieden"  wieder herstellen, denn sie braucht dringend Marcus Geheimdienstverbindungen. Schade nur, dass sie denTeufel mit dem Belzebub austreiben will....

Andrea Westerkamp

 


dschinns 150x237

 

Hanser 24,00€

 

Fatna Aydemir. " Dschinns"

Ende der neunziger Jahre hat Hüseyin es endlich geschafft. Nach Jahrzehnten der Plackerei an deutschen Fließbändern, erst Metall, dann Kartonage, erfüllt er sich den Wunsch mit seiner Frau Emine in die Türkei zurückzugehen. Fast durchströmt ihn ein Glücksgefühl, als er die nagelneue, abbezahlte Wohnung in Istanbul durchschreitet. Morgen soll der Familie das harterarbeitete Eigentum vorgeführt werden.
Doch dieser Traum wird sich nicht erfüllen. Ein massiver Herzinfarkt setzt Hüseyins Leben ein jähes Ende. Die Witwe und die vier Kinder reisen nun am nächsten Tag nicht zur Besichtigung, sondern zur Beerdigung an. Schock und Verzweiflung beherrscht sie alle.

Die Autorin Aydemir widmet jedem Mitglied der Sippe ein eigenes Kapitel. Ein jeder beleuchtet aus seiner Sicht die Probleme, die von den Eltern vorgegeben, strikt unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten werden. Sprichwörtlich unter den Teppich gekehrt, wird jede Wahrheit und Meinungsverschiedenheit abgewehrt.
Den Anfang macht Ümit, der jüngste Sohn. Er fühlt sich allein, sexuell verunsichert, nicht wissend, wie er mit der Veranlagung zur Homosexualität umgehen darf. In seinem Zuhause findet er keine Vertrauensbasis und kein Gehör, sodass er schweigt und sich zurückzieht.
Sevda, die Älteste, leidet unter fehlender Mutterliebe. Sie schlägt sich, ohne Schulbildung genossen zu haben, mit zwei Kindern allein durch. Ein harter Kampf, der Spuren hinterlassen hat. Von den Eltern verraten, als sie deren Hilfe so dringend gebraucht hätte, hat sie das dringende Bedürfnis mit der Mutter abzurechen.
Peri ist die Emanzipierteste von allen. Sie studiert und hat sich am besten aus den Fängen ihrer Kultur und Eltern befreien können, erlitt aber einen schweren Verlust in ihrer frühen Jugend. Der Tod ist ihr Thema und dessen Bearbeitung versackt in Trauer und Wut.
Hakan, der älteste Sohn, leidet unter den Erwartungen, die seine Eltern als Thronfolger an ihn stellen und die er nicht ansatzweise erfüllen kann. Er erfüllt das Klischee des türkischen Mackers, getuntes Auto, Machismus und Unnahbarkeit. Sein eigentlich weiches Herz versteckt er hinter unangenehmer Coolness und Härte.
Den Schlussakkord setzt die Ehefrau Emine und nach deren schockierender Beichte kann man ahnen, warum die Schicksale dieser so unterschiedlichen Menschen jene Verläufe genommen haben, die in Isolation und Unglück führen.

Dieser großartige Familienroman mit Migrationsproblematik wird in diesem Frühjahr mit Sicherheit eine hohe, wohlverdiente Aufmerksamkeit im Literaturbetrieb erhalten.
Ein wichtiges, packendes Buch!!!

Annette Matthaei

 

 

danowski hausbruch 150x237

 

Rowohlt 16,00€

 

Till Raether: "Danowski: Hausbruch"

Der Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski hat es wahrlich nicht leicht. Nachdem ihn ein Geiselnehmer in seiner Gewalt hatte, leidet er nachvollziehbarerweise unter posttraumatischen Belastungsstörungen und befindet sich aus diesem Grunde in einer Reha-Klinik an der Ostsee (man hat die Anstalt direkt vor Augen). Kur oder Therapie war die Frage, Danowski war auf keine dieser Varianten erpicht. Aber es gab nun mal kein Entkommen – er ist dienstunfähig geschrieben. Und so verbringt er jetzt seine Tage in Gruppensitzungen, bei Entspannungsübungen, Tanztherapie und Wassergymnastik, im Stuhlkreis mit mehr oder minder redseligen Leidensgenossen – alles schön mit Blick auf die See – er schließt seltsame Bekanntschaften und hockt ratlos in der Beschäftigungs-therapie vor einem Klumpen Ton.

Das alles ist, ehrlich gesagt, nur mit Ironie zu ertragen, Danowskis trockener Humor hilft nicht nur ihm. Vor allem eine Frau nervt ihn: Mareike Teschner. Sie hat genau die positive Glas-halbvoll-Art, die Danowski nicht ertragen kann. Erst als er bemerkt, dass Mareike von ihrem Mann misshandelt wird, beginnt er ihr zuzuhören.
Eines Abends klopft sie an seine Zimmertür und bittet ihn um Hilfe: Mareikes Mann liegt tot in ihrem Zimmer, ermordet… Danowski trifft eine ungewöhnliche und folgenschwere Entscheidung – exakt dort, wo dieser hypersensible Kommissar eigentlich wiederaufgebaut werden soll, begeht er vermutlich beruflichen Selbstmord.

Till Raether beweist einmal wieder, dass es keiner knallharten Action bedarf, um einen spannenden Krimi zu schreiben. Die geschützte Umgebung einer Kurklinik reicht deutlich aus, um in die Abgründe der menschlichen Psyche zu schauen. Und so verschwindet in einer Nacht- und Nebelaktion, der Strandhafer wiegt sich sanft im Winde, der Eine und das Andere, Leichen werden beseitigt, Spuren verwischt – auf Nimmerwiedersehen. Wirklich? Auf Nimmerwiedersehen? Kommissar Adam Danowski ist ein Polizist bis auf die Knochen. Er ist knochenehrlich, er ist seinem Job verschrieben, im Grunde genommen ist das seine Berufung. Und auf der anderen Seite ist er so sensibel, so tiefsinnig, er macht sich so relevante tiefe Gedanken über Alles und Jeden, das rundet seine Persönlichkeit ab, das macht ihn authentisch, das macht ihn sympathisch, seine Zerrissenheit verbunden mit seinem Pflichtgefühl – ein hochinteressanter Mensch.

Nachsatz: Der Krimi heißt „Hausbruch“, und Hausbruch ist ein Stadtteil von Hamburg, und in diesem Stadtteil hat sich ein Ehepaar eine Immobilie zugelegt. Und das ist ganz schön wichtig in dieser Geschichte…

Heike Kasten

 


der fuersorgliche mrcave 150x237

 

Droemer 20,00€

 

Matt Haig: "Der fürsorgliche Mr. Cave"

Mr. Terence Cave ist Antiquitätenhändler in einer kleinen englischen Stadt. Er liebt es, in konzentrierter Versunkenheit, alte Möbel, Uhren, Figürchen zu reparieren und zu restaurieren. Sein Geschäft ist genauso, wie man sich einen solchen Laden vorstellt: ein Glöckchen bimmelt beim Öffnen der Türe, es duftet angenehm nach Staub und längst vergessenen Zeiten. Unterstützt wird Mr. Cave von seiner Schwiegermutter Cynthia, die ihm seit dem Tode seiner Frau, ihrer Tochter, immer wieder zu Hand geht.
Und eines Tages, Mr. Cave schaut angelegentlich zum Bürofenster hinaus, muss er den Tod seines Sohnes sozusagen live miterleben. Reuben hat, vermutlich im Zuge einer grausamen Mutprobe, eine Straßenlaterne erklommen, kann sich an den Streben nicht mehr halten, stürzt ab – und stirbt. Vor den Augen seiner Clique, und vor den Augen seines fassungslosen Vaters. Er hinterlässt seine knapp fünfzehnjährige Zwillingsschwester Byrony – vor allem hinterlässt er eine wahnsinnig große, nicht zu schließende Lücke.

Während Byrony irgendwie, so scheint es zumindest, ihr Leben weiterlebt, dreht sich bei Mr. Cave die Traumaspirale. Terence hat das Gefühl, dass alle seine Lieben um ihn herum sterben, und er gibt sich die Schuld daran. Wie in einem langen Brief oder einem Tagebuch schildert er sein Leiden und sein immer stärker werdendes Bedürfnis, seine Tochter zu beschützen: vor dem Großwerden, vor Jungs, vor Alkohol, vor Erfahrungen, vor schlechtem Umgang – eigentlich vor allem. Und was zunächst wirkt, als würde ein wahrlich fürsorglicher Vater eine Menge Verantwortung übernehmen, entpuppt sich schnell und dramatisch als Zwangshandlung, als Obsession. Beklemmend ist es mit anzusehen, wie Bryony mehr und mehr von ihrem Vater kontrolliert wird.
Es beginnt damit, dass er sie, als sei sie ein kleines Mädchen, zur Schule fährt und wieder abholt. Verabredungen mit gleichaltrigen Freundinnen versucht er zu verhindern. Er geht sogar so weit, in ihrem Zimmer das alte Babyphone zu installieren, um ihre Gespräche abzuhören. Ein jeder Junge, der seine Tochter auch nur ansieht, ist für ihn ein knallharter Rivale, den es auszuschalten gilt. Was mit einer guten und verständlichen Intention beginnt, nimmt wahnhafte Züge an, und selbst seine Schwiegermutter kann das drohende Unheil nicht mehr abwenden. Dass man Menschen nicht nur durch Tod verlieren kann, kommt dem verzweifelten Mr. Cave nicht in den Sinn.
Bryony, Teenager, trauernde Schwester und mittenmang in der Pubertät und ihrem weiblichen Erwachen, wird von ihrem Vater nicht als junge Frau wahrgenommen, die ihr eigenes Leben versuchen möchte zu leben. Bald wird sie, und das empfindet nicht nur sie so, quasi wie eine Gefangene gehalten. Es ist bedrückend, Mr. Caves Handlungen mitansehen zu müssen, dennoch: seine Gedanken, seine Nöte und Sorgen rühren auch ein Stück weit an. Doch mehr und mehr ruft dieses Gefängnis aus Verboten, unnützen Regeln und Überwachung auch ein Gefühl der Beklemmung hervor. Als Bryony sich nun mit einem Jungen trifft, der den tödlichen Unfall von Reuben mitangesehen hat, kennt Mr. Cave kein Halten mehr.

Die Geschichte ist sicherlich keine leichte Kost, doch Matt Haig schafft es über den ganzen Roman, die seelischen Nöte seiner Protagonisten auf der einen Seite klar zu formulieren, andererseits aber zart und einfühlsam, psychologisch fesselnd zu vermitteln.

Heike Kasten

 


erschuetterung 150x237

 

Hanser 23,00€

 

Percival Everett: "Erschütterung"

Als Paläontologe gilt Zach Wells nicht nur bei seinen Kollegen als komischer Kauz. Das ficht ihn nicht an. Im Gegenteil, er benimmt sich wie ein Nerd und gefällt sich in dieser Rolle. Gleichberechtigung? Selbst ein Afroamerikaner, denkt Zach nicht im Traum daran, sich dafür einzusetzen.
Seine Ehe mit Meg befindet sich in absoluter Schieflage, aber selbst dafür erwacht er nicht aus seiner Lethargie. Klug, humorvoll,aufmerksam, zugewandt und sehr liebevoll - so würde Sarah vermutlich ihren Vater beschreiben. Wenn das 13 j. Mädchen mit seinem Vater Schach spielt, dann ist Zach selig. Sie ist sein ganzer Stolz. Blitzgescheit und voller Lebensfreude stellt Sarah das Bindeglied zwischen ihren Eltern dar.
Als die beiden plötzlich merken, dass irgendetwas mit ihrer Tochter nicht stimmt, geraten sie in Panik....

Percifal Everett, Finalist des Pulitzer-Preises 2021, hat einen zutiefst aufwühlenden Familienroman geschrieben, der mich auch sprachlich, trotz der Dramatik, ungeheuer in den Bann zog.

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar

 


eine art familie 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Jo Lendle: "Eine Art Familie"

Jo Lendle, seit acht Jahren Verleger beim renommierten Hanser Verlag, begibt sich von Zeit zu Zeit auf das Parkett der Autoren und das ist sehr gut so. Auch in seinem neuen Roman erweist er brillante Erzählkunst und führt uns anhand seiner eigenen Familie durch das letzte Jahrhundert.
Die Geschichte rankt sich um seinen Großonkel Ludwig Lendle, geboren 1899.

Doch beginnen wir mit Alma. Alma wird im Alter von 11 Jahren zur Vollwaisen, nachdem ihre Mutter einen Brief erhält, in dem sie erfährt, dass ihr Mann in den letzten Tagen des ersten Weltkrieges gefallen ist. Im Schock kommt diese unter die Räder einer Berliner Straßenbahn, ist sofort tot. Alma wächst im Waisenhaus und bei Diakonissen unter harten Verhältnissen auf, bis ihr nur 4 Jahre älterer Patenonkel Ludwig sie in seinen Haushalt holt.
Die junge Alma verliebt sich in ihren Paten, der ihre Zuneigung jedoch nicht erwidern kann. Träumt er doch noch immer von Gerhard, der in seinen Armen im Schützengraben verstarb. Was jedoch in ihrem gesamten weiteren Leben vorherrschend sein wird, ist eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit der so unterschiedlichen Charaktere.
Alma lebenslustig und naiv, aber alles andere als dumm, weiß nach einiger Zeit, ihre Bedürfnisse auf unkonventionelle Art zu befriedigen. Als zugewandte Gesprächspartnerin für die zwei jungen Menschen erweist sich die mit den beiden lebende Haushälterin Frau Gerner. Diese Drei bilden eine eingespielte Menage à trois.
Ludwig ist ein in sich gekehrter Typ. Ein Schöngeist. Gequält durch seine nicht eingestandene Zuneigung zum männlichen Geschlecht. Mit seinem eher groben Bruder Wilhelm verbindet ihn die Liebe zu großen deutschen Künstlern, wie Bach und Hölderlin. In Zeiten der braunen Barbaren entzweien sich die beiden jedoch unwiderruflich. Wilhelm wird ein strammer Bewunderer der Nazis, Ludwig rettet sich in seinen Beruf. Als Professor der Pharmakologie forscht er über den Schlaf, dessen Sinn und wie man ihn herbeiführen kann. Das führt ihn zu Giften und letztendlich zu Narkotika, die er in Tier- und Selbstversuchen ausprobiert, besessen und sich selbst nicht verschonend. Die Entdeckung von Giftgas macht ihn für die Nazis zu einem interessanten Mann. Er kann mit diesem Konflikt kaum leben.

