Unsere Buchempfehlung im Januar

    


der doppelte erich 150x237

 

Rowohlt 24,00€

 

Tobias Lehmkuhl: "Der doppelte Erich"

Dieses Buch ist wie gemacht, um es nach Kehlmanns „Lichtspiel“ zu lesen. In beiden Texten geht es darum, wie sich Künstler angesichts einer Diktatur im eigenen Land verhalten.

Erich Kästner war mit Sicherheit ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten, seine Bücher gehörten zu den ersten, die am 10. Mai 1933 verbrannt wurden – sogar in seiner Anwesenheit. Dennoch blieb Kästner, anders als viele seiner Freunde, wie z.B. Tucholsky oder Ossietzky, in Deutschland. Er selbst begründete das damit, Zeuge sein zu wollen, um später darüber zu schreiben. Tatsächlich gibt es aus einigen Kriegsjahren knappe Notizen, aus anderen Jahren wiederum nicht. Eine wichtige Rolle beim Gedanken an Emigration spielte sicherlich Kästners Mutter, die er auf keinen Fall alleine lassen wollte. Schon als Kind hatte er Verantwortung für sie übernommen und einige Male mit ihrem Suizid rechnen müssen, das hat Kästner sicherlich geprägt. Zum dritten spielte wohl eine Rolle, dass er die Dauer des Krieges und der Diktatur völlig unterschätzt hat.

Zwar durfte Kästner nicht mehr publizieren, unter Pseudonym hat er aber diverse „harmlose“ Theaterstücke und nicht zuletzt das Drehbuch zum großen UFA-Jubiläumsfilm „Münchhausen“ verfasst. Letzteres übrigens mit Goebbels Genehmigung, hier zeigt sich die Parallele zu Kehlmanns Roman um den Regisseur G. W. Pabst.

Lehmkuhl hat eine offene und ehrliche Beschreibung Kästners vorgelegt, beispielhaft sicherlich auch für Andere, die innerhalb Deutschlands irgendwie versucht haben durchzukommen.

Astrid Henning

 


was der morgen bringt 150x237

 

Kampa Verlag 24,00€

 

Eva Ibbotson: "Was der Morgen bringt"

Vor vielen Jahren "lieh" ich mir aus dem Bücherschrank meiner Eltern einen Roman von Eva Ibbotson. Titel : Die Morgengab. Als ich nun mit  "Was der Morgen bringt" begann, fühlte ich mich sofort ungemein wohl und geriet in einen absoluten Leserausch. Auf Seite 50 stellte ich fest, dass ich das Buch bereits kenne, allerdings unter einem anderen Titel (s.o.)... Sagen möchte ich Ihnen damit nur eines: lesen Sie es!

Die Geschichte beginnt 1938 in Wien. Professor Berger und seine Familie müssen Österreich überstürtzt verlassen und fliehen nach England. Ihre fast erwachsene Tochter Ruth hat bei ihrem Einreiseversuch mit Hilfe eines Studentenvisums nicht so viel Glück. Nur das entschlossene Eingreifen Professor Quinton Somervilles verhindert Schlimmeres. Der junge Freund ihres Vaters heiratet Ruth kurzerhand, und somit ist sie in Sicherheit. Diese Scheinehe löst zwar ein akutes Problem, stellt die beiden "Eheleute" jedoch ständig vor neue Herausforderungen. Die Regeln für eine möglichst schnelle Annullierung sind nicht immer so ganz klar....
Und während Ruth sehnsüchtig die Ankunft von Heini herbeisehnt, einem entfernten Vetter und ihre große Liebe, plant die High Society in London längst, den smarten und erfolgreichen Somerville als begehrten Junggesellen zu verkuppeln...

Die Schrecken des Krieges sind in diesem Roman gegenwärtig, werden aber nicht vorherrschend thematisiert. Besonders gut gefiel mir der herrlich britische Humor, und trotz der vorhersehbaren Handlung, fühlte ich mich bestens unterhalten!

Andrea Westerkamp

 


seit er sein leben mit einem tier teilt 150x237

 

dtv 24,00€

 

Bodo Kirchhoff: "Seit er sein Leben mit einem Tier teilt"

In diesem Roman geht es um einen Mann kurz vor seinem 75. Geburtstag und die 4 ½ Lieben seines Lebens.

Der Mann ist Louis Arthur – kurz L.A. – Schongauer, der eher als älter denn als alt beschrieben wird, was in diesem Buch durchaus von Bedeutung ist. Bodo Kirchhoff, selbst inzwischen 75, lässt Schongauer immer wieder über das Älterwerden und die damit verbundenen Veränderungen für das eigene Leben sinnieren. Dazu gehört der Blick zurück auf das Vergangene genauso wie eine vorsichtige Vorausschau auf das noch zu Erwartende. Die Reflektionen Schongauers sind eingebettet in eine Handlung, die fast ausschließlich von Frauen getragen wird, die gefühlt die Rolle von Souffleusen übernehmen. Sie liefern immer wieder zuverlässig Stichworte, anhand derer sich das Leben des Protagonisten entspinnt. Die bescheidenen Nebenrollen des hilfsbereiten Albaners oder des besorgten Kardiologen sind in diesem Roman nicht mehr als episodisches Beiwerk.
Schongauer, von dem wir erfahren, dass er einst in Hollywood als Nebendarsteller mit stets derselben Rolle des unsympathischen deutschen Nazis seinen Unterhalt verdiente, lebt allein mit seiner Hündin Ascha oberhalb des Gardasees und trifft dort zunächst auf Frida (ohne „e“), eine Reisebloggerin, die sich mit ihrem Wohnmobil verfahren hat und nun mit einer Panne in seiner Einfahrt steht. Als Vertreterin der Gen Z bildet sie den Gegenentwurf zu ihm und der anderen Frau, die wir noch kennenlernen. Dies ist Almut, eine attraktive, mäßig erfolgreiche Journalistin und frustrierte Arztgattin mittleren Alters. Ihr Projekt, die Hollywood-Zeit des inzwischen fast vergessenen Schongauers und vor allem dessen Beziehungen zu Frauen noch einmal aufzurollen, führt sie an den Gardasee.
Zwischen diesen drei völlig unterschiedlichen, bunt zusammengewürfelten Personen entwickeln sich in der Folge immer wieder Gespräche, die die Tiefen und die damit verbundenen Wünsche, Ängste und Verletzlichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen andeuten. Es sind zumeist Zwiegespräche, die Schongauer entweder mit Frida oder Almut führt und die sich nahezu ausnahmslos um sein Leben und seine verlorenen Lieben drehen. Fast immer dabei: Hündin Ascha, die, wie schnell klar wird, die aktuelle Liebe seines Lebens ist. „Sie tut nichts, was sie nicht will. Wenn sie zu mir ins Bett kommt, will sie es so. Rufe ich sie aber und sie kommt nicht, will sie für sich sein. […] Ascha weiß nicht, dass es Liebe gibt, aber liebt.“ Unter anderem so beschreibt Schongauer sein Leben, das er mit einem Tier teilt. Die Klarheit und Unmittelbarkeit, mit der Ascha ihren Instinkten folgend lebt, scheint auf Schongauer eine magische Wirkung zu haben, die ihn beeindruckt, aber auch wehmütig werden lässt. Wehmütig vor allem, wenn er an die komplizierten Beziehungen in seinem Leben zurückdenkt, an denen wir beim Lesen teilhaben dürfen.

Bodo Kirchhoffs Roman lebt eindeutig von der Sprache und dem stilistischen Können des Autors. Oft hatte ich beim Lesen das Gefühl, mit vor Ort zu sein, die wundervolle Umgebung und ihre Magie zu spüren sowie die ambivalenten Charaktere in ihrem Agieren hautnah zu erleben. So gilt meine Leseempfehlung auch weniger der Handlung des Romans – hier ist es mir fast ein bisschen viel männliche Selbstbespiegelung – als vielmehr der Schreibkunst an sich, die zwar nicht ganz leicht zu lesen, aber in jedem Fall ein Genuss ist.

Bettina Ziehe

 


wie sterben geht 150x237

 

Suhrkamp 25,00€

 

Andreas Pflüger: "Wie Sterben geht"

Ein Spionagethriller der allerfeinsten Sorte, das ist „Wie sterben geht“.

Der Roman beginnt gleich mit einer aufregenden und ziemlich explosiven Szene, die wie ein Prolog funktioniert: 1983, Glienicker Brücke in Berlin, zwei Spione sollen ausgetauscht werden. Die junge Agentin Nina Winter soll auf der Westseite Rem Kukura identifizieren, mit dem sie in Moskau eng zusammengearbeitet hat. Als die beiden sich schon in die Augen sehen können, wird die Brücke durch einen Sprengsatz in die Luft gejagt – und der Roman setzt ein paar Jahre früher ein.
Zu diesem Zeitpunkt wird Nina als junge Frau vom BND angeworben und arbeitet in der Zentrale in Pullach, wo sie am Schreibtisch Spionage-Informationen auswertet. Nina ist tough, schnell, mutig und spricht fließend Russisch, weshalb sie nach Moskau geschickt wird, um dort den wertvollsten Kontakt für den Westen, Rem Kukura, zu führen. Natürlich durchläuft sie vorher noch eine Art Hardcore-Schnell-Training für angehende Agentinnen, lernt Verfolger abzuschütteln, tote Briefkästen anzusteuern, ihre neue Identität im Schlaf herunterzubeten. Als vermeintliche Kulturbeauftragte reist sie dann nach Moskau, und wir mit ihr.

Ich kann gar nicht sehr viel mehr von diesem absolut rasanten Thriller erzählen, ohne zu viel zu verraten. Das Buch steckt voller Wendungen, Cliffhangern, Überraschungen, und das bis zur letzten Seite, tatsächlich. Andreas Pflüger hat äußerst akribisch recherchiert, als Leser hat man das Gefühl, dass man sich nach der Lektüre des Romans problemlos in Moskau zurechtfinden würde. Politik, Action, Geheimnis, Humor, auch Zynismus und sicher eine Prise Brutalität sind die Zutaten zu diesem Thriller, der einem Vergleich mit dem Altmeister John le Carré sicher standhalten kann.

Astrid Henning

 

 

Unsere Buchempfehlung im Dezember

 
yoga town 150x237

 

S.Fischer 25,00€

 

Daniel Speck: "Yoga Town"

Eine Familiengeschichte, 2 Indien-Reisen und jede Menge Zeitkolorit.

Getrieben von der Sehnsucht, den Zauber hinter dem Profanen zu entdecken, machen sich die Brüder Lou und Marc mit Lous Freundin Marie 1968 auf, der kleinbürgerlichen Enge des eigenen Zuhauses in Harburg zu entfliehen. Harburg, nur ein Buchstabe und doch Welten vom großen Nachbarn entfernt. Auf dem Hippie-Trail Richtung Osten stößt in Istanbul noch die geheimnisvolle Corinna zu ihnen und zu viert landen sie nach einigen Zwischenstationen in Rishikesh am Ufer des Ganges. Sie finden sich wieder im Ashram des Guru Maharishi, dem damals neben den Beatles auch zahlreiche andere Musikgrößen vertrauten auf ihrer Suche nach dem „peace of mind“. Als Weg zur Erleuchtung pries Maharishi die Transzendentale Meditation, auf die sich jedoch nur Marie einlassen konnte, während die Brüder und Corinna teils auf andere Mittel setzten und doch gefangen blieben in den eigenen Verstrickungen. Damit ist die sich anbahnende Katastrophe vorprogrammiert und führt letztlich dazu, dass nur Lou und Corinna nach Deutschland zurückkehren.
2019 unternimmt die Berliner Yogalehrerin Lucy (in the sky) - gefühlt die einzige Yogalehrerin in Deutschland, die noch nicht in Indien war - ebenfalls eine Reise nach Rishikesh. In erster Linie, um zusammen mit ihrem Vater Lou nach ihrer Mutter Corinna zu suchen, die, ganz entgegen ihrer sonstigen Art, ohne Ankündigung oder Erklärung spurlos verschwunden ist. In zweiter Linie aber auch, um vielleicht ihr eigenes Leben zu klären, ihren Seelenfrieden zu finden. Lucy kennt die Geschichte ihrer Eltern nur lückenhaft und ahnt, dass ihr wesentliche Dinge bislang vorenthalten wurden, was sich während des Aufenthaltes in Indien langsam und schmerzhaft bestätigt. Truth is a pathless land – Jiddu Krishnamurti (S.175)

Daniel Speck schreibt atmosphärisch dicht und entwirft ein leuchtendes Kaleidoskop von Bildern, die das Indien der Flower-Power-Zeit vor dem inneren Auge seiner Leserschaft intensiv wieder heraufbeschwören. Ein Buch nicht nur für alle Blumenkinder von damals und heute, alle Sinnsuchenden, Musikliebhaber und Beatles-Fans, sondern auch für alle, die in der eher grauen Jahreszeit ein paar bunte Stunden genießen wollen, um ihren eigenen „peace of mind“ zu pflegen. Als Bonustrack gibt es bei den gängigen Streamingdiensten „Yoga Town auf die Ohren“ mit einer Playlist, die die im Buch genannten Titel beinhaltet.

Bettina Ziehe

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November

   


no regrets 150x237

 

Hanserblau 22,00€

 

Dietlind Falk: "No regrets"

Tattoos und alles was damit zusammenhängt, ist wirklich nicht meine Sorte. Wenn ich Sie also jetzt trotzdem ins „No regrets“ entführe, einem Tattoo-Laden irgendwo zwischen Duisburg und Dortmund, muss das schon einen besonderen Grund haben.

Dieser Grund hat vor allem zwei Namen, und dann eigentlich noch ganz viele mehr. Hänk und Muddy sind zwei in die Jahre gekommene, etwas abgehalfterte Typen, die seit vielen, vielen Jahren zusammen das „No regrets“ betreiben, einen Tattooshop der alten Sorte. Wobei „betreiben“ eigentlich ein bisschen übertrieben ist. Es kommen halt Menschen, die sich ein Tattoo stechen lassen wollen und die mehr oder weniger freundlich empfangen, aber sehr fachmännisch bedient werden. Früher stachen Hänk und Muddy Rosen, Anker und Fussballwappen, heute kommen die Leute mit dem verrücktesten Quatsch: „Also, ich will einen Diamant, der in einer Handfläche zu einem Silbersee schmilzt, so mit schimmernder Oberfläche, aber die Hand ist auch zur Hälfte ein Widder. Ich bin Widder.“ Kein Kommentar.
Auf jeden Fall braucht das „No regrets“ frischen Wind und da passt es prima, dass sich vor ein paar Tagen eine junge Tätowiererin vorgestellt hat: Luz hat heute ihren ersten Tag und wird für geradezu tektonische Verschiebungen im Laden sorgen. Und lernt sehr schnell das gesamte Umfeld des Studios kennen: Laber-Jochen, Schotter, Tanja und Manfred und vor allem Rudi, den Meister des Lettering, dessen Eltern immer noch glauben, dass er jeden Morgen brav zur Uni geht.

Dieser Roman ist ein wunderbares Buch über Freundschaft, die allem Wandel trotzt, und ganz allgemein darüber, worauf es im Leben wirklich ankommt. Ein Buch, bei dem ich mehrmals laut gelacht habe, das aber auch wirklich anrührende Szenen hat. Unglaublich, wie lebendig Falk ihre Romanfiguren werden lässt und welches Gespür sie für Schilderungen von Atmosphäre hat. Sprachlich natürlich kein Mädchenpensionat, aber das wäre in diesem Umfeld auch höchst albern.

Astrid Henning

 


nachhausekommen 150x237

 

Berlin Verlag 22,00€

 

Jan Peter Bremer: "Nachhausekommen"

Eine Kindheit auf dem Land, das klingt doch nach Idylle, nach unbeschwertem Aufwachsen – irgendwie nach Bullerbü.

Für Jan Peter Bremer war es allerdings alles andere als das. Er ist fünf Jahre alt, als seine Eltern Mitte der 70er Jahre mit ihm aus Berlin ins Wendland ziehen, genauer nach Gümse, ein sehr kleines Dorf am östlichsten Rand von damals „Westdeutschland“. Erschwerend kommt hinzu, dass Jan Peters Eltern so gar nicht in die vorhandene dörfliche Struktur passen, die konservativ und bäuerlich geprägt ist. Jan Peters Vater nämlich ist Künstler, zwar erfolgreich und bekannt – das aber sicher nicht im Wendland. Im Schlepptau haben die Bremers befreundete Maler, Schriftsteller etc., es entsteht eine kleine Künstlerkolonie, was die Sache nicht besser macht. Alles Terroristen, zumindest Sympathisanten, Langschläfer, Faulpelze, mithin: keine rechtschaffenen Leute. Und was Eltern ihren Kindern vorbeten, wird oftmals übernommen, so dass Jan Peter keine schöne Grundschulzeit in der Dorfschule erwartet.
Die besten Schultage sind die, in denen er weitestgehend unbemerkt bleibt, das passiert allerdings so gut wie nie. In kürzester Zeit haben sich alle Jungs auf ihn eingeschossen, machen ihn lächerlich, verspotten, beschimpfen und demütigen ihn. Ist es da verwunderlich, dass Jan Peter kein guter Schüler wird? So blockiert vor Angst und Blamage ist Lernen fast unmöglich. Nachmittags müssen zwar Hausarbeiten gemacht werden, aber dann beginnt eben doch der schöne Teil des Tages, wenn auch etwas einsam: draußen auf dem riesigen Gelände rumstromern, zu den Schafen gehen, im See schwimmen usw. Da wundert es nicht, dass hier ein eher in sich gekehrtes, träumerisches und fantasievolles Kind heranwächst, dessen Rettung viel, viel später das Schreiben werden wird.

Jan Peter Bremers Beschreibung seiner Kindheit und Jugend ist ganz fein und zart. Man spürt die Tortur der Schulzeit, taucht aber ebenso ein in die reiche Fantasiewelt dieses Kindes, die Teil der Rettung ist. Im Hintergrund immer das Lebensgefühl und die Gesellschaft der 70er in der BRD, beides wird in Bremers Erzählung nochmal sehr präsent.

 

Astrid Henning

 


frag nach jane 150x237

 

Arche 24,00€

 

Heather Marshall: "Frag nach Jane"

Kennen Sie den Film „Call Jane“ (2022)? Angelehnt an diesen hat die junge kanadische Geschichts- und Politikwissenschaftlerin Heather Marshall in ihrem über 400 Seiten starken Debütroman „Frag nach Jane“ auf eindrückliche Weise und hohem Erzählniveau die Geschichte der Janes, einem illegalen Abtreibungs- netzwerk in den USA der 1960er und frühen 70er Jahre, auf ihre Heimat Toronto in Kanada übertragen.

Die junge Evelyn wird 1960 von ihrer Familie genötigt, ihre Schwangerschaft unter strenger Geheimhaltung an dem kalten, unmenschlichen Ort "Sankt-Agnes-Heim für ledige Mütter“ zu verleben. Nur kurze Zeit nach der Entbindung nehmen die Nonnen den Mädchen ihre Neugeborenen weg und geben die Babys an anonyme Adoptiveltern. Physisch und psychisch zerschlagen, schwört Evelyn sich, nach ihrer Tochter zu suchen, bis sie sie gefunden hat, und der Generation junger, schwangerer Mädchen nach ihr ein solches Schicksal zu ersparen. Als Medizin- studentin kämpft sie Jahre später im Kreise willensstarker und risikobereiter Frauen für ein Recht auf Selbstbestimmung über den weiblichen Körper und nimmt von Beginn ihrer Gynäkologinnenlaufbahn an illegale Schwangerschaftsabbrüche vor, immer unter enormem Risiko, entdeckt und verhaftet zu werden. Dieses Risiko steigt noch, als Evelyn sich als eine von wenigen Ärztinnen der Untergrund- organisation Jane anschließt. Doch nur so erreicht sie noch mehr ungewollt schwangere Mädchen und Frauen und kann diese vor einer stümperhaften Abtreibung und deren Folgen bewahren.
Die neunzehnjährige Nancy ist als geliebtes und überbehütetes Einzelkind im Toronto der 60er und 70er Jahre aufgewachsen. Nur sehr widerwillig lässt ihre Mutter sie zum Studium in die Stadt ziehen. Zum Glück hat Nancy noch ihre Großmutter, der sie jeden Kummer anvertrauen kann. Mit dem großen Geheimnis ihrer minderjährigen Cousine muss sie allerdings allein fertigwerden: Die Bilder von der stark blutenden Clara, die sie zu einer illegalen Abtreibung in einem dunklen, dreckigen Kellerraum begleitete und die danach fast ihr Leben verlor, verfolgen Nancy noch Jahre lang. Als sie mit Anfang 20 selbst in eine ähnliche Lage gerät, beschließt sie, einen anderen Weg einzuschlagen – und stößt dabei auf die Janes. Und noch eine weitere schicksalshafte Entdeckung verändert Nancys Leben…
Angela wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich schwanger zu werden. Sie und ihre einfühlsame Frau Tina, die Professorin an der Universität von Toronto ist, haben bereits einen aufreibenden Behandlungsprozess der künstlichen Befruchtung hinter sich. In einer Kommode ihres Antiquitätengeschäftes findet Angela eines Tages zufällig einen sieben Jahre alten, nicht zugestellten Brief von 2010, dessen Inhalt ihr sehr ans Herz geht: Es ist das Geständnis einer verstorbenen Frau an ihre Tochter, dass diese nicht ihr leibliches Kind gewesen sei. Aufgrund ihrer eigenen Geschichte ist es Angela ein großes Bedürfnis, die Adressatin des Briefes ausfindig zu machen. Während ihrer langwierigen, scheinbar erfolglosen Recherche stößt sie nicht nur auf ungeheuerliche Wahrheiten über das ehemalige "Sankt-Agnes-Heim für ledige Mütter“, sondern auch auf Publikationen über die Geschichte illegaler Schwangerschaftsabbrüche in Kanada und die Rolle der Janes von einer gewissen Dr. Evelyn Taylor, die zufällig eine Kollegin von Tina ist…

Geschickt, spannend und mit einigen Überraschungsmomenten lässt Marshall die Lebensstränge der drei Frauen ineinanderfließen. Allerdings braucht es für die Lektüre von „Frag nach Jane“ aufgrund der Zeiten- und Perspektivenwechsel nicht nur Konzentration, sondern vor allem starke Nerven: Marshall erzählt derart eindrücklich, dass manche Szenen kaum zu ertragen sind. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – sollten möglichst viele Menschen dieses Buch lesen! Der Kampf um die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper ist leider in vielen Teilen unserer Welt noch immer sehr aktuell, das Recht auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch noch längst nicht überall selbstverständlich. Mit ihrer gut recherchierten (fiktiven) Geschichte über die Janes hat sich Heather Marshall einem wichtigen Thema unserer Gesellschaft gewidmet und all den starken Frauen, Kämpferinnen und Opfern von illegalen Abtreibungen Tribut gezollt.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


das nachthaus 150x237

 

Ullstein Verlag 24,99€

 

Jo Nesbø: "Das Nachthaus"

Der neue Nesbø, so ganz anders als alle vorangegangenen Thriller, so unglaublich gut und faszinierend, ein bizarrer Grusel mit Tiefgang.

In dem kleinen und sehr langweiligen Ort Balantyne wächst der 14jährige Richard bei Tante und Onkel auf. Richard ist anders als andere Jugendliche, er ist auf der einen Seite ein Querulant, ein Nicht-Angepasster, auf der anderen Seite ein Einzelgänger, ein seltsamer Kerl. Als Neuer in der Schule ist es für ihn extrem schwierig, Kontakte zu knüpfen und in die vorhandenen Strukturen hineinzu- kommen. Und so verbringt er, mehr aus der Not heraus, Zeit mit Tom, der ebenfalls keiner Gruppe so richtig angehört.
Die beiden Jungs begeben sich eines späten Nachmittags verbotener-weise in den nahegelegenen Wald, auf die Brücke – ein Spielzeug fällt ins Wasser, und es passiert das Unfassbare: Tom verschwindet. Als Richard von der hiesigen Polizei verhört wird, erzählt er eine haarsträubende Geschichte: Er und Tom hätten einem Fremden einen Telefonstreich gespielt und Tom sei währenddessen von dem Telefonhörer sozusagen aufgesogen worden.
Obgleich ich neuerdings recht gerne wieder Fantasy-Geschichten lese, war ich von diesem Plot zunächst, ich sage mal, überrascht und überrumpelt. Doch Herr Nesbo kann ja ausgesprochen gut mit der Sprache umgehen, so dass nach sehr kurzer Distanz die nicht ausformulierten Dinge zwischen den Zeilen meine Fantasie und meine kriminologische Ader zum Glühen brachten.
Natürlich glaubt niemand Richards Geschichte, und als dann sein Klassenkamerad, der ihn zuhause besucht, ebenfalls verschwindet, wird die Lage brenzlig. In einem weiteren Verhör gibt Richard an, dass sich sein Kumpel in einen Käfer verwandelt (Achtung, Kafka!) und über die Regenrinne das Haus verlassen habe. Auch das klingt für alle mehr als abstrus, jedoch lernen wir nach und nach, in kleinen Schritten, Richards Persönlichkeit kennen, seine Ängste und seine Schuld im Herzen. Dieser Junge trägt mehr auf seinen schmalen Schultern als gut für ihn ist. Und in seiner aktuellen Situation, in der er als Verdächtiger und Lügner in zwei Vermisstenfällen behandelt wird, muss er sich auf die einzige Person verlassen, die ihm glaubt: Karen, die mit ihm zur Schule geht. Gemeinsam suchen sie nach Antworten und dem Ursprung des Bösen im Spiegelwald.

Nach dem ersten Teil dieses Buches, der uns Leser wahrlich hineinzieht in ein Geschehen, das unser aller Sein und Nichtsein gefährlich ins Wanken bringt, taucht man, vollkommen geflasht und vollends damit beschäftigt, die Orientierung wieder zu finden, auf – bereit für ein Weiter, in dem die Übergänge von Traum und Wirklichkeit fließend sind und man sich seiner eigenen Wahrnehmung nicht immer sicher sein kann. Erst im Laufe des dritten und letzten Teils des Buches folgt eine schlüssige Auflösung der bizarren und auch wirklich gruseligen Geschichte. Jo Nesbø hat es ein weiteres Mal geschafft, seine Leser und Leserinnen dermaßen in den Bann zu ziehen, dass es ein gerüttelt Maß an Selbstdisziplin braucht, das Buch für einen Moment beiseite zu legen.

