Unsere Buchempfehlungen im September
   


der nasse fisch 150x202

 

Carlsen 17,99€

 

Arne Jysch: "Der nasse Fisch" Graphic Novel

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Buch geschrieben, einen sehr erfolgreichen Krimi. Stellen Sie sich weiter vor, dann käme jemand, der Ihre Geschichte in eine andere Form überführen möchte, sagen wir, in einen Comic. Und dabei würde dann etliches geändert werden. Zum Beispiel gäbe es plötzlich Mörder, die bei Ihnen im Buch nicht gemordet haben; es fehlen auch noch einige Hauptpersonen – und die chronologische Abfolge würde verändert. Und schließlich würde nicht mehr multiperspektivisch erzählt,sondern aus der Sicht eines Ich-Erzählers. Wie würden Sie darauf reagieren? Ganz gewiss nicht wie Volker Kutscher, dem das alles widerfahren ist und der aus vollem Herzen sagt: "Ich finde das Resultat großartig!"

Dieser Volker Kutscher ist der derzeit erfolgreichste Krimiautor; seine 2007 begonnene Serie um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath umfasst bislang sechs der insgesamt neun geplanten Bände. Und nun wurde das Geschehen  von Arne Jyrsch bearbeitet und gezeichnet. Jysch wählt mit dem Ich-Erzähler ein charakteristisches Element der sog. "Schwarzen Serie", jener amerikanischen Erzählweise von Kriminalgeschichten, die Kutscher selbst zu seinen größten Einflüssen zählt. Jysch nun arbeitet mit zugespitzen, sehr geradlinigen Figuren und schafft einen wahrlich mutigen Comic: atmospärisch und mitreißend mit enormem Erzähltempo. Die in Schwarzweiß gehaltenen prachtvollen und detailverliebten Szenarien setzen Maßstäbe.
Kurz zum Inhalt: Der junge Kommissar Gereon Rath wird zur Zeit der Weimarer Republik von Köln nach Berlin versetzt, um dort die Chance für einen Neuanfang zu erhalten. Kaum dort, bringt ihn sein hemdsärmeliges Vorgehen in große Schwierigkeiten, ja, in geradezu unlösbare Zwangslagen.

Wirklich ein schöner Krimiplot. Und das Feine an der Adaption ist, dass Arne Jyrsch in seiner konsequenten Straffung des Romans ein rasantes Tempo erreich, so dass die (gezeichnete) Erzählung schnell eine fiebrig treibende Kraft erreicht.
Gönnen Sie sich einen Blick in das Buch – die Grafik spricht für sich selbst.

Heike Kasten

 


am seil 150x237

 

Diogenes 20,00€

 

Erich Hackl: "Am Seil"

Geschichten von Mut und Zivilcourage kann es gar nicht genug geben und es ist wichtig, sie immer wieder zu erzählen. So eine Geschichte ist „Am Seil“ und in gewisser Weise gehört Erich Hackl zu den Spezialisten, wenn es um das fast beiläufige Schildern besonderer Schicksale geht.

Diesmal erzählt Hackl von Reinhold Duschka, gebürtiger Berliner, als junger Mann in den 30er Jahren nach Wien gezogen, Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger. Duschka gehört zu einer bunt gemischten Gruppe von jungen Leuten, die sich sonntags in der Wohnung von Regina Steinig trifft. Man hat nicht viel Geld, aber es gibt für jeden eine Schüssel Maisbrei und muntere Diskussionen. Zu diesem Kreis gehört auch Reinholds bester Freund Rudi Kraus, ebenfalls Bergsteiger, der eine kurze Beziehung mit Regina hat, aus der eine Tochter hervorgeht. Schon bald werden die Zeiten für Juden in Österreich bedrohlich, Rudi emigriert nach Australien, aber Regina und ihre Tochter können nicht ins Ausland fliehen. Und so, wie man als Bergkameraden mit einem Seil miteinander verbunden ist, auf Solidarität und Zusammenhalt zählen kann, ist es für Reinhold selbstverständlich, Regina und Lucia in seiner Werkstatt über mehrere Jahre zu verstecken, sich für sie verantwortlich zu fühlen. Ohne große Worte, ohne jemals Dank zu erwarten.
Dank Reinhold überleben Lucia und Regina, nach dem Krieg, nach dieser so schicksalhaften Zeit, geht jedoch jeder seiner Wege, alle versuchen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen, und Reinhold wird noch nicht einmal seinen späteren Kindern von dieser Tat erzählen. Erst als er weit über 90 ist, gelingt es Lucia, Reinhold zu überzeugen, die Geschichte dieser Rettung öffentlich zu machen, und so wird er schließlich von der Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet als „Gerechter unter den Völkern“. Ein enger Freund Duschkas schreibt 1993 in seinem Nachruf auf ihn: „Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast.“

Es ist vor allem der Ton Hackls, der diese Geschichte so eindrücklich macht: Ohne Pomp und Pathos berichtet er von Menschlichkeit in schwierigsten Zeiten und überlässt es dem Leser, aktuelle Bezüge zu sehen.

Astrid Henning

 


pfaffs hof 150x237

 

Rowohlt 10,99€

 

Hiltrud Leenders: "Pfaffs Hof"

Es wäre so einfach, eine Kindheit in den 60ern so zu beschreiben, dass alle schmunzelnd mit dem Kopf nicken und in nostalgischen Erinnerungen schwelgen: Man müsste nur mit typischen Markennamen um sich werfen, ein paar politische Ereignisse erwähnen, das Ganze mit der ebenso typischen Rollenverteilung in der Gesellschaft garnieren, und schon hätte man ein harmloses, eben banales 60er Jahre-Buch.
„Pfaffs Hof“ allerdings ist ganz was Anderes: Auch dies ein Erinnerungsbuch, die Geschichte einer Kindheit und Jugend am Niederrhein, auch hier die typische Rollenverteilung. Aber Weniges ist hier lustig, locker und leicht.

Annemie zieht im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in ein „Vertriebenendorf“; streng getrennt nach Konfession leben hier die Katholiken oder die geschmähten Protestanten. Ihre Familie zieht in einen alten Bauernhof und Hiltrud Leenders schreibt so eindringlich und bildhaft, dass wir die Muffigkeit und das Klamme in den unbewohnten Räumen quasi spüren. Die Mutter ist schwanger, Annemie muss beim Umzug, aber auch sonst, schon ordentlich mit anpacken, das findet auch niemand besonders erwähnenswert. Sowieso wird wenig gesprochen in ihrer Familie, denn Fragen und Sprechen – damit hat man in Annemies Familie keine guten Erfahrungen gemacht: Annemies deutlich älterer Bruder Peter hat zuviel wissen wollen über die Vergangenheit des Vaters, der ihn deswegen aus dem Haus geworfen hat. Ein Grund für das bittere Schweigen zwischen Mutter und Vater. Einzig Tante Guste, die ab und an zu Besuch ist, hat Verständnis für Annemie, für ihre Lust am Lesen, schickt ihr Bücher und pflanzt in Annemie eine lebenslange Liebe zur Literatur.

Hiltrud Leenders erzählt von einer Zeit, in der kaum jemand nach Bedürfnissen von Kindern gefragt hat, in der es durchaus noch ums „eingermaßen Durchkommen“ ging: materiell und seelisch. Erst als junge Erwachsene wagt es Annemie, ihren Vater mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren und deutliches Zeichen gegen die Glorifizierung der Geschichte zu setzen. Schlicht und reduziert erzählt, passend zu kargen Atmosphäre von „Pfaffs Hof“, gelingt Hitrud Leenders ein eindrucksvolles Zeugnis der 60er Jahre auf dem Land.

Astrid Henning

 


zippel das wirklich wahre schlossgespenst 150x237

 

dtv 12,95€

6-9 Jahre

 

Alex Rühle: "Zippel das wirklich wahre Schlossgespenst"

Ein herrliches Familienbuch zum Vorlesen oder Selberlesen - Spaß garantiert!!

Paul ist ein Schlüsselkind, und wenn er nachmittags aus der Schule kommt,
begegnet ihm im Treppenhaus höchsten mal Frau Wilhelm. Darauf ist er gar nicht scharf, denn Frau Wilhelm guckt nur mit einem Auge, und das sieht echt gruselig aus...
Hinter Paul liegt  mal wieder ein scheußlicher Schultag. Tim und Tom, seine Klassenkameraden, ärgern ihn mittlerweile fast täglich. Heute im Zeichenunterricht schüttete ihm Tom Wasser aus seinem Pinselbecher in den Kragen und Tim nahm ihm sein Pausenbrot weg. Als Paul nun mit seinem Schlüssel die Wohnungstür öffnen möchte, erlebt er eine riesige Überraschung: vor seinen Augen schwebt zuerst eine winzige, weiße Wolke aus dem Türschloss, die sich aber in Windeseile zu einem sehr wütenen, nicht mehr ganz so kleinen Gespenst materialisiert. Wer wagt es, in sein Schloss einzudringen?? Zippel, so wird Paul seinen neuen Freund nennen, hat jede Menge Unsinn im Kopf. Doch unter seinem Einfluss entwickelt Paul nach und nach mehr Selbstvertrauen und Stärke.

Kinder werden die kleine Gestalt lieben, und wir Erwachsene denken an Pumuckel, das Sams oder -  unvergessen - Preußlers kleines Gespenst.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


lempi 150x237

 

Hanser Verlag 21,00€

 

Minna Rytisalo: "Lempi - das heißt Liebe"

Alles dreht sich um Lempi in diesem Roman. Lempi : Ehefrau, Dienstherrin und Schwester. In diesen drei Rollen wird sie uns beschrieben und so ergibt sich ein äußerst facettenreiches Bild dieser jungen Finnin, Tochter des Kaufmanns in einem kleinen Dorf in Lappland.

Zunächst kommt Viljami zu Wort, der Ehemann, der sein Glück kaum fassen kann. Womit nur hat er es verdient, dass diese hübsche und kluge, fast weltgewandte junge Frau zu ihm auf seinen Hof kommt? Ein Leben führt, das schlicht und oft mühsam ist, ohne Komfort, ohne hübsches Geschirr, feine Wäsche und sonstigen Luxus. Hilfe und eine gewisse Form der Gesellschaft bietet nur Elli, die Magd, von der wir später noch mehr hören werden. Doch bevor dieses Leben sich so richtig entfalten kann, wird Viljami eingezogen, es tobt der 2. WK und so bleiben Lempi und Viljamii nur ein einziger Sommer.
Der Roman beginnt mit Viljamis Heimkehr – immerhin, er hat überlebt. Lieber wär’s ihm allerdings er wäre tot, denn aus einem Brief der Magd weiß er, dass Lempi fortgegangen und schließlich gestorben ist. In Vijamis Abwesenheit hat Lempi einen kleinen Jungen bei sich aufgenommen und einen zweiten geboren, um diese Kinder kümmert sich nun Elli.
Durch Viljamis Augen haben wir eine zärtliche, liebevolle und fleißige Lempi gesehen, aber nun ist Elli dran: im zweiten Teil des Romans schildert sie ihre Dienstherrin. Zunächst mal muss man unbedingt erwähnen, dass Elli geradezu zerfressen ist vor Eifersucht. Sie wäre die bessere Frau für Viljami gewesen, nicht diese verwöhnte junge Frau aus der „Stadt“, die sich für jede Arbeit zu fein ist, sich dumm anstellt, außerdem falsch und faul ist. Aber der gute Viljami ist ja so verblendet vor Liebe, dass er gar nichts merkt…
Die dritte Perspektive im Roman ist die von Lempis Schwester Sisko, die wohl den klarsten Blick auf Lempi hat. Zwillingsschwester wohlgemerkt. Während der deutschen Besatzung beginnt sie ein Verhältnis mit Max, einem deutschen Soldaten. Mit ihm wird sie später nach Hamburg gehen, aber eine glückliche Liebe ist es nicht. Von Sisko erfahren wir, warum Lempi zu Viljami auf den Hof gegangen ist, eine besondere Pointe gegen Ende des Romans.

Rytisalo gelingen drei völlig unterschiedliche Tonlagen: schwärmerisch, gehässig und liebevoll realistisch. Zusammengesetzt ergeben sie ein sehr rundes Portrait dieser lebenslustigen, jungen Finnin, ganz sicher enthält jeder der drei Blickwinkel ein Stückchen Wahrheit. Gerade in diesen Kontrasten liegt der besondere Reiz dieses schmalen Büchleins.

Astrid Henning

 


ich bin ich bin ich bin 150x237

 

Piper 22,00€

 

Maggie O'Farrell: "Ich bin Ich bin Ich bin"

Wie nähert man sich einem Buch von dem die BRIGITTE ( immerhin 5 „Bs“, die höchste Bewertung!!!) schreibt, dass die Autorin sich in ihren Memoiren nicht mit ihrem Leben, sondern mit insgesamt 17 Situationen, in denen sie beinahe ihr Leben gelassen hat, beschäftigt? Nicht besonders aufbauend...
Ich war vorsichtig gespannt, aber vorab schon mal positiv von ihr eingenommen, als ich im Klappentext las, dass sie mit einem meiner Lieblingsjugendbuchautoren, William Sutcliff, verheiratet ist. Drei Kinder haben die beiden und leben - hoffentlich noch alle 5 - in Edinburgh.