Alma sagt in einem nachdenklichen, dunklem Moment: „Was sind wir denn? Drei eigenartige Menschen, von Zufällen zusammengewürfelt, ohne rechte Verbindung und ohne Zukunft. Drei Lebensläufe von denen man nur eines lernen kann: wie man ausstirbt.“ Ludwigs Antwort: „Wir sind eine Art Familie.“ Diese Art von Familie dürfen wir durch die Kaiserzeit, den Nationalsozialismus bis hin zur frühen DDR begleiten und das ist ein tiefes Eintauchen in Zwischenmenschlichkeit, Schuld und Zeitgeschehen.
Ein wirklich bemerkenswerter und nachwirkender Roman.

Annette Matthaei

 


der sucher 150x237

 

Scherz Verlag 22,00€

 

Tana French: "Der Sucher"

Im neuen Roman von Tana French geht es um Cal, Polizist aus Chicago, der spürt, dass er mittlerweile die Leidenschaft und auch das Gespür für seinen Job verloren hat. Er ist ca. 50 Jahre alt und beschließt, seinem Leben eine ganz neue Wendung zu geben: Er kauft einen etwas runtergekommenen Kotten in einem kleinen irischen Dorf, sein Plan ist, das Haus so langsam für sich selbst herzurichten und ansonsten angeln zu gehen – sehr viel mehr bitte nicht.

Aber soviel Gespür hat er als Ex-Polizist eben dann doch noch: Cal spürt, dass  rgendjemand ständig um sein Grundstück herumschleicht… Das ist Tray, ein ca. 13 jähriger Teenager mit einem Problem: Tray erzählt, dass der älteste Sohn der Familie seit Wochen verschwunden ist und Tray schwört, nie im Leben wäre sein Bruder einfach so gegangen, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen, völlig klar, dass da was passiert ist. Und Cal – ist doch schließlich ehemaliger Cop, der kann was rauskriegen.
Das ist ja nun überhaupt nicht das, was sich Cal gerade vorgestellt hatte, sein Plan lautete ja eher: Renovieren, Angeln und sich im Dorf integrieren… Aber Tray bleibt hartnäckig und es entwickelt sich eine ungewöhnliche, aber zunehmend intensivere Beziehung zwischen den beiden. Außerdem wird Cal recht schnell klar, dass irgendwas in diesem idyllischen, irischen Dorf nicht stimmt…

Ein toller, spannender Roman, sehr raffiniert, French ist wirklich eine echte Könnerin und bietet uns nach ca. einem Drittel einen Kniff, der – sehr vieles auf den Kopf stellt!

Astrid Henning

 


die hafenaerztin 150x237

 

Ullstein 14,99€

 

Henrike Engel: "Die Hafenärztin"

Hamburg, 1910. Trüb wabert der Dunst über die Hafenstadt zur Kaiserzeit.
Anne Fitzpatrick taucht mit großen Plänen aus den Nebeln auf, ihre Vergangenheit so schemenhaft und mysteriös wie die düsteren Umrisse der Auswandererstadt. Als aktives Mitglied in der Frauenrechtsbewegung und eine der ersten Ärztinnen Deutschlands, will sie ein weiteres Frauenhaus in Hamburg eröffnen und kann dabei jede Hilfe gebrauchen.
Helene ist Pastorentochter und will den familiären Erwartungen entkommen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen – zum Wohl anderer. Die Frauen könnten von der gegenseitigen Unterstützung profitieren, wäre Helene bei der großen Eröffnung nicht über die Leichname zweier Frauen gestoßen.
Ermittler Berthold Rheydt ist sich sicher es mit einem erfahrenen Killer zu tun zu haben, der weiter morden wird. Beide Opfer hatten Kontakt zur Frauenbewegung: ist diese in Gefahr von dem Täter ausgebremst zu werden oder hat er es gar auf Helene oder Anne abgesehen? Und wieso kommt Anne die Vorgehensweise des Täters so bekannt vor?

Anne, Helene und Rheydt, sie alle haben ihre Geheimnisse und auf unterschiedliche Weise geliebte Menschen verloren. Sie befinden sich in der Rekalibrierungsphase ihres Lebens, auf Sinnsuche. Wir fiebern ihrem Lebensglück genauso hinterher, wie der Festnahme eines gefährlichen Serienmörders – ein guter Ausgangspunkt für den Auftakt dieser wundervollen Reihe.
Das Cover verspricht bereits ein wunderbares Schmökervergnügen und doch ist das Buch mehr als das: gut recherchiert, hält dieser Roman ebenfalls, neben einem packenden Kriminalfall, interessante Hintergründe zur (Frauen)geschichte Hamburgs bereit. Dennoch traut Henrike Engel es ihren Charakteren zu, über die Limitierungen ihrer Zeit hinauszublicken und stellt dabei relevante gesellschaftliche Fragen. Damit fängt sie den Zeitgeist des Aufbruchs ein und schafft ein rundes, kurzweiliges Lesevergnügen, bei dem die Seiten sich wie von selbst umzublättern scheinen. Zum Glück müssen wir nur noch wenige Monate auf Teil 2 warten!

Mattes Daugardt

 


wenn ich wiederkomme 150x237

 

Diogenes 22,00€

 

Marco Balzano: "Wenn ich wiederkomme"

Daniela lebt mit ihrer Familie in Rumänien, ihr Mann und sie haben zwei Kinder, Angelica und Manuel. Doch die Zeiten sind schlecht, das Geld knapp und ihr Mann Filip verdient immer weniger – bis er schließlich gar keinen Job mehr hat.
In dieser Situation entschließt sich Daniela, es wie viele andere Frauen aus Osteuropa zu machen: in den Westen zu gehen, nach Deutschland, Frankreich oder Italien, um dort als Altenpflegerin oder als Haushaltshilfe zu arbeiten. Eines morgens stiehlt sie sich ohne Abschied aus dem Haus – vielleicht meint sie, so sei es einfacher für alle - und steigt in einen Bus nach Mailand. Dort erwartet sie ein griesgrämiger, pflegebedürftiger alter Mann, sie bekommt eine kurze Einweisung vom Sohn und ist fortan allein verantwortlich für das Wohlergehen ihres Schützlings. Ohne Ausbildung, ohne Absicherung, ohne Vertrag.

Ihre Familie ist vor den Kopf gestoßen, und was von Daniela nur als vorübergehender Zustand geplant war, solange bis sich zu Hause was ändern würde, wird über Jahre andauern. Zwar schickt sie nun regelmäßig Geld nach Hause, bei sporadischen Besuchen bringt sie begehrte Westartikel mit – aber der Familie wird sie fremd, und insbesondere der sensible Manuel fühlt sich von seiner Mutter im Stich gelassen, da helfen auch keine Video-Telefonate. Manuel beginnt Schule zu schwänzen, zusammen mit einem Freund versucht er sich in Sachen Alkohol und Drogen – er steigt in einem solchen Zustand auf das Motorrad des Freundes und verunglückt schwer.
Erst dieses Unglück bewirkt, dass Daniela zurückkehrt und wochenlang am Krankenbett ihres Sohnes sitzt, der im Koma liegt. Sie spricht mit ihm, erzählt ihm von früher, aber auch von ihrer Arbeit in Italien. Es scheint, als wolle sie alles an Gesprächen nachholen, was sie in den Jahren zuvor versäumt hat.

Dieser eindringliche Roman ist aus drei Perspektiven erzählt: Im ersten Drittel kommt Manuel zu Wort, hautnah erfahren wir so, wie es sich für ein Kind, für einen Jugendlichen anfühlen kann, mit einer abwesenden Mutter aufzuwachsen. Dann der Unfall und die Rückkehr Danielas, jetzt erzählt sie selbst. Und schließlich, im letzten Teil, sehen wir durch die Augen Angelicas, Tochter und Schwester. Diese unterschiedlichen Sichtweisen machen das Buch umso reizvoller, ganz klar eine Geschichte, die einem im Gedächtnis bleibt.

Astrid Henning

 


maedchenmeuterei 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Kirsten Fuchs: "Mädchenmeuterei"

„Wir sahen aus wie Dummgelaufen, Pechgehabt und Selberschuld. Schönescheiße war in der Nebenkabine eingesperrt.“ Ich sag’s Ihnen: Zum Piepen! Selten hat mich ein Buch auf intelligente und charmante Weise so grandios unterhalten.

Wir – das sind vier Teenager-Mädchen: die Ich-Erzählerin Charlotte Nowak, Einzelkind mit Hund aus der Mittelschicht, eher unscheinbar und schüchtern, dafür ziemlich clever und sehr fantasievoll; Yvette, eine extrovertierte, extravagante Erscheinung aus extrem reichem Elternhaus, die gerne stänkert; Freigunda, eine junge, verwildert und verroht wirkende Frau der wenigen Worte, aber handfesten Taten, hineingeboren in eine Großfamilie, die wortwörtlich wie im Mittelalter lebt; und Antonia, das etwas naive, schutzbedürftige Nesthäkchen, kindlicher Moralapostel der Gruppe und stets um Harmonie bemüht.
Diese Mädchen waren im Sommer gemeinsam mit einigen anderen aus einem Camp in Ostdeutschland abgehauen und hatten mehrere Wochen wild im Wald gelebt, während sie polizeilich gesucht und zu Medienstars wurden. (Wer Kirsten Fuchs‘ preisgekrönte „Mädchenmeute“ von 2016 noch nicht gelesen hat, möchte dies spätestens nach der Lektüre von „Mädchenmeuterei“ tun. Versprochen.) Nun ist es Herbst und sie kommen erneut zusammen. Grund hierfür ist das Verschwinden eines weiteren Mädchens der Meute: die sechzehnjährige Rabea Adler, genannt Bea, freiheitsliebend, rebellisches, toughes Auftreten, schwieriges Verhältnis zur Mutter, den Vater als Lkw-Fahrer kaum gesehen.
Charlotte, die beeindruckt und vielleicht auch etwas schwärmerisch zu Bea aufschaut und diese so gerne ihre Freundin nennen würde, erhält plötzlich kryptische Videobotschaften aufs Smartphone. Aus diesen schließt die plietsche Hobby-Detektivin, dass Bea in Gefahr schwebt und sich in Marokko aufzuhalten scheint. Eine turbulente Rettungsaktion wird gestartet. Mithilfe der sympathisch-trotteligen Journalistin Francesca (Oh, habe ich Tränen gelacht!) checkt die Mädchenmeute – halb legal, halb illegal – in Rotterdam auf einem Containerschiff namens Lexy Barker ein und nimmt uns mit auf eine moderne Abenteuerreise, an deren Ende es tatsächlich zu einer waschechten Meuterei kommt…

Kirsten Fuchs‘ Sprache ist messerscharf; jedes Wort, jeder Satz hat seine Bedeutung, ist präzise auf den Punkt gebracht. Ohne langweilige Ausschweifungen lässt die Autorin wissenswerte Fakten, beispielsweise zu den Themen Globalisierung, Containerschifffahrt und Tierschmuggel, einfließen, wird an so mancher Stelle philosophisch, wenn Charlotte teenagertypisch über die kleineren und größeren Fragen des Lebens sinniert, und unterhält (nicht nur junge Leser*innen!) mit sagenhaftem Wortwitz. Fast jeder Absatz hat mich zum Schmunzeln, zum Lachen und/ oder ins Grübeln gebracht.
Ein Buch, das lange nachklingt. Dass einige Aspekte tatsächlich nicht ganz glaubwürdig erscheinen, einige sogar völlig unrealistisch sind, tut der literarischen Qualität überhaupt keinen Abbruch. Lebt nicht jede gute Geschichte auch von der Fantasie ihrer Erfinderin bzw. ihres Erfinders? Davon scheint Kirsten Fuchs eine Menge zu haben. Und ihre sehr realistische Sozialkritik verknüpft sie damit nebenbei auf sehr geschickte Weise. Meine Empfehlung: Unbedingt lesen!

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


meine schwester die serienmoerderin 150x237

 

Aufbau TB 10,00€

 

Oyinkan Braithwaite: "Meine Schwester, die Serienmörderin"

Als ihr Handy klingelt und der Name ihrer Schwester Ayoola auf dem Display steht, hat Korede ein ganz merkwürdiges Gefühl: bitte nicht schon wieder, denkt sie. Doch Menschen lassen sich nicht wirklich ändern – das gilt generell und ist besonders wahr im Fall von Serienmördern.
Leider auch im Fall von Serienmörderinnen und so muss Korede ihrer Pflicht als große Schwester eben nachgehen, lädt reichlich Plastikfolie und Bleichmittel ins Auto und macht sich auf den Weg zu der Wohnung von Ayoolas Freund. Nun ja… Ex-Freund.
Korede hat so fest daran geglaubt, dass es dieses Mal anders sein würde. Der ausgeblutete Liebhaber war so viel besonderer als die vorherigen Männer in Ayoolas Leben: kultiviert und feinfühlig, wortgewandt und romantisch veranlagt. Ayoola gibt ihr schnell zu verstehen, wirklich besonders ist kein Mann. Sie sind alle gleich. Obwohl die hübschen Gedichte des Ausgeflossenen Korede lange begleiten, ist Ayoolas gespielte Trauer bloß kurzfristig und schnell wirft sie sich wieder ungezügelt ins Dating Leben und in ihre Instagram Community.
Immerhin hat Korede ihre Arbeit im Krankenhaus als Rückzugsort. Dort dient ein komatöser Patient als Beichtvater und ein hübscher Doktor verdreht ihr gehörig den Kopf. Als Ayoola sie ungefragt zu einem Mittagessen einladen kommt, verliebt dieser sich jedoch in die jüngere aber so viel spektakulärer erscheinende Schwester. Natürlich will Korede den hübschen Mann vor einem Messer im Rücken bewahren, aber geht Familie nicht über alles?