Heike Behrens

 


tage voller zorn 150x237

 

Lübbe 14,00€

 

Tuomas Oskari: "Tage voller Zorn"

Helsinki im Dezember 2027

ZITAT " Seit der industriellen Revolution hat sich das Vermögen in den westlichen Ländern immer mehr auf einzelne reiche Privatpersonen und Familien sowie deren Unternehmen konzentriert. Eine Reihe anerkannter Wirtschaftswissenschaftler sagt voraus, dass sich durch Automatisierung und Entwicklung künstlicher Intelligenz die Konzentration des Reichtums auf diejenigen,die sowieso schon darüber verfügen, im 3.Jahrtausend weiter verstärken wird."
Mit diesen Fakten startet das preisgekrönte Debüt des finnischen Politik- und Wirtschafts-journalisten Oskari. Bevor er diesen Thriller schrieb, arbeitete er lange Zeit als Auslandskorrespondent in den USA.

Lumi Nevasmaa ist 25 Jahre alt und wird ihren 26. Geburtstag nicht mehr feiern. Zwei randvolle Benzinkanister, Hüftgurt, Seile und ein Wurfgeschoss verstaut sie in einer reißfesten schwarzen Sporttasche. Drei Abschiedsbriefe hat Lumi geschrieben, zwei davon stecken ebenfalls in der Tasche. Während ein Taxi sie in eines der Nobelviertel von Helsinki fährt, beginnt es zu schneien. Die letzten Meter bis zu ihrem Ziel wird Lumi laufen. Eine alte Linde, die sie vor einigen Tagen entdeckt hat, scheint der perfekte Ort zu sein. Der Baum ist gut zu sehen vom Haus der bewussten Person. Und als Lumi sieht, dass das Licht hinter seinen Panoramafenstern noch brennt, weiß sie, dass er das folgende Spektakel nicht verpassen wird! Mit präzisen Griffen trifft sie alle Vorkehrungen. Lediglich das Übergießen mit Benzin lässt sie schaudern. Und als ihr gellender Schrei durch die Nacht dringt, in dem Moment, als die Flammen ihre Haut aufplatzen lassen, da meint sie, sein Silhouette am Fenster stehen zu sehen....

Andrea Westerkamp

 


die formel der hoffnung 150x237

 

Fischer 24,00€

 

Lynn Cullen: "Die Formel der Hoffnung"

Im Jahr 1949 tritt im Vanderbild Hospital Nashville eine junge Frau ihren Dienst an: Dr. Dorothy Millicent Horstmann, 1,85 m groß und schon daher schwer zu übersehen,  wird als einzige Frau das hiesige, rein männliche, Ärzteteam unterstützen – und sie hat Großes vor.

Allen Widrigkeiten zum Trotze hat sie sich der Wissenschaft verschrieben und will erforschen, wie die Ansteckungswege der Kinderlähmung, dieser brutalen Krankheit, die so viel Leid über die Menschen bringt, erfolgen. Und nicht allein das: sie will zwingend einen Impfstoff entwickeln, der dieser Geißel entgegenwirken soll. Zu viele Patienten, zu viele Kinder, hat sie an der Eisernen Lunge um Luft ringen und sterben sehen. Jedoch ist es nicht einfach, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten. Trotz ihrer überragenden Ausbildung, ihres mehr als wachen Geistes, ihres Ehrgeizes und ihrer Hartnäckigkeit werden ihr täglich Steine in den Weg gelegt, wird sie, allein weil sie eine Frau ist, nicht recht ernst genommen. Die berühmten Forscher in ihrem Umfeld zweifeln an ihrer These zur Ausbreitung des Virus im Körper, aber sie will und sie wird ihnen beweisen, dass sie recht hat – um jeden Preis! Im Rennen gegen die Zeit wird sie zur Pionierin, die ihr privates Glück und ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt.
Dr. Dorothy Horstmann lässt sich von ihrem Weg nicht abbringen. Weder scheut sie die Konfrontation mit ihren Kollegen noch verliert sie ihr Ziel aus den Augen, die Wege von Polio identifizieren zu wollen. Aufwendig und schwierig ist die Suche nach einem wirksamen und zugleich sicheren Impfstoff, der umso notwendiger erscheint, als die endemischen Polioausbrüche überall auf der Welt eher zu- als abnehmen. Neben der Wissenschaft selbst und dem langwierigen Weg medizinischer Forschung wird hier einmal wieder die soziale Rolle der Frau sehr anschaulich beleuchtet. Vor allem das Misstrauen und die Missgunst, die Dorothy auch von Seiten anderer Frauen entgegenschlägt, macht tief betroffen. Es ist eine bereichernde Freude, Dr. Horstmann durch diese Geschichte zu begleiten, vor allem vor dem Hintergrund, dass ihre Intention, ihre Leidenschaft und die medizinischen Fakten der Realität entsprechen. Und es ist der Autorin vorzüglich gelungen, sämtliche Protagonisten so authentisch und lebendig darzustellen, dass man sich als Leser und Leserin quasi zugehörig fühlt, die unterschiedlichsten Emotionen im wahrsten Sinne mit fühlt. Da sind z.B. die Eltern der erkrankten Kinder, die morgens das Bett nicht verlassen können und nachmittags bereits in der Eisernen Lunge beatmet werden. Da sind aber auch die männlichen Kollegen von Dr. Horstmann, Dr. Jonas Salk und Dr. Albert Sabin (die man im übrigen heute noch als weltberühmte Wissenschaftler aus dem Bereich der Polio-Forschung kennt), die mit ihrer Arroganz, ihren Intrigen und ihrer Selbstherrlichkeit gelegentlich ein Gefühl der Wut aufkommen lassen.

Das Buch ist meisterhaft konstruiert, dabei absolut einfühlsam und sensibel. Ohne Dr. Dorothy Horstmann hätte es nie einen Impfstoff gegeben – und dieses Buch von Lynn Cullen rückt ihre brillante Arbeit in den Vordergrund und erinnert auch an all die Frauen, die sich in der Wissenschaft verdient gemacht haben und deren Name weiterhin einem breiten Publikum nicht geläufig sind. Ein großer Roman über eine, im doppelten Sinne, große Frau!

Heike Behrens

 


wo die geister tanzen 150x237

 

C.Bertelsmann 24,00€

 

Joana Osman: "Wo die Geister tanzen"

Romane über Fluchterfahrungen gibt es viele und immer wieder neue. In der Regel muss man sich als Leser*in wappnen: Häufig beinhalten diese Bücher Szenen, die nur schwer zu ertragen sind; wir werden mit allen erdenklichen und unvorstellbaren Grausamkeiten konfrontiert. Nicht so bei Joana Osman. Die gebürtige Deutsche mit arabisch palästinensischen Wurzeln und Mitbegründerin der Friedensbewegung „The Peace Factory“, berichtet auf 224 Seiten teils poetisch, teils fast nüchtern, durchweg sehr bildhaft, „in einem fast leichtfüßigen Ton, in dem sich Schmerz und Witz unwiderstehlich vermischen“, und völlig wertfrei von diesen Grausamkeiten, die ihre Familie so oder so ähnlich erlebt hat. Aus sechs dicht beschriebenen Notizbüchern ihres Onkels Mahmut, acht Tagebüchern ihres früh verstorbenen Vaters Mohammad, wahren Anekdoten und den Erzählungen anderer Familienmitglieder und Zeitzeugen sowie historischer Fachliteratur hat Joana Osman eine fiktive Geschichte ihrer Familie väterlicherseits kreiert. In einem Wechselspiel von Vergangenheit und Gegenwart, der Perspektive der Autorin selbst, wie sie durch einen zufälligen Fund ihrer Cousine in Istanbul zu der Geschichte gekommen ist und was sie dabei erlebt hat, und der Perspektive ihrer Großeltern und deren Söhne, Joana Osmans Vater und Onkel, zeichnet sie das Leben und die Flucht aus der palästinensischen Heimat Jaffa im heutigen Israel über Beirut im Libanon, die Türkei bis zum neuen Zuhause in Deutschland nach.

Dabei erfahren wir, wie die junge, hübsche Sabiha den viel älteren Ahmed Osman, der ein Kino in Jaffa besitzt, heiratet, wie sie 1948 im Zuge des ersten arabisch-israelischen Krieges ihre Heimat und ihr bisheriges Leben verlieren, mit ihren kleinen Kindern fliehen müssen um zu überleben, und auf der Odysse, die dort beginnt und Jahre, Jahrzehnte dauern wird, zeitweilig auch einander verlieren, sich selbst und viel zu früh zwei ihrer Söhne. Wir erfahren, wie die Familie unter menschenunwürdigen Zuständen haust, friert, wie die Jungen hungern, wie sie Gewalt und Feindseligkeit erleben, aber auch Mitmenschlichkeit und Hilfe und wie sie trotz allem ihren Lebensmut nicht verlieren, wie Mahmut, Mohammad, Ibrahim und Ismael größer werden, wie die (überlebenden) Jungen Zukunftspläne schmieden und wie zielstrebig sie den Traum von einem eigenen Pass und einer Staatenzugehörigkeit verfolgen.
In einem Interview auf SR 2 KulturRadio sagt Joana Osman, dass sie so einen Roman, diese persönliche Geschichte, eigentlich nie habe schreiben wollen. Doch der Koffer mit den Tagebüchern habe sie nicht losgelassen und als sie schwanger wurde, habe sie gewusst, dass sie diese Geschichte schreiben muss, für ihr Kind, um nicht das Trauma ihrer Familie weiterzuvererben, sondern die Erinnerungen an seine Wurzeln lebendig zu halten. Sie wünsche sich, so Osman, dass ihr Roman, so wie Kunst und Literatur generell, zum Verständnis und im besten Fall zur Veränderung beiträgt, und glaubt, dass dies nur gelingen könne, wenn sich die Menschen, Individuen beider Seiten ihre Geschichten erzählen. Und viele Menschen zuhören – oder sie lesen.

Auf den letzten Seiten ihres Buches finden sich neben dem obligatorischen Autorinnendank ein Glossar von Begriffen des arabischen sowie jiddischen Sprachgebrauchs, ein Literaturverzeichnis Osmans Quellen sowie als Besonderheit ein Soundtrack namhafter englischsprachiger sowie im arabischen Kulturkreis berühmter palästinensischer Interpreten. Unbedingt reinhören! Es lohnt sich!

Nina Chaberny-Bleckwedel

 

 


paradise garden 150x237

 

Diogenes 23,00€

 

Elena Fischer: "Paradise Garden"

Zu Beginn jeden Monats, wenn noch genug Geld im Portemonnaie ist, essen Billie und ihre Mutter den größten Eisbecher im Café Paradise Garden...

Billie ist 14 Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Kein Kind sollte so früh ein Elternteil verlieren! Ihre Mutter und sie lebten irgendwo in einer deutschen Stadt im 17. Stock eines Hochhauses. Und dieses Haus mit seinen herrlich skurrilen Bewohnern ist ebenfalls Protagonist in dem wundervollen Debüt von Elena Fischer, so sagt es jedenfalls die Autorin selbst. Man hilft sich untereinander und passt auf sich auf. Nachbarin Luna leiht Billie Geld. Und damit macht sie sich im alten Nissan ihrer Mutter auf den Weg, um ihren unbekannten Vater aufzuspüren. Natürlich können/dürfen 14Jährige in der Regel nicht alleine Auto fahren. Aber dies ist ein Roman, und in einer fiktiven Welt ist eben auch das möglich...

Elena Fischers  "coming-of age-road-trip" ist so bezaubernd und unterhaltsam geschrieben, dass ich das Buch liebend gerne ganz vielen Lesern und Leserinnen ab 14 Jahren empfehlen möchte. Kein Wunder, dass es für den deutschen Buchpreis 2023 nominiert wurde!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlung im Oktober

 


drifter 150x237

 

Rowohlt 23,00€

 

Ulrike Sterblich: "Drifter"

Im Vordergrund dieser Geschichte steht die Freundschaft zweier Männer, die, im selben Häuserblock in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, ihr Leben inzwischen jeder auf eigene Weise erfolgreich gestaltet haben. Es scheint eine unverbrüchliche Freundschaft zu sein, getragen von einer Selbstverständlichkeit, die nichts hinterfragt, weil ohnehin beide im blinden Verständnis füreinander wissen, wie der jeweils andere tickt.

All das ändert sich schlagartig, als „Killer“, der eigentlich Marco Killmann heißt, am Ende einer Veranstaltung unter freiem Himmel vom Blitz getroffen wird. Dem ersten Anschein nach übersteht er das zwar relativ unversehrt, doch in der Folge zeigt er eine zunehmende Wesensveränderung, die vieles von dem infrage stellt, was bis dato selbstverständlich war und auch seinen Freund Wenzel Zahn stark verunsichert. Die beginnende Entfremdung und behutsame Wiederannäherung der beiden zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Roman, der daneben zahlreiche andere, teils außerordentlich skurrile Ereignisse beschreibt.
Killer schmeißt seinen Job hin, zieht zurück in den Häuserblock, in dem er aufgewachsen ist, und kümmert sich dort empathisch um seine Mutter und Mitmenschen, die bislang nicht zu seinem Umfeld gehörten. Wenzel hingegen plagt sich mit einem neuen Nachbarn, sucht den Kontakt zu der mysteriösen Vica, die er in der Bahn getroffen hat und versucht mit allen Mitteln den neuen Roman „Elektrokröte“ seines Lieblingsschriftstellers Drifter zu bekommen. Vica ihrerseits nutzt den Kontakt zu Wenzel und später auch zu Killer, um in einem Teil des besagten Häuserblocks ihre Firma mitsamt ihrer außergewöhnlichen und ziemlich schrägen Mitarbeiterschaft unterzubringen.

Vieles, was Ulrike Sterblich in diesem Roman erzählt, mutet an wie ein überdrehter, etwas fiebriger Traum - es erscheint unwirklich und manchmal schrill, ohne jedoch ins Lächerliche abzugleiten. Bemerkenswert finde ich, dass es der Autorin durchgehend gelingt, die Fäden der Handlung so im Blick zu behalten und miteinander zu verweben, dass bei all den wilden Verquickungen die Stringenz der Geschichte erhalten bleibt. Nichts von dem, was passiert, ist von Dauer, alles ist in beständiger Veränderung und die handelnden Personen sind jede für sich und alle zusammen „Drifter“, Treibende…
Wer Lust hat, sich auf Ulrike Sterblichs Fabulierkunst einzulassen, wird mit einem wirklich besonderen Lesevergnügen und vielen wundervollen Sätzen und Gedanken belohnt. Hier ein kleines Beispiel von Seite 186: „Egal wie nah man an der Perfektion ist, man sieht immer nur die Differenz, das, was fehlt. […….] Man könnte sogar sagen, die Suche nach Perfektion ist überhaupt der Fehler. Der Makel liegt nicht in der lädierten Vollkommenheit, der Makel liegt darin, Vollkommenheit zu wollen.“

Bettina Ziehe

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


die einladung 150x237

 

Hanser Verlag 26,00€

 

Emma Cline: "Die Einladung"

Sommer in den Hamptons, dort wo es sich die erfolgreichen New Yorker - zumindest am Wochenende – gutgehen lassen. Wir verbringen knapp eine Woche mit der 22-jährigen Alex, die mich absolut in ihren Bann gezogen hat. Sie ist jung und schön - etwas, dass ältere Männer mit gut gefülltem Portemonnaie anzieht und deren Ego aufwertet. Momentan ist es Simon, dem Alex Gesellschaft leistet, und wenn sie es nicht ganz blöd anstellt, könnte es diesmal was mit Zukunft sein. Kein ständiges Suchen nach dem nächsten Sugardaddy, denn auch Alex ist klar: Die Uhr tickt und irgendwann gibt es jüngere, schönere Mädchen, Zeit sich einen Heimathafen zu suchen. Dass sie ihre Biografie ein bisschen aufgehübscht hat, kommt hoffentlich entweder nicht raus - oder es stört Simon nicht. Hauptsache, sie entspricht seinen Erwartungen, und anpassen kann sie sich, das ist ihre DNA.
Doch dann begeht Alex einen folgenschweren Fehler, Simon ist offensichtlich nicht nur bei ihr an makelloser Schönheit interessiert, sondern auch bei seinem Auto, mit dem Alex ein kleines Missgeschick unterlaufen ist, ohne dass sie Simon davon berichtet hätte. Und schneller als sie gucken kann, sitzt sie auf der Straße...
Alex wäre nicht Alex, wenn sie einfach so aufgeben würde: In knapp einer Woche findet Simons legendäre Sommerparty statt - was, wenn sie dort überraschend auftaucht? Sie muss halt eine Woche irgendwie rumbringen, irgendwo übernachten, sich kurzfristig „Freunde machen“.

Emma Cline lässt uns zusammen mit Alex eine Woche voller Ungewissheit, überraschender Begegnungen, Lügen, Täuschungen und verzweifelter Hoffnung verbringen. Psychologisch meisterhaft, mit "Ripley-Effekt".

Astrid Henning

 


das alphabet bis s 150x237

 

Hanser Verlag 32,00€

 

Navid Kermani: "Das Alphabet bis S"

«Etwas, das es so noch nicht zu lesen gab, weil es, wie alle großen Bücher, seine eigene Form erschafft.» Das zumindest verspricht der Verlag. Große Worte für ein großes Buch – groß in jeder Hinsicht des Wortes, nicht nur wegen der 592 (wirklich lohnenden) Seiten.

Das Alphabet bis S von Navid Kermani ist ein literarisches Experiment. In Ausschnitten folgen wir einer Protagonistin, die keine sein will: Unsere Erzählerin führt ihr literarisches Tagebuch mit dem Vorsatz, sich selbst dabei außen vor zu lassen, ja gar keine Erwähnung darin zu finden. Ist das möglich? Kann man vom eigenen Leben, aber nicht von sich selbst erzählen?
Sie ist Schriftstellerin, sie ist eine kulturwissenschaftliche Intellektuelle. Sie ist erfolgreich und Mutter. Sie ist Ehefrau ohne Mann, sie ist Tochter einer verstorbenen Mutter. Der Beginn ihrer Erzählung ist der gemeinschaftliche Besuch am gen Mekka gerichteten Familiengrab, und bald ist klar: Ein Leben erzählt sich in Episoden, in großen und kleinen Momenten. Und ihr Leben ist geprägt von der Literatur. Die Ehe mit ihrem Mann ist gescheitert, weil sie zusammen kleiner statt größer waren. Als auch noch ihre Karriere gefährdet wird, weil der Lebensplan vorsah, dass ihr Mann sich Haus und Kind kümmert, beginnen die Bücher mit ihr zu sprechen. Ein Leben muss atmen – das Bücherregal auch. So beginnt unsere Protagonistin ihres zu sortieren und tritt in den Dialog mit Autor:innen der Literaturgeschichte, die sie nie gelesen oder schon zu lange weggelegt hat. Diese sind eitel, mal offenbarend und mal peinlich oder abstoßend. Und sie begleiten sie beim Yoga, den Lesungen, Reisen, Anfragen und E-Mail-Antworten. Beim Mittagschlaf, beim Schwimmen und sogar der Intimrasur.
Neben dem Alltag mit Sohn und der Sorge um den Vater lesen und interpretieren wir ganze Passagen der großen Literatur mit ihr und erleben ihren Einfluss. Von Austen über Ernaux zu Helene Hegemann bis Nizon und Ringelnatz geht das Alphabet bis S. Warum es dort aber endet, wird die Lektüre offenbaren.

Navid Kermani stand in letzter Zeit vor allem durch seine Sachbücher auf den Bestsellerlisten: Als letztes durch «Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen». In «Ungläubiges Staunen» steht er vor großen und auch vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. In «Entlang den Gräben» begibt er sich auf die Reise über das östliche Europa nach Iran. Sein Schreiben ist immer auch Meditation und Abwägung, er bringt in Einklang oder bemüht sich um Austausch. Auch in seinen belletristischen Werken sieht er keine Grenzen und sprengt die literarische Form, ohne dabei in seiner Komplexität unzugänglich zu sein. Es geht hier um Trauer und die Kraft des Erzählens von Augenblicken.
Traurig und klug, witzig und revolutionär schreibt Kermani in Das Alphabet bis S über das literarisch geprägte Leben einer Frau und verwebt ihren Alltag mit den großen Fragen unserer Zeit. Denn ihr Leben ist von diesen Fragen nicht bloß betroffen, ihr Leben ist ein unweigerliches Ausloten derer Beantwortung.

Mattes Daugardt

 


kalmann und der schlafende berg 150x237

 

Diogenes 24,00€

 

Joachim B. Schmidt: "Kalmann und der schlafende Berg"

Erinnern Sie sich noch an Kalmann aus Island? In seiner Nähe riecht es stets ein wenig unangenehm, schließlich trägt er häufig ein Stück Gammelhaifleisch für seinen Großvater in seiner Hosentasche.

Nun ist Opa tot und Kalmann entsprechend traurig. Da kommt der Brief seines in den USA lebenden Vaters genau zur richtigen Zeit. Der lädt ihn nämlich zu sich nach Virginia ein. Aufgeregt meistert unser tiefbegabter Held die weite Reise, und ehe er sich versieht, steht er mit vielen  fremden Amerikanern vor dem Capitol in Washington. Sein Vater und dessen Bruder wollen offenbar diesen Präsidenten mit der komischen Frisur besuchen...
Daraus wird leider nichts. Stattdessen landet Kalmann im FBI - Hauptquartier in Washington. Immerhin sehen ihn alle Isländer später in den Abendnachrichten, aber das erfährt Kalmann erst einige Tage später, nachdem bewiesen ist, dass er gar nicht das Capitol stürmen wollte, und somit wieder nach Hause fliegen darf.
Dort kommt Kalmann aber auch nicht wirklich zur Ruhe. Ein Mord geschieht, und irgendwie scheint sein toter Großvater darin verwickelt zu sein.

Joachim Schmidt ist definitiv bergaffin, schließlich wuchs der Schweizer in Graubünden auf und lebt jetzt in Reykjavík. Die Figur des Mitte 30jährigen jungen Mannes, der bei seiner Geburt zu wenig Sauerstoff bekam, wuchs mir bereits im ersten Band dieser Reihe ans Herz. Ich hoffe auf mehr!

Andrea Westerkamp

 


holly 150x237

 

Heyne Verlag 28,00€

 

Stephen King: "Holly"

Kaum zu glauben: Da bin ich seit 30 Jahren Buchhändlerin und habe noch keinen einzigen Stephen King gelesen! Wie gut, dass mir „Holly“ in den Weg kam und ich jetzt mitreden kann. Und das möchte ich unbedingt, denn ich bin in diese 640 Seiten wirklich abgetaucht.

Holly Gibney ist manchen King-Lesern evtl. schon vertraut, sie war bislang in zwei Romanen eher eine Nebenfigur und betritt jetzt als Protagonistin die Bühne. Holly ist Privatermittlerin und betreibt mit ihrem beruflichen Partner Pete die Agentur Finders Keeper, wo es insbesondere darum geht, Vermisste aufzuspüren. Genau das ist auch der Grund, weshalb Penny Dahl bei Holly anruft, ihre erwachsene Tochter Bonnie wird vermisst, spurlos verschwunden auf dem Heimweg von der Arbeit nach Hause. Das Einzige, was gefunden wurde, war Bonnies Fahrrad, und zwar in der Nähe eines Parks.
Eigentlich will Holly zu diesem Zeitpunkt keine neuen Fälle annehmen, denn ihre Mutter ist kürzlich gestorben (Puh! Kein einfaches Verhältnis!) und ihr Partner Pete liegt mit Corona flach. Aber dann lässt sie sich doch überzeugen, beginnt nachzuforschen und es zeigt sich, dass im Laufe der letzten neun Jahre mehrere Menschen spurlos von der Bildfläche verschwunden sind. Alle wurden irgendwo in der Nähe des Parks zum letzten Mal gesehen, das scheint allerdings zunächst auch der einzige Zusammenhang zu sein.

Das Raffinierte (und manchmal Quälende) an diesem Thriller ist, dass wir zu jeder Zeit mehr wissen als Holly. Zum Beispiel, dass das nette, ältere Professorenehepaar Roddy und Emily Harris Abgründe in sich trägt und leider auch auslebt, die man sich kaum vorstellen kann.
King ist ein Meister der Spannung, er legt Fährten und lässt Holly nach und nach mehr Hinweise entdecken, die sie auf die richtige Spur bringen. Vor allem aber zeichnet er jede seiner Figuren sehr genau und lebensecht, ich habe wirklich neben Holly im Auto gesessen, mit ihr Zigaretten geraucht (als Nichtraucherin!) und noch so einiges mehr, von dem ich auf keinen Fall was verraten will.

Astrid Henning

 


tage im warmen licht 150x237

 

Fischer TB 17,00€

 

Kristina Pfister: "Tage im warmen Licht"

Lieben Sie auch diese Jahreszeit, wenn die Luft frischer wird und das Licht golden? Mögen Sie Tee, Kuschelsocken und Wärmflaschen? Wird es Ihnen warm ums Herz allein bei dem Gedanken an offene Arme, offene Ohren und offene Türen? Solidarität unter Frauen? Dann ist Kristina Pfisters neuer Spätsommerroman genau das Richtige für Sie!