Mit 8 Jahren erkrankt das quirlige, bewegungsfreudige Mädchen Maggie an einer Virusinfektion. Die Ärzte haben sie bereits aufgegeben, doch sie schafft es, zu überleben - muss allerdings über ein Jahr in der Reha im Rollstuhl verbringen. Zurück bleibt eine leichte Ataxie und eine Wahrnehmungsstörung, die sie in ihrem weiteren Leben immer wieder vor große Herausforderungen stellen werden und sie gehandicapt bleiben lassen.
Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung der Kindheit, die sie sensibel für Situationen werden lässt, die lebensbedrohlich sind. Zweimal wird sie beinahe ertrinken. Als junge Frau wird sie bei einem einsamen Waldspaziergang einem Mann begegnen, der sie bedroht. Sie zeigt den Vorfall an, die Polizei nimmt sie nicht ernst. 14 Tage später wird eine 20jährige tot und geschändet in eben diesem Wald aufgefunden…
Die Geburt ihrer ersten Tochter verläuft für Mutter und Tochter fast tödlich. Ein weiteres Kind stirbt im Mutterleib. Eindringlich auch die Schilderung eines allergischen Schocks der Tochter, mitten in der Pampa irgendwo im italienischen Hinterland…

Sie fragen sich jetzt, warum dieses Buch so sehr lesenswert ist?! Letztlich geht es um das Sein. „Ich bin, ich bin, ich bin“ ist das Mantra der Autorin, sie hat alle diese Dinge überlebt, jeder neue Herzschlag ist das, was zählt. Das Leben ist ein Grenzgang, der Tod mitbestimmend und aus dem Erlebten setzen  sich Verhalten und Stärke eines jeden zusammen.
Zutiefst beeindruckend ist dieser Roman, und nicht deprimierend, wie man vielleicht vermuten könnte. Frau O‘Farrell hat meine Gedanken noch lange an ihre Geschichte gefesselt… Absolut lesenswert.

Annette Matthaei

 


nichts was uns passiert 150x237

 

Verbrecher Verlag 19,00€

 

Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert"

Eine Feier, Alkohol, ein Kuss – und dann eine Situation, die entgleist, die zwei Leben entgleisen lässt.
Bettina Wilpert greift in ihrem Debüt unerschrocken nach einem Thema, an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann. Sozusagen mitten ins Herz der #meToo-Debatte erzählt sie, wie widersprüchlich zwei Menschen ihren One-Night-Stand in Erinnerung haben. Dieser Roman ist die minimalistische Spurensuche einer Vergewaltigung, die – und das ist der springende Punkt – ebenso real wie erfunden sein kann. Denn sie wird von einer Frau, Anna, behauptet und von einem Mann, Jonas, bestritten. Und in diesem Widerspruch liegt eine moralische und gesellschafts-politische Tragödie, die Wilperts sachlicher Erzählton und ihre dokumentatorische Erzählweise schnörkellos ausformt.

Sommer 2014: in Brasilien tobt die Fußball-WM, in Deutschland herrscht Partystimmung, und im Leipziger Studentenmilieu wird natürlich mit ordentlich Alkohol gefeiert. Anna und Jonas verbringen eine Nacht miteinander, aus der aber nichts folgt: kein gemeinsames Frühstück, keine weiteren Verabredungen. Zufällig treffen sich die beiden auf einer Geburtstagsfeier wieder und landen sturzbetrunken im Bett. Als Anna am nächsten Morgen aufwacht, dämmert ihr, dass sie von Jonas vergewaltigt wurde. Zwei Monate später, zu spät für eine gerichtsmedizinische Untersuchung, zeigt sie ihn bei der Polizei an. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf – und dem jungen Mann wird quasi der Boden unter den Füßen weggezogen. Was Anna als Vergewaltigung erlebt hat bzw. erlebt haben will, war für Jonas nicht der beste, aber ohne jeden Zweifel einvernehmlicher Sex. Der Fall zieht Kreise, erst an der Uni, schließlich in der ganzen Stad. Zwei Menschen stehen gleichermaßen, aber aus anderen Sichtweisen, am Pranger. Zwei Menschen stehen eigentlich vor den Trümmern ihres Lebens. Zwei Menschen, die eine Episode teilen, die nur sie bezeugen können. Anna sieht sich als infame Falschbeschuldigerin diffamiert, Jonas als brutaler Vergewaltiger.

Wer beide kennt, gerät unversehens unter den sozialen Druck einseitiger Parteinahme – und der Roman entzieht sich dessen ganz konsequent. Er urteilt nicht, im Gegenteil: worauf er abzielt ist vielmehr die Unmöglichkeit eines Urteils, eine Aporie der Wahrheit. Von der ersten bis zur letzten Seite blickt der Leser in ein Vexierbild, das zu erschaffen neben erzählerischer Könnerschaft auf literarische Intelligenz verlangt. Wo beginnt eine Vergewaltigung, und wo endet die Ambivalenz einer sexuellen Interaktion?
Dieser Roman geht nahe, er geht unter die Haut – und er ist gesellschaftliche Realität.

Heike Kasten

 


das verschwinden des josef mengele 150x237

 

Aufbau 20,00€

 

Olivier Guez: " Das Verschwinden des Josef Mengele"

Eine gewisse Ermüdung nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen unserer Leserinnen und Leser macht sich breit, wenn es um Themen des Dritten Reichs geht. So griff ich nur zögerlich zu dem schmalen Buch von Olivier Guez, das sich um den "Todesengel" von Auschwitz dreht. Ich habe es am Stück durchgelesen....

Als Josef Mengele 1949 mit der "North King" in Argentinien landet, wird er sogleich in die Gesellschaft eingeführt: Nazitäter und Nazibewunderer zählen ebenso zu seinem Bekanntenkreis, wie einflussreiche Politiker um das Ehepaar Peron. Helmut Gregor, so lautet Mengeles neuer Name, lebt unbehelligt und in gewissem Wohlstand durch die finanzielle Unterstützung der väterlichen Landmaschinenfabrik in Günzburg. Als sich seine erste Frau scheiden lässt, überredet ihn der Vater, die verwitwete Schwägerin Martha zu heiraten. Das Paar lebt mit Mengeles Neffen in Uruguay. Ende der Fünfzigerjahre versteckt sich Mengele zunehmend panisch erst in Paraguay, später dann in Brasilien. 1979 stirbt Josef Mengele in Bertioga/Brasilien.

Zwar muten einige Formulierungen in dem Tatsachenroman etwas befremdlich an, das überliest man jedoch locker, weil die (bekannte) Biographie dermaßen kompakt und fesselnd aufbereitet wird.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


der rote swimmingpool 150x237

 

Hanser 19,00€

 

Natalie Buchholz: "Der rote Swimmingpool"

Adam ist 17 und lebt mit seinen Eltern in einem gehobenen Stadtteil von München. Sein Vater ist ein erfolgreicher Mann, tatkräftig und voller Energie. Und das Schönste ist, dass er seine Frau, die wunderschöne Französin Eva, „la bombe“, auf Händen trägt. Adam genießt es, dass seine Eltern eine so gute Ehe führen. Bei Ihnen wird gelacht, gesungen und geküsst. Das ist keine Selbstverständlichkeit, die Familien von seinen Freunden sind ausnahmslos zerrüttet. Allen voran die von seinem etwas nerdigen Freund Tom, der ihm in schweren Zeiten zur Seite stehen wird. Wenn seine Mutter mit ihrem schlanken Körper in einem knappen schwarzen Badeanzug in den eigens vom Vater knallrot gekachelten Swimmingpool gleitet und dort kraftvoll ihre Bahnen zieht, bleibt dem einen oder anderen Kumpel schon mal der Mund offen stehen. Adam ist stolz auf und glücklich in seiner Familie.
Umso härter trifft es ihn, als der Vater kurz vor Weihnachten Knall auf Fall auszieht und den Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn komplett abbricht. „Er vögelt eine andere“ ist der einzige Kommentar, den seine Mutter, am Boden zerstört, dazu abgibt. Auch sein Vater verweigert jedes eingeforderte Gespräch und bittet seinen Sohn einzig um Zeit, Geschehenes zu verarbeiten. Aber was ist geschehen??? Adam fühlt sich wie im Schleudergang, durchlebt eine grauenhafte Zeit mit der ungezügelten Wut und der tiefen Verzweiflung eines Heranwachsenden.

Dass er etwas sehr Schlimmes getan haben muss, ahnen wir, da die Handlung kapitelweise in den nachfolgenden Sommer springt und wir ihn zu Hausbesuchen begleiten. „Der Angeklagte wird zu 120 Arbeitsstunden verurteilt, die in der Altenpflege abzuleisten sind.“ So das Gerichtsurteil des Jugendgerichtes München. Adam kümmert sich rührend um alte Demente, wäscht verwelkte Haut, putzt sabbernde Münder.
Bei einer alten Dame lernt er deren Urenkelin kennen. Tina heißt sie, „ist umgeben von Licht“ und Adam ist sofort verzaubert von diesem selbstbewußten, faszinierenden Mädchen. Es beginnt eine zarte Liebesgeschichte in einem heißen Sommer, die es Adam ermöglicht für sich wieder einen Sinn im Leben zu erkennen, sich von den alten familiären Strukturen zu befreien und für seine Eltern ein Quäntchen Verständnis zu entwickeln.

Eine große Liebe geht, eine neue Liebe kommt, das beschreibt Nathalie Buchholz in ihrem Debütroman mit einer Leichtigkeit, ohne die Intensität der Gefühle der Protagonisten zu vernachlässigen. Mir haben Inhalt und Schreibstil ausnehmend gut gefallen!

Annette Matthaei

 


ohne ein einziges wort 150x237

 

Goldmann 9,99€

 

Rosie Walsh: "Ohne ein einziges Wort"

Ein jeder hat es vermutlich schon einmal erlebt: man lernt jemanden kennen, alles ist wundervoll - und dann absolute Funkstille.

Sarah Harrington, Ende 30, frisch getrennt, besucht ihre Eltern im England, ihrer alten Heimat. Vor zwanzig Jahren hat sie die Insel fluchtartig verlassen. Auf einem ihrer Spaziergänge lernt sie Eddie kennen  - und verbringt sieben wundervolle, romantische, geradezu irrsinnig perfekte Tage bei und mit ihm. Eigentlich ist es glasklar, dass die Beiden quasi füreinander bestimmt sind! Dann muss Eddie verreisen, und er verspricht Sarah, sich bei ihr auf dem Weg zum Flughafen zu melden. Jedoch: er ruft nicht an! Er ist auch überhaupt nie und nirgendwo zu erreichen. Natürlich ist Sarah verzweifelt, aber sie weiß, dass irgendetwas passiert sein, dass es einen Grund für sein Verschwinden geben muss! In ihrer Verzweiflung wird sie unterstützt von ihren zwei besten Freunden, doch auch diese raten ihr allmählich, Eddie zu vergessen. Sarah hingegen ist weiterhin felsenfest von ihrer These überzeugt - und scheut sich auch nicht, ausgesprochen peinliche Vorfälle in Kauf zu nehmen, bei ihren Versuchen, Eddie aufzuspüren. Und nun, nachdem sich Puzzleteilchen auf Puzzleteilchen legt, kommt ihr ein grauenhafter Verdacht!

Die Geschichte von Sarah und Eddie, in einer gefühlvollen und teilweise poetischen Sprache geschrieben, wird stets unterbrochen durch Blicke in die Vergangenheit. Und durch Briefe - Briefe, die über 20 Jahre lang an eine vorerst nicht genannte Person geschrieben wurden.
Mit viel Feingespür nimmt uns die Autorin mit und enthüllt scheibchenweise ein Schicksal, das das Leben zweier Familien in der Vergangenheit zerstörte und viele Wunden und tiefe Narben hinterließ. Ein großer Pluspunkt des Romans ist, dass es sich eben nicht um eine typische Liebesgeschichte handelt; das Buch unterscheidet sich daher deutlich von anderen seines Genres.
Für mich ist dieses Debüt, das übrigens gleich in 30 Länder verkauft wurde, die perfekte Sommerlektüre!

Heike Kasten

 


die frau die liebte 150x237

 

dtv 18,00€

 

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"

Wir tauchen in diese Geschichte ein an einem Abend des Jahres 1536, in einem Dorf in Südfrankreich: Martin Guerre und Betrande des Rols, zwei Kinder von 11 Jahren, Kinder reicher aber bisher verstrittener Bauernfamilien, werden verheiratet, um die Familien zu befrieden. Sie verbringen ihre Hochzeitsnacht Rücken an Rücken in ihrem zukünftigen Ehebett - das Mädchen Bertrande vor allem froh, dass sie von ihrem Gatten nicht behelligt wird  - und beginnen ihre Ehe ein paar Jahre später.
Es wird eine glückliche Ehe! Die Familie prosperiert und lebt ein üppiges  Bauernleben. Doch eines Tages, nachdem er gegen eine von der Vaterautorität gesetzte Regel verstoßen hat, muss Martin für eine Weile verschwinden, um der Strafe des Vaters zu entgehen. Bertrande weiß, dass er das tun muss und heißt es richtig und sie weiß, in einer Woche sehen sie sich wieder. Doch es werden acht Jahre. Qualvolle Jahre für die daheimgebliebene Bertrande, die in ihren besten Jahren ist und ihren Mann schmerzlich vermisst.
Als nach acht Jahren Martin Guerre das Bauernhaus betritt, sind alle - und allen voran seine Ehefrau - selig vor Glück. Ein weiteres Kind wird geboren, der Hof blüht und gedeiht. Doch Bertrande kommen, was keiner verstehen kann, Zweifel. Ihr Ehemann war strenger als der jetzige, sein Charakter war ein anderer - konnte es sein, dass dieser hier nicht ihr wirklicher Mann war? Als Bertrande diesbezüglich keinerlei Zweifel mehr hat und sich dieses Mannes  - und ihrer Sünde! - entledigen will, geht sie vors Gericht und löst damit eine Tragödie aus.

Janet Lewis hat in diesem wiederentdeckten Roman von 1941 einen berühmten Fall aus der französischen Rechtsgeschichte des 16. Jahrhunderts literarisch umgesetzt, und es ist ein beeindruckendes Stück großer Literatur geworden. Sie lässt einem mit ihrer kraftvollen und poetischen Sprache Zeit, genussvoll in die damalige Welt einzutauchen, man kann die Erde, den Wein, das Gras, ja sogar die Landschaft und das Wasser dort förmlich riechen und wird eingesogen in das Leben - auch in das Seelenleben - von Bertrande.
Ein zart und wunderschön aussehendes Büchlein und innendrin ein kraftvoller und durch und durch fesselnder Roman!

