Unsere Buchempfehlungen im November
     


das flimmern der wahrheit ueber der wueste 150x237

 

Kiwi 23,00€

 

Philipp Schwenke: "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste"

Manchmal merkt man Büchern an, wieviel Begeisterung und Leidenschaft des Verfassers in ihnen steckt – so ein Fall ist dieser Karl-May-Roman.

Für uns ist es heute kaum mehr als eine Anekdote, dass Karl May seine Leser ganz bewusst in dem Glauben ließ, er selbst habe die Abenteuer des Old Shatterhand erlebt – ja, er selbst sei Old Shatterhand! Dabei kam Karl May bis zum Alter von knapp 60 Jahren nicht über Sachsens Grenzen hinaus, erst 1899 unternimmt er eine Reise in den Vorderen Orient, für die er immerhin 50.000 Mark eingeplant hatte. Diese Reise wird ein einziges Fiasko und May hat allerhand damit zu tun, sein Selbstbild vor sich zu bewahren. Denn im Gegensatz zu Old Shatterhand ist er weder gewieft noch furchtlos, sondern eher ein eingebildeter Besserwisser und Hochstapler. Er verirrt sich hoffnungslos in den Gassen Kairos, lässt sich auf dem Bazar völlig über’s Ohr hauen und bekommt arge Verdauungsprobleme nach dem Verzehr fremder und ungewohnter Speisen. Kann man sich all das bei Old Shatterhand vorstellen? Keinesfalls, und so muss Karl May sich für jede dieser Malessen phantasievolle Begründungen einfallen lassen – was ihm zum Glück nicht schwer fällt und uns schwerstens amüsiert. Die ersten Tage auf einem Pferd sind für May eine reine Tortur, ohne seinen ägyptischen Diener, der die Situation sehr clever einschätzt und sie zu nutzen weiß, wäre May aufgeschmissen und die angebliche Locke Winnetous, die er stets in einem Medaillon bei sich trägt und auserwählten Bewunderern zeigt, entstammt der Pferdemähne eines profanen sächsischen Gauls.

Wir begleiten Karl May auf seiner abenteuerlichen Reise, gleichzeitig spitzt sich die Lage zu Hause in Radebeul zu, denn es regen sich deutliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit „Old Shatterhands“.
Ein pures Lesevergnügen, intelligent, sehr humorvoll und glänzend recherchiert.

Astrid Henning

 


mittagsstunde 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Dörte Hansen: "Mittagsstunde"

Die Hauptfigur in der „Mittagsstunde“, dem zweiten Roman von Dörte Hansen, ist das Geestdorf Brinkebüll, ein fiktives Dorf in der Nähe von Husum.

Ingwer verließ sein Heimatdorf vor vielen Jahren. Er wurde von seinen Großeltern Ella und Sönke aufgezogen. Ingwers Mutter Marrit ist ein bisschen verrückt, der Vater unbekannt. Die Großeltern bewirtschafteten den Dorfkrug, den Dreh- und Angelpunkt Brinkebülls. Der kleine Ingwer wurde Zeuge von Hochzeiten, Versammlungen und Tanzveranstaltungen auf dem großen Saal. Bereits als lütter Butscher lernte er Bier zu zapfen, immer den Tresen zwischen sich und der Welt, ein eifriger Beobachter. Wenn in Brinkebüll überhaupt geredet wurde, und das war nicht viel, dann nur auf Plattdeutsch. Sehr zum Verdruss von Lehrer Steensen, der 9 Klassen in einem Raum unterrichtete und auch mal Backpfeifen austeilte. Für die Dorfbewohner gehörte das Schweigen und das Wissen um dunkle Geheimnisse der Nachbarn genauso zum Leben, wie die schwere Arbeit und das unwirtliche Wetter.
Ingwer kehrt nun aus Kiel zurück, Sabbatical, um seine alten Großeltern zu versorgen. Er ist noch nicht fertig mit seinem Dorf. Ella hat sich in eine Demenz zurückgezogen, quietscht fröhlich mit einer Plüschmeise im Schoß. Sönke, mittlerweile 93 Jahre, klapperig, aber sturköpfig wie eh und je, plant energisch die Gnadenhochzeit mit seiner Frau, im nächsten Jahr auf dem großen Saal, schon lange nicht mehr genutzt, verstaubte, gute alte Zeit. Überhaupt hat sich viel verändert im Dorf. Die Störche bleiben aus, die Flurbereinigung hat zugeschlagen. Biogasanlagen und Windkrafträder bestimmen das Bild. Dora Koopmanns Laden hat geschlossen, das Vieh ist von den Weiden verschwunden und aus der Dorfstraße, früher gesäumt von uralten Kastanien, ist eine asphaltierte Rennstrecke geworden, die die Kinder frisst.

Über diesem Buch liegt eine leise, feine Melancholie. So hart das Leben auf dem Lande in vergangener Zeit auch war, und das wird in diesem Roman absolut deutlich, ist es doch sehr traurig, das die alten Dorfstrukturen unwiederbringlich zerstört wurden. Und das nicht nur in diesem kleinen fiktiven friesischen Dorf, sondern überall auf dem Lande.
Dörte Hansen ist es wieder bravourös gelungen, ihre Figuren einmalig zu machen. Liebevoll und respektvoll geht sie mit ihnen um. Marrit „Ünnergang“, die halbverrückte Mutter von Ingwer, die vor Jahren ein Blatt der Zeugen Jehovas fand und nun unablässig mit ihren Klapperlatschen auf die Höfe klappert und  den Weltuntergang verkündet. Hanni Thomsen, der auf seinem Mofa bereits morgens angeschickert durchs Dorf knattert und zu „Junge komm bald wieder“ aus der Musikbox immer an der Stelle weinen muss, an der die Mutter von Freddy Quinn ins Spiel kommt. Und nicht zuletzt die kleine, dick bebrillte Gönke Boysen mit ihrem bösartigen Pony und einem Buch in der Hand, wie festgewachsen.
Wie schön, dass ich Brinkebüll mit seinen Bewohnern kennenlernen durfte.

 

Annette Matthaei

 


die kleinen wunder von mayfair 150x237

 

Knaur 20,00€

 

Robert Dinsdale: "Die kleinen Wunder von Mayfair"

Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: „Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium!“
Aufgrund dieser aufmunternden Worte macht sich die sechzehnjährige schwangere Cathy auf gen Mayfair; im Jahre 1906 ist eine junge Frau in ihrem Zustand nirgends willkommen. Dieses Emporium ist ein sagenumwobener Spielzeugladen in London, ein Ort voller Wunder und Magie. Hier gibt es Patchworkhunde, die umherlaufen, filigran geschnitzte Ballerinen, die graziös tanzen, Papiervögel, die von Baum zu Baum fliegen – und Spielzeugsoldaten, die strammstehen und salutieren, wenn jemand an ihnen vorübergeht. Und bei deren Anblick die Augen und Herzen der großen und kleinen Jungs glänzend und rund werden. Aber: hier finden auch all jene Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben. Und genau hier findet Cathy Asyl.
Sie verliebt sich in den älteren Sohn von Papa Jack, Kasper, und wird zu einem Teil der Familie.
Doch nun bricht der Erste Weltkrieg in diese magische Zauberwelt ein, und Cathy und ihre kleine Tochter müssen Kasper in die Schlacht verabschieden. Was zwischen 1914 und 1918 passiert, ist das Ende der Unschuld. Das Ende der kindlichen Fantasien von stolzen, mutigen Soldaten, die in den Krieg ziehen. Als Kaspar, traumatisiert von den furchtbaren Erlebnissen auf dem Feld, nach Hause zurückkehrt, beschließt er, dass das Emporium keine Soldaten mehr verkaufen darf…

Dieses Buch ist wirklich sagenhaft, fantasievoll und fantastisch. Es ist ein Märchen, eine Geschichte, die Teil unserer Geschichte ist, ein Liebesroman, ein Drama und ganz viel Magie. Man verliert sich in dieser Welt, in diesem Emporium – und man ist zwischenzeitlich wieder Kind. „Es ist alles eine Frage der Perspektive, verstehst du? Man kann die erstaunlichsten Dinge erreichen, wenn es einem gelingt, die Perspektive des Kindes nicht zu verlieren.“ Genau diesen sprachlichen Stil, mit einem gewissen melodischen Unterton, vermag der Autor zu halten, und lässt dabei durchaus ernste, nachdenkliche Töne anklingen.
Lassen Sie sich ein auf die Wunder im Emporium, aber auch auf den ernsthaften Hintergrund, der immer mehr zum Vordergrund wird.

Heike Kasten

 


bluthaus 150x237

 

Lübbe 20,00€

 

Romy Fölck: "Bluthaus"

Auch in der Elbmarsch wird gemordet!

Seit Fölcks Erstling "Totenweg" kennen wir Frida Paulsen, die junge Polizistin und Bjarne Haverkorn, den altgedienten Kriminalkommissar.
Erstere hat sich auf den Apfelhof der Eltern zurückgezogen, um ihre Wunden zu lecken und Antwort auf die Frage "bin ich noch willens, den Polizeiberuf auszuüben ?" zu finden. Während Fridas Mutter hofft, ihre Tochter möge unter den unverheirateten Jungbauern der Nachbarhöfe einen passenden Ehemann finden, hat Vater Paulsen eher den Fortbestand seiner Apfelplantage im Auge.
In diese ländliche Idylle platzt mit viel Getöse die Harley Davidson von Jo, Fridas langjähriger Internatsfreundin. Jo verdient ihr Geld als Detektivin in Hamburg. Bjarne Haverkorn wird jäh aus dem Schlaf gerissen - ein brutaler Mord an einer Frau wurde verübt, einzige Zeugin, eine junge Frau mit einer Harley.... Frida wird nicht tatenlos zusehen, wie ihre Freundin unter Mordverdacht gerät. Schluss mit der Auszeit! Stattdessen besorgt sie Pass und Geld aus Jos Büro, und unterstützt somit indirekt die Flucht der dringend Tatverdächtigen. Erst als Frida in Jos Wohnung ein Foto des Bluthauses - das Reetdachhaus auf der Halbinsel Holnis war vor vielen Jahren Schauplatz einer Familientragödie - entdeckt, kommen ihr ernste Zweifel an Jos Unschuld....
Bjarne Haverkorn plagen indes ganz andere Sorgen . In einem Alter, in dem andere Männer Großvater
werden, sieht er sich plötzlich mit einer bislang unbekannten, erwachsenen Tochter konfrontiert...

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


mexikoring 150x237

 

Suhrkamp 14,99€

 

Simone Buchholz: "Mexikoring"

Auf Bandenkriminalität werden wir sogar in der örtlichen Presse aufmerksam gemacht. Berlin, Hamburg, Bremen ist fest in den Händen einiger Klans, die Polizei nahezu machtlos. Genau um dieses Thema dreht sich der aktuelle Krimi um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley.

Trenchcoat, Cowboystiefel, obligate Fluppe, immer leicht desolat und übermüdet, so erscheint sie eines regnerischen Morgens am Tatort Mexikoring, City Nord. Hier brennt ein Auto lichterloh. Das ist ja nichts Neues in manchen Stadtteilen - in diesem Falle schon, denn im Feuerofen befindet sich die Leiche eines jungen Mannes. Gerade eben können Chas und ihr Kollege, der flotte Kommissar Stepanovic, die rote Mähne einer Frau verschwinden sehen, hoch auf dem Dach eines benachbarten Parkhauses. Die nikotingebeutelten Lungen der Ermittler können es mit der flinken Besitzerin der auffallenden Haarfarbe nicht aufnehmen. Die wichtige Zeugin entwischt.
Die Leiche ist schnell identifiziert. Nouri Saroukhan, Jurastudium an der Hamburger Uni, abgebrochen, jetzt angestellt bei einer Versicherung, aus einer, in der  kriminellen Szene in Bremen einflussreichsten Familien. Also ab in die benachbarte Hansestadt, nur um dort auf eine dichte und knallharte Mauer des Schweigens zu treffen. Der Tote stammt aus dem Milieu der sogenannter Mhallamiye-Kurden. Harte, skrupellose Jungs. Die Frauen haben nichts zu melden. Nouri war ein intelligenter, junger Mann, verstoßen von der Familie und in love mit einem  Mädchen aus einem verfeindeten Clan.
Ganz ungefährlich für die Beamten, besonders für eine weibliche Staatsanwältin, ist und bleibt diese Story nicht. Der rote Haarschopf wird zur Lösung des Falles maßgeblich beitragen, Chas wird viele Zigaretten rauchen und sich einige Gedanken über ihren autistischen Lebenswandel, der trotzdem nicht arm an Liebhabern ist, machen.

Das ist wieder einmal gelungende, spannende Unterhaltung auf dem Hamburger Kiez und an anderen bekannten Orten, in diesem Falle eben auch Bremen.
„Als würden die Gebäude über die Menschen hereinbrechen. Eins, zwei, Würfelhusten, große Würfel, alle tot." Eine nicht ganz unpassende Beschreibung des betonwürfelverunstalteten Mexikoring in Winterhude, finde ich… Simone Buchholz macht Spaß!!!