Es ist Ende September. Die 39-jährige Maria, studierte Illustratorin und alleinerziehende Mutter einer 13-jährigen Tochter, hat das Haus – und den Hund – ihrer verstorbenen Großmutter geerbt, wo sie ein Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hat. Da sie eh gerade arbeitslos, genervt vom Vater ihres Kindes und Linnea kreuzunglücklich in ihrer Schule ist, beschließt Maria kurzerhand, zurück in ihre alte Heimat, ein Kaff zwei Autostunden nördlich von München, zu ziehen. Nur vorübergehend natürlich.
In dem alten, maroden Siedlerhäuschen wimmelt es von Staub und Spinnweben, es ist feucht und kalt, der Strom ist ausgefallen und der Geist von Oma Hanne in jedem Winkel spürbar. Zwar liebt Linnea den Grusel von True Crime-Podcasts und Horrorfilmen, aber bitte nicht in der Realität, und überhaupt hält sie die Hauruck-Aktion ihrer Mutter für eine totale Schnapsidee. Auch Maria selbst kommen recht schnell Zweifel; in dem kleinen Ort wird sie überall und ständig mit tief begrabenen Erinnerungen konfrontiert, schneller als gedacht steht sie jenen Menschen gegenüber, die sie früher ihre besten Freunde nannte. Bis jenes Ereignis an Halloween vor zweiundzwanzig Jahren alles veränderte…
Doch es gibt auch angenehme Begegnungen: Martha aus dem Haus gegenüber freut sich sehr über Marias und Linneas Ankunft und heißt die beiden mit wärmender Suppe und herzlichen Worten bei Kerzenschein willkommen. Seit Maria denken kann, war Martha Hannelores engste Freundin, alleinstehend, stark und selbstbewusst, gütig und sehr naturverbunden. Ihren Lebensunterhalt verdient die 70-Jährige sich nach wie vor mit dem, was ihr sorgsam gepflegter Garten ihr schenkt, und in ihrer heimeligen Wohnküche sitzen, reden, lachen und weinen noch immer die unterschiedlichsten Frauen. Wie die unkonventionelle junge Schulsekretärin Britta, die dafür sorgt, dass Linnea in der neuen Schule sofort Anschluss findet und allein schon dadurch bei Maria punktet. Nur was ist das bitte mit Britta und Henning? Zu Marias Überraschung ist aus ihrem früheren besten Schulfreund Henners, damals klein, pummelig und gemobbter Außenseiter, ein sehr großer, attraktiver Mann geworden.
Nachdem sie so lange unendlich viel Energie investiert hat, den Schmerz und die Geister jener Nacht durch Schweigen und Distanz zu betäuben, stark zu sein für ihre stille, unsichere Tochter, reißen Marias alte Wunden mit voller Wucht wieder auf. Mit nächtlichen Joggingtouren durch Wiesen und Felder sowie ausgiebigen Hundespaziergängen durch den frühherbstlichen Wald versucht sie – leider mäßig erfolgreich – die Dämonen ihrer Vergangenheit zu bekämpfen und beschließt letztlich, schnellstmöglich zurück nach München zu gehen. Linnea indes findet immer mehr Gefallen an dem neuen Leben. Sie liebt das Abhängen mit ihrer neuen Freundin, die Gartenarbeit und das Einkochen von Früchten mit Martha, die Geborgenheit und Persönlichkeit der Kleinstadt. Auf keinen Fall will sie zurück nach München! Zum Glück hat Linnea Martha auf ihrer Seite. Die ältere Frau weiß aus eigener Erfahrung, dass Schweigen und Davonlaufen keine Lösung sind. Wut, Trauer, Angst und Schmerz müssen raus, um verarbeitet zu werden. Und am besten ist frau damit nicht alleine. Also tut Martha, was sie schon längst hätte tun sollen: Maria fragen, was genau passiert ist damals…

Kristina Pfister erzählt mit so viel Nähe, so viel Witz, so vielen kleinen Lebensweisheiten und so viel menschlicher Wärme, dass ich nach der letzten Seite am liebsten direkt wieder von vorne angefangen hätte. Dieses Buch ist einfach nur wohltuend.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


cleopatra und frankenstein 150x237

 

Eichborn 25,00€

 

Coco Mellors: "Cleopatra und Frankenstein"

Was uns der Korpus an Filmen, Musik und Literatur über New York City verrät: Es gibt sie, die Magie des Augenblicks. Denn wenn sich in dieser Millionenstadt zwei Menschen begegnen, ganz zufällig, und sie auch noch eine Verbindung teilen, dann ist das magisch. So begegnen sich Cleo und Frank eines Silvesterabends und verlieben sich auf den ersten Blick. Cleo ist jung, depressiv, chronisch pleite, kreativ, empathisch, britisch. Frank ist erfolgreich, glaubt jung geblieben zu sein, liebt Cleo und würde so ziemlich alles für eine gute Geschichte tun.

Nach einem halben Jahr zusammen beschließen die beiden zu heiraten, weil sie sich lieben, aber auch weil Cleos Visum abläuft. Sie lieben sich stürmisch und leidenschaftlich – ihre Zweisamkeit ist das stille Auge des Sturms, ihr spontanes Eheleben hat aber Auswirkungen.
Bevor man die anfangs sehr externalisierte Erzählweise verfluchen kann, die es einem verwehrt, selbst in die Haut dieser besonderen Figuren zu schlüpfen, zeichnet Mellors ein anderes Bild über die Transzendenz der klassischen New-York-Romanze, indem sie das Umfeld der beiden zu Wort kommen lässt. Sei es der im Stich gelassene beste Freund, der mehr wie Familie ist und der versucht, seine eigene Identität zu entschlüsseln; oder die finanziell abhängige Schwester, die sich ausgetauscht fühlt; oder aber die Mitarbeiterin, mit der man sich so gut versteht und die mehr Gefühle hegt, als sie vielleicht sollte. Liebe ist immer wahr, aber nie einfach. Auf die Klarheit des Ja-Worts folgt die Komplexität des Beieinanderbleibens, trotz Alkoholismus und Depressionen, trotz der Zweifel und ungesagten Dinge. Eine Komplexität, die das Leben – und das Lesen – lohnenswert macht.

Cleopatra und Frankenstein ist ein Buch, das sich auf seine Charaktere verlässt und gerade in den Dialogen glänzt. Wie Sally Rooney, traut sich Coco Mollers eine Distanziertheit zu ihren Figuren, die Lücken aufweist und Fragen unbeantwortet lässt. Gerade so entwickelt der Text aber ein Eigenleben und ist in einem Maße persönlich, das nur durch die Fantasie der Lesenden begrenzt wird. Wenn man den Sprung wagen mag und ebenfalls Ja sagt zu Menschen, in die man nicht hineinsehen kann, und das Risiko der Liebe akzeptiert, die unweigerlich Anfang und Ende zugleich ist.

Mattes Daugardt

 


lawinengespuer 150x237

 

Frankfurter Verlagsanstalt 24,00€

 

Paula Schweers: "Lawinengespür"

Nora ist 23, Promotionsstudentin in Berlin, arbeitet nachts am Fließband, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ernährt sich von Kaffee und hat regelmäßig Sex mit ihrem aus Polen stammenden Arbeitskollegen. Ihr Halbbruder Leo ist seit zehn Jahren verschollen. Am Tage seines achtzehnten Geburtstages verschwand Leo spurlos, während das Elternhaus in Bayerisch Eisenstein lichterloh brannte, meldete sich nie wieder bei seiner Schwester, die verzweifelt versuchte, ihn zu kontaktieren, ihn schmerzlich vermisste, bis heute. Und dann taucht er plötzlich wieder auf. Schwer verletzt liegt Noras Bruder in dem kleinen Krankenhaus ihrer Heimat.
Aufgewachsen in der bayerischen Provinz, mit einer partysüchtigen Mutter und einem häufig abwesenden Geologen-Vater, hat Leo sich als gelangweilter und frustrierter Jugendlicher den Drogen zugewandt, während Nora auf Gebirgswanderungen schon früh ein Gespür für Lawinengefahr entwickelte, beste Noten schrieb und alle meinten, dass aus ihr mal mehr werden würde.

Alle hatten recht. Noras wissenschaftliche Karriere als Geologin steht kurz vor dem Durchbruch, ihre Doktor-Mutter, die ihr auch ein bisschen die richtige Mutter ersetzt, erwartet von ihr Enthusiasmus und volles Engagement. Doch Nora erleidet einen Nervenzusammenbruch; plötzlich hat sie keinen Zugang mehr zu Buchstaben, kann von jetzt auf gleich nicht mehr lesen. Ihr Herz rast, die Gedanken rasen, sie vertraut sich weder ihren zwei Freundinnen noch der Psychiaterin an, sie hat noch nie mit jemandem gesprochen, geweint schon gar nicht, wozu auch, was soll das helfen. Außerdem versteht sie selbst nicht, warum sie nichts fühlt, ihr seelischer Zustand ist ihr unangenehm, ihre Vergangenheit noch viel mehr, und es scheint ihr Schicksal zu sein, dass die Männer, die ihr nahestehen, immer einfach so aus ihrem Leben verschwinden.

Während der Sommer in Berlin langsam ausklingt, Nora sich immer mehr in sich zurückzieht, nicht mehr arbeitet, nicht mehr isst, schläft sowieso nicht, wir ihre Taubheit, ihre Erschöpfung förmlich spüren können, ganz nah dran sind an der Ich-Erzählerin, ihren Gedanken, ihren Nicht-Gefühlen, erfahren wir auch Leos Geschichte: Leo, der es nicht mehr ausgehalten hat in dem spießigen Kaff, bei einem Stiefvater, für den er eine Enttäuschung darstellte, bei einer Mutter, die sich selbst benahm wie ein Kind, unter den Blicken der Nachbarn, die hinter vorgehaltener Hand tuschelten, der seine Chance sah in dem Verkauf von Drogen und selbst nicht widerstehen konnte. Leo, der es kaum erwarten konnte, achtzehn zu werden und nach Russland zu gehen, dorthin, wo er die beste Zeit seines Lebens verbracht hatte, als er für ein Jahr in ein Camp für schwer erziehbare Jugendliche, für die ganz harten Fälle, auf Entzug geschickt worden war. Nach vielen Jahren in verschiedenen Ländern, in denen er länger auf der Straße als unter einem Dach gelebt hat, häufiger hungrig war als satt und letzten Endes beschloss, dem Drogenkonsum abzuschwören, wenn auch nicht dem Dealen, gelangt er nach Moskau. Leo, den seine Geschichte den ganzen Weg zurück bis ins Provinzkrankenhaus seiner verhassten Heimat katapultiert.

Paula Schweers` Debütroman beginnt und endet in diesem Krankenhaus, im November 2019. Auf dem Bildschirm im Wartezimmer sendet der Live Ticker Nachrichten von einem unbekannten Virus aus Wuhan. Dieses Aufflimmern der Realität ist mit einem Schockmoment verbunden: Unweigerlich fragt man sich, was noch alles wahr ist an dieser Geschichte. Ist es einer dieser autofiktionalen Romane, die so atmosphärisch, lebendig und empathisch, so schonungslos, nah und echt erzählt sind, weil die Autorin vieles ihrer Protagonistin selbst erlebt hat? Oh, bitte nicht!
Aber wie und warum auch immer: Mit „Lawinengespür“ ist Paula Schweers ein fesselnder, informativer und unterhaltsamer, psychologischer und nicht zuletzt gesellschaftskritischer Roman auf hohem erzählerischen Niveau gelungen, den es sich absolut zu lesen lohnt.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


ein hund kam in die kueche 150x237

 

Leykam 24,00€

 

Sepp Mall: "Ein Hund kam in die Küche"

Wer hat bei diesem Titel nicht sofort das berühmte Lied im Kopf, in dem der Hund dem Koch ein Ei stiehlt?!

Der Roman beginnt 1942 in Südtirol. Ludi ist 11 Jahre alt und erzählt uns, dass seine Familie aus der Heimat, dem vertrauten Umfeld fort ziehen muss. Das Haus, die Freunde, Onkel und Tanten verlassen, das mag er sich so gar nicht vorstellen. Schließlich ist das Dorf, indem er wohnt, die Heimat. Für seinen kleinen Bruder Hanno bedeutet der Fortgang eine noch größere Umstellung, denn der ist  "zurückgeblieben" so sagen die Leute...
Als die Familie in Oberösterreich eine winzige und ziemlich armselige Hütte bezieht, fühlt sich das nicht wie ein neues Zuhause an. Der Vater wird schon bald zur Wehrmacht eingezogen, und als der kleine Hanno auf Geheiß der Ärzte in eine Heil-und Pflegeanstalt gebracht wird, scheint das Unglück der Familie endgültig besiegelt zu sein.

>Ein Roman wider das Vergessen, über das Kindsein in Zeiten von Krieg und Nationalsozialismus, vor dem Hintergrund der Südtiroler "Option".< So lautet der Klappentext dieses unglaublich eindringlichen Buches, das es verdient auf die Longlist des dt. Buchpreises schaffte.

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August

 


marschlande 150x237

 

S. Fischer 24,00€

 

Jarka Kubsova: "Marschlande"

Ochsenwerder, südlich von Hamburg, um 1550: Abelke Bleken ist eine Bäuerin, die ihren Hof allein bewirtschaftet, unverheiratet und schon allein deswegen verdächtig. Eine tüchtige Frau, die mit Tatkraft und Verstand für sich und ihre Belegschaft sorgt und gute Erträge einfährt? Da stimmt was nicht. Und so beginnt Kubsovas Roman dann auch gleich mit Abelkes Ende 1583: Verurteilt zum Tod auf dem Scheiterhaufen wegen „Schadenszauberei“ und „Teufelsbuhlschaft“.

Im zweiten Handlungsstrang sind wir im Hamburg der Gegenwart und erleben den Klassiker schlechthin: Mutter, Vater, zwei Kinder…in Hamburg…die Wohnung zu eng und nichts Größeres zu bezahlen – da zieht man ins Umland, wo die Preise erschwinglicher sind. So sind also Britta und Philipp mit ihren beiden Kindern nach Ochsenwerder gezogen, vom quirligen Eimsbüttel mal so richtig auf‘s platte Land. Und während Philipp ganz in seiner Rolle als Hauptverdiener und jetzt Hausbesitzer aufgeht, leidet Britta, promovierte Biologin, darunter, dass sie nur noch einem eher anspruchslosen Halbtagsjob nachgehen kann und sich ansonsten um den Familienalltag kümmern muss. In der neuen Umgebung wird sie nicht recht heimisch, es gibt kaum Kontakt mit den Nachbarn, auf langen Spaziergängen durch die herbstliche, nieselige Landschaft blicken Britta nur feindselige Hausfassaden und akkurat gepflegte Vorgärten an. Da stößt sie bei einem ihrer Spaziergänge auf ein Straßenschild, das sie neugierig macht: „Abelke-Bleken-Ring“.  Sie beginnt zu recherchieren, gräbt sich immer tiefer ein in diese Geschichte, in der einer Frau zutiefst Unrecht widerfahren ist. Brittas Mann findet, seine Frau sollte sich mal lieber um die Pflege des Eigenheims kümmern und darum, dass sein Lieblingskäse zuverlässig im Kühlschrank zu finden ist – anstatt sich mit einer längst vergessenen Spökenkiekerin zu beschäftigen. Wir ahnen schon: Mit dieser Ehe steht es nicht zum Besten.

Kubsova erzählt in ihrem packenden Roman von zwei Frauen, deren Lebensumstände auf den ersten Blick nicht viel gemein haben, und doch spüren wir am Ende der Geschichte, dass damals wie heute viel Energie nötig ist, um als Frau seinen eigenen Weg zu gehen.

Astrid Henning

 


vom ende der nacht 150x237

 

hanserblau 22,00€

 

Claire Daverley: "Vom Ende der Nacht"

Dieses ist aus meiner Sicht der schönste und zarteste Liebes- und Lebensroman dieses Sommers. Es geht um die aufwühlende und zugleich zärtliche Erzählung über zwei Menschen, die nicht anders können, als sich immer und immer wieder, über Jahre, zu begegnen und einander anzuziehen. Ich denke, die beiden Protagonisten, Will und Rosie, gehören schon jetzt zu den unvergesslichen Liebespaaren – und ihre Geschichte wird Sie vom Schlafen abhalten.

Will und Rosie lernen sich in ihren Jugendjahren über Rosies Bruder kennen und könnten nicht unterschiedlicher sein: Will, der coole Rebell, lässig auf dem Motorrad cruisend und sein verdammt gutes Aussehen nutzend, die hingerissenen Mädchen abzuschleppen – Familenverhältnisse eher schwierig - Rosie, sie kommt aus sog. gutem Hause, ist recht hübsch, aber eher unauffällig, strebsam, den Familienregeln und der anspruchsvollen Mutter gehorchend, diese beiden nun kommen bei einem abendlichen Lagerfeuer ins Gespräch, treffen sich fortan immer häufiger und verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Neben all der Romantik, neben all dem Herzklopfen, dem atemlosen Warten aufeinander, spürt man eine tiefe, nahezu symbiotische Verbindung und ist hingerissen von dieser wunderbaren jungen Liebe. Bis etwas dermaßen Furchtbares, so unerwartet Grauenvolles und Unvorstellbares geschieht, dass ihre Welt, vor allem ihren gemeinsamen Kosmos, schlicht zerbrechen lässt. Gleichermaßen belastet, aber unterschiedlich mit ihrer Trauer umgehend, treffen sich die Wege von Will und Rosie. Wie erwartet, studiert Rosie und findet sich im wissenschaftlichen Umfeld wieder. Will hingegen bleibt in seiner Heimat, strauchelt, steht wieder auf, beginnt eine Ausbildung, bricht sie wieder ab, ist unstet – unglücklich sind beide. Die Jahre vergehen, und immer wieder laufen sich Rosie und Will über den Weg, mal alleinstehend, mal mit Partnerin oder Partner. Und können das, was hätte sein können, nicht loslassen.

„Vom Ende der Nacht“ erzählt von unmittelbarer Nähe, verpassten Chancen, den vielen Lieben, die im Laufe unseres Lebens haben – und eben auch von der einen, zu der wir immer wieder zurückkehren oder zurückkehren wollen. Claire Daverley hat mit ihren Protagonisten zwei ehrliche und authentische Figuren geschaffen, die wir in ihrer Entwicklung und Beziehung zueinander begleiten dürfen. Mit all den Gefühlen, Zweifeln, Skrupeln, Gedanken, Sorgen und Freuden, die dazu gehören. Am Ende steht die Frage, wie mutig und ehrlich auch wir uns selbst gegenüber sein können. Selten ist das Leben ein gradliniges, doch gilt es doch eher genau deswegen, genau hinzuschauen und die Chancen, die sich hinter manchen Kurven des Weges verbergen, zu ergreifen.

Heike Behrens

 


so weit der fluss uns traegt 150x237

 

Bertelsmann 24,00€

 

Shelley Read: "Soweit der Fluss uns trägt"

Colorado in den 40ern des letzten Jahrhunderts.

Am Fuße der Berge liegt das beschauliche Örtchen Iola. Der Gunnison River fließt seit ewigen Zeiten ungebremst und wild daran vorbei - und genau das soll sich ändern....
Das Leben ist karg und teilweise entbehrungsreich. Fortschritt, auch im Denken, findet in den weit entfernt liegenden größeren Städten statt. Wenn jedoch die Pfirsichernte beginnt, dann herrscht reger Handel. Von überall her kommen die Kunden, um die besonders großen und saftigen Früchte der Obstbauern zu kaufen.
Victoria ist 17 Jahre alt, als wir sie kennen lernen. Während ihr Vater und ihr Bruder sich um die Ernte kümmern, bemüht sie sich, im Haus ihre früh verstorbene Mutter zu ersetzen. Wenig abwechslungsreich verläuft ihr Alltag. Umso aufgeregender ist es für die junge Frau, als sie mitten auf der Main Street von einem Fremden angesprochen wird! "Braune Haut schimmerte unter herabrinnendem Schweiß. Unter seiner Kappe schauten glatte schwarze Haare hervor, viel dunkler als meines, das ein sehr gewöhnliches Braun hatte."
Wilson Moon wird sich in Victoria verlieben und umgekehrt! Beiden bleibt eine tragisch kurze Zeit, bevor der Mob ihn im Gunnisonr River ertränkt.

Das ist nicht das Ende, sondern der Beginn einer packend erzählten Geschichte über Liebe, Verlust, über Rassismus, Sünden an der Natur und Fehlentscheidungen, Mut und Zuversicht und, und, und! Leider hat der Debütroman von Shelley Read nur 367 Seiten...

Andrea Westerkamp

 


schoenwald 150x237

 

Piper Verlag 26,00€

 

Philipp Oehmke: "Schönwald"

Eine deutsche Familiengeschichte…

Ruth und Harry sind beide Mitte 70, ihre drei Kinder somit erwachsen. Wie schön, dass aus allen „was geworden“ ist, endlich, könnte man sagen, denn auch Carolin hat mit Mitte 30 ihren Weg gefunden und eröffnet in Berlin eine queere Buchhandlung. Vorurteile haben Harry und Ruth nicht (Ruth hat sogar extra nochmal Manns „Tod in Venedig“ gelesen, um mitreden zu können), auch wenn sie den Sinn und Zweck einer solchen Buchhandlung nicht so richtig verstehen. Jedenfalls ist die Eröffnung von „They/Them“ ein wunderbarer Anlass, dass die ganze Familie mal wieder zusammenkommt. Sogar Chris, der älteste Sohn, ist extra aus New York gekommen, wo er als Linguistikprofessor an der renommierten Columbia University seinen Eltern alle Ehre macht. Obwohl: Wir wissen schon, dass er ziemlich böse geschasst worden ist, so richtig abgestürzt vom umjubelten, unkonventionellen Prof zur persona non grata, mit der man sich besser nicht mehr sehen lässt.
Die Eröffnung der Buchhandlung gerät jedoch völlig aus dem Ruder, da plötzlich eine Gruppe von Demonstranten auftaucht, Farbbeutel an die Schaufenster wirft und „Gebaut, gebaut, auf Nazigold“ skandiert. Konkret: Carolin wird vorgeworfen, mit dem Geld ihres Großvaters, angeblich ein Nazi, die Buchhandlung an den Start gebracht zu haben. Nach und nach tauchen wir in die kleinen Geheimnisse der Schönwalds ein, und so wunderbar diese Familie nach außen aussieht, so sehr hat doch jede/r mit kleinen und größeren Flecken in der eigenen Biografie zu kämpfen. Fehltritte, mehr oder weniger dramatisch, auf jeden Fall sind sie nicht unfehlbar, eben Menschen, diese Schönwalds.

Wer dabei zusehen möchte, wie eine bildungsbürgerliche Familie, die immer darum bemüht war und ist, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, gepflegt auseinanderfliegt, dem sei „Schönwald“ sehr dringend empfohlen. Lebendig geschrieben, ironisch, aktuell – ein echtes Lesevergnügen.

Astrid Henning

 


sylter welle 150x237

 

KiWi 23,00€

 

Max Richard Leßmann: "Sylter Welle"

Max Richard Leßmann hat einen grandiosen Roman über Sylt geschrieben. Und gleichzeitig eine raue Ode an alle Opas und Omas.

Eigentlich jeden Sommer seiner Kindheit hat Max mit seinen eigenwilligen Großeltern auf Sylt verbracht. Natürlich nicht im trubeligen Westerland oder im noblen Kampen: nein, es wurde schön auf dem Campingplatz geurlaubt. Nun fahren Oma Lore und Opa Ludwig ein allerletztes Mal auf die Insel und haben Max eingeladen, sie doch für drei Tage zu besuchen. Oma Lore, die ihre Herzlichkeit gut unter einer despotischen Schale zu verstecken weiß, erwartet Max am Westerländer Bahnhof, so wie immer. Doch dieses Mal brausen sie nicht in ihrem Uralt-Opel Richtung Zeltlager, dieses Mal gehen sie zu Fuß zu einem Hotelkomplex gegenüber der Strandpromenade und wohnen tatsächlich in einer Ferienwohnung. Nicht genug mit dieser Neuerung, muss Max alsbald auch feststellen, dass sich sein Opa verändert hat, irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Doch Oma Lore will davon natürlich nichts wissen.

In seinem autobiografisch angehauchten Roman nimmt uns Max Richard Leßmann mit auf eine Reise, nicht nur auf die Nordseeinsel, die ihn deutlich geprägt hat, sondern auch in seine Kindheit und in die Vergangenheit der gesamten Familie. Wie wir wissen, kann man sich seine Verwandten ja nicht aussuchen – hier lernen wir eine Bandbreite familiärer Dynamiken, Routinen, Schrullen und Ansagen kennen, ausgesprochen reflektiert und humorvoll serviert. Max trifft direkt auf die Hinfälligkeit speziell des Opas, und er nimmt diese vermutlich letzte Sylt-Reise zu den Altvorderen zum Anlass, zurückzuschauen. Zeitebenen mit langen Einschüben werden auf elegante, weit ausholende Weise, miteinander verschränkt. Wunderbare, herrliche, zum Weinen lustige Erinnerungen, vor allem an seine Großeltern, wirklich großartige und amüsante Anekdoten unterhalten auf das Allerbeste – und hinter humorvollen Formulierungen finden sich tiefe Gedanken und Fragen, die anrühren und der Lektüre ein besonderes Niveau verleihen.
Dieses Buch ist aber auch ein Roman speziell über Sylt, es ist ein waschechtes Nordseebuch, besonders geeignet für all diejenigen, die der vermeintlich rauen Stimmung an der Küste so einiges abgewinnen können – oder es zumindest versuchen wollen… Die Nordsee kann ein ruppiges Meer sein. Das Leben kann ruppig sein, und die, die man, so hat die Natur das eingerichtet, liebt, lieben muss, die Leute aus der eigenen Familie, können auch ruppig sein. Versehrt von der See und vom Badekampf mit den harten Wellen schleppte sich der Junge zum Strandkorb, zu seiner Oma Lore, die sich vor dem Wind in Sicherheit gebracht hatte und ihren Enkel, der wirklich kaum laufen konnte, maximal verkniffen anblickte und dann – wie gesagt: ruppige See, ruppige Leute – sagte: „Jetzt lass doch mal das elendige Gewese. So kalt war es jetzt doch auch nicht!“
Ich bin hin und weg von dieser rauen und zärtlichen Geschichte, sowohl mit Blick auf die nördlichste Insel Deutschlands als auch hinsichtlich der bunten Familie, mitsamt aller Persönlichkeiten, Schicksale und Verstrickungen. Vorrangig empfinde ich den Roman jedoch als eine Liebeserklärung an eine, im wahrsten Sinne, aussterbende Generation: an die Großeltern!

Heike Behrens

 


echo der gewalt 150x237

 

Suhrkamp 18,00€

 

Yasmin Angoe: "Echo der Gewalt"

Sofern Sie, verehrte Leserinnen und Leser, schon häufiger Gast unserer Leselustveranstaltungen waren, dann ist Ihnen bekannt, dass ich gerne die Mord- und Totschlagfraktion bediene. ;) Wenn ich Sie also dringend vor dem folgenden Buch warnen möchte, so ist das für die wahren Fans der blutigen Seiten ein absolutes Kauf- bzw. Leseargument!

Nena Knight erlebt als junges Mädchen furchtbare Gräueltaten in ihrem ghanaischen Dorf. Ihre anschließende Entführung bewahrt sie zwar vor dem Tod, verfestigt jedoch in ihr den dringenden Wunsch nach Rache! Die Chance dazu erhält sie durch eine fundierte und absolut einzigartige Ausbildung - The Tribe, ein mächtiges Geschäftssyndikat bildet "Echo", so ihr Berufsname, zu einer Elite-Attentäterin aus.
An dem Tag, als sie das Visier ihres Gewehrs auf einen Bundesstaatsanwalt richtet, und statt seiner bewusst die neben ihm stehende Person eliminiert, da scheint sie ihrem Wunsch nach Vergeltung näher gekommen zu sein...