Christiane Knappe

 


emmi und einschwein 150x237

 

Oetinger 13,00€
ab 8 Jahren

 

Anna Böhm: "Emmi & Einschwein - Einhorn kann jeder"

Emmi Brix hat eine große Schwester und einen kleinen Bruder, ihre Eltern arbeiten beide und Emmi geht zur Schule. So weit ähnelt Emmis Leben dem Leben der Kinder in unserer Welt sehr, doch Emmi lebt in einem Fabelland. Dort bekommt jeder Mensch an seinem 10. Geburtstag ein eigenes Fabeltier, das ihn fortan sein Leben lang begleiten wird. So leben in Emmis Familie eben nicht nur fünf Menschen, sondern auch noch Pieps, der Zweifühlige Blütenspatz von Emmis Mutter, der seherische Fähigkeiten hat und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Blüten streut, Henk, der Blaue Drachlinger von Vater Professor Doktor Heinrich Brix, der mit seinem Feuer Würstchen rösten kann und ab und an etwas ordinär ist, und die Klingende Wildkatze Mexi ihrer Schwester Meike, die für ihr Leben gerne Musik macht. Emmis sechsjähriger Bruder Fiete hat noch kein Fabeltier, aber seinen Kuschelzwerg Fips, der ihn überall hin begleitet.

Nun steht Emmis 10. Geburtstag an, und, was keiner aus Emmis Familie weiß, Emmi wünscht sich sehnlichst ein Einhorn. Ein Einhorn ist das beste Fabeltier, das man bekommen kann: es ist weise, anmutig und vornehm! Da Emmi in der Schule alles andere als beliebt ist und Antonia, ein Mädchen aus ihrer Klasse, ihr mit ihren Freunden regelmäßig zusetzt, würde Emmi mit einem Einhorn in der Beliebtheitsskala bestimmt einige Stufen nach oben klettern. Als sie dann auch noch kurz vor ihrem Geburtstag von einem goldenen Horn träumt (was man so kurz vor dem großen Tag träumt, wird bekanntlich wahr), scheint es sicher...
Als sich die Familie an Emmis Geburtstag schließlich auf einer Waldlichtung um den geheimnisvollen Fabelbaum der Familie versammelt, Nebel aufsteigt, Emmi ihr Gedicht aufsagt und das Fabelband in die Luft wirft, das sie künftig mit ihrem Fabelwesen verbinden soll, hopst aus dem Nebel ein kleines, rosa Schweinchen mit einem goldenen Horn auf der Nase, das so absolut gar nichts vom Anmut und den eleganten Eigenschaften eines Einhorns hat! Emmi ist erst einmal fassungslos ist und weigert sich, sich mit der Situation abzufinden. Zumal das Plappermaul Henk ihren Schulkameraden bereits am Tag zuvor verraten hat, dass Emmi von einem goldenen Horn geträumt hat und alle zur Geburtstagsparty kommen wollen, um Emmis Einhorn zum ersten Mal zu sehen...

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


wurzeln schlagen 150x237

 

Rowohlt 20,00€

 

Allan Jenkins: "Wurzeln schlagen"

Was für ein besonderes und auch besonders schönes Buch! Allan Jenkins ist ein britischer Journalist und Restaurantkritiker, der uns mit diesem Buch an einem außergewöhnlichen Garten-Jahr teilhaben lässt. Jenkins wohnt in London und hat das Glück, neben seiner Wohnung auch Besitzer einer kleinen Gartenparzelle zu sein, Parzelle 29.

Und diese Parzelle ist nicht einfach nur ein Ort, an dem er sät und pflanzt, gräbt und erntet. Es ist viel mehr: ein Ort der Ruhe und der Besänftigung, des Trostes und der Zugehörigkeit. Ursprünglich wollte Jenkins wirklich ein Gartenjournal schreiben, ein persönliches, das schon. Herausgekommen aber ist eine Suche nach den eigenen Wurzeln, eine Suche, die sehr oft schmerzhaft war.
Allan Jenkins wurde bereits mit drei Monaten in ein Waisenhaus gegeben, später zusammen mit seinem etwas älteren Bruder Christopher. Ihre Mutter, Sheila, haben sie bewusst erst mit etwa 30 Jahren kennengelernt, eine ziemlich dumpfe, schlichte Person, sieben Kinder von sieben Männern, die ihre Kinder größtenteils gar nicht kennengelernt haben. Mit knapp fünf Jahren kommen Christopher und Allan zu Pflegeeltern, es beginnt eine zunächst ruhige Phase in ihrem Leben, aber von Liebe konnte auch hier nicht die Rede sein. Zuneigung höchstens, die man sich durch gutes Betragen aber immer erneut „verdienen“ musste, spätestens mit Beginn der Pubertät beginnen massive Schwierigkeiten und die Jungs werden wieder weggeschickt.
Immerhin hat ihm sein Pflegevater damals eine Tüte mit Kapuzinerkresse-Samen geschenkt und damit beginnt eine lebenslange Leidenschaft. Parallel zur Suche nach eigenen Wurzeln nimmt uns Jenkins immer wieder mit in seine Parzelle und berichtet mit ungeheurer Liebe vom Pflanzen und Wachsen, vom Behüten der kleinen Sämlinge und der Freude an kraftvollem Gemüse und Blumen. Tatsächlich gelingt es Jenkins in mühevoller Kleinarbeit, seinen Vater ausfindig zu machen, auch wenn der mittlerweile nicht mehr lebt. Dazu gehört aber auch das Studium der eigenen Akte und somit die Konfrontation mit viel Kummer, Einsamkeit und Verzweiflung.

Ein wunderbares Buch für alle, denen die Natur Trost ist, die Gartenarbeit lieben und mit dem Ausdruck „geerdet sein“ auch in dieser Hinsicht etwas anfangen können.

Astrid Henning

 


eine liebe in gedanken 150x237

 

Luchterhand 20,00€

 

Kristine Bilkau: "Eine Liebe in Gedanken"

Was für ein wunderschön trauriger Roman, der mich beim Lesen und auch im Nachgang intensiv beschäftigt hat.

Antonia, genannt Toni, geht 1964 als Neunzehnjährige aus dem kleinstädtischen, engen Flensburg nach Hamburg. Ein kleines Zimmer zur Untermiete hat sie bei ihrer gestrengen Wirtin. „Kein Männerbesuch nach 22 Uhr, mein Fräulein…“
Toni sprüht vor Neugier und Lebensfreude, trägt Mini in schrillen Farben und liebt amerikanische Musik. Den stillen und eher introvertierten Edgar bezaubert sie sofort durch ihre Anmut und ihren Esprit. Er ist in sehr jungen Jahren versehentlich zum Vater geworden, versorgt Mutter und Kind gewissenhaft mit Geld. Eine Beziehung ist aus dieser Liaison aber nie geworden. Toni und Edgar werden ein Paar. Sie, die Lebenskünstlerin, zaubert aus einem leeren Kühlschrank doch noch einen französischen Abend mit altem Camembert, trockenem Baguette, Champagner in Kelchen und Edith Piaf auf dem Plattenspieler… Er, der Pragmatische, fährt sie an verwunschene Orte mit seinem pistaziengrünen Käfer und gibt ihr Geborgenheit. Die große Liebe, wohl für beide. Daran ändert sich auch vorerst nichts, als sie, die inzwischen erfolgreich zur Chefsekretärin aufgestiegen ist, ihn ermutigt,die Chance wahrzunehmen, eine Niederlassung seiner Firma in Hongkong aufzubauen. Wenn genug Geld zusammen gespart ist, wird sie ihm folgen.

Der Abschied am Flughafen ist schwer, aber alles wird gut werden. Unzählige Luftpostbriefe werden sich kreuzen. Doch es ist nicht leicht den Kontakt so innig aufrecht zu erhalten, sind die Nachrichten, die man bekommt bereits drei Wochen alt. So vergeht mehr als ein Jahr. Eines Tages das ersehnte Telegramm: Löse Wohnung auf, kündige Anstellung, Flugschein kommt in Kürze… Dieser Flugschein wird Toni nie erreichen.
Sie gibt alles auf, wartet Monat um Monat...nichts. Schlussendlich löst sie die Verlobung, wendet sich anderen Männern zu und wird Mutter einer Tochter. Die Geschichte erzählt uns sehr einfühlsam und respektvoll ebendiese Tochter, nachdem ihre Mutter gestorben ist und ihr die Aufgabe zukommt, die Wohnung mit all den Briefen und Erinnerungen von Toni aufzulösen. Toni, die niemals mehr bei einem Mann ihre Ausgeglichenheit fand, die allein starb. Einmal noch traf sie Edgar, 2006, der ihr keine Antwort auf ihre Fragen gab, sie nur mit den Worten verabschiedete : „Geh zurück in deine rosarote Welt“. Eine Welt, die schon lange nicht mehr, vielleicht nie rosarot war…

Mit schöner Sprache vermittelt uns Frau Bilkau die Enge der 60er Jahre - besonders für Frauen - die schwere Verletzung einer gescheiterten Liebe und doch dem Willen, danach  weiterzuleben, wenn auch mit Melancholie. Ein wunderschönes Buch! Danke!!!

Annette Matthaei

 


auster und klinge 150x237

 

C.H.Beck 19,95€

 

Lilian Loke: "Auster und Klinge"

Dieser Roman hat von allem etwas: Gaunergeschichte, Krimi, Liebesroman, Künstlerroman – suchen Sie sich was aus, es ist alles drin. Dazu noch eine Prise Gesellschaftskritik plus Leidenschaft für gute Küche: voilà, das ist „Auster und Klinge“.

Victor ist frisch aus dem Knast entlassen und sein einziges Ziel ist es, Frau und Kind wiederzugewinnen. Victor war Kellner in sehr guten Hotels, hier hat auch seine Frau kennen- und lieben gelernt. Gleichzeitig war er aber schon in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Dieb, jemand, der mit 11 gekonnt Schokoriegel mitgehen lässt, weil er den Kick daran liebt. Und so hat er neben seiner braven Kellner-Existenz ein astreines Doppelleben als Einbrecher geführt, alles immer blitzsauber und ohne Spuren hinterlassen, nie Gewalt gegen Menschen ausgeübt, bis auf ein Mal…sein letztes Mal.
Aber warum war der 80 jährige Hausbesitzer auch überhaupt zu Hause? Victor hatte alles so sorgfältig recherchiert. Und dann geht ihm der Alte auch noch an die Gurgel! Da musste er sich natürlich wehren, leider stand zwei Minuten später die Polizei vor dem Haus und Victor wanderte für 1,5 Jahre ins Gefängnis.
Jetzt ist sein Plan, ein superedles Restaurant zu eröffnen, eine absolut ehrliche Existenz zu führen, ihm fehlt nur das Startkapital. Da begegnet ihm Georg, ein kleiner Spinner und Lebenskünstler, wie es zunächst scheint. Maler, politischer Performance-Künstler und, wie sich herausstellt: schwerreicher Erbe eines „Schweinezucht“-Unternehmens. Für sein neuestes Kunst-Projekt muss Georg sich besondere Kenntnisse aneignen, er will nämlich in Häuser einsteigen, um dort ganz bestimmte Spuren zu hinterlassen. Na, ahnen Sie den Deal? Victor zeigt Georg das Handwerkszeug und kassiert dafür das Startkapital für sein Restaurant. Bis Georgs Aktion ziemlich aus dem Ruder läuft…

Lilian Loke ist eine junge deutsche Autorin mit einer rasanten, präzisen Sprache, begabt mit einem genauen Blick für Menschen und ausgestattet mit wunderbarem, durchaus zynischem Humor. Für mich eine wirkliche Entdeckung!

Astrid Henning

 


wanderlust 150x188

 

Gestalten 39,90€

 

Cam Honan: "Wanderlust - Unterwegs auf legendären Wegen"

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele.“
 (Josef Hofmiller, Schriftsteller und Lehrer)

In unserer zunehmend chaotischen Welt finden heute viele Menschen auf Wanderwegen vor allem Orientierung. Was sonst so kompliziert erscheint, wird plötzlich ganz einfach: Es gibt einen klar definierten Anfangs- und Endpunkt und dazwischen liegt ein mehr oder weniger mühsamer, steiler, steiniger, schattiger oder wie auch immer gearteter Weg.
Egal, ob wir drei Kilometer oder 30 km wandern, wir versuchen in dieser Zeit lediglich, den Weg nicht zu verlassen und irgendwann anzukommen. Die reduzierte Bewegung beim Wandern hat heute immer mehr eine existentielle Bedeutung: Während der technische Fortschritt mehr und mehr räumliche Distanzen einfach aufhebt, erleben wir beim Wandern ganz bewusst, wie jeder unserer Schritte von unserem eigenen Willen bestimmt wird. Das Wandern gibt uns die Möglichkeit zurück, so langsam zu werden, dass unsere Sinne all das Wunderbare wieder erfassen können, das unsere Erde in ihrer unendlichen Vielfalt zu bieten hat.
Beim Durchblättern dieses zauberhaften Buches spürt man förmlich, wie die unterschiedlichen Gegenden der Welt durch Wege zusammengehalten werden, und welche enormen Dimensionen in dem einfachen Wort „Weg“ verborgen liegen. Wir stoßen auf moderne Wanderwege und auf uralte, bis in die Antike zurückreichende Handelswege; wir finden einen Esels- und einen Kamelpfad, gehen über einen zugefrorenen Fluss in Indien, laufen durch wilde Wälder in Norwegen und durch Salzbecken in Tansania, die unter dem Meeresspiegel liegen. Alle Kontinente der Erde sind vertreten. Es gibt lange und kurze Wege, steinige, kurvenreiche und sehr gerade- für jeden ist etwas dabei.