Annette Matthaei


ein lied fuer die geister 150x237

 

Aufbau 12,00€

 

Louise Erdrich: "Ein Lied für die Geister"

Bei Erdrich, Amerikanerin und in den USA Bestseller-Autorin, kommt man nicht mit leichter Lektüre davon. Ähnlich wie in ihrem Roman „Haus des Windes“ beginnt auch dieser mit einem Ereignis, das man am liebsten gar nicht lesen möchte: Wir befinden uns im Jahr 1999. Landreaux, Amerikaner mit indianischen Vorfahren, erschießt statt des wochenlang im Visier gehabten Hirsches aus Versehen den Jungen der befreundeten Nachbarsfamilie. Ein Horror-Ereignis. Landreaux weiß nicht, wie er mit dieser Tat weiterleben soll. Er und seine Frau Emmaline haben jedoch nicht mit ihren alten indianischen Traditionen gebrochen, und nachdem sie in der Schwitzhütte ihre Vorfahren befragt haben – die Geister - , beschließen die beiden eine ungewöhnliche Wiedergutmachung nach altem Brauch: ihr jüngster Sohn, LaRose, Liebling der Familie und von allen, die ihn kennen, soll in die andere Familien übergehen.

Dieses Vorgehen ist für uns unvorstellbar, - ist aber aus Liebe und unendlichem Schuldgefühl geboren, - und LaRose fügt sich. Es bricht den eigenen Eltern das Herz, - die anderen nehmen jedoch das Opfer an, auch, weil die Mutter des erschossenen Sohnes, selbstmordgefährdet ist und aus eigener Kraft nicht aus ihren Depressionen herauskommt. LaRose ist ein sehr besonderes, so viel Liebe versprühendes Kind, dass er es tatsächlich schafft, wieder Wärme in das Heim seiner neuen, gebrochenen Familie zu zaubern. Sehr bald wird beschlossen, dass der Junge wieder zurückkehrt – wenn auch nur zum Teil – er wird zwischen seinen beiden Heimen hin und herwechseln, ist in beiden zuhause. Langsam schafft er es, dass das Leid zurückgedrängt wird und eine gewisse Normalität sich wieder einstellt. Alles könnte gut laufen, wäre da nicht ein alter Widersacher von Landraux, der seit fast Jahrzehnten eine Rechnung mit ihm offen hat und aufgrund dieses Vorfalles seine Chance wittert, Rache zu üben….

Louise Erdrich hat eine so einfühlsame, herzerwärmende Art Menschen anzuschauen und darzustellen, dass man sich ihrer Güte nicht entziehen kann. Was sie darstellt ist nicht immer einfach zu ertragen. Aber sie stellt Menschlichkeit über alles und zeigt, dass nur Liebe und das gnädige Verstreichen der Zeit einen nach so einem Ereignis weiterleben lassen. Zusätzlich, und das ist das Wunderbare an diesem Roman, blitzt überall ihr Humor durch, die Figuren sind originell und haben Witz, und man kann nicht umhin, an verschiedenen Stellen aufzulachen. Ein Buch voller Weisheit, Wärme und Humor!

Christiane Knappe


jetzt ist alles was wir haben 150x237

 

cbj 17,00€
ab 15 Jahren

 

Amy Gilles: "Jetzt ist alles was wir haben"

„Sei die Beste. Und wenn nötig, sei unsichtbar.“ Dies ist das Lebensmotto von Hadley McCauley, Einserschülerin, angepasst, sehr sportlich und erfolgreich, mit vielen Freundinnen aus gutem Hause und mit wohlhabenden, gesellschaftlich sehr angesehenen Eltern. Keiner ihrer Lehrer oder Freunde ahnt auch nur, was sich hinter dieser absolut perfekten Fassade verbirgt. Niemand weiß, wie Hadleys Alltag in ihrer Familie aussieht und keiner hinterfragt ihre plausibel vorgetragenen Gründe für Verletzungen, die sie manches Mal am Körper hat. Hadley ist Meisterin im Verstecken, Tarnen und Kaschieren. Denn Hadleys Vater ist ein grausamer, despotischer Tyrann, der seine Familie beherrscht, kontrolliert und für die kleinsten „Vergehen“ bestraft. Hadley ist der Inbegriff seines Ehrgeizes, sein „Produkt“: Morgens um fünf muss sie im hauseigenen Fitnessraum mit ihm Gewichte stemmen; gute Leistungen sind nie gut genug. Hadley muss die Beste sein, immer und überall.
Hadleys Mutter ist eine schwache Person, die nichts unternimmt, um sich und ihre Töchter zu schützen, weil sie ihren sozialen Status nicht verlieren möchte.
Hadley tut, was sie kann; aber nicht für sich selbst, sondern für ihre kleine Schwester Lila, die sie über alles liebt und die sie um jeden Preis vor dem Vater schützen will. Denn sie weiß: So lange er sie im Blick hat, wird er sich nicht an Lila vergreifen!
Dann jedoch tritt Charlie in ihr Leben, ein junger Mann aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Die beiden verlieben sich ineinander und plötzlich gibt es in Hadleys Leben zum ersten Mal eine Perspektive, ein Fünkchen Hoffnung und ein wenig gesunden Egoismus. Charlie interessiert sich wirklich für sie - und Hadley sich für ihn. Als jedoch ihr Vater von ihrer Beziehung erfährt, sind die Folgen katastrophal.

Kalt lässt dieses sehr gut geschriebene Buch niemanden. Es greift die Themen Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch auf und verarbeitet sie in einer absolut packenden und schlüssigen Geschichte. Sehr eindringlich weist die Geschichte darauf hin, dass Misshandlung und Missbrauch von Kindern kein Thema sozialschwacher Bevölkerungsschichten ist; dass Missbrauch eben nicht unterscheidet zwischen Herkunft und Religion, sozialem Status oder Geschlecht. Und schließlich darauf, dass die Fassade in scheinbar „ganz normalen“ Familien oft noch viel schwerer einzureißen ist als in Familien, deren Probleme von außen klar ersichtlich sind.
Häufig bitten betroffene Kinder vergebens um Hilfe, weil niemand genauer hinsehen will oder das Hinschauen mit unangenehmen Folgen verbunden sein könnte. Dass Missbrauchsopfer im Schnitt achtmal um Hilfe bitten müssen, bevor ihnen jemand Glauben schenkt, ist leider bittere Realität in unserer Gesellschaft!

Die Geschichte geht unter die Haut, sie ist rund und spannend und von der ersten bis zur letzten Seite schlüssig. Gegenwart und Vergangenheit von Hadley fließen immer wieder ineinander. Ein packender Jugendroman, aber auch ein Aufruf an alle, die Augen zu öffnen und den Mut aufzubringen, öfter einmal genauer hinzusehen!

Sabine Christ

 


die mitternachtstuer 150x237

 

Fischer 17,00€
ab 11 Jahren

 

Dave Eggers: "Die Mitternachtstür"

Dave Eggers schreibt einen Roman für Kinder ab 11 Jahren? Geht das? Und wie das geht! Ein Autor, der bislang ausschließlich das gehobene Erwachsenen–Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste – genau dieser Autor begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt und lässt den Leser die „Mitternachtstür“ einfach mal aufstoßen.

Und so landen wir in der amerikanischen Kleinstadt Carousel, die sich tief einbrennt beim Lesen, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird und die ganz sicher kein guter Ort für einen Neuanfang ist. Doch die Familie Flowerpetal kommt zurück: der Vater ist arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund. Und dann gibt es da noch den 12jährigen Gran, der alles andere als hart ist, wie sein Name „Granit“ eigentlich vermitteln soll.  Im Gegenteil: er ist eher unsichtbar. Seine Lehrerin nimmt ihn erst nach Wochen wahr, seine Klassenkameraden schauen einfach durch ihn hindurch.
Doch dann lernt Gran die geheimnisvolle Catalina Catalan  kennen, die sich mit einer Art Türgriff Zugang zu einem unterirdischen Labyrinth verschaffen kann. Gran erfährt, dass die Stadt Carousel vom Versinken bedroht ist – und dass er und Catalina die Einzigen sind, die sie noch retten können. Tja, und dann stürzt die Schule ein, und wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina und helfen ihnen, die Tunnel unter der Erde abzustützen.

Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst – und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise: Lass dir keine Angst einjagen! Glaub nur, was du selber siehst! Vertraue dir selbst! Und traue dir etwas zu! Das sind die Botschaften von Dave Eggers, Botschaften, die nicht nur Kinder benötigen.
Die Mitternachtstür ist eine Gegenbewegung zur Panikmache, ein mutiges Mutmachbuch – und lässt sich im Übrigen auch ausgezeichnet vorlesen.

Heike Kasten

 

Unsere Buchempfehlungen im September


der nasse fisch 150x202

 

Carlsen 17,99€

 

Arne Jysch: "Der nasse Fisch" Graphic Novel

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Buch geschrieben, einen sehr erfolgreichen Krimi. Stellen Sie sich weiter vor, dann käme jemand, der Ihre Geschichte in eine andere Form überführen möchte, sagen wir, in einen Comic. Und dabei würde dann etliches geändert werden. Zum Beispiel gäbe es plötzlich Mörder, die bei Ihnen im Buch nicht gemordet haben; es fehlen auch noch einige Hauptpersonen – und die chronologische Abfolge würde verändert. Und schließlich würde nicht mehr multiperspektivisch erzählt,sondern aus der Sicht eines Ich-Erzählers. Wie würden Sie darauf reagieren? Ganz gewiss nicht wie Volker Kutscher, dem das alles widerfahren ist und der aus vollem Herzen sagt: "Ich finde das Resultat großartig!"

Dieser Volker Kutscher ist der derzeit erfolgreichste Krimiautor; seine 2007 begonnene Serie um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath umfasst bislang sechs der insgesamt neun geplanten Bände. Und nun wurde das Geschehen  von Arne Jyrsch bearbeitet und gezeichnet. Jysch wählt mit dem Ich-Erzähler ein charakteristisches Element der sog. "Schwarzen Serie", jener amerikanischen Erzählweise von Kriminalgeschichten, die Kutscher selbst zu seinen größten Einflüssen zählt. Jysch nun arbeitet mit zugespitzen, sehr geradlinigen Figuren und schafft einen wahrlich mutigen Comic: atmospärisch und mitreißend mit enormem Erzähltempo. Die in Schwarzweiß gehaltenen prachtvollen und detailverliebten Szenarien setzen Maßstäbe.
Kurz zum Inhalt: Der junge Kommissar Gereon Rath wird zur Zeit der Weimarer Republik von Köln nach Berlin versetzt, um dort die Chance für einen Neuanfang zu erhalten. Kaum dort, bringt ihn sein hemdsärmeliges Vorgehen in große Schwierigkeiten, ja, in geradezu unlösbare Zwangslagen.

Wirklich ein schöner Krimiplot. Und das Feine an der Adaption ist, dass Arne Jyrsch in seiner konsequenten Straffung des Romans ein rasantes Tempo erreich, so dass die (gezeichnete) Erzählung schnell eine fiebrig treibende Kraft erreicht.
Gönnen Sie sich einen Blick in das Buch – die Grafik spricht für sich selbst.

Heike Kasten

 


am seil 150x237

 

Diogenes 20,00€

 

Erich Hackl: "Am Seil"

Geschichten von Mut und Zivilcourage kann es gar nicht genug geben und es ist wichtig, sie immer wieder zu erzählen. So eine Geschichte ist „Am Seil“ und in gewisser Weise gehört Erich Hackl zu den Spezialisten, wenn es um das fast beiläufige Schildern besonderer Schicksale geht.

Diesmal erzählt Hackl von Reinhold Duschka, gebürtiger Berliner, als junger Mann in den 30er Jahren nach Wien gezogen, Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger. Duschka gehört zu einer bunt gemischten Gruppe von jungen Leuten, die sich sonntags in der Wohnung von Regina Steinig trifft. Man hat nicht viel Geld, aber es gibt für jeden eine Schüssel Maisbrei und muntere Diskussionen. Zu diesem Kreis gehört auch Reinholds bester Freund Rudi Kraus, ebenfalls Bergsteiger, der eine kurze Beziehung mit Regina hat, aus der eine Tochter hervorgeht. Schon bald werden die Zeiten für Juden in Österreich bedrohlich, Rudi emigriert nach Australien, aber Regina und ihre Tochter können nicht ins Ausland fliehen. Und so, wie man als Bergkameraden mit einem Seil miteinander verbunden ist, auf Solidarität und Zusammenhalt zählen kann, ist es für Reinhold selbstverständlich, Regina und Lucia in seiner Werkstatt über mehrere Jahre zu verstecken, sich für sie verantwortlich zu fühlen. Ohne große Worte, ohne jemals Dank zu erwarten.
Dank Reinhold überleben Lucia und Regina, nach dem Krieg, nach dieser so schicksalhaften Zeit, geht jedoch jeder seiner Wege, alle versuchen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen, und Reinhold wird noch nicht einmal seinen späteren Kindern von dieser Tat erzählen. Erst als er weit über 90 ist, gelingt es Lucia, Reinhold zu überzeugen, die Geschichte dieser Rettung öffentlich zu machen, und so wird er schließlich von der Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet als „Gerechter unter den Völkern“. Ein enger Freund Duschkas schreibt 1993 in seinem Nachruf auf ihn: „Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast.“

Es ist vor allem der Ton Hackls, der diese Geschichte so eindrücklich macht: Ohne Pomp und Pathos berichtet er von Menschlichkeit in schwierigsten Zeiten und überlässt es dem Leser, aktuelle Bezüge zu sehen.