Ein bereits mehrfach prämiertes, atemberaubendes Debüt! Ich lechze nach Fall II!

Andrea Westerkamp

 

 

 


walfahrt 150x237

Ullstein 17,99€

 

Oliver Dirr: "Walfahrt"

Man merkt es Oliver Dirr an, dass er Journalist ist und ein Mensch, der mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt geht und die Fähigkeit des Staunens über kleine und große Dinge zum Glück nicht verlernt zu haben scheint. Er nimmt uns mit an die besten Orte für Whale Watching, nach Norwegen, Island, Kanada, Grönland und Australien, nach Madeira und auf die Azoren.

„Walfahrt“ wirkt wie ein Potpourri an Genres, ein persönlicher Reisebericht, voller unterhaltsamer Anekdoten und subjektiven Eindrücken, eine Liebeserklärung an Dirrs Frau Theresa, verbunden mit Elementen aus dem Sachbuchbereich, aus Philosophie und Meeresbiologie, der Geschichte des Walfangs und dem Wal in der Literatur sowie dem eindringlichen Appell, den Walen, dem Meer, der Natur insgesamt mehr Respekt zu zollen. Oliver Dirr hat mit Einheimischen gesprochen, mit Tour Guides und Wissenschaftlern; er hat interessiert gefragt und umfassend recherchiert. Und nun präsentiert er uns auf unterhaltsame, eindrückliche und inspirierende Weise seine Ergebnisse und Erlebnisse.
Bereichert wird das Buch durch wunderschöne Schwarz-Weiß-Illustrationen von Aki Röll sowie beeindruckende Fotografien aus dem privaten Fundus des Autors. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis bietet die Möglichkeit, sich selbst eingehender mit der umfangreichen Thematik zu beschäftigen.

Wer dieses Buch gelesen hat, möchte eigentlich nur noch eins: sich selbst auf Walfahrt begeben.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


der eisbaer 150x237

 

S. Fischer 24,00€

 

John Ironmonger: "Der Eisbär"

Bei zweiten und dritten Büchern eines Autors ist ja manchmal etwas Vorsicht geboten…das kennen wir alle. Wie schön, dass das nicht auf John Ironmongers „Eisbären“ zutrifft, also werfen wir uns gerne mitten rein ins Vergnügen:

Wer den „Wal“ gelesen hat, wird sich gleich mal wie zu Hause fühlen, denn die Geschichte beginnt mit einem feucht-fröhlichen Abend im „Stormy Petrel Inn“ in St. Piran (Sie erinnern sich?), wo unsere beiden Protagonisten schon das eine oder andere Bier intus haben. Es handelt sich hierbei um den 20-jährigen Tom, der aus St. Piran stammt, seit zwei Jahren in London Geowissenschaften studiert und somit ein profundes Wissen in Sachen Klimawandel hat. Auf der anderen Seite: Monty Causley, örtlicher Parlamentsabgeordneter, dessen Familie seit drei Generationen ein Haus direkt am Strand besitzt, eindeutig dem Team „Klimaleugner“ zuzurechnen. Zwischen diesen beiden kommt es zu einem hitzigen Streit über dieses Thema, der in einer Wette mündet, denn Tom behauptet: „Ich wette mit Ihnen, dass Sie in fünfzig Jahren, von heute an, nicht bei Flut in Ihrem Wohnzimmer sitzen können, ohne zu ertrinken.“ Monty Causley lässt sich darauf ein, nicht ohne ebenfalls einen dramatischen Wetteinsatz zu fordern.

John Ironmonger folgt nun diesen beiden Männern und wir sehr gerne mit ihnen. Der Roman erstreckt sich über gut 50 Jahre, Sie werden also das Ende der Wette mitbekommen…natürlich wird hier nichts verraten!
Zwischendurch sind wir allerdings in der Welt unterwegs, u.a. in Grönland, aber immer auch wieder in St. Piran, das Dorfleben und all seine BewohnerInnen kommen nicht zu kurz. Ironmonger gelingt es vortrefflich einen abenteuerlichen, unterhaltsamen Roman zu schreiben, der DAS Thema der Gegenwart und Zukunft behandelt. 448 Seiten, die ich innerhalb von 26 Stunden inhaliert habe.

Astrid Henning

 


der taucher 150x237

 

Mare 22,00€

 

Mathijs Deen: "Der Taucher"

Die „Freya“ ist ein niederländisches Bergungsschiff. Auf der Suche nach einem über Bord gegangenen Container stößt die Mannschaft vor Amrum durch Zufall auf ein gesunkenes Schiff. Beim Kontrolltauchgang macht die Mannschaft einen grausigen Fund. Mit Handschellen an das Wrack „Hanne“ gefesselt, hängt eine männliche Leiche in der Tiefe, die Schlüssel der Handschellen in seinem Blickfeld. Während seines qualvollen Erstickungstodes, hatte er sie genau vor Augen. Hier handelt es sich eindeutig um einen Rachemord.
Liewe Cupido, Kommissar aus Flensburg, wird wegen seiner niederländischen Sprachkenntnisse – er wuchs auf Texel auf - zu dem Fall hinzugezogen. Schnell wird klar, der Tote ist Jan Matz, Sporttaucher aus Wyk auf Föhr. In letzter Zeit war er wie getrieben von der Taucherei. Der Hafenmeister sah ihn mehrmals die Woche hinausfahren. Oft hatte er auch seinen Sohn Johnny dabei. Dieser ist bei der Polizei in Wilhelmshafen, wo er mit seiner Mutter Christine wohnt, kein unbeschriebenes Blatt, hat er doch den gleichaltrigen  Hauke Mauer krankenhausreif und lebenslang zum Gehandicapten geschlagen.
Die „Hanne“ sank in den 50er Jahren mit einer riesigen Menge Kupfer an Bord. War es das Geld für das Metall, das Jan immer wieder in die Tiefe zwang?

Für uns Leser wie für den schrulligen Kommissar Cupido setzt sich das Puzzle der Tat nur sehr langsam und mit vielen überraschenden Wendungen zusammen. Familienzwiste, die rechte Szene, die fast unheimliche Unterwasserwelt der Nordsee und Einblicke in die Nautik bestimmen die Handlung. Thrillerspannung steht bei diesem herausragenden Kriminalroman nicht an erster Stelle, aber die Atmosphäre, die der Autor Deen schafft, ist zum Schneiden dicht, seine Figuren liebevoll norddeutsch gezeichnet.Die Gischt auf dem Meer peitscht uns beim Lesen mitten ins Gesicht und eine Reise auf die gesamten Nordseeinseln ist ohne dieses tolle Buch eigentlich unmöglich.

Annette Matthaei

 


going zero 150x237

 

Diogenes Verlag 25,00€

 

Anthony McCarten: "Going Zero"

Denken Sie kurz mal nach, was meinen Sie: Würde es Ihnen gelingen, 30 Tage lang keine Spur zu hinterlassen und unauffindbar zu sein? Keiner Überwachungskamera „begegnen“, keine Spur im Internet hinterlassen, nirgendwo mit Karte zahlen – vom physischen Auftauchen im echten Leben mal ganz zu schweigen. Diese Herausforderung nehmen 10 US-AmerikanerInnen an, fünf Laien und fünf IT-Profis, denn es gibt was zu gewinnen: 3 Millionen Dollar.

Cy Baxter, US-Internet-Mogul, wettet, dass er jeden Menschen innerhalb von 30 Tagen aufspüren kann, denn sein Unternehmen sammelt Daten jeglicher Art, egal ob körperlicher Natur oder Spuren, die man im World Wide Web hinterlässt. Sein Hintergrund: Er will einen extrem lukrativen Vertrag mit der CIA abschließen und durch diesen Versuch zeigen, wozu sein Unternehmen in der Lage ist. Angeblich zum Vorteil aller, denn wäre es nicht absolut großartig, Menschen mit bösen Absichten schon zu entdecken, bevor sie beispielsweise ein Attentat o.ä. begehen?
Bewerben für diese Herausforderung konnte sich jeder, zehn Menschen sind nun ausgesucht und von dem Moment an, in dem sie die SMS „going zero“ auf ihr Handy bekommen, haben sie zwei Stunden Vorsprung, ab dann darf Cy Baxters Unternehmen diesen Menschen mit allen verfügbaren Mitteln (legal…illegal…naja, wer kann da schon exakt trennen im virtuellen Bereich) folgen.

McCarten strickt aus diesem Stoff einen rasanten, intelligenten und spannenden Thriller, der einen unweigerlich in das Buch hineinzieht. Und das liegt zum großen Teil auch an der Protagonistin Kaitlyn Day, Bibliothekarin und eine der Teilnehmerinnen. Die „natürlich“ niemand so richtig auf dem Schirm hat: eine Person, die noch echte Bücher liest?? Ich bitte Sie.
„Going Zero“ berührt Aspekte, die jeden betreffen und höchst relevant sind: Wie geschützt ist unsere Privatsphäre, wie schnell sind wir aus Bequemlichkeit bereit, auf sie zu verzichten, wann überwiegt das Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit den Schutz der persönlichen Freiheit? Für mich ein absolutes Highlight in diesem Frühjahr/Sommer, gehört in jeden Urlaubskoffer!

Astrid Henning

 


morgen morgen und wieder morgen 150x237

 

Eichborn Verlag 25,00€

 

Gabrielle Zevin: "Morgen, morgen und wieder morgen!

Einen Tag nach dem anderen nehmend, beleuchtet Gabrielle Zevin in ihrem Roman das Leben zweier junger Menschen, die einmal zu Legenden der Videospielindustrie werden sollen.

Sadie und Sam lernen sich als Kinder in einem Krankenhaus kennen. Beide haben schreckliche Gründe dafür dort zu sein, doch gemeinsam scheint die Last, die auf ihnen wiegt, nur noch halb so schwer. Die zwei entdecken die Welt der Videospiele für sich und werden Freunde, bis ein Verrat die junge Freundschaft erschüttert…
Jahrelang durch ihre Unsicherheiten entzweit, bringt der Zufall sie eines Tages wieder zusammen und sie entscheiden sich eigene Spiele zu entwerfen. Mit der Unterstützung von Sadies Professor und Sams Mitbewohner, gründen sie eine Firma, die ihrer aller Leben grundlegend verändern wird, doch Berühmtheit kommt mit ganz eigenen Tücken und wirklich alles hat seinen Preis.

In diesem Buch geht es ums Gaming, aber man muss nie ein Videospiel gespielt haben, um in den Sog dieser außergewöhnlichen Geschichte zu geraten, in der es um so vieles mehr geht: Geschlechterrollen, Identität, Race, cultural appropriation, Betrug, Freundschaft, Familie und immer wieder die Liebe. Dennoch ist dies keine Liebesgeschichte und durch wechselnde Perspektiven sehen wir, dass Menschen nicht immer nach außen tragen, was sie durchmachen.
Gabrielle Zevin hat sich einiges vorgenommen und beim Lesen fragt man sich ab und an: dieses und jenes Thema kann sie nicht auch noch anreißen. Und doch handelt sie hier gefühlt alle Themen unserer Zeit ab - auf interessante Weise und mit genügend Ambivalenz, um nicht belehrend zu wirken. „Morgen, morgen und wieder morgen“ heißt es in Shakespeares Macbeth und weiter: „Was ist Leben?“ Zevin versucht diese Frage zu beantworten.

Mattes Daugardt

 


zierfische in haenden von idioten 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Manuel Butt: "Zierfische in Händen von Idioten"

Immer wieder werden wir im Moment nach Büchern gefragt, die nicht schwer sind - nach humorvollen Büchern, nach Büchern, über die man auch einmal lachen kann. Bei „Zierfische in Händen von Idioten“ habe ich an mehreren Stellen laut gelacht!

Im Sommer 1996 machen Tobis Eltern eine Ferienreise an die türkische Riviera. Tobi, 18 Jahre alt, hat für die sturmfreie Zeit einige Pläne: Er will zum ersten Mal mit Lisa, seiner Freundin, schlafen, seine Führerscheinprüfung bestehen und noch einiges mehr. Nebenbei muss er noch die Seepferdchen im Aquarium seines Vaters versorgen, aber das kann ja nicht allzu schwer sein. Leider kommt schließlich alles ganz anders...
Durch ein wirklich dummes Missverständnis, das mit vier gebrauchten Kondomen und einer Horde betrunkener Fußballfans zusammenhängt, endet Tobis Beziehung zu Lisa abrupt. Georg, Lisas bester Freund und Sohn des Fahrlehrers Pohlmann, fällt zum Leidwesen seines Vaters durch die Führerscheinprüfung. Tobis ziemlich abgedrehter Freund Scholzen zieht bei ihm ein, weil er „Abstand“ von seiner Familie braucht.
Als Georg durch Zufall von seiner bisher tot geglaubten Mutter eine Nachricht aus England erhält und klar wird, dass Lisa zu Hause ernsthafte Probleme hat, kapern die vier kurzerhand das nagelneue Fahrschulauto von Fahrlehrer Pohlmann (einen „Golf Bon Jovi“) und los geht eine wirklich abenteuerliche Fahrt - ohne einen Pfennig Geld, ohne jeden vernünftigen Plan und ohne Führerschein, aber mit einem Becken voller Seepferdchen im Kofferraum. Über Holland geht es nach England; die vier Protagonisten müssen auf der Reise einige Hürden meistern: Ständig pendelnd zwischen Mutlosigkeit und jugendlicher Selbstüberschätzung stolpern sie von Problem zu Problem. Aber weder die Hasch-Dealer in Holland noch die prügelnden Fußball-Hooligans am Rande der EM können sie letztlich aufhalten.

Ein wirklich wunderbares Roadmovie, begleitet vom Sound der 90er (Bon Jovi, die Spice Girls, Oasis..., Los del Rios mit „Macarena“ am Strand): Jeder, der sich an diese Zeit erinnern kann, wird dabei irgendwie mitschwingen. Sogar an der Zoohandlung, die angeblich Namenspate der Pet Shop Boys gewesen sein soll, kommen die vier vorbei.
An manchen Stellen des Buches merkt man, dass der Autor normalerweise keine Romane, sondern Gags fürs Fernsehen schreibt, aber das tut der guten Stimmung des Buches keinen Abbruch. Für mich war dieser Roman eine sehr willkommene Abwechslung auf dem momentanen Buchmarkt!

Sabine Christ

 


das theater am strand 150x237

 

C.Bertelsmann 23,00€

 

Joanna Quinn: "Das Theater am Strand"

Chilcombe Castle, ein mächtig in die Jahre gekommener Landsitz an der Küste von Dorset in den ausgehenden zwanziger Jahren ist das Setting dieses wunderbaren Erstlings der Autorin Joanna Quinn.

Die zwölfjährige, wilde Cristobel Seagrave wächst mit ihrer jüngeren Halbschwester Florence und dem Cousin Digby unter verworrenen Familienverhältnissen recht verwahrlost auf. Die Erwachsenen sind mit sich und dem Feiern ausufernder Partys mit durchgeknallten Gästen aus der Künstlerszene beschäftigt. Bunt ist das Menschenszenario. Den Kindern wird eine vertrocknete französische Privatlehrerin zur Bildung an die Seite gestellt, aber Cristabel entdeckt bald, dass sie ein besonderes Talent besitzt: das Erzählen von Geschichten zieht ihre Zuhörer in den Bann und auch das Schauspielern liegt ihr. Eines stürmischen Morgens entdeckt sie einen gestrandeten Wal am Strand. Ihr Wal, ein Zeichen! Aus den Walknochen entsteht die Bühne eines Theaters am Strand und halb Dorset wohnt bald den zauberhaften Aufführungen von Shakespearestücken bei.
Doch dunkle Zeiten ziehen auf, der zweite Weltkrieg macht auch vor Chilcombe nicht halt. Digby sieht seine Aufgabe bei der Resistance in Frankreich, Cristobel wird ihm über den Umweg bei der britische Frauenflugabwehr in den Untergrund folgen. Einzig Florence, genannt Flossie, schlägt sich in England durch die Kriegswirren.

Was wie lockere, leichte Unterhaltung beginnt, nimmt im Laufe des Buches kräftig an Fahrt auf. Die jede für sich so liebenswerten Figuren gewinnen an Tiefe und ich mochte mich so gar nicht von ihnen verabschieden und das sage ich nach 700 wunderbaren Seiten!!
Das Buch ist in Coronazeiten entstanden und der Autorin war es Wunsch, ein Buch zu schreiben, dass die Leser in „Geschichten fallen lässt, die so üppig und dicht sind wie ein dickes Federbett“. Das ist ihr zu hundert Prozent gelungen, ganz großartig und natürlich auch auf englisch zu erhalten.

Annette Matthaei

 


draussen die welt 150x237

 

dtv 24,00€

 

Janet Lewis: "Draussen die Welt"

1943 wurde der Roman „Draußen die Welt“ von Janet Lewis erstmals in den USA unter dem Titel „Against a darkening sky“ veröffentlicht. Nun ist er erstmals in deutscher Übersetzung bei dtv erschienen.

Die Geschichte des Buchs spielt Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre zur Zeit der großen Wirtschaftsdepression in den USA. Mary Perrault und ihr Ehemann, Eltern von vier Kindern, leben in einer kleinen kalifornischen Stadt und kommen mit ihren bescheidenen Jobs und dem, was ihr Garten ihnen liefert, einigermaßen über die Runden. Mary ist eine gütige, hilfsbereite Frau, eine liebende Mutter und treue Gattin. Sie ist eingebunden in das Sozialleben des kleinen Ortes und kommt mit den Menschen um sie herum gut aus. Trotz eines furchtbaren Schicksalsschlages geht das Leben nach einiger Zeit wieder seinen gewohnten Gang. Doch die Beständigkeit Marys und das Idyll des ländlichen Lebens werden im Hintergrund der Handlung immer wieder bedroht von den großen Katastrophen und Bedrohungen der Welt. So führen wirtschaftliche Sorgen und Nöte der Menschen zu Neid und Missgunst unter den Nachbarn. Dürre und Wassermangel erschweren zusätzlich das Leben. Trotz alledem bleibt Mary Perrault der „moralische Ruhepol“ in diesen unruhigen Zeiten. Sie navigiert ihre Familie mit unglaublicher Stärke durch all die Wellen und Stürme des Lebens, die die Zeit im Allgemeinen und auch das Heranwachsen ihrer Kinder mit sich bringen.

Janet Lewis wurde beinahe 100 Jahre alt. In diesem Text verweist sie fast prophetisch auf viele Probleme, die erst viel später wirklich ins Bewusstsein der Menschen rückten. So schreibt sie zum Beispiel über Wassermangel und die Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Doch diese Dinge bleiben im Hintergrund, auch wenn sie die ganze Zeit beim Lesen immer wieder mitschwingen. Beeindruckt und fasziniert hat mich ganz besonders, wie Mary den Menschen um sie herum immer wieder Halt und Stütze ist; wie sie sich bemüht, ihren Kindern ins Leben zu helfen, auch wenn die Wege manchmal krumm und schwer sind. Mary vertraut ihren Kindern bedingungslos, lässt sie sich ausprobieren und nimmt nur dort Einfluss, wo es gar nicht mehr anders geht.
Die detailgenauen Schilderungen der Menschen, ihrer Gefühlszustände, ihres Äußeren, immer wieder wechselnde Perspektiven, genauso wie die genaue Schilderung der Welt um sie herum, der Gärten und Felder, des Kaninchenstalls und der Wohnstube machen den Roman so lebendig. Im Kopf entsteht ein Film; man fühlt sich wie ein stiller Beobachter auf einem Spaziergang zwischen all den Menschen und auf Wegen, die man genau zu kennen scheint. Fast meint man, vor einem großartigen, akribisch angefertigten Gemälde zu stehen, dessen Figuren vor den Augen lebendig werden. Ein großartiger Roman!

Sabine Christ

 


young mungo 150x237

 

Hanser Verlag 26,00€

 

Douglas Stuart: "Young Mungo"

„Young Mungo“ ist wie Kintsugi für die Seele: es hat mich in tausend Teile zerschlagen und anschließend wieder zusammengefügt.

Douglas Stuarts neuer Roman ist ein aufwühlendes, schonungsloses Buch. Leser*innen von Shuggie Bain werden das Milieu der Glasgow‘schen Arbeiterklasse wiedererkennen. Doch wo Shuggie fast wie ein Vehikel erschien, um seine Mutter zu beleuchten, steht Mungo im Mittelpunkt seiner eigenen Erzählung.
Im Glasgow der 90er Jahre herrscht das Gesetz der Straße. Mungos Bruder zieht ihn mitten rein in die Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken, seiner sanften Natur zum Trotz. Seine Familie hält ihn für zu weich, zu gefährdet auf den Straßen, wo Fäuste Worte ersetzen. Und auch seine Schwester Jodie, der er sich sonst so gerne anvertraut, scheint immer distanzierter und in ein Leben außerhalb der Familie zu entschwinden. Als seine Mutter ihn mit zwei Fremden losschickt, die ihm zeigen sollen, was es bedeutet ein „echter“ Mann zu sein, droht er an der Situation zu zerbrechen. Nur die Erinnerungen an eine besondere, zum Scheitern verurteilte Liebe, leuchten in der Dunkelheit.

„Young Mungo“ ist ein gewaltvolles, äußerst graphisches Buch. Dennoch schafft Stuart es mit lyrischer Behutsamkeit Hoffnung zu wecken, denn wenn das Schlimmste überstanden ist, gibt es nur den Blick nach vorn - nur den Wert der Dinge, die überdauern.

Mattes Daugardt

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April

 


der bojenmann 150x237

 

Btb 16,00€

 

Kester Schlenz/Jan Jepsen: "Der Bojenmann"

Mit einem zufriedenen Seufzen und einem kühlen Bierchen in der Hand betritt der Ex Kapitän Oke Andersen, von seinen früheren Kollegen wegen seiner Neigung zur Philosophie liebevoll La Lotse genannt, seinen Balkon in Övelgönne mit dem phantastischen Blick auf den gegenüberliegenden Containerhafen. Es ist die blaue Stunde, einer der schönsten Momente des Tages, wenn die Elbe glitzert und das Leben unten am Strand ganz langsam zur Ruhe kommt.
Nur ein paar Stunden später macht ein ambitionierter Sportkanute bei Sonnenaufgang in 150 Meter Luftlinie entfernt von La Lotses Balkon, einen Fund, den er nie wieder vergessen wird. Der Bojenmann mit dem weißen Hemd und der schwarzen Hose, der als Attraktion schon jahrelang auf dem Fluss schaukelt, wirkt heute morgen irgendwie anders. Etwas an der Haltung stimmt nicht… und das Gesicht…
Der leitende LKA Ermittler Thies Knudsen, bester Freund von dem uns bereits bekannten La Lotse, und seine Kollegin Dörte Eichhorn werden zu einem makaberen Fund gerufen. Die berühmte Eichenfigur mitten auf dem Strom ist durch eine plastinierte Leiche mit asiatischen Zügen ersetzt worden. Die Chefin der Spurensicherung „Spusi“ ist schwer beeindruckt von der peniblen Arbeit. Da hätte auch ein Gunther von Hagens mit den Körperwelten seine helle Freude. Bei dieser Plastination war kein Amateur am Werk und der Profi scheint auch stolz auf seine Handwerkskunst zu sein, hinterlässt er doch eine winzige liegende 8, das Zeichen für Unendlichkeit, unter der linken Iris des Opfers.

Die Bankkauffrau Stefanie Bauer joggt wie gewohnt locker um die Alster. Bei der Hohenfelder Brücke legt sie ein Päuschen für das Stretching mit Blick auf ihren stummen, hölzernen Bekannten, der verlässlich auf dem Gewässer dümpelt, ein. Doch sie ist irritiert. Wieso stemmt der nicht wie immer die Hände in die Hüften, sondern reckt einen gestreckten Daumen nach oben??
Ab dem wievielten Toten spricht man eigentlich von einem Serienmörder? Das ist unter anderem eine Frage, die Knudsen bei einerPressekonferenz beantworten muss. Die Abteilung arbeitet auf Hochtouren, doch bis auf einen Zettel, der die Ermittler in die Seemannsmission Duckdalben nahe der Veddel und somit in das Milieu der meist philippinischen Matrosen führt, bleiben die Erfolge vorerst aus. Wie gut, dass La Lotse seinen Freund Thies nicht nur kulinarisch verwöhnt, sondern ihm auch mit Rat und manchmal mehr Tat als ihm guttut, zur Seite steht.

Ganz sicher kein Krimi für zarte Gemüter. Man muss es aushalten in die Abgründe der Plastination an der Seite eines verrückten Genies einzutauchen und auch um den einen oder anderen Kollegen zu bangen. Alles in allem ein ganz toller Hamburgkrimi. Der zweite Teil ist in Arbeit und ich fiebere ihm entgegen.

Annette Matthaei

 


mindset 150x237

 

KiWi 23,00€

 

Sebastian Hotz: "Mindset"

Einigen von Ihnen ist Sebastian Hotz vielleicht ein Begriff, alle anderen sollten ihn schleunigst entdecken, zum Beispiel mit seinem Romandebut: klug, ironisch und sehr gut beobachtet.

Wir haben zwei Protagonisten: Zum einen Maximilian Krach, ein offensichtlich extrem erfolgreicher Unternehmer, Anfang 30, mit allen Insignien der Macht ausgestattet, so möchte man es fast ausdrücken. Die richtigen Anzüge im richtigen Schnitt, diverse teure Uhren, ebensolche schnittigen und edlen Fahrzeuge – er hat es offensichtlich geschafft. Und weil er andere an seinem Erfolg teilhaben lassen will, gibt er regelmäßig Coachingseminare, irritierenderweise in eher zweitklassigen Hotels. Dort versammeln sich dann knapp 15 junge Männer (auch nicht sooo viel), Typ Versicherungsvertreter mit Ambitionen auf mehr, und lauschen Maximilians Weisheiten. Vom Schaf zum Wolf werden, vom Gejagten zum Jäger – das ist das Ziel und alles eine Frage des Gehirns, des richtigen Mindsets.
Mirko ist bislang auf jeden Fall noch ganz klar ein Schaf: Nach dem Abi eine Ausbildung im IT-Bereich gemacht, „weil das immer gebraucht wird“, danach in der Firma aus Bequemlichkeit hängengeblieben, wo er nicht mehr tut, als unbedingt nötig, kein nennenswertes Sozialleben, insgesamt ein schlaffer Mittzwanziger. Bis, genau: bis er auf GENESIS EGO stößt, Krachs Coachingfirma, und jetzt soll sich sein Leben ändern, aber ganz gewaltig. Wecke den Wolf in dir, könnte man sagen.