Oyinnkan Braithwaite hat einen böse-witzigen Roman geschaffen, bei dem man nicht umhinkommt, düster zu gackern. Auf der einen Seite schlägt man sich bei Ayoolas „Schabernack“ die Hand vor die Stirn, aber auf der anderen Seite muss man sie auch wegen ihres praxisorientierten Aufbegehrens gegen das Patriarchat bewundern.
Ein gerissenhaft aufwühlender Text, der sich (trotz Erscheinen auf etlichen Preislisten) ganz locker weglesen lässt und in das nicht oft porträtierte Nigeria entführt. Endlich ist der Roman als Taschenbuch erschienen, denn Braithwaite eignet sich perfekt um einfach mal dem Alltag zu entfliehen.

Mattes Daugardt

 


stroemung 150x237

 

Aufbau Verlag 22,00€

 

Jakob Augstein: "Strömung"

Aus der Verbindung eines katholischen Zahnarztes aus Südtirol und einer anderthalb Jahre in der DDR inhaftierten Republikflüchtigen entsteht ein Junge namens Franz Xaver Misslinger. Der kleine Franz wächst in behüteten Verhältnissen an der Flensburger Förde auf. „Ich will in den Himmel springen!“, soll der kleine, pummelige Kerl  mit den großen Zielen schon früh ausgerufen haben.

„Meine Damen und Herren, ich bin Franz Xaver Misslinger und ich sage immer,  bei mir hört das Scheitern mit dem Namen auf!“ So beginnt Misslinger Jahre später so ziemlich jede Rede, die er auf Parteitagen oder vor großem Publikum hält; Lacher garantiert. Mittlerweile hat er Karriere bei einer liberalen Partei gemacht und ist von der Landesebene abgehoben, längst auf dem Berliner Parkett der Politik zu Hause. Nicht ganz unschuldig daran ist ein väterlicher Freund und Fürsprecher, die graue Eminenz der Partei. Der Preis für die schützende Hand: Misslinger muss zu jeder Tages- und Nachtzeit nach dessen Pfeife springen. Sehr zum Unmut seiner Frau Selma, die ihrem Ehemann vorwirft, seine Ideale verraten zu haben.
Die Ehe steht kurz vor dem Aus. Aus diesem Grunde und um seinen Kopf frei zu kriegen, begibt Misslinger sich mit seiner Teenitochter Luise kurz vor dem großen Parteitag, der über seine weitere Karriere entscheiden wird, auf eine kurze Reise nach New York. Die USA, sein gelobtes Land mit der einzig wahrenVerfassung, dem alles ermöglichenden Freiheitsbegriff und dem obersten Gebot, dass der Markt alles allein regelt. Man muss ihn sich nur entfalten lassen…. Doch sind diese Werte wirklich noch immer gültig, überhaupt möglich?

Jacob Augstein liegt das Schreiben in den Genen, „beide“ Väter haben sich im Gedruckten einen großen Namen gemacht. Dieses Debüt ist tatsächlich bemerkenswert. Geschliffen geschrieben, perfekt gezeichnete Figuren, interessante Thematik und erhellend in Bezug auf Denkweise, Moral und Charakter so manch eines Politikers auf höherer Ebene. Super!

Annette Matthaei

 


frau shibatas geniale idee 150x237

 

Atlantik Verlag 21,00€

 

Emi Yagi: "Frau Shibatas geniale Idee"

Kaffee kochen für Meetings an denen sie gar nicht teilnimmt, die Meetingräume in gutem Zustand halten, die Firmenpost verteilen und natürlich auch die Büroküche aufräumen und putzen – das sind die Aufgaben von Frau Shibata, der einzigen weiblichen Mitarbeiterin eines japanischen Großraumbüros. ZUSÄTZLICH zu ihrem eigentlichen Job, für den sie hochqualifiziert ist. Das reicht ihr jetzt aber gewaltig! „Tut mir leid, aber ich kann den Kaffee für Ihr heutiges Meeting nicht kochen“, sagt Frau Shibata. Warum das nicht? Na, weil sie schwanger ist, ganz einfach. Sie wissen schon, die Übelkeit im ersten Trimester und der starke Kaffeegeruch kombinieren sich gar nicht gut: so beginnt die Odysee einer Lüge.

In japanischer Manier werden wir in jede Kleinigkeit von Frau Shibatas Alltag eingeführt. Welche Sorte an Joghurt sie unheimlich gerne verspeist interessiert nicht wirklich, aber jedes Kapitel kündigt eine neue Schwangerschaftswoche an und je länger wir Frau Shibata auf ihrer Reise in die Mutterschaft begleiten, desto aufregender ist jede Veränderung, die sie an sich und ihrem geregelten Leben vornimmt. Wir beobachten, wie aus der fleißigen Arbeiterbiene ein selbstdenkender Mensch wird, der mit allen Konventionen bricht und der Schwarmintelligenz entkommt, ohne dabei in Erklärungsnot zu geraten.
Sehr elegant gemacht, wie Emi Yagi in ihrem vergnüglichen Text das Patriarchat mit dessen eigenen Instrumenten aushebelt. Eine sehr unzuverlässige Erzählerin zieht uns dabei immer mehr in ihren Bann und versetzt uns in laut loslachendes Staunen. Letztlich werden wir mit einem bösen Augenzwinkern entlassen – wunderbar ungewöhnliche und präzise Prosa.

Wer ausgefallene Spannungsbögen mit Witz und subtiler Klugheit mag, ist gut beraten sich in Frau Shibatas Netz aus Wahrheit und Lüge verstricken zu lassen.

Mattes Daugardt

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November

 


als deutschland erstmals einig wurde 150x237

 

Galiani 25,00€

 

Bruno Preisendörfer: "Als Deutschland erstmals einig wurde"

Zum vierten Mal dürfen wir mit Bruno Preisendörfer eine Zeitreise unternehmen: Nach Reisen in die Goethe-, Bach- und Lutherzeit kommen wir unserer Gegenwart ein Stückchen näher und reisen in die Bismarckzeit.
Wie immer ist es ein reines Vergnügen mit diesem Reiseleiter durch die Zeitläufte zu streichen, so kundig und eloquent wie Preisendörfer uns das 19. Jahrhundert näherbringt. Das Buch folgt dem bewährten Konzept und bietet dem Leser, der Leserin zu Beginn einen Überblick über die politische Großwetterlage von 1815 bis zur Zeit Wilhelm II.

Doch dann streifen wir wie schon in den drei Bänden zuvor mit Preisendörfer quer durch die Milieus und durch die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Gespickt mit Zitaten und kleinen Passagen aus Romanen der Zeit (Fontane!), entsteht vor unseren Augen ein Panorama mit vielen Facetten.
Wie haben die Menschen zu der Zeit gewohnt, wie war das Verhältnis zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, welche Freizeit-Vergnügungen gab es (Zoo, Zirkus, hoch im Kurs: Rollschuhlaufen), wie hat man sich fortbewegt usw.
Viele von uns haben in der Gegenwart das Gefühl, dass sich unsere Welt in atemberaubendem Tempo ändert, so dass man kaum noch mitkommt. Ich kann mir denken, dass es den Menschen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ebenso ging: Dampfmaschinen, elektrisches Licht, Telefon, Photographie – die technische Entwicklung galoppierte und stellte die Menschen vor ganz neue Herausforderungen. Politische Parteien gründeten sich, man wagte es, Kritik an den Kirchen zu üben, die Arbeiterbewegung entstand, ebenso die Frauenbewegung und stellte die herrschenden Machtverhältnisse in Frage.

Wie immer bei Preisendörfer ist es nicht zwingend notwendig, das Buch in der angebotenen Reihenfolge zu lesen, auch lässt es sich wunderbar auf den Nachtisch legen, um immer mal wieder hineinzuschauen. Lesen, durch andere Augen sehen und dabei klüger werden: Was gibt es Besseres!

Astrid Henning

 


die stimme meiner mutter 150x237

 

Ecco Verlag 22,00€

 

Eva Baronsky: "Die Stimme meiner Mutter"

Der Roman von Eva Baronsky spielt zu weiten Teilen im Jahr 1959 an einem sehr speziellen Ort, nämlich auf der Yacht des damals reichsten Manns der Welt: Aristoteles Onassis. Die Person, um die es um Buch aber eigentlich geht, ist die berühmteste Sängerin des 20. Jahrhunderts: Maria Callas.

Die Callas und ihr Ehemann Battista Meneghini sind eingeladen, auf der „Christina“ mit einer illustren Gästeschar drei Wochen durch’s Mittelmeer zu kreuzen. Mit an Bord u.a. Winston Churchill mit Frau, Tochter und Privatsekretär, aber natürlich auch Onassis selbst mit Ehefrau und seinen beiden Kindern. Maria Callas hat anstrengende Jahre hinter sich, ihr Ehemann und Manager hat ihr einen Auftritt nach dem anderen verordnet, oft, ohne ihrer Stimme ausreichend Zeit zur Erholung zu geben. Und während Maria Callas sich auf die Auszeit auf der luxuriösen Yacht freut, blickt der deutlich ältere Meneghini dem Aufenthalt missmutig entgegen. An Bord soll seine Laune noch sehr viel schlechter werden, denn vor seinen Augen und denen sämtlicher Gäste beginnen Onassis und Callas eine Liebesaffäre, die letztendlich zwei Scheidungen zur Folge haben wird.

Thema dieses Romans ist aber nicht nur diese glamouröse Beziehung, die natürlich von der Öffentlichkeit und der Presse begierig beobachtet und kommentiert wird. Baronsky beschäftig sich ebenso mit der Persönlichkeit der Callas: Sie erzählt von der Lieblosigkeit ihrer Mutter, von der Härte und der Disziplin, mit der sich Maria Callas ihren Weg erkämpft hat. Zeit ihres Lebens hat sie um ihre Figur, um ihr Aussehen gekämpft, nachdem sie lange Jahre ein stark übergewichtiges und kurzsichtiges Mädchen war, dem niemand eine Karriere auf der Bühne zutraute.
Die Beziehung zwischen Onassis und Maria Callas dauerte bis etwa 1968, mit vielen Höhen und Tiefen – bis sich Aristoteles Onassis 1968 schließlich einer anderen berühmten Frau zuwandte und diese dann auch tatsächlich heiratete: Jackie Kennedy.
Maria Callas starb 1977 in Paris, ihre Asche wurde auf ihren Wunsch hin vor der Insel Skorpios verstreut, einer Insel im Mittelmeer, die Onassis 1963 gekauft hatte und auf der sowohl er als auch seine Tochter begraben sind.

Astrid Henning

 


alles wird gut 150x237

 

btb 20,00€

 

Nina Lykke: "Alles wird gut"

Elin ist um die 50 und arbeitet seit Jahren als Allgemeinmedizinerin in einer großen Praxisgemeinschaft im Herzen von Oslo. Die Patienten sind in den Jahren deutlich „ansprüchlicher“ und anstrengender geworden. Um Dampf und Frust abzulassen, hat Elin sich angewöhnt mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum Dialoge zu führen. Es ist schon bedenklich, wenn man sich mit einem Haufen Plastik namens Tore unterhalten muss, um über die Tage zu kommen. Das sieht sie genauso. Einen zweiten Weg zur Entspannung gibt es noch für sie. Allabendlich füllt sie Wein in ein Glas, groß wie ein Goldfischaquarium…
Mit Acksel, ihrem Ehemann, hat sie eine stille Übereinkunft getroffen. Beide haben gelernt, sich absolut zufrieden zu lassen. Acksel blüht auf in jeder Art von Skirennen. Da wird der phlegmatische Gemahl munter, wenn es um ein Sandrennen oder eine waghalsige Abfahrt in Chinas Bergen geht, an der er teilnehmen kann. Gespräche zwischen den Eheleuten finden nach zwanzig gemeinsamen Jahren so gut wie gar nicht mehr statt. Elin kümmert sich um alles, die Kinder, die sozialen Kontakte, den Einkauf, den Haushalt. Sie hat es durchaus manchmal mit stillem Widerstand versucht, konnte dem Dreck und leeren Kühlschrank dann aber doch nicht standhalten. Ein dahinplätscherndes Leben voller Pflichten, kein Einzelfall…
Eines Tages, Elin scrollt sich durch Facebook, stößt sie auf Björn, einen Jugendfreund. Mehr durch Zufall nimmt sie seine Freundschaftsanfrage an und tatsächlich kommt es zu einem Treffen der beiden. Wie Elin nun, fast ungewollt, in eine Affäre mit dem verheirateten Exlover schlittert, raubt den Atem. Es dauert nicht lange, da klebt sie am Handy, gierig und süchtig auf die nächste Nachricht wartend, die ihr, so sie denn kommt, einen längst vergessen geglaubten Schwung und ein inneres Leuchten gibt, auf das sogar ihre Familie aufmerksam wird. Die heimlichen Treffen mit dem zunächst attraktiven Björn werden zu ihrem Lebenselixier.
Es ist von Anfang an klar, dass alles auf ein Fiasko hinausläuft, denn als wir Elin kennenlernen, „wohnt“ sie schon ein paar Wochen mit dem Skelett in ihrem Behandlungsraum. So viel zum Thema „Alles wird gut“.

Ein großartiges Buch: mit viel Humor geschrieben, langjährigen Ehen erbarmungslos auf den Pelz geguckt und ziemlich dicht am Leben dran. Die „Aftenposten“ vergleicht die Autorin dieses norwegischen Bestsellers mit einer modernen Jane Austen. Ich muss sagen, dass die Lektüre um einiges mehr Dampf hat, als die englische Beschaulichkeit der Jahrhundertwende… einfach klasse.