Astrid Henning

 


pfaffs hof 150x237

 

Rowohlt 10,99€

 

Hiltrud Leenders: "Pfaffs Hof"

Es wäre so einfach, eine Kindheit in den 60ern so zu beschreiben, dass alle schmunzelnd mit dem Kopf nicken und in nostalgischen Erinnerungen schwelgen: Man müsste nur mit typischen Markennamen um sich werfen, ein paar politische Ereignisse erwähnen, das Ganze mit der ebenso typischen Rollenverteilung in der Gesellschaft garnieren, und schon hätte man ein harmloses, eben banales 60er Jahre-Buch.
„Pfaffs Hof“ allerdings ist ganz was Anderes: Auch dies ein Erinnerungsbuch, die Geschichte einer Kindheit und Jugend am Niederrhein, auch hier die typische Rollenverteilung. Aber Weniges ist hier lustig, locker und leicht.

Annemie zieht im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in ein „Vertriebenendorf“; streng getrennt nach Konfession leben hier die Katholiken oder die geschmähten Protestanten. Ihre Familie zieht in einen alten Bauernhof und Hiltrud Leenders schreibt so eindringlich und bildhaft, dass wir die Muffigkeit und das Klamme in den unbewohnten Räumen quasi spüren. Die Mutter ist schwanger, Annemie muss beim Umzug, aber auch sonst, schon ordentlich mit anpacken, das findet auch niemand besonders erwähnenswert. Sowieso wird wenig gesprochen in ihrer Familie, denn Fragen und Sprechen – damit hat man in Annemies Familie keine guten Erfahrungen gemacht: Annemies deutlich älterer Bruder Peter hat zuviel wissen wollen über die Vergangenheit des Vaters, der ihn deswegen aus dem Haus geworfen hat. Ein Grund für das bittere Schweigen zwischen Mutter und Vater. Einzig Tante Guste, die ab und an zu Besuch ist, hat Verständnis für Annemie, für ihre Lust am Lesen, schickt ihr Bücher und pflanzt in Annemie eine lebenslange Liebe zur Literatur.

Hiltrud Leenders erzählt von einer Zeit, in der kaum jemand nach Bedürfnissen von Kindern gefragt hat, in der es durchaus noch ums „eingermaßen Durchkommen“ ging: materiell und seelisch. Erst als junge Erwachsene wagt es Annemie, ihren Vater mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren und deutliches Zeichen gegen die Glorifizierung der Geschichte zu setzen. Schlicht und reduziert erzählt, passend zu kargen Atmosphäre von „Pfaffs Hof“, gelingt Hitrud Leenders ein eindrucksvolles Zeugnis der 60er Jahre auf dem Land.

Astrid Henning

 


zippel das wirklich wahre schlossgespenst 150x237

 

dtv 12,95€

6-9 Jahre

 

Alex Rühle: "Zippel das wirklich wahre Schlossgespenst"

Ein herrliches Familienbuch zum Vorlesen oder Selberlesen - Spaß garantiert!!

Paul ist ein Schlüsselkind, und wenn er nachmittags aus der Schule kommt,
begegnet ihm im Treppenhaus höchsten mal Frau Wilhelm. Darauf ist er gar nicht scharf, denn Frau Wilhelm guckt nur mit einem Auge, und das sieht echt gruselig aus...
Hinter Paul liegt  mal wieder ein scheußlicher Schultag. Tim und Tom, seine Klassenkameraden, ärgern ihn mittlerweile fast täglich. Heute im Zeichenunterricht schüttete ihm Tom Wasser aus seinem Pinselbecher in den Kragen und Tim nahm ihm sein Pausenbrot weg. Als Paul nun mit seinem Schlüssel die Wohnungstür öffnen möchte, erlebt er eine riesige Überraschung: vor seinen Augen schwebt zuerst eine winzige, weiße Wolke aus dem Türschloss, die sich aber in Windeseile zu einem sehr wütenen, nicht mehr ganz so kleinen Gespenst materialisiert. Wer wagt es, in sein Schloss einzudringen?? Zippel, so wird Paul seinen neuen Freund nennen, hat jede Menge Unsinn im Kopf. Doch unter seinem Einfluss entwickelt Paul nach und nach mehr Selbstvertrauen und Stärke.

Kinder werden die kleine Gestalt lieben, und wir Erwachsene denken an Pumuckel, das Sams oder -  unvergessen - Preußlers kleines Gespenst.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


lempi 150x237

 

Hanser Verlag 21,00€

 

Minna Rytisalo: "Lempi - das heißt Liebe"

Alles dreht sich um Lempi in diesem Roman. Lempi : Ehefrau, Dienstherrin und Schwester. In diesen drei Rollen wird sie uns beschrieben und so ergibt sich ein äußerst facettenreiches Bild dieser jungen Finnin, Tochter des Kaufmanns in einem kleinen Dorf in Lappland.

Zunächst kommt Viljami zu Wort, der Ehemann, der sein Glück kaum fassen kann. Womit nur hat er es verdient, dass diese hübsche und kluge, fast weltgewandte junge Frau zu ihm auf seinen Hof kommt? Ein Leben führt, das schlicht und oft mühsam ist, ohne Komfort, ohne hübsches Geschirr, feine Wäsche und sonstigen Luxus. Hilfe und eine gewisse Form der Gesellschaft bietet nur Elli, die Magd, von der wir später noch mehr hören werden. Doch bevor dieses Leben sich so richtig entfalten kann, wird Viljami eingezogen, es tobt der 2. WK und so bleiben Lempi und Viljamii nur ein einziger Sommer.
Der Roman beginnt mit Viljamis Heimkehr – immerhin, er hat überlebt. Lieber wär’s ihm allerdings er wäre tot, denn aus einem Brief der Magd weiß er, dass Lempi fortgegangen und schließlich gestorben ist. In Vijamis Abwesenheit hat Lempi einen kleinen Jungen bei sich aufgenommen und einen zweiten geboren, um diese Kinder kümmert sich nun Elli.
Durch Viljamis Augen haben wir eine zärtliche, liebevolle und fleißige Lempi gesehen, aber nun ist Elli dran: im zweiten Teil des Romans schildert sie ihre Dienstherrin. Zunächst mal muss man unbedingt erwähnen, dass Elli geradezu zerfressen ist vor Eifersucht. Sie wäre die bessere Frau für Viljami gewesen, nicht diese verwöhnte junge Frau aus der „Stadt“, die sich für jede Arbeit zu fein ist, sich dumm anstellt, außerdem falsch und faul ist. Aber der gute Viljami ist ja so verblendet vor Liebe, dass er gar nichts merkt…
Die dritte Perspektive im Roman ist die von Lempis Schwester Sisko, die wohl den klarsten Blick auf Lempi hat. Zwillingsschwester wohlgemerkt. Während der deutschen Besatzung beginnt sie ein Verhältnis mit Max, einem deutschen Soldaten. Mit ihm wird sie später nach Hamburg gehen, aber eine glückliche Liebe ist es nicht. Von Sisko erfahren wir, warum Lempi zu Viljami auf den Hof gegangen ist, eine besondere Pointe gegen Ende des Romans.

Rytisalo gelingen drei völlig unterschiedliche Tonlagen: schwärmerisch, gehässig und liebevoll realistisch. Zusammengesetzt ergeben sie ein sehr rundes Portrait dieser lebenslustigen, jungen Finnin, ganz sicher enthält jeder der drei Blickwinkel ein Stückchen Wahrheit. Gerade in diesen Kontrasten liegt der besondere Reiz dieses schmalen Büchleins.

Astrid Henning

 


ich bin ich bin ich bin 150x237

 

Piper 22,00€

 

Maggie O'Farrell: "Ich bin Ich bin Ich bin"

Wie nähert man sich einem Buch von dem die BRIGITTE ( immerhin 5 „Bs“, die höchste Bewertung!!!) schreibt, dass die Autorin sich in ihren Memoiren nicht mit ihrem Leben, sondern mit insgesamt 17 Situationen, in denen sie beinahe ihr Leben gelassen hat, beschäftigt? Nicht besonders aufbauend...
Ich war vorsichtig gespannt, aber vorab schon mal positiv von ihr eingenommen, als ich im Klappentext las, dass sie mit einem meiner Lieblingsjugendbuchautoren, William Sutcliff, verheiratet ist. Drei Kinder haben die beiden und leben - hoffentlich noch alle 5 - in Edinburgh.

Mit 8 Jahren erkrankt das quirlige, bewegungsfreudige Mädchen Maggie an einer Virusinfektion. Die Ärzte haben sie bereits aufgegeben, doch sie schafft es, zu überleben - muss allerdings über ein Jahr in der Reha im Rollstuhl verbringen. Zurück bleibt eine leichte Ataxie und eine Wahrnehmungsstörung, die sie in ihrem weiteren Leben immer wieder vor große Herausforderungen stellen werden und sie gehandicapt bleiben lassen.
Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung der Kindheit, die sie sensibel für Situationen werden lässt, die lebensbedrohlich sind. Zweimal wird sie beinahe ertrinken. Als junge Frau wird sie bei einem einsamen Waldspaziergang einem Mann begegnen, der sie bedroht. Sie zeigt den Vorfall an, die Polizei nimmt sie nicht ernst. 14 Tage später wird eine 20jährige tot und geschändet in eben diesem Wald aufgefunden…
Die Geburt ihrer ersten Tochter verläuft für Mutter und Tochter fast tödlich. Ein weiteres Kind stirbt im Mutterleib. Eindringlich auch die Schilderung eines allergischen Schocks der Tochter, mitten in der Pampa irgendwo im italienischen Hinterland…

Sie fragen sich jetzt, warum dieses Buch so sehr lesenswert ist?! Letztlich geht es um das Sein. „Ich bin, ich bin, ich bin“ ist das Mantra der Autorin, sie hat alle diese Dinge überlebt, jeder neue Herzschlag ist das, was zählt. Das Leben ist ein Grenzgang, der Tod mitbestimmend und aus dem Erlebten setzen  sich Verhalten und Stärke eines jeden zusammen.
Zutiefst beeindruckend ist dieser Roman, und nicht deprimierend, wie man vielleicht vermuten könnte. Frau O‘Farrell hat meine Gedanken noch lange an ihre Geschichte gefesselt… Absolut lesenswert.

Annette Matthaei

 


nichts was uns passiert 150x237

 

Verbrecher Verlag 19,00€

 

Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert"

Eine Feier, Alkohol, ein Kuss – und dann eine Situation, die entgleist, die zwei Leben entgleisen lässt.
Bettina Wilpert greift in ihrem Debüt unerschrocken nach einem Thema, an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann. Sozusagen mitten ins Herz der #meToo-Debatte erzählt sie, wie widersprüchlich zwei Menschen ihren One-Night-Stand in Erinnerung haben. Dieser Roman ist die minimalistische Spurensuche einer Vergewaltigung, die – und das ist der springende Punkt – ebenso real wie erfunden sein kann. Denn sie wird von einer Frau, Anna, behauptet und von einem Mann, Jonas, bestritten. Und in diesem Widerspruch liegt eine moralische und gesellschafts-politische Tragödie, die Wilperts sachlicher Erzählton und ihre dokumentatorische Erzählweise schnörkellos ausformt.

Sommer 2014: in Brasilien tobt die Fußball-WM, in Deutschland herrscht Partystimmung, und im Leipziger Studentenmilieu wird natürlich mit ordentlich Alkohol gefeiert. Anna und Jonas verbringen eine Nacht miteinander, aus der aber nichts folgt: kein gemeinsames Frühstück, keine weiteren Verabredungen. Zufällig treffen sich die beiden auf einer Geburtstagsfeier wieder und landen sturzbetrunken im Bett. Als Anna am nächsten Morgen aufwacht, dämmert ihr, dass sie von Jonas vergewaltigt wurde. Zwei Monate später, zu spät für eine gerichtsmedizinische Untersuchung, zeigt sie ihn bei der Polizei an. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf – und dem jungen Mann wird quasi der Boden unter den Füßen weggezogen. Was Anna als Vergewaltigung erlebt hat bzw. erlebt haben will, war für Jonas nicht der beste, aber ohne jeden Zweifel einvernehmlicher Sex. Der Fall zieht Kreise, erst an der Uni, schließlich in der ganzen Stad. Zwei Menschen stehen gleichermaßen, aber aus anderen Sichtweisen, am Pranger. Zwei Menschen stehen eigentlich vor den Trümmern ihres Lebens. Zwei Menschen, die eine Episode teilen, die nur sie bezeugen können. Anna sieht sich als infame Falschbeschuldigerin diffamiert, Jonas als brutaler Vergewaltiger.