Ich bin ganz sicher, dass wir alle einen Mirko kennen, genauso wie vielleicht auch einen Maximilian Krach, bei dem man sich bereits nach den ersten Zeilen fragt, was hier echt und was Fassade ist.
Sebastian Hotz trifft mit seinen Beschreibungen voll ins Schwarze, pointiert und sehr unterhaltsam führt er uns vor Augen, wohin der Druck zu „performen“ und der Wunsch nach Anerkennung führen können. Ein Roman durchaus auch für junge Erwachsene ab Mitte 20 – aber absolut auch für alle, die dieses Alter längst hinter sich gelassen haben.

Astrid Henning

 


die architektin 150x237

 

Btb 24,00€

 

Till Raether: "Die Architektin"

Männer, Geld und Häuser kann man nie genug haben. Das ist der Leitspruch der Architektin, die in den frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts die komplett männerdominierte Baubranche und Wiederaufbauszene aufmischen will und wird.

Die Architektin ist eine schlaue, berechnende Mitvierzigerin, glamourös, taktierend, die sich die größten Schnitten im Baugeschäft zu sichern weiß. Nach einigen kleineren Projekten will sie nun mit den ganz Großen spielen: In Berlin-Steglitz soll ein spektakulärer Rundumschlag erfolgen: Neue Verkehrsanbindungen, U-Bahn, und vor allem das riesige Kreiselhochhaus sollen den Stadtteil anschlussfähig machen. Scheinbar niemals versiegende Quellen von Fördergeldern wollen verausgabt werden, der Bauwirtschaft, den Investoren und den Entscheidungsträger winken erhebliche Steuererleichterungen und Zulagen – ein wahrer Selbstbedienungsladen für alle Beteiligten.
Die Architektin, durch kluge Heiraten und noch klügere Scheidungen bestens vernetzt, verkauft munter kleinere Chargen des geplanten Hochhauses an größtenteils eitle, selbstverliebte ältere Männer. Selbstbewusst und selbstverständlich bewegt sie sich in den hohen Kreisen der Politik und kann ihr gewaltiges Bauvorhaben mehr oder weniger subtil durchboxen. Einer Frau traut man in diesen Jahren nicht allzu viel zu.
Allein der Baustart lässt auf sich warten…
Dann kommt ihr auch noch Otto in den Weg: ein Muttersöhnchen, gerade neunzehn Jahre alt, blauäugig, naiv – er will zwingend Journalist werden und fühlt sich schon mal auf einem guten Wege: aktuell ist er als Praktikant in einer Vorort-Zeitung beschäftigt. Und nach Zeiten des Kaffeekochens und Herumgeschicktwerdens stößt er auf seltsame Vorkommnisse auf der Steglitzer Großbaustelle – und gerät damit ins Visier der Architektin. Es soll nämlich spuken im Kreiselhochhaus, und begründet in einem bisweilen munteren Spekulieren über Geistergeschichten am Bau, sieht Otto Bretz bereits einer, also seiner, mindestens landesweiten Karriere ins Auge. Wäre da die nicht die Architektin, die sich beileibe nicht in die Suppe spucken lassen will…

Die Figur des Romans ist von einer realen Person, der Architektin Sigrid Kressmann- Zschach, inspiriert, die Geschichte handelt vom größten Bauskandal der Berliner Nachkriegszeit. Es eine Geschichte über Macht, Utopien, Größenwahn, Liebe und Freundschaft, aber es geht auch um Gespenster, Hobbykeller, kommunistische Untergrundgruppen, Kochen im Römertopf, um Scharlachberg-Meisterbrand und Büfetts mit Sülze in Aspik, typische 70er-Jahre eben.
Till Raether hat sich nicht nur der skandalösen Historie angenommen, sondern gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an den Lokaljournalismus geschrieben. Und abgesehen davon ist ihm ein grandioses Zeitzeugnis gelungen!

Heike Behrens

 


der gaertner von wimbledon 150x237

 

Kampa Verlag 22,00€

 

Jane Crilly: "Der Gärtner von Wimbledon"

Cara, eine junge englische Journalistin, bekommt den Auftrag, für ihre Zeitung ein Portrait über Henry Evans zu schreiben, der Gärtner, der 50 Jahre lang über den heiligen Rasen von Wimbledon gewacht hat. Von Tennis versteht Cara so gut wie gar nichts und so ist es klar, dass sie mehr auf die „persönlichen“ Elemente der Story setzen will.
Cara besucht Mr. Evans zu Hause, natürlich mit einigen vorbereiteten Fragen, aber sehr schnell entwickelt sich zwischen der jungen Journalistin und dem Gärtner eine sehr vertraute Atmosphäre. Henry erzählt zum ersten Mal die Geschichte von seiner einzigen und großen Liebe – und so reisen wir mit ihm zusammen in die 30er Jahre auf das Anwesen der Familie Blake.
Hier wächst Henry nach dem Tod seiner Mutter zusammen mit seinem Vater auf, der auf Blake Hall eine Anstellung als „zweiter Gärtner“ gefunden hat. Familie Blake hat drei Kinder, u.a. Rose, genau wie Henry 14 Jahre alt, ein selbstbewusstes und unternehmungslustiges Mädchen mit einer sehr klaren Zukunftsvorstellung: eines Tages eine berühmte Tennisspielerin zu werden und auf dem Rasen in Wimbledon zu stehen. Zwar gibt es eine recht klare Trennung zwischen der Familie Blake und ihren Angestellten, aber Rose und Henry freunden sich dennoch an und sind geschickt darin, ihre Freundschaft vor den Erwachsenen zu verbergen.

Als 1939 der Krieg ausbricht, ändern sich die Zeiten und es ist vorbei mit den unbeschwerten Ausflügen, bei denen Rose auf der Querstange von Henrys Fahrrad sitzt. Die beiden Söhne, der Blakes werden eingezogen, aus dem Tennisplatz des Anwesens wird ein Kartoffelacker und auch in die Freundschaft von Rose und Henry, aus der inzwischen eine Liebe geworden ist, zieht ein gewisser Ernst ein. Insbesondere Henry hält fest an der Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft, aber Rose dämmert, dass die gesellschaftlichen Zustände das kaum erlauben werden.

Jane Crilly hat eine wunderbare, bittersüße und klassisch englische Liebesgeschichte geschrieben, die berührt, aber nie kitschig ist. Nicht nur Fans von Downtown Abbey werden diesen feinen Roman lieben.

Astrid Henning


krume brot 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Lukas Bärfuss: "Die Krume Brot"

Adelinas Unglück beginnt mit ihrem Großvater Angelo, einem italienischen Nationalisten, einem Mussolini-Verehrer, der sich der faschistischen Bewegung anschließt. Verblendet von dieser Ideologie, dieser Verblendung in jeglicher Hinsicht, lässt er es zu, dass sein einziger Sohn Mario für den Zweiten Weltkrieg rekrutiert wird, obgleich er es hätte verhindern können.
Mario ist ein Feingeist, ein Denker, und kehrt traumatisiert vom Schlachtfeld zurück. In der Universität bekommt er die faschistische Vergangenheit seines Vaters zu spüren, bricht seine Dissertation ab und wandert mit seiner Frau Margherita schließlich in die Schweiz aus, um dort ein neues Kapitel aufzuschlagen, eine neue Seite, ein leeres Blatt…
Sein Leben nimmt eine für ihn überraschende Wende, als Adelina 1960 zur Welt kommt. Hingerissen von seiner kleinen Tochter bleibt Mario im Hause, während seine Frau für Lohn und Brot sorgt. Doch seinen Geistern kann er nicht entkommen: zunehmend depressiv, übergewichtig, kettenrauchend, lethargisch, versucht er sich dennoch daran, Schriften für eine Emigrantenzeitschrift zu verfassen. Adelinas Schullaufbahn offenbart rasch eine für Mario unfassbare Schmach und Enttäuschung: seine Tochter ist ganz offensichtlich intelligent, mit einer schnellen Auffassungsgabe und einem wachen Geist gesegnet, aber sie leidet an einer, wie man heute sagen würde, Legasthenie – für Mario gleichermaßen unfassbar und unerträglich.

Als Mario unerwartet stirbt, übernimmt die noch sehr junge Adelina auf Druck ihrer Mutter hälftig seine nicht unerheblichen Schulden. Die Mutter indes verschwindet flugs mit einem Liebhaber Richtung Italien. Adelina muss ihre Ausbildung als Stickerin abbrechen, um Geld zu verdienen. Sie begegnet Toto, einem schönen Gastarbeiter, verliebt sich in ihn und wird, wie könnte es anders sein, schwanger. Doch Toto darf nur immer für einige Monate in der Schweiz bleiben, muss dann ausreisen, um wieder einreisen zu dürfen. Nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Emma schickt er noch kurze Zeit ein wenig Geld, die Telefonate werden weniger und knapper, bis er irgendwann sozusagen verschwunden ist.
Adelina ist allein, verschuldet, sie kann weder lesen noch schreiben, und sie hat ein Kind zu ernähren.

Und hier beginnt nun der eigentliche Roman. Die Erzählperspektive ist ab jetzt nahe bei der Hauptfigur, manchmal in ihrem Kopf, manchmal kommentierend schräg von oben. Schwer ist Adelinas Leben, einsam und anstrengend. Sie arbeitet bis in die Nacht in einer Bar, dennoch reicht das Geld hinten und vorne nicht. Die Miete könnte sie verrechnen lassen, so teilt ihr der Vermieter mit, wenn sie denn ein wenig freundlich zu ihm wäre. Doch Adelina verpfändet lieber ihr schmales Hab und Gut bei einem Pfandleiher. Und lässt sich dann, vorerst platonisch, mit Emil ein, der ihre Schulden begleicht und sie und Emma in seine Wohnung ziehen lässt.
Emil ist ein etwas zu glatter, zu freundlicher Grafiker, nur ganz gelegentlich sieht man sein wahres Ich aufblitzen. Als Emil ein baufälliges Haus in Norditalien kauft, ziehen Adelina und Emma, nicht ganz freiwillig, mit ihm dorthin. Im Gebäude finden sich Spuren, offenbar hat jemand hier Unterschlupf gefunden. Und eines Tages, Emil befindet sich geschäftlich unterwegs, taucht dieser „Streuner“ auf – und Adelina wird ohne weitere Umstände seine Geliebte. Dann verschwindet am helllichten Tage ihre kleine Tochter.
In ihrer unermesslichen Verzweiflung schließt sich Adelina dem Streuner an, der zu wissen vorgibt, wer bei der Suche nach Emma helfen kann. Die junge Frau findet sich in einer Kommune der Roten Brigaden wieder - und fühlt sich, entwurzelt wie sie ist, angesprochen von den Maximen und Parolen der Kommunisten. Sie fühlt sich erstmalig im Leben als Teil einer Gruppe. Da kommt die Nachricht, dass man in Emils Gutshof Licht gesehen habe und einen Mann und ein Kind…

Heike Behrens

 


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Unionsverlag 24,00€

 

Claudia Pineiro: "Kathedralen"

Der aktuelle Roman von Claudia Pineiro beginnt in Argentinien. Nach dem brutalen Mord an Lias Schwester Ana, ist es der jüngsten von drei Töchtern unmöglich, weiterhin an einen guten Gott zu glauben. Das spaltet die streng religiöse Familie, und Lia wird als Konsequenz das Land verlassen und nahezu alle Kontakte abbrechen. Vor dreißig Jahren geschah das Verbrechen, aufgeklärt ist es bis heute nicht. In Santiago de Compostela betreibt Lia seither eine Buchhandlung. Nur sporadisch erhält sie Briefe von ihrem Vater aus der alten Heimat. Das reicht ihr völlig. Wie vereinbart spart er dabei Familieninterna völlig aus. Entsprechend fassungslos reagiert sie, als plötzlich ihre älteste Schwester vor ihr steht und ihr mitteilt, dass der Vater tot ist...

Das bleibt nicht die einzige Überraschung! Claudia Pineiro lässt uns das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, wobei die unterschiedlichen Perspektiven jeweils ihre Eigenheiten bewahren. Zu Wort kommt auch, neben Familienmitgliedern, die beste Freundin der Toten, die aufgrund einer Verletzung Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis hat. Beeindruckend schildert uns die Autorin wie es ist, wenn ein Trauma Lücken hinterlässt. Immer mehr Abgründe tun sich auf, je weiter die Geschichte fort schreitet.
Der katholische Glaube, von dem sich Anas Schwester Lia lossagte, spielt eine wichtige Rolle. Die Kirche ist neben der patriarchalen Gesellschaft die zweite große gewaltausübende Institution. Die Leserin/der Leser spürt immer wieder die Wut der Autorin...

 

Andrea Westerkamp

 


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Jochen Gutsch/Maxim Leo: "Frankie"

Eines lauschigen Sommerabends dreht Frankieboy eine gemütliche Runde in seinem Revier. Vor dem verlassenen Haus hält er inne. Was ist da denn los? Steht da ein Mann im Wohnzimmer und spielt mit dem großartigstem Faden, den Frankie seit langem gesehen hat? Was macht der da? Hopp, hoch auf die Fensterbank und die ganze Angelegenheit genau betrachten.
Frankie ist ein sehr durchschnittlicher, getigerter Kater. Seinem Ohr ist ein Stück abhanden gekommen bei einem heftigen Kampf mit einem wütigen Waschbären. Nach mehreren Tierheimaufenthalten nahm sein Leben aber eine gute Wendung. Die alte Frau Berkowitz ließ ihn bei sich wohnen, fütterte ihn recht anständig und liebte ihn so, wie er war. Leider wurde sie eines Tages von einem großen Auto mit blauem Licht abgeholt und ward seither nicht mehr gesehen. Frankie also wieder zurück auf seinen Müllberg, auf dem er eine umgedrehte Badewanne sein Heim nennt. Gibt Schlimmeres, aber könnte es sein, dass er gerade seinen Hauptgewinn entdeckt hat? Ein Dach über dem Kopf, einen Menschen, der sich um das leibliche Wohl kümmert, ein famoses weiches Bett und wie gesagt, dieser unglaubliche dicke Faden mit dem der Mann immer noch hantiert.

Der Faden ist kein Faden, sondern ein handfestes Seil mit dem Herr Richard Gold soeben versucht sich an der Wohnzimmerdecke aufzuknüpfen. Doch wer bitteschön kann sich das Leben nehmen, wenn ein Katzenvieh einem durch die Scheibe mit starrem Blick dabei zusieht? Verzweifelt bricht Herr Gold seinen Suizidversuch ab, verflucht den räudigen Vierbeiner, der ihm beim Versuch ihn zu verscheuchen, flugs zwischen den Beinen ins Haus flutscht und es sich dort auf der Couch recht bequem macht. Vielleicht können Sie sich denken, dass unser Frankie für Herrn Gold zum „kleinen Lebenssinn“ wird, manchmal alles besser wird und tatsächlich: genauso kommt es.
Vorher wird sich aber ordentlich zusammengerauft. Der muskulöse Eichkater, der dreibeinige Professor und eine junge Tierärztin spielen eine Rolle, aber hauptsächlich ist es doch Frankies Philosophie, die meist recht deftig rüberkommt, zu verdanken, dass Herr Gold nicht nur ein verlässlicher Essensspender wird, sondern auch mal wieder von ganzem Herzen lachen kann.

Ein entzückendes Büchlein für alle Katzenliebhaber oder solche, die es nach der Lektüre dieser Geschichte werden.

Annette Matthaei

 


stranded die insel 150x237

 

Lübbe 12,99€

 

Sarah Goodwin: "Stranded - Die Insel"

Ich liebe Inselurlaube - Sie auch? Wenn dem so ist, sollten Sie diesen Thriller NICHT lesen! Meine Sehnsucht nach Ferienzeit auf einem einsamen Eiland hat auf jeden Fall nach dieser Lektüre gewaltig nachgelassen....

"Für Maddy wird ein Traum wahr: Sie nimmt an einem neuartigen Fernsehexperiment teil, in dem acht Fremde auf einer einsamen schottischen Insel überleben müssen, ein Jahr lang, mit nur minimaler Ausrüstung und ohne Kontakt zur Außenwelt." So lautet der Klappentext. Und das klingt, ehrlich gesagt, nur bedingt spannend. Kennt man doch schon aus dem Fernsehen... Täuschen Sie sich nicht! Mrs. Goodwin erzeugt ein Frösteln, das sich von Kapitel zu Kapitel steigert.
Maddy ist mir von Anfang an nicht sonderlich sympathisch. Den übrigen sieben Mitstreitern scheint es ähnlich zu gehen. Die Zweckgemeinschaft ist alles andere als homogen, und als der erste Unfall geschieht, liegen die Nerven blank und Anfeindungen werden offen zur Schau gestellt.

Ich darf Ihnen verraten, dass Maddy überlebt (steht ja im Prolog). Über das Schicksal der übrigen Teilnehmer informieren Sie sich bitte unbedingt selbst, vorzugsweise am Sandtrand liegend...

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März

 


helenes stimme 150x237

 

Kindler Verlag 20,00€

 

Sanne Jellings: "Helenes Stimme"

Auch wenn in Deutschland diverse Schulen nach Helene Lange benannt sind, ist sie vielen Menschen sicher unbekannt: Helene Lange war eine der ersten Pädagoginnen, Politikerinnen und Frauenrechtlerin im Deutschen Kaiserreich und darüber hinaus.

Sanne Jellings erzählt in ihrem feinen, schönen Roman auf zwei Zeitebenen und aus zwei Perspektiven von Helene. Zunächst schildert uns die junge Marie, Tochter eines Pfarrers im Schwäbischen, wie 1868 eine junge Norddeutsche als „Pensionstochter“ in ihren Haushalt kommt, niemand anderes als Helene Lange. Zu diesem Zeitpunkt ist Helene 17, sie ist eher liberal erzogen und wird hier mit einem völlig anderen Frauenbild konfrontiert: Pfarrer Eifert pflegt zwar ein offenes Haus, das gilt allerdings eher für Männer. Immerhin ist man so großzügig und lässt Frauen mit am Tisch sitzen - eine eigene Meinung zu haben oder ungefragt das Wort zu ergreifen, ist allerdings nicht vorgesehen. Schließlich ist es ist doch auch schön und auch die Bestimmung der Frau, dienend dem Mann zu vollen Entfaltung zu verhelfen… Helene Lange wird später sagen, dass dieses Jahr in Eningen ihre politische Agenda maßgeblich geprägt hat.
In der zweiten Perspektive kommt Helene selbst zu Wort: Anfang der 20er Jahre lebt sie in Berlin, ist inzwischen eine alte Frau, die sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber vieles erreicht hat.

Sanne Jellings hat Helene Lange mit diesem schmalen Roman ein schönes und längst fälliges Denkmal gesetzt, in dem sie zeigt, dass Zugang zu Bildung eine unbedingte Voraussetzung für Freiheit und Selbstbestimmung ist.

Astrid Henning

 


ohne mich 150x237

 

Diogenes Verlag 22,00€

 

Esther Schüttpelz: "Ohne mich"

Die meisten Menschen blicken mit einer gewissen Wehmut auf ihre Jugend und die Zeit zwischen 20 und 30 zurück. Da ist dann die Rede von Freiheit, vielen Möglichkeiten, alles Ausprobieren usw. Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass in diesem Rückblick eine gute Portion verklärter Blick steckt, denn die Kehrseite der Medaille bedeutet eben, man muss sich irgendwann auch für eine der vielen Möglichkeiten entscheiden – und ob das dann die richtige ist?

Die Ich-Erzählerin in Schüttpelz Debut ist mit einer Entscheidung jedenfalls schon mal krachend gescheitert: Sie ist Mitte 20, war gerade noch frisch verheiratet und ist nun frisch getrennt. Das muss sie nicht nur vor sich selbst klarkriegen, sondern in diesem Fall auch der mittelgroßen Familie im eher konservativen Münsterland erklären – noch dazu an Weihnachten. Parallel dazu absolviert sie ihr Referendariat und steht kurz vorm zweiten juristischen Staatsexamen. Man kann nun nicht behaupten, dass unsere Protagonistin eine Vollblut-Juristin ist oder vorhat, das zu werden. Also auch auf dieser Ebene: eher Fragezeichen.

Esther Schüttpelz zeigt in ihrem Roman mit wunderbarem Humor, wie es sich anfühlt, wenn die erste Leichtigkeit nach dem Ende der Schulzeit dem Bewusstsein weicht, dass man jetzt aber nun mal wirklich, so allmählich, aber unbedingt: sich entscheiden müsste! Für den richtigen Beruf, den richtigen Lebenspartner, die richtige Stadt – insgesamt eben: für das richtige Leben. Aber woher weiß man denn, was „das richtige“ ist?
Ein Buch nicht nur für alle ab Mitte 20, sondern ebenso für alle anderen, die dieses Lebensalter längst hinter sich gelassen haben. Und sich entweder daran erinnern oder diesen manchmal ganz schön schwierigen Prozess jetzt bei ihren Kindern miterleben und begleiten…dürfen.

Astrid Henning

 


die herzchirurgin 150x237

 

Droemer HC 14,99€

 

Jack Jordan: "Die Herzchirurgin"

Das Buch fängt schon mal gut an: die versierte und renommierte Herzchirurgin Dr. Anna Jones steht am OP-Tisch vor dem geöffneten Brustkorb ihres Patienten. Der Eingriff, mehrere Stents mussten gesetzt werden, ist erfolgreich verlaufen – doch der Patient hat nicht überlebt. Für jeden Chirurgen ein Alptraum. Aber es soll noch wesentlich schlimmer kommen: Anna, justamente in einer unschönen Scheidung lebend, ihrem einzigen Sohn als alleinerziehende Mutter natürlich nicht gerecht werdend, fährt nach diesem langen Kliniktag endlich heim und kann ihren Augen nicht trauen: In ihrer Einfahrt steht ein LKW, ihre Haustüre ist sperrangelweit geöffnet, fremde Männer gehen ein und aus und montieren Überwachungskameras in jedem Raum. Und von ihrem Sohn Zack fehlt jede Spur! Drei der Männer bitten sie in ihr eigenes Wohnzimmer hinein und eröffnen ihr, dass sie den Politiker, der als nächster Premierminister gehandelt wird und dem sie in zwei Tagen Bypässe legen soll, auf dem OP-Tisch sterben lassen soll. Annas Sohn Zack, so wird ihr mitgeteilt, wurde entführt, die Babysitterin ermordet – und wenn sie Zack lebendig wiedersehen will, muss sie den Forderungen der Männer Folge leisten. Es beginnt ein Kampf in ihrem Innern, der Anna an ihre Grenzen bringt. Wird sich die Ärztin in ihr durchsetzen, die die den Hippokratischen Eid geschworen hat, oder die liebende Mutter, die alles, alles tun würde, um ihren Sohn heil wiederzubekommen? Aus einer verfahrenen Lage wird eine hoffnungslos verzweifelte, aus einer hin und her gerissenen Ärztin und Mutter eine gezwungenermaßen rationale, fast kalte Frau.

Doch nicht nur Anna steht vor einer schier ausweglosen Situation, auch die OP-Schwester Margot befindet sich in existenziellen Nöten. Und zwar im wahrsten Sinne: um ihr Leben zu finanzieren, bestiehlt sie seit einiger Zeit ihre Kolleginnen, um zumindest die dringlichsten Schulden begleichen zu können. Doch kurz bevor ihre Entlarvung und damit ihr Komplettzusammenbruch bevorstehen, macht sie im OP eine Beobachtung, die ihr Leben verändern könnte. Und sie geht ein Wagnis ein, das sie für die Lösung aller Probleme hält…

Und dann ist da noch Detective Inspector Rachel Conaty, die einen schrecklichen und brutalen Todesfall aufzuklären hat. In einem Brunnenschacht wurde die Leiche einer alten Frau entdeckt, deren Identifizierung sich als ausgesprochen schwierig gestaltet, da dem Opfer Zähne und Fingerkuppen entfernt wurden. Rachel kämpft mit ihren persönlichen, teilweise sehr präsenten Dämonen, verbeißt sich ungemein in ihre Ermittlungen und kommt parallel, obgleich oft nicht für voll genommen von ihren Kollegen, mit ihren Ermittlungen immer näher an Anna Jones und ihren dramatischen Countdown heran.

Mafiöse Methoden, eiskalte Gangster, moralische Verwerflichkeiten, menschliche Abgründe und ein mehr als verzwickter Fall machen diesen Thriller aus. Aber ebenso die moralischen, ethischen Überlegungen einer Ärztin und die Gefühle einer Mutter, die sich entscheiden muss. Der Schluss hat mich erst stutzen lassen, dann setzte Beklemmung ein – und Gänsehaut!

Heike Behrens

 


der ruf des eisvogels 150x237

 

Lübbe 22,00€

 

Anne Prettin: "Der Ruf des Eisvogels"

Als Olga am 1.April 1925 in Ginsterburg geboren wird, ist die (politische) Weltnoch in Ordnung.
Durch eine fatale Fehleinschätzung der Geburtssituation, bei der ihre Mutter stirbt, wird ihr Vater fortan als menschenfeindlicher Eigenbrödler sein Dasein fristen. Olgas Großvater ersetzt ihr den Vater und die Mutter. Als Landarzt hoch geachtet und beschäftigt, findet er doch immer wieder Zeit, um die Wissbegier des kleinen Mädchens zu stillen und ihr bei ausgedehnten Spaziergängen die wunderschöne Uckermark zu zeigen. Doch die Idylle wird durch das Weltgeschehen zerstört...

Plön 1991
Olga kehrt nach über 50jähriger Abstinenz zurück in ihre alte Heimat. Gegen ihren Willen haben sowohl ihre Tochter, als auch ihre Enkelin beschlossen, sie mit der Vergangenheit zu konfrontieren! Alte Weggefährten tauchen auf, und Olga beginnt endlich zu erzählen...

Anne Prettin nimmt uns in diesem berührenden Roman auf eine Zeitreise mit. Eine Familiengeschichte vor zu Beginn herrlichster Kulisse entfaltet sich, und die Gegenwart wird perfekt mit der Vergangenheit verwoben. Die Autorin schildert eindringlich und absolut authentisch, wie echte  Freundschaft unser Leben bereichern und verbesssern kann. Ein "Beste-Freundinnen-Buch" im wahrsten Sinne des Wortes!