Annette Matthaei

 


der zauberer 150x237

 

Hanser Verlag 28,00€

 

Colm Tóibín : "Der Zauberer"

Vielleicht ist es ganz gut, dass es kein deutscher Schriftsteller ist, der sich an diesen Titan der deutschen Literatur heranwagt. Nach Goethe wohl „der“ deutsche Autor, dessen Verhältnis zu seinem eigenen Land nie einfach war.
„Der Zauberer“ beginnt zwar nicht mit der Geburt Thomas Manns – wahrscheinlich sind die Baby- und sehr frühen Kinderjahre auch nicht so ergiebig – aber der Roman setzt ein, als Mann ca. zehn Jahre alt ist. Und von dort an begleiten wir ihn bis kurz vor seinem Tod 1955.
Die Stationen dieses Lebens hier nachzuzeichnen, ist vielleicht überflüssig, da weithin bekannt. Dennoch seien ein paar Meilensteine kurz erwähnt: 1929 Nobelpreis für die „Buddenbrooks“, 1933 Emigration in die Schweiz, 1938 in die USA und schließlich 1952 die Rückkehr nach Europa, in die Schweiz.
Tóbín erzählt diese Biografie auf so lebendige Weise, dass man das Buch wie einen Film vor sich sieht. Er zeigt sich als profunder Kenner nicht nur der literarischen Werke Thomas Manns, sondern auch der Essays, der politischen Äußerungen, auch der Tagebücher. Durch diese umfassende Kenntnis schildert Tóbín die inneren Kämpfe des Autors, er zeichnet den langen Weg zur eindeutigen politischen Positionierung nach und natürlich auch Manns Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität, ein Thema, das ihn bis zum Lebendende beschäftigt.
Natürlich kann man kein Buch über Thomas Mann schreiben, ohne auch seine Familie zu portraitieren. Allen voran sicher Manns Frau Katia, ohne die sein Werk überhaupt nicht zu denken wäre. Nicht nur, dass sie ihm alle Alltagsdinge vom Leib gehalten hat, sie war auch immer eine kluge Ratgeberin und hat aus dem Hintergrund die Fäden gezogen. Erika und Klaus begegnen uns als sehr früh eigenständige und politisch denkende Persönlichkeiten, Elisabeth, die jüngste Tochter als Lieblingskind. Insgesamt eine Familiengeschichte, die reich an Dramen, an Unkonventionalität und vor allem an sprühendem Geist ist.

Dieses Buch ist sowohl ein Genuss für Leser, die mit dem Werk Manns schon gut vertraut sind, es ist aber ebenso ein wundervoller Einstieg für alle, denen Thomas Mann und sein Werk bislang doch „eine Nummer zu groß“ erschien. Unbedingte Empfehlung!

Astrid Henning

 


schoene welt wo bist du 150x237

 

Claassen Verlag 20,00€

 

Sally Rooney: "Schöne Welt, wo bist du"

Ich habe ein grundlegendes Problem mit Sally Rooney: würde ich mir ihre Einkaufsliste durchlesen, ich würde mich einsperren und bitte nicht gestört werden; ich würde diese Einkaufsliste nicht lesen, sondern studieren – ich würde sie einatmen. Klingt versessen? Tja nun, das ist was Sally Rooneys Worte auslösen. Man fühlt ein Sally Rooney Buch eher, als dass man es liest.

„Schöne Welt, wo bist du“ ist ein Roman über Menschen in ihren frischen Dreißigern, aber angesprochen fühlen wir uns alle: Alice und Eileen sind langjährige Freundinnen auf Sinnsuche. Wer hat nicht immer mal wieder das Gefühl den düstersten Nachrichten aus aller Welt zu trotzen, Bedeutendes tun zu müssen und nie trivial sein zu dürfen? In Zwischenkapiteln schreiben sich die Frauen aufgeschnappte Gedanken aus Büchern, Zusammenfassungen von Wikipedia-Artikeln, abstrakte Denkprozesse und dazwischen ein wenig aus ihren Leben, in einem Versuch die eigene Daseinsberechtigung zu hinterfragen.
Alice ist Buchautorin mit lachhaft großem literarischem Erfolg und als sie dem Fabrikangestellten Felix auf einer Dating-App begegnet, lädt sie ihn prompt auf Lesereise nach Rom ein. Eileen wiederum ist Redakteurin eines kleinen, schlecht verkauften Literaturmagazins – frisch verlassen verbringt sie immer mehr Zeit mit ihrem Kindheitsfreund Simon. Wie trivial ist nun Liebe und Freundschaft und auch Sex? Darf man das Oberflächliche trotz allem feiern und das vermeintlich Einfache ganz tief spüren?

Rooney schafft es komplexe Emotionen präzise zu entschlüsseln, sodass man sich immer wieder ertappt, aber auch verstanden fühlt. Besonders spannend ist es bei ihrem neuesten Werk dadurch, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, Alice und Eileen wären alternative Versionen der Autorin.
In Kritiken ruft Sally Rooney polarisierende Meinungen hervor: man liebt ihren Stil oder hasst ihn, denke ich. Ich für meinen Teil bin bei all ihren Texten bisher immer nah bei ihren Charakteren gewesen. Ohne viel zu erzählen, versteht Rooney es ihre Figuren spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich auch mal an altbekannten Bildern, aber immer ihrer ganz eigenen Sprache, die so viel auslösen kann. Eines Tages werde ich mir ihre Sätze nehmen und Wort für Wort ein Haus daraus bauen.

Mattes Daugardt

 


wo auch immer ihr seid 150x237

 

btb 22,00€

 

Khue Pham: "Wo auch immer ihr seid"

Kim ist dreißig Jahre alt und interessiert sich nur bedingt für ihre Vergangenheit. Als ihr Vater Minh 1968 zum Studium aus Vietnam nach Deutschland zog, rechneten die Verwandten nicht damit, dass er künftig seiner Heimat den Rücken kehren, und sich nur noch sporadisch für die Familie interessieren würde. Selbst die Auswanderung der Eltern und Geschwister nach Amerika vor vielen Jahren, fand wenig Beachtung bei Kim und ihrer Familie. Die Journalistin hat sich immer mal gewünscht, eine Deutsche zu sein, statt eine werden zu müssen!
Da schlägt die Nachricht des Onkels wie eine Bombe ein: Er bittet alle Familienmitglieder nach Kalifornien zur Testamentseröffnung. Kims Großmutter hat einen Brief hinterlassen, der ausdrücklich ALLEN vorgelesen werden soll. Mit Widerwillen macht man sich auf die Reise nach Kalifornien, und danach ist nichts mehr, wie zuvor....

In dieser besonderen Familiengeschichte werden politische Aspekte ebenso beleuchtet und dargestellt, wie die Folgen der Auswanderer über mehrere Generationen. Ganz gleich ob TET-Offensive und Umerziehungslager, Fluchtversuche über Kambodscha oder Demos gegen den Vietnamkrieg, die Autorin beschreibt einfühlsam und sehr authentisch die Situation der damaligen Geschehnisse!

Andrea Westerkamp


prima aussicht 150x237

 

Dumont Verlag 20,00€

 

Judith Poznan: "Prima Aussicht"

Judith übt Campingwagen-Kaufen. Also eigentlich will sie üben, aber nach nur 15 Minuten hat sie für 1.500,00€ tatsächlich einen vollkommen abgewrackten Wohnwagen erworben. An diesem Ding sind nur die Löcher an allen Ecken und Kanten Fakt. Und wenn sie ehrlich ist, kann der Kauf als klassische Übersprungshandlung betrachtet werden. Eigentlich möchte Judith viel lieber ein zweites Kind. Doch zu dieser Entscheidung gehören üblicherweise zwei. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Bruno, ihr Freund mit den schönen braunen Augen, den wilden Wuschellocken und dummerweise der ausgeprägten Angststörung, vertröstet sie. Jetzt ist noch nicht die Zeit für ein weiteres Kind, obwohl der kleine, gemeinsame Sohn für beide ein echter Sonnenschein ist. Später vielleicht. Mit 35 Jahren kann für eine Frau da schon mal die biologische Uhr ticken…

Nun  beschließt Judith spießig zu werden. Von einer Freundin hört sie von einem Campingplatz im Brandenburgischen. Und dort, an dem lauschigen See, dürfen wir Zeuge werden von typischen Campingplatzbehausern. Die Männer überwiegend oben ohne, aber immer mit einem Werkzeug in der Hand. Die Frauen hilfsbereit, allwissend und Quinoasalat zubereitend für die gemeinsamen Grillfeiern.
Judith grübelt über ihr Leben. So richtig hat sie nichts auf dieReihe gekriegt. Ihre Eltern haben sich mit Nachtschichten krummgelegt für die Tochter, schon aus der Art geschlagen mit dem Abitur. Das Literaturgeschichtsstudium ist mehr schlecht als recht abgeschlossen und das Ziel ein Buch zu veröffentlichen steht mit viel Druck im Raum. Das erweist sich als mal gar nicht so einfach mit einer ausgeprägten Legasthenie und einem gehörigen Phlegma.
Trotzdem, Judith und ihre verschwurbelten Gedankengänge wachsen einem mit jeder Seite mehr ans Herz und die humorvolle Selbstbetrachtung bringt häufig zum liebevollen Schmunzeln. Das Leben kann aber auch manchmal ein vertracktes sein… Dieser Sommer wird für die junge Frau ein ganz besonderer sein und nicht nur ihr bekommt die Zeit in der Natur bestens.

Wenn mich nicht alles täuscht, spiegelt die Autorin in diesem Buch einiges aus der eigenen Vita. Umso toller ist es, dass der frische Dumont Verlag diesen Roman entdeckt hat und es zur Veröffentlichung in diesem Sommer kam. Ein humorvolles und weises Lesevergnügen und eine echt Entdeckung!!!

Annette Matthaei

 


die letzte tochter von versailles 150x237

 

Insel Verlag 16,00€

 

Eva Stachniak: "Die letzte Tochter von Versailles"

Was für ein herrlicher, dicker Schmöker für Urlaub oder gemütliche Herbstabende…

Die Autorin Stachniak entführt uns in das Paris Mitte des 18.Jahrhunderts.
Die auffällig hübsche Véronique, schlanke Gestalt, Kaskaden von braunen Locken, lebt mit drei jüngeren Brüdern und der verwitweten Mutter im Armenviertel von Paris. Die Mutter versucht ihre Familie mit dem Verkauf von ausgebesserten Lumpen über Wasser zu halten. Für Véronique bedeutet dieses Leben Plackerei und Verantwortung, sehr anstrengend für ihre 12 Jahre.
Eines Tages erscheint ein eleganter Herr in ihrer Behausung und verhandelt mit der Mutter. Die Schönheit von Véronique soll der Familie zu einem besseren Leben verhelfen. Das junge Mädchen wird in ein Schlösschen in Versailles gebracht, um dort angeblich einem russischen Adligen zu dienen. Was sie und andere Mädchen aus dem „Hirschpark“ nicht wissen, sie werden zu Mätressen des skrupellosen und verwöhnten Königs Louis XV ausgebildet. Madame Pompadour persönlich hat ein Auge auf den Nachwuchs. Es dauert nicht lange, da wird Véronique zur Lieblingsgespielin des Königs. Doch als sie schwanger wird, ist es vorbei mit der Liebelei. Sie wird verstoßen, das Kind, ein Mädchen, wird ihr genommen und sie gegen ihren Willen nach Brest verheiratet.
Die kleine Marie Louise wird höchst geheim als königlicher Bastard in einer Pflegefamilie unweit des Hofes lieblos aufgezogen. Ein Glücksfall will es, dass sie als Heranwachsende in die Obhut einer couragierten Hebamme gelangt und von dieser selbst als Geburtshelferin ausgebildet wird. Ihre Ehe mit dem Rechtsanwalt Pierre beginnt glücklich und für damalige Zeiten beinahe gleichberechtigt.
Doch die Wirren des Jahrhunderts nehmen ihren Lauf und auch Marie Louise wird nicht verschont bleiben, zumal das Geheimnis ihrer Herkunft nach und nach gelüftet wird.

Betrachtet man das Cover dieses Taschenbuches, wird man wegen Kitschwarnung zurückschrecken, doch hier muss ein Plädoyer eingelegt werden. Sprachlich völlig korrekt und auch solide, angelehnt an die Historie, begleitet man mit viel Lesevergnügen die Figuren durch ein aufregendes Jahrhundert bis in die französische Revolution hinein.
Ich fühlte mich bestens unterhalten und kann nur eine Empfehlung aussprechen für alle Leser von historischen Romanen.

Annette Matthaei

 


die zeit der kirschen 150x237

 

Kindler Verlag 22,00€

 

Nicolas Barreau: "Die Zeit der Kirschen"

Nicolas Barreau hat erneut einen wunderbaren kurzweiligen Liebesroman verfasst, den man am besten mit „Ich wünschte, dieser Roman möge niemals enden“ beschreiben kann.

Für den Autor und Lektor Andrè ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Seit einem Jahr sind er und die Köchin Aurélie ein Paar. Nun möchte er den nächsten Schritt gehen und ihr einen Heiratsantrag machen. Einige Male schon musste er diesen Plan verschieben, aber der Valentinstag erscheint ihm als der beste Zeitpunkt, kann ein Datum romantischer sein? Geradezu akribisch plant er die Details: nach der Buchpremiere seines zweiten Romans, bei der er auch erstmalig als Autor in Erscheinung tritt, möchte er Aurélie fragen.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse aus einem ganz anderen Grund. Aurèlie nämlich bekommt zu erfahren, dass ihr kleines feines Restaurant völlig überraschend mit einem Michelin Stern ausgezeichnet wird! Euphorisch wird gefeiert, doch bereits am nächsten Tag folgt die bittere Ernüchterung: es handelt sich um ein Missverständnis, eine Verwechslung, denn die Ehre wird dem arroganten Sternkoch Jean Marie zuteil, dessen Restaurant den gleichen Namen trägt wie Aurèlies.
Die beiden Kochkoryphäen kommen ins Gespräch, finden einander so gar nicht sympathisch, nichtsdestotrotz nimmt Aurélie eine Einladung des Konkurrenten an, und absolviert sogar einen Kochkurs bei ihm. Wasser auf die Mühlen der Eifersucht des erfolgsverwöhnten Andrè, der diese beginnende Freundschaft mit Argusaugen betrachtet. Mehr und mehr steigert er sich in ein Misstrauen hinein, das ihm wie eine hässliche Kröte auf der Brust sitzt und konfrontiert Aurèlie zunehmend mit seinen Unterstellungen. Bis sie ihn vor die Tür setzt. Und seine Welt zusammenbricht.

Können Aurèlie und Andrè ihre Missverständnisse und verletzte Eitelkeiten hinter sich lassen, oder kommt es zum Neuanfang mit anderen Partnern? Da gibt es nämlich noch eine ebenso charmante wie gutaussehende Buchhändlerin, die auf Andrè durchaus nicht reizlos wirkt…

Heike Kasten

 


kleine palaeste 150x237

Arche Verlag 22,00€

 

Andreas Moster: "Kleine Paläste"

Dieser Moment der Stille, wenn alles platzt – ein Moment, gefangen in der Zeit, durch den wir das Verborgene entdecken und jede einzelne Scherbe, jeden Riss in der Fassade betrachten dürfen. Was für eine literarische Wucht dieses wunderbare Cover ankündigt und dieses Versprechen auch noch hält. „Kleine Paläste“ ist ein Familienroman und ein feinsinniges Porträt des verbohrten Spießbürgertums.