Zu allen Wegen finden sich im Buch Hintergrundinformationen und hilfreiche Tipps und Tricks für die Reise. Der wunderschöne Fotobildband weckt das Fernweh, führt zurück zu den Ursprüngen und lässt uns die Ruhe und Vielfalt der Natur schon beim Betrachten spüren. Eine unerschöpliche Quelle der Inspiration, ein Genuss für die Sinne und vielleicht der Beginn eines spannenden Urlaubsplanes!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


kleine feuer ueberall 150x237

 

dtv 22,00€

 

Celeste Ng: "Kleine Feuer überall"

Amerika, Cleveland, eine Siedlung namens Shakers Heights. Diejenigen, die es hierhin geschafft haben, gehören zu den Gewinnern. Shakers ist ein Stadtteil, vor 100 Jahren gegründet, in dem alles geregelt und ordentlich ist. Die Müllmänner holen die Tonnen hinter den Häusern hervor, damit den Anwohnern der Anblick von wartenden, stinkenden Müllbehältern erspart bleibt. Die Rasenflächen sind mit der Nagelschere vom Gärtner gepflegt…
Hier wohnen die Richards, bereits in der zweiten Generation. Er Staranwalt, sie bissige Hausfrauenjournalistin und die vier nahezu perfekten Kinder. Zusätzlich zu ihrem großzügigen, gestyltem Heim sind sie glückliche Besitzer einer Zweitimmobilie in Shakers Heights. Ein kleines ererbtes Häuschen, das an Leute vermietet wird, denen Elena Richard gerne mal eine Chance gibt. Man ist ja großzügig. Dankbarkeit ist obligat.

Das große Los ziehen Pearl und ihre Mutter Mia. Die beiden führten bisher ein Nomadenleben durch ganz Amerika. Mia ist Künstlerin. Fotografin. Doch zum großen Durchbruch hat es bisher nicht gereicht. Jedesmal, wenn ein Projekt abgeschlossen ist, treibt es die Mutter beinahe zwanghaft weiter durch das riesengroße Land. Nun soll es anders werden. Mia verspricht ihrer 16jährigen Tochter endlich an einem Ort sesshaft zu werden. Pearl möchte Freunde finden, zu einer Clique gehören, angekommen sein. Ein legitimer Wunsch für einenTeenager. Das neue Heim ist für die Heranwachsende ein Paradies, wenn auch die Möbel provisorisch sind, die Klamotten aus Secondhandläden kommen. Geld ist Mangelware, Liebe gibt es umsonst…
Es dauert nicht lange und Pearl freundet sich intensiv mit dem jüngeren Sohn der Familie Richards, dem eher schüchternen, aber sensiblen, intelligenten Moody an. Die beiden sind bald ein unzertrennliches Paar, rein platonisch, zumindest von Pearl‘s Seite aus. Moody führt seine Freundin zu Hause ein und es dauert nicht lange, da ist Pearl mehr auf dem eleganten Sofa der reichen Familie zu finden, als zu Hause bei ihrer eher freakigen Mutter - Daily Soaps schauend, die älteren Geschwistern Trip und Lexie ihres neuen Freundes anhimmelnd. Pearl möchte dazu gehören zu dieser Welt des Glanzes und der Selbstverständlichkeit. Sie möchte bei den Coolen, Selbstbewußten mitspielen.
Ganz anders Izzy, die jüngste des Richards Clans. Sie fühlt sich wie ein Kuckucksei in dieser perfekten Familie, löckt ständig gegen den Stachel, gerät auf fatale Weise immer wieder mit ihrer Mutter aneinander. Sie fühlt sich stark zu der unkonventionellen Mia hingezogen und verbringt ihre Nachmittage in deren Dunkelkammer. Insgeheim wünscht sie sich die Tochter von Pearl‘s Mutter zu sein.

Das dieses vorerst harmonisch erscheinende Gefüge nicht zu einem guten Ende führt, wissen wir schon am Anfang. Das Haus der Richards wird abbrennen und die bange Frage steht im Raum: Wo ist Izzy???
Dieser Roman ist ein amerikanisches Sittengemälde, spielt mit der Doppelmoral der höheren Schichten und zeigt dunkle Geheimnisse aller Protagonisten auf. Wie schon in ihrem Roman „Was ich euch nicht erzählte“ beschreibt die Autorin Ng die Nöte Heranwachsender, den Druck, den die Gesellschaft und die Familien auf sie ausüben und die Verzweiflungstaten, die daraus resultieren können, auf alarmierende Weise.

Ein absolut gelungener Nachfolgeroman einer der Autorinnen, auf deren neue Bücher ich mich ausgesprochen freue.

Annette Matthaei

 


alles auf anfang 150x237

 

Rowohlt 18,00€

 

Manuel Möglich: "Alles auf Anfang"

Kennen Sie das? Sie lesen oder hören von Menschen, die ihren Lebenstraum verwirklicht haben. Die ausgestiegen sind. Das machen, was sie schon immer, immer wollten. Mutig, ohne Rücksicht auf Verluste, radikal, ohne Plan B. Und manchmal hat man vielleicht ein schlechtes Gewissen, wenn man von solchen Geschichten hört. Ob man das nicht auch...? Wie es wohl wäre, wenn...? Doch am Ende bleibt alles wie es ist, und man findet sich zaghaft, zaudernd, langweilig.
Aber wer spricht eigentlich von diesen Projekten, wenn der Schwung des Neuen, die Anfangseuphorie verflogen ist? Wenn sich die neue Idee im Alltag behaupten muss?

Manuel Möglich macht das. Sein Buch trägt den Untertitel „Auf den Spuren gelebter Träume“ und er erzählt uns davon, wie es nach dem Neustart weiterging. Dabei sind es völlig unterschiedliche Projekte, von denen er berichtet: Er besuchte die Nomadelfen in der Toskana, eine urchristliche Gemeinschaft, die nahezu ohne Geld und Eigentum auskommt. Die Kirschblütler in der Schweiz propagieren und praktizieren die freie Liebe. Im benediktinischen Kloster erprobt Möglich die innere Einkehr und schließlich besucht das RAAD-Festival (Revolution Against Aging & Dying) im sonnigen Kalifornien.
Dabei nimmt Möglich nie die Position eines Neiders ein, der nur darauf wartet, ein eventuelles Scheitern hämisch zu kommentieren, sondern berichtet unvoreingenommen, neugierig und journalistisch im besten Sinne.

Astrid Henning

 


kuehn hat aerger 150x237

 

Piper 20,00€

 

Jan Weiler: "Kühn hat Ärger"

Martin Kühn 45 Jahre alt, 1,96 Meter groß, Münchner Polizist, verheiratet, zwei Kinder, Hausbesitzer steht eines Morgens vor dem Spiegel und fragt sich: "Wer bist du? Wie geht es dir? Stimmt alles?" Man liebt ihn sofort! Denn wer kennt ihn nicht, diesen morgendlichen Blick ins eigene Gesicht, den Kühn hier so unaufgeregt schonungslos wagt.

Kühn kommt justamente von einer langen Reha zurück; ihn, den starken, intuitieven Ermittler hat es regelrecht niedergestreckt. Und nun steht er vor einem wahren Aufgabenberg: der Job, die Familie, die Ehe, die Schulden fürs Haus, der alternde Körper drücken aufs Gemüt. Sofort ist man als Leser mitten drin im Geschehen, was daran liegt, dass Jan Weiler ein Meister im Beschreiben des Alltäglichen ist. Schon wenige Szenen genügen, und man weiß, wie sich die Vorhölle anfühlt, in der Kühn wohnt, welcher Mief in einem chronisch unterfinanzierten Kommissariat herrscht, in dem Kühn mit dem gewaltsamen Tod eines jungen Deutsch-Libanesen konfrontiert wird.
Der Jugendliche wurde in der Nacht zuvor an einer Tram-Haltestelle in München zu Tode geprügelt. Seine Personalien sind schnell erfasst, der Junge war kein unbeschriebenes Blatt: vorbestraft, mit Migrationshintergrund, ohne großartige Zukunftsperspektive. Die letzten Wochen vor seinem Tod wohnte Amir bei der Familie seiner Freundin, einer Tochter aus sehr reichem und sehr geordnetem und sehr distinguiertem Haus. Er wurde quasi wie ein zweiter Sohn aufgenommen. Doch Kühn hat noch weitere und nicht unerhebliche Baustellen zu beackern, er tanzt sozusagen auf einigen Hochzeiten, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch privat. Nichtsdestotrotz nähert er sich akribisch diesem Mordfall und lüftet Scheibchen für Scheibchen die strahlende Fassade in München Grünwald, hinter der eine wenngleich krösusartig reiche, aber im Innersten desolate Familie lebt...

Jan Weiler integriert einmal mehr brandaktuelle Themen in eine spannende und fesselnde Handlung. Und dieses Buch, dem jegliche Banalität abgeht, ist eher eine sehr gelungene Allround-Unterhaltung als ein reiner Krimi.

Heike Kasten

 


eine handvoll lila 150x237

 

Magellan 18,00€
ab 14 Jahren

 

Ashley Herring Blake: " Eine handvoll Lila"

„Furcht. Zorn. Hoffnung. Liebe. Ich lasse alles aus mir in die Tasten strömen. Es ist wie ein Rausch, ein völliges Loslassen, und ich kann wieder denken. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, ich kann fortgehen.“

Grace ist 17, begeisterte und sehr talentierte Klavierspielerin und gut in der Schule. Sie träumt davon, nach dem Schulabschluss eine Musikhochschule zu besuchen und professionelle Pianistin zu werden. Doch von diesem Traum könnte sie kaum weiter entfernt sein: Grace’ Mutter, Maggie, ist eine vollkommen chaotische Frau, die ihr Leben einfach nicht in den Griff bekommt. Ihre Stimmungen reichen von „himmelhochjauchzend“ bis zu „zu Tode betrübt“, ständig wechselt sie ihre Partner, hat dauernd Geldsorgen, trinkt zu viel und ist vollkommen unfähig, sich in andere Menschen hinein zu fühlen.
Als Maggie von einer Klassenfahrt zurückkommt, eröffnet ihr die Mutter, dass sie einmal mehr umziehen werden - zu Maggies neuem Partner Pete, dem Leuchtturmwärter der kleinen Halbinsel an der Ostküste der USA. Zu allem Unglück ist der Sohn des Leuchtturmwärters auch noch Grace Ex-Freund, der sie auf übelste Art und Weise betrogen hat. Als ob all das nicht schlimm genug wäre, hat Maggie auch noch Grace' geliebtes Klavier verkauft, weil sie dringend Geld brauchte. Grace schluckt alles, spielt einmal mehr mit und übt künftig Klavier im Hinterzimmer des alten Buchhändlers.

Aber gäbe es da nicht Luca, ihren besten Freund seit Kindheitstagen, wäre es wohl kaum zu ertragen. Ein paar Tage später zieht bei Lucas Familie ein fremdes Mädchen ein, dessen Mutter vor kurzem ums Leben kam. Grace lernt das Mädchen, Eva, durch Zufall am Strand kennen und fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Die beiden kommen sich näher, merken, dass sie einander gut tun und einige Gemeinsamkeiten haben. Sie finden beieinander einen Ort und eine Zuflucht, der sie für Momente die Probleme und Schicksalsschläge ihres Lebens vergessen lässt. Auf geistiger wie auch auf körperlicher Ebene fühlen die beiden sich nahe und beginnen eine vorsichtige und behutsame Beziehung. Als jedoch Grace’ Mutter plötzlich anfängt, sich überfürsorglich um Eva zu kümmern und Grace vollkommen aus den Augen verliert, begreift Grace, dass es an ihr ist, Eva vor den Stimmungen und Abgründen ihrer Mutter zu schützen.

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


nachsommer 150x237

 

Mare Verlag 18,00€

 

Johan Bargum: "Nachsommer"

„Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht? Es ist wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Einige Augenblicke lang befindet man sich im Zentrum der Ereignisse, der Wind saust einem um die Ohren, die Lungen wollen platzen, die Gegner keuchen, das Einzige, was existiert, ist das Zielband irgendwo vor einem. Aber ist es das, was wirklich passiert? Nachher erinnert man sich an den Lauf, und das Gedächtnis fängt sofort an, die Fakten zu sortieren; es redigiert, unterteilt, sortiert. Ich hätte die erste Kurve nicht so langsam angehen sollen. Auf der Gegengeraden hätte ich kürzere Schritte machen müssen. Im Endspurt bin ich gestolpert, das war alles entscheidend. Nachher sieht alles gleich anders aus. In unserer Familie war sicher nicht ich der Wettläufer, sondern Carl. Ich sitze auf der Veranda und schreibe diese Zeilen, bin allein. Das alte Landhaus, die Villa, hat sich geleert. Alle sind abgereist, in die Stadt, ins Ausland. Eine ist am Ende ihres Weges angekommen und wird bald in Rauch aufgehen. Es ist leise und ruhig geworden.“

So beginnt der Roman von Johan Bargum, einem renommierten finnischen Autor. Erzählt wird uns die Geschichte dieses Sommers von Olof. Olof, der immer im Schatten seines 2 Jahre jüngeren Bruders Carl stand. Carl überragte den Älteren bereits im Alter von 11 Jahren nicht nur an Größe, er war charmanter, fixer, besser aussehend. Und somit der auserkorene Liebling der Mutter. Zum Leidwesen Olofs nahm sie den Sunnyboy, der wahrlich keinen liebenswerten Charakter hatte, immer in Schutz, den älteren Jungen überhaupt nicht wahr. Ein Gegengewicht in Form eines Vaters gab es nicht. Der eher schwache Erzeuger verstarb früh. An seine Stelle versuchte Tom zu rücken, ein gutmütiger Arzt, der sich freundlich um die Kinder bemühte. Doch Olof sah in ihm einen Eindringling, echte Nähe ist von dem Pubertierenden nicht gewollt. In Ungnade fiel Carl dann tatsächlich, als er mit seiner Frau Clara, mit der auch Olof eine Geschichte teilt, nach Amerika auswanderte. Die Mutter tobte in purer Verzweiflung.
Tom ist es, der nun Olof anruft, um ihm mitzuteilen, dass die Mutter in einem Landhaus der Familie in den Schären im Sterben liegt. Der immer noch alleinstehende Olof benachrichtigt nach langer Sendepause seinen Bruder, der unwillig zwar, aber doch mit Klara und seinen beiden Jungs anreist. Die Landschaft ist idyllisch, es ist ein warmer sonniger Spätsommer und doch, trotz dieser äußeren guten Umstände, brechen zwischen den beiden Brüdern alte Animositäten auf. Carl, mit seiner überheblichen, weltmännischen Art, lässt keine Gelegenheit aus, seinen eher bescheidenen Bruder vorzuführen. Über allem schwebt bedrohlich der nahende Tod der nicht mehr ansprechbaren Mutter und eine verpasste Chance von zwei Menschen, die vielleicht füreinander bestimmt waren.

Was mir an dieser modernen Kain und Abel Geschichte so sehr gefallen hat, ist, dass die Figuren glasklar gezeichnet sind und dass dieses schmale Buch komprimiert so viel Gefühl und Stimmung transportiert - dabei nie überladen wirkt - wie es manch 600 Seiten Roman nicht vermag. Für mich eine echte Entdeckung dieses Frühjahres!

Annette Matthaei

 


mercy seat 150x237

 

C.H.Beck 22,00€

 

Elizabeth H. Winthorp: "Mercy Seat"

Dieser Roman beschreibt nur knapp 24 Stunden in Lousiana, 1943 – und ist vielleicht gerade deswegen so besonders beeindruckend.

Ausgangspunkt für diese Geschichte – übrigens nach einer wahren Begebenheit geschildert – ist das Todesurteil gegen Will Jones. Will ist ein junger Schwarzer und sein Verbrechen bestand darin, Grace, eine junge Weiße, geliebt zu haben und zurückgeliebt worden zu sein. „Aufrischer Tat ertappt“ - das heißt hier: zum Tode verurteilt auf dem elektrischen Stuhl.
Aus verschiedensten Perspektiven erleben wir den Tag, an dem die Hinrichtung in St. Martinsville um Mitternacht stattfinden soll: ...wir begleiten Wills Vater, der seinem Sohn wenigstens einen ordentlichen Grabstein besorgen will und dafür einen Kredit aufnehmen muss, den er wahrscheinlich nie wird zurückzahlen können. ...Hannigan ist der Pfarrer des Orts, der Will in seinen letzten Stunden begleiten soll und durch das Urteil fast an seinem Glauben verzweifelt. ...Mr. Livingstone ist der Staatsanwalt, durch dessen Unterschrift das Urteil vollstreckt werden wird – fast ein Wiedergänger von Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“. Warum nur fällt er dieses haarsträubend falsche Urteil? ...Nell – seine Frau, die bis zur letzten Minute hofft, dass das Urteil ausgesetzt wird. ...Lane – selbst Häftling und zusammen mit einem Justizbeamten auf dem Weg nach St. Martinsville, um den „Mercy Seat“ an Ort und Stelle zu bringen.

Winthrop gelingt ein so eindringliches Portrait dieser unterschiedlichen Figuren, dass einem jede absolut deutlich vor Augen ist. Wir spüren die Last, die Spannung dieses Tages, passenderweise begleitet von drückender Hitze. Dies alles ergibt in der Gesamtheit einen Roman, der gerade durch seine Schlichtheit und das fehlende Pathos umso beeindruckender ist.

Astrid Henning

 


der grosse plan 150x237

 

Kiepenheur & Witsch 14,99€

 

Wolfgang Schorlau: "Der große Plan"

Wie gewohnt nimmt sich Herr Schorlau eines hochbrisanten Themas an: der Griechenlandkrise, der Eurokrise, der Machenschaften der Banken.

Georg Dengler, Stuttgarter Privatermittler, ergattert einen wirklich gut bezahlten Auftrag, endlich! Die mageren Jahre scheinen vorbei. Denn das Berliner Auswärtige Amt will, dass er nach einer verschwundenen Mitarbeiterin sucht. (Das nun führt zunächst einmal zu einer personellen Aufstockung der kleinen Detektei um eine attraktive neue Mitarbeiterin – mit allen hormonellen Folgen für die Stuttgarter Lebens- und Ermittlungsgemeinschaft von Dengler und der schönsten Frau der Welt, seiner Freundin Olga.)
Ein Handyvideo legt den Verdacht nahe, dass Anna Hartmann entführt wurde. Die junge Frau, bestens ausgebildet und extrem ehrgeizig, ist eine in die höchsten Gremien aufgestiegene Karrierefrau, die als Beraterin jener Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalen Währungsfonds und EU-Kommission fungierte, die mit harter Hand Griechenlands Schicksal lenkt. Doch seit Kurzem scheint Anna Hartmann, an der Legitimität ihrer Arbeit gezweifelt zu haben. Dengler gelingt es, vier der Tat verdächtige Männer zu identifizieren; bevor er allerdings Kontakt aufnehmen und sie befragen kann, werden sie ermordet. Und zwar in einem Kontext, der vermuten lässt, dass das Leben dieser Männer seit geraumer Zeit beobachtet wurde. Die Ermittlungen enden in einer Sackgasse. Dengler nimmt einen neuen Anlauf und stößt auf das größte Geheimnis der sog. Griechenlandrettung: Auf welchen Konten sind die vielen Milliarden europäischer Steuergelder letztlich gelandet?

Den Schulden Griechenlands setzt Schorlau die uneingelöste historische Schuld Deutschlands entgegen. Daher schneidet er in das Geschehen eine Nebenhandlung, die an das Wüten der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg erinnert. Und daran, mit welchen Tricks sich die Bundesrepublik Entschädigungen und Reparationen weitgehend entzogen hat.
Der große Plan bringt Licht in die dunklen Hintergründe, in denen die Rettungsmilliarden für Athen versickert sind. Die griechische Schuldenkrise entpuppt sich in Wirklichkeit als Bankenkrise – und Dengler dreht wahrlich ein großes Rad, ja, vielleicht ist es sogar etwas zu groß…

Heike Kasten

 


die geliehene schuld 150x237

 

Diana 22,00€

 

Clair Winter: "Die geliehene Schuld"

Dieser Roman spielt in der Nachkriegszeit, sozusagen in der Stunde Null, als man noch dachte, man könne die Altlasten abstreifen und völlig neu und unbedarft die Bundesrepublik gründen.

Marie Weißenburg, eine junge Sekretärin aus dem Büro Adenauers stößt auf Ungereimtheiten in ihrer eigenen Familie. Der Vater ist verstorben, aber über die Umstände schweigen sich Mutter und Brüder aus. Der zwielichtige Freund des Hauses, "Onkel" Karl, rät ihr sogar dringend, sich nicht weiter mit dem Thema zu befassen.
Als Marie den Hamburger Journalisten Jonathan Jacobsen kennenlernt, bittet sie ihn, Nachforschungen anzustellen. Eine folgenschwere Bitte! Jonathan kommt durch einen "bedauerlichen Unfall" ums Leben.... Seine langjährige Kollegin und Vertraute Vera Lessing, ebenfalls Redakteurin beim Hamburger Echo, stößt in Jonathans Unterlagen auf ehemalige Kriegsverbrecher, die sich offensichtlich erfolgreich abgesetzt haben und beschließt, eigenmächtig weiter zu recherchieren.

Die Autorin geht in ihrem Roman der Frage nach: was wurde eigentlich aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben, denn längst nicht allen konnte der Prozess gemacht werden? Und was hatte es mit der Organisation Gehlen auf sich?
Ein spannender Roman der Fiktion und Realität gekonnt miteinander verbindet!

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


die zwoelf leben des samuel hawley 150x237

 

Kein und Aber 25,00€

 

Hannah Tinti: "Die zwölf Leben des Samuel Hawley"

Ein Roman, in dem einem die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, Obacht! Und gleichzeitig eine anrührende Geschichte über eine große Liebe, außerdem eine Vater-Tochter-Geschichte, abenteuerlich und außergewöhnlich.

Zunächst mal haben wir da Samuel Hawley, der mit kleinen Gaunereien in Amerika beginnt, mit seinem Kumpel Jove in luxuriöse Ferienhäuser einsteigt und Auftragsarbeiten erledigt. Er macht seine Sache gut, lässt sich nicht erwischen, ist zuverlässig und erarbeitet sich einen Ruf, der dazu führt, dass die Gaunereien bald keine mehr sind, sondern zu veritablen Straftaten werden. Mittlerweile hat er ein Arsenal an Waffen, vom Gewehr seines Großvaters bis hin zum kleinen Revolver im Hosenbund. Wird übrigens durchaus eingesetzt, wenn's sein muss. Von diesen Einsätzen erzählt auch Samuels Körper: Das mit den zwölf Leben ist durchaus ernst gemeint, Einschusslöcher hinterlassen Narben und zu jeder gibt es eine aufregende Geschichte.
Doch dann wird es ruhiger in Samuels Leben, denn er lernt Lily kennen: schön und mutig, liebevoll und willensstark. Zum Glück ist Samuel ein sparsamer Mensch, der einen Großteil seiner Beute und seines Lohns aufbewahrt hat. Also muss er eine Weile nicht arbeiten und genießt das Leben mit Lily, schließlich werden sie Eltern der kleinen Louise, was unseren Helden ein bisschen überfordert. Bald hat er allerdings in dieser Hinsicht keine Wahl mehr, denn Lily kommt durch einen Unfall ums Leben, Samuel wird den Großteil von Louises Leben allein mit ihr sein. Nach einiger Zeit des Umherziehens lassen sie sich in Olympus nieder, dem Heimatort von Loos Mutter.
Samuel ist ein einsamer Wolf mit gebrochenem Herzen, ein Einzelgänger mit undurchsichtiger Vergangenheit, das kommt in kleinen amerikanischen Städten nicht gut an, man begegnet ihm mit einer ordentlichen Portion Misstrauen. Vor allem aber geht es nun auch um Loo: Aus ihrer Perspektive erleben wir die Gegenwart, spüren, wie sehr sie ihren Vater liebt, was für eine enge Gemeinschaft die beiden bilden, verlieben uns das erste Mal mit ihr, spüren den Wunsch „zugehörig“ zu sein und werden Teil der Einwohnerschaft von Olympus. Fast werden Vater und Tochter so richtig bürgerlich, doch da taucht Jove wieder auf und die Vergangenheit holt Samuel ein.

Der Roman um Loo und Samuel ist wunderbar erzählt, Schilderungen der Gegenwart wechseln sich mit den Kapiteln um Samuels Vergangenheit ab, und so können wir uns als Leser nach kugelpfeifenden Abenteuern immer wieder etwas in der Kleinstadt erholen.
Gerade diese Mischung macht das Buch so außergewöhnlich, ich freue mich auf weitere Bücher dieser jungen Autorin.

Astrid Henning

 


der letzte von uns 150x237

 

Ruetten und Loening GmbH 18,00€

 

Adélaïde de Clermont-Tonnerre: "Der letzte von uns"

Die Geschichte beginnt in Dresden, zum Ende des zweiten Weltkrieges. Eine grausam versehrte hochschwangere junge Frau schleppt sich durch den Bombenhagel zum Roten Kreuz und befiehlt dem diensthabenden Arzt, ihr Baby zu holen. "Er ist der Letzte von uns", sind ihre Worte; sie weiß, dass sie nicht überleben wird.

1971 finden wir uns in Manhattan wieder. Werner, "Wern", das ehemalige Kriegskind, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden: charismatisch, gut aussehend, und dem schönen Geschlecht durchaus zugeneigt. Nur manches Mal lassen sich hinter seinem kühlen Äußeren seelische Narben vermuten. Er lernt Rebecca kennen, eine Tochter aus sehr gutem und solventem New Yorker Hause und weiß sofort, dass sie die Frau seines Lebens ist.
Die Liebe beruht durchaus auf Gegenseitigkeit – damit könnte man es bewenden lassen und ein Happy End feiern! Doch Rebecca verlässt Wern von einem Tag auf den anderen, ohne jegliche Erklärung, und sie scheint ihm etwas zu verheimlichen, dass mit seinen ursprünglichen Wurzeln in Verbindung steht.

Die Autorin hat mit ihrem Buch einen historischen Familien- und Gesellschaftsroman vorgelegt, mit einer Handlung, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Ihre gute Recherche über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen ist ebenso überzeugend wie die Authentizität der Charaktere. All das erwartet uns in einer Geschichte, die sich, sozusagen unter der Liebesgeschichte von Wern und Rebecca, mit den dunklen Machenschaften des Dritten Reiches beschäftigt. Und mit denen, die in diesen Zeiten auf unterschiedlichen Seiten standen: Die einen, die sich verkauften für eine neue Zeit – mit allen Konsequenzen. Und die anderen, die sich nicht verkaufen lassen wollten – ebenfalls mit allen Konsequenzen...

Heike Kasten

 


totenweg 150x237

 

Lübbe 20,00€

 

Romy Fölck: "Totenweg"

Ein Elbmarschkrimi - so könnte der Untertitel dieses ersten Bandes der Krimiserie um Frida Paulsen und Hauptkommissar Haverkorn lauten. Die Landschaftbeschreibungen in diesem Debüt vermitteln  eine besondere Atmosphäre, in die man als Leser ohne Mühe sofort eintaucht.