Wer beide kennt, gerät unversehens unter den sozialen Druck einseitiger Parteinahme – und der Roman entzieht sich dessen ganz konsequent. Er urteilt nicht, im Gegenteil: worauf er abzielt ist vielmehr die Unmöglichkeit eines Urteils, eine Aporie der Wahrheit. Von der ersten bis zur letzten Seite blickt der Leser in ein Vexierbild, das zu erschaffen neben erzählerischer Könnerschaft auf literarische Intelligenz verlangt. Wo beginnt eine Vergewaltigung, und wo endet die Ambivalenz einer sexuellen Interaktion?
Dieser Roman geht nahe, er geht unter die Haut – und er ist gesellschaftliche Realität.

Heike Kasten

 


das verschwinden des josef mengele 150x237

 

Aufbau 20,00€

 

Olivier Guez: " Das Verschwinden des Josef Mengele"

Eine gewisse Ermüdung nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen unserer Leserinnen und Leser macht sich breit, wenn es um Themen des Dritten Reichs geht. So griff ich nur zögerlich zu dem schmalen Buch von Olivier Guez, das sich um den "Todesengel" von Auschwitz dreht. Ich habe es am Stück durchgelesen....

Als Josef Mengele 1949 mit der "North King" in Argentinien landet, wird er sogleich in die Gesellschaft eingeführt: Nazitäter und Nazibewunderer zählen ebenso zu seinem Bekanntenkreis, wie einflussreiche Politiker um das Ehepaar Peron. Helmut Gregor, so lautet Mengeles neuer Name, lebt unbehelligt und in gewissem Wohlstand durch die finanzielle Unterstützung der väterlichen Landmaschinenfabrik in Günzburg. Als sich seine erste Frau scheiden lässt, überredet ihn der Vater, die verwitwete Schwägerin Martha zu heiraten. Das Paar lebt mit Mengeles Neffen in Uruguay. Ende der Fünfzigerjahre versteckt sich Mengele zunehmend panisch erst in Paraguay, später dann in Brasilien. 1979 stirbt Josef Mengele in Bertioga/Brasilien.

Zwar muten einige Formulierungen in dem Tatsachenroman etwas befremdlich an, das überliest man jedoch locker, weil die (bekannte) Biographie dermaßen kompakt und fesselnd aufbereitet wird.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


der rote swimmingpool 150x237

 

Hanser 19,00€

 

Natalie Buchholz: "Der rote Swimmingpool"

Adam ist 17 und lebt mit seinen Eltern in einem gehobenen Stadtteil von München. Sein Vater ist ein erfolgreicher Mann, tatkräftig und voller Energie. Und das Schönste ist, dass er seine Frau, die wunderschöne Französin Eva, „la bombe“, auf Händen trägt. Adam genießt es, dass seine Eltern eine so gute Ehe führen. Bei Ihnen wird gelacht, gesungen und geküsst. Das ist keine Selbstverständlichkeit, die Familien von seinen Freunden sind ausnahmslos zerrüttet. Allen voran die von seinem etwas nerdigen Freund Tom, der ihm in schweren Zeiten zur Seite stehen wird. Wenn seine Mutter mit ihrem schlanken Körper in einem knappen schwarzen Badeanzug in den eigens vom Vater knallrot gekachelten Swimmingpool gleitet und dort kraftvoll ihre Bahnen zieht, bleibt dem einen oder anderen Kumpel schon mal der Mund offen stehen. Adam ist stolz auf und glücklich in seiner Familie.
Umso härter trifft es ihn, als der Vater kurz vor Weihnachten Knall auf Fall auszieht und den Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn komplett abbricht. „Er vögelt eine andere“ ist der einzige Kommentar, den seine Mutter, am Boden zerstört, dazu abgibt. Auch sein Vater verweigert jedes eingeforderte Gespräch und bittet seinen Sohn einzig um Zeit, Geschehenes zu verarbeiten. Aber was ist geschehen??? Adam fühlt sich wie im Schleudergang, durchlebt eine grauenhafte Zeit mit der ungezügelten Wut und der tiefen Verzweiflung eines Heranwachsenden.

Dass er etwas sehr Schlimmes getan haben muss, ahnen wir, da die Handlung kapitelweise in den nachfolgenden Sommer springt und wir ihn zu Hausbesuchen begleiten. „Der Angeklagte wird zu 120 Arbeitsstunden verurteilt, die in der Altenpflege abzuleisten sind.“ So das Gerichtsurteil des Jugendgerichtes München. Adam kümmert sich rührend um alte Demente, wäscht verwelkte Haut, putzt sabbernde Münder.
Bei einer alten Dame lernt er deren Urenkelin kennen. Tina heißt sie, „ist umgeben von Licht“ und Adam ist sofort verzaubert von diesem selbstbewußten, faszinierenden Mädchen. Es beginnt eine zarte Liebesgeschichte in einem heißen Sommer, die es Adam ermöglicht für sich wieder einen Sinn im Leben zu erkennen, sich von den alten familiären Strukturen zu befreien und für seine Eltern ein Quäntchen Verständnis zu entwickeln.

Eine große Liebe geht, eine neue Liebe kommt, das beschreibt Nathalie Buchholz in ihrem Debütroman mit einer Leichtigkeit, ohne die Intensität der Gefühle der Protagonisten zu vernachlässigen. Mir haben Inhalt und Schreibstil ausnehmend gut gefallen!

Annette Matthaei

 


ohne ein einziges wort 150x237

 

Goldmann 9,99€

 

Rosie Walsh: "Ohne ein einziges Wort"

Ein jeder hat es vermutlich schon einmal erlebt: man lernt jemanden kennen, alles ist wundervoll - und dann absolute Funkstille.

Sarah Harrington, Ende 30, frisch getrennt, besucht ihre Eltern im England, ihrer alten Heimat. Vor zwanzig Jahren hat sie die Insel fluchtartig verlassen. Auf einem ihrer Spaziergänge lernt sie Eddie kennen  - und verbringt sieben wundervolle, romantische, geradezu irrsinnig perfekte Tage bei und mit ihm. Eigentlich ist es glasklar, dass die Beiden quasi füreinander bestimmt sind! Dann muss Eddie verreisen, und er verspricht Sarah, sich bei ihr auf dem Weg zum Flughafen zu melden. Jedoch: er ruft nicht an! Er ist auch überhaupt nie und nirgendwo zu erreichen. Natürlich ist Sarah verzweifelt, aber sie weiß, dass irgendetwas passiert sein, dass es einen Grund für sein Verschwinden geben muss! In ihrer Verzweiflung wird sie unterstützt von ihren zwei besten Freunden, doch auch diese raten ihr allmählich, Eddie zu vergessen. Sarah hingegen ist weiterhin felsenfest von ihrer These überzeugt - und scheut sich auch nicht, ausgesprochen peinliche Vorfälle in Kauf zu nehmen, bei ihren Versuchen, Eddie aufzuspüren. Und nun, nachdem sich Puzzleteilchen auf Puzzleteilchen legt, kommt ihr ein grauenhafter Verdacht!

Die Geschichte von Sarah und Eddie, in einer gefühlvollen und teilweise poetischen Sprache geschrieben, wird stets unterbrochen durch Blicke in die Vergangenheit. Und durch Briefe - Briefe, die über 20 Jahre lang an eine vorerst nicht genannte Person geschrieben wurden.
Mit viel Feingespür nimmt uns die Autorin mit und enthüllt scheibchenweise ein Schicksal, das das Leben zweier Familien in der Vergangenheit zerstörte und viele Wunden und tiefe Narben hinterließ. Ein großer Pluspunkt des Romans ist, dass es sich eben nicht um eine typische Liebesgeschichte handelt; das Buch unterscheidet sich daher deutlich von anderen seines Genres.
Für mich ist dieses Debüt, das übrigens gleich in 30 Länder verkauft wurde, die perfekte Sommerlektüre!

Heike Kasten

 


die frau die liebte 150x237

 

dtv 18,00€

 

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"

Wir tauchen in diese Geschichte ein an einem Abend des Jahres 1536, in einem Dorf in Südfrankreich: Martin Guerre und Betrande des Rols, zwei Kinder von 11 Jahren, Kinder reicher aber bisher verstrittener Bauernfamilien, werden verheiratet, um die Familien zu befrieden. Sie verbringen ihre Hochzeitsnacht Rücken an Rücken in ihrem zukünftigen Ehebett - das Mädchen Bertrande vor allem froh, dass sie von ihrem Gatten nicht behelligt wird  - und beginnen ihre Ehe ein paar Jahre später.
Es wird eine glückliche Ehe! Die Familie prosperiert und lebt ein üppiges  Bauernleben. Doch eines Tages, nachdem er gegen eine von der Vaterautorität gesetzte Regel verstoßen hat, muss Martin für eine Weile verschwinden, um der Strafe des Vaters zu entgehen. Bertrande weiß, dass er das tun muss und heißt es richtig und sie weiß, in einer Woche sehen sie sich wieder. Doch es werden acht Jahre. Qualvolle Jahre für die daheimgebliebene Bertrande, die in ihren besten Jahren ist und ihren Mann schmerzlich vermisst.
Als nach acht Jahren Martin Guerre das Bauernhaus betritt, sind alle - und allen voran seine Ehefrau - selig vor Glück. Ein weiteres Kind wird geboren, der Hof blüht und gedeiht. Doch Bertrande kommen, was keiner verstehen kann, Zweifel. Ihr Ehemann war strenger als der jetzige, sein Charakter war ein anderer - konnte es sein, dass dieser hier nicht ihr wirklicher Mann war? Als Bertrande diesbezüglich keinerlei Zweifel mehr hat und sich dieses Mannes  - und ihrer Sünde! - entledigen will, geht sie vors Gericht und löst damit eine Tragödie aus.

Janet Lewis hat in diesem wiederentdeckten Roman von 1941 einen berühmten Fall aus der französischen Rechtsgeschichte des 16. Jahrhunderts literarisch umgesetzt, und es ist ein beeindruckendes Stück großer Literatur geworden. Sie lässt einem mit ihrer kraftvollen und poetischen Sprache Zeit, genussvoll in die damalige Welt einzutauchen, man kann die Erde, den Wein, das Gras, ja sogar die Landschaft und das Wasser dort förmlich riechen und wird eingesogen in das Leben - auch in das Seelenleben - von Bertrande.
Ein zart und wunderschön aussehendes Büchlein und innendrin ein kraftvoller und durch und durch fesselnder Roman!

Christiane Knappe

 


emmi und einschwein 150x237

 

Oetinger 13,00€
ab 8 Jahren

 

Anna Böhm: "Emmi & Einschwein - Einhorn kann jeder"

Emmi Brix hat eine große Schwester und einen kleinen Bruder, ihre Eltern arbeiten beide und Emmi geht zur Schule. So weit ähnelt Emmis Leben dem Leben der Kinder in unserer Welt sehr, doch Emmi lebt in einem Fabelland. Dort bekommt jeder Mensch an seinem 10. Geburtstag ein eigenes Fabeltier, das ihn fortan sein Leben lang begleiten wird. So leben in Emmis Familie eben nicht nur fünf Menschen, sondern auch noch Pieps, der Zweifühlige Blütenspatz von Emmis Mutter, der seherische Fähigkeiten hat und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Blüten streut, Henk, der Blaue Drachlinger von Vater Professor Doktor Heinrich Brix, der mit seinem Feuer Würstchen rösten kann und ab und an etwas ordinär ist, und die Klingende Wildkatze Mexi ihrer Schwester Meike, die für ihr Leben gerne Musik macht. Emmis sechsjähriger Bruder Fiete hat noch kein Fabeltier, aber seinen Kuschelzwerg Fips, der ihn überall hin begleitet.

Nun steht Emmis 10. Geburtstag an, und, was keiner aus Emmis Familie weiß, Emmi wünscht sich sehnlichst ein Einhorn. Ein Einhorn ist das beste Fabeltier, das man bekommen kann: es ist weise, anmutig und vornehm! Da Emmi in der Schule alles andere als beliebt ist und Antonia, ein Mädchen aus ihrer Klasse, ihr mit ihren Freunden regelmäßig zusetzt, würde Emmi mit einem Einhorn in der Beliebtheitsskala bestimmt einige Stufen nach oben klettern. Als sie dann auch noch kurz vor ihrem Geburtstag von einem goldenen Horn träumt (was man so kurz vor dem großen Tag träumt, wird bekanntlich wahr), scheint es sicher...
Als sich die Familie an Emmis Geburtstag schließlich auf einer Waldlichtung um den geheimnisvollen Fabelbaum der Familie versammelt, Nebel aufsteigt, Emmi ihr Gedicht aufsagt und das Fabelband in die Luft wirft, das sie künftig mit ihrem Fabelwesen verbinden soll, hopst aus dem Nebel ein kleines, rosa Schweinchen mit einem goldenen Horn auf der Nase, das so absolut gar nichts vom Anmut und den eleganten Eigenschaften eines Einhorns hat! Emmi ist erst einmal fassungslos ist und weigert sich, sich mit der Situation abzufinden. Zumal das Plappermaul Henk ihren Schulkameraden bereits am Tag zuvor verraten hat, dass Emmi von einem goldenen Horn geträumt hat und alle zur Geburtstagsparty kommen wollen, um Emmis Einhorn zum ersten Mal zu sehen...

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


wurzeln schlagen 150x237

 

Rowohlt 20,00€

 

Allan Jenkins: "Wurzeln schlagen"

Was für ein besonderes und auch besonders schönes Buch! Allan Jenkins ist ein britischer Journalist und Restaurantkritiker, der uns mit diesem Buch an einem außergewöhnlichen Garten-Jahr teilhaben lässt. Jenkins wohnt in London und hat das Glück, neben seiner Wohnung auch Besitzer einer kleinen Gartenparzelle zu sein, Parzelle 29.

Und diese Parzelle ist nicht einfach nur ein Ort, an dem er sät und pflanzt, gräbt und erntet. Es ist viel mehr: ein Ort der Ruhe und der Besänftigung, des Trostes und der Zugehörigkeit. Ursprünglich wollte Jenkins wirklich ein Gartenjournal schreiben, ein persönliches, das schon. Herausgekommen aber ist eine Suche nach den eigenen Wurzeln, eine Suche, die sehr oft schmerzhaft war.
Allan Jenkins wurde bereits mit drei Monaten in ein Waisenhaus gegeben, später zusammen mit seinem etwas älteren Bruder Christopher. Ihre Mutter, Sheila, haben sie bewusst erst mit etwa 30 Jahren kennengelernt, eine ziemlich dumpfe, schlichte Person, sieben Kinder von sieben Männern, die ihre Kinder größtenteils gar nicht kennengelernt haben. Mit knapp fünf Jahren kommen Christopher und Allan zu Pflegeeltern, es beginnt eine zunächst ruhige Phase in ihrem Leben, aber von Liebe konnte auch hier nicht die Rede sein. Zuneigung höchstens, die man sich durch gutes Betragen aber immer erneut „verdienen“ musste, spätestens mit Beginn der Pubertät beginnen massive Schwierigkeiten und die Jungs werden wieder weggeschickt.
Immerhin hat ihm sein Pflegevater damals eine Tüte mit Kapuzinerkresse-Samen geschenkt und damit beginnt eine lebenslange Leidenschaft. Parallel zur Suche nach eigenen Wurzeln nimmt uns Jenkins immer wieder mit in seine Parzelle und berichtet mit ungeheurer Liebe vom Pflanzen und Wachsen, vom Behüten der kleinen Sämlinge und der Freude an kraftvollem Gemüse und Blumen. Tatsächlich gelingt es Jenkins in mühevoller Kleinarbeit, seinen Vater ausfindig zu machen, auch wenn der mittlerweile nicht mehr lebt. Dazu gehört aber auch das Studium der eigenen Akte und somit die Konfrontation mit viel Kummer, Einsamkeit und Verzweiflung.

Ein wunderbares Buch für alle, denen die Natur Trost ist, die Gartenarbeit lieben und mit dem Ausdruck „geerdet sein“ auch in dieser Hinsicht etwas anfangen können.

Astrid Henning

 


eine liebe in gedanken 150x237

 

Luchterhand 20,00€

 

Kristine Bilkau: "Eine Liebe in Gedanken"

Was für ein wunderschön trauriger Roman, der mich beim Lesen und auch im Nachgang intensiv beschäftigt hat.

Antonia, genannt Toni, geht 1964 als Neunzehnjährige aus dem kleinstädtischen, engen Flensburg nach Hamburg. Ein kleines Zimmer zur Untermiete hat sie bei ihrer gestrengen Wirtin. „Kein Männerbesuch nach 22 Uhr, mein Fräulein…“
Toni sprüht vor Neugier und Lebensfreude, trägt Mini in schrillen Farben und liebt amerikanische Musik. Den stillen und eher introvertierten Edgar bezaubert sie sofort durch ihre Anmut und ihren Esprit. Er ist in sehr jungen Jahren versehentlich zum Vater geworden, versorgt Mutter und Kind gewissenhaft mit Geld. Eine Beziehung ist aus dieser Liaison aber nie geworden. Toni und Edgar werden ein Paar. Sie, die Lebenskünstlerin, zaubert aus einem leeren Kühlschrank doch noch einen französischen Abend mit altem Camembert, trockenem Baguette, Champagner in Kelchen und Edith Piaf auf dem Plattenspieler… Er, der Pragmatische, fährt sie an verwunschene Orte mit seinem pistaziengrünen Käfer und gibt ihr Geborgenheit. Die große Liebe, wohl für beide. Daran ändert sich auch vorerst nichts, als sie, die inzwischen erfolgreich zur Chefsekretärin aufgestiegen ist, ihn ermutigt,die Chance wahrzunehmen, eine Niederlassung seiner Firma in Hongkong aufzubauen. Wenn genug Geld zusammen gespart ist, wird sie ihm folgen.

Der Abschied am Flughafen ist schwer, aber alles wird gut werden. Unzählige Luftpostbriefe werden sich kreuzen. Doch es ist nicht leicht den Kontakt so innig aufrecht zu erhalten, sind die Nachrichten, die man bekommt bereits drei Wochen alt. So vergeht mehr als ein Jahr. Eines Tages das ersehnte Telegramm: Löse Wohnung auf, kündige Anstellung, Flugschein kommt in Kürze… Dieser Flugschein wird Toni nie erreichen.
Sie gibt alles auf, wartet Monat um Monat...nichts. Schlussendlich löst sie die Verlobung, wendet sich anderen Männern zu und wird Mutter einer Tochter. Die Geschichte erzählt uns sehr einfühlsam und respektvoll ebendiese Tochter, nachdem ihre Mutter gestorben ist und ihr die Aufgabe zukommt, die Wohnung mit all den Briefen und Erinnerungen von Toni aufzulösen. Toni, die niemals mehr bei einem Mann ihre Ausgeglichenheit fand, die allein starb. Einmal noch traf sie Edgar, 2006, der ihr keine Antwort auf ihre Fragen gab, sie nur mit den Worten verabschiedete : „Geh zurück in deine rosarote Welt“. Eine Welt, die schon lange nicht mehr, vielleicht nie rosarot war…

Mit schöner Sprache vermittelt uns Frau Bilkau die Enge der 60er Jahre - besonders für Frauen - die schwere Verletzung einer gescheiterten Liebe und doch dem Willen, danach  weiterzuleben, wenn auch mit Melancholie. Ein wunderschönes Buch! Danke!!!

Annette Matthaei

 


auster und klinge 150x237

 

C.H.Beck 19,95€

 

Lilian Loke: "Auster und Klinge"

Dieser Roman hat von allem etwas: Gaunergeschichte, Krimi, Liebesroman, Künstlerroman – suchen Sie sich was aus, es ist alles drin. Dazu noch eine Prise Gesellschaftskritik plus Leidenschaft für gute Küche: voilà, das ist „Auster und Klinge“.

Victor ist frisch aus dem Knast entlassen und sein einziges Ziel ist es, Frau und Kind wiederzugewinnen. Victor war Kellner in sehr guten Hotels, hier hat auch seine Frau kennen- und lieben gelernt. Gleichzeitig war er aber schon in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Dieb, jemand, der mit 11 gekonnt Schokoriegel mitgehen lässt, weil er den Kick daran liebt. Und so hat er neben seiner braven Kellner-Existenz ein astreines Doppelleben als Einbrecher geführt, alles immer blitzsauber und ohne Spuren hinterlassen, nie Gewalt gegen Menschen ausgeübt, bis auf ein Mal…sein letztes Mal.
Aber warum war der 80 jährige Hausbesitzer auch überhaupt zu Hause? Victor hatte alles so sorgfältig recherchiert. Und dann geht ihm der Alte auch noch an die Gurgel! Da musste er sich natürlich wehren, leider stand zwei Minuten später die Polizei vor dem Haus und Victor wanderte für 1,5 Jahre ins Gefängnis.
Jetzt ist sein Plan, ein superedles Restaurant zu eröffnen, eine absolut ehrliche Existenz zu führen, ihm fehlt nur das Startkapital. Da begegnet ihm Georg, ein kleiner Spinner und Lebenskünstler, wie es zunächst scheint. Maler, politischer Performance-Künstler und, wie sich herausstellt: schwerreicher Erbe eines „Schweinezucht“-Unternehmens. Für sein neuestes Kunst-Projekt muss Georg sich besondere Kenntnisse aneignen, er will nämlich in Häuser einsteigen, um dort ganz bestimmte Spuren zu hinterlassen. Na, ahnen Sie den Deal? Victor zeigt Georg das Handwerkszeug und kassiert dafür das Startkapital für sein Restaurant. Bis Georgs Aktion ziemlich aus dem Ruder läuft…

Lilian Loke ist eine junge deutsche Autorin mit einer rasanten, präzisen Sprache, begabt mit einem genauen Blick für Menschen und ausgestattet mit wunderbarem, durchaus zynischem Humor. Für mich eine wirkliche Entdeckung!

Astrid Henning

 


wanderlust 150x188

 

Gestalten 39,90€

 

Cam Honan: "Wanderlust - Unterwegs auf legendären Wegen"

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele.“
 (Josef Hofmiller, Schriftsteller und Lehrer)

In unserer zunehmend chaotischen Welt finden heute viele Menschen auf Wanderwegen vor allem Orientierung. Was sonst so kompliziert erscheint, wird plötzlich ganz einfach: Es gibt einen klar definierten Anfangs- und Endpunkt und dazwischen liegt ein mehr oder weniger mühsamer, steiler, steiniger, schattiger oder wie auch immer gearteter Weg.
Egal, ob wir drei Kilometer oder 30 km wandern, wir versuchen in dieser Zeit lediglich, den Weg nicht zu verlassen und irgendwann anzukommen. Die reduzierte Bewegung beim Wandern hat heute immer mehr eine existentielle Bedeutung: Während der technische Fortschritt mehr und mehr räumliche Distanzen einfach aufhebt, erleben wir beim Wandern ganz bewusst, wie jeder unserer Schritte von unserem eigenen Willen bestimmt wird. Das Wandern gibt uns die Möglichkeit zurück, so langsam zu werden, dass unsere Sinne all das Wunderbare wieder erfassen können, das unsere Erde in ihrer unendlichen Vielfalt zu bieten hat.
Beim Durchblättern dieses zauberhaften Buches spürt man förmlich, wie die unterschiedlichen Gegenden der Welt durch Wege zusammengehalten werden, und welche enormen Dimensionen in dem einfachen Wort „Weg“ verborgen liegen. Wir stoßen auf moderne Wanderwege und auf uralte, bis in die Antike zurückreichende Handelswege; wir finden einen Esels- und einen Kamelpfad, gehen über einen zugefrorenen Fluss in Indien, laufen durch wilde Wälder in Norwegen und durch Salzbecken in Tansania, die unter dem Meeresspiegel liegen. Alle Kontinente der Erde sind vertreten. Es gibt lange und kurze Wege, steinige, kurvenreiche und sehr gerade- für jeden ist etwas dabei.

Zu allen Wegen finden sich im Buch Hintergrundinformationen und hilfreiche Tipps und Tricks für die Reise. Der wunderschöne Fotobildband weckt das Fernweh, führt zurück zu den Ursprüngen und lässt uns die Ruhe und Vielfalt der Natur schon beim Betrachten spüren. Eine unerschöpliche Quelle der Inspiration, ein Genuss für die Sinne und vielleicht der Beginn eines spannenden Urlaubsplanes!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


kleine feuer ueberall 150x237

 

dtv 22,00€

 

Celeste Ng: "Kleine Feuer überall"

Amerika, Cleveland, eine Siedlung namens Shakers Heights. Diejenigen, die es hierhin geschafft haben, gehören zu den Gewinnern. Shakers ist ein Stadtteil, vor 100 Jahren gegründet, in dem alles geregelt und ordentlich ist. Die Müllmänner holen die Tonnen hinter den Häusern hervor, damit den Anwohnern der Anblick von wartenden, stinkenden Müllbehältern erspart bleibt. Die Rasenflächen sind mit der Nagelschere vom Gärtner gepflegt…
Hier wohnen die Richards, bereits in der zweiten Generation. Er Staranwalt, sie bissige Hausfrauenjournalistin und die vier nahezu perfekten Kinder. Zusätzlich zu ihrem großzügigen, gestyltem Heim sind sie glückliche Besitzer einer Zweitimmobilie in Shakers Heights. Ein kleines ererbtes Häuschen, das an Leute vermietet wird, denen Elena Richard gerne mal eine Chance gibt. Man ist ja großzügig. Dankbarkeit ist obligat.

Das große Los ziehen Pearl und ihre Mutter Mia. Die beiden führten bisher ein Nomadenleben durch ganz Amerika. Mia ist Künstlerin. Fotografin. Doch zum großen Durchbruch hat es bisher nicht gereicht. Jedesmal, wenn ein Projekt abgeschlossen ist, treibt es die Mutter beinahe zwanghaft weiter durch das riesengroße Land. Nun soll es anders werden. Mia verspricht ihrer 16jährigen Tochter endlich an einem Ort sesshaft zu werden. Pearl möchte Freunde finden, zu einer Clique gehören, angekommen sein. Ein legitimer Wunsch für einenTeenager. Das neue Heim ist für die Heranwachsende ein Paradies, wenn auch die Möbel provisorisch sind, die Klamotten aus Secondhandläden kommen. Geld ist Mangelware, Liebe gibt es umsonst…
Es dauert nicht lange und Pearl freundet sich intensiv mit dem jüngeren Sohn der Familie Richards, dem eher schüchternen, aber sensiblen, intelligenten Moody an. Die beiden sind bald ein unzertrennliches Paar, rein platonisch, zumindest von Pearl‘s Seite aus. Moody führt seine Freundin zu Hause ein und es dauert nicht lange, da ist Pearl mehr auf dem eleganten Sofa der reichen Familie zu finden, als zu Hause bei ihrer eher freakigen Mutter - Daily Soaps schauend, die älteren Geschwistern Trip und Lexie ihres neuen Freundes anhimmelnd. Pearl möchte dazu gehören zu dieser Welt des Glanzes und der Selbstverständlichkeit. Sie möchte bei den Coolen, Selbstbewußten mitspielen.
Ganz anders Izzy, die jüngste des Richards Clans. Sie fühlt sich wie ein Kuckucksei in dieser perfekten Familie, löckt ständig gegen den Stachel, gerät auf fatale Weise immer wieder mit ihrer Mutter aneinander. Sie fühlt sich stark zu der unkonventionellen Mia hingezogen und verbringt ihre Nachmittage in deren Dunkelkammer. Insgeheim wünscht sie sich die Tochter von Pearl‘s Mutter zu sein.

Das dieses vorerst harmonisch erscheinende Gefüge nicht zu einem guten Ende führt, wissen wir schon am Anfang. Das Haus der Richards wird abbrennen und die bange Frage steht im Raum: Wo ist Izzy???
Dieser Roman ist ein amerikanisches Sittengemälde, spielt mit der Doppelmoral der höheren Schichten und zeigt dunkle Geheimnisse aller Protagonisten auf. Wie schon in ihrem Roman „Was ich euch nicht erzählte“ beschreibt die Autorin Ng die Nöte Heranwachsender, den Druck, den die Gesellschaft und die Familien auf sie ausüben und die Verzweiflungstaten, die daraus resultieren können, auf alarmierende Weise.

Ein absolut gelungener Nachfolgeroman einer der Autorinnen, auf deren neue Bücher ich mich ausgesprochen freue.

Annette Matthaei

 


alles auf anfang 150x237

 

Rowohlt 18,00€

 

Manuel Möglich: "Alles auf Anfang"

Kennen Sie das? Sie lesen oder hören von Menschen, die ihren Lebenstraum verwirklicht haben. Die ausgestiegen sind. Das machen, was sie schon immer, immer wollten. Mutig, ohne Rücksicht auf Verluste, radikal, ohne Plan B. Und manchmal hat man vielleicht ein schlechtes Gewissen, wenn man von solchen Geschichten hört. Ob man das nicht auch...? Wie es wohl wäre, wenn...? Doch am Ende bleibt alles wie es ist, und man findet sich zaghaft, zaudernd, langweilig.
Aber wer spricht eigentlich von diesen Projekten, wenn der Schwung des Neuen, die Anfangseuphorie verflogen ist? Wenn sich die neue Idee im Alltag behaupten muss?

Manuel Möglich macht das. Sein Buch trägt den Untertitel „Auf den Spuren gelebter Träume“ und er erzählt uns davon, wie es nach dem Neustart weiterging. Dabei sind es völlig unterschiedliche Projekte, von denen er berichtet: Er besuchte die Nomadelfen in der Toskana, eine urchristliche Gemeinschaft, die nahezu ohne Geld und Eigentum auskommt. Die Kirschblütler in der Schweiz propagieren und praktizieren die freie Liebe. Im benediktinischen Kloster erprobt Möglich die innere Einkehr und schließlich besucht das RAAD-Festival (Revolution Against Aging & Dying) im sonnigen Kalifornien.
Dabei nimmt Möglich nie die Position eines Neiders ein, der nur darauf wartet, ein eventuelles Scheitern hämisch zu kommentieren, sondern berichtet unvoreingenommen, neugierig und journalistisch im besten Sinne.

Astrid Henning

 


kuehn hat aerger 150x237

 

Piper 20,00€

 

Jan Weiler: "Kühn hat Ärger"

Martin Kühn 45 Jahre alt, 1,96 Meter groß, Münchner Polizist, verheiratet, zwei Kinder, Hausbesitzer steht eines Morgens vor dem Spiegel und fragt sich: "Wer bist du? Wie geht es dir? Stimmt alles?" Man liebt ihn sofort! Denn wer kennt ihn nicht, diesen morgendlichen Blick ins eigene Gesicht, den Kühn hier so unaufgeregt schonungslos wagt.

Kühn kommt justamente von einer langen Reha zurück; ihn, den starken, intuitieven Ermittler hat es regelrecht niedergestreckt. Und nun steht er vor einem wahren Aufgabenberg: der Job, die Familie, die Ehe, die Schulden fürs Haus, der alternde Körper drücken aufs Gemüt. Sofort ist man als Leser mitten drin im Geschehen, was daran liegt, dass Jan Weiler ein Meister im Beschreiben des Alltäglichen ist. Schon wenige Szenen genügen, und man weiß, wie sich die Vorhölle anfühlt, in der Kühn wohnt, welcher Mief in einem chronisch unterfinanzierten Kommissariat herrscht, in dem Kühn mit dem gewaltsamen Tod eines jungen Deutsch-Libanesen konfrontiert wird.
Der Jugendliche wurde in der Nacht zuvor an einer Tram-Haltestelle in München zu Tode geprügelt. Seine Personalien sind schnell erfasst, der Junge war kein unbeschriebenes Blatt: vorbestraft, mit Migrationshintergrund, ohne großartige Zukunftsperspektive. Die letzten Wochen vor seinem Tod wohnte Amir bei der Familie seiner Freundin, einer Tochter aus sehr reichem und sehr geordnetem und sehr distinguiertem Haus. Er wurde quasi wie ein zweiter Sohn aufgenommen. Doch Kühn hat noch weitere und nicht unerhebliche Baustellen zu beackern, er tanzt sozusagen auf einigen Hochzeiten, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch privat. Nichtsdestotrotz nähert er sich akribisch diesem Mordfall und lüftet Scheibchen für Scheibchen die strahlende Fassade in München Grünwald, hinter der eine wenngleich krösusartig reiche, aber im Innersten desolate Familie lebt...

Jan Weiler integriert einmal mehr brandaktuelle Themen in eine spannende und fesselnde Handlung. Und dieses Buch, dem jegliche Banalität abgeht, ist eher eine sehr gelungene Allround-Unterhaltung als ein reiner Krimi.

Heike Kasten

 


eine handvoll lila 150x237

 

Magellan 18,00€
ab 14 Jahren

 

Ashley Herring Blake: " Eine handvoll Lila"

„Furcht. Zorn. Hoffnung. Liebe. Ich lasse alles aus mir in die Tasten strömen. Es ist wie ein Rausch, ein völliges Loslassen, und ich kann wieder denken. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, ich kann fortgehen.“

Grace ist 17, begeisterte und sehr talentierte Klavierspielerin und gut in der Schule. Sie träumt davon, nach dem Schulabschluss eine Musikhochschule zu besuchen und professionelle Pianistin zu werden. Doch von diesem Traum könnte sie kaum weiter entfernt sein: Grace’ Mutter, Maggie, ist eine vollkommen chaotische Frau, die ihr Leben einfach nicht in den Griff bekommt. Ihre Stimmungen reichen von „himmelhochjauchzend“ bis zu „zu Tode betrübt“, ständig wechselt sie ihre Partner, hat dauernd Geldsorgen, trinkt zu viel und ist vollkommen unfähig, sich in andere Menschen hinein zu fühlen.
Als Maggie von einer Klassenfahrt zurückkommt, eröffnet ihr die Mutter, dass sie einmal mehr umziehen werden - zu Maggies neuem Partner Pete, dem Leuchtturmwärter der kleinen Halbinsel an der Ostküste der USA. Zu allem Unglück ist der Sohn des Leuchtturmwärters auch noch Grace Ex-Freund, der sie auf übelste Art und Weise betrogen hat. Als ob all das nicht schlimm genug wäre, hat Maggie auch noch Grace' geliebtes Klavier verkauft, weil sie dringend Geld brauchte. Grace schluckt alles, spielt einmal mehr mit und übt künftig Klavier im Hinterzimmer des alten Buchhändlers.

Aber gäbe es da nicht Luca, ihren besten Freund seit Kindheitstagen, wäre es wohl kaum zu ertragen. Ein paar Tage später zieht bei Lucas Familie ein fremdes Mädchen ein, dessen Mutter vor kurzem ums Leben kam. Grace lernt das Mädchen, Eva, durch Zufall am Strand kennen und fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Die beiden kommen sich näher, merken, dass sie einander gut tun und einige Gemeinsamkeiten haben. Sie finden beieinander einen Ort und eine Zuflucht, der sie für Momente die Probleme und Schicksalsschläge ihres Lebens vergessen lässt. Auf geistiger wie auch auf körperlicher Ebene fühlen die beiden sich nahe und beginnen eine vorsichtige und behutsame Beziehung. Als jedoch Grace’ Mutter plötzlich anfängt, sich überfürsorglich um Eva zu kümmern und Grace vollkommen aus den Augen verliert, begreift Grace, dass es an ihr ist, Eva vor den Stimmungen und Abgründen ihrer Mutter zu schützen.

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


nachsommer 150x237

 

Mare Verlag 18,00€

 

Johan Bargum: "Nachsommer"

„Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht? Es ist wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Einige Augenblicke lang befindet man sich im Zentrum der Ereignisse, der Wind saust einem um die Ohren, die Lungen wollen platzen, die Gegner keuchen, das Einzige, was existiert, ist das Zielband irgendwo vor einem. Aber ist es das, was wirklich passiert? Nachher erinnert man sich an den Lauf, und das Gedächtnis fängt sofort an, die Fakten zu sortieren; es redigiert, unterteilt, sortiert. Ich hätte die erste Kurve nicht so langsam angehen sollen. Auf der Gegengeraden hätte ich kürzere Schritte machen müssen. Im Endspurt bin ich gestolpert, das war alles entscheidend. Nachher sieht alles gleich anders aus. In unserer Familie war sicher nicht ich der Wettläufer, sondern Carl. Ich sitze auf der Veranda und schreibe diese Zeilen, bin allein. Das alte Landhaus, die Villa, hat sich geleert. Alle sind abgereist, in die Stadt, ins Ausland. Eine ist am Ende ihres Weges angekommen und wird bald in Rauch aufgehen. Es ist leise und ruhig geworden.“

So beginnt der Roman von Johan Bargum, einem renommierten finnischen Autor. Erzählt wird uns die Geschichte dieses Sommers von Olof. Olof, der immer im Schatten seines 2 Jahre jüngeren Bruders Carl stand. Carl überragte den Älteren bereits im Alter von 11 Jahren nicht nur an Größe, er war charmanter, fixer, besser aussehend. Und somit der auserkorene Liebling der Mutter. Zum Leidwesen Olofs nahm sie den Sunnyboy, der wahrlich keinen liebenswerten Charakter hatte, immer in Schutz, den älteren Jungen überhaupt nicht wahr. Ein Gegengewicht in Form eines Vaters gab es nicht. Der eher schwache Erzeuger verstarb früh. An seine Stelle versuchte Tom zu rücken, ein gutmütiger Arzt, der sich freundlich um die Kinder bemühte. Doch Olof sah in ihm einen Eindringling, echte Nähe ist von dem Pubertierenden nicht gewollt. In Ungnade fiel Carl dann tatsächlich, als er mit seiner Frau Clara, mit der auch Olof eine Geschichte teilt, nach Amerika auswanderte. Die Mutter tobte in purer Verzweiflung.
Tom ist es, der nun Olof anruft, um ihm mitzuteilen, dass die Mutter in einem Landhaus der Familie in den Schären im Sterben liegt. Der immer noch alleinstehende Olof benachrichtigt nach langer Sendepause seinen Bruder, der unwillig zwar, aber doch mit Klara und seinen beiden Jungs anreist. Die Landschaft ist idyllisch, es ist ein warmer sonniger Spätsommer und doch, trotz dieser äußeren guten Umstände, brechen zwischen den beiden Brüdern alte Animositäten auf. Carl, mit seiner überheblichen, weltmännischen Art, lässt keine Gelegenheit aus, seinen eher bescheidenen Bruder vorzuführen. Über allem schwebt bedrohlich der nahende Tod der nicht mehr ansprechbaren Mutter und eine verpasste Chance von zwei Menschen, die vielleicht füreinander bestimmt waren.

Was mir an dieser modernen Kain und Abel Geschichte so sehr gefallen hat, ist, dass die Figuren glasklar gezeichnet sind und dass dieses schmale Buch komprimiert so viel Gefühl und Stimmung transportiert - dabei nie überladen wirkt - wie es manch 600 Seiten Roman nicht vermag. Für mich eine echte Entdeckung dieses Frühjahres!