Hanno Holtz ist ihr vor mehr als dreißig Jahren entflohen, doch nun kehrt er zurück in die familiäre Kleinstadt, um seinen Vater zu pflegen. Seine Mutter ist just eines skurrilen Todes gestorben und es sind oft diese Momente, die den Roman so richtig leuchten lassen: Momente die böse-traurig, aber auch humoristisch, so wahrhaft eingefangen und meisterhaft gedreht werden.
Die Nachbarin Susanne Dreyer ist verwirrt von der neuen Situation im Hause gegenüber. Von ihrem Fenster aus dem Obergeschoss hat sie mit ihrem Fernglas einen Logenplatz, doch das gewöhnliche Holtz-Lustspiel folgt nun einem neuen, unsichtbaren Intendanten. Sie begibt sich aus ihrer Routine und bietet dem Kindheitsfreund Hanno ihre Hilfe an. So beginnt das kollektive Gedächtnis zu Rumoren und Erinnerungen an eine Feier im Jahre 1986 werden wach – Erinnerungen, die altbekannte Geschichten implodieren lassen und wieder neu zusammensetzen.

In diesem Roman ziehen die Geister der Erinnerung an den Fäden, die alles zusammenhalten. Mit Andreas Moster führt der Arche Verlag große Erzählkunst vor, die zurecht vom Hamburger Literaturpreis mit der Auszeichnung „Buch des Jahres“ gekürt wurde. Ein Kompositum an monumental erscheinenden Kleinigkeiten, ungewöhnlichen Perspektiven und großem Einfühlungsvermögen. Muss man gelesen haben.

Mattes Daugardt

 


sharing willst du wirklich alles teilen 150x237

 

Fischer TB 15,99€

 

Arno Strobel: "Sharing - Willst Du wirklich alles teilen?"

Aus Überzeugung haben Markus und Bettina ein Sharing-Unternehmen gegründet, das Autos und Wohnungen zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt: ökologisch, ökonomisch, nachhaltig und gemeinwohlorientiert! Das Konzept wird erfolgreich angenommen, das Ehepaar vereint Beruf und Privatleben bestens, gerade die gemeinsamen Interessen verbinden die beiden.
Doch eines Nachts kommt Bettina nicht heim von einem Treffen mit ihrer Freundin. Ein anonymer Anruf macht Markus schnell klar, dass seine Frau entführt wurde und nun im Darknet öffentlich zur Schau gestellt wird. Über einen speziellen Link und nach der Entrichtung eines Eintrittsgeldes können sich interessierte Schaulustige einwählen und live mitverfolgen, wie Bettina von maskierten Unbekannten gequält wird. Die Zuschauerzahlen steigen im rasenden Tempo. Wolle Markus seine Frau je lebend wiedersehen, habe er alles zu tun, was ihm befohlen werde.
Unvermittelt befindet sich Markus in einem höllenhaften Alptraum! Denn am nächsten Morgen muss er feststellen, dass auch seine jugendliche Tochter entführt wurde. Und auch sie soll in einer sog. Show im Darknet vorgeführt werden. Um sie zu finden, muss Markus sich auf das Spiel des Entführers einlassen, der ihm telefonisch immer neue Aufgaben stellt. Völlig auf sich allein gestellt, verdächtigt nicht nur von der Polizei, sondern auch von Freunden und den Schwiegereltern, kämpft er verzweifelt gegen die Zeit.

Der perfide Wettkampf, dem er nicht ausweichen kann, ist gnadenlos und nicht verhandelbar. Ein in jeder Hinsicht quälender Countdown beginnt…

Heike Kasten

 


heaven 150x237

 

Dumont Verlag 22,00€

 

Mieko Kawakami: "Heaven"

Eines Tages entdeckt der namenlose Ich-Erzähler in seinem Federmäppchen ein beschriebenes Stück Papier. Es stehen nur fünf Worte darauf: „Wir gehören zur selben Sorte.“ Von wem stammt die Nachricht? Bald folgen weitere Zettel, unauffällig unter die Tischplatte geklebt, an der Tür des Schulspinds verborgen. Fragen stehen darauf, harmlose, wohin er gerne einmal verreisen würde? Was er während des letzten Regens gemacht habe? Und irgendwann eine knappe Aufforderung zu einem Treffen mit einer kleinen Skizze.
Mit gemischten Gefühlen sucht der Erzähler schließlich den genannten Treffpunkt auf und stellt mit Erstaunen fest, dass dort seine Klassenkameradin Kojima auf ihn wartet. Die beiden Jugendlichen beginnen sich Briefe zu schreiben; es entsteht ein feiner, zarter, wunderschöner Dialog zwischen ihnen, fast poetisch, über Alltäglichkeiten und Besonderes, über Belanglosigkeiten und Erzählenswertes. Ein Band wird gesponnen, eine neue Freundschaft wächst. Nur ein Thema sparen beide aus, obwohl sie tagtäglich auf brutalste Art und Weise mit ihm konfrontiert werden: Beide werden von ihren Klassenkameraden auf furchtbare Art und Weise gemobbt, gequält und erniedrigt.
In ihre Realität versuchen sie möglichst unsichtbar zu sein, die Attacken wegzustecken und zu überleben. Sie wehren sich nicht, sie tun, was man von ihnen verlangt; sie sehen weg, wenn der andere an der Reihe ist, um nur das Schreckliche nicht in ihre Beziehung, die immer mehr zu einer Parallelwelt, gar zu einer Schutzzone wird, zu lassen.

Der Ich-Erzähler und Kojima leben in einer Gesellschaft von Gleichen, die jedes Anderssein sofort bemerkt. Beide haben etwas an sich, das sie tatsächlich von den anderen unterscheidet. Trotzdem scheint es dem Leser, als sei ihre Auswahl willkürlich, als könne es auch jeden beliebig anderen Schüler treffen. Gerechtigkeit und Lösungen sucht man in Kawakamis Roman vergebens; es geht ums blanke Überleben, ums Erdulden, ums Überstehen; darum, irgendwie durch die Schule, den Tag und letztlich die Jugend zu kommen. Die Jugendlichen versuchen ihr Schicksal zu verstehen, zu erklären und anzunehmen. Sie sehen die Schwäche derer, die nur zusehen; die Schwäche ihrer Peiniger, die die Not anderer brauchen, um sich selbst an ihr zu erhöhen. Sie sehen auch ihre eigene Schwäche, doch diese ist anders: „Wir sind vielleicht schwach, aber unsere Schwäche hat einen Sinn. Wir wissen. Wir wissen, was wichtig und was nicht richtig ist. […] Die Einzigen in unserer Klasse, die wirklich unabhängig sind, sind du und ich. Sonst niemand.“

Die beiden Jugendlichen fliehen in die Parallelwelt ihrer Freundschaft, um einen letzten Rest Würde zu behalten, auch wenn ihre Peiniger in der „zweiten Realität“ mit allen Mitteln versuchen, diese Würde zu zerstören und sie mit Füßen treten. Doch durch einen letzten, besonders brutalen Angriff wird dem Ich-Erzähler diese Möglichkeit des Ertragens auch noch genommen. Zu viel willkürlich ausgeübte Gewalt beraubt ihn schließlich seines Glaubens, dass irgendein höherer Sinn hinter allem stecken könnte.

Sabine Christ

 


soerensen am ende der welt 150x237

 

rororo 11,00€

 

Sven Stricker: "Sörensen am Ende der Welt"

Normalerweise bin ich kein Freund der Krimivorstellung, dritter, vierter, fünfter Band… Bei Sörensen aber werde ich schwach, da muss ich eine Ausnahme machen. Den Kommissar hinterm Deich von  Katenbüll  hoch im friesischen Norden kann und will ich Ihnen auch bei seinem dritten Fall nicht vorenthalten, weil er einfach zu gut ist.
Sörensen erfreut sich mittlerweile einer großen Fangemeinde, nicht zuletzt weil Bjarne Mädel ihn mit dieser ihm auf den Leib geschriebenen Rolle auf die Mattscheibe gebracht hat. Aber auch wer bisher noch nichts von dem Kommissar gehört hat, kann direkt mit Spannung und noch mehr Amüsement in das Setting einsteigen.

Sörensen wächst hier kurz vor Ostern so ziemlich alles über den Kopf. Der Tankstellenbesitzer Töns Gregersen aus Katenbüll hat eine männliche Leiche aus dem Teich im Koog gefischt. Am Morgen beim Gassigang, ganz verstört ist der immer noch… Und seit der Nacht ist Ole spurlos verschwunden, Aushilfe in der Tanke, Musiker mit Rastalocken, Bekannter von Sörensen und zudem bald der Vater von Jenni Holstenbecks Enkel.
Wie immer kann Sörensen von Glück sagen, dass er die patente Jenni an seiner Seite hat, aber diesmal ist noch nicht mal auf die KOKin (Kriminaloberkommissarin) Verlass. Mit 35 Oma werden, wem gefällt sowas schon? Und warum müssen Töchter eigentlich die gleichen Fehler wie ihre Mütter machen? Und dann gibt es da noch die Frage nach dem Opa in Spe…. Nee, also selbst die Deichverbundene Jenni verliert mal die Bodenhaftung.
Zu allem Überfluss hat sich auch noch Sörensens scharfzüngiger Vater über die Feiertage angekündigt und die Kollegen aus Husum seiner Dienststelle eine frustrierte, störrische Praktikantin in Nest geschmissen. Sieke Pfeifer, so heißt man doch nicht...die keiner leiden kann, aber doch allen ein bisschen leid tut. Oh Mann, wen wundert es, dass da eine alte Bekannte, die Angststörung aus Hamburger LKA Zeiten, an die Tür klopft und Sörensen mächtig zusetzt… Es wird nicht bei der einen Leiche bleiben, und wieder muss der arme Töns dran glauben… „ist doch kein Leben, ist das nicht, jeden zweiten Tag einen Toten finden“… Und auch für Sörensen wird es noch mal so richtig eng und mulmig, aber zu Ostern wird dann doch noch alles gut hinterm Deich.

Nicht in einer Zeile ist dieser neue Fall ein Abklatsch der anderen, im Gegenteil, ordentlich spannend. Und dieser schrullige, in gewisser Weise geradezu philosophisch angehauchte Menschenkenner Sörensen wird mir von Mal zu Mal vertrauter und das Abschiednehmen  bis zum nächsten Fall schwerer.

Annette Matthaei


the watchers 150x237
 

John Marrs: "The Watchers"

Wertvoller als Gold, begehrter als funkelnde Edelsteine sind ja heutzutage Daten und Informationen. Leicht zu beschaffen, haben wir doch alle durch digitale Verbandelungen unsere Privatsphäre quasi in den Mond geschossen.

Für Hacker stellt es kein Problem dar, eigentlich geheime Daten und Sicherheitslücken auszuspionieren, brisante Files abzugreifen und ihrer jeweiligen Behörde, die wiederum einer jeweiligen Regierung untersteht, Vorteile jeglicher Art zu beschaffen. Da schweben Informationen im virtuellen Raum, die ganze Nationen ins Chaos stürzen könnten. Wie kann man es diesen Daten-Dieben so schwer wie möglich machen?
Die britische Regierung hat da einen ganz vorzüglichen Plan: fünf speziell ausgesuchte Zivilisten, sorgfältig ausgewählt, waren in der Lage, ein komplexes Rätsel zu lösen, das eigens für sie entwickelt wurde. Allesamt sind sie Synästhetiker, also Menschen, die in der Lage sind, Sinnesreize auf besondere Art und Weise wahrzunehmen. So schmecken sie beispielsweise Farben oder visualisieren Musik, verknüpfen quasi ihre Wahrnehmung. Die geheimsten Daten des Vereinigten Königsreichs werden in einen genetischen Code umgewandelt und den fünf Auserwählten ins Gehirn implantiert.
Und hier beginnen die Schwierigkeiten. Den Geheimnisträgern ist es strengstens untersagt, miteinander Kontakt aufzunehmen. Hinzu kommt, dass sie ihr bisheriges Leben für die Dauer von fünf Jahren komplett aufgeben müssen. Gut, sie werden fürstlich entlohnt für diese Opfer, jedoch ist es ihnen, wie allen anderen Menschen auch, nicht möglich, ihr bisheriges Dasein komplett hinter sich zu lassen. Ein jeder von ihnen weilte nicht auf der Sonnenseite des Lebens, und so holen die Schatten sie nach und nach ein…

Der rasante, nicht künstlich mit Fachbegriffen aufgeblasene Schreibstil, der rasante Wechsel von Figur zu Figur halten in Atem und bei der Stange. Einzelschicksale, menschliche Abgründe und politisches Kalkül treffen aufeinander – und zeigen, wie grandios ein auf dem Papier entstandener Plan dann doch scheitern kann. Dieser brisante Thriller ist vielleicht näher am Puls der Zeit, als uns lieb sein mag.

 

Heike Kasten


wer das feuer entfacht 150x237

 

Blanvalet Verlag 20,00€

 

Paula Hawkins: "Wer das Feuer entfacht"

Mit GIRL ON THE TRAIN gelang Mrs.Hawkins vor  einigen Jahren ein großartiger Einstieg in die Thrillerszene, seither "liefert" sie zuverlässig regelmäßig neue, spannende Krimis.

Ihr aktuelles Buch spielt u.a. auf einem Hausboot in London. Während die frustrierte und vom Leben nicht unbedingt verwöhnte Miriam aus dem Bullauge ihres Hausboots starrt, verlässt plötzlich eine junge, blutbesudelte Frau panikartig das Boot ihres Nachbarn Daniel. Der junge Mann hatte nächtlichen Besuch, und nun liegt er blutüberströmt und mausetot (das passiert, wenn man sich die Kehle durchschneiden lässt) in seiner Kajüte. Während die Polizei nach der verschwundenen Frau sucht, scheint auch Miriam durchaus unter Tatverdacht zu geraten. Immerhin wird ihre DNA am Tatort gefunden, und ein Motiv scheint sie auch zu haben... Eine weitere Verdächtige fehlt uns noch: Carla Meyerson, die Tante des Verblichenen, hatte ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Neffen.