Andrea Westerkamp

 


fuenf winter 150x237

 

Suhrkamp 20,00€

 

James Kestrel. "Fünf Winter"

1941 Honululu    Jahre in Japan  Rückkehr nach Hawaii

Als ich vor mehreren Monaten diesen Thriller als Vorabexemplar zu lesen begann, war mir nach wenigen Seiten klar: das möchte ich nach Erscheinen unbedingt vorstellen! Nahezu am Stückn las ich die Geschichte des Detective Joe McGrady aus Honululu.
Mit unglaublicher Brutalität wird gleich zu Beginn ein Doppelmord geschildert. Atmen Sie das bitte weg! Es lohnt sich!

Der junge Neffe des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte und seine Freundin werden grausam entstellt in einer abgelegenen Hütte gefunden. Joe wird mit der Untersuchung des Verbrechens beauftragt. Die Tote war Japanerin und ein erster Verdächtiger setzt sich nach Hongkong ab. Als der Detective eben dort ankommt, wird er unvermittelt gefangen genommen und als potentieller Spion verhaftet. Eine harte Zeit bricht an, in der Joe McGrady mehr als einmal überzeugt ist, das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen zu können. Erst als der Diplomat Takahashi Kansei zu seinen Gunsten aussagt, scheint sich das Missverständnis aufzuklären....

Atemberaubend spannend,temporeich und unglaublich fesselnd - mir fallen tatsächlich nur Superlative ein, um dieses Epos zu beschreiben. Selbst die Liebe kommt nicht zu kurz, was die Authentizität des Thrillers noch verstärkt! Großartig!!!

Andrea Westerkamp

 


das porzellanzimmer 150x237

 

hanserblau 23,00€

 

Sunjeev Sahota: "Das Porzellanzimmer"

Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mit solch poetischer Zartheit, mit so wundervollen ziselierten und lebendigen Beschreibungen eine solch harte Geschichte erzählte. Ich bin von der Erzählweise dermaßen beeindruckt, dass ich eine Zeitlang brauchte, mich auf etwas Neues einzulassen.

Der britische Schriftsteller Sunjeev Sahota, dessen Vorfahren aus Punjab stammen, verarbeitet in seinem Roman, durchaus autobiographisch eingefärbt, ein Stück indischer Kolonialschichte, aber auch Erfahrungen eines Einwandererkindes der südasiatischen Minderheit in der weißen und oft feindseligen Mehrheitsgesellschaft. Zwei Handlungsstränge, die einigermaßen locker miteinander verbunden sind, erzählen die Geschichte einer Familie.
Im Jahr 1929 werden drei sehr junge Mädchen an die drei Söhne einer Familie verheiratet; um den finanziellen Aufwand so gering wie möglich zu halten, findet die Hochzeit an einem Tag statt. Arrangierte Ehen sind das: Mehar, die jüngste der Bräute, wurde bereits mit fünf Jahren verlobt, 10 Jahre später wird sie ihrem ihr gänzlich unbekannten Mann übergeben. Das einzige Ziel dieser Zwangshochzeiten ist es, dem Hause und somit der Familie möglichst schnell männlichen Nachwuchs zu bescheren. Die Mädchen leben zusammen in einem kleinen Raum, der nach den sechs dort aufbewahrten Tellern das „Porzellanzimmer“ genannt wird. Ein dunkles Kämmerlein am Rande des Hofes dient als Beischlafgemach, im dem die Ehepaare, nach Anordnung der Schwiegermutter Mai, nachts abwechselnd zusammenkommen. Und so verbringen die Kinderbräute, wie wir das aus heutiger Sicht sehen, Nacht für Nacht in der Erwartung ihres Ehemannes, ohne überhaupt zu wissen, welcher der ihre ist. In kompletter Dunkelheit geben sie sich ihrem Gatten hin, kennen weder seinen Namen noch seine Stimme, wechseln kein Wort. Tagsüber müssen die Frauen unter der Aufsicht ihrer kalten Schwiegermutter kochen, waschen, auf dem Feld arbeiten – ein hartes und freudloses Dasein.
Doch Mehar erhascht einen Blick auf einen der Männer, glaubt, er sei ihr Ehemann – und verliebt sich in ihn. Auch er ist ihr durchaus leidenschaftlich zugetan, die beiden tun das, was strengstens verboten ist: treffen sich an geheimen Orten, sehen einander an, lernen einander kennen, reden miteinander. Man stelle sich diesen ärmlichen Hof vor, das karge Leben, bar jeglicher Vergnügungen, die strengen Regeln: natürlich wird ein jeder jede Minute des Tages und der Nacht beobachtet. Und so werden Ereignisse in Gang gesetzt, die nicht mehr zu steuern sind.

Und dann immer wieder der zweite Erzählstrang der Geschichte: der Urenkel Mehars, 18 Jahre jung, als indischer Einwanderer in Großbritannien immer ein Außenseiter, begibt sich ins Heimatdorf seiner Vorfahren. Nicht ganz freiwillig: er will hier einen kalten Entzug machen und von seiner Heroinsucht wegkommen. Nur wenig älter als seine Urgroßmutter zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit, zieht er sich auf die verlassene Farm der Familie zurück. In der Einsamkeit gelingt es ihm, den Körper an ein Leben ohne Drogen zu gewöhnen und den Kopf von den Gedanken an seine oft unglückliche, von Alltagsrassismus geprägte Kindheit und Jugend in der englischen Provinz zu befreien. Er freundet sich mit einer Ärztin und einem Lehrer an – freie Geister, deren Lebensentwürfe nicht in die weiterhin traditionell geprägten sozialen Strukturen des indischen Dorfes passen. Nur wenig weiß der Mann über das Leben seiner Vorfahrin, ihre Geschichte läuft eigenständig neben der seinen her. Und doch scheinen die Schicksale aller Figuren dieses herausragenden Romans irgendwie miteinander verbunden, so dass er allmählich realisiert, dass letztlich alle Menschen, wenngleich auf unterschiedliche Art, Gefangene gesellschaftlicher Erwartungen sind.

Die Geschichte von Mehar ist eine unfassbar mitreißende; der Autor vermag die Traumata des Patriacharts und des Kolonialismus genauso auszuhandeln wie die familiären, durchaus frauenfeindlichen Strukturen, die ein Entkommen unmöglich machten. Das Sittenbild einer Vergangenheit, die mancherorts immer noch Realität für Frauen und Mädchen ist.

Heike Behrens

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


altes leid 150x237

 

Heyne 16,00€

 

Lea Stein: "Altes Leid"

Die patente Ida Rabe macht sich Ende des zweiten Weltkrieges ausgerechnet in das zerbombte Hamburg auf. Die junge Frau muss der Enge und ihrem lieblosen zu Hause auf der Insel Amrum entfliehen.
Es dauert nicht lange und sie wird zur rechten Hand der gefürchteten Untergrundqueen Marlise, wohnhaft in den Bunkergängen unter St. Pauli, wie so viele andere ärmste Kreaturen ohne Dach über dem Kopf. Doch in Ida steckt soviel Ehrgefühl, dass sie das Leben als Halbkriminelle nicht lange aushält und stattdessen eine totale Kehrtwendung macht. Sie marschiert zum Karl Muck Platz und bewirbt sich als weibliche Polizistin und tatsächlich: sie wird an der Polizeischule aufgenommen. Am 1.Mai 1947 hat sie ihren ersten Arbeitstag in der Davidswache, ausgerechnet in ihrem alten Kiez St.Pauli. Die weiblichen Polizistinnen sind im Keller zu Schreibtischarbeiten verbannt. Das passt der abenteuerlustigen, unerschrockenen Ida so gar nicht und auch die schüchterne Blondine, mit der sie einen Raum teilt und die zu allem Überfluss noch die Tochter des angesehenen Kommissars Brasch ist, kann sie von Anfang an nicht leiden.

Mehr als auf das Protokollschreiben und Kontrollen auf dem Schwarzmarkt richtet sich Idas Aufmerksamkeit auf Überfälle in den Vierlanden. Dort werden junge Frauen, die auf Hamsterfahrt gehen hinterrücks ausgeraubt und auf brutale Weise vergewaltigt. Die Opfer  sind derart traumatisiert, dass sie nur den Diebstahl ihrer Werttauschgegenstände zur Anzeige bringen, nicht aber über die furchtbaren Misshandlungen sprechen mögen. Schon gar nicht mit männlichen Polizisten, von denen sie niemals ernst genommen würden. Ida fühlt sich auf den Plan gerufen und ermittelt auf eigene Faust. Damit bringt sie nicht nur ihren Vorgesetzten gegenüber in Schwierigkeiten, sondern sich selbst in höchste Lebensgefahr. Nur gut, dass sie den charismatischen Gerichtsmediziner Ares Konstantinos als Verbündeten an ihrer Seite hat.

Ein spannender Kriminalschmöker, der uns als Leser einmal wieder die bittere Nachkriegsarmut in Gedanken ruft. Es ist unvorstellbar, wie sich manche Menschen aus den Trümmern der Großstädte ohne einen Krümel im Magen und ohne Schlafstatt herausgearbeitet haben. So auch Ida, der am Ende dieses Buches noch eine gehörige Überraschung winkt.
Für Leser*innen von der Hebamme Fräulein Gold oder den Elbstürmen die ideale Lektüre.

Annette Matthaei

 


tanners erde 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Lukas Maisel: "Tanners Erde"

Tanner ist ein Schweizer Bergbauer, der gemeinsam mit seiner Frau Marie einen kleinen Hof bewirtschaftet: ein paar Kühe, ein paar Weiden für das Futter, das ist alles. Das Einkommen ist bescheiden, aber für Tanner und seine Frau reicht es, die beiden sind zufrieden. Das Leben ist sicher kein leichtes und das Paar kein im Reden großes, aber sie sind sich einig und bewältigen ihren Alltag gemeinsam.
Eines Morgens muss Tanner allerdings eine außergewöhnliche und besorgniserregende Entdeckung machen. Auf einer seiner Weiden hat sich ein Krater aufgetan, groß, tief und unerklärlich. Bald kommt ein zweiter hinzu, niemand versteht, wie es dazu gekommen ist. Tanner sieht seine und Maries Lebensgrundlage bedroht, wie soll er die Kühe füttern, wenn er kein Heu ernten kann? Das Leben gerät aus den Fugen, Geologen und Journalisten bevölkern den Hof, die Nachbarn beäugen diese Aufmerksamkeit misstrauisch: Ob nicht doch Tanner selbst das verursacht hat?

Eines dieser kleinen, schmalen Bücher, die scheinbar so unspektakulär daherkommen, beim Lesen aber eine große Wucht entfalten und lange nachklingen. Sicher eine gute Empfehlung für alle, die „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler gern gelesen haben.

Astrid Henning

 


flamingo150x237

 

mareverlag 24,00€

 

Rachel Elliott: "Flamingo"

Daniel Berry steht auf der Straße, sowohl im übertragenen, als auch im sprichwörtliuchen Sinn! Seine Freundin verließ ihn und der Vermieter kündigte fristlos und mit sofortiger Wirksamkeit die Wohnung - die Nächte im Park sind noch nicht zu kalt, aber eine heiße Dusche würde ihm gerade sehr helfen...
Als er in der Stadtbibliothek Zuflucht sucht und wie ein Häufchen Elend zusammengesunken über sein Schicksal nachdenkt, sorgt die Begegnung mit einer Fremden für einen Geistesblitz: drei schillernde Flamingos auf einer Rasenfläche stehen plötzlich vor seinem geistigen Auge!

Als Kind lebten Daniel und seine Mutter Eve neben dem Haus mit den drei pinkfarbenen Vögeln! Sherry, ihr Mann Lesly und die beiden Töchter Rae und Pauline sorgten schon bald dafür, dass die beiden Neuankömmlinge sich in der neuen Umgebung wohl fühlten, immerhin war es der zigste Umzug für den kleinen Jungen und seine junge Mutter... Im Haus der Flamingos wurde gelacht, lautstark gesungen, viel debattiert und heftig gestritten - die anschließenden Versöhnungsessen waren legendär. Familienleben, wie man es sich nicht normaler und besser wünschen könnte! Doch dann geschah etwas, womit niemand rechnen konnte... Jetzt, auf dem kalten Boden der Bibliothek sitzend, möchte Daniel ganz schnell zurück in die Stadt, die er vor vielen Jahren verließ...

Ein absolutes Wohlfühlbuch! Der Lambertiplatz befindet sich im "Flamingo" - Rausch ;)

Andrea Westerkamp

 


bissle spaetzle habibi 150x237

 

Ullstein Verlag 11,99€

 

Abla Alaoui: "Bissle Spätzle, Habibi?"

STOPP!
Geben Sie diesem Buch eine Chance! Trotz des haarsträubenden Covers… Bitte nicht lange den Kopf schütteln, schnell aufschlagen und anfangen zu lesen! Es lohnt sich total! So unterhaltsam, so kurzweilig, so kulturvermittelnd, so berührend, so viel Hamburg und so viel Essen – „Bissle Spätzle, Habibi?“ macht einfach nur Spaß und öffnet einem Augen und Herz.

Amaya Baysan ist als Tochter marokkanisch-muslimischer Migranten und Älteste von drei Geschwistern in Hamburg geboren und aufgewachsen. Ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von einem typisch norddeutschen Schulalltag und der engen Freundschaft zu Klara Luise Dietrich sowie einem liebevollen, fröhlichen Zuhause, in dem die Familienbande, das Leben marokkanischer Traditionen und die vom Islam geprägten Werte der Eltern wesentliche Bestandteile ausmachten. Für die 30-jährige Amaya, die sich selbst als moderne Muslima und das Ausüben ihres Glaubens als etwas sehr Privates betrachtet, hat dies schon immer einen ständigen Spagat zwischen westlichem Lebensstil und den konventionellen Wertevorstellungen ihrer Eltern bedeutet. Die Familie ist ihr über alles wichtig, ihr eigenes Leben und die Freiheit, für sich selbst zu bestimmen, aber eben auch.
Gegen Babas Willen hat Amaya ein Schauspielstudium absolviert. Recht erfolgreich! Zum (späten) Stolz ihrer Familie spielt sie eine große Rolle in einer beliebten Soap. Doch der Preis für die Verwirklichung ihrer eigenen Träume war hoch: Ihre Eltern brachen aufgrund dieser „unzüchtigen“ Ausbildung den Kontakt zur ältesten Tochter ab. Vier Jahre konnte Amaya nur über ihre Geschwister erfahren, wie es den Eltern geht. Den Fehler, offen ihre eigenen Wünsche über die Grundsätze ihres Vaters zu stellen, macht Amaya nicht noch einmal. Regeln wie das strikte Alkoholverbot lassen sich recht leicht umschiffen. Doch dass sie sich ausgerechnet in den attraktiven, bodenständigen, verständnisvollen, sehr geduldigen Kinderchirurg Daniel verliebt, stellt Amaya vor eine große (kulturelle) Herausforderung. Denn Daniel ist nicht nur KEIN Muslim, sondern auch noch SCHWABE! Der Kulturclash wird schnell überwunden. Aber wie soll Amaya umgehen mit ihrer Liebe zu diesem quasi perfekten Mann, den ihre Eltern konsequent als Partner ablehnen würden? In die Enge getrieben von den Verkupplungsversuchen ihrer Mutter und Schwester mit Hilfe von tinder (nein: minder!), stellt Amaya ihrer Familie Daniels besten Freund Ismael als potentiellen Zukünftigen vor. Nach einem Jahr überaus anstrengender Geheimhaltung ihrer wahren Liebe passiert dann, was passieren muss: Die Bombe platzt – natürlich im unpassendsten Moment. Baba Baysan bricht ob der Offenbarung dieser unsäglichen Lüge zusammen. Amaya hyperventiliert; der Gedanke daran, ihre Familie ein zweites Mal, endgültig zu verlieren, reißt ihr den Boden unter den Füßen weg. Zum Glück siegen manchmal dann aber doch Liebe und Verständnis über Glaubenssätze und Traditionen…

Abla Alaoui, selbst Hamburgerin und Musicaldarstellerin mit marokkanischen Wurzeln, hat, so scheint es, ganz viel von sich selbst in ihren Debütroman gesteckt. Wie sonst könnte jemand so empathisch, so sensibel, so echt diese schmerzvolle innere Zerrissenheit einer jungen Frau beschreiben, die mit Leib und Seele den marokkanischen Traditionen und den Werten des islamischen Glaubens ihrer Eltern verschrieben ist und gleichzeitig ihr Leben selbstbestimmt und frei von Konventionen leben möchte; die sich zwischen der Liebe eines Mannes, den ihre Eltern niemals akzeptieren würden, und der Liebe ihres Vaters entscheiden muss? Man fragt sich, ob es ein Stück weit Abla Alaouis eigene Geschichte ist.
Lebendig, humorvoll und dabei immer sensibel schildert sie Szenen wie die erste Begegnung zwischen der hamburgisch-marokkanischen Amaya und Daniels schwäbischen Eltern, nimmt sie deutsche sowie marokkanische Gepflogenheiten aufs Korn. Herzzerreißend spürbar dargestellt sind Amayas Panikattacken bei dem Gedanken daran, ihr Vater würde sie erneut aus der Familie verbannen. Mit den zwischengeschobenen Passagen über Amayas Kindheit und Jugend sorgt Alaoui für Abwechslung und erklärt nebenbei, wie diese innere Zerrissenheit Amayas entstehen konnte.
Als Überschriften für alle Kapitel fungieren zum Nachdenken anregende arabische Sprichwörter, in arabischen Schriftzeichen sowie deutscher Übersetzung gedruckt.

Nina Chaberny-Bleckwedel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November


koenigsmoerder 150x237

 

Heyne 24,00€

 

Robert Harris: "Königsmörder"

Nach dem erbitterten Bürgerkrieg zwischen Royalisten und Republikanern wird Karl I am 30. Januar 1649 vor der Residenz Whitehall in London hingerichtet. Unter infernalischem Gejohle des Volkes fällt sein Kopf. Oliver Cromwell bekleidet ab jetzt die Rolle des Lordprotektors und steht dem Parlament vor. Er und 58 weitere Mitstreiter unterschreiben das Todesurteil des Königs aus dem Hause Stuart.
11 Jahre später hat sich das Blatt für die Parlamentarier gewendet. Karl II hat den Thron zurückerobert und verabschiedet einen Schulderlass für alle. Die Unterzeichner des Todesurteils aber sind ausgenommen und werden bedingungslos gejagt und brutal ermordet. Mehr als die Hälfte der Männer Cromwells kommen in England ums Leben. Einige setzten sich nach Holland, Deutschland oder die Schweiz ab. Aber auch dort wird ihnen nachgestellt und nur wenige sterben eines natürlichen Todes.

Ned Whalley und William Goffe, zwei enge Mitstreiter Cromwells, lernten sich in dessen Regiment kennen. Der junge Will verliebte sich in die Tochter des älteren Whalleys und ehelichte diese. Schnell erkennen die beiden nun verwandten Oberste, dass es für sie in England kein Entrinnen gibt und setzen sich mit einem Schiff im Mai 1660 nach Neuengland ab. Im Juli gehen sie in Boston von Bord und werden von dortigen Puritanern versteckt. Was sie nicht wissen ist, dass ihnen ein Mann auf der Spur ist, der kein Erbarmen kennt und vor Fanatismus glüht, Richard Nayler! Er hat gute Gründe für seinen Feldzug, waren es doch Goffe und Whalley, die den Tod seiner Frau und seines Kindes verursacht haben.
Es beginnt eine, wirklich bis auf die letzte Seite, enorm spannende Jagd durch ganz Neu England nach den beiden letzten Königsmördern.

Da ist Robert Harris mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Minutiös recherchiert und mit Sogwirkung bringt er uns Lesern eine dunkle Seite der englischen Geschichte nahe. Ein tolles Buch, das ganz sicher unter dem Tannenbaum für Begeisterung sorgen wird.

Annette Matthaei

 


hoehenrausch 150x237

 

Rowohlt Berlin 28,00€

 

Harald Jähner: "Höhenrausch"

Schon mit „Wolfszeit“ hat Harald Jähner bewiesen, wie packend Zeitgeschichte sein kann, das Buch war 2019 ein großer Erfolg und erhielt den Preis der Leipziger Messe.

In seinem neuen Buch widmet sich Jähner der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, beginnt also im November 1918, endet allerdings bereits im Frühjahr 1933, als Hitler Reichskanzler wird und die Weimarer Republik ein Ende findet. Die Stärke von Jähners Beschreibung liegt zum einen in seiner intensiven Recherche, in seiner Kompetenz und seinem glänzenden Stil, zum anderen aber in der umfassenden Beschreibung des Alltags der Weimarer Republik. Natürlich geht es um den politischen Übergang vom Kaiserreich zur Republik, den der Autor faktenreich und dennoch sehr lesbar und spannend schildert. Aber Jähner berichtet eben auch von sämtlichen Bereichen des Alltags, die jedermann und jede Frau betrafen: Wohnen, Verkehr, Mode, Freizeitvergnügen, die veränderte Arbeitswelt als Folge der zunehmenden Technisierung, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen – es wird deutlich, wie alles mit allem zusammenhängt, und nicht jede Veränderung von jedem begeistert auf- und wahrgenommen wird.

Sehr erstaunlich, wie viele Themen in den 20er Jahren aufkamen, die unseren Alltag auch heute maßgeblich prägen: die zunehmende Individualisierung, das Aufbrechen der Geschlechterrollen (auch wenn es das Wort „queer“ so noch nicht gab), es ist die Rede von „Kommunikationsblasen“, auch das Wort „Lügenpresse“ gab es bereits und das Tischtelefon beim Tanztee kann als Vorläufer von Dating-Apps gelten. Man kann nicht umhin, gewisse Parallelen zu heutigen Verhältnissen zu entdecken und blickt nach der Lektüre dieses Buches noch eine Spur nachdenklicher und hoffentlich wacher auf unsere Gegenwart.

Astrid Henning

 


mit dir bis ans andere ende der welt 150x327

 

Eisele 24,00€

 

Mary Beth Keane: "Mit dir bis ans andere Ende der Welt"

Die Geschichte beginnt in den 60er Jahren in einem Dorf im bettelarmen Irland.

Big Tom und seine Frau haben fünf Kinder, drei große Jungen, die bildhübsche Lily und dann noch Greta, die Nachzüglerin. Greta wird in der Familie „die Gans“ genannt, denn mit schief gehaltenem Kopf und flatternden Armen läuft sie wie ein Gänslein immerfort linkisch ihrer älteren Schwester hinterher.
Lily zieht es in die weite Welt. Das Volk der Traveller hat es ihr besonders angetan. So ist sie kaum zu halten, als das fahrende Volk auch in ihr Dorf kommt. Michael Ward ist ein junger Gipsy mit dunklen Locken und Lily verliebt sich in ihn.
Niemals hätte Greta sich vorstellen können ihr Dorf und vor allem ihre Familie zu verlassen. Aber als ihr Vater Big Tom ums Leben kommt, weiß die Mutter sich keinen Rat und gibt dem Drängen von Lily nach, nach New York auszuwandern wie so viele Menschen aus Irland. Bedingung ist, dass die sechszehnjährige Greta sie begleitet. Und so stehen die beiden Mädchen eines Tages beklommen an der Reling eines großen Schiffes, das sie in die verheißungsvolle neue Welt bringen soll und sehen ihre Familie an Land immer kleiner werden. Was die Mutter nicht weiß: auch Michael Ward ist mit an Bord.
New York erfüllt erwartungsgemäß nicht die Träume der Neuankömmlinge. Lily zerbricht fast an ihrem Schicksal, doch Greta und das hätte keiner, am wenigsten sie selbst, geglaubt, wächst über sich hinaus.

Frau Keane ist ein wunderbarer Familien- und Auswandererroman gelungen, den ich nicht mehr aus der Hand legen wollte. Die Figur der Greta hat mich in ihrer Zähigkeit, bedingungslosen Liebe zur Schwester und Bescheidenheit zutiefst berührt.
Viele Themen, die ein gutes Buch braucht, werden hier behandelt, einfach toll!!!

Annette Matthaei

 


ein lied vom ende der welt 150x237

 

Goldmann Verlag 24,00€

 

Erica Ferencik: "Ein Lied vom Ende der Welt"

Lieben Sie Kälte, Eis und Schnee? Träumen Sie auch von einer Reise nach Nordgrönland, zu Gletschern und Eisbergen, in die Stille und Weite des Ewigen Eises? Mögen Sie spannende Geschichten mit erträglichem Nervenkitzel? Dann sollten Sie unbedingt dieses Buch lesen!

Valerie, um die vierzig, geschieden, ist Linguistik-Professorin an einer Universität in Boston und Expertin auf dem Gebiet der Altnordischen Sprachen. Zu ihrem Vater, einem renommierten Klimawissenschaftler, der seit einer schweren Lungenkrebserkrankung in einem Pflegeheim dahinsiecht, ohne sein herrisches Auftreten und seinen messerscharfen Verstand eingebüßt zu haben, hat Val seit jeher ein schwieriges Verhältnis. Ihre Psychosen haben sich durch den angeblichen Selbstmord ihres geliebten Zwillingsbruders Andy, der als leidenschaftlicher Umweltschützer und Klimaforscher tot im Arktischen Eis aufgefunden wurde, noch verstärkt. Schon lange lebt Val mit einer lähmenden Angst vor allem Unbekannten; nun kann sie ihre Panikattacken nur noch mit der regelmäßigen Einnahme von Beruhigungstabletten und einem mäßig moderatem Alkoholkonsum in Schach halten.
Eine Email von Andys Mentor Wyatt, der sich nach wie vor zu Forschungszwecken auf einer internationalen Klimaforschungsstation im Nordwesten Grönlands aufhält, reißt Valerie aus ihrem deprimierend, aber beruhigend eintönigen Alltag: Wyatt und seine Kollegin Jeanne haben ein Inuit-Kind gefunden, eingefroren im Eis, und es in der Station aufgetaut. Unerklärlicherweise lebt es! Und es spricht eine völlig unbekannte Sprache...
Es kostet Val mehr als pure Überwindung, sich auf die Reise zu begeben, an einen unwirtlichen, fast menschenleeren Ort, an den Ort, an dem ihr Bruder ums Leben kam. Doch die fremdartigen Laute auf der mitgeschickten Tonaufnahme, die wie verzweifelte Hilferufe klingen, faszinieren und berühren die einsame Frau. Mit einem Militärflugzeug landet sie kurze Zeit später in der Arktis. Dort trifft Val nicht nur auf ein kleines, wildes Mädchen, dessen mysteriöse Sprache sie zwar nur langsam dechiffrieren, dessen Vertrauen sie jedoch recht schnell gewinnen kann. Der narzisstische, attraktive Wyatt drängt auf Ergebnisse und zeigt sich zunehmend skrupelloser. Indessen bringt die ruhige und fürsorgliche Jeanne nach und nach ihr wahres Ich zum Vorschein. Und dem jungen, britischen Polarmeerforscherpärchen Nora und Raj wird sein Engagement letztlich zum Verhängnis.