Frida Paulsen hat sich für den gehobenen Polizeidienst entschieden. Sie steht kurz vor dem Examen in Hamburg, ihr Heimatdorf in der Elbmarsch hat sie während der letzten 18 Jahre nur äußerst ungern besucht. Immer noch muss Frida an die verhängnisvolle Nacht denken, in der sie ihre beste Freundin tot im Pumpenhaus fand.... Erwürgt! Kommissar Haverkorn, der damals die Ermittlungen leitete, ist bis heute davon überzeugt, dass Frida ihm etwas verheimlicht hat....
Nun wird der Polizeibeamte erneut in das kleine Elbmarschdorf geschickt: Fridas Vater wurde überfallen und verletzt. Er liegt im Koma, und die Ärzte wissen nicht, ob er überlebt. Frida weiß, dass sie nun nicht länger zögern darf: ihre Mutter braucht dringend Hilfe. Also reist sie zurück in das Dorf und damit auch in ihre Vergangenheit. Alte Kontakte werden neu knüpft , doch der Mörder von damals fühlt sich zunehmend bedrängt von der jungen Ermittlerin und ihrem neugierigen Kollegen.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


zusammen sind wir helden 150x237

 

Carlsen 17,99€

ab 14 Jahren

 

Jeff Zentner: "Zusammen sind wir Helden"

„Warum sollte ich das tun?“, fragte Dill. „Abgesehen von den Gründen, die ich dir gerade aufgezählt habe? Weil wir genau die Dinge tun sollten, vor denen wir Angst haben. Dann werden sie jedes Mal leichter.“

Dill, ein junger Mann aus dem kleinen Ort Forrestville nahe Nashville, dessen religiös-fanatischer Vater seit Jahren wegen Missbrauchs im Gefängnis sitzt, hat es alles andere als leicht: seine todunglückliche, im Ort wegen ihres Mannes geächtete Mutter, macht ihm das Leben zur Hölle, nach der Schule soll er im Supermarkt arbeiten, um die Schulden der Eltern abzubezahlen. Er sehnt sich nach einem Leben außerhalb von Forrestville, irgendwo weit weg von seiner eigenen Vergangenheit. Zum Glück gibt es in seinem Leben aber noch seine Freundin Lydia, die im Internet ihren eigenen Modeblogg schreibt und liebevolle, unterstützende Eltern an ihrer Seite hat. Der Dritte im Bunde ist Travis, ein echter Nerd, der vollkommen in der Realität seiner Lieblingsfantasybuchreihe lebt. Travis Vater ist ein furchtbarer, gewaltbereiter Mensch, der nicht zulassen will, dass der Sohn eigene Wege geht
Alle drei werden im Sommer ihren Schulabschluss machen, doch könnten ihre Lebensperspektiven unterschiedlicher nicht sein: während Lydia plant, als Modebloggerin nach New York zu gehen, scheint es für Travis und Dill kein Entkommen aus der Perspektivlosigkeit ihres Lebens zu geben. Lydia setzt alles daran, den beiden Freunden zu helfen, Wege zu ebnen und sie zu ermutigen, ihr Leben in eigene Hände zu nehmen und ihre Begabungen zu nutzen. Dann jedoch geschieht etwas, auf das niemand im Leben jemals vorbereitet sein kann.

Die Geschichte von Dill, Lydia und Travis ist eine sehr berührende Geschichte. Alle drei sind authentische, gar nicht perfekte Personen; nichts wird ausgeklammert, oft erscheint das Leben der Jugendlichen schonungslos und hoffnungslos, doch im nächsten Moment lässt ihr Zusammenhalt und ihre Stärke wieder Raum für ungeahnte Möglichkeiten. Jede ihrer Handlungen ist nachvollziehbar, verständlich und vor allem immer wieder sehr menschlich.
Ein wunderbares Buch - für alle ab 14 Jahren - voller Trauer und Leid, aber auch voller Hoffnung, die Ängste und Hindernisse des Lebens eines Tages überwinden zu können, das man nicht so schnell wieder vergessen kann!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar


mr franks fabelhaftes talent fuer harmonie 150x237

 

Fischer Krüger 19,99€

 

Rachel Joyce: "Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie"

Können Sie sich noch an Harold Fry erinnern, der eine spontane Pilgerreise quer durch England bis nach Schottland unternahm? Verfolgt von Weggefährten und Millionen von Lesern? Ähnlich rührend, allerdings wesentlich vinyllastiger ist die Geschichte von Frank, die Frau Joyce uns in diesem Winter beschert.

Frank betreibt in den späten 80er Jahren einen Plattenladen in der schon etwas heruntergekommenen Unity Street im Süden von London. CDs kommen ihm nicht ins Haus, das wäre ein Frevel. Da wird er, der sonst eher schüchterne, zurückhaltende lange Lulatsch, wild!!! Dafür befinden sich in seinem kleinen Laden unzählige dieser wunderbaren Schallplatten, schwarz, glänzend, voller Zauber und nicht nur das. Dieses kleine „gallische Dorf“ ist auch der Treffpunkt sämtlicher Ladenbesitzer der von der Gentrifizierung bedrohten Unity Street.
Liebenswert gezeichnet sind die Charaktere, von der schroffen Tattoostudiobetreiberin, die heimlich in Frank verliebt ist, über den ehemaligen Pater, der jetzt Rosenkränze und andere Devotionalien verkauft, und nicht zu vergessen, dem übereifrigen Lehrling Kid, einem großer Bewunderer Franks. Das ist aber noch nicht alles, was den namenlosen Plattenladen ausmacht. Das ganz besondere ist Franks Gabe, jedem Kunden genau die Platte herauszuziehen, die er in seiner jeweiligen Lebenslage nötig hat. Egal ob Aretha Franklin, James Brown, Janis Joplin oder Vivaldi und Bach. Egal ob Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Schwermut - Frank blickt in die Seelen der Käufer und hilft meist mehr als ein Therapeut.
Eines Tages jedoch stößt Frank unerwartet an seine Grenzen. Eine junge, zarte Frau im grünen Mantel blickt in seinen Laden, durch die schmuddelige Scheibe direkt in Franks Augen und rutscht im nächsten Moment ohnmächtig!! am Fenster herab. Frank eilt zu Hilfe, spürt nach, welche Musik die Rettung wäre und…. Nichts, er spürt rein gar nichts… außer…
Die Unbekannte erwacht aus ihrer Ohnmacht, entschuldigt sich umständlich und entschwindet. Wer ist diese Frau in Grün, die Frank nicht mehr aus dem Kopf geht, so sehr er sich auch dagegen wehrt?

Wir werden Ilse aus Deutschland noch kennenlernen, dafür sorgen schon Franks Freunde und der liebe Zufall. Davor muss unsere Hauptfigur aber erst noch ganz hinabsinken, bevor dann, wie es sich für ein gutes Erwachsenenmärchen gehört, zum Schluss doch noch alles gut wird.
Dies ist ein herzerwärmender Roman über einen liebenswerten Mann, der auf der emotionalen Bremse steht, über Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und natürlich eine Hommage an das gute alte Vinyl.

Annette Matthaei

 


bleiben 150x237

 

Droemer Knaur 10,99€

 

Judith W. Taschler: "bleiben"

Vor zwanzig Jahren trafen sich drei Männer und eine Frau auf einem überfüllten Bahnsteig in Rom – eine kurze Begegnung junger Menschen, die alle an unterschiedlichen Wendepunkten ihres Lebens standen.
Juliane, Cellistin, schwer traumatisiert nach dem tödlichen Unfall ihres kleinen Bruders; Paul, frisch geschieden nach einer unglücklichen Ehe; Felix, auf der Suche nach der Lebensgeschichte seiner Mutter und Max, der davon träumt, Maler zu werden. Und eben  dieser Max fertigt von Juliane eine Skizze an, die die Grundlage für ein Bild wird, das lange Zeit später das Leben aller Beteiligten in Unordnung bringen wird.
Juliane, mit Paul verheiratet, trifft Felix auf einer Vernissage wieder; die beiden beginnen eine heftige und leidenschaftliche Affäre, die über ein halbes Jahr andauert. Doch eines Tages bricht Felix urplötzlich den Kontakt ab, und eine tief verletzte und gedemütigte Juliane bleibt zurück. Erst Monate später erfährt sie den Grund und die furchtbare Wahrheit.

In diesem wunderbaren Buch erzählen drei junge Männer und eine Frau im Wechsel und in Rückblicken einem jeweils nicht näher benannteten Gegenüber voneinander und übereinander. Und nach und nach ergibt sich, wie sie zu dem wurden, was sie nun sind. Wie sie zueinander stehen, was sie verbindet und was sie trennt. Es geht um die großen Themen des Lebens, nämlich Zufall, Verrat, Liebe, Leidenschaft, Schuld, Vertrauen und Tod.
Nicht tränendrüsig, nein, lebhaft und auf eine behutsame Art spannend werden die einzelnen Schicksale, die immer miteinander im Zusammenspiel stehen, erzählt. In einer klaren, schönen Sprache baut Judith Taschler einen Spannungsbogen auf, der den Leser bis zur letzten Seite gefangenhält, um ihn dann sehr nachdenklich zurückzulassen.

Und dabei ist der Titel des Buches auf allen Ebenen zu spüren! Wie schließt man mit der eigenen Vergangenheit Frieden? Und wie soll man jemanden gehen lassen, wenn doch selber zurückbleibt? Wie bleibt man und kann doch gleichzeitig loslassen?

Heike Kasten

 


wild 150x237

 

Fischer 20,00€

 

Reinhold Messner: "Wild"

Sollten Sie Schwierigkeiten mit dem norddeutschen Herbst- und Winterwetter haben, auch der Sommer passt Ihnen nicht und überhaupt: das Klima in Deutschland!!, dann habe ich ein sicheres Heilmittel für diese Unzufriedenheit: R. Messners „Wild“.
Danach werden Sie nasskalten, grauen und windigen Tagen voller Verachtung begegnen, denn jetzt wissen Sie, was wirklich „schlechtes Wetter“ ist.

Schon das Titelbild verheißt eisige Temperaturen und das heißt, wir sprechen von -30 oder sogar extremen – 50 Grad. Vielleicht erkennen manche von Ihnen das Schiff: es ist die „Endurance“, die 1914/15 im Packeis der Antarktis zermalmt wurde. Der irische Polarforscher Shackleton brach 1914 auf, um die Antarktis auf dem Landweg zu durchqueren, es ist bereits seine vierte Reise in diese Region. Immer an seiner Seite: Frank Wild, dem Reinhold Messner mit diesem Buch ein würdiges Denkmal setzt.
Shackleton besitzt geradezu magische Führungsqualitäten, er hat ein untrügliches Gespür für's Eis, er hat Mut, Ehrgeiz und die nötige Vision. Doch ohne Frank Wild geht nichts, er ist Shackletons „right-hand-man“, so wird es später auf seinem Grabstein stehen. Er ist der unverzichtbare Mittler zwischen „Boss“ und Mannschaft, immer treu und zuverlässig, loyal und dennoch meinungsstark, er spürt, wann die Mannschaft verzweifelt ist und Zuspruch braucht.
Als es während der Expedition zur Katastrophe kommt, das Schiff zerstört ist, 30 Männer dem ewigen Eis ausgeliefert, beschließt Shackleton mit fünf seiner Männer zum nächsten Festland zu gelangen. 800 Seemeilen durch stürmischste und feindliche See in einem kleinen, offenen Rettungsboot. Und Wild ist es, der beim Rest der Mannschaft bleibt, der immer wieder Hoffnung stiftet, obwohl selbst bereits krank und geschwächt. Er schafft es, den Glauben an Rettung selbst in totaler Finsternis und Eiseskälte zu bewahren und zu verbreiten.

Umso tragischer sein Ende, ähnlich wie Shackleton selbst hat er nach dieser Reise nie wieder richtig Fuß fassen können, scheiterte in Afrika mit dem Aufbau einer Baumwollplantage und schlug sich als Barkeeper durch. Erst 2011, 60 Jahre nach seinem Tod, wurde seine Asche begraben, in Südgeorgien, direkt neben dem Grab seines Freundes Ernest Shackleton.

Astrid Henning

 


the fourth monkey 150x237

 

Blanvolet 14,99€

 

J.D.Barker: "The fourth Monkey - geboren, um zu töten"

The Fourth Monkey ist J.D.Barkers erster Thriller und der Beginn einer Serie um Detective Sam Porter. Der Autor lebt abwechselnd in Florida und in Pennsylvania.

Normalerweise lesen Sie auf unserer Rezensionenseite selbstformulierte Texte über die jeweiligen Bücher. In diesem Fall möchte ich Ihnen aber als Einstieg eine Art "Klappentext" des Verlages präsentieren:
"Tue nichts Böses, sonst wird er dich bestrafen. Zuerst wird er einen Menschen entführen,den du liebst. Dann wird er dir ein Ohr des Opfers in einem weißen Geschenkkarton schicken. Daraufhin ein Auge, dann eine Zunge. Du kannst versuchen, ihn zu stoppen, aber du wirst es nicht schaffen. Denn er ist der Four Monkey Killer..."

Sam Porter steht noch immer unter seelischem Stress : seine geliebte Frau Heather, ebenfalls Polizistin, ist ermordet worden. Um seiner Trauer zu entkommen,stürzt er sich daher auf einen neuen (alten) Fall : ein Serienmörder, den er schon lange jagt, hat sich
vor einen Bus geworfen. Unweit des Tatortes findet die Polizei einen weißen Geschenkkarton mit einem Ohr. Jahrelang hatte der Mann Kinder von Gangstern entführt und getötet, um zu strafen und für "Gerechtigkeit" zu sorgen. Für die Ermittler steht fest, irgendwo in der Stadt befindet sich erneut ein Entführungsopfer, das dringend gefunden werden muss...

Angenehmes Gruseln wünscht

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November

 


die gleichung des lebens 150x237

 

Kiepenheur & Witsch 22,00€

 

Norman Ohler: "Die Gleichung des Lebens"

Mitte des 18. Jahrhunderts, Friedrich II. hat große Pläne: Die Landwirtschaft soll ausgebaut werden, die Bevölkerung vergrößert, Ruhm und Ehre vermehrt werden – dafür benötigt man zusätzliches Land.
Kein Problem, östlich von Berlin befindet sich der Oderbruch, eine Gegend, die in Ohlers Roman kaum anders anmutet als das Mississippi-Delta. Mehr Sumpf und Moor als Flussgebiet, dazu eine Tierwelt, die wir heute bei uns gar nicht mehr kennen: Schildkröten, Ringelnattern, riesige Welse, Störe und Hechte sowieso. Natürlich sind die Menschen hier Fischer, nicht Landwirte, und ebenso natürlich kann die Trockenlegung des Oderbruchs nicht in ihrem Sinne sein, auch wenn Friedrich der Große ihnen Wohlstand durch Anbau der Erdtoffel verspricht. Das ganze Vorhaben ist höchst ehrgeizig, erfordert jede Menge Arbeitskraft, vor allem aber genaueste Planung. Bislang hatte die ein französischer Ingenieur übernommen, M. Mahistre, doch der wird nun als Wasserleiche in einem der vielen Nebenarme der Oder aufgefunden. Ertrunken? Mord?
An dieser Stelle kommt der Forscher und Mathematiker Leonard Euler ins Spiel, er lebt in Berlin, war schon als Wissenschaftler am Hof von Katharina der Großen beschäftigt und soll nun der neue „Projektleiter“ vor Ort werden, gleich mit einem Todesfall konfrontiert. Ein Netz von Intrigen und Bestechung tut sich auf, es lohnt sich immer, sehr genau hinzusehen, wer wieso auf welcher Seite steht. All das findet statt im Sommer 1747, es ist heiß, es ist feucht, es ist schwül, die nächste Flut steht vor der Tür und droht schon bestehende Deiche wieder zu zerstören.Und dann diese Mücken! Außerdem greift eine merkwürdige Krankheit um sich: Die Betroffenen leiden zunächst unter Schweißausbrüchen und Schüttelfrost, Schwäche, schließlich Fieber und blau-rote Beulen, die meisten sterben daran. Auch bei M. Mahistres Leiche kann man die Beulen noch besichtigen, also doch kein Mord?

Norman Ohler lässt uns eintauchen in eine völlig andere Welt: Wir sind am Hof des Königs und stellen fest, auch ein Herrscher schlägt sich mit ordinären Beschwerden herum, wir sitzen neben Leonard Euler in der rumpelnden Kutsche, wohnen der jährlichen Zusammenkunft der Gilde der Hechtreißer bei und spüren vor allem das Klima, die Hitze, die Kraft des Wassers.
Ein Roman mit vielen Facetten: „Die Gleichung des Lebens“ ist ein historischer Roman, ein historischer Krimi, ein Portrait einer Gesellschaft im Umbruch, oftmals erschreckend aktuell.

Astrid Henning

 


luegnerin 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Ayelet Gundar-Goshen: "Lügnerin"

Dieser Roman erzählt  die romantische Liebesgeschichte zwischen Nuphar und Lavie, der erste aufregende Kuss im Hinterhof, das Sehnen und die Unsicherheit und Aufregung. Doch leider ist diese Geschichte gar nicht so romantisch, denn Lavie erpresst Nuphar, er kennt ihr Geheimnis.

Nuphar ist ein trauriger Teenager, nicht beachtet von den Mitschülern, sitzen gelassen von der besten Freundin, etwas unförmig und pickelig. Sie ist frustriert, dass ihre Sommerferien im Begriff sind völlig ereignislos zu Ende zu gehen und ihr graut jetzt schon vor dem Aufsatz in der Schule, in dem Sie ihr schönstes Ferienerlebnis niederschreiben soll. In der Eisdiele in der sie arbeitet trifft sie eines Tages auf Avischai Milner, abgetakelter Popstar, dessen gute Zeiten vorbei sind. Diese beiden frustrierten Gestalten treffen also aufeinander und Avischai lässt aus Verärgerung, dass er warten muss eine üble Schimpftirade los und beleidigt und verletzt Nuphar. Sie flüchtet auf den Hof und er rennt ihr in Rage hinterher. Auf dem Hof schreit sie um Hilfe und er packt ihren Arm um sie zum Schweigen zu bringen. Und Nuphar schreit. Aufgebracht eilen die Nachbarn in den Hof und interpretieren die Situation falsch, sie fragen, ob der Mann ihr etwas angetan hätte und sie lügt und sagt „ja“.
Sie ist die Lügnerin und sie wird daran festhalten, obwohl Lavie die Wahrheit kennt und sie erpresst. Sie wird ins Fernsehen eingeladen werden und lügen, sie soll auf Veranstaltungen reden und erlangt eine gewisse Berühmtheit mit ihrer Lüge. Und das Interessante ist, um sie herum sind auch alles Lügner. Der Präsident, der auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung einen flammende Rede über den Respekt vor Frauen hält, hat eine angestellte missbraucht, Lavie selbst hütet ein Geheimnis, er behauptet für die Aufnahmeprüfung zum Militärdienst zu trainieren, obwohl das nicht stimmt, Nuphars Schwester lügt, Ihre Mutter, einer der Polizisten und der, der die Wahrheit sagt, ein Bettler, der auch alles mit angesehen hat, wird als verwirrt und damit unglaubwürdig weggeschickt.

Wir verurteilen die Lüge und haben doch auch ein Herz für Lavies Sicht der Dinge, wenn er sagt: „Du lügst ja nicht einfach so, sondern nur, wenn dir nichts anderes übrig bleibt.“ Man liest die Geschichte mit angehaltenem Atem. Was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, was, wenn dem Bettler geglaubt wird, wenn Lavie plaudert. Wer sagt denn überhaupt noch die Wahrheit? Keiner in dieser Geschichte ist nur gut oder nur böse (oder verlogen). Alle sind alles und das macht dieses Buch so spannend und nachvollziehbar. Und am Ende denkt man sich. Ach siehste, im Gegensatz dazu bin ich aber relativ ehrlich….

Claudia Lobenberg

 


alles ueber heather matthew weiner 150x237

 

Rowohlt 16,00€

 

Matthew Weiner: "Alles über Heather"

So klein, so fein und so  - bitterböse!

Mark und Karen lieben ihre kleine Heather über alles. Für die nicht mehr ganz so jungen Eltern bedeutet dieses entzückende Mädchen die einzige positive Verbindung ihrer (Zweck-)Heirat. Karen, eine durch und durch kontrollierte und berechnende Frau sieht in Mark eher den passender Erzeuger, denn einen geliebten Ehemann. Außerdem wurde ihr Mark als "gute Partie" empfohlen.... Als Heather in die Pubertät kommt, versucht sie mehr und mehr den Fesseln ihrer Mutter zu entkommen, womit diese natürlich überhaupt nicht klar kommt.
Im zweiten Erzählstrang lernen wir Bobby Klasky kennen. Zehn Jahre vor Heather kam er zur Welt und war ein "vom medizinischen Personal des Krankenhauses unentdeckt gebliebenes Wunder, hatte seine Mutter während ihrer überwiegend unbemerkt verlaufenen Schwangerschaft doch selten etwas anderes als Bier zu sich genommen." Mit zehn Jahren kann er bereits für seine Junkie-Mutter Spritzen aufziehen und irgendwann landet er im Gefängnis. Nach der Haftentlassung jobbt Bobby auf einer Baustelle direkt neben dem Haus von Heather und ihren Eltern....

Hervorragend geschrieben !

Andrea Wetserkamp-Stützel

 


hoerst du wie die baeume sprechen 150x200

 

Oetinger 16,99€

 

Peter Wohlleben: "Hörst du wie die Bäume Sprechen?"

Der Beststeller-Autor und Förster Peter Wohlleben hat nun nach seinen diversen Titeln über die Natur, wie „Das Geheimnis der Bäume“, „Das Seelenleben der Tiere“, der „Gebrauchsanweisung für den Wald“ ein überragendes Kindersachbuch zum Thema Wald geschrieben.

Das reich mit Fotos und lustigen kleinen Zeichnungen bebilderte Buch macht nicht nur die Kleinen neugierig auf die Natur vor unserer Haustür. Ich selbst war sprachlos, was in unseren Wäldern so los ist. Wußten Sie, dass es im Wald eine Art Internet gibt? Die Sporen der Pilze ermöglichen es den Bäumen, untereinander zu kommunizieren. Dadurch kann ein kranker Baum den umstehenden mitteilen, dass es ihm schlecht geht. Die anderen schicken ihm dann Wasser aus ihren Reserven. Es gibt absolute Einzelgänger unter den Bäumen, aber auch Arten, die nur im Familienverbund gedeihen können.
Auch die Tiere kommen nicht zu kurz. Obwohl das Gehirn des Eichelhähers ziemlich klein ist, kann er sich genau merken, wo er die Samen versteckt hat. Beim Verstecken lässt er sich von keinem anderen beobachten. Könnte ja sein, dass die ihm Nahrung stibitzen. Ganz anders das etwas schluderige, vergessliche Eichhörnchen. Es hüpft hierhin und dahin und ist emsig am Werk, Berge an Nüssen und Samen zu verbuddeln, denn leider vergisst es immer wieder, wo die leckeren Sachen gelagert sind und der Winter ist lang. Da hilft nur, Vorratskammern auf Schaff anzulegen.

Dieses tolle Buch kommt ohne Schnickschnack wie Klappen und 3D aus. Es hat auf jeder Seite ein kleines Quiz, eine Frage zu dem eben Erfahrenden, und außerdem immer einen tollen Vorschlag, etwas auszuprobieren. Zum Beispiel an Tannennadeln schnuppern. Die duften im Sommer besonders stark, denn da geht es den Nadelbäumen wegen der Trockenheit nicht gut und als Hilferuf verschicken sie intensive Düfte. Oder einen alten Ast aufsammeln und hindurch flüstern. Die „Wasserleitungen“ im Inneren wirken wie eine Telefonschnur.
Fazit: Ein Kindersachbuch, das in keinem Kinderzimmer fehlen sollte. Lassen Sie sich gerne anstecken und ab geht es zum Weihnachtsspaziergang in den nächsten Forst.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


nach uns die pinguine 150x237

 

Galiani Verlag 19,00€

 

Hannes Stein: "Nach uns die Pinguine"

Hannes Stein schwört, dass er seinen Weltuntergangskrimi beendete, bevor Trump Präsident wurde.
Da mag es ein kurioser Zufall sein, dass die Schilderung in diesem postapokalyptischen Roman so passend scheint: "Es war ein paar Wochen, nachdem die Republikaner einen Wahlsieg von grauenhaften Dimensionen errungen hatten und ein böser, alter Analphabet mit blondem Haar ins Weiße Haus eingezogen war, von dem tout le monde wusste, dass er den Planeten ruinieren würde."
Joshua Feldenkrais, Jude, Mormone, schwul und Falklands Radiomoderator Nummer eins ist schockiert. Der allseits beliebte Gouverneur wurde in seinem eigenen Büro erschlagen, und das, obwohl eine illustere Schar von Gästen währenddessen in seinem Haus weilte, und offensichtlich niemand Zugang zu dem verschlossenen Raum hatte... Die ganze Insel ist in Aufruhr, jeder verdächtigt jeden. Da kann man schon mal das Weltgeschehen vergessen. Fast 95% der Gesamtbevölkerung ist ausgelöscht, die Falklands sind quasi die Bastion des Britischen Empires.

So präsentiert uns Stein in seinem äußerst skurilen Roman neben Tee und Ingwergebäck  immer wieder in Rückblenden Situationen aus Joshuas (Vor-)Leben und liefert Erklärungen, wie es überhaupt zu den unerfreulichen Ereignissen  kommen konnte.
Ein wunderbares Buch zum Lachen und Abschalten.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die party 150x237

 

DuMont 20,00€

 

Elizabeth Day: "Die Party"

Martin Gilmour sitzt in der Polizeistation von Tipworth zwei Beamten gegenüber und muss zunächst die üblichen Fragen über Alter, Herkunft etc. beantworten. Doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes; der Fokus liegt auf den Ereignissen einer glamourösen Party, einige Tage zuvor.

Martin und seine Frau Lucy sind bei Martins langjährigem Freund und dessen Gattin Serena zum 40. Geburtstag geladen. Die beiden Gastgeber kaprizieren den englischen Jetset: charismatisch, gut aussehend, reich wie Krösus, vier Kinder – das Bild ist stimmig.
Und nun erfahren wir in Rückblenden, einmal von Martin erzählt, einmal aus Lucys Tagebuchnotizen, von den Anfängen der Freundschaft zwischen Ben und Martin bis zum heutigen Tag. Schon auf dem Internat, als Jugendlicher, ist Ben ein Leader, ein Anführer und Verführer, ein Begehrter, um den sich alle scharen, in dessen Kreis sich alle bewegen wollen. So auch Martin. Er, der sich nirgendwo heimisch und aufgenommen fühlte, buhlt um Bens Gunst – und gerät auf seiner Suche nach Anerkennung und Liebe in eine verhängnisvolle Abhängigkeit, die sein ganzes Leben  dominieren soll. "Mein bester Freund", so spricht Martin bei jeder sich bietenden Gelegenheit über und von Ben. Alles in seinem Leben dreht sich um Ben, er will ihm gefallen, ihm ähnlich sein. Doch diese grenzenlose Hingabe kann lästig werden – so wie eine gemeinsame dunkle Vergangenheit.

Die Party ist eine beklemmende und zugleich fesselnde Gescichte über Besessenheit und  Scheinheiligkeit, eine Geschichte über eine unerfüllte Obsession und eine Zuneigung, die so nicht sein darf. Die Party ist ebenfalls eine Studie über Angst: Klassenangst, Verlustangst, Statusangst, sexuelle Angst, soziale Angst.
Die Autorin gewährt uns tiefe Einblicke in die Psyche der Figuren...