Und so rätseln wir Leser gemeinsam mit der Polizei, während sich die nächste Katastrophe bereits anbahnt...

Andrea Westerkamp

 


die vier winde 150x237

 

Ruetten und Loening 20,00€

 

Kristin Hannah: "Die vier Winde"

Texas 1921

Die kleine Elsa wächst wohlbehütet, aber streng abgeschottet auf. Nach einer Fehldiagnose wird ihr eine äußerst schwache Konstitution bescheinigt. Das führt zu einem Leben ohne jegliche Abwechslung, oder gar soziale Kontakte. Im Alter von 25 Jahren bricht sie aus und wagt einen Alleingang in die Stadt....

Raf, der junge, hübsche Sohn italienischer Einwanderer verdreht Elsa den Kopf, und nicht nur den... Als Elsa schwanger wird, zwingt ihr Vater sie zur Heirat und enterbt sie. Nie wieder wird sie ihre Eltern sehen! Fortan wird aus dem kränklich zarten Mädchen eine immer stärkere Frau, die sich in den Haushalt ihrer Schwiegereltern einfügt und arbeitet, wie nie zuvor in ihrem Leben.
Währenddessen ziehen dunkle Wolken am texanischen Himmel auf! Nach jahrzehntelanger Ausbeutung der Äcker und Raubbau der Natur, sorgt der "Dustbowl" für verheerende Schäden an Mensch, Tier und Umwelt. 100.000 Menschen werden nach Kalifornien fliehen, darunter auch Elsa und ihre zwei Kinder....

Die Schilderungen der damaligen Verhältnisse um die Dürrekatastrophe und die daraus resultierenden Folgen, machen diesen Roman zusätzlich zu etwas Besonderem!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober

 


ascona 150x237

 

Piper 22,00€

 

Edgar Rai: "Ascona"

Dieser Roman entwickelt besondere Faszination, wenn man ihn im Zusammenhang mit Colm Tóibíns Roman „Der Zauberer“ über Thomas Mann liest, zwei unterschiedlichere Persönlichkeiten in der Literatur lassen sich kaum denken.

Doch beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten: Beide Autoren werden von den Nazis geächtet, ihre Bücher verbrannt. Beide emigrieren Anfang der 30er in die Schweiz, beide waren bereits sehr erfolgreich, so dass zumindest materiell keine existentielle Sorge besteht. Remarque hatte sich Anfang 1931 eine Villa am Lago Maggiore gekauft und seinen Hauptwohnsitz in die Schweiz verlegt. Einen Tag nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, zieht er endgültig nach Ascona.
Doch wenn Thomas Mann jeden Tag streng durchstrukturiert hat, nach festem Plan arbeitet und schreibt, taumelt Remarque durch Tage und Nächte, trinkt zu viel, ringt mit seinem eigentlich schon fertig gestellten Roman „Pat“. Sein deutscher Verleger wartet händeringend, die ausländischen Lizenzen sind schon vergeben, alles wartet auf DEN neuen Roman nach „Im Westen nichts Neues“ – doch Remarque erscheint plötzlich alles falsch am neuen Werk. Da passt es prima, dass man der Arbeit sehr leicht aus dem Weg gehen kann, denn ähnlich wie damals in Ostende, finden sich auch in Ascona berühmte und von den Nazis verfolgte KünstlerInnen ein, darunter Else Lasker-Schüler, Ernst Toller und die Malerin Marianne von Werefkin. Zum Teil erscheint es einem wie ein Tanz auf dem Vulkan, maßlos, vergessen wollend, sich dem Rausch hingebend.

Edgar Rai beschreibt in seinem Roman die Verzweiflung über die Heimatlosigkeit, die Suche nach einem sicheren Hafen auch für Angehörige und liebe Freunde. Natürlich gehören auch Liebschaften dazu, hier u.a. die Leidenschaft Remarques für Marlene Dietrich, die fast an eine Art Hörigkeit grenzt.
Rai gelingt mit seinem Buch ein fesselnder und lebendiger Einblick in ein weiteres Kapitel deutscher Emigrationsgeschichte, berührend und gut recherchiert.

Astrid Henning

 


unter dem sturm 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Christoffer Carlsson: "Unter dem Sturm"

Südschweden, ein kleines Kaff namens Märbäck, 1995

Hier ereignet sich in einer Herbstnacht ein unfassbares Unglück. Der Hof der Familie Markström brennt bis auf die Grundmauern nieder. Mitten im Inferno wird die Leiche der Tochter des Hauses, der hübschen Lovisa gefunden. Zur Zeit des grauenvollen Ereignisses war Lovisa mit Edvard liiert.
Der junge Mann wird verwirrt und durch Verbrennungen verletzt im nahen Wald aufgefunden und sofort festgenommen. Edvard gilt als Hauptverdächtiger, ist er doch bekannt für seinen Jähzorn, so wie bereits sein Vater, der seine Frau schlug und im Dorf höchst unbeliebt war. Die Männer dieser Familie scheinen den Teufel in sich zu haben.

Für Isak bricht eine Welt zusammen, der Siebenjährige liebt seinen Onkel abgöttisch. So ist er es, der mit ihm angeln geht, seine Hand hält, wenn er sich vor etwas fürchtet und immer ein offenes, verständnisvolles Ohr für seinen Neffen hat. Nun ist sein Onkel zu  ebenslanger Haft verurteilt, sitzt im Gefängnis und beteuert seine Unschuld.
Vidar Jörgensson war einer der ersten am Unglücksort. Er lebt in Märbäck, arbeitet als Polizist im nahegelegenen Ort. Auch für ihn scheint der Täter überführt.

Zehn Jahre später: Isak ist zu einem wankelmütigen, aufbrausenden und depressiven Jugendlichen herangewachsen. Der Kontakt zu seinem Onkel wurde von der Familie komplett abgebrochen, aber er muss noch oft an ihn denken, zumal ihn der Gedanke quält, seinem Onkel charakterlich ähnlich zu sein. Wird er geärgert, kommt es zu einem Punkt, an dem er nur noch rot sieht und unbarmherzig zuschlägt.
Auch Vidar lässt das Schicksal von Edvard nicht los. In ihm tauchen zunehmend Zweifel an dessen Schuld auf. Sind da einige Indizien unterschlagen worden? Sollte Edvard bewusst als Mörder belastet werden? Der Fall hält ihn in den Klauen.

Noch einen Zeitsprung von zehn Jahren wird es in diesem packenden Krimi von Christoffer Carlsson geben und die Welt wird eine andere sein.
Wer einen typischen Skandinavienthriller erwartet, für den ist dieses Buch nicht das Richtige. Die düstere Atmosphäre des schwedischen Landlebens wird zwar perfekt getroffen, aber die Gewalt und Grausamkeit anderer nordischer Krimis wird hier durch feinste Psychologie ersetzt. Der Entwicklung der Hauptfiguren über eine Spanne von zwanzig Jahren beizuwohnen, übt einen enormen Lesesog aus.
Bei gebundenen Krimis habe ich zumeist Vorbehalte, was den Preis angeht. In diesem Falle kann ich nur sagen, es lohnt sich von Anfang bis Ende!

Annette Matthaei

 


welten auseinander 150x237

 

S. Fischer 23,00€

 

Julia Franck: "Welten auseinander"

Vor knapp 15 Jahren gewann Julia Franck mit der „Mittagsfrau“ den Deutschen Buchpreis. Jetzt hat die Autorin nach längerer Roman-Pause ein neues Buch vorgelegt, ein Buch, das mich sehr begeistert hat. Und auch wenn „Welten auseinander“ ein Roman ist, so ist dieses Buch doch gleichzeitig ein intensives, autobiographisches Stück Erinnerung an Julia Francks Kindheit und Jugend.

1978 wird der dritte Ausreiseantrag der Mutter genehmigt, zusammen mit ihren vier Töchtern darf die Schauspielerin aus Ost-Berlin in den Westen reisen. Nach einem Aufenthalt im Auffanglager zieht die Familie in ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein und bewohnt dort einen runtergekommenen Hof. Während die Mutter sich dort völlig ihren eigenen Belangen widmet, zu einer Mischung aus Hippie und Messie mutiert, sind die Kinder auf sich allein gestellt, da bekommt „alleinerziehend“ nochmal eine ganz besondere Bedeutung. Julia und ihre Zwillingsschwester sind zu diesem Zeitpunkt ca. acht Jahre, und doch beginnen sie, für sich selbst zu kochen, sich selbst Kleidung zu nähen, weil die alten Klamotten auseinanderfallen, den Schulalltag irgendwie zu regeln und nebenbei auch noch die Mutter über Wasser zu halten. Nach fünf Jahren hält Julia es nicht mehr aus und setzt durch, dass sie zu ihrer Tante nach West-Berlin ziehen darf, im damals noch geteilten Deutschland.
Gleichzeitig berichtet Franck in ihrem Buch vom Leben ihrer Großmutter und Urgroßmutter, beileibe keine einfachen Frauen, aber immer Teil der kulturellen und intellektuellen Szene ihrer Zeit. Hier begegnen uns Namen wie Erich Fried, Victor Klemperer, Robert Havemann u.a.
Und dann ist da noch die Rahmenhandlung: Die Mitte 20-jährige Julia ist nachmittags mit ihrem Freund in einem Café in Berlin verabredet, doch zu diesem Treffen wird es nicht kommen…

Ich wünsche diesem offenen und mutigem Buch alles erdenklich Gute und jede Menge LeserInnen.

Astrid Henning

 


der gesang der berge 150x237

Insel Verlag 23,00€

 

Nguyen Phan Qué Mai: "Der Gesang der Berge"

Hanoi in den 70ern

Die Folgen des Vietnamkrieges sind noch spür- und sichtbar.
Huong ist 12 Jahre alt und lebt bei ihrer Großmutter. Ihrer Eltern hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Der Vater gilt als verschollen, und ihre Mutter begab sich vor Zeiten auf die Suche nach ihm. Großmama Dieu Lan (1920 geb.) gibt sich größte Mühe, die Eltern zu ersetzen. Aber auch sie hat unendlich viel Federn gelassen während der furchtbaren Jahrzehnte.
Vor dem Bürgerkrieg lebte die Famile im Wohlstand. Dieu arbeitete als Lehrerin, ihr Mann lebte noch und gemeinsam zogen sie ihre sechs Kinder groß. Während Huong Tag für Tag nach ihren Eltern Ausschau hält, erzählt die Großmutter ihrer Enkeltochter an langen Abenden nach und nach die Familiengeschichte. Wir Leser tauchen fasziniert ein in die für uns Europäer teilweise so anders anmutende asiatische Lebensweise. Der Roman wird dramatisch, als Dieu berichtet, wie der Bürgerkrieg sie zwingt, alles aufzugeben. Sie flieht mit vier ihrer Kinder und kämpft um´s nackte Überleben. Man spürt die unglaubliche Willensstärke dieser besonderen Frau! Die Hoffnung, eines Tages wieder als Familie vereint zu sein, gibt ihr Kraft und treibt sie voran.

Eine unglaublich fesselnde Familiengeschichte, die ich unbedingt(!) empfehlen möchte.

Andrea Westerkamp

 


der leere platz 150x237

 

Kein & Aber 22,00€

 

Marion Karausche: "Der leere Platz"

„Eine Mutter kann nur so glücklich sein, wie ihr unglücklichstes Kind“ (Sarah Blaffer Hrdy)

Marlen schätzt sich glücklich. Sie ist stolz auf ihre Familie und ihr Leben, mit sich im Einklang. Als sie Martin vor mehr als 25 Jahren kennenlernte, war ihr klar, dass sie mit der Heirat ihren erfüllenden Beruf als MTA aufgeben und ihm auf Grund seines Jobs nach Marokko folgen würde. In Rabat leben sie nun schon lange im Privilegiertenviertel in einer großen Villa mit Blick auf das Meer. Die Eheleute gelten im Freundeskreis als das absolute Traumpaar. Marlen widmet sich ganz und gar dem Familienleben. Erst wird der ruhige, sanfte Kai geboren. Große Augen, dunkle Locken, ein stilles, angenehmes Kind. Ein paar Jahre später folgt die etwas anstrengendere, wilde Amy.
Nun sind beide Kinder Teenies und haben eine enge und liebevolle geschwisterliche Bindung. Kai hat gerade das Abitur auf einer internationalen Schule überdurchschnittlich gut abgelegt. Mit ein paar Freunden plant er eine Reise durch Europa. Danach ist ein Studium in Deutschland das Ziel. Und das ist der Moment, in dem das Leben der Familie ins Kippen – bis hin zum Absturz - gerät.

Schon bevor er abreist, beschleicht Marlen ein ungutes Gefühl. Ihr Sohn ist zögerlich, verschlossen, tut sich schwer mit Entscheidungen. Auch ihr fällt es nicht leicht, eines ihrer Küken ziehen zu lassen. Es scheint ein neuer Entwicklungsschritt zu sein. Dass die Nachrichten aus Europa aber nun sehr spärlich ausfallen und später ganz ausbleiben, versetzt die Eltern verständlicherweise in höchste Unruhe. Die Freunde von Kai kehren nach Rabat zurück, um ihre Ausbildungen zu beginnen. Er hingegen lässt ausrichten, dass er noch auf der Suche nach sich selbst sei und vorerst in Portugal bleiben würde. Die nächsten Nachrichten kommen nach Wochen aus Peru. Kai hat sich Schamanen in der Wildnis angeschlossen.
Marlen wird ihren Sohn erst zu Ostern bei Martins Familie in Deutschland wiedersehen. Völlig überraschend steht der verwahrloste, abgemagerte junge Mann zur traditionellen, alljährlichen Familienfeier bei seiner Großmutter vor der Tür. Komplett verschlossen, mürrisch und misstrauisch, mit einem Bein auf der Flucht.

Was nun passiert ist eine Abfolge von Ereignissen, die die Belastung einer Mutter um ein Weites übersteigen. Ein Anruf: der Sohn sei in eine geschlossene psychiatrische Klinik eingeliefert worden. Marlen eilt zu ihm, findet ihr Kind apathisch, komplett unter Medikamenten stehend vor. Sein Auto hat er angezündet, spricht stockend von Stimmen und Verfolgern. Die Diagnose Schizophrenie haut die Eltern um. Marlen ist erfüllt von Schmerz und Verzweiflung. Martin reist allein zurück nach Rabat, sie bleibt bei ihrem Sohn in Deutschland. Die Eltern haben schlagartig ihre Bindung verloren und verlieren sich jeder auf seine Art in ihrer Einsamkeit.