Annette Matthaei

 


mercy seat 150x237

 

C.H.Beck 22,00€

 

Elizabeth H. Winthorp: "Mercy Seat"

Dieser Roman beschreibt nur knapp 24 Stunden in Lousiana, 1943 – und ist vielleicht gerade deswegen so besonders beeindruckend.

Ausgangspunkt für diese Geschichte – übrigens nach einer wahren Begebenheit geschildert – ist das Todesurteil gegen Will Jones. Will ist ein junger Schwarzer und sein Verbrechen bestand darin, Grace, eine junge Weiße, geliebt zu haben und zurückgeliebt worden zu sein. „Aufrischer Tat ertappt“ - das heißt hier: zum Tode verurteilt auf dem elektrischen Stuhl.
Aus verschiedensten Perspektiven erleben wir den Tag, an dem die Hinrichtung in St. Martinsville um Mitternacht stattfinden soll: ...wir begleiten Wills Vater, der seinem Sohn wenigstens einen ordentlichen Grabstein besorgen will und dafür einen Kredit aufnehmen muss, den er wahrscheinlich nie wird zurückzahlen können. ...Hannigan ist der Pfarrer des Orts, der Will in seinen letzten Stunden begleiten soll und durch das Urteil fast an seinem Glauben verzweifelt. ...Mr. Livingstone ist der Staatsanwalt, durch dessen Unterschrift das Urteil vollstreckt werden wird – fast ein Wiedergänger von Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“. Warum nur fällt er dieses haarsträubend falsche Urteil? ...Nell – seine Frau, die bis zur letzten Minute hofft, dass das Urteil ausgesetzt wird. ...Lane – selbst Häftling und zusammen mit einem Justizbeamten auf dem Weg nach St. Martinsville, um den „Mercy Seat“ an Ort und Stelle zu bringen.

Winthrop gelingt ein so eindringliches Portrait dieser unterschiedlichen Figuren, dass einem jede absolut deutlich vor Augen ist. Wir spüren die Last, die Spannung dieses Tages, passenderweise begleitet von drückender Hitze. Dies alles ergibt in der Gesamtheit einen Roman, der gerade durch seine Schlichtheit und das fehlende Pathos umso beeindruckender ist.

Astrid Henning

 


der grosse plan 150x237

 

Kiepenheur & Witsch 14,99€

 

Wolfgang Schorlau: "Der große Plan"

Wie gewohnt nimmt sich Herr Schorlau eines hochbrisanten Themas an: der Griechenlandkrise, der Eurokrise, der Machenschaften der Banken.

Georg Dengler, Stuttgarter Privatermittler, ergattert einen wirklich gut bezahlten Auftrag, endlich! Die mageren Jahre scheinen vorbei. Denn das Berliner Auswärtige Amt will, dass er nach einer verschwundenen Mitarbeiterin sucht. (Das nun führt zunächst einmal zu einer personellen Aufstockung der kleinen Detektei um eine attraktive neue Mitarbeiterin – mit allen hormonellen Folgen für die Stuttgarter Lebens- und Ermittlungsgemeinschaft von Dengler und der schönsten Frau der Welt, seiner Freundin Olga.)
Ein Handyvideo legt den Verdacht nahe, dass Anna Hartmann entführt wurde. Die junge Frau, bestens ausgebildet und extrem ehrgeizig, ist eine in die höchsten Gremien aufgestiegene Karrierefrau, die als Beraterin jener Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalen Währungsfonds und EU-Kommission fungierte, die mit harter Hand Griechenlands Schicksal lenkt. Doch seit Kurzem scheint Anna Hartmann, an der Legitimität ihrer Arbeit gezweifelt zu haben. Dengler gelingt es, vier der Tat verdächtige Männer zu identifizieren; bevor er allerdings Kontakt aufnehmen und sie befragen kann, werden sie ermordet. Und zwar in einem Kontext, der vermuten lässt, dass das Leben dieser Männer seit geraumer Zeit beobachtet wurde. Die Ermittlungen enden in einer Sackgasse. Dengler nimmt einen neuen Anlauf und stößt auf das größte Geheimnis der sog. Griechenlandrettung: Auf welchen Konten sind die vielen Milliarden europäischer Steuergelder letztlich gelandet?

Den Schulden Griechenlands setzt Schorlau die uneingelöste historische Schuld Deutschlands entgegen. Daher schneidet er in das Geschehen eine Nebenhandlung, die an das Wüten der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg erinnert. Und daran, mit welchen Tricks sich die Bundesrepublik Entschädigungen und Reparationen weitgehend entzogen hat.
Der große Plan bringt Licht in die dunklen Hintergründe, in denen die Rettungsmilliarden für Athen versickert sind. Die griechische Schuldenkrise entpuppt sich in Wirklichkeit als Bankenkrise – und Dengler dreht wahrlich ein großes Rad, ja, vielleicht ist es sogar etwas zu groß…

Heike Kasten

 


die geliehene schuld 150x237

 

Diana 22,00€

 

Clair Winter: "Die geliehene Schuld"

Dieser Roman spielt in der Nachkriegszeit, sozusagen in der Stunde Null, als man noch dachte, man könne die Altlasten abstreifen und völlig neu und unbedarft die Bundesrepublik gründen.

Marie Weißenburg, eine junge Sekretärin aus dem Büro Adenauers stößt auf Ungereimtheiten in ihrer eigenen Familie. Der Vater ist verstorben, aber über die Umstände schweigen sich Mutter und Brüder aus. Der zwielichtige Freund des Hauses, "Onkel" Karl, rät ihr sogar dringend, sich nicht weiter mit dem Thema zu befassen.
Als Marie den Hamburger Journalisten Jonathan Jacobsen kennenlernt, bittet sie ihn, Nachforschungen anzustellen. Eine folgenschwere Bitte! Jonathan kommt durch einen "bedauerlichen Unfall" ums Leben.... Seine langjährige Kollegin und Vertraute Vera Lessing, ebenfalls Redakteurin beim Hamburger Echo, stößt in Jonathans Unterlagen auf ehemalige Kriegsverbrecher, die sich offensichtlich erfolgreich abgesetzt haben und beschließt, eigenmächtig weiter zu recherchieren.

Die Autorin geht in ihrem Roman der Frage nach: was wurde eigentlich aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben, denn längst nicht allen konnte der Prozess gemacht werden? Und was hatte es mit der Organisation Gehlen auf sich?
Ein spannender Roman der Fiktion und Realität gekonnt miteinander verbindet!

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


die zwoelf leben des samuel hawley 150x237

 

Kein und Aber 25,00€

 

Hannah Tinti: "Die zwölf Leben des Samuel Hawley"

Ein Roman, in dem einem die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, Obacht! Und gleichzeitig eine anrührende Geschichte über eine große Liebe, außerdem eine Vater-Tochter-Geschichte, abenteuerlich und außergewöhnlich.

Zunächst mal haben wir da Samuel Hawley, der mit kleinen Gaunereien in Amerika beginnt, mit seinem Kumpel Jove in luxuriöse Ferienhäuser einsteigt und Auftragsarbeiten erledigt. Er macht seine Sache gut, lässt sich nicht erwischen, ist zuverlässig und erarbeitet sich einen Ruf, der dazu führt, dass die Gaunereien bald keine mehr sind, sondern zu veritablen Straftaten werden. Mittlerweile hat er ein Arsenal an Waffen, vom Gewehr seines Großvaters bis hin zum kleinen Revolver im Hosenbund. Wird übrigens durchaus eingesetzt, wenn's sein muss. Von diesen Einsätzen erzählt auch Samuels Körper: Das mit den zwölf Leben ist durchaus ernst gemeint, Einschusslöcher hinterlassen Narben und zu jeder gibt es eine aufregende Geschichte.
Doch dann wird es ruhiger in Samuels Leben, denn er lernt Lily kennen: schön und mutig, liebevoll und willensstark. Zum Glück ist Samuel ein sparsamer Mensch, der einen Großteil seiner Beute und seines Lohns aufbewahrt hat. Also muss er eine Weile nicht arbeiten und genießt das Leben mit Lily, schließlich werden sie Eltern der kleinen Louise, was unseren Helden ein bisschen überfordert. Bald hat er allerdings in dieser Hinsicht keine Wahl mehr, denn Lily kommt durch einen Unfall ums Leben, Samuel wird den Großteil von Louises Leben allein mit ihr sein. Nach einiger Zeit des Umherziehens lassen sie sich in Olympus nieder, dem Heimatort von Loos Mutter.
Samuel ist ein einsamer Wolf mit gebrochenem Herzen, ein Einzelgänger mit undurchsichtiger Vergangenheit, das kommt in kleinen amerikanischen Städten nicht gut an, man begegnet ihm mit einer ordentlichen Portion Misstrauen. Vor allem aber geht es nun auch um Loo: Aus ihrer Perspektive erleben wir die Gegenwart, spüren, wie sehr sie ihren Vater liebt, was für eine enge Gemeinschaft die beiden bilden, verlieben uns das erste Mal mit ihr, spüren den Wunsch „zugehörig“ zu sein und werden Teil der Einwohnerschaft von Olympus. Fast werden Vater und Tochter so richtig bürgerlich, doch da taucht Jove wieder auf und die Vergangenheit holt Samuel ein.

Der Roman um Loo und Samuel ist wunderbar erzählt, Schilderungen der Gegenwart wechseln sich mit den Kapiteln um Samuels Vergangenheit ab, und so können wir uns als Leser nach kugelpfeifenden Abenteuern immer wieder etwas in der Kleinstadt erholen.
Gerade diese Mischung macht das Buch so außergewöhnlich, ich freue mich auf weitere Bücher dieser jungen Autorin.

Astrid Henning

 


der letzte von uns 150x237

 

Ruetten und Loening GmbH 18,00€

 

Adélaïde de Clermont-Tonnerre: "Der letzte von uns"

Die Geschichte beginnt in Dresden, zum Ende des zweiten Weltkrieges. Eine grausam versehrte hochschwangere junge Frau schleppt sich durch den Bombenhagel zum Roten Kreuz und befiehlt dem diensthabenden Arzt, ihr Baby zu holen. "Er ist der Letzte von uns", sind ihre Worte; sie weiß, dass sie nicht überleben wird.

1971 finden wir uns in Manhattan wieder. Werner, "Wern", das ehemalige Kriegskind, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden: charismatisch, gut aussehend, und dem schönen Geschlecht durchaus zugeneigt. Nur manches Mal lassen sich hinter seinem kühlen Äußeren seelische Narben vermuten. Er lernt Rebecca kennen, eine Tochter aus sehr gutem und solventem New Yorker Hause und weiß sofort, dass sie die Frau seines Lebens ist.
Die Liebe beruht durchaus auf Gegenseitigkeit – damit könnte man es bewenden lassen und ein Happy End feiern! Doch Rebecca verlässt Wern von einem Tag auf den anderen, ohne jegliche Erklärung, und sie scheint ihm etwas zu verheimlichen, dass mit seinen ursprünglichen Wurzeln in Verbindung steht.

Die Autorin hat mit ihrem Buch einen historischen Familien- und Gesellschaftsroman vorgelegt, mit einer Handlung, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Ihre gute Recherche über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen ist ebenso überzeugend wie die Authentizität der Charaktere. All das erwartet uns in einer Geschichte, die sich, sozusagen unter der Liebesgeschichte von Wern und Rebecca, mit den dunklen Machenschaften des Dritten Reiches beschäftigt. Und mit denen, die in diesen Zeiten auf unterschiedlichen Seiten standen: Die einen, die sich verkauften für eine neue Zeit – mit allen Konsequenzen. Und die anderen, die sich nicht verkaufen lassen wollten – ebenfalls mit allen Konsequenzen...

Heike Kasten

 


totenweg 150x237

 

Lübbe 20,00€

 

Romy Fölck: "Totenweg"

Ein Elbmarschkrimi - so könnte der Untertitel dieses ersten Bandes der Krimiserie um Frida Paulsen und Hauptkommissar Haverkorn lauten. Die Landschaftbeschreibungen in diesem Debüt vermitteln  eine besondere Atmosphäre, in die man als Leser ohne Mühe sofort eintaucht.

Frida Paulsen hat sich für den gehobenen Polizeidienst entschieden. Sie steht kurz vor dem Examen in Hamburg, ihr Heimatdorf in der Elbmarsch hat sie während der letzten 18 Jahre nur äußerst ungern besucht. Immer noch muss Frida an die verhängnisvolle Nacht denken, in der sie ihre beste Freundin tot im Pumpenhaus fand.... Erwürgt! Kommissar Haverkorn, der damals die Ermittlungen leitete, ist bis heute davon überzeugt, dass Frida ihm etwas verheimlicht hat....
Nun wird der Polizeibeamte erneut in das kleine Elbmarschdorf geschickt: Fridas Vater wurde überfallen und verletzt. Er liegt im Koma, und die Ärzte wissen nicht, ob er überlebt. Frida weiß, dass sie nun nicht länger zögern darf: ihre Mutter braucht dringend Hilfe. Also reist sie zurück in das Dorf und damit auch in ihre Vergangenheit. Alte Kontakte werden neu knüpft , doch der Mörder von damals fühlt sich zunehmend bedrängt von der jungen Ermittlerin und ihrem neugierigen Kollegen.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


zusammen sind wir helden 150x237

 

Carlsen 17,99€

ab 14 Jahren

 

Jeff Zentner: "Zusammen sind wir Helden"

„Warum sollte ich das tun?“, fragte Dill. „Abgesehen von den Gründen, die ich dir gerade aufgezählt habe? Weil wir genau die Dinge tun sollten, vor denen wir Angst haben. Dann werden sie jedes Mal leichter.“

Dill, ein junger Mann aus dem kleinen Ort Forrestville nahe Nashville, dessen religiös-fanatischer Vater seit Jahren wegen Missbrauchs im Gefängnis sitzt, hat es alles andere als leicht: seine todunglückliche, im Ort wegen ihres Mannes geächtete Mutter, macht ihm das Leben zur Hölle, nach der Schule soll er im Supermarkt arbeiten, um die Schulden der Eltern abzubezahlen. Er sehnt sich nach einem Leben außerhalb von Forrestville, irgendwo weit weg von seiner eigenen Vergangenheit. Zum Glück gibt es in seinem Leben aber noch seine Freundin Lydia, die im Internet ihren eigenen Modeblogg schreibt und liebevolle, unterstützende Eltern an ihrer Seite hat. Der Dritte im Bunde ist Travis, ein echter Nerd, der vollkommen in der Realität seiner Lieblingsfantasybuchreihe lebt. Travis Vater ist ein furchtbarer, gewaltbereiter Mensch, der nicht zulassen will, dass der Sohn eigene Wege geht
Alle drei werden im Sommer ihren Schulabschluss machen, doch könnten ihre Lebensperspektiven unterschiedlicher nicht sein: während Lydia plant, als Modebloggerin nach New York zu gehen, scheint es für Travis und Dill kein Entkommen aus der Perspektivlosigkeit ihres Lebens zu geben. Lydia setzt alles daran, den beiden Freunden zu helfen, Wege zu ebnen und sie zu ermutigen, ihr Leben in eigene Hände zu nehmen und ihre Begabungen zu nutzen. Dann jedoch geschieht etwas, auf das niemand im Leben jemals vorbereitet sein kann.

Die Geschichte von Dill, Lydia und Travis ist eine sehr berührende Geschichte. Alle drei sind authentische, gar nicht perfekte Personen; nichts wird ausgeklammert, oft erscheint das Leben der Jugendlichen schonungslos und hoffnungslos, doch im nächsten Moment lässt ihr Zusammenhalt und ihre Stärke wieder Raum für ungeahnte Möglichkeiten. Jede ihrer Handlungen ist nachvollziehbar, verständlich und vor allem immer wieder sehr menschlich.
Ein wunderbares Buch - für alle ab 14 Jahren - voller Trauer und Leid, aber auch voller Hoffnung, die Ängste und Hindernisse des Lebens eines Tages überwinden zu können, das man nicht so schnell wieder vergessen kann!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar


mr franks fabelhaftes talent fuer harmonie 150x237

 

Fischer Krüger 19,99€

 

Rachel Joyce: "Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie"

Können Sie sich noch an Harold Fry erinnern, der eine spontane Pilgerreise quer durch England bis nach Schottland unternahm? Verfolgt von Weggefährten und Millionen von Lesern? Ähnlich rührend, allerdings wesentlich vinyllastiger ist die Geschichte von Frank, die Frau Joyce uns in diesem Winter beschert.

Frank betreibt in den späten 80er Jahren einen Plattenladen in der schon etwas heruntergekommenen Unity Street im Süden von London. CDs kommen ihm nicht ins Haus, das wäre ein Frevel. Da wird er, der sonst eher schüchterne, zurückhaltende lange Lulatsch, wild!!! Dafür befinden sich in seinem kleinen Laden unzählige dieser wunderbaren Schallplatten, schwarz, glänzend, voller Zauber und nicht nur das. Dieses kleine „gallische Dorf“ ist auch der Treffpunkt sämtlicher Ladenbesitzer der von der Gentrifizierung bedrohten Unity Street.
Liebenswert gezeichnet sind die Charaktere, von der schroffen Tattoostudiobetreiberin, die heimlich in Frank verliebt ist, über den ehemaligen Pater, der jetzt Rosenkränze und andere Devotionalien verkauft, und nicht zu vergessen, dem übereifrigen Lehrling Kid, einem großer Bewunderer Franks. Das ist aber noch nicht alles, was den namenlosen Plattenladen ausmacht. Das ganz besondere ist Franks Gabe, jedem Kunden genau die Platte herauszuziehen, die er in seiner jeweiligen Lebenslage nötig hat. Egal ob Aretha Franklin, James Brown, Janis Joplin oder Vivaldi und Bach. Egal ob Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Schwermut - Frank blickt in die Seelen der Käufer und hilft meist mehr als ein Therapeut.
Eines Tages jedoch stößt Frank unerwartet an seine Grenzen. Eine junge, zarte Frau im grünen Mantel blickt in seinen Laden, durch die schmuddelige Scheibe direkt in Franks Augen und rutscht im nächsten Moment ohnmächtig!! am Fenster herab. Frank eilt zu Hilfe, spürt nach, welche Musik die Rettung wäre und…. Nichts, er spürt rein gar nichts… außer…
Die Unbekannte erwacht aus ihrer Ohnmacht, entschuldigt sich umständlich und entschwindet. Wer ist diese Frau in Grün, die Frank nicht mehr aus dem Kopf geht, so sehr er sich auch dagegen wehrt?

Wir werden Ilse aus Deutschland noch kennenlernen, dafür sorgen schon Franks Freunde und der liebe Zufall. Davor muss unsere Hauptfigur aber erst noch ganz hinabsinken, bevor dann, wie es sich für ein gutes Erwachsenenmärchen gehört, zum Schluss doch noch alles gut wird.
Dies ist ein herzerwärmender Roman über einen liebenswerten Mann, der auf der emotionalen Bremse steht, über Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und natürlich eine Hommage an das gute alte Vinyl.

Annette Matthaei

 


bleiben 150x237

 

Droemer Knaur 10,99€

 

Judith W. Taschler: "bleiben"

Vor zwanzig Jahren trafen sich drei Männer und eine Frau auf einem überfüllten Bahnsteig in Rom – eine kurze Begegnung junger Menschen, die alle an unterschiedlichen Wendepunkten ihres Lebens standen.
Juliane, Cellistin, schwer traumatisiert nach dem tödlichen Unfall ihres kleinen Bruders; Paul, frisch geschieden nach einer unglücklichen Ehe; Felix, auf der Suche nach der Lebensgeschichte seiner Mutter und Max, der davon träumt, Maler zu werden. Und eben  dieser Max fertigt von Juliane eine Skizze an, die die Grundlage für ein Bild wird, das lange Zeit später das Leben aller Beteiligten in Unordnung bringen wird.
Juliane, mit Paul verheiratet, trifft Felix auf einer Vernissage wieder; die beiden beginnen eine heftige und leidenschaftliche Affäre, die über ein halbes Jahr andauert. Doch eines Tages bricht Felix urplötzlich den Kontakt ab, und eine tief verletzte und gedemütigte Juliane bleibt zurück. Erst Monate später erfährt sie den Grund und die furchtbare Wahrheit.

In diesem wunderbaren Buch erzählen drei junge Männer und eine Frau im Wechsel und in Rückblicken einem jeweils nicht näher benannteten Gegenüber voneinander und übereinander. Und nach und nach ergibt sich, wie sie zu dem wurden, was sie nun sind. Wie sie zueinander stehen, was sie verbindet und was sie trennt. Es geht um die großen Themen des Lebens, nämlich Zufall, Verrat, Liebe, Leidenschaft, Schuld, Vertrauen und Tod.
Nicht tränendrüsig, nein, lebhaft und auf eine behutsame Art spannend werden die einzelnen Schicksale, die immer miteinander im Zusammenspiel stehen, erzählt. In einer klaren, schönen Sprache baut Judith Taschler einen Spannungsbogen auf, der den Leser bis zur letzten Seite gefangenhält, um ihn dann sehr nachdenklich zurückzulassen.

Und dabei ist der Titel des Buches auf allen Ebenen zu spüren! Wie schließt man mit der eigenen Vergangenheit Frieden? Und wie soll man jemanden gehen lassen, wenn doch selber zurückbleibt? Wie bleibt man und kann doch gleichzeitig loslassen?

Heike Kasten

 


wild 150x237

 

Fischer 20,00€

 

Reinhold Messner: "Wild"

Sollten Sie Schwierigkeiten mit dem norddeutschen Herbst- und Winterwetter haben, auch der Sommer passt Ihnen nicht und überhaupt: das Klima in Deutschland!!, dann habe ich ein sicheres Heilmittel für diese Unzufriedenheit: R. Messners „Wild“.
Danach werden Sie nasskalten, grauen und windigen Tagen voller Verachtung begegnen, denn jetzt wissen Sie, was wirklich „schlechtes Wetter“ ist.

Schon das Titelbild verheißt eisige Temperaturen und das heißt, wir sprechen von -30 oder sogar extremen – 50 Grad. Vielleicht erkennen manche von Ihnen das Schiff: es ist die „Endurance“, die 1914/15 im Packeis der Antarktis zermalmt wurde. Der irische Polarforscher Shackleton brach 1914 auf, um die Antarktis auf dem Landweg zu durchqueren, es ist bereits seine vierte Reise in diese Region. Immer an seiner Seite: Frank Wild, dem Reinhold Messner mit diesem Buch ein würdiges Denkmal setzt.
Shackleton besitzt geradezu magische Führungsqualitäten, er hat ein untrügliches Gespür für's Eis, er hat Mut, Ehrgeiz und die nötige Vision. Doch ohne Frank Wild geht nichts, er ist Shackletons „right-hand-man“, so wird es später auf seinem Grabstein stehen. Er ist der unverzichtbare Mittler zwischen „Boss“ und Mannschaft, immer treu und zuverlässig, loyal und dennoch meinungsstark, er spürt, wann die Mannschaft verzweifelt ist und Zuspruch braucht.
Als es während der Expedition zur Katastrophe kommt, das Schiff zerstört ist, 30 Männer dem ewigen Eis ausgeliefert, beschließt Shackleton mit fünf seiner Männer zum nächsten Festland zu gelangen. 800 Seemeilen durch stürmischste und feindliche See in einem kleinen, offenen Rettungsboot. Und Wild ist es, der beim Rest der Mannschaft bleibt, der immer wieder Hoffnung stiftet, obwohl selbst bereits krank und geschwächt. Er schafft es, den Glauben an Rettung selbst in totaler Finsternis und Eiseskälte zu bewahren und zu verbreiten.

Umso tragischer sein Ende, ähnlich wie Shackleton selbst hat er nach dieser Reise nie wieder richtig Fuß fassen können, scheiterte in Afrika mit dem Aufbau einer Baumwollplantage und schlug sich als Barkeeper durch. Erst 2011, 60 Jahre nach seinem Tod, wurde seine Asche begraben, in Südgeorgien, direkt neben dem Grab seines Freundes Ernest Shackleton.

Astrid Henning

 


the fourth monkey 150x237

 

Blanvolet 14,99€

 

J.D.Barker: "The fourth Monkey - geboren, um zu töten"

The Fourth Monkey ist J.D.Barkers erster Thriller und der Beginn einer Serie um Detective Sam Porter. Der Autor lebt abwechselnd in Florida und in Pennsylvania.

Normalerweise lesen Sie auf unserer Rezensionenseite selbstformulierte Texte über die jeweiligen Bücher. In diesem Fall möchte ich Ihnen aber als Einstieg eine Art "Klappentext" des Verlages präsentieren:
"Tue nichts Böses, sonst wird er dich bestrafen. Zuerst wird er einen Menschen entführen,den du liebst. Dann wird er dir ein Ohr des Opfers in einem weißen Geschenkkarton schicken. Daraufhin ein Auge, dann eine Zunge. Du kannst versuchen, ihn zu stoppen, aber du wirst es nicht schaffen. Denn er ist der Four Monkey Killer..."

Sam Porter steht noch immer unter seelischem Stress : seine geliebte Frau Heather, ebenfalls Polizistin, ist ermordet worden. Um seiner Trauer zu entkommen,stürzt er sich daher auf einen neuen (alten) Fall : ein Serienmörder, den er schon lange jagt, hat sich
vor einen Bus geworfen. Unweit des Tatortes findet die Polizei einen weißen Geschenkkarton mit einem Ohr. Jahrelang hatte der Mann Kinder von Gangstern entführt und getötet, um zu strafen und für "Gerechtigkeit" zu sorgen. Für die Ermittler steht fest, irgendwo in der Stadt befindet sich erneut ein Entführungsopfer, das dringend gefunden werden muss...

Angenehmes Gruseln wünscht

Andrea Westerkamp-Stützel