„Ein Lied vom Ende der Welt“ ist fantastische Unterhaltung vor einer atemberaubenden Kulisse! Wann, bitte, wird dieses Buch verfilmt? Mit zunehmend steiler ansteigender Spannungskurve läuft die Story auf ihren Höhepunkt zu. Gekonnt lässt die Autorin uns Leser*innen Valeries Perspektive einnehmen, macht uns genauso atemlos und lässt unser Herz schneller schlagen.
Der englische Originaltitel „Girl in Ice“ ist dabei eigentlich viel passender. Denn genau darum geht es in diesem (Climate Fiction?-)Roman, vielleicht sogar im doppelten Sinne: Auch Valerie ist eingefroren, gefangen in ihren Ängsten und ihrem Alltag, bis sie durch die Begegnung mit Naaja auftaut…
Wissenschaftliche Fakten gepaart mit fiktiven Elementen, die zum Nachdenken anregen, interessante, scharf gezeichnete Figuren, die alle ihre eigene Geschichte haben, und nicht zuletzt die wunderschönen, fast poetischen Abschnitte über Linguistik, Ausdruck von Sprache und Bedeutung von Wörtern machen Erica Ferenciks ersten Roman in deutscher Übersetzung zu einem echten Lesevergnügen!

Nina Chaberny-Bleckwedel

 


denk an mich wenn du stirbst 150x237

 

Penguin 11,00€

 

Jennifer Hillier: "Denk an mich, wenn Du stirbst"

Die Vorweihnachtszeit fordert uns Jahr für Jahr heraus. Besonders anstrengend gestaltet sich in diesen Wochen das Einkaufen mit Kindern...
So hat auch Marin an diesem folgenschweren Tag mindestens eine Hand zu wenig! Bepackt mit diversen Tüten, telefoniert sie mit ihrem Mann. Das wiederum nutzt der 4jährige Sebastian aus, um Richtung Süßigkeiten abzuwandern...

Ein ganzes Jahr später ist der kleine Junge immer noch verschwunden. Derek und Marin sind am Boden zerstört, und dieser Schicksalsschlag bekommt ihrer Ehe nicht gut. Während die Polizei über keine neuen Erkenntnisse verfügt, wird die von Marin heimlich beauftragte Detektivin eine Bombe platzen lassen: Derek hat seit einiger Zeit eine heimliche Geliebte! Die junge Kenzie mit ihrem lächerlich rosa gefärbtem Haar muss verschwinden! Marins ohnehin mehr als angeschlagene Psyche erträgt diese neue Herausforderung auf gar keinen Fall mehr. Wie gut, dass ihr alter Freund und ehemaliger Partner Sal eine Lösung parat hält. 100.000 Dollar wechseln den Besitzer und Marin muss nur noch zustimmen, dann verschwindet die unerwünschte Person aus Dereks Leben...
Währenddessen lernen wir Kenzie näher kennen, und erfahren, dass es oftmals mehr, als nur eine Wahrheit gibt!

460 Seiten, die man mal eben kurz inhaliert. Allerdings höre ich schon Ihre Bedenken: Wenn es um Kinder geht.....VERTRAUEN Sie mir!

Andrea Westerkamp

 


mimik 150x237

 

Droemer HC 24,00€

 

Sebastian Fitzek: "Mimik"

Hannah Herbst ist Deutschlands erfahrenste Mimikresonanz-Expertin und hat sich u.a. auch bei der Polizei einen Namen gemacht. Kleinste mimische Veränderungen kann sie auswerten, so dass mit ihrer Hilfe und Expertise bereits so einige Gewaltverbrecher überführt werden konnten.
Als Hannah Herbst nun an einem fremden Ort, in einem kargen Hotelzimmer erwacht, kann sie sich nicht orientieren. Nach einer Operation leidet sie an einem partiellen Gedächtnisverlust. Völlig überfordert mit der Situation findet sie sich gefesselt in einem Bett wieder, voller Schmerzen, nahezu bewegungsunfähig. Und sie kann sich nicht einmal ansatzweise daran erinnern, wie (und vor allem auch warum) sie hier gelandet ist.
Ein fremder Mann kommt aus dem Badezimmer auf sie zu und zeigt ihr ein Geständnis-video der Polizei, in dem eine bis dato unbekannte Frau zugibt, ihren Mann Richard und seine Tochter aus erster Ehe bestialisch ermordet zu haben. Hannah Herbst soll die Mimik dieser Frau analysieren, um herauszufinden, ob sie lügt. Eine an und für sich bizarre Situation, jedoch es kommt noch schlimmer: die Frau in dem Video, so wird ihr offenbart, ist sie selbst.
Seit Jahrzehnten hat Hannah Herz ihr eigenes Gesicht nicht mehr gesehen, sämtliche Spiegel in ihrem Zuhause sind abgehängt, die Fenster entspiegelt und verdunkelt. Sobald sie sich nämlich selber in die Augen schaut, kann sie ihrer Gefühle und ihrer Mimik nicht Herr werden. Und nun also die Konfrontation mit dieser entsetzlichen und erschütternden Polizeiaufnahme. Hannah Herz muss sich ihrem schwierigsten Fall stellen, wenn sie das Leben ihres jüngsten Sohnes Paul noch retten will…

Ein Fitzek der allerersten Güte – spannend und klug konstruiert, mit Irrwegen und falschen Fährten und einem Plot, der es in sich hat!

Heike Kasten

 


unter den wolken 150x237

 

Heyne 22,00€

 

Achim Bogdahn: "Unter den Wolken"

Auf diese Idee muss man erstmal kommen…

Andere besteigen die höchsten Berge Europas oder gar den Mount Everest, Achim Bogdahn ist da eine Nummer kleiner unterwegs: Er nimmt sich vor, den jeweils höchsten Berg, naja, sagen wir teilweise mal lieber „Erhebung“ der 16 Bundesländer zu erwandern/besteigen, und zwar mit prominenter Begleitung.
Wir sprechen da vom kleinen Hügel in Bremen, 32,5 m, ein Spaziergang mit Henning Scherf, aber natürlich auch von der Bezwingung des höchsten Bergs Deutschlands, der Zugspitze, zusammen mit Felix Neureuther. Entstanden ist so ein sehr vergnügliches Buch mit vielen Facetten, denn man lernt sowohl etwas über das jeweilige Bundesland, über die Menschen, die dort wohnen, ihre Geschichte und Mentalität, aber natürlich erfährt man ebenso viel über Bogdahns Begleitung, und da hat er wirklich viel zu bieten: Zwei Mitwanderer habe ich eben schon erwähnt, dazu kommen so unterschiedliche Menschen wie der Schauspieler Devid Stresow (MVP), Margot Käßmann (Niedersachsen), Ex-Fussballer Mehmet Scholl (BW) oder aber „Brocken-Benno“, der 84-jährige Rentner, der seit Jahrzehnten täglich den Brocken bezwingt.

Ein Buch für Menschen, die gern wandern, ein Buch für Menschen, die gern mehr über Deutschland und seine Geographie wissen möchten, aber auch für alle, die sich gut unterhalten lassen wollen.
Achim Bogdahn hat als Radiomoderator und Talkmaster vielfältigste Erfahrung im Umgang Prominenten, was seiner Gesprächsführung absolut zugutekommt. Humorvolle Begegnungen auf Augenhöhe, sowas liest man gerne.

Astrid Henning

 


weiter atmen 150x237

 

Kampa 24,00€

 

JJ Bola: "Weiter atmen"

$9.021 halten Michael Kabongo am Leben. Das ist sein gesamtes Erspartes und er hat sich vorgenommen: wenn das Geld alle ist, bringt er sich um.
Bis dahin reist er durch die Weltgeschichte und lernt Menschen kennen, die ihn daran erinnern, was gut am Leben ist. Menschen, die seine Mauern durchbrechen. Doch die Zweifel und Ängste sitzen tief. Auch seine Kollegin Sandra hat er zurückgelassen, mit der er sich so gut versteht. Seinen besten Freund Jalil, der zwischen kulturellen Erwartungen und eigenem Willen gefangen scheint. Die Mutter, die nur im Glauben ihren Frieden findet. Den „Problemschüler“ Duwayne, dem er so gerne geholfen hätte. Auch die traumatischen Ereignisse seiner Flucht aus dem Kongo, das ständige Gefühl zwischen den Welten gefangen zu sein, schleppt er mit sich wie den Reisepass, dieses kleine und doch so wichtige Dokument, das nicht nur für ihn den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann.

Trockenhumorig, sympathisch, herzerwärmend, vor allem aber traurig und sehr nachdenklich kommt Michael daher, der sich stets verändert und wir, die wir über ihn lesen, können nicht anders als ihn auf seinen Reisen anzufeuern und gleichzeitig in seine stille Verzweiflung zu versinken.
JJ Bolas Roman über einen Mann, der sich allzu tief in seine Gedanken zurückzieht, bedient sich einer leicht zugänglichen Poesie, die der Dramatik um den immer weiter sinkenden Kontostand – und damit dem näherkommenden Todesurteil – einen angenehmen Ruhepol entgegensetzt.

Mattes Daugardt

 


unschuld 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Takis Würger: "Unschuld"

35 Tage. So viel Zeit bleibt Molly zu beweisen, dass ihr Vater kein Mörder ist.

Casper Rosendale musste damals sterben, aber niemand spricht über das, was geschehen ist. Kollektiv scheinen alle schweigen und vergessen zu wollen. Was ist damals wirklich mit dem sensiblen Goldjungen geschehen, dem die gesamte Stadt zu Füßen lag?
Als Hausmädchen schleust Molly sich in das herrschaftliche Anwesen der Rosendales ein, blickt hinter die efeubedeckten, altehrwürdigen Mauern, doch ihre eigenen psychischen Probleme behindern die Ermittlungen.
Auch Joe, Caspers kleiner Bruder, ist eine geplagte Seele und leidet unter der Last des alten Geldes seiner Familie. Gemeinsam begeben sie sich auf einen Wettlauf gegen die Zeit, um die Hinrichtung eines Unschuldigen zu verhindern.

So reduziert und effektiv, wie nur ein Journalist einen Roman schreiben kann: Takis Würger schafft es mit scheinbar gefühlsfernen Worten von ganz großen Emotionen zu erzählen, die tief in die Erlebniswelt der handelnden Personen eintauchen lassen. Rasant in der Struktur und dennoch erzählerisch auf zarte Momente verweilend, ist „Unschuld“ ein Text der Gegensätze. Arm wird reich gegenübergestellt, Schuld der Unschuld, das Gute dem Bösen. Eine Studie über die Tragödien des Lebens und deren Einfluss auf das Miteinander, die gleichzeitig das Rechts- und Gesellschaftssystem der Vereinigten Staaten hinterfragt.

Mattes Daugardt

 


ein sommer in niendorf 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

 Heinz Strunk: "Ein Sommer in Niendorf"

Roth, ein bis dato erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, Ehe in Dutt, Verhältnis zur Tochter zerrüttet, alles zu viel, vieles zu wenig, beschließt, ein kurzes Sabbatical an der Küste zu nehmen, um seine eigene Familiengeschichte in einen Roman zu packen und damit, das steht außer Frage, auf allen Kanälen Erfolg zu haben. Er imaginiert sich bereits als "Starautor auf ausverkaufter Lesereise, an dessen Lippen allabendlich Hunderte (Tausende) von Menschen hängen“.
Und so landet er in Niendorf, in den ein wenig heruntergekommenen „Ostsee-Appartments“, ein denkbar kleinbürgerliches Setting, was die Fallhöhe nur noch vergrößert. Die Restaurants tragen Namen wie „Brimborium“, und auf den Speisekarten wird Salat „als etwas Frisches vorweg“ angekündigt. In diesem Milieu ist auch Roths distanzloser Zimmervermieter zuhause, der örtliche Strandkorbverleiher und Spirituosenhändler Breda, der selbst sein allerbester Kunde ist: kaputt, alkoholkrank, mit fast dämonischen Zügen.
Roth nun widmet sich akribisch seinem Buchprojekt, nach zwei Tagen allerdings bedarf er der Abwechslung und wird von Breda warm empfangen. Die beiden Männer verbringen immer mehr Zeit miteinander, begleitet von Cola und Rum, Cola und Whisky, Weinbrand und Cognac, und Roth wird unausweichlich in dieses prekäre Universum des Suffs und der Demütigungen hineingezogen. Und weil die Arbeit fehlt, die all die Jahre verlässlich den Alltag strukturiert hat, bricht rasch das nicht sehr stabile Persönlichkeitsgerüst zusammen, und der Anwalt entpuppt sich als bedürftiger, sich selbst über-schätzender, Schwächling.

Heinz Strunk vermag sämtliche Personen, die seinen Roman bevölkern, scharf und eindrücklich zu skizzieren, er vermag es, Situationen zu zeichnen, die wir alle kennen, die allerdings mit seinem zum Teil humorgetränkten Blick zu lautem Lachen verführen.
Ein Irrtum wäre es allerdings, Heinz Strunks Ostseeroman als oberflächliche Unterhaltungslektüre abzutun – er schafft es, das Existenzielle durch Komik aufzufangen.

Heike Kasten

 


lincoln highway 150x237

 

Hanser  26,00€

 

Amor Towles: "Lincoln Highway"

Nach dem Motto : das Beste zum Schluss, möchte ich Ihnen heute meinen  Herbstliebling vorstellen.

Spätestens seit dem "Gentleman in Moskau" gehöre ich zu Amor Towles Fangemeinde. Sein im Juli erschienenes Roadmovie spielt 1954 in Amerika. Die Stimmung im Land ist verhältnismäßig ausgelassen, ein Krieg liegt gerade hinter vielen Soldaten, der nächste bahnt sich noch nicht an. Die Jugend möchte leben, wild und frei und ohne an morgen zu denken. Die Musik, besonders der Rock ´n Roll, spiegelt das ungezähmte Lebensgefühl einer jugen Generation wider.
Der 18.jährige Emmett bekommt davon anfänglich wenig mit. Sein Vater ist überraschend verstorben, und so wird ihm der Rest seiner Jugendstrafe erlassen, damit er sich um Billy, seinen kleinen Bruder, kümmern kann. Hoch verschuldet bietet die Ranch, auf der die zwei Jungs aufwuchsen, keine Option mehr. Also bittet Billy, die vor Jahren weggelaufene Mutter zu suchen. Acht Postkarten von ihr, sollen ihnen den Weg zu ihr zeigen.... Dieser entzückende Junge, der sich als wandelndes Lexikon erweist, glaubt fest an den Erfolg.
Kurz vor Abfahrt der beiden stehen plötzlich Duchess und Wooly in der Garage. Beide verbüßen ebenfalls Jugendstrafen. Heimlich türmten sie im Kofferraum des Fahrzeugs, das Emmett nach Hause brachte, aus der Anstalt... Ihre Pläne sind ziemlich konkret, unterscheiden sich geographisch jedoch gewaltig von denen der Brüder. New York ist ihr Ziel. Dort haben beide wichtige Dinge zu erledigen. Da man sich nicht einig wird, stehlen sie kurzerhand Emmetts Auto und brausen los. Die Verfolgung per Eisenbahn ist überaus unterhaltsam...

Aus acht unterschiedlichen Perspektiven wird dieser großartige Roman erzählt. Alle vier Jungs sind überaus sympathisch, und vier weitere Figuren vervollständigen diese spannend-amüsant-berührende Geschichte. Leseempfehlung ab 18!

Andrea Westerkamp

 


diese wilde freude in mir 150x237

 

dtv 22,00€

 

Samantha Silva: "Diese wilde Freude in mir"

Der Untertitel dieses wunderbaren Romans lautet: Mary Wollstonecraft: Ikone der Frauenbewegung, furchtlose Denkerin, Mutter.

Ende August 1797 lernen wir die hochschwangere Mary kennen. In wenigen Tagen soll ihr zweites Kind zur Welt kommen, und während sie ungeduldig darauf wartet, rät ihr die ebenfalls wartene Hebamme, dem Ungeborenen die eigene Lebensgeschichte zu erzählen: Schon als 13 Jährige verlangte die kleine Mary damals Bildung für sich und ihre jüngeren Schwestern. Aufgewachsen in sich ständig verschlechternden Lebensumständen, der Vater verlor sein Vermögen beim Spielen, fand sie es ungerecht, dass die Brüder unterrichtet wurden, während sie höchstens zum Sticken und Nähen angehalten wurde.
Der Wunsch nach Gleichberechtigung, die Sehnsucht nach Bildung und die Unerschrockenheit im Umgang mit Autoritäten sorgten dafür, dass Mary Wollstonecraft als junge Frau bereits über die Grenzen Londons hinaus bekannt wurde. Als sie mit Gleichgesinnten nach Paris reiste, geriet sie in Lebensgefahr Immerhin wütete dort die Revolution....

Am Ende des Berichts wird ein kleines Mädchen geboren,  das seinerseits noch viel berühmter werden sollte, als es die Mutter je war!

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober

 


das ende des kapitalismus 150x237

 

Kiwi 24,00€

 

Ulrike Herrmann: "Das Ende des Kapitalismus"

Der Titel dieses spannenden Buches ist vielleicht etwas unglücklich gewählt, klingt er doch ein bisschen plakativ und ideologisch. Der Inhalt allerdings ist ein höchst aktueller, kompetenter und angenehm differenzierter Bericht über die Lage unserer (Wirtschafts)-Nation.

Seit 50 Jahren wissen wir, dass es „Grenzen des Wachstums“ gibt, der berühmte Bericht des Club of Rome erschien 1972. Wollte man aber gar nicht gerne hören, damals nicht und heute auch nicht. Denn unser Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, verträgt sich überhaupt nicht mit Wachstumsgrenzen, im Gegenteil: Dieses System benötigt das Wachstum, weshalb es ziemlich finster mit der Zukunft des Kapitalismus aussieht. Und zwar nicht aus ideologischen Gründen, sondern deshalb, weil in naher Zukunft aus rein ressourcen-bedingten Gründen kein Wachstum mehr möglich sein wird: zu wenig Rohstoffe, zu wenig Energie, für zu viele Menschen.

Insofern kritisiert Herrmann auch den Begriff des „grünen Wachstums“ und beschreibt in ihrem Buch sehr nachdrücklich, weshalb es eher um „grünes Schrumpfen“ gehen muss. Vor allem aber beschreibt sie, wie eine demokratische, pluralistische Gesellschaft diesen Prozess überleben und gestalten kann, ohne daran zugrunde zu gehen und in Extremismus auszuarten.
Ein unglaublich aktuelles und kluges Buch, dem man viele LeserInnen wünscht.

Astrid Henning

 


jahre mit martha 150x237

 

Fischer Verlag 24,00€

 

Martin Kordic: "Jahre mit Martha"

Zeljko Kovacevic wächst als mittleres von drei Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Ludwigshafen auf. Aus Bosnien-Herzegowina sind die Eltern nach Deutschland umgesiedelt. Seinen Vater sieht er oft wochenlang nicht. Der schuftet lange Tage auf dem Bau, schläft in Containern, fernab der Familie. Die Mutter hat so viele Putzstellen, dass sie diese allein gar nicht bewältigen kann. So müssen Jeljko und seine kleine Schwester mit anpacken und sie begleiten. Er ist ein wissbegieriges, phantasievolles Kind. Seinen Lesehunger befriedigt er, indem er alte Zeitschriften aus den Altpapiercontainern fischt.

Eine Stelle bekleidet die Mutter in dem hochherrschaftlichen Haus der Professorin Martha Gruber. Diese Frau ist wie eine Göttin für den kleinen Jeljko. Er lässt sie nicht aus den Augen und bewundert ihre Schönheit, ihre Bildung und die elegante Ausstrahlung. In den späten 90ern, der Junge ist fünfzehn und nennt sich jetzt nur noch Jimmy, um dem herzegowinischen Namen mit den Zischlauten zu entkommen und nicht sofort als Jugo entlarvt zu werden, kommt es zwischen ihm und der mehr als doppelt so alten Frau zu einem ersten Kuss, aus dem sich langsam eine echte Affäre entwickelt.
Der intelligente Jimmy möchte lernen, es zu etwas bringen, nur nicht in die Fußstapfen seines Vaters steigen. Martha protegiert den Heranwachsenden, bringt ihm Kultur und Lebensstil nahe und tatsächlich schließt Jimmy ein Universitätsstudium ab. Doch das Leben erfährt eine Planänderung: „Ich war ein junger Mann mit Universitätsabschluss, der illegal Autos in das Land einführte, aus dem seine Eltern vor Jahrzehnten fortgegangen waren, weil sie sich und ihrer Familie eine Welt ermöglichen wollten, in der für ein gutes Leben keiner etwas tun muss, was nicht rechtens ist.“

Was wie eine Liebesgeschichte á la Mrs. Robinson beginnt, entwickelt sich im Laufe des Buches zu der Geschichte eines Mannes, der in Deutschland geboren und aufgewachsen, leidvoll seine Identität suchen muss und zwischen Baum und Borke hängt. Geprägt durch deutsche Kultur, Bildungssystem und Menschen, fließt doch herzegowinisches Blut durch seine Adern und letztlich ist die Bindung zur Familie das dicke, tragende Seil.
Einfühlsam und wunderschön geschrieben, macht dieses Buch deutlich, wie schwer es ist Fuß zu fassen in einem Land, das Menschen aus anderen Kulturkreisen noch immer mit derartig großen Vorurteilen gegenüber steht.

Annette Matthaei

 


luegen ueber meine mutter 150x237

 

Kiwi 24,00€

 

Daniela Dröscher: "Lügen über meine Mutter"

„Lügen über meine Mutter“ entging dem Deutschen Buchpreis dieses Jahr nur knapp, bis auf die Shortlist hatte er es geschafft.
Was den Text für mich ausmacht, ist dass er trotz heftiger Thematik doch so wunderbar lesbar bleibt. Ein zärtliches Denkmal einer Kindheit, die nicht einfach war, aber doch vor allem von der liebevollen Mutter geprägt ist.

Daniela Kröscher lässt ihre Kindheit der 1980er Jahre wieder aufleben: die kleine Ela lebt mit ihren Eltern und Großeltern in einem kleinen Dorf, wo das Ansehen nicht trennbar ist vom Familienglück. Ela findet ihr Leben ziemlich perfekt, aber bald sieht auch sie die Risse in der Fassade. Ihre Mutter, die sie so wunderschön findet, ist dem Vater zu fett. Die Eltern verbergen ihre Streitthemen erst vor der Tochter, aber der wird bald klar – ihre erst immer stark wirkende Mutter, diese gütige Frau, die ihr zeigt wie besonders sie, Ela, ist, wird von dem Vater systematisch klein gehalten. Ihr Gewicht spielt dazu immer wieder eine große Rolle, ob nun Zuhause, im Urlaub oder gar während der Schwangerschaft. Als Diät über Diät keine Abhilfe schaffen, kommen wir und Ela langsam hinter die Strategien, die eine Frau verfolgt, die sich niemals wird unterkriegen lassen, schon gar nicht von einem Mann.

In Zwischenkapiteln springen wir in die Gegenwart und direkt in den Schreibprozess einer (fiktiven?) Daniela Dröscher, die über so heftige Situationen aus dem eigenen Leben schreibt, aber dennoch unglaublich behutsam und liebevoll mit ihrer Mutter und ihrer Kindheit umgeht.
Diese Güte, die sie ihren Charakteren  trotz aller Heftigkeit zukommen lässt, ist beim Lesen ganz besonders und ein Testament an das Talent der Autorin. Die Mutter, die sich immer durchkämpfen musste, um ihre Größe zu wahren, ist nun überlebensgroß in diesem wunderbaren Text verewigt.

Mattes Daugardt

 


chamaeleon 150x237

 

Eichborn Verlag 23,00€

 

Annabel Wahba: "Chamäleon"

Dieser autobiografische Roman wirkt gewaltig, insofern passt das Bergmassiv auf dem Cover auch in dieser Hinsicht.

Annabel sitzt am Bett ihres todkranken Bruders. Der ägyptische Totengott Anubis blickt von einem großen Bild an der Wand gegenüber auf André herab... Das klingt düster, und ich frage mich, ob ich bereit bin, in diesen nicht unbedingt hellen Zeiten ein solches Buch zu lesen. Zwei Seiten später hat mich die Autorin bereits dermaßen mit ihrem Erzählstil in den Bann gezogen, dass ich weiter lesen MUSS.
Wir reisen mit ihr von München in die Vergangenheit nach Ägypten. Im Nildelta wuchs Annabels und Andrés Vater auf. Weiter geht es in nach New York. Dort arbeitete die Mutter in den Fünfzigerjahren und Annabel erinnert den Bruder an die Geschichte, wie sich die Eltern damals kennen lernten.
Zu Beginn schreibt die Autorin: "Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Wenn ich nun an deinem Bett sitze und dir die Geschichte unserer Familie erzähle, erzähle ich nicht um mein Leben, sondern gegen deinen Tod. Bald wirst du nicht mehr da sein. Ich kann dich nicht festhalten, aber ich will festhalten, was wir beide erlebt haben. Auch du sollst weiterleben, und mit dir das ägyptisch-deutsche Chamäleon."

So bunt wie das Cover, so vielfarbig und unterhaltsam ist die Geschichte dieser beiden Geschwister!

Andrea Westerkamp

 


the dark 150x237

 

Droemer Knaur 15,99€

 

Emma Haughton: "The Dark"

Das hatte sich zu Hause auf dem Sofa in Bristol doch nach einem tollen Abenteuer angehört: 12 Monate als Ärztin auf der Forschungsstation in der Antarktis zu arbeiten. Eine völlig neue Erfahrung für Kate und außerdem eine willkommene Abwechslung nach der schlimmen Zeit, die hinter ihr liegt. Doch als Kate auf die Station eingeflogen wird, ist sie sich nicht mehr ganz so sicher. Dieses absolute Weiß, diese absolute Stille, dazu die Gewissheit, dass es in Kürze hier kein Entkommen mehr geben kann, weil selbst für Flugzeuge die Außentemperatur zu feindlich wird und eine Landung so gut wie unmöglich ist.
Das mulmige Gefühl verstärkt sich, als der Empfang durch die Kollegen und Kolleginnen vor Ort eher frostig und unterkühlt ausfällt, Antarktis auch im zwischenmenschlichen Bereich. Einzig Drew, der Amerikaner, der sie in Empfang genommen hat, verströmt ein wenig menschliche Wärme und Freundlichkeit. Kates Vorgänger übrigens kam bei einem Unfall auf der Station ums Leben, und allmählich werden Kates Zweifel an diesem „Unfall“ immer stärker.
Schließlich – wir sind in einem Thriller – gibt es einen weiteren Toten: Ein Mitarbeiter wird draußen erfroren aufgefunden, mit viel zu dünner Kleidung, die Stationsleiterin beschließt: Suizid.

Es wird nicht bei diesen beiden Opfern bleiben, in diesem Thriller geht es ganz schön zur Sache und Kate gerät immer stärker in Bedrängnis. Die einzigartige Landschaft der Antarktis mit monatelanger Dunkelheit und feindlicher Kälte, ist natürlich ein absoluter Pluspunkt in diesem Spannungsroman.
Da kommen einem die gesetzlich verordneten 19 Grad doch fast wie Saunatemperaturen vor und man kuschelt sich umso lieber in wärmende Decken oder Pullis.

Astrid Henning

 


die pestinsel 150x237

 

Inselverlag 16,95€

 

Marie Hermanson: "Die Pestinsel"

An einem späten Abend im Jahr 1925 wird der Göteborger Kommissar Nils Gunnarson auf dem Heimweg von einem verwahrlosten Knirps regelrecht genötigt, ihm zu folgen und mit ihm in ein Boot zu steigen. Der Kleine spricht nicht, legt sich aber kräftig in die Riemen. Das hat seinen Grund. Weit draußen im Fluss Göta, fast an der Einmündung zum Kattegat, ist die Leiche eines Mannes angeschwemmt worden.
Nils fällt sogleich die vornehme Kleidung des Toten auf, aber etwas anderes lässt ihn stutzen. Die Todesursache des Unbekannten ist nicht etwa Ertrinken, sondern Ersticken. Der Ermordete weist äußerst ungewöhnliche Strangulationsabdrücke am Hals auf. Bei Nils klingelt etwas. Hat er nicht in einem Kriminalroman genau von dieser Todesart gelesen? Recherchen ergeben, dass der höchst erfolgreiche Autor einer Krimireihe ein absolut Unbekannter ist, ein untergetauchtes Phantom. Nils lässt nicht locker und findet sich alsbald auf der  Göteborg weit vorgelagerten, seeumtosten Insel Bronsholmen wieder, der„Pestinsel“! Hier wurden früher Seeleute in Quarantäne genommen und Krankheiten wie Cholera und Pest auskuriert. Das ist lange her und die Räder des vereinsamten Krankenhauses drehen sich heute nur noch um einen einzigen Insassen: den gefährlichen Massenmörder Arnold Hoffmann. Nils merkt sofort, dass hier auf der Insel etwas so gar nicht stimmt, doch mangelt es ihm an Beweisen, seine Untersuchungen fortzusetzen.
Da springt ihm eine verflossenen Liebe zur Seite. Die couragierte Reporterin Ellen Grönblad lässt sich inkognito als neues Hausmädchen auf der Insel einstellen, nicht im Entferntesten ahnend, was ihr bevorsteht…

Dieser Historienkrimi ist spannend, skandinavisch düster und kommt fast ohne Blut aus, genau das richtige Buch für lange Herbstabende.

Annette Matthaei

 


die lodge 150x237

 

Nagel & Kimche 24,00€

 

Peter Heller: "Die Lodge"

Wer den „Gesang der Flusskrebse“ vor allem wegen des Krimianteils gelesen hat, könnte an Peter Hellers „Die Lodge“ großen Gefallen finden, ein packender Thriller trifft hier auf wunderschöne Naturbeschreibungen in der bergigen Landschaft Colorados.

Die Kingfisher Lodge in Colorado dient der Entspannung und dem Fliegenfischen. Hier können die Superreichen abschalten und sind von der modernen Welt, von ihrer Technologie und ihren neuen Virusvarianten abgeschirmt – in Sicherheit.
Jack soll hier den Gästen beim Angeln behilflich sein und ihnen die besten Spots zeigen, die Ausrüstung bereitstellen und für die Einhaltung wichtiger Regeln sorgen, wie niemals in der Nähe des benachbarten Grundstücks angeln zu gehen: die Einheimischen scheinen waffenvernarrt und sehen Hausfriedensbruch gar nicht gerne. Sein erster Gast ist Allison K., eine berühmte Sängerin. Die beiden sind fasziniert voneinander; Jack ist geplagt von den frühen Verlusten in seinem Leben, Allison geprägt von dem Preis, den der Ruhm mit sich bringt. Verbinden tut die beiden ihre Liebe für die Natur; das Angelparadies scheint idyllisch.
Nur allzu bald schleichen sich Zweifel ein: aus Sicherheitsgründen ist das Ressort eingezäunt, aber soll der Stacheldrahtzaun wirklich nur Gefahren abwehren und warum braucht man auch auf der Innenseite einen Code, um das Tor in die Außenwelt zu öffnen? Als Allison und Jack nachts Schreie vernehmen, beschließen sie Nachforschungen anzustellen…

Dieser Thriller besticht durch seine literarische Qualität, bei der nicht nur Angler*innen auf ihre Kosten kommen. In der Ruhe der Natur verarbeitet Jack seine Trauer und so treiben wir in der Erzählung mit seinen Gedanken mit, fast wie der Fluss in dem sie fischen, der langsam dahinplätschert und ab und an durch die kräftigen Flossen seiner Bewohner aufgewirbelt wird.
Besonders für Krimi Fans geeignet, die auch gerne in die literarische Richtung gehen oder für belletristische Leser*innen, die mal einen Spannungsroman probieren wollen.

Mattes Daugardt

 


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Luchterhand 22,00€

 

Christoph Peters: "Der Sandkasten"

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar am Niederrhein geboren und studierte nach dem Besuch des Bischöflichen Internatsgymnasiums "Collegium Augustinianum Gaesdonck" Malerei an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe, 1993 als Meisterschüler. Von 1995 bis 1999 war Christoph Peters am Flughafen Frankfurt/Main als Fluggastkontrolleur beschäftigt. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. 1999 erschien sein erster Roman "Stadt Land Fluß".
Zitat aus dem "PERLENTAUCHER": Kurz und scharfzüngig, präzise beobachtet, politisch "korrekt", teilweise herrliche Situationskomik, so könnte man den neuen Roman von Christoph Peters umschreiben.

Kurt Siebenstädter ist Radiomoderator in Berlin. Seine Stimme kennt man seit Jahren, seine frühmorgendlichen Sendungen erreichen nicht selten Spitzenquoten. Wer von ihm interviewt wird, der ist wichtig! Zimperlich darf man da nicht sein als Gesprächspartner, Siebenstädter nimmt kein Blatt vor den Mund und provoziert gerne. Jahrelang schwamm er ganz oben auf der Erfolgswelle. Doch jetzt scheint plötzlich Sand im Getriebe zu sein. Da scheint etwas zu kippen, aus dem Gleichgewicht zu geraten und Siebenstädter steht mitten im Auge des Orkans. Während sich Frau Siebenstädter darüber auslässt, dass die 15 jährige Tochter einige Monate in Amerika zur Schule gehen möchte, plagen ihren Mann ganz andere Sorgen. Die Liberalen haben ihm wenige Stunden zuvor ein Angebot unterbreitet, das anzunehmen sowohl berufliche, als auch private Konsequenzen hätte... Soll er alles auf eine Karte setzen?

Großartig geschrieben, gefüllt mit vielen "Bekannten" aus der aktuellen Politszene, lässt uns der Autor den 09.11.2020 noch einmal erleben.

Andrea Westerkamp

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


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Galiani 26,00€

 

Karen Duve: "Sisi"

Vielleicht eine kleine „Warnung“ vorweg: Wem sein zuckersüßes Romy-Schneider-Sissi-Bild heilig ist, der wird mit Karen Duves „Sisi“ seine Schwierigkeiten haben – für alle anderen ist es eine wunderbare Ergänzung oder ein Kontrapunkt, der glänzend unterhält.

Karen Duve hat drei Jahre ausführlich zur österreichischen Kaiserin recherchiert und schildert in ihrem Roman zwei Jahre im Leben von Sisi, im Alter von 36 – 38 Jahren.
Sisi begegnet uns hier als eine Frau mit äußerst vielen Facetten, und der Roman beginnt gleich mit einer ihrer stärksten Leidenschaften: Die österreichische Kaiserin ist zur Fuchsjagd in England und stöhnt bei der Aussicht, wegen eines Besuchs bei der englischen Königin eine dieser Jagden verpassen zu müssen. Weshalb sie noch nicht einmal zum Essen bleibt: große Verstimmung am englischen Hof. Sisi war eine der besten Jagdreiterinnen ihrer Zeit und sprang im Damensattel in atemberaubenden Tempo über Hecken, Gatter und andere Hindernisse, je schneller und gefährlicher es zuging, desto besser. Bei den Jagden in England lässt sie sich am liebsten von Captain Middleton begleiten, der sie wenig später auch auf ihrem Schloss in Ungarn besuchen wird…
Und ja: Sisi war sicherlich sehr charmant und liebreizend, konnte aber ein paar Sekunden später eiskalt, intrigant und höchst manipulativ sein. Offensichtlich nahm sie in der Beurteilung anderer kein Blatt vor den Mund, durchaus zu unserem Vergnügen, so wird z.B. die adelige Helene Baltazzi als „orientalische Salonflirteuse“ bezeichnet.
Geradezu obsessiv hat sich die Kaiserin mit ihrem Aussehen beschäftigt, ihre Haarpracht, ihre schlanke Figur, ihre jugendliche Erscheinung waren ihr nicht nur Vergnügen, sondern geradezu Pflicht – was das Altern nicht gerade erleichterte.

Wer eintauchen möchte ins 18. Jahrhundert, in schönen Roben schwelgen mag, nichts gegen kleine Bosheiten in adeligen Kreisen hat, der wird mit größter Freude „Sisi“ lesen.

Astrid Henning

 


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Hanser Berlin 27,00€

 

Hernan Diaz: "Treue"

Was sich erst liest, wie ein Erfahrungsbericht durch die Finanzgeschichte der Vereinigten Staaten, ist bald Sinn- und Wahrheitssuche. Ein Roman der goldenen 1920er Jahre New Yorks, in dem vier Perspektiven auf dieselbe Geschichte die wirtschaftspolitischen Ereignisse des frühen 20. Jahrhunderts fiktiv erklären. Im Vordergrund steht dabei allerdings eine mitreißende Erzählung über eine Ehe und über die beeindruckenden Frauen hinter Männern, die beeindruckend sein wollen.

Wir begleiten Benjamin Rasks, der privilegiert aufwächst und aus angeborenem Reichtum ein unermessliches Vermögen wachsen lässt: Rasks lebt in einer Welt des Geldes – in der die Realität formbar gemacht wird, wenn der Geldfluss nur liquide genug ist. Eine Welt, in der nicht Dinge, sondern Gefühle, ganze Identitäten und die Vergangenheit mit grünen Dollarscheinen aufgewogen werden. Dabei wird uns erfahrbar gemacht, wie das Leben derjenigen aussah, die den Finanzsektor durch die liberale „laissez-faire“ Devise, den Börsencrash von 1929 und Roosevelt‘s New Deal lenkten. Rask ist allerdings kein verträumter Antiheld à la Gatsby, der nach seiner verlorenen Liebe schmachtet: Einfluss durch Reichtum zu erlangen ist nicht das Mittel, sondern das Ziel.
An seiner Seite steht ihm die mysteriöse Helen, geistreich und philanthropisch, eine Liebhaberin klassischer Musik, doch bald schwirren Gerüchte um das mächtige Paar und Helen leidet an einer Krankheit, die auch Geld nicht zu heilen vermag… und doch ist sicher nicht alles, wie es scheint.

Ein vielschichtiger Roman über den Einfluss des Geldes, aber auch über den Wert von Geschichten, der nicht monetär aufzuwiegen ist. Überraschende Wendungen und vier einzigartige Erzählstimmen machen diesen Roman von Hernan Diaz zu einem großartigen Werk moderner Erzählkunst, das nicht an emanzipatorischen Befreiungsschlägen spart. Am Ende fragen wir uns nur, wem diejenigen, die alles haben, Treue schulden. Sich selbst? Dem bewährten Gelde? Oder doch der Liebe, was auch immer sie bedeuten mag?

Mattes Daugardt

 


schnee 150x237

 

Btb 17,00€

 

Yrsa Sigurdardóttir: "Schnee"

Die Thrillerqueen aus Island meldet sich mit einem neuen abgeschlossenen Nervenkitzel pünktlich zur kälteren Jahreszeit zu Wort und ich kann Ihnen sagen, ziehen Sie sich warm an.

An der Nordküste Islands im tiefen Winter, wo es nicht hell wird, dafür bitterkalte Schneestürme über die raue Natur hinwegfegen, tauchen wir ein in drei Erzählstränge, einer spannender als der andere.
Zwei Yupeepaare aus Reykjavik wollen ihrem luxuriösen Alltagseinerlei entfliehen und kommen auf einer Party auf die Schnapsidee einen jungen Geologen für einen Dreitagestrip in die Wildnis zu begleiten, um an einer Messstation wichtige Forschungsergebnisse abzulesen. Haukur ist nicht begeistert die verwöhnten Städter auf seine gefährliche Mission mitzunehmen, lässt sich aber trotzdem breitschlagen.
Hjörvar hat einen Job in einer Radarstation an einem der nördlichen Zipfel angenommen. Er ist ein Eigenbrötler und das einsame Leben in unwirtlicher Natur macht ihm eigentlich nichts aus, ist er doch genau auf diesem Fleckchen Erde aufgewachsen. Als Jugendlicher brach er alle Kontakte zu seinem Elternhaus ab und ging in die Hauptstadt. Nun sind Vater und Mutter verstorben, das Elternhaus verkauft und tatsächlich findet er sich, einzig in Begleitung eines zugelaufenen Katers, auf dieser verlassenen Station wieder. Nur ein Job für den Übergang. Lange kann es hier keiner aushalten. Schon sein Vorgänger drehte durch und nahm sich mit einem Sprung über die Klippe ins tosende Meer das Leben.
Jóhanna ist Mitglied des Rettungssuchtrupps eines kleinen Ortes hoch im Norden, in dem ihr Mann als Polizist arbeitet. Sie war ehemals eine hoffnungsvolle Sportlerin, wurde aber beim Joggen angefahren, verunglückte schwer und leidet seitdem bei Belastung unter starken Schmerzen. Doch sie ist der Typ, der die Zähne zusammenbeißt und sich nichts anmerken lässt. Im Gegenteil, sie freut sich, wenn sie dem Alltag im Büro einer Fischverarbeitenden Firma entkommen und sich körperlich für eine sinnvolle Aufgabe verausgaben kann.
Eine Wandertruppe junger Reykjaviker wird vermisst und Jóhanna und ihre Kollegen strömen in ein abgelegenes Naturschutzgebiet aus, um hoffentlich rechtzeitig Menschenleben zu retten „Es gab keine menschlichen Spuren. Überall blendend weißer Schnee. Nichts Lebendiges war zu sehen, kein Wunder, denn an diesem öden Ort konnten im Winter nur wenige Tiere überleben.“ Und nun das Ganze Szenario des Nachts. Kein Stern am Himmel, brausender Sturm, Kälte, die den Körper zerstört und dann immer wieder dieses unheimliche Gemurmel…mach auf….mach auf…

Meine Nerven haben bei der Lektüre dieses Buches gelitten, das versichere ich Ihnen und ich bin froh, dass ich Island vor Jahren im Sommer kennen und lieben lernen durfte. Keine zehn Pferde würden mich freiwillig an den Ort dieses Grauens bringen. Faszinierend ist, wie Sigurdardóttir die drei Erzählstränge verknüpft und vor allem wie sie Spannung bis zur Ohnmacht aufbauen kann. Ein wirklich doller Thriller mit einer gehörigen Portion isländischer Spiritualität.

Annette Matthaei

 


haie in zeiten von erloesern 150x237

 

Luchterhand 22,00€

 

Kawai Strong Washburn: "Haie in Zeiten von Erlösern"

Ein tieftragisches Buch, in dem Hoffnung und Güte standhalten und verzauberte Worte uns in die tiefen Gewässer Hawaiis stoßen, um uns verändert wieder auftauchen zu lassen.

Das Paradies hat seinen Preis und den können auf Hawaii nur wenige der Einheimischen zahlen. Wer auf den Inseln nicht mindestens ein Anwalts- oder Ärztinnengehalt Heim bringt, führt ein hartes Leben. Malia und Augie sind über beide Ohren ineinander verliebt, auch nach all den Jahren, aber sie machen sich Sorgen, ihren drei Kindern nicht mehr ermöglichen zu können. Eines Tages kratzen sie etwas Geld zusammen und nehmen Dean, Nainoa „Noa“ und Kaui mit auf eine dieser überteuerten touristischen Bootstouren: Noa ist gerade mal sieben Jahre alt, als er aus dem beschleunigenden Boot fällt. Zu schnell ist er nur noch ein kleiner Punkt in der Nähe des Horizonts. Augie hält die beiden anderen Kinder in Schach, während Malia ins Wasser springt. Verzweifelt schwimmt sie ihrem Sohn entgegen, denn Haie beginnen sich um ihn zu kreisen und reißen das gefährliche Revolvergebiss weit auf… um den kleinen Noa, wie treue Labradore, sicher zurück zu seiner Mutter zu bringen.
Auf den Inseln verbreiten sich die Neuigkeiten schnell und Noa ist bald in aller Munde – die Macht der Götter scheint zurückgekehrt. Dean und Kaui geraten dabei immer mehr in den Hintergrund und versuchen sich im Schatten ihres Bruders selbst zu verwirklichen, aber auch Noa hat immer mehr mit seiner Last zu kämpfen…

In diesem besonderen Debutroman von Kawai Strong Washburn, begleiten wir eine Familie in ihrem Streben, ihr einheimisches Leben mit den externen Anforderungen unserer Zeit in Einklang zu bringen. In wechselnden Perspektiven kämpfen sie über drei Jahrzehnte hinweg mit dem kulturellen Identitätsverlust Hawaiis, der vor allem durch regen Tourismus und stetige Zuwanderung begünstigt wird. Behutsam beleuchtet Washburn dabei den Zerfall des amerikanischen Traums und verbindet ihn mit den letzten Überbleibseln der mythischen Vergangenheit von Hawaii. Definitiv ein Jahreshighlight und ein originelles, sprachgewaltiges Debut.

Mattes Daugardt

 


das leben vor uns 150x237

 

C.H.Beck Verlag 25,00€

 

Kristina Gorcheva-Newberry: "Das Leben vor uns"

„Das Leben vor uns“, das klingt wie eine Verheißung, wie die berechtigte Hoffnung auf eine bessere Zukunft, und das ist es auch, was die besten Freundinnen Anja und Milka unbedingt erreichen wollen.
Vorerst müssen sie sich aber noch mit dem tristen Grau am Moskauer Stadtrand abplagen, wo sie in den 80ern aufwachsen. 1982 ist Breschnew gerade gestorben, Gorbatschow mit Glasnost und Perestrojka aber noch weit entfernt. Dennoch bekommen Milka und Anja genug vom so völlig anderen Leben im Westen mit, um zu wissen, dass ihr Leben dringend anders werden muss als das ihrer Eltern: Ständig ist das Geld knapp, nicht nur für Lebensmittel muss man stundenlang anstehen und dann das nehmen was halt da ist, in der Schule zählen Linientreue und Disziplin.
Freiräume nehmen die beiden sich im Rumstromern nach der Schule, in den langen Sommerferien, die die Freundinnen gemeinsam mit Anjas Eltern in deren Datscha verbringen dürfen, und beim Träumen vom wilden Leben, während man zum 1000. Mal die leiernde Kassette mit „We are the champions“ hört. Und weil man in seiner Freizeit nicht viel anderes anfangen kann, kommen bald die Jungs ins Spiel, hier vor allem Lopatin und Trifonow – der eine gerissen und lebenshungrig, der andere Tschechow-begeistert und sensibel.

Man spürt, wie sich die gesamte Jugend zu dieser Zeit in Wartestellung befindet, jederzeit bereit zum Aufbruch, gehindert durch die Umstände und deswegen zu Grenzüberschreitungen immer bereit. Als Milka jedoch ungewollt schwanger wird, ist es vorbei mit der Leichtigkeit, die eh eine Illusion war und alles ändert sich.

Ein eindrucksvolles Debut, in dem die Autorin für ihre Figuren jederzeit den passenden Tonfall findet, mal roh und direkt, dann wieder sehr zart und verletzlich. Man spürt deutlich, dass in dieses Buch eigene Erfahrungen eingeflossen sind.

Astrid Henning

 


die definition von glueck 150x237

 

Julia Eisele 24,00€

 

Catherine Cusset: "Die Definition von Glück"

Das Leben von zwei Frauen, die scheinbar nichts miteinander zu schaffen haben, bringt uns auf wunderbar erzählte Weise, beginnend in den sechziger Jahren, die französische Autorin Cusset nahe.

Clarisse ist ein Freigeist, eine Lebenskünstlerin, obwohl ihr das Leben nicht immer freundlich mitgespielt hat. Trotz einer traumatischen Erfahrung als junges Mädchen, bereist sie ferne Länder und hängt ihr Herz bedenkenlos an Männer, die ihr nicht gut tun. Mit einem unerschütterlichen Lebenswillen zieht sie letztendlich drei Kinder alleine groß. Paris ist ihr Pflaster, eine kleine Dachgeschosswohnung ihre Oase. Mit dem Alter hadert sie, obwohl sie sich ihre Atrraktivität bewahrt. Dennoch, ein Leben ohne Begehren und mit einem Körper, der für die Liebe zu alt ist, ist für sie nicht vorstellbar.
Ganz anders die pragmatische Ève. Auch sie wuchs in Frankreich auf, ging aber der Liebe wegen mit ihrem Mann in die USA, lebt nun in New York mit zwei recht anstrengenden Töchtern. Obwohl sie ein Studium absolviert hat, merkt sie schon bald, dass ihr das geistig anspruchsvolle Arbeiten nicht gelingt in der Rolle der Mutter, Haus- und Ehefrau. Sie baut ein erfolgreiches Cateringunternehmen auf, das sich schnell einen guten Namen erarbeitet.
Was die beiden so verschiedenen Frauen verbindet, das erfahren wir im letzten Teil des Buches, wo sich für beide überraschend, ein enges Band zwischen ihnen entspinnt. Bis das der Tod sie scheidet...

Mit französischer Leichtigkeit und einem intimen Blick in das Seelenleben der Protagonistinnen erzählt uns Frau Cusset über Frausein mit den entsprechenden Bedürfnissen, Ängsten, der Mutterrolle mit all ihren Facetten und dem Älterwerden und dem Spiegel der Männerwelt. Ich kam beim Lesen in einen regelrechten Sog und kann mir vorstellen, dass es vielen Frauen ganz genauso gehen wird bei der Lektüre dieses eindrucksvollen Romanes.

Annette Matthaei

 


die tote im sturm 150x237

 

Limes Verlag 16,00€

 

Kristina Ohlsson: "Die Tote im Sturm"

August Strindberg, nein, nicht verwandt mit DEM Strindberg, hat die Nase voll von Stockholm. Während der vergangenen Jahre hat er viel Geld verdient und wenig gelebt. Das soll nun anders werden. Spontan erwirbt er ein ehemaliges Bestattungsunternehmen im beschaulichen Hovenäset, und möchte darin einen Seconhand-Laden eröffnen. Noch muss allerdings kurzfristig einiges renoviert werden. Angeblich hat das Unwetter der vergangenen Tage im Haus feuchte Stellen hinterlassen, so der Makler... Vorübergehend zieht August in ein gemütliches Ferienhaus.

Während August noch seine diversen Umzugskartons von rechts nach links schiebt, wird es im Dorf unruhig: die Lehrerin Agnes ist spurlos verschwunden! Eine fieberhafte Suche beginnt, an der sich auch der neue Bewohner beteiligt. Acht Tage nach ihrem Verschwinden gibt es noch immer keine heiße Spur.Die sympathische Kommissarin Maria bezweifelt, dass man Agnes lebend finden wird. Und in dieser angespannten Stimmung erfährt August, dass viele Jahren zuvor ein junges Mädchen in seinem idyllischen Ferienhaus zum letzten Mal lebend gesehen wurde...

August & Maria ergeben ein ungewöhnliches, aber dadurch umso passenderes Team. Kristina Ohlsson unterhält auf spannende Art und Weise, ohne blutgetränkte Horrorszenarien zu ersinnen. Ein für mich absolut gelungener Auftakt zu einer neuen Krimireihe!

Andrea Westerkamp

 


snowflake 150x237

 

mareverlag 24,00€

 

Louise Nealon: "Snowflake"

"Heute ist mein erster Tag an der Uni, und ich habe den Zug verpasst. Billy war sich ganz sicher, dass ich ihn noch kriege. Er hat zu lange mit dem Melken gebraucht und konnte mich erst danach zum Bahnhof fahren. Also komme ich jetzt zu spät. Wozu, weiß ich allerdings nicht so genau. Ich brauche Freunde, aber bis zum Mittag sind bestimmt schon alle guten weg. Es ist Orientierungswoche, und ich habe Collegefilme gesehen – wenn ich an der Uni meine zukünftig beste Freundin oder meine große Liebe treffe, dann am ersten Tag."

Debbie ist ein echtes Mädchen vom Land. Aufgewachsen auf dem familieneigenen Milchviehbetrieb in der Region Kildare, wird sie künftig täglich nach Dublin pendeln, um dort im Trinity College zu studieren. Zwar ist die Welt in Kildare auch nicht unbedingt in Ordnung, eine depressive Mutter, die oftmals tagelang das Bett nicht verlässt, und ein unbekannter Erzeuger nahmen Debbies Kindheit die Unbeschwertheit, aber Onkel Billie sorgte bislang immer für eine gewisse Verlässlichkeit.
In der quirligen Xanther findet sie schon bald eine Freundin, aber das Leben auf der Farm steuert einer Katastrophe entgegen, die Debbies Abnabelung stark beeinflussen wird...

Mit Leichtigkeit und großem Einfühlungsvermögen schreibt diese junge irische Autorin in ihrem Debüt. Ihr Stil und die Geschichte erinnern an "Hardland" von Benedict Wells und/oder an Sally Rooney. Unbedingt empfehlenswert auch für junge Leser:innen!

Andrea Westerkamp