Mit einer unglaublichen Intensität erzählt die Autorin die Geschichte einer Mutter, die sich selbst aufgibt, nichts unversucht lässt, um ihr Kind zu retten, aber wohl einen aussichtslosen Kampf kämpft. Hilflosigkeit, Ohnmacht, Unsicherheit, all das sind die Gefühle, die sicherlich die meisten Eltern erleben, deren Kinder psychisch schwer erkranken. Was für ein beklemmender und beeindruckender Roman und dazu noch ein Debüt!!! Auch nach der letzten Seite hat mich dieses hervorragende Buch lange nicht losgelassen.

Annette Matthaei

 


every 150x237

 

KiWi 25,00€

 

Dave Eggers: "Every"

Der „Circle“ ist Vergangenheit: Das (Digital-)Unternehmen hat die Konkurrenz aufgekauft, u.a. auch einen weltweit agierenden Online-Versand namens dschungel, und nennt sich nun „Every“.

Delaney Wells, Hauptfigur der Geschichte, steht der zunehmenden Komplettdigitalisierung der Welt kritisch gegenüber und befürchtet eine soziale Kontrollübernahme. Innerlich sympathisiert sie mit den Digitalverweigerern, den sog. Trogs, die man sich wie Alt-Hippies vorstellen muss, deren städtischer Lebensraum immer weiter eingeschränkt wird und die sich unbewacht und unbeobachtet nur noch an wenigen Orten aufhalten können.
Delaney nun bewirbt sich bei diesem größten, modernsten Konzern, „Every“, verfolgt jedoch eine geheime Agenda: Sie plant, den Konzern von innen heraus zu Fall zu bringen. Immer übergriffigere Vorschläge bei der Produktentwicklung sollen die Belegschaft bzw. Nutzer:innen zur Rebellion gegen die Einschränkung von Persönlichkeits- und Freiheitsrechten bringen.
Der einzig Eingeweihte und Verbündete ist ihr Mitbewohner Wes, ein begnadeter Programmierer, auch er ist bei „Every“ tätig. Die beiden überlegen, so viele absurde digitale Ideen in den „Every“-Kosmos einzubringen, bis der Konzern sich am Ende selbst diskreditiert und zerstört. Aber selbstverständlich entwickeln sich die Dinge anders: das so raffinierte wie naive Vorhaben der beiden scheint komplett nach hinten loszugehen. Keine Idee ist so absurd, so lächerlich, so wenig nachvollziehbar für den gesunden Menschenverstand, als dass sie von der Every-Gemeinde nicht frenetisch gefeiert und begrüßt würde. Hauptsache, jemand hat überhaupt neue Ideen! Denn auf dem Every-Campus leben die Angestellten in einer künstlichen Wohlfühlblase, die sie in den zugewiesenen Aufgaben und der physischen Selbstoptimierung dermaßen aufgehen lässt, dass jegliche Ambition, jegliche Motivation, verloren scheint.
Zunehmend ratlos sieht Delaney mit an, wie die absurden Ideen, die sie und Wes unauffällig platzieren, umgehend zu lukrativen Produkten aufgebauscht werden. Da gibt es beispielsweise eine 3D-Anwendung, die virtuelle Reisen ermöglicht, weltweiten Tourismus obsolet macht - der ökologische Fußabdruck entfällt, es lebe das gute Gewissen! Es gibt eine App, die die Gespräche befreundeter Personen auswertet und scheinbar auf ihren wahren Freundschaftsgehalt hin analysiert – ein Alptraum für alle Beziehungen! Jedoch, die Menschen nehmen jede Gelegenheit einer scheinbaren Optimierung wahr, es wird geliket, geshamet, mit Emojis herumgeworfen, gemessen, verglichen, gezählt, ausgewertet; die Funktionsarmbänder piepen und blinken und erinnern und loben in einer Tour und unaufhörlich.
Noch schlimmer und besorgniserregender jedoch ist die zunehmende Verzahnung zwischen den Geschäftsinteressen des „Every“ und der allgemeinen Gesetzgebung, die sich rasant beschleunigt.

Was die technische, die digitale Seite der Geschichte betrifft, ist Dave Eggers der Zukunft, auch hier in der Satire, nicht weit voraus. Praktisch alle beschriebenen Anwendungen gibt es dieser oder ähnlicher Weise oder sind zumindest möglich – wir alle kennen sie. Die gesellschaftlichen Implikationen hingegen, die eine so umfassende Marktmacht eines einzigen Digitalkonzerns mit sich bringen kann, wird ein wenig übersteigert vorgeführt. Oder?
Erneut hat Dave Eggers es geschafft, den Finger in die Wunde der (digitalen) Leichtgläubigkeit der Menschen zu legen.

Heike Kasten

 


barbara stirbt nicht 150x237

 

KiWi 20,00€

 

Alina Bronsky: "Barbara stirbt nicht"

Barbara und Walter Schmidt führen eine, sagen wir mal, traditionelle, eingefahrene Ehe mit sehr, sehr klassischen Rollenmustern. Seit 52 Jahren sind die beiden verheiratet, da kennt man sich.
Der Herr des Hauses ist ein etwas zwanghafter, Filzpantoffeln tragender Durchschnittslangweiler, hat noch nicht ein einziges Mal freiwillig die Küche betreten, um sich dortselbst nützlich zu machen und weiß weder, wie man eine Tütensuppe aufschneidet, geschweige denn erhitzt, noch, wie man Kaffee kocht. Und auch Herrn Schmidts Pensionierung hat nicht dazu beigetragen, an diesen Routinen etwas zu ändern: Frau Schmidt ist für das Wohlbefinden des Gatten zuständig, für die Organisation von Haus und Garten, Herr Schmidt lässt sich bedienen und beurteilt gütig die Arbeit seiner Frau.
Bis zu dem Tag, an dem Barbara einfach nicht mehr aus dem Bett aufsteht, sie ist müde, krank, will nichts essen, bis zu dem Tag, an dem Barbara im Badezimmer stürzt und der Hilfe bedarf. Herr Schmidt, man kann es sich vorstellen, ist mehr als konsterniert ob dieser Situation. Er sorgt sich weniger um seine Frau als um den ausbleibenden gewohnten Service. Unwillig muss er notgedrungen den ersten Kaffee seines Lebens kochen, den Hund und seine Frau versorgen, dieses mehr schlecht als recht. Tatsächlich muss sogar der Arzt ins Haus kommen, und nach dessen Diagnose dämmert es Herrn Schmidt allmählich, dass die Situation ernster ist, als angenommen. Barbara wird niemals wieder die gewohnten Arbeiten aufnehmen können. Und so krempelt Herr Schmidt tatsächlich sein Leben um und die Ärmel hoch.
Rührend mitzuerleben, wie er im hohen Alter plötzlich auf sich allein gestellt lernt, seine schwerkranke Frau zu umsorgen. Mit ihrem Facebook-Account begibt er sich zum ersten Mal sogar ins Internet und lernt durch die Tipps und Anleitungen eines Fernsehkochs seine ersten Schritte zu einem selbstgekochten Essen. Erstmalig zeigt er, dass er sich für Barbara verantwortlich fühlt. Vor allem sein Blick auf die gemeinsame Vergangenheit ändert sich…

„Barbara stirbt nicht“ ist ein mitunter ein wenig bösartiger Entwicklungsroman, einer über eine Transformation, über gestörte Familienverhältnisse und über große Familiengeheimnisse. Am Ende der Geschichte erkennt Herr Schmidt, dass er auch ein ganz anderer sein könnte – und er fängt endlich damit an. Rührend, warmherzig und auch ein bisschen witzig, obgleich die Thematik keine heitere ist, steuert der Roman einem Ende zu, dass die Figuren noch einmal schärft und ihnen Tiefe verleiht.

Heike Kasten

 


die tote mit der roten straehne 150x237

 

Suhrkamp 19,95€

 

Kathleen Kent: "Die Tote mir der roten Strähne"

Detective Betty Rhyzyk wechselte erst vor kurzem von New York City zum Dallas Police Department. Ihre neuen Kollegen staunen gewaltig über die taffe große Frau mit den flammend roten Haaren (nebenbei bemerkt: was für ein tolles Cover). Gleich der erste Einsatz hat es in sich.

Ähnlich wie in einem amerikanischen Actionfilm erleben wir die Eskalation eines scheinbar gut geplanten Polizeieinsatzes. El Gitano Ruiz, mexikanischer Drogendealer und brutaler Bandenchef, entkommt, Bettys Kollege wird tödlich getroffen, und auch eine Passantin verliert ihr Leben. Die Stimmung im Department ist unterirdisch und Betty spürt teilweise deutliche Ablehnung gegen ihre Person. Als sie ein paar Tage später morgens vom Joggen zurückkehrt, liegt auf ihrer Bettdecke ein kleines Souvenir... Offensichtlich wird sie gestalkt, denn von Jackie, ihrer Lebenspartnerin, stammt das Päckchen nicht!

Immer temporeicher und heftiger, um nicht zu schreiben blutiger wird der Thriller, aber Atempausen gibt es immer wieder durch Wortwitz und private Intermezzi. Ich freue mich definitiv auf Bettys nächsten Fall!!!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


russische botschaften 150x237

 

KiWi 16,00€

 

Yassin Musharbash: "Russische Botschaften"

In diesem Thriller kann man kaum noch sagen, was Fiktion ist und was Realität. Auf jeder Seite merkt man, dass der Autor selbst Journalist ist und jeden Tag mit brisanten Nachrichten konfrontiert ist, aus Quellen, von denen man nicht immer weiß: sind sie verlässlich? Oder steckt Manipulation dahinter?

Merle Schwab ist eine junge, ehrgeizige Journalistin beim Globus, einem Polit-Magazin, das in Berlin erscheint, vergleichbar vielleicht dem SPIEGEL. Sie ist zufällig hautnah dabei, als ein junger Russe von einem Balkon stürzt und dabei umkommt. Selbstmord? Unfall? Mord? Wie sich bei Merles Recherche herausstellt, war der junge Mann für den russischen Geheimdienst tätig, mehr noch: Er scheint ein Doppelagent gewesen zu sein, denn auch der deutsche Verfassungsschutz führt ihn als V-Mann. Merle ahnt, dass hinter dieser Geschichte noch mehr stecken könnte, eine perfekte Gelegenheit, sich beim Globus zu profilieren. Doch schnell stellt sie fest, dass diese Angelegenheit größere Kreise ziehen wird, ein Informant lässt ihr eine Liste zukommen, auf der Personen gelistet sind, die Zuwendungen vom russischen Geheimdienst erhalten haben, teilweise in beträchtlicher Höhe. Politiker sind darunter, Geschäftsleute, renommierte Journalisten – sogar die Inhaberin des Globus‘.
Nachdem Merle zwei Kollegen ihrer Zeitung eingeweiht hat, beschließen die drei, auch Journalisten der Konkurrenz, der „Norddeutschen“ mit ins Boot zu holen, denn auch dort steht ein hochrangiger Journalist auf der Gehaltsliste der Russen. In einem kleinen Dorf in Brandenburg versammelt sich eine kleine, schlagkräftige Truppe von Journalisten, um unter höchster Geheimhaltung in der Angelegenheit zu recherchieren.

Dieser Polit-Thriller führt tief hinein in verschiedenste Geheimdienste, in Fake-News, ins Darknet und andere technische Finessen. Sehr, sehr spannend zu lesen und möglicherweise beklemmend aktuell.

Astrid Henning

 


schweig 150x237

 

KiWi 15,00€

 

Judith Merchant: "Schweig!"

Dass in Familien nicht immer Harmonie herrscht, ist eine Binsenweisheit, und dass dies vor und an Weihnachten verschärft gilt, weiß auch jeder. Der Kreis der Liebsten erweitert sich plötzlich um Verwandtschaft, zu der man den Rest des Jahres vielleicht aus gutem Grund etwas Abstand hält.

„Schweig!“ ist ein Thriller, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt, heiklerweise am 23. Dezember, einem Tag, an dem jede und jeder noch wahnsinnig viel erledigen will, zumal wenn kleine Kinder im Spiel sind.
Trotzdem hat sich Esther den Vormittag freigeschaufelt, um ihre Schwester Sue zu besuchen, die psychisch einigermaßen labil zu sein scheint, zumindest in Esthers Augen. Vor gut einem Jahr ist Sues Ehe gescheitert, seitdem wohnt sie in einem riesigen Haus, irgendwo mitten im Wald, hat (und braucht) keine Arbeit und möchte eigentlich auch keinen Kontakt zu ihrer Schwester. Aber an Weihnachten…das kann Esther als Familientier nicht ertragen: Ihre Schwester „Schnecke“ allein? Ohne Plätzchenduft, Geschenke, glänzende Kinderaugen? Das kann nicht richtig sein, da vergisst man dann auch schon mal das Fiasko vom letzten Heiligabend, als Esthers Mann Martin und Sue auf dem Balkon, naja, sich etwas zu nahekamen. Sicher Sues Initiative, so allein und verzweifelt, wie sie sonst immer sein muss, da draußen, allein, im Wald. Soweit Esthers Sicht.
Sue hingegen ist tatsächlich etwas verzweifelt, aber nur deswegen, weil Esther absolut übergriffig ist und nicht verstehen will, dass es selbstgewähltes Alleinsein ist, dass Sue genau so zufrieden ist und ihr Leben völlig in Ordnung findet. Die Tür nicht öffnen reicht da nicht, Esther ist in der Lage sich anders Zugang zu verschaffen, wenn sie es für nötig hält. Und das tut sie.
Und Martin, Esthers Ehemann? Auch er leidet unter seiner dominanten Ehefrau, trinkt zu viel, um das alles ertragen zu können. Eine Trennung ist nicht möglich, weil Esther ihm den Kontakt zu den Kindern verweigern wird. Stimmt das?

Drei Menschen, drei Perspektiven, und das Verrückte ist: Wessen Sicht man gerade liest, dem glaubt man. Judith Merchant ist eine Meisterin der Täuschung, der vermeintlichen Sicherheit, in der sie uns wiegt, endlich wissen wir, wie der Hase läuft, bis…?
Selbst lesen ist das Einzige, was hilft ;-).

Astrid Henning

 


schach mit dem tod 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Steffen Jacobsen: "Schach mit dem Tod"

USA Los Alamos 1945

David Adler ist Elektroingenieur. Als er nach beschwerlicher Reise in Los Alamos ankommt, spürt er sofort die knisternde Spannung, die im gesamten Camp herrscht.Das Manhattan-Projekt vereint die aktuell größten Forscher der Welt und David ist sich schnell der Tragweite dessen bewusst. Sie alle arbeiten an der Entwicklung der Atombombe...
Durch seine Verwandtschaft mit Niels Bohr, erhält David diese einzigartige Gelegenheit, sich unter die Gruppe der außergewöhnlich großen Ansammlung brillianter Wissenschaftler zu mischen. Als persönlicher Assistent von Professor Bohr hat David Zugang zu nahezu allen Geheimnissen rund um die Konstruktion dieser
verheerenden Erfindung. Alle fiebern dem ersten Atombombentest entgegen. Aber je näher das Experiment rückt, um so stärker wird Davids Aversion gegen seine eigentliche Aufgabe: Niemand ahnt, dass sich hinter dem sympathischen Herrn Adler ein Spion verbirgt....

Wir alle haben von den Versuchen, Erfolgen und Misserfolgen um die Entstehung der Atombomben gehört oder gelesen. Für mich war es überaus spannend, nun aus der Sicht der Zeitzeugen quasi direkt im Camp zu "wohnen" und alles "live" mit zu erleben!

Andrea Westerkamp

 


die letzten romantiker 150x237

 

Harper Collins 22,00€

 

Tara Conklin: "Die letzten Romantiker"

Welch eine Familiengeschichte!

Bexley Frühjahr 1981
Ellis Avery Skinner, Zahnarzt und Vater von vier Kindern, ist erst 34 Jahre alt, als sein Herz plötzlich still steht. Renee 11, Caroline 8, Joe 7 und Fiona 4, die Ich-Erzählerin, fallen von jetzt auf gleich aus ihrer heilen Welt. Ihre Mutter Noni sieht sich außer Stande die Kinder aufzufangen. Zu groß ist die Schockstarre, in die sie nach Ellis Tod fällt. Und so gewöhnen sich die Vier daran, die Dinge des Lebens mehr oder weniger selbst zu regeln, wenn Noni wieder einmal wochenlang nicht aus dem Bett aufsteht. Sie erziehen sich gegenseitig und bilden schon bald ein festes Bollwerk gegen die Fallstricke der Außenwelt. Nicht nur Renee leistet dabei Außergewöhnliches, auch Caroline und Joe wachsen über sich selbst hinaus. Lediglich die kleine Fiona genießt noch etwas Nestschutz.
Jahre vergehen und die Folgen der verlorenen Kindheit zeigen sich immer deutlicher. Renee wird eine herausragende Ärztin, Joe erlangt Ruhm beim Baseball, Carolin heiratet und geht in ihrer Mutterrolle auf, Fiona schreibt als Bloggerin unter einem Pseudonym über Familieninterna, und eines Tages platzt die Blase...

So dicht und intensiv beschreibt uns die Autorin die einzelnen Schicksale der mittlerweile Erwachsenen, dass ich mich dem Sog nicht entziehen konnte.

Andrea Westerkamp

 


dinge an die wir nicht glauben 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Bryan Washington: "Dinge, an die wir nich glauben"

Dies ist kein Liebesroman, sondern ein Lebensroman über zwei junge Männer, die sich nicht sicher sind, was Zuhause bedeutet oder ob es das überhaupt gibt.

Mike ist ein Koch mit japanischen Wurzeln, der in einem mexikanischen Restaurant arbeitet, Ben ist Kindergärtner und Schwarz. Seit vier Jahren leben sie schon zusammen und sind sich so vertraut, wie sie sich fremd sind – die Liebe ist abgekühlt, die Streitereien hitzig, der letzte Ausweg oft Sex. In der Nacht bevor Mikes Mutter Mitsuko zu Besuch kommt, gesteht Mike Ben, dass er nach Japan reisen wird um seinen todkranken Vater zu pflegen. Dieser hatte ihn und seine Mutter vor Jahren verlassen, doch Mike kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, sie nicht einmal hinterfragen.
Die brüske Mitsuko und Ben ecken in ihrem Zusammenleben an, finden aber bald in ihren Blickwinkeln über Mike zueinander. Mitsuko bringt Ben das Kochen bei und die beiden lernen einmal mehr, wie vielschichtig Familie sein kann. Auch Mike lernt in Japan, dass Familie nicht unbedingt etwas mit Blutsverwandtschaft zu tun hat und Heimat und das Fremde sich nicht so klar voneinander unterscheiden lassen. Unausweichlich scheint, dass die drei sich großen Fragen stellen müssen, wenn Mike zurückkehrt.

In seinem Romandebüt, beweist Bryan Washington, dass er ein großartiger Schriftsteller ist, von dem wir noch viel erwarten dürfen. Voller Leichtigkeit und teils amüsant, fasst er große und aktuelle Themen mit geschulten, erzählerischen Fingern an: spricht wie nebenbei über Rassismus, Homophobie, Sucht und Armut, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, was seine schlagfertigen Protagonisten antreibt. Sein Schreibstil ist geprägt von einer lockeren edginess und der Fähigkeit, dem Alltäglichen einen besonderen Glanz zu verleihen. Ein Roman, modern und doch nahbar, der anders ist ohne fremd zu sein.

Mattes Daugardt

 


im letzten licht des herbstes 150x237

 

Heyne Verlag 22,00€

 

Mary Lawson: "Im letzten Licht des Herbstes"

Die idyllische Kleinstadt Solace steht seit Tagen unter Schock: Die knapp 16-jährige Rose wird vermisst, noch ist völlig unklar, ob es sich um ein Verbrechen handelt, oder ob Rose, sehr eigensinnig und unangepasst, ihr zu Hause ganz bewusst verlassen hat. Ihre siebenjährige Schwester Clare jedenfalls ist extrem bedrückt. Seit Roses Verschwinden steht sie am Fenster, isst am Fenster, „lebt“ am Fenster, um zu beobachten, ob ihre Schwester wieder auftaucht. Clare merkt, dass ihre Eltern nicht offen mit ihr sprechen, sie wollen sie schützen, erreichen aber mit ihrem Rumgedruckse und vermeintlich harmloser Miene geradezu das Gegenteil.
Gleichzeitig ist Mrs Orchard, eine ältere Nachbarin, zu der Clare ein sehr warmes und intensives Verhältnis hat, im Krankenhaus, das Haus plötzlich von einem Clare völlig fremden Mann bewohnt, der zudem noch beginnt, Mrs Orchards persönliche Dinge zu verpacken.

In drei Menschen schlüpfen wir geradezu in diesem Roman: Clare spielt die größte Rolle, ihr Innenleben beschreibt Mary Lawson wirklich außerordentlich gekonnt, ganz nah sind wir bei ihr, spüren ihre Nöte, ihre Phantasien („Wenn ich immer an diesem Fenster stehen bleibe, kommt Rose ganz bald zurück“, „wenn ich genau x-Schritte zur Schule brauche, kommt Rose zurück“). Mit Mrs Orchard sind wir im Krankenhaus und blicken auf ihr Leben zurück, auf das liebevolle Verhältnis zu ihrem Mann, auf das große Thema in ihrem Leben – die ungewollte Kinderlosigkeit. Und der Fremde im Haus von Mrs. Orchard? Das ist Liam, der als kleiner Junge bei den Orchards ein und aus ging, der für Mrs Orchard zum Ersatz-Sohn wurde, und dem sie bereits jetzt schon ihr Haus vermacht hat.
Doch wir bleiben nicht nur in der Gegenwart: Vor 30 Jahren gab es im Leben von Mrs Orchard und Liam ein Ereignis, dass für diese zwei Familien tragische Konsequenzen hatte…

Ein Roman, der feinfühlig die unterschiedlichsten Charaktere einfängt, der jederzeit die Spannung hält und uns wirklich perfekt zu Mitbewohnerinnen von Solace werden lässt.

Astrid Henning

 


treue seelen 150x237

 

btb 20,00€

 

Til Raether: "Treue Seelen"

Viele von uns kennen Till Raether als stellvertretenden Chefredakteur der BRIGITTE. Heute lebt er in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für das SZ Magazin, hat sich aber auch als Krimiautor einen Namen gemacht. Nun ist ein absolut gelungener Roman erschienen.

Achim und Barbara sind vom piefigen Bonn nach Westberlin gezogen. Sie kommt als Dauerdoktorandin nicht so recht vom Fleck, die Gänge in die Uni werden immer seltener. Achim ist eigentlich ganz zufrieden mit seinem Job. Bei der BAM ist er untergekommen. Mit BAM assoziiert man Bumm und damit liegt man auch nicht ganz falsch. Als Laborant in der Bundesanstalt für Materialprüfung hat Achim es hauptsächlich mit der Kontrolle von Feuerwerkskörpern zu tun. Nicht nur das Stagnieren ihres beruflichen Werdeganges lässt Barbara zunehmend in eine Depression versinken, nein, besonders die Angst über die Folgen der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl in diesem Frühsommer 1986 lähmt sie komplett und so hockt sie zwischen Umzugskisten und verlässt kaum noch die nicht eingerichtete Wohnung in einem Wohnblock in Berlin Zehlendorf. Dunkelheit, Muff, Schweigen.
Für Achim hingegen beginnt ein Sommer der Liebe. Mit einem  faszinierenden Brizzeln!!! Auf dem Trockenboden des Mehrfamilienhauses lernt er die Nachbarin Marion beim Schmöken kennen und lieben. Sofort fühlt er sich von der zehn Jahre älteren, unkomplizierten Mutter von Zwillingen magisch angezogen und nach ein paar Tagen kreisen seine Gedanken nur noch um Marions Haaransatz, ihre Sommerkleider, ihre Sommersprossen... - seufz.
Marion hat das Einerlei ihrer Ehe mit Volker, Bundesgrenzschutz und ein Spießer vor dem Herrn, satt. Wann haben sie eigentlich das letzte Mal wirklich geredet und warum nerven sie die Kleinigkeiten im Alltag mit ihm so bundesgrenzenlos??? Da ist der Achim doch anders, auch ein bisschen ulkig in seiner unsicheren Art, aber zärtlich kann der sein und angenehm zurückhaltend ist er. Marion hat als 15jährige „rübergemacht“. Mehr zufällig, gar nicht so richtig geplant. Ihre stramme SED-Mutter, ihre jüngere Schwester Sibylle und die Unfreiheit im Osten nervten zwar gehörig, aber als sie 1961 in der Bahn sitzt und einfach nicht an ihrer Haltestelle aussteigt, schlicht in den Westen weiterfährt, ist sie selbst überrascht von der eigenen Courage. In einem amerikanischen Supermarkt kam sie damals unter und da sitzt sie heute noch, an der Kasse, und träumt davon eines Tages die Geschäftsleitung zu übernehmen. 25 Jahre ist ihre Flucht nun her und seitdem hatte sie keinerlei Kontakt zu ihrer Kindheitsfamilie.
Marion und Achim erleben einen unbeschwerten Sommer der Verliebtheit und als die Nachbaraugen allzu neugierig werden, verlegen sie ihre Tête-à-têtes flugs in den Osten Berlins. Dort wird Marion von ihrer Vergangenheit eingeholt und Achim lässt dummerweise seine Zurückhaltung fallen, ein fataler Fehler…

Einen lustigen, schnodderigen Seitensprungsroman mit viel Berlinfeeling hat Herr Raether da geschaffen und mehrfach habe ich geschmunzelt, sogar gelacht. Aber zwischen den Zeilen bleibt da doch eine Nachdenklichkeit und Trauer hängen, wenn klar wird, wie viele Familien unter dem Leben im geteilten Deutschland leiden mussten und wie sehr es die Menschen zum Teil unwiederbringlich entzweit hat. Von Oberflächlichkeit keine Spur, trotzdem ein amüsant geschriebenes Stück Zeitgeschichte.

Annette Matthaei

 


die frauen von new york glanz der freiheit 150x237

 

atb 12,99€

 

Ella Carey: "Die Frauen von New York - Glanz der Freiheit"

New York im Jahr 1942.

Die ambitionierte, aus wohlhabenden Verhältnissen stammende junge Lily Rose hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt und arbeitet für Giorgio Conti als Sous-Chefin in der Küche des Nobelrestaurants Valentino’s in Manhattan. Das Kochen ist Lilys Leben und ihre Berufung: Mit Hingabe probiert sie neue Rezepte aus und entwirft eigene, schmackhafte Kreationen. Unterstützt wird Lily von ihrer liebevollen Großmutter Josie, die ein gemütliches, kleines Häuschen in Greenwich bewohnt, das oft Lilys Zufluchtsort vor ihrer engstirnigen, starrköpfigen Mutter Victoria ist.
Diese hat ganz andere Pläne für die Zukunft ihrer Tochter als Lily selbst: Lily soll den aus einer reichen, einflussreichen Familie stammenden Nathaniel heiraten, den sie schon seit dem Sandkasten kennt. Lily jedoch fühlt sich mehr und mehr zu Tom Morelli hingezogen, der als Chefkoch im Valentino’s arbeitet. Und Tom scheint ihre Gefühle zu erwidern.
Doch der Krieg zerstört zunächst alle Pläne und Hoffnungen: Tom und Nathaniel werden, wie so viele andere junge Männer, zum Kriegsdienst in Europa eingezogen. Für die Frauen von New York entstehen plötzlich völlig neue Möglichkeiten; Arbeitsplätze, die bisher ausschließlich Männern vorbehalten waren, werden frei und müssen neu besetzt werden. Lily und ihre Kollegin Martina werden die neuen Küchenchefinnen des Valentino’s und meistern ihre Aufgabe trotz aller Unkenrufe der Männer mit Bravour. Einer glänzenden Karriere scheint nichts im Wege zu stehen. Doch schon bald wird Tom als vermisst gemeldet und Victoria setzt alles daran, die Pläne für ihre Tochter in die Tat umzusetzen.

Der auf einer wahren Geschichte beruhende Auftakt einer herzerwärmenden, spannenden Schmöker-Trilogie!

Sabine Christ