Heike Kasten

 


das leben des vernon subutex 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 22,00€

 

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex"

Vernon Subutex war der strahlende Held im Paralleluniversum seines Plattenladens. Man kannte und liebte ihn, sein Wissen und den Laden an sich, weil er Begegnungsstätte für allerlei kauzige Musikfans war.
Den Laden gibt es inzwischen schon fast zehn Jahre nicht mehr und war es Vernon anfangs gelungen aus Restbeständen und „Fanartikeln“ seinen Unterhalt zu finanzieren, wird das Geld immer knapper. Als auch die Unterstützung von Amt ausbleibt, ist er auf seinen Freund Alex angewiesen. Alex war früher Mitglied in Vernon Band und hat es später zu „echtem“ Ruhm gebracht. Er zahlt ihm die Miete und unterstützt ihn, bis er an einer Überdosis stirbt.
Nun wird Vernon obdachlos. Er denkt sich eine Geschichte aus, um bei Freunden unterzukommen, ohne seine wahre Situation zu verraten. Es beginnt eine Odyssee durch die Wohnungen im Freundes- und Bekanntenkreis: Ein Panoptikum kurioser Gestalten. Es gibt zum Beispiel Xavier und Marie-Ange, die verkniffen aussieht und ein Vermögen dafür ausgibt, Bekleidung zu kaufen, die aussieht als sei sie aus der Altkleidersammlung. Xavier hat allen Biss verloren und steht unter dem Pantoffel seiner Frau. Wärme spendet ihm sein Hund, den er mehr liebt, als alles andere.

Wir begegnen Menschen, die ausgebrannt sind, verletzt, gescheitert, gelangweilt, ausgenutzt. Wir lesen von egozentrischen, verlorenen und einsamen Seelen. Alles bleibt oberflächlich und viele der Protagonisten flüchten sich in Drogen.
Despentes seziert ihre Charaktere mit einer bösen Akribie fürs Detail, aber auch mit Witz, wenn sie zum Beispiel vom Pornosternchen erzählt, die sich nach ihrer Karriere zum Mann umoperierten lässt und mit E-Zigaretten ein kleines Vermögen verdient. Vernons Abstieg nimmt derweil seinen Lauf.
Will ich sowas lesen? Ja, unbedingt. Denn sie müssen ja das Ende kennen…..

Claudia Lobenberg

 


endland 150x237

 

Hanser Verlag 15,00€

 

Martin Schäuble: "Endland"

Ein düsteres, graues, trostloses Deutschland nahe der deutsch-polnischen Grenze. Die Partei „Nationale Alternative“ stellt die Regierung, die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, die Armee wird vergrößert, Europa betreibt ein neues Wettrüsten, Deutschland ist aus der EU ausgetreten. Der Euro ist längst Geschichte, Flüchtlinge werden als „Invasoren“ bezeichnet und Deutschland umgrenzt eine Mauer. Dies ist das Szenario in Martin Schäubles Jugendroman „Endland“.

In einer Kaserne nahe der polnischen Grenze treffen wir Anton und Noah; zwei junge Männer, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und dort ihren Wehrdienst ableisten. So gern sich die beiden mögen - ihre politischen Überzeugungen sind vollkommen gegensätzlich. Noah entstammt einer sehr regimekritischen Familie, ist weder für Atomkraft, noch findet er es richtig, dass Menschen aus Krisengebieten kein Schutz mehr geboten wird. Anton dagegen findet die Politik der Nationalen Alternative gut - meistens jedenfalls -, und über den Rest denkt er lieber nicht nach.
Dann ändert sich das Bild; wir finden uns im hellen, trockenen, von Dürre und einer katastrophalen Hungersnot bedrohten Äthiopien wieder und treffen dort eine junge, ambitionierte farbige Frau, Fana, die mit der Hilfe der deutschen Ärztin Karla, die in Äthiopien arbeitet, nach Deutschland gehen und dort Medizin studieren möchte, da sie in ihrem eigenen Land keine Lebensperspektive für sich sieht. Es gelingt Fana schließlich, nach einer langen und gefährlichen Reise, in eines der letzten deutschen Flüchtlingslager zu gelangen.
Dort begegnet sie Anton, der „undercover“ und getarnt als ukrainischer Flüchtling, für einen Spezialauftrag der Partei eingeschleust wurde. Die beiden freunden sich an und Anton muss seine vorgefertigten, nachgebeteten und pauschalen Urteile über fremde Menschen plötzlich überdenken. Als dann das wahre Ziel seines Auftrages ans Licht kommt, ist Anton mit einem Mal gezwungen, sich zu entscheiden: für die nationale, gewaltbereite Ideologie oder für seine Freunde und ein Leben in Freiheit.

Martin Schäuble hat einen packenden Roman geschrieben, den jeder Mensch in jedem Alter lesen kann und sollte. Spannend wie in einem Thriller zeigt er uns ein kaltes, herzloses Land, das scheinbar nichts aus seiner Geschichte gelernt hat. Unbedingt lesenswert!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


sieh mich an 150x237

 

Piper 20,00€

 

Mareike Krügel: "Sieh mich an"

Ein Tag im Leben von Katharina, Anfang 40, zweifache Mutter, d.h. eigentlich dreifache, wie wir später noch erfahren werden: ein Tag, wie ihn viele von uns so oder ganz ähnlich sicher kennen. Die Schule ruft an und möchte, dass Katharina ihre Tochter Helli abholt, der es nicht so gut geht. Katharina muss ihre Musikschulkurse für Kindergartenkinder absagen, die sie normalerweise vormittags gibt, die ganze Planung des Tages ist im Eimer und das ausgerechnet heute, wo sie doch Besuch von Kilian erwartet, ihrem sehr alten Studienfreund.

Denn irgendwann, in einem anderen Leben, hat Katharina mal Musikwissenschaft studiert, das Studium abgeschlossen und in der Schublade wartet immer noch die begonnene Dissertation. Katharina ist auch im normalen Alltag schon leicht überfordert, aber jetzt gerade wächst ihr alles über den Kopf: Helli ist nicht nur am Beginn der Pubertät, sondern ein forderndes, impulsives Kind, seit neuestem mit der Diagnose ADHS. Die beiden Nachbarn Theo und Heinz sind leicht grenzüberschreitend und verstehen manchmal nicht so recht den Unterschied zwischen „meinem“ und „deinem“ Haus. Ambitionierte Eltern rufen zu jeder Tages- und Abendzeit bei Katharina an und finden die musikalische Früherziehung könnte durchaus Hausaufgaben beinhalten, wofür zahlt man denn sein Geld. Und Costa, ihr Ehemann, ist unter der Woche in Berlin, so dass sie den Alltag ganz alleine managen muss.
Das Schlimmste aber ist, dass Katharina in ihrer Brust ein „Etwas“ entdeckt hat und nun davon überzeugt ist, nicht mehr viel Leben vor sich zu haben. So richtig zum Nachdenken kommt sie aber gar nicht, dafür passiert viel zu viel an diesem Tag, eigentlich findet Katharinas Privatleben fast nur noch in ihrem kleinen, intimen Notizbuch statt, denn sie ist eine große Freundin von Listen: da notiert sie dann „Dinge, die mir den Schlaf rauben“ (von Menschenhandel bis Altersarmut), „Getränke, deren Konsum mir gut tun“ (Whisky bis heiße Milch mit Honig) – irgendwie hält sie so ihr Leben zusammen.

Ich habe Katharina sehr gerne an diesem Tag begleitet, denn sie ist so unglaublich normal, so liebenswert überfordert und verzweifelt, wie wir alle es angesichts der Situation wären. Ihre Familie ist leicht chaotisch, aber sympathisch und ihre Sehnsucht nach Ruhe so verständlich wie aussichtslos. Eigentlich möchte man nach Ende des Buchs aufstehen, aus dem Haus gehen und nebenan bei Katharina klingeln, nur mal kurz fragen, wie's so geht und ob man mal fix mit einem Grog aushelfen soll.

Astrid Henning

 


mensch ruediger 150x237

 

Rowohlt 9,99€

 

Sven Stricker: "Mensch Rüdiger!"

Rüdiger Bünzel ist so mit der unscheinbarste Typ, der mir in meiner Leselaufbahn untergekommen ist. Mickrig klein ist er, Cordhosenträger, verheiratet mit Silvia, zwei Kinder und Lehrer. Heute hat er Geburtstag, der 40., ein verhängnisvolles Datum.
Im Unterricht der achten Klasse - keiner seiner Schüler nimmt ihn wahr und es herrscht ein einziges Tohuwabohu - steht er plötzlich, einer inneren Eingebung folgend auf, nimmt seine abgegrabbelte Aktentasche und verlässt die Schule… Um seine Frau am helllichten Vormittag im Bett mit dem schönen Florin anzutreffen…! Nun ja, da können einem Looser schon mal finster schwarze Gedanken kommen.

Tom, Autor mit Schreibblockade, hat eine schwere Kindheit hinter sich. Seine Mutter kannte ihm gegenüber nur Vorwürfe, den Vater gab‘s schlicht nicht. Nun sitzt er mit seinem mittlerweile ergrauten Pferdeschwänzchen, lang und schlaksig, hinter einer Supermarktkasse und zieht gesundheitlich fragwürdige Lebensmittel übers Band. Von Zeit zu Zeit übermannt ihn eine Art Panikattacke mit anschließender Ohnmacht. So auch heute. Das hat die sofortige Kündigung zur Folge. Wovon leben und was soll der ganze Mist überhaupt? Seine Therapeutin, die letzte Rettung in der tiefsten Depression, geht natürlich nicht ans Telefon. Tom fasst einen Entschluss.

Auf der Lembachtalhochbrücke treffen sich unsere beiden Protagonisten, zufällig beide mit suizidalen Absichten, und erschrecken sich bei diesem Vorhaben nahezu gegenseitig zu Tode. Mit einem Unbekannten gemeinsam Selbstmord zu begehen, kommt für beide nicht in Frage. Das ist doch eher eine intime Angelegenheit. Über dieses und andere Themen kommt man ins lockere Plauschen und beschließt, das Unterfangen vorerst zu verschieben. Frei nach dem Motto: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nee, es ist ihnen beiden schon ernst!!!
Wo liegt der Sinn des Lebens? Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Die zwei sehr unterschiedlichen Herren erstellen eine Liste der wichtigsten Säulen des Lebens: Liebe, Empathie, Ziele, Risiko etc. Diese beschließen sie abzuarbeiten bis sie sich in fünf Tagen zum finalen Sprung wiedertreffen. Mal sehen…

Herr Stricker beschreibt die Charaktere, die im Laufe der Zeit tatsächlich unsere Freunde werden, mit einer gehörigen Portion Humor, flapsig, aber nicht blöd. Und über so manche Fragen, die sich um den Sinn des Lebens drehen, macht man sich bei diesem Lesevergnügen auch selbst so seine Gedanken. Viel Spaß!!!

Annette Matthaei

 


kukolka 150x237

 

Aufbau Verlag 22,00€

 

Lana Lux: "Kukolka"

Ukraine 90er Jahre - Die kleine Samira lebt schon so lange im Haus Sonnenschein, dass sie ihr Alter nur schätzen kann. Das Kinderheim wird streng geführt: "Wir durften nichts anbehalten, nicht mal die Unterhosen. Auch dann nicht, wenn die Heizung wieder mal ausgefallen war. Viele Kinder haben nämlich ins Bett gemacht, und damit nicht die ganzen Klamotten dreckig wurden, mussten wir alle nackt schlafen..."

Eines Tages kommt Marina, eine Neue, zu der sich Samira gleich hingezogen fühlt. Doch ihre Freundschaft dauert nicht lang, denn Marina wird von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Für Samira bricht eine Welt zusammen, und so beschließt sie, sich heimlich auf den Weg zu ihrer Freundin zu machen.
Jedoch ist ihre Reise am Bahnhof erst einmal vorbei. Rocky, Boss einer Bande von Taschendieben, gabelt die hübsche Kleine mit den unglaublichen Augen auf und bringt sie in seine Räuberhöhle, ein heruntergekommenes Haus ohne Strom, warmes Wasser und Klo. Die anderen Mitbewohner, allen voran die 16 jährige Lydia kümmern sich rührend um den kleinen Neuzugang, und schon bald kann Samira beachtliche Erfolge als Bettlerin vorweisen.
Zwar ist Deutschland noch immer genauso weit entfernt, aber Kukolka, wie sie mittlerweile genannt wird, arrangiert sich mit ihrem Leben. Bis Lydia plötzlich stirbt und sie deren Platz im Haus und im Bett von Rocky einnehmen soll...

Andrea Westerkamp-Stützel

 


rebel girls 150x237

 

Hanser 24,00€

 

Elena Favilli/Francesca Cavallo: "Good Night Stories for Rebel Girls"

Astrid Lindgren kennt ja nun wirklich jeder. Aber wer hat denn schon einmal etwas von Maude Stevens Walker gehört? Oder von Amna Al Haddad oder Coy Mathis und Lella Lombardi?
Dieses wunderbare Buch kann die Wissenslücke schließen, denn es stellt 100 tolle, inspirierende, ungewöhnliche, außergewöhnliche Frauen in Kurzbiografien vor: Schriftstellerinnen, Sportlerinnen, Musikerinnen, Spioninnen, Aktivistinnen, Frauen mit Behinderungen und sog. Einschränkungen, Königinnen, Transfrauen, Women of Colour, Rockstars, Ballerinas...
Ihre Herkunft umfasst die ganze Welt und zwei Jahrtausende - in allen Zeiten gab es Frauen, die mutige Vorreiter waren, neugierige Entdeckerinnen, kluge Forscherinnen und kreative Genies, die ins All und über den Atlantik geflogen sind, den Erdball umsegelten und höchste Gipfel in Röcken bestiegen.

Eine jede der 100 Frauen wir in einem ansprechend kurzen Text vorgestellt, untermalt, im wahrsten Sinne, von einer wunderschönen und individuellen Illustration. Die Geschichten beginnen fast immer mit "Es was einmal...", wie kleine Märchen, nur dass sie eben keine Märchen sind. Und jedes einzelne Porträt zeigt nicht nur die charakteristische Zeichnung der Frau, sondern immer auch ein ureigenes, spezielles und typisches Zitat.

Das Tolle an der Sache und die absolute Stärke dieses Buches ist, dass die Geschichten Lust auf Mehr machen, Lust auf eigene Recherchen. Und auf den letzten Seiten ist auch noch Platz für Ihre eigene Biografie und Ihr eigenes Porträt!

Heike Kasten