Unsere Buchempfehlungen im Mai

          


das geht so nicht weiter 150x237

 

bene! 12,00€

 

Sophie & Karl-Ludwig Schweisfurth: "Das geht so nicht weiter!"

Beschleicht Sie vielleicht schon seit längerem das dumpfe Gefühl, dass mit unseren Lebensmitteln, mit deren Herstellung und Konsum, gründlich was schiefläuft? Vielleicht insbesondere, wenn es um die Tierwelt geht? Dann wird Ihnen dieses kleine, sehr liebevoll ausgestattete Büchlein von Karl-Ludwig und Sophie Schweisfurth aus der Seele sprechen, und vielleicht können Sie auch Familie und Freunde für eine Bewusstseinsveränderung gewinnen.

Herr Schweisfurth ist gelernter Metzger und war bis Mitte der 80er Jahre Eigentümer der „Herta“, einem der größten fleischverarbeitenden Unternehmen damals. Nach dem Verkauf der Firma in den 80er Jahren, gründete Schweisfurth in Bayern einen landwirtschaftlichen Betrieb, der sich an ökologischen Richtlinien orientierte. Zunächst hielt Schweisfurth hauptsächlich Schweine, längst aber ist aus diesem Hof ein Unternehmen entstanden, in dem verschiedenste Lebensmittel hergestellt werden – und zwar nach sehr klaren, tier-, mensch- und umweltverträglichen Prinzipien . Inzwischen ist Sophie Schweisfurth, eine Enkelin des Gründers, ins Unternehmen miteingestiegen, sie ist Mitverfasserin dieses Buchs. Die Parole des Betriebs lautet: „Gut geht nicht günstig, wenn es um Aufzucht, Pflege und Würde von Tieren geht. Und günstig ist auch für uns selbst nicht gut.“ (S.78)

Richtig, wir können nicht alles gleichzeitig haben: Lebensmittel zu europaweit konkurrenzlos günstigen Preisen, jeden Tag Fleisch auf dem Teller, trotzdem hochwertige Qualität und Tiere, die in Würde leben. Es ist völlig klar, dass WIR unseren Lebensstil ändern müssen, uns selbst zuliebe, aber einfach auch aus Achtung unseren Mitgeschöpfen gegenüber. Als Verbraucher haben wir die Verantwortung und die Macht. Was nicht gekauft wird, wird mittel- und langfristig auch nicht mehr produziert.
Ein Buch, das sicher vielen aus der Seele spricht, das Menschen, die schon so „halb auf dem Weg“ sind ermutigt und andere hoffentlich zum Nachdenken anregt. Aqua-Jogging für’s eigene Haustier, aber Hackfleisch für 3,69 € das Kilo – das geht einfach so gar nicht!

Astrid Henning


kurt 150x237

 

Fischer 20,00€

 

Sarah Kuttner: "Kurt"

Sarah Kuttner ist uns bekannt als Viva-Moderatorin, als Journalistin  und Kolumnistin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg und jetzt ZDF neo und als Buchautorin. Gerade ist sie 40 geworden. In ihrem neuen Roman spricht sie ein Thema an, das in heutiger Zeit viele Paare betrifft. Wie lebt es sich, wenn man einen Partner findet, der aus einer früheren Beziehung ein Kind mitbringt?

Lena, eine junge Berliner Journalistin, hat jetzt nicht nur einen Kurt, sondern gleich zwei, den großen Kurt und den kleinen. In Berlin haben sie in zwei getrennten Wohnungen gelebt. Da fiel es nicht so ins Gewicht, dass der kleine Kurt 2 Wochen im Monat bei seinem Papa verbrachte. Nun haben sie den Schritt gewagt und sind in ein winziges Häuschen mit erheblichem Renovierungsstau in einen Ort in Oranienburg gezogen. Das Geld ist mehr als knapp, die Stimmung jedoch überwiegend heiter. Eine fröhliche Teilzeit-Kleinfamilie…
Lena versucht sich in diesem Frühling als Hobbygärtnerin und buddelt Sträucher und Stauden im verwilderten Garten ein. Der große Kurt werkelt am Haus. Idylle pur! Klein-Kurti macht sich recht breit in ihrem Leben. Er fühlt sich pudelwohl auf dem Lande.

Das Buch beginnt damit, dass der 6jährige wie eine Krake ausgebreitet am Samstagmorgen auf der Freundin des Papas liegt und ihr genüßlich in Ohr und Nase herumfummelt. Eigentlich niedlich, aber doch nicht Lenas Kind und deshalb einfach zu intim. Oder stellt sie sich jetzt an? Lena weiß nicht so recht, wie sie ihre Rolle als Erziehungsberechtigte ausfüllen soll. Ist sie überhaupt zu irgendetwas berechtigt? Kann sie energisch werden und genervt auf den kleinen Racker reagieren? Darf sie ihn hemmungslos knutschen? An sich lässt der große Kurt ihr ja alle Freiheiten und steht zu ihr in jeder Beziehung, sowieso ein Pfundskerl. Aber da ist ja auch noch die ewig gestresste Ex und wirkliche Kindsmutter. Nicht ganz leicht dieser Spagat.

Der erste Teil des Romans kommt locker-flockig daher, lustig, frisch und frech. Im zweiten Teil kommt es zu einem furchtbaren Unfall, der das Leben aller Protagonisten aus den Fugen hebelt. Von diesem Moment an bestimmen die Themen Trauer, Abschiednehmen und Bewältigung die Handlung und geben diesem Buch eine anfangs nicht zu erwartende Tiefe.
Ich war sehr gefangen in dem verheerenden Schicksal der mir so sympathischen Menschen. Man schnappt beim Lesen vor Entsetzen nach Luft und doch beherrscht die Autorin ihr Fach ganz großartig. Sie lässt uns nicht in ein tiefes Loch fallen. Durch die schnoddrige, junge Sprache werden die Trauer und das Leid abgemildert, ohne ins Oberflächliche abzugleiten. Es bleibt Herzenswärme...

Annette Matthaei


blinde liebe 150x237

 

Kampa Verlag 24,00€

 

William Boyd: "Blinde Liebe"

In seinem neuen, seinem 15., Roman erzählt William Boyd im Stil der klassischen russischen Literatur die Geschichte einer Affäre, die nur im Geheimen stattfinden kann. Und es braucht schon ausgesprochen schlechte Laune oder eine tiefe Abneigung gegenüber einer solchen Story, um sich von dieser nicht komplett gefangen nehmen zu lassen, in der man sich schon nach wenigen Seiten zu Hause fühlt.

Boyd lässt seinen Protagonisten Brodie Moncur in den Jahren 1894 bis 1906 quer durch Europa, ja am Ende sogar bis ins indische Kaiserreich reisen. Als junger Mann Mitte 20 setzt Brodie alles daran der schottischen Provinz zu entfliehen, vor allem aber seinem Vater, einem gemeinen, despotischen, rassistischen Pfarrer. Sein hervorragendes Können als Klavierstimmer in Verbindung mit seinem absoluten Gehöre bringen Brodie einen attraktiven Job bei dem Instrumentenstimmer Channon & Co in Paris ein – und er entwickelt eine geniale Marketingidee! Er will Verträge mit großen Künstlern schließen, die auf ihren Tourneen exklusiv für Channon-Flügel werben. Erster Partner wird der als „irischer Liszt“ gefeierte John Kilbarron, der darauf besteht, dass Brodie ihn, seinen rüden Bruder sowie seine im Gesang überschaubar talentierte Geliebte Lika Blum begleitet.
Diese Konstellation gerät aber alsbald ins Wanken, denn – der Romantitel suggeriert es – Brodie verliebt sich Hals über Kopf und bedingungslos in die undurchschaubare Lika. Sie erwidert Brodies stürmisch entfachte Liebe, will aber weiter bei Kilbarron bleiben. Die Umstände bedingen allerdings, dass das junge Paar zur Flucht gezwungen wird, in deren Folge ein ganz meisterhaft beschriebenes Duell stattfindet.

„Blinde Liebe“ ist ein intrigenreicher Roman vor dem Hintergrund des Endes des 19. Jahrhunderts, ohne aber dass das historische Kolorit besonders kräftig hervortritt. Nizza, wohin sich der an Tuberkulose erkrankte Brodie zurückziehen muss, St. Petersburg, Biarritz, Triest und immer wieder Paris sind die Schauplätze des Romans. Und immer wieder stellt sich die Frage, ob Brodie in seiner Verzückung (so der Untertitel des Buches), in seiner Liebesblindheit die vielen Nuancen und Geheimnisse seiner unergründlichen Geliebten zu erkennen vermag.
Was von dieser Liebe letztlich bleibt? Das weiß man, wenn man ohne Ermüdungs-erscheinungen auf der letzten Seite dieses dichten, vergnüglichen Romans angekommen ist, der alles hat, was man „a good read“ nennt. Selten hat man ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen.

Heike Kasten


tage in cape may 150x237

 

Blessing 22,00€

 

Chip Cheek: "Tage in Cape May"

Cape May 1957. Henry und Effie sind in ihren Flitterwochen. Der Onkel hat sein Ferienhaus im kleinen Badeort an der Ostküste dem blutjungen Paar zur Verfügung gestellt. Zaghaft und schüchtern verbringen sie die ersten Nächte miteinander - der Funke springt nicht wirklich über. Effie überlegt bereits, ob sie nicht vorzeitig abreisen sollen, da läuft ihr Clara über den Weg. Die alte Freundin aus Kindertagen spielte schon immer in einer anderen Liga, als Effie. Eine Verabredung zum Sundowner erfolgt, und als Henry und Effie auf die mondäne New Yorker Clique rund um Clara treffen, ist dem Leser schnell klar, die Begegnung wird nicht ohne Folgen bleiben....

»Ein Roman über Liebe, Sexualität und Loyalität im Spiegel des Kulturwandels der späten 50er Jahre und ein großes Lesevergnügen.“« SWR 2 (13. Mai 2019)

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


wo wir waren 150x237

 

Rowohlt 25,00€

 

Norbert Zähringer: "Wo wir waren"

Dreh- und Angelpunkt des Romans von Norbert Zähringer ist die Nacht, in der Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betritt. Die Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969 bedeutete ein Aufbruch in andere Welten, und das trifft auch auf die beiden Protagonisten in Zähringers Roman zu.

Hardy ist fünf Jahre alt, er lebt in einem Kinderheim im Rheingau, und zwar in einem von der schlimmsten Sorte. Zusammen mit einem wesentlich älteren Jungen nutzt er diese Nacht zur Flucht, wird aber schnellstens wieder eingefangen. Dennoch hat er in diesen 24 Stunden der Freiheit einen Blick in eine Welt getan, die für ihn wahrscheinlich ähnlich exotisch war, wie für Neil Armstrong der Mond: ein Leben, in dem es Familien gibt. Das kinderlose Ehepaar, bei dem Hardy auf seiner Flucht strandet, wird ihn ein Jahr später adoptieren. Wir werden Hardy in diesem Roman auf seinem abenteuerlichen Weg vom Rheingau bis nach Amerika begleiten, er wird erfolgreicher Startup-Gründer – aber eigentlich ist sein wahrer Traum Astronaut zu werden. Gekonnt erzählt Zähringer diesen Weg, spannend und anrührend, vor dem Hintergrund der 70/80-Jahre bis heute, mit so manchem Cliffhanger, denn: Es gibt ja noch eine zweite Geschichte.
Ebenfalls in der Nacht der Mondlandung gelingt auch Martha die Flucht: Als verurteilte Mörderin sitzt sie im Zuchthaus und nachdem sie zum wiederholten Mal versucht hat, ihr Leben zu beenden, soll sie in die Psychiatrie verlegt werden, „Irrenhaus“ hieß das damals noch. Auch Marthas Geschichte erzählt uns Zähringer, jetzt gehen wir in die Vergangenheit und wir erleben ein Frauenleben, das Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt. Martha hat mit all den Widrigkeiten und Hindernissen zu tun, die dieses Jahrhundert in den ersten 70 Jahren für Frauen bereithielt: zwei Kriege, geringe Bildungschancen und die nur sehr eingeschränkte Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben.
Dass Martha und Hardy Mutter und Sohn sind, dabei nichts voneinander wissen – das macht dieses Buch zu einem ganz besonderen Familienroman.

Norbert Zähringer ist ein wunderbarer Erzähler, die Handlung ist spannend und facettenreich, und deshalb bekommt dieses Buch einen Platz in meinem Bücherregal. Was für mich bedeutet: Du bleibst.

Astrid Henning


weg 150x237

 

Rowohlt 22,00€

 

Doris Knecht: "Weg"

Georg hat sich mit seiner Frau Lea eine Existenz im Wirtshaus seiner Eltern in einem kleinen österreichischen Dorf aufgebaut und sich mittlerweile einen Namen als gehobener, aber nicht abgehobener Koch gemacht. Er ist ein Mann, der breitschultrig mit beiden Beinen im Leben steht und das Freakige aus alten Wiener Studentenzeiten noch immer nicht ganz abgelegt hat.
Heidi hat sich, klein wie sie ist, entschieden, immer niedlich zu bleiben. Nie über 46 kg kommen, zart und schutzbedürftig, dann übernehmen andere die Verantwortung und sind nett zu einem. Mit über 40 ist dies mädchenhafte Verhalten jedoch nicht mehr so recht glaubwürdig vor anderen.
Was die beiden verbindet ist die gemeinsame Tochter Charlotte, ein Unfall, gezeugt in übermütiger Laune in den Weinbergen von Wien. Georg will das Kind nicht, für Heidi kommt eine Abtreibung nicht in Frage. Die Beziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Heidi geht mit dem Baby zurück nach Deutschland in ihre piefige Siedlung im Rheinland, wo sie mit einem piefigen Mann eine neue Familie gründet. Nun ist Lotte kein einfaches Kind. Im Alter von 12 wird bei ihr, die immer wieder in unkontrollierte Gefühlsexplosionen ausbricht, eine Schizophrenie diagnostiziert. Drogenkonsum, der ihre Krankheit noch verstärkt, folgt.

Heute ist sie 23, studiert in Berlin, alles scheint besser, sofern sie regelmäßig ihre Medikamente nimmt. Heidi kann nicht loslassen, kontrollierend, doch dieses Mal scheint sie mit ihren Sorgen recht zu haben. Von Lotte gibt es seit einigen Wochen kein Lebenszeichen mehr -  Handy offline. Intensives Nachfragen bei Freunden ergibt, dass Lotte sich nach Vietnam abgesetzt hat. Was tun? Heidi bekniet Georg, sie nach Asien zu begleiten, um das Kind zu suchen. Heidi, die noch nie geflogen ist, keine fremden Kulturen kennt, der alles Unbekannte eine Höllenangst macht, bis hin zu Panikattacken, wächst über sich selbst hinaus. Im Chaos von  Ho-Chi-Min Stadt treffen sich die beiden, werden sich annerven, streiten und schließlich doch zusammenraufen durch die vereinende Sorge um die Tochter.

Die BRIGITTE schreibt über Doris Knecht, dass es „eine köstliche Spezialität der Wienerin sei, verwöhnte Frauen aus ihren Vorstadtgärtchen zu rupfen uns schwungvoll über den Zaun zu werfen“. Besser kann man den Ton des Romans nicht treffen. Ein böser Lesegenuss und zusätzlich amüsant zu erfahren, in welchen Kombinationen und Mengen, Menschen, Tiere und Gegenstände auf einem Motorroller transportiert werden können….

Annette Matthaei

 


die durchlaessigkeit der zeit 150x237

 

Unionsverlag 24,00€

 

Leonardo Padura: "Die Durchlässigkeitder Zeit"

Mario Conde ist zurück! Zwar arbeitet er mittlerweile nicht mehr bei der Polizei, aber sein detektivisches Gespür lässt ihn auch als Privatermittler nicht im Stich.

Bobby, ein alter Schulfreund meldet sich bei ihm. Früher war  "Der Dicke" Opfer der Anfeindungen mancher Mitschüler, heute ist Bobby ein erfolgreicher, selbstbewusster Mann, der auch zu seiner Homosexualität steht. Sein aktueller Lover hat ihn jedoch bestohlen. Nicht nur Möbel und Schmuck nahm er mit, sondern auch noch eine besondere Statue: die schwarze Madonna. Angeblich besitzt sie heilende Kräfte. Nicht nur deshalb ist sie für Bobby von unschätzbarem Wert. Seine Vorfahren brachten sie aus den Pyrenäen mit nach Kuba.
In Rückblenden erfahren wir die "Geschichte" der Heiligenfigur. Conde taucht ab in die Unterwelt Havannas, immer auf der Suche nach dem verschwundenen Dieb. Candito und der Hasenzahn, seit dem ersten Band der Mario Conde - Reihe wohl bekannt als beste Freunde, unterstützen ihn, wo sie können.
In Paduras Büchern wird geliebt und gelebt, nicht zu knapp getrunken (natürlich Rum), und oppulent gegessen, sofern gerade mal wieder Geld vorhanden ist...

Leonardo Padura lebt und schreibt in Havanna. Stets sind seine Romane eine Homage an das Land und die Menschen. Bei aller Liebe zu Kuba ist er aber nie unkritisch. So sind seine Bücher und Essays auch immer eine Spiegelung der sozialen und politischen Stimmung des Landes.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


niemals ohne sie 150x237

 

Insel Verlag 20,00€

 

Jocelyne Saucier: "Niemals ohne sie"

Die Cardinals waren eine ungewöhnliche Familie. 21 Geschwister lebten mit ihren Eltern in einem Haus, erinnernd an eine Villa Kunterbunt. Jedes Jahr bekam die Mutter einen neuen Spross. Für die Kinder war sie nicht ansprechbar, nur noch murmelnd in der Küche aufzufinden, in enormen Töpfen rührend. Bei den Mahlzeiten jedoch, zählte sie beinahe unmerklich ihre Schar durch, hatte jedes ihrer Kinder im Blick. So auch nachts, wenn sie wie ein Geist durch das Haus schlich und in die schlafenden Gesichter blickte.
Mr.Cardinal entdeckte vor einigen Jahren eine Zinkmine in Norco, einem trostlosen Ort in Quebec, Kanada. Das große Geld winkte, die Armut schien vorbei. Der Vater, ein miserabler Händler, wurde jedoch bei den Verhandlungen übers Ohr gehauen und ging leer aus. Der Keller des heruntergekommenen Hauses war sein bevorzugter Rückzugsort, bei seiner Stein- und Mineraliensammlung und den Massen an Dynamit fühlte er sich richtig. Eine große Ehre war es für die Kinder, wenn sie den stillen Mann in den Keller begleiten durften, oder mit ihm auf Exkursionen in den Berg gingen, um ihm bei Sprengungen zu assistieren.

Je älter die Kids wurden, desto mehr hatte der Clan der Cardinals Norco und seine wenigen Bewohner fest im Griff. Sie waren einfach zu viele und hielten zusammen wie Pech und Schwefel, wild, unberechenbar und stolz. Mit einer geheimnisvollen Explosion vor 30 Jahren legte sich jedoch ein dunkler Schatten über die Familie. Sie brach auseinander…
Nun trifft sich das erste Mal seit langer Zeit die vollständige Familie wieder, anlässlich eines Kongresses in Val-d‘Or, bei dem der Vater geehrt werden soll. Mittlerweile sind die Cardinals über den gesamten Erdball verstreut und haben kaum noch Kontakt untereinander. Sie sind die unterschiedlichsten Lebenswege gegangen. Erzählt wird uns die Geschichte in der Rückschau aus verschiedenen Perspektiven. Das Nesthäkchen eröffnet den Reigen. Die älteste Schwester kommt zu Wort, der selbsternannte impulsive Clanchef und nicht zuletzt eins der Zwillingsmädchen.

Die Logistik, die in einer 23-köpfigen Familie herrscht, die Rangordnung, die aufgestauten Gefühle, all das ist Stoff für eine faszinierende Geschichte zusätzlich zu der Spannung, die entsteht, wenn von Person zu Person, Stück für Stück, der Schleier von der schrecklichen, geheimgehaltenen Tragödie gezogen wird.
Wieder ein Buch von der wunderbaren, kanadischen Autorin Saucier (Ein Leben mehr), das so dicht und stimmungsvoll daherkommt und  eine unglaubliche Sogwirkung auf mich ausübt.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im März


als die tage ihr licht verloren 150x237

 

Pendo 20,00€

 

Stephanie von Hayek: "Als die Tage ihr Licht verloren"

Die Schwestern Linda und Gitte Hoffmann genießen eine unbeschwerte Jugend in gut situiertem Hause. Immer aufgekratzt, ein bisschen arrogant und mit der neuesten Mode gekleidet, sind die beiden ein echter Hingucker. Der Vater, ein liberaler Professor, nimmt den Aufstieg der braunen Nazimeute mit Besorgnis zur Kenntnis. Doch noch geht es ihnen gut, im brodelnden Berlin der frühen 30er. Beide Mädchen arbeiten als Buchhalterinnen, aber da ist noch viel mehr in ihren Köpfen. Bei einem Einkaufsbummel lernt Linda den feschen Schuhmachermeister Erich Kupfer kennen und lieben. Es dauert nicht lange und die beiden werden ein Ehepaar. Linda hilft im exquisiten Laden mit und fertigt bald mit großem Geschick Handtaschen, die ihr von den Kundinnen aus den Händen gerissen werden. Die Beziehung der Kupfers ist ein Traum. Doch dieser währt nicht ewig...

Schon zu Beginn des Krieges wird Erich eingezogen und muss im Polenfeldzug kämpfen. Der Kontakt bricht jäh ab, keine Briefe mehr. Das Gerücht, Erich sei gefallen erreicht die Hoffmanns. Linda stürzt in eine tiefe psychische Krise. Die Familie kümmert sich aus Kräften, doch nichts reißt die ehemals so lebenslustige Tochter aus der Depression. Wer oder was letztendlich den Ausschlag gibt, sie in eine Klinik für geistig gestörte Patienten zu transportieren, bleibt im Ungewissen. Ist es der arische Hausarzt, die linientreue Nachbarin mit dem strammen, ehrgeizigen Naziaufsteiger an ihrer Seite? Neider und Denunzianten gibt es genug. Eines Tages jedenfalls stehen Sanitäter und SS-Männer vor der Tür und nehmen Linda, trotz des Protestes der Eltern, mit in die Klinik Buch bei Berlin. Von da ab verliert sich jede Spur der Tochter. Weder Eltern noch Schwester Gitte sehen sie wieder.
Was Linda wirklich widerfährt, erfahren wir. Bei dem Unfall eines Busses, der die vermeintlich Kranken, in den sicheren Tod durch das Gas transportieren soll, gelingt ihr die Flucht.

Stephanie von Hayek recherchierte im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde, lässt echte Nazis, wie den Psychiater Brack, den Arzt Linden und den Busfahrer Hackenholt in ihrem Buch auferstehen. Der beschriebene Unfall hat tatsächlich im Januar 1940 stattgefunden. Ohne die Gräueltaten zu beschönigen - im Gegenteil, die Autorin legt den Finger direkt in die Wunde dieses tiefschwarzen Kapitels deutscher Geschichte - lässt sie doch die Beschreibung der Morde an unschuldigen, lebenswerten Menschen aus. Es bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, sich vorzustellen, was hinter den Mauern der Kliniken geschah.
Das macht es nicht einfacher, aber trotzdem empfand ich es als  wohltuend, dass nicht alles en Detail geschildert wurde. Es hat den Eindruck, den dieses Buch auf mich gemacht hat, um nichts geschmälert.

Annette Matthaei

 


preis des todes 150x237

 

Rowohlt 10,99€

 

Horst Eckert: "Preis des Todes"

Sarah Wolf ist eine fiktionale Kollegin von Anne Will, Sandra Maischberger und Frank Plasberg. Sie steckt gerade mitten drin in den Vorbereitungen für ihre noch junge Talkshow aus dem ARD-Hauptstadtstudio. Und sie hat große und hehre Ziele! Diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten im Fernsehen, dieses ewige Sehen und Gesehenwerden und dieses ständige oberflächliche Floskel-Pingpong hat sie so dermaßen satt! Ihr geht es tatsächlich um die Menschen hinter den Politiker-Fassaden.

Für die nächste Runde ist nun das Thema „Der Staat im Griff der Lobyisten“ angesagt; das Redaktionsteam schlägt als Talk-Gast den Bundestagsabgeordneten und Spezialisten für Gesundheitspolitik, Christian Wagner, vor, den die Medien wegen seiner hohen Affinität zur Lobby im Blick haben. Dass nun die Gastgeberin auch ein Privatleben hat, ist ja legitim, soll und darf aber die Karriere nicht beeinflussen. Daher darf natürlich unter gar keinen Umständen an die Öffentlichkeit gelangen, dass Sarah neuerdings eine Beziehung zu eben diesem Herrn unterhält. Jedoch: zu einer pikanten Begegnung vor laufenden Kameras wird es nicht kommen: man findet Christian Wagner erhängt in seiner Berliner Wohnung. Können ihn seine Verflechtungen mit dem Krankenhausbetreiber Samax AG in den Suizid getrieben haben?
Zeitgleich wird in einem Düsseldorfer See eine weibliche Leiche entdeckt, hingerichtet durch ein Kleinkalibergewehr und identifiziert als Referentin für eine internationale Hilfsorganisation. Und ja, sie stand mit Christian Wagner in Verbindung! Doch was hatte sie mit ihm zu tun? Und was verband den Bundestagsabgeordneten mit einem Flüchtlingslager in Kenia?

Der Journalist und Politikwissenschaftler Horst Eckert entwickelt hier einen Plot, dessen Faszination sich aus mehreren Quellen speist. Wie am Ende Krankenhauskonzern, Politik und beteiligte Mediziner miteinander verwoben sind, unter welch unglaublich schwierigen Bedingungen europäische Journalisten arbeiten müssen, wenn sie wirklich hinter die Kulissen blicken wollen – das alles ist mehr als spannend geschildert und hervorragend gestrickt, was mit Sicherheit auch daran liegt, dass die Hintergründe absolut realitätsnah sind: für die Öffentlichkeit kaum zu durchschaubare Konzerne verfolgen ihre Wirtschaftsinteressen rücksichts- und mitleidslos. Und beuten zu diesem Zwecke selbst die Ärmsten der Welt aus – deren Leben ist „der Preis des Todes“.

Heike Kasten

 


lola 150x237

 

Suhrkamp 14,95€

 

Melissa Scrivner Love: "Lola"

Lola Vasquez ist klein, zierlich, unscheinbar, anscheinend eine chica unter vielen in der Latinogang „The crenshaw six“ in einem ärmlichen Stadtteil von L.A. Dass sie der eigentliche Kopf der kriminellen Bande ist, hält Lola in der Öffentlichkeit streng unter Verschluss. Ihr Freund Garcia scheint der Macho und Boss zu sein. Der Plan ist: sie will ihre Macht im Viertel ausweiten und zur Ghetto Queen aufsteigen, underover.

Bei einer Heroinübergabe im Wert von 2 Millionen Dollar geraten Lola und ihre „Soldaten“ ins Kreuzfeuer zweier verfeindeter Drogenkartelle. Ihr Kopf steht auf dem Spiel, eine atemlose Hetzjagd beginnt. Vielleicht wird man so knallhart, kontrolliert und eiskalt wie die Protagonistin, wenn man deren Lebensgeschichte er- und überlebt hat. Lola wurde als kleines Mädchen  an Männer verkauft, von ihrer schwer drogenabhängigen Mutter, die vor nichts zurückschreckte, um an den nächsten Schuss zu kommen. Das prägt und lässt die Seele zu Stein verhärten. Da wird dem Bruder, der wieder einen Deal vermurkst hat, kurzerhand der Zeigefinger der linken Hand abgeschnitten, um vor den anderen nicht an Autorität zu verlieren. Einige, mit dem Cutter aufgeschlitzte Halsschlagadern, belasten Lola nicht so sehr, als dass sie nicht in den Schlaf finden würde.
Zwei wunde Punkte hat sie allerdings. Das Verhältnis zur Mutter spukt ihr noch immer im Kopf herum. Die Tochterrolle lässt sie nicht los. Und dann ist da die 5jährige Lucy aus der Nachbarschaft. Dieses kleine Mädchen teilt das Schicksal von Lola und als wolle sie an sich selber etwas gutmachen wollen, kümmert sie sich rührend um die Kleine. Weiche Anteile machen angreifbar…

Dies ist ein Thriller der Spitzenklasse, atemberaubend, schweißtreibend - nicht nur wegen der Temperaturen in Kalifornien - und zudem ausgesprochen gut geschrieben. Nicht umsonst nominiert für den Edgar Allan Poe Award for best First Novel, großartig.

Annette Matthaei



flora botterblum 150x237

 

Magellan 13,00€
ab 9 Jahren

 

Astrid Göpfrich: "Flora Botterblom"

Flora ist das jüngste Mitglied der Gärtnerfamilie Botterblom. Seit Generationen besitzen die Botterbloms eine Gärtnerei, und auch Floras Geschwistern haben ein Händchen für alles, was grünt und blüht. Nur Flora ist eine totale Niete auf diesem Gebiet. Pflanzen überleben in ihrer Obhut nicht lange und außerdem findet sie Gärtnern extrem öde. Genauso öde wie ihre Eltern und Geschwister... Flora möchte viel lieber Entdeckerin oder Abenteurerin werden, für Gurken und Salatköpfe hat sie überhaupt nichts übrig.

Doch alles ändert sich an Floras elftem Geburtstag: Ihr Großvater (der einzige der Familie, der nicht ganz langweilig ist) überreicht ihr eine Tüte Wundersamen! Flora erfährt, dass die Gärtnerei unter der Führung ihrer Oma, die schon gestorben ist, offenbar ganz andere Aufgaben und Ziele hatte, als den schnöden Obst- und Gemüseanbau. Flora pflanzt einige der Samen ein und innerhalb weniger Tage wächst daraus eine riesengroße Peperoni!
Als Gisbert, das schlecht gelaunte Gürteltier der Familie, die Wunderpeperoni verspeist, kann es plötzlich sprechen. Flora erfährt von Gisbert, dass es ursprünglich Samen für zwölf Wundergemüse gab, die alle unterschiedliche Fähigkeiten besaßen. Doch sie wurden vor langer Zeit gestohlen! Wer dahinter steckt und wie Flora zusammen mit Gürteltier Gisbert zur Heldin ihrer Familie wird - das wird nicht verraten!

Nur so viel: Flora ist ein sehr nettes, sympathisches Mädchen, Gisbert mal ein erfrischend anderer tierischer Held- und als Zugabe gibt es noch einen blumigen Stammbaum der Familie Botterblom und ein kleines Gartenlexikon!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


unter heiligen 150x237

 

Nagel & Kimche 22€

 

Ann Weisgarber: "Unter Heiligen"

Während wir Ende Februar schon wunderbar warme Frühlingstage genießen, habe ich mich in die Wastelands von Utah begeben, habe ein paar Tage in Junction verbracht, und zwar im eiskalten Januar 1888.
Junction ist eigentlich nur eine kleine Ansammlung von Häusern, eine Siedlung der Mormonen, der „Heiligen der Letzten Tage“, wie sie sich auch nennen. Zu diesem Zeitpunkt wird bei den Mormonen noch die Vielehe gepredigt, es ist nicht ungewöhnlich, ja sogar erwünscht, dass ein Mann mehrere Ehefrauen und mit diesen dann auch viele Kinder hat. Offiziell war die Vielehe verboten, weshalb es immer wieder zu Verfolgungen der Ehemänner kam, zumal, wenn es sich um sehr junge Ehefrauen handelte. In der Nähe von Junction befindet sich die Flora Ranch, hier finden die Männer für einige Zeit Unterschlupf. Doch diese Ranch ist nicht leicht zu finden, und so kommt es immer wieder vor, dass wildfremde Männer eine Nacht in Junction um Obdach bitten, in einer Scheune übernachten und am nächsten Tag weiterreiten.

Zurück in den Januar, zurück nach Junction: Deborah ist die einzige Ehefrau von Samuel, bislang blieb die Ehe kinderlos. Jeden Herbst macht sich Samuel auf die Reise durch Utah, er ist Stellmacher, also Wagenbauer und bietet seine Dienste in ganzen Umland an. Am 1. Dezember wollte er zurück sein, jetzt ist Anfang Januar und er ist immer noch nicht wieder zu Hause. Sein Stiefbruder Nels macht sich auf die Suche, stößt auf einen Felsrutsch auf dem Weg, verdrängt den Verdacht, Samuel könnte hier verunglückt sein und berichtet Deborah, Samuel müsse halt einen Umweg machen, ganz bestimmt sei er in zwei Wochen wieder da. Aber jetzt ist Nacht, draußen tobt ein Schneesturm, Deborah ist alleine – da klopft es an der Tür und ein Fremder bittet für eine Nacht um Unterschlupf, er berichtet, er sei ein „Heiliger der Letzten Tage“, der Marshall und zwei Deputys seien hinter ihm her…
Kann Deborah dem Fremden glauben, soll sie ihn beherbergen, sich ihm schutzlos ausliefern?

Ann Weisgarber erzählt uns diese besondere Geschichte in einer sehr klaren und schlichten, dennoch eindrucksvollen Sprache. Eine Geschichte, die einen förmlich in die kleine, karge Siedlung hineinzieht, hinein in eine Gemeinschaft mit klaren Regeln, in der Abweichungen streng geahndet werden. Im Verlagstext heißt es: „Eine Geschichte von Rebellion, Verlust und Menschlichkeit“ – man kann es nicht besser ausdrücken.

Astrid Henning



liebwies 150x237

 

Diogenes 13,00€

 

Irene Diwiak: "Liebwies"

Ein aus dem ersten Weltkrieg kommender Musiklehrer kehrt der Welt schwer traumatisiert den Rücken und zieht in ein Dörfchen, namens Liebwies, drei Tagesmärsche von der nächsten Bahnstation entfernt, hoch in den Alpen. Dort entdeckt er ein unglaublich hässliches Mädchen, die über eine Singstimme verfügt, die ihn das erste Mal aus seiner tiefen Schwermut holt und seine Seele durch ihren Gesang vor Glück zu heilen scheint.
Ein Konzert wird veranstaltet zu dem der Musikmäzen Wagenrad aus Wien geladen wird. Er soll das große Talent fördern. Wagenrad musste vor einiger Zeit seine geliebte Frau beerdigen und lebt seitdem in tiefer Trauer. Nun will es der Zufall, dass in dem, die verzaubernde Stimme begleitenden Chor ein 15 Jahre altes Mädchen amusisch mit kräht, die der vergötterten Verstorbenen so ähnelt, dass Wagenrad sich des engelsgleichen Vortrages der eigentlichen Hauptperson verschließt und auf dem Fuße mit der blonden Gisela das Dorf verlässt und das blutjunge, naive, aber auch zunehmend eitle Mädchen, die außer der armseligen Hütte ihrer Eltern und der umliegenden Kuhweiden noch nichts in ihrem Leben sah, in seine Villa nach Wien entführt, um es dort zum Star aufzubauen. Welch Aufgabe…

Ida ist die Tochter einer Streichholzfabrikantin. Die Mutter, ausgesprochen attraktiv, bringt ihre drei Kinder alleine mit großer Tatkraft und Disziplin durch, von der Wiener Gesellschaft umschwärmt. Im Gegensatz dazu Tochter Ida: platte Nase, fahle Haut, ein klassisches hässliches Entlein. Einzig eine Begabung lässt sie hervorstechen, sie komponiert mit einer Leichtigkeit, wie der junge Mozart. Jäh wird ihr die Ausübung dieses Talentes untersagt, als sie, als spätes Mädchen, in den Ehestand mit dem 40 Jahre älteren Schriftsteller Gussendorf tritt. Dieser eitle Gockel lässt keine Flamme neben sich leuchten, Ida verkümmert.

Es verwundert nicht, dass sich die Lebenswege der hübschen Gisela und der hässlichen Ida kreuzen und sich zumindest für einige Zeit auf das Wunderbarste befruchten…
Ein faszinierender, mit einer bemerkenswerten Erzählkunst geschriebener Debutroman, lakonisch, witzig, skurril, von einer jungen Österreicherin verfasst, deren Namen wir uns merken sollten.

Annette Matthaei



die zigarett danach 150x237

 

Atlantik Verlag 16,00€

 

Antoine Laurain: "Die Zigarette danach"

"Wenn man eine Laufbahn als Raucher einschlägt, begeht man im Normalfall nur Selbstmord. Die Umstände haben dazu geführt, dass ich der Mörder anderer geworden bin. Man darf darin keine Auswirkung des Passivrauchens sehen, denn was das Morden angeht, war ist sehr aktiv. Sehr aktiv."
Na, wenn das mal kein ehrliches Bekenntnis gleich auf der drittten Seite dieses herrlichen Romans ist! Man verschlingt das Buch, liest manche Passagen doppelt, weil sie einfach zu und zu schön sind: zu zynisch, zu schlagfertig, zu skurril! Eine wunderbare Geschichte, so flott und ehrlich erzählt, als säße da jemand neben einem in irgendeiner Bar bei einem guten Glas Wein. Und einer Zigarette. Denn die ist hier sozusagen der Dreh- und Angelpunkt.

Fabrice heißt er, der Held, und er hat alles, was man sich für ein gutes Leben wünschen kann: einen hochdotierten Job an der Spitze eines Pariser Headhunter-Unternehmens, seine Frau ist eine nicht minder erfolgreiche Kuratorin – und er ist ein wahrlich erfahrener Raucher, der zwei Schachteln gefilterter Luft pro Tag ein- und ausatmet. Und dann das: das Rauchverbot breitet sich mit der Geschwindigkeit eines Pulverschweifs aus, selbst hartgesottene Mitstreiter knicken ein, und auch Zuhause ist Schicht im Schacht mit dem blauen Dunst. Unwillig gibt Fabrice dem Drängen seiner Gattin nach und geht zu einem Hypnotiseur. Und siehe da: zack, ist die Lust aufs Rauchen weg. Aber Fabrice fühlt sich keineswegs glücklich, er fühlt sich eher wie sein nichtrauchender Doppelgänger – als "tabakfrigide" empfindet er sich.
Doch dann schubst er unabsichtlich während eines Streits, natürlich geht es um Zigaretten, einen Mann vor den Zug. Danach: tiefer Schreck – und der erste Zug am Glimmstängel. Die Freude am Rauchen ist zurückgekehrt, wie eine Liebkosung der Nikotinfee fühlt sich das an. Aber was bewirkt die Erkenntnis, dass die Lust am Qualmen zurückkehrt, wenn er einen Menschen umgebracht hat?

Für Nichtraucher ist dieses Buch ein humorvoller, bitterböser und beschwingter Thriller, für Raucher, die die Situation kennen, abends keine Zigaretten mehr zu haben und nach der nächsten Tanke Ausschau halten zu müssen, eine tief an die Nikotin-Seele gehende schicksalsträchtige Geschichte.
Die wunderbare Sprache des Autors, pointiert, charmannt und gewinnend und mit komplett überzeugendem Wortwitz weiß durchgängig zu überzeugen.

Heike Kasten


gier 150x237

 

Blanvalet 24,00€

 

Mark Elsberg: "Gier - Wie weit würdest Du gehen?"

"Der Wettbewerb treibt unsere Gesellschaft an: höher, schneller, weiter. Und wohin führt uns das?" (Zitat Klappentext) Nach Blackout, Zero und Helix erschien vor wenigen Tagen der vierte Roman von Mark Elsberg.

Überall auf der Welt demonstrieren aufgebrachte Menschen gegen Arbeitslosigkeit, Hungersnot und die drohende Pleite wichtiger Banken. Eine akute Wirtschaftskrise lässt Wirtschaftsmagnaten und Wisschenschaftler ebenso, wie die führenden Staats- und Regierungschefs vieler Länder in Berlin zusammen kommen. Herbert Thompson, ein renommierter Nobelpreisträger, ist ebenfalls auf dem Weg zum Gipfel, um eine Rede zu halten. In seiner Limousine sitzt, außer dem Chauffeur, Will Cantor. Mit ihm hat Thompson eine Studie ausgearbeitet, die beweisen soll, dass Wohlstand für alle durchaus möglich ist....
Der Wagen mit den drei Insassen wird sein Ziel nicht erreichen. Aus für die Polizei zunächst unerklärlicher Ursache überschlägt sich das Fahrzeug und gerät kurz darauf in Brand. Der 18jährige Jan Wutte wird zufällig Zeuge des Unfalls. Ihm gelingt es, mit einem der Opfer noch kurz Kontakt aufzunehmen, bevor er von einem "muskelbepackten" Riesen vorübergehend ausgeschaltet wird. Aber Jan hat genug gesehen, um fortan um sein Leben zu rennen...

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar


liebe mrs bird 150x237

 

Kindler Verlag 20,00€

 

A.J. Pearce: "Liebe Mrs. Bird"

London 1941: Emmeline Lake hat einen festen Berufswunsch – sie will Kriegsreporterin werden. Bislang arbeitet sie als Sekretärin bei einem Anwalt, aber als sie die Stellenanzeige des London Evening Chronicle liest, scheint ihr Ziel zum Greifen nah. Zwar sucht man dort erstmal eine „Gehilfin“, in Teilzeit zudem, macht aber nichts, Emmeline wird es ihnen schon zeigen und sieht sich bereits mutig und durchaus glanzvoll vom Kriegsgeschehen berichten.
Doch oh Graus: In ihrer Begeisterung hat sie die Anzeige nicht genau genug gelesen und landet als Assistentin der Kummerkastentante Mrs. Bird im kleinsten Büro des Gebäudes. Das ist schon eine herbe Enttäuschung, aber Emmy hat ihr Ziel klar vor Augen und sieht diese Stelle nur als kurzes Intermezzo.

Nun könnte man denken, eine „Kummerkastentante“ müsse einfühlsam und verständnisvoll sein, aber weit gefehlt: Jeder Feldmarschall würde vor Emmys Chefin Mrs. Bird strammstehen, ihr Organ ist äußerst eindrucksvoll und ihre Grundsätze sind es ebenso. Alle Briefe, die in Mrs. Birds Augen „anstößige“ oder „unmoralische“ Themen behandeln, werden nicht beantwortet, sondern müssen von Emmy sorgsam zerschnitten und in den Papierkorb befördert werden. Und anstößig ist auf jeden Fall alles, was mit Liebe und Zuneigung zu tun hat – klarer Fall. Doch Emmy lassen die Nöte der Briefe-Schreiberinnen nicht locker und so beginnt sie, in Mrs. Birds Namen Antworten zu verfassen, schmuggelt einige sogar in die Druckausgabe der Zeitschrift. Ob das gut geht?

Parallel dazu erzählt der Roman von der wunderbaren Freundschaft zwischen Emmy und Bunty, ihrer Mitbewohnerin und Seelengefährtin. Auch da wird es zu einer großen Bewährungsprobe kommen.
Dieser Roman ist englische Unterhaltung at it’s best: geistreich, ironisch, frisch und humorvoll. Bitte mehr von Mrs. Pearce!!

Astrid Henning

 

 


der sommer meiner mutter 150x237

 

C.H.Beck 19,95€

 

Ulrich Woelk: "Der Sommer meiner Mutter"

Köln im Sommer 1969. Die Erwachsenen protestieren gegen den Vietnamkrieg, aber den 11jährigen Tobias interessiert viel mehr die bevorstehende Mondlandung. Seine Eltern führen eine harmonische Ehe, aber das hinterfragt ein Kind in dem Alter noch nicht.
Erst als sich der Umgangton zwischen beiden ändert, wird Tobias etwas hellhörig. Hängt es eventuell mit den neuen Nachbarn zusammen? Die benehmen sich ja so ganz anders, als Tobias das von zuhause kennt. Bald schon treffen sich die zwei Paare regelmäßig zu feucht-

fröhlichen Umtrunken und dabei wird heftigst geflirtet.

Währenddessen lebt Tobias in einer ganz eigenen "Welt" - Rosa, die 13jährige Nachbarstochter kümmert sich erst missmutig, aber schon bald mit wachsender Begeisterung um den "Kleinen". Sie formt nicht nur seinen Musikgeschmack und bringt ihm Literatur nahe, er wird auch zum Versuchskaninchen ihrer erwachenden Sexualität.
Doch die Idylle am Stadtrand von Köln wird nur wenige Wochen nach der Mondlandung jäh zerstört.....

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 


alles ist moeglich 150x237

 

Luchterhand 20€

 

Elisabeth Strout: "Alles ist möglich"

In diesem wunderschönen neuen Roman von Elizabeth Strout tauchen wir wieder ein in eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA und lernen ein paar von ihren Bewohnern, die alle lose miteinander verbunden sind, näher kennen. Wir tauchen ein in Ausschnitte aus ihren Lebensgeschichten – Ausschnitte, in denen wir von ihren Geheimnissen erfahren oder von Momenten, in denen sich auf einmal alles ändert. In denen Aussichtsloses auf einmal weniger aussichtslos erscheint – oder Augenblicke, wo sich eine Tür öffnet, nachdem man schon alle für geschlossen gehalten hat.

Es sind ganz normale Menschen, in deren Leben wir reinschnuppern, Menschen wie Sie und ich, keine großen Helden oder Berühmtheiten – und dennoch stellen sie sich mutig den Widrigkeiten des oft ja doch recht rauen Lebens.
So lernen wir z.B. Patty kennen, die frustrierte und übergewichtige Beratungs-Lehrerin, der, nachdem sie durch eine Schülerin gemein verspottet wurde, verbal die Hand ausrutscht…. Oder Tommy Guptill, dem seine ganze Milchfarm – sein Lebensinhalt – abgebrannt ist, und der als Hausmeister versucht, das Beste draus zu machen. Und wir treffen Lucy Barton wieder, die es aus ihrem familiären Elend hinaus in die Welt geschafft hat, als Schriftstellerin, und deren Buch über ihre Kindheit nun erschienen ist.

Das Berührende ist die Spannweite der Gefühle und der Seelentiefen, die in dem Geschichtenstrauß rund um die Kleinstadt ausgelotet werden. Alles ist da, alles wird zugelassen – und ganz unaufdringlich wird klar, warum wir so sind wie wir sind und dass eben alles dazu gehört. Neid, Hass, Einsamkeit, Wut – Liebessehnsucht, Verletzlichkeit, Menschenliebe und Mut – wir treffen auf alles. Und fühlen auch uns als Leser mit all unseren Gefühlen ziemlich gut verstanden.
Die Figuren dieser kleinen, so ganz normalen Stadt gewinnt man als Leser sehr lieb – und wünscht sich, dass es bald weitergeht – mit einem neuen Roman-Reigen über die Menschen aus einer US-amerikanischen Kleinstadt, die doch überall sein könnte.

Christiane Knappe

 

 


agathe 150x237

 

hanserblau 16,00€

 

Anne Cathrine Bomann: "Agathe"

Es gibt Bücher, die in dem Moment, in dem man sie zum ersten Mal anfasst, bereits eine ganz besondere Anziehungskraft haben; und mit der ersten aufgeblätterten Seite hat man sich bereits endgültig in sie verliebt. So erging es mir mit „Agathe“.

Mitten in Paris, in der Rue des Rosettes, lebt ein Psychiater. Er ist 72 Jahre alt und hat  noch genau 5 Monate zu arbeiten. Dies entspricht- wie er ganz zu Beginn des Buches feststellt- exakt 22 Wochen oder 800 Therapiegesprächen. Jeden Tag macht er sich auf den Weg in seine Praxis; jeden Tag legt ihm seine Sekretärin, die penibel ordentliche Madame Surrugue, die Akten der Patienten heraus, die an diesem Tag zu ihm kommen; jeden Tag isst er im selben, mittelmäßigen Restaurant um die Ecke zu Mittag; jeden Tag sitzt er mit wachsendem Unbehagen die Sitzungen mit seinen Patienten ab, deren Probleme ihn zunehmend langweilen und ermüden; und jeden Tag verringert sich die Zahl der noch anstehenden Sitzungen um ein paar wenige. Der Psychiater selbst ist in die Jahre gekommen, das Alter lässt sich nicht mehr verleugnen, die Knochen zwicken und Gewohnheiten sind festgefahren. Viel scheint für ihn nicht mehr zu kommen.
Eines Tages jedoch steht eine deutsche Frau in der Praxis, die sich einfach nicht abwimmeln lässt. Trotz allen Unbehagens, das den Psychiater befällt, weil er doch eigentlich keine neuen Patienten mehr aufnehmen wollte, bewegt diese Frau namens Agathe in ihm etwas: langsam, aber stetig hält mit Agathe und ihrem Duft nach Zimt und Äpfeln auch das Leben und das Fühlen wieder Einzug in die hart gewordene Seele des alten Mannes. Erschüttert in seiner Lethargie, konfrontiert mit seiner Einsamkeit und Hilflosigkeit, begibt er sich auf neue Wege und verlässt seine ausgetretene Pfade.

„Agathe“ ist ein tief berührendes Buch über Einsamkeit und Nähe, über Gleichgültigkeit und Liebe, über Hoffnung und Trauer: in den einzelnen Kapiteln steckt viel mehr als das, was sich in ein paar Zeilen zusammenfassen lässt. Jeder, egal ob Mann oder Frau, alt oder jung, wird in diesem kleinen Roman etwas finden, das ihn oder sie anrührt und bewegt.
Nehmen Sie das Büchlein doch bei uns im Laden einfach einmal in die Hand- vielleicht mögen Sie es auch wie ich gar nicht mehr loslassen...

 

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November


das flimmern der wahrheit ueber der wueste 150x237

 

Kiwi 23,00€

 

Philipp Schwenke: "Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste"

Manchmal merkt man Büchern an, wieviel Begeisterung und Leidenschaft des Verfassers in ihnen steckt – so ein Fall ist dieser Karl-May-Roman.

Für uns ist es heute kaum mehr als eine Anekdote, dass Karl May seine Leser ganz bewusst in dem Glauben ließ, er selbst habe die Abenteuer des Old Shatterhand erlebt – ja, er selbst sei Old Shatterhand! Dabei kam Karl May bis zum Alter von knapp 60 Jahren nicht über Sachsens Grenzen hinaus, erst 1899 unternimmt er eine Reise in den Vorderen Orient, für die er immerhin 50.000 Mark eingeplant hatte. Diese Reise wird ein einziges Fiasko und May hat allerhand damit zu tun, sein Selbstbild vor sich zu bewahren. Denn im Gegensatz zu Old Shatterhand ist er weder gewieft noch furchtlos, sondern eher ein eingebildeter Besserwisser und Hochstapler. Er verirrt sich hoffnungslos in den Gassen Kairos, lässt sich auf dem Bazar völlig über’s Ohr hauen und bekommt arge Verdauungsprobleme nach dem Verzehr fremder und ungewohnter Speisen. Kann man sich all das bei Old Shatterhand vorstellen? Keinesfalls, und so muss Karl May sich für jede dieser Malessen phantasievolle Begründungen einfallen lassen – was ihm zum Glück nicht schwer fällt und uns schwerstens amüsiert. Die ersten Tage auf einem Pferd sind für May eine reine Tortur, ohne seinen ägyptischen Diener, der die Situation sehr clever einschätzt und sie zu nutzen weiß, wäre May aufgeschmissen und die angebliche Locke Winnetous, die er stets in einem Medaillon bei sich trägt und auserwählten Bewunderern zeigt, entstammt der Pferdemähne eines profanen sächsischen Gauls.

Wir begleiten Karl May auf seiner abenteuerlichen Reise, gleichzeitig spitzt sich die Lage zu Hause in Radebeul zu, denn es regen sich deutliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit „Old Shatterhands“.
Ein pures Lesevergnügen, intelligent, sehr humorvoll und glänzend recherchiert.

Astrid Henning

 


mittagsstunde 150x237

 

Penguin 22,00€

 

Dörte Hansen: "Mittagsstunde"

Die Hauptfigur in der „Mittagsstunde“, dem zweiten Roman von Dörte Hansen, ist das Geestdorf Brinkebüll, ein fiktives Dorf in der Nähe von Husum.

Ingwer verließ sein Heimatdorf vor vielen Jahren. Er wurde von seinen Großeltern Ella und Sönke aufgezogen. Ingwers Mutter Marrit ist ein bisschen verrückt, der Vater unbekannt. Die Großeltern bewirtschafteten den Dorfkrug, den Dreh- und Angelpunkt Brinkebülls. Der kleine Ingwer wurde Zeuge von Hochzeiten, Versammlungen und Tanzveranstaltungen auf dem großen Saal. Bereits als lütter Butscher lernte er Bier zu zapfen, immer den Tresen zwischen sich und der Welt, ein eifriger Beobachter. Wenn in Brinkebüll überhaupt geredet wurde, und das war nicht viel, dann nur auf Plattdeutsch. Sehr zum Verdruss von Lehrer Steensen, der 9 Klassen in einem Raum unterrichtete und auch mal Backpfeifen austeilte. Für die Dorfbewohner gehörte das Schweigen und das Wissen um dunkle Geheimnisse der Nachbarn genauso zum Leben, wie die schwere Arbeit und das unwirtliche Wetter.
Ingwer kehrt nun aus Kiel zurück, Sabbatical, um seine alten Großeltern zu versorgen. Er ist noch nicht fertig mit seinem Dorf. Ella hat sich in eine Demenz zurückgezogen, quietscht fröhlich mit einer Plüschmeise im Schoß. Sönke, mittlerweile 93 Jahre, klapperig, aber sturköpfig wie eh und je, plant energisch die Gnadenhochzeit mit seiner Frau, im nächsten Jahr auf dem großen Saal, schon lange nicht mehr genutzt, verstaubte, gute alte Zeit. Überhaupt hat sich viel verändert im Dorf. Die Störche bleiben aus, die Flurbereinigung hat zugeschlagen. Biogasanlagen und Windkrafträder bestimmen das Bild. Dora Koopmanns Laden hat geschlossen, das Vieh ist von den Weiden verschwunden und aus der Dorfstraße, früher gesäumt von uralten Kastanien, ist eine asphaltierte Rennstrecke geworden, die die Kinder frisst.

Über diesem Buch liegt eine leise, feine Melancholie. So hart das Leben auf dem Lande in vergangener Zeit auch war, und das wird in diesem Roman absolut deutlich, ist es doch sehr traurig, das die alten Dorfstrukturen unwiederbringlich zerstört wurden. Und das nicht nur in diesem kleinen fiktiven friesischen Dorf, sondern überall auf dem Lande.
Dörte Hansen ist es wieder bravourös gelungen, ihre Figuren einmalig zu machen. Liebevoll und respektvoll geht sie mit ihnen um. Marrit „Ünnergang“, die halbverrückte Mutter von Ingwer, die vor Jahren ein Blatt der Zeugen Jehovas fand und nun unablässig mit ihren Klapperlatschen auf die Höfe klappert und  den Weltuntergang verkündet. Hanni Thomsen, der auf seinem Mofa bereits morgens angeschickert durchs Dorf knattert und zu „Junge komm bald wieder“ aus der Musikbox immer an der Stelle weinen muss, an der die Mutter von Freddy Quinn ins Spiel kommt. Und nicht zuletzt die kleine, dick bebrillte Gönke Boysen mit ihrem bösartigen Pony und einem Buch in der Hand, wie festgewachsen.
Wie schön, dass ich Brinkebüll mit seinen Bewohnern kennenlernen durfte.

 

Annette Matthaei

 


die kleinen wunder von mayfair 150x237

 

Knaur 20,00€

 

Robert Dinsdale: "Die kleinen Wunder von Mayfair"

Alles beginnt mit einer Zeitungsannonce: „Fühlen Sie sich verloren? Ängstlich? Sind Sie im Herzen ein Kind geblieben? Willkommen in Papa Jacks Emporium!“
Aufgrund dieser aufmunternden Worte macht sich die sechzehnjährige schwangere Cathy auf gen Mayfair; im Jahre 1906 ist eine junge Frau in ihrem Zustand nirgends willkommen. Dieses Emporium ist ein sagenumwobener Spielzeugladen in London, ein Ort voller Wunder und Magie. Hier gibt es Patchworkhunde, die umherlaufen, filigran geschnitzte Ballerinen, die graziös tanzen, Papiervögel, die von Baum zu Baum fliegen – und Spielzeugsoldaten, die strammstehen und salutieren, wenn jemand an ihnen vorübergeht. Und bei deren Anblick die Augen und Herzen der großen und kleinen Jungs glänzend und rund werden. Aber: hier finden auch all jene Unterschlupf, die Hilfe bitter nötig haben. Und genau hier findet Cathy Asyl.
Sie verliebt sich in den älteren Sohn von Papa Jack, Kasper, und wird zu einem Teil der Familie.
Doch nun bricht der Erste Weltkrieg in diese magische Zauberwelt ein, und Cathy und ihre kleine Tochter müssen Kasper in die Schlacht verabschieden. Was zwischen 1914 und 1918 passiert, ist das Ende der Unschuld. Das Ende der kindlichen Fantasien von stolzen, mutigen Soldaten, die in den Krieg ziehen. Als Kaspar, traumatisiert von den furchtbaren Erlebnissen auf dem Feld, nach Hause zurückkehrt, beschließt er, dass das Emporium keine Soldaten mehr verkaufen darf…

Dieses Buch ist wirklich sagenhaft, fantasievoll und fantastisch. Es ist ein Märchen, eine Geschichte, die Teil unserer Geschichte ist, ein Liebesroman, ein Drama und ganz viel Magie. Man verliert sich in dieser Welt, in diesem Emporium – und man ist zwischenzeitlich wieder Kind. „Es ist alles eine Frage der Perspektive, verstehst du? Man kann die erstaunlichsten Dinge erreichen, wenn es einem gelingt, die Perspektive des Kindes nicht zu verlieren.“ Genau diesen sprachlichen Stil, mit einem gewissen melodischen Unterton, vermag der Autor zu halten, und lässt dabei durchaus ernste, nachdenkliche Töne anklingen.
Lassen Sie sich ein auf die Wunder im Emporium, aber auch auf den ernsthaften Hintergrund, der immer mehr zum Vordergrund wird.

Heike Kasten

 


bluthaus 150x237

 

Lübbe 20,00€

 

Romy Fölck: "Bluthaus"

Auch in der Elbmarsch wird gemordet!

Seit Fölcks Erstling "Totenweg" kennen wir Frida Paulsen, die junge Polizistin und Bjarne Haverkorn, den altgedienten Kriminalkommissar.
Erstere hat sich auf den Apfelhof der Eltern zurückgezogen, um ihre Wunden zu lecken und Antwort auf die Frage "bin ich noch willens, den Polizeiberuf auszuüben ?" zu finden. Während Fridas Mutter hofft, ihre Tochter möge unter den unverheirateten Jungbauern der Nachbarhöfe einen passenden Ehemann finden, hat Vater Paulsen eher den Fortbestand seiner Apfelplantage im Auge.
In diese ländliche Idylle platzt mit viel Getöse die Harley Davidson von Jo, Fridas langjähriger Internatsfreundin. Jo verdient ihr Geld als Detektivin in Hamburg. Bjarne Haverkorn wird jäh aus dem Schlaf gerissen - ein brutaler Mord an einer Frau wurde verübt, einzige Zeugin, eine junge Frau mit einer Harley.... Frida wird nicht tatenlos zusehen, wie ihre Freundin unter Mordverdacht gerät. Schluss mit der Auszeit! Stattdessen besorgt sie Pass und Geld aus Jos Büro, und unterstützt somit indirekt die Flucht der dringend Tatverdächtigen. Erst als Frida in Jos Wohnung ein Foto des Bluthauses - das Reetdachhaus auf der Halbinsel Holnis war vor vielen Jahren Schauplatz einer Familientragödie - entdeckt, kommen ihr ernste Zweifel an Jos Unschuld....
Bjarne Haverkorn plagen indes ganz andere Sorgen . In einem Alter, in dem andere Männer Großvater
werden, sieht er sich plötzlich mit einer bislang unbekannten, erwachsenen Tochter konfrontiert...

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


mexikoring 150x237

 

Suhrkamp 14,99€

 

Simone Buchholz: "Mexikoring"

Auf Bandenkriminalität werden wir sogar in der örtlichen Presse aufmerksam gemacht. Berlin, Hamburg, Bremen ist fest in den Händen einiger Klans, die Polizei nahezu machtlos. Genau um dieses Thema dreht sich der aktuelle Krimi um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley.

Trenchcoat, Cowboystiefel, obligate Fluppe, immer leicht desolat und übermüdet, so erscheint sie eines regnerischen Morgens am Tatort Mexikoring, City Nord. Hier brennt ein Auto lichterloh. Das ist ja nichts Neues in manchen Stadtteilen - in diesem Falle schon, denn im Feuerofen befindet sich die Leiche eines jungen Mannes. Gerade eben können Chas und ihr Kollege, der flotte Kommissar Stepanovic, die rote Mähne einer Frau verschwinden sehen, hoch auf dem Dach eines benachbarten Parkhauses. Die nikotingebeutelten Lungen der Ermittler können es mit der flinken Besitzerin der auffallenden Haarfarbe nicht aufnehmen. Die wichtige Zeugin entwischt.
Die Leiche ist schnell identifiziert. Nouri Saroukhan, Jurastudium an der Hamburger Uni, abgebrochen, jetzt angestellt bei einer Versicherung, aus einer, in der  kriminellen Szene in Bremen einflussreichsten Familien. Also ab in die benachbarte Hansestadt, nur um dort auf eine dichte und knallharte Mauer des Schweigens zu treffen. Der Tote stammt aus dem Milieu der sogenannter Mhallamiye-Kurden. Harte, skrupellose Jungs. Die Frauen haben nichts zu melden. Nouri war ein intelligenter, junger Mann, verstoßen von der Familie und in love mit einem  Mädchen aus einem verfeindeten Clan.
Ganz ungefährlich für die Beamten, besonders für eine weibliche Staatsanwältin, ist und bleibt diese Story nicht. Der rote Haarschopf wird zur Lösung des Falles maßgeblich beitragen, Chas wird viele Zigaretten rauchen und sich einige Gedanken über ihren autistischen Lebenswandel, der trotzdem nicht arm an Liebhabern ist, machen.

Das ist wieder einmal gelungende, spannende Unterhaltung auf dem Hamburger Kiez und an anderen bekannten Orten, in diesem Falle eben auch Bremen.
„Als würden die Gebäude über die Menschen hereinbrechen. Eins, zwei, Würfelhusten, große Würfel, alle tot." Eine nicht ganz unpassende Beschreibung des betonwürfelverunstalteten Mexikoring in Winterhude, finde ich… Simone Buchholz macht Spaß!!!

Annette Matthaei


ein lied fuer die geister 150x237

 

Aufbau 12,00€

 

Louise Erdrich: "Ein Lied für die Geister"

Bei Erdrich, Amerikanerin und in den USA Bestseller-Autorin, kommt man nicht mit leichter Lektüre davon. Ähnlich wie in ihrem Roman „Haus des Windes“ beginnt auch dieser mit einem Ereignis, das man am liebsten gar nicht lesen möchte: Wir befinden uns im Jahr 1999. Landreaux, Amerikaner mit indianischen Vorfahren, erschießt statt des wochenlang im Visier gehabten Hirsches aus Versehen den Jungen der befreundeten Nachbarsfamilie. Ein Horror-Ereignis. Landreaux weiß nicht, wie er mit dieser Tat weiterleben soll. Er und seine Frau Emmaline haben jedoch nicht mit ihren alten indianischen Traditionen gebrochen, und nachdem sie in der Schwitzhütte ihre Vorfahren befragt haben – die Geister - , beschließen die beiden eine ungewöhnliche Wiedergutmachung nach altem Brauch: ihr jüngster Sohn, LaRose, Liebling der Familie und von allen, die ihn kennen, soll in die andere Familien übergehen.

Dieses Vorgehen ist für uns unvorstellbar, - ist aber aus Liebe und unendlichem Schuldgefühl geboren, - und LaRose fügt sich. Es bricht den eigenen Eltern das Herz, - die anderen nehmen jedoch das Opfer an, auch, weil die Mutter des erschossenen Sohnes, selbstmordgefährdet ist und aus eigener Kraft nicht aus ihren Depressionen herauskommt. LaRose ist ein sehr besonderes, so viel Liebe versprühendes Kind, dass er es tatsächlich schafft, wieder Wärme in das Heim seiner neuen, gebrochenen Familie zu zaubern. Sehr bald wird beschlossen, dass der Junge wieder zurückkehrt – wenn auch nur zum Teil – er wird zwischen seinen beiden Heimen hin und herwechseln, ist in beiden zuhause. Langsam schafft er es, dass das Leid zurückgedrängt wird und eine gewisse Normalität sich wieder einstellt. Alles könnte gut laufen, wäre da nicht ein alter Widersacher von Landraux, der seit fast Jahrzehnten eine Rechnung mit ihm offen hat und aufgrund dieses Vorfalles seine Chance wittert, Rache zu üben….

Louise Erdrich hat eine so einfühlsame, herzerwärmende Art Menschen anzuschauen und darzustellen, dass man sich ihrer Güte nicht entziehen kann. Was sie darstellt ist nicht immer einfach zu ertragen. Aber sie stellt Menschlichkeit über alles und zeigt, dass nur Liebe und das gnädige Verstreichen der Zeit einen nach so einem Ereignis weiterleben lassen. Zusätzlich, und das ist das Wunderbare an diesem Roman, blitzt überall ihr Humor durch, die Figuren sind originell und haben Witz, und man kann nicht umhin, an verschiedenen Stellen aufzulachen. Ein Buch voller Weisheit, Wärme und Humor!

Christiane Knappe


jetzt ist alles was wir haben 150x237

 

cbj 17,00€
ab 15 Jahren

 

Amy Gilles: "Jetzt ist alles was wir haben"

„Sei die Beste. Und wenn nötig, sei unsichtbar.“ Dies ist das Lebensmotto von Hadley McCauley, Einserschülerin, angepasst, sehr sportlich und erfolgreich, mit vielen Freundinnen aus gutem Hause und mit wohlhabenden, gesellschaftlich sehr angesehenen Eltern. Keiner ihrer Lehrer oder Freunde ahnt auch nur, was sich hinter dieser absolut perfekten Fassade verbirgt. Niemand weiß, wie Hadleys Alltag in ihrer Familie aussieht und keiner hinterfragt ihre plausibel vorgetragenen Gründe für Verletzungen, die sie manches Mal am Körper hat. Hadley ist Meisterin im Verstecken, Tarnen und Kaschieren. Denn Hadleys Vater ist ein grausamer, despotischer Tyrann, der seine Familie beherrscht, kontrolliert und für die kleinsten „Vergehen“ bestraft. Hadley ist der Inbegriff seines Ehrgeizes, sein „Produkt“: Morgens um fünf muss sie im hauseigenen Fitnessraum mit ihm Gewichte stemmen; gute Leistungen sind nie gut genug. Hadley muss die Beste sein, immer und überall.
Hadleys Mutter ist eine schwache Person, die nichts unternimmt, um sich und ihre Töchter zu schützen, weil sie ihren sozialen Status nicht verlieren möchte.
Hadley tut, was sie kann; aber nicht für sich selbst, sondern für ihre kleine Schwester Lila, die sie über alles liebt und die sie um jeden Preis vor dem Vater schützen will. Denn sie weiß: So lange er sie im Blick hat, wird er sich nicht an Lila vergreifen!
Dann jedoch tritt Charlie in ihr Leben, ein junger Mann aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Die beiden verlieben sich ineinander und plötzlich gibt es in Hadleys Leben zum ersten Mal eine Perspektive, ein Fünkchen Hoffnung und ein wenig gesunden Egoismus. Charlie interessiert sich wirklich für sie - und Hadley sich für ihn. Als jedoch ihr Vater von ihrer Beziehung erfährt, sind die Folgen katastrophal.

Kalt lässt dieses sehr gut geschriebene Buch niemanden. Es greift die Themen Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch auf und verarbeitet sie in einer absolut packenden und schlüssigen Geschichte. Sehr eindringlich weist die Geschichte darauf hin, dass Misshandlung und Missbrauch von Kindern kein Thema sozialschwacher Bevölkerungsschichten ist; dass Missbrauch eben nicht unterscheidet zwischen Herkunft und Religion, sozialem Status oder Geschlecht. Und schließlich darauf, dass die Fassade in scheinbar „ganz normalen“ Familien oft noch viel schwerer einzureißen ist als in Familien, deren Probleme von außen klar ersichtlich sind.
Häufig bitten betroffene Kinder vergebens um Hilfe, weil niemand genauer hinsehen will oder das Hinschauen mit unangenehmen Folgen verbunden sein könnte. Dass Missbrauchsopfer im Schnitt achtmal um Hilfe bitten müssen, bevor ihnen jemand Glauben schenkt, ist leider bittere Realität in unserer Gesellschaft!

Die Geschichte geht unter die Haut, sie ist rund und spannend und von der ersten bis zur letzten Seite schlüssig. Gegenwart und Vergangenheit von Hadley fließen immer wieder ineinander. Ein packender Jugendroman, aber auch ein Aufruf an alle, die Augen zu öffnen und den Mut aufzubringen, öfter einmal genauer hinzusehen!

Sabine Christ

 


die mitternachtstuer 150x237

 

Fischer 17,00€
ab 11 Jahren

 

Dave Eggers: "Die Mitternachtstür"

Dave Eggers schreibt einen Roman für Kinder ab 11 Jahren? Geht das? Und wie das geht! Ein Autor, der bislang ausschließlich das gehobene Erwachsenen–Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste – genau dieser Autor begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt und lässt den Leser die „Mitternachtstür“ einfach mal aufstoßen.

Und so landen wir in der amerikanischen Kleinstadt Carousel, die sich tief einbrennt beim Lesen, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird und die ganz sicher kein guter Ort für einen Neuanfang ist. Doch die Familie Flowerpetal kommt zurück: der Vater ist arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund. Und dann gibt es da noch den 12jährigen Gran, der alles andere als hart ist, wie sein Name „Granit“ eigentlich vermitteln soll.  Im Gegenteil: er ist eher unsichtbar. Seine Lehrerin nimmt ihn erst nach Wochen wahr, seine Klassenkameraden schauen einfach durch ihn hindurch.
Doch dann lernt Gran die geheimnisvolle Catalina Catalan  kennen, die sich mit einer Art Türgriff Zugang zu einem unterirdischen Labyrinth verschaffen kann. Gran erfährt, dass die Stadt Carousel vom Versinken bedroht ist – und dass er und Catalina die Einzigen sind, die sie noch retten können. Tja, und dann stürzt die Schule ein, und wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina und helfen ihnen, die Tunnel unter der Erde abzustützen.

Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst – und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise: Lass dir keine Angst einjagen! Glaub nur, was du selber siehst! Vertraue dir selbst! Und traue dir etwas zu! Das sind die Botschaften von Dave Eggers, Botschaften, die nicht nur Kinder benötigen.
Die Mitternachtstür ist eine Gegenbewegung zur Panikmache, ein mutiges Mutmachbuch – und lässt sich im Übrigen auch ausgezeichnet vorlesen.

Heike Kasten

 

Unsere Buchempfehlungen im September


der nasse fisch 150x202

 

Carlsen 17,99€

 

Arne Jysch: "Der nasse Fisch" Graphic Novel

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Buch geschrieben, einen sehr erfolgreichen Krimi. Stellen Sie sich weiter vor, dann käme jemand, der Ihre Geschichte in eine andere Form überführen möchte, sagen wir, in einen Comic. Und dabei würde dann etliches geändert werden. Zum Beispiel gäbe es plötzlich Mörder, die bei Ihnen im Buch nicht gemordet haben; es fehlen auch noch einige Hauptpersonen – und die chronologische Abfolge würde verändert. Und schließlich würde nicht mehr multiperspektivisch erzählt,sondern aus der Sicht eines Ich-Erzählers. Wie würden Sie darauf reagieren? Ganz gewiss nicht wie Volker Kutscher, dem das alles widerfahren ist und der aus vollem Herzen sagt: "Ich finde das Resultat großartig!"

Dieser Volker Kutscher ist der derzeit erfolgreichste Krimiautor; seine 2007 begonnene Serie um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath umfasst bislang sechs der insgesamt neun geplanten Bände. Und nun wurde das Geschehen  von Arne Jyrsch bearbeitet und gezeichnet. Jysch wählt mit dem Ich-Erzähler ein charakteristisches Element der sog. "Schwarzen Serie", jener amerikanischen Erzählweise von Kriminalgeschichten, die Kutscher selbst zu seinen größten Einflüssen zählt. Jysch nun arbeitet mit zugespitzen, sehr geradlinigen Figuren und schafft einen wahrlich mutigen Comic: atmospärisch und mitreißend mit enormem Erzähltempo. Die in Schwarzweiß gehaltenen prachtvollen und detailverliebten Szenarien setzen Maßstäbe.
Kurz zum Inhalt: Der junge Kommissar Gereon Rath wird zur Zeit der Weimarer Republik von Köln nach Berlin versetzt, um dort die Chance für einen Neuanfang zu erhalten. Kaum dort, bringt ihn sein hemdsärmeliges Vorgehen in große Schwierigkeiten, ja, in geradezu unlösbare Zwangslagen.

Wirklich ein schöner Krimiplot. Und das Feine an der Adaption ist, dass Arne Jyrsch in seiner konsequenten Straffung des Romans ein rasantes Tempo erreich, so dass die (gezeichnete) Erzählung schnell eine fiebrig treibende Kraft erreicht.
Gönnen Sie sich einen Blick in das Buch – die Grafik spricht für sich selbst.

Heike Kasten

 


am seil 150x237

 

Diogenes 20,00€

 

Erich Hackl: "Am Seil"

Geschichten von Mut und Zivilcourage kann es gar nicht genug geben und es ist wichtig, sie immer wieder zu erzählen. So eine Geschichte ist „Am Seil“ und in gewisser Weise gehört Erich Hackl zu den Spezialisten, wenn es um das fast beiläufige Schildern besonderer Schicksale geht.

Diesmal erzählt Hackl von Reinhold Duschka, gebürtiger Berliner, als junger Mann in den 30er Jahren nach Wien gezogen, Kunsthandwerker und leidenschaftlicher Bergsteiger. Duschka gehört zu einer bunt gemischten Gruppe von jungen Leuten, die sich sonntags in der Wohnung von Regina Steinig trifft. Man hat nicht viel Geld, aber es gibt für jeden eine Schüssel Maisbrei und muntere Diskussionen. Zu diesem Kreis gehört auch Reinholds bester Freund Rudi Kraus, ebenfalls Bergsteiger, der eine kurze Beziehung mit Regina hat, aus der eine Tochter hervorgeht. Schon bald werden die Zeiten für Juden in Österreich bedrohlich, Rudi emigriert nach Australien, aber Regina und ihre Tochter können nicht ins Ausland fliehen. Und so, wie man als Bergkameraden mit einem Seil miteinander verbunden ist, auf Solidarität und Zusammenhalt zählen kann, ist es für Reinhold selbstverständlich, Regina und Lucia in seiner Werkstatt über mehrere Jahre zu verstecken, sich für sie verantwortlich zu fühlen. Ohne große Worte, ohne jemals Dank zu erwarten.
Dank Reinhold überleben Lucia und Regina, nach dem Krieg, nach dieser so schicksalhaften Zeit, geht jedoch jeder seiner Wege, alle versuchen, ein möglichst „normales“ Leben zu führen, und Reinhold wird noch nicht einmal seinen späteren Kindern von dieser Tat erzählen. Erst als er weit über 90 ist, gelingt es Lucia, Reinhold zu überzeugen, die Geschichte dieser Rettung öffentlich zu machen, und so wird er schließlich von der Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet als „Gerechter unter den Völkern“. Ein enger Freund Duschkas schreibt 1993 in seinem Nachruf auf ihn: „Es war für Dich selbstverständlich und gar nicht erwähnenswert, daß Du in einer Zeit der Unmenschlichkeit Deinen Anspruch als Mensch gelebt hast.“

Es ist vor allem der Ton Hackls, der diese Geschichte so eindrücklich macht: Ohne Pomp und Pathos berichtet er von Menschlichkeit in schwierigsten Zeiten und überlässt es dem Leser, aktuelle Bezüge zu sehen.

Astrid Henning

 


pfaffs hof 150x237

 

Rowohlt 10,99€

 

Hiltrud Leenders: "Pfaffs Hof"

Es wäre so einfach, eine Kindheit in den 60ern so zu beschreiben, dass alle schmunzelnd mit dem Kopf nicken und in nostalgischen Erinnerungen schwelgen: Man müsste nur mit typischen Markennamen um sich werfen, ein paar politische Ereignisse erwähnen, das Ganze mit der ebenso typischen Rollenverteilung in der Gesellschaft garnieren, und schon hätte man ein harmloses, eben banales 60er Jahre-Buch.
„Pfaffs Hof“ allerdings ist ganz was Anderes: Auch dies ein Erinnerungsbuch, die Geschichte einer Kindheit und Jugend am Niederrhein, auch hier die typische Rollenverteilung. Aber Weniges ist hier lustig, locker und leicht.

Annemie zieht im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in ein „Vertriebenendorf“; streng getrennt nach Konfession leben hier die Katholiken oder die geschmähten Protestanten. Ihre Familie zieht in einen alten Bauernhof und Hiltrud Leenders schreibt so eindringlich und bildhaft, dass wir die Muffigkeit und das Klamme in den unbewohnten Räumen quasi spüren. Die Mutter ist schwanger, Annemie muss beim Umzug, aber auch sonst, schon ordentlich mit anpacken, das findet auch niemand besonders erwähnenswert. Sowieso wird wenig gesprochen in ihrer Familie, denn Fragen und Sprechen – damit hat man in Annemies Familie keine guten Erfahrungen gemacht: Annemies deutlich älterer Bruder Peter hat zuviel wissen wollen über die Vergangenheit des Vaters, der ihn deswegen aus dem Haus geworfen hat. Ein Grund für das bittere Schweigen zwischen Mutter und Vater. Einzig Tante Guste, die ab und an zu Besuch ist, hat Verständnis für Annemie, für ihre Lust am Lesen, schickt ihr Bücher und pflanzt in Annemie eine lebenslange Liebe zur Literatur.

Hiltrud Leenders erzählt von einer Zeit, in der kaum jemand nach Bedürfnissen von Kindern gefragt hat, in der es durchaus noch ums „eingermaßen Durchkommen“ ging: materiell und seelisch. Erst als junge Erwachsene wagt es Annemie, ihren Vater mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren und deutliches Zeichen gegen die Glorifizierung der Geschichte zu setzen. Schlicht und reduziert erzählt, passend zu kargen Atmosphäre von „Pfaffs Hof“, gelingt Hitrud Leenders ein eindrucksvolles Zeugnis der 60er Jahre auf dem Land.

Astrid Henning

 


zippel das wirklich wahre schlossgespenst 150x237

 

dtv 12,95€

6-9 Jahre

 

Alex Rühle: "Zippel das wirklich wahre Schlossgespenst"

Ein herrliches Familienbuch zum Vorlesen oder Selberlesen - Spaß garantiert!!

Paul ist ein Schlüsselkind, und wenn er nachmittags aus der Schule kommt,
begegnet ihm im Treppenhaus höchsten mal Frau Wilhelm. Darauf ist er gar nicht scharf, denn Frau Wilhelm guckt nur mit einem Auge, und das sieht echt gruselig aus...
Hinter Paul liegt  mal wieder ein scheußlicher Schultag. Tim und Tom, seine Klassenkameraden, ärgern ihn mittlerweile fast täglich. Heute im Zeichenunterricht schüttete ihm Tom Wasser aus seinem Pinselbecher in den Kragen und Tim nahm ihm sein Pausenbrot weg. Als Paul nun mit seinem Schlüssel die Wohnungstür öffnen möchte, erlebt er eine riesige Überraschung: vor seinen Augen schwebt zuerst eine winzige, weiße Wolke aus dem Türschloss, die sich aber in Windeseile zu einem sehr wütenen, nicht mehr ganz so kleinen Gespenst materialisiert. Wer wagt es, in sein Schloss einzudringen?? Zippel, so wird Paul seinen neuen Freund nennen, hat jede Menge Unsinn im Kopf. Doch unter seinem Einfluss entwickelt Paul nach und nach mehr Selbstvertrauen und Stärke.

Kinder werden die kleine Gestalt lieben, und wir Erwachsene denken an Pumuckel, das Sams oder -  unvergessen - Preußlers kleines Gespenst.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


lempi 150x237

 

Hanser Verlag 21,00€

 

Minna Rytisalo: "Lempi - das heißt Liebe"

Alles dreht sich um Lempi in diesem Roman. Lempi : Ehefrau, Dienstherrin und Schwester. In diesen drei Rollen wird sie uns beschrieben und so ergibt sich ein äußerst facettenreiches Bild dieser jungen Finnin, Tochter des Kaufmanns in einem kleinen Dorf in Lappland.

Zunächst kommt Viljami zu Wort, der Ehemann, der sein Glück kaum fassen kann. Womit nur hat er es verdient, dass diese hübsche und kluge, fast weltgewandte junge Frau zu ihm auf seinen Hof kommt? Ein Leben führt, das schlicht und oft mühsam ist, ohne Komfort, ohne hübsches Geschirr, feine Wäsche und sonstigen Luxus. Hilfe und eine gewisse Form der Gesellschaft bietet nur Elli, die Magd, von der wir später noch mehr hören werden. Doch bevor dieses Leben sich so richtig entfalten kann, wird Viljami eingezogen, es tobt der 2. WK und so bleiben Lempi und Viljamii nur ein einziger Sommer.
Der Roman beginnt mit Viljamis Heimkehr – immerhin, er hat überlebt. Lieber wär’s ihm allerdings er wäre tot, denn aus einem Brief der Magd weiß er, dass Lempi fortgegangen und schließlich gestorben ist. In Vijamis Abwesenheit hat Lempi einen kleinen Jungen bei sich aufgenommen und einen zweiten geboren, um diese Kinder kümmert sich nun Elli.
Durch Viljamis Augen haben wir eine zärtliche, liebevolle und fleißige Lempi gesehen, aber nun ist Elli dran: im zweiten Teil des Romans schildert sie ihre Dienstherrin. Zunächst mal muss man unbedingt erwähnen, dass Elli geradezu zerfressen ist vor Eifersucht. Sie wäre die bessere Frau für Viljami gewesen, nicht diese verwöhnte junge Frau aus der „Stadt“, die sich für jede Arbeit zu fein ist, sich dumm anstellt, außerdem falsch und faul ist. Aber der gute Viljami ist ja so verblendet vor Liebe, dass er gar nichts merkt…
Die dritte Perspektive im Roman ist die von Lempis Schwester Sisko, die wohl den klarsten Blick auf Lempi hat. Zwillingsschwester wohlgemerkt. Während der deutschen Besatzung beginnt sie ein Verhältnis mit Max, einem deutschen Soldaten. Mit ihm wird sie später nach Hamburg gehen, aber eine glückliche Liebe ist es nicht. Von Sisko erfahren wir, warum Lempi zu Viljami auf den Hof gegangen ist, eine besondere Pointe gegen Ende des Romans.

Rytisalo gelingen drei völlig unterschiedliche Tonlagen: schwärmerisch, gehässig und liebevoll realistisch. Zusammengesetzt ergeben sie ein sehr rundes Portrait dieser lebenslustigen, jungen Finnin, ganz sicher enthält jeder der drei Blickwinkel ein Stückchen Wahrheit. Gerade in diesen Kontrasten liegt der besondere Reiz dieses schmalen Büchleins.

Astrid Henning

 


ich bin ich bin ich bin 150x237

 

Piper 22,00€

 

Maggie O'Farrell: "Ich bin Ich bin Ich bin"

Wie nähert man sich einem Buch von dem die BRIGITTE ( immerhin 5 „Bs“, die höchste Bewertung!!!) schreibt, dass die Autorin sich in ihren Memoiren nicht mit ihrem Leben, sondern mit insgesamt 17 Situationen, in denen sie beinahe ihr Leben gelassen hat, beschäftigt? Nicht besonders aufbauend...
Ich war vorsichtig gespannt, aber vorab schon mal positiv von ihr eingenommen, als ich im Klappentext las, dass sie mit einem meiner Lieblingsjugendbuchautoren, William Sutcliff, verheiratet ist. Drei Kinder haben die beiden und leben - hoffentlich noch alle 5 - in Edinburgh.

Mit 8 Jahren erkrankt das quirlige, bewegungsfreudige Mädchen Maggie an einer Virusinfektion. Die Ärzte haben sie bereits aufgegeben, doch sie schafft es, zu überleben - muss allerdings über ein Jahr in der Reha im Rollstuhl verbringen. Zurück bleibt eine leichte Ataxie und eine Wahrnehmungsstörung, die sie in ihrem weiteren Leben immer wieder vor große Herausforderungen stellen werden und sie gehandicapt bleiben lassen.
Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung der Kindheit, die sie sensibel für Situationen werden lässt, die lebensbedrohlich sind. Zweimal wird sie beinahe ertrinken. Als junge Frau wird sie bei einem einsamen Waldspaziergang einem Mann begegnen, der sie bedroht. Sie zeigt den Vorfall an, die Polizei nimmt sie nicht ernst. 14 Tage später wird eine 20jährige tot und geschändet in eben diesem Wald aufgefunden…
Die Geburt ihrer ersten Tochter verläuft für Mutter und Tochter fast tödlich. Ein weiteres Kind stirbt im Mutterleib. Eindringlich auch die Schilderung eines allergischen Schocks der Tochter, mitten in der Pampa irgendwo im italienischen Hinterland…

Sie fragen sich jetzt, warum dieses Buch so sehr lesenswert ist?! Letztlich geht es um das Sein. „Ich bin, ich bin, ich bin“ ist das Mantra der Autorin, sie hat alle diese Dinge überlebt, jeder neue Herzschlag ist das, was zählt. Das Leben ist ein Grenzgang, der Tod mitbestimmend und aus dem Erlebten setzen  sich Verhalten und Stärke eines jeden zusammen.
Zutiefst beeindruckend ist dieser Roman, und nicht deprimierend, wie man vielleicht vermuten könnte. Frau O‘Farrell hat meine Gedanken noch lange an ihre Geschichte gefesselt… Absolut lesenswert.

Annette Matthaei

 


nichts was uns passiert 150x237

 

Verbrecher Verlag 19,00€

 

Bettina Wilpert: "Nichts, was uns passiert"

Eine Feier, Alkohol, ein Kuss – und dann eine Situation, die entgleist, die zwei Leben entgleisen lässt.
Bettina Wilpert greift in ihrem Debüt unerschrocken nach einem Thema, an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann. Sozusagen mitten ins Herz der #meToo-Debatte erzählt sie, wie widersprüchlich zwei Menschen ihren One-Night-Stand in Erinnerung haben. Dieser Roman ist die minimalistische Spurensuche einer Vergewaltigung, die – und das ist der springende Punkt – ebenso real wie erfunden sein kann. Denn sie wird von einer Frau, Anna, behauptet und von einem Mann, Jonas, bestritten. Und in diesem Widerspruch liegt eine moralische und gesellschafts-politische Tragödie, die Wilperts sachlicher Erzählton und ihre dokumentatorische Erzählweise schnörkellos ausformt.

Sommer 2014: in Brasilien tobt die Fußball-WM, in Deutschland herrscht Partystimmung, und im Leipziger Studentenmilieu wird natürlich mit ordentlich Alkohol gefeiert. Anna und Jonas verbringen eine Nacht miteinander, aus der aber nichts folgt: kein gemeinsames Frühstück, keine weiteren Verabredungen. Zufällig treffen sich die beiden auf einer Geburtstagsfeier wieder und landen sturzbetrunken im Bett. Als Anna am nächsten Morgen aufwacht, dämmert ihr, dass sie von Jonas vergewaltigt wurde. Zwei Monate später, zu spät für eine gerichtsmedizinische Untersuchung, zeigt sie ihn bei der Polizei an. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf – und dem jungen Mann wird quasi der Boden unter den Füßen weggezogen. Was Anna als Vergewaltigung erlebt hat bzw. erlebt haben will, war für Jonas nicht der beste, aber ohne jeden Zweifel einvernehmlicher Sex. Der Fall zieht Kreise, erst an der Uni, schließlich in der ganzen Stad. Zwei Menschen stehen gleichermaßen, aber aus anderen Sichtweisen, am Pranger. Zwei Menschen stehen eigentlich vor den Trümmern ihres Lebens. Zwei Menschen, die eine Episode teilen, die nur sie bezeugen können. Anna sieht sich als infame Falschbeschuldigerin diffamiert, Jonas als brutaler Vergewaltiger.

Wer beide kennt, gerät unversehens unter den sozialen Druck einseitiger Parteinahme – und der Roman entzieht sich dessen ganz konsequent. Er urteilt nicht, im Gegenteil: worauf er abzielt ist vielmehr die Unmöglichkeit eines Urteils, eine Aporie der Wahrheit. Von der ersten bis zur letzten Seite blickt der Leser in ein Vexierbild, das zu erschaffen neben erzählerischer Könnerschaft auf literarische Intelligenz verlangt. Wo beginnt eine Vergewaltigung, und wo endet die Ambivalenz einer sexuellen Interaktion?
Dieser Roman geht nahe, er geht unter die Haut – und er ist gesellschaftliche Realität.

Heike Kasten

 


das verschwinden des josef mengele 150x237

 

Aufbau 20,00€

 

Olivier Guez: " Das Verschwinden des Josef Mengele"

Eine gewisse Ermüdung nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen unserer Leserinnen und Leser macht sich breit, wenn es um Themen des Dritten Reichs geht. So griff ich nur zögerlich zu dem schmalen Buch von Olivier Guez, das sich um den "Todesengel" von Auschwitz dreht. Ich habe es am Stück durchgelesen....

Als Josef Mengele 1949 mit der "North King" in Argentinien landet, wird er sogleich in die Gesellschaft eingeführt: Nazitäter und Nazibewunderer zählen ebenso zu seinem Bekanntenkreis, wie einflussreiche Politiker um das Ehepaar Peron. Helmut Gregor, so lautet Mengeles neuer Name, lebt unbehelligt und in gewissem Wohlstand durch die finanzielle Unterstützung der väterlichen Landmaschinenfabrik in Günzburg. Als sich seine erste Frau scheiden lässt, überredet ihn der Vater, die verwitwete Schwägerin Martha zu heiraten. Das Paar lebt mit Mengeles Neffen in Uruguay. Ende der Fünfzigerjahre versteckt sich Mengele zunehmend panisch erst in Paraguay, später dann in Brasilien. 1979 stirbt Josef Mengele in Bertioga/Brasilien.

Zwar muten einige Formulierungen in dem Tatsachenroman etwas befremdlich an, das überliest man jedoch locker, weil die (bekannte) Biographie dermaßen kompakt und fesselnd aufbereitet wird.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


der rote swimmingpool 150x237

 

Hanser 19,00€

 

Natalie Buchholz: "Der rote Swimmingpool"

Adam ist 17 und lebt mit seinen Eltern in einem gehobenen Stadtteil von München. Sein Vater ist ein erfolgreicher Mann, tatkräftig und voller Energie. Und das Schönste ist, dass er seine Frau, die wunderschöne Französin Eva, „la bombe“, auf Händen trägt. Adam genießt es, dass seine Eltern eine so gute Ehe führen. Bei Ihnen wird gelacht, gesungen und geküsst. Das ist keine Selbstverständlichkeit, die Familien von seinen Freunden sind ausnahmslos zerrüttet. Allen voran die von seinem etwas nerdigen Freund Tom, der ihm in schweren Zeiten zur Seite stehen wird. Wenn seine Mutter mit ihrem schlanken Körper in einem knappen schwarzen Badeanzug in den eigens vom Vater knallrot gekachelten Swimmingpool gleitet und dort kraftvoll ihre Bahnen zieht, bleibt dem einen oder anderen Kumpel schon mal der Mund offen stehen. Adam ist stolz auf und glücklich in seiner Familie.
Umso härter trifft es ihn, als der Vater kurz vor Weihnachten Knall auf Fall auszieht und den Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn komplett abbricht. „Er vögelt eine andere“ ist der einzige Kommentar, den seine Mutter, am Boden zerstört, dazu abgibt. Auch sein Vater verweigert jedes eingeforderte Gespräch und bittet seinen Sohn einzig um Zeit, Geschehenes zu verarbeiten. Aber was ist geschehen??? Adam fühlt sich wie im Schleudergang, durchlebt eine grauenhafte Zeit mit der ungezügelten Wut und der tiefen Verzweiflung eines Heranwachsenden.

Dass er etwas sehr Schlimmes getan haben muss, ahnen wir, da die Handlung kapitelweise in den nachfolgenden Sommer springt und wir ihn zu Hausbesuchen begleiten. „Der Angeklagte wird zu 120 Arbeitsstunden verurteilt, die in der Altenpflege abzuleisten sind.“ So das Gerichtsurteil des Jugendgerichtes München. Adam kümmert sich rührend um alte Demente, wäscht verwelkte Haut, putzt sabbernde Münder.
Bei einer alten Dame lernt er deren Urenkelin kennen. Tina heißt sie, „ist umgeben von Licht“ und Adam ist sofort verzaubert von diesem selbstbewußten, faszinierenden Mädchen. Es beginnt eine zarte Liebesgeschichte in einem heißen Sommer, die es Adam ermöglicht für sich wieder einen Sinn im Leben zu erkennen, sich von den alten familiären Strukturen zu befreien und für seine Eltern ein Quäntchen Verständnis zu entwickeln.

Eine große Liebe geht, eine neue Liebe kommt, das beschreibt Nathalie Buchholz in ihrem Debütroman mit einer Leichtigkeit, ohne die Intensität der Gefühle der Protagonisten zu vernachlässigen. Mir haben Inhalt und Schreibstil ausnehmend gut gefallen!

Annette Matthaei

 


ohne ein einziges wort 150x237

 

Goldmann 9,99€

 

Rosie Walsh: "Ohne ein einziges Wort"

Ein jeder hat es vermutlich schon einmal erlebt: man lernt jemanden kennen, alles ist wundervoll - und dann absolute Funkstille.

Sarah Harrington, Ende 30, frisch getrennt, besucht ihre Eltern im England, ihrer alten Heimat. Vor zwanzig Jahren hat sie die Insel fluchtartig verlassen. Auf einem ihrer Spaziergänge lernt sie Eddie kennen  - und verbringt sieben wundervolle, romantische, geradezu irrsinnig perfekte Tage bei und mit ihm. Eigentlich ist es glasklar, dass die Beiden quasi füreinander bestimmt sind! Dann muss Eddie verreisen, und er verspricht Sarah, sich bei ihr auf dem Weg zum Flughafen zu melden. Jedoch: er ruft nicht an! Er ist auch überhaupt nie und nirgendwo zu erreichen. Natürlich ist Sarah verzweifelt, aber sie weiß, dass irgendetwas passiert sein, dass es einen Grund für sein Verschwinden geben muss! In ihrer Verzweiflung wird sie unterstützt von ihren zwei besten Freunden, doch auch diese raten ihr allmählich, Eddie zu vergessen. Sarah hingegen ist weiterhin felsenfest von ihrer These überzeugt - und scheut sich auch nicht, ausgesprochen peinliche Vorfälle in Kauf zu nehmen, bei ihren Versuchen, Eddie aufzuspüren. Und nun, nachdem sich Puzzleteilchen auf Puzzleteilchen legt, kommt ihr ein grauenhafter Verdacht!

Die Geschichte von Sarah und Eddie, in einer gefühlvollen und teilweise poetischen Sprache geschrieben, wird stets unterbrochen durch Blicke in die Vergangenheit. Und durch Briefe - Briefe, die über 20 Jahre lang an eine vorerst nicht genannte Person geschrieben wurden.
Mit viel Feingespür nimmt uns die Autorin mit und enthüllt scheibchenweise ein Schicksal, das das Leben zweier Familien in der Vergangenheit zerstörte und viele Wunden und tiefe Narben hinterließ. Ein großer Pluspunkt des Romans ist, dass es sich eben nicht um eine typische Liebesgeschichte handelt; das Buch unterscheidet sich daher deutlich von anderen seines Genres.
Für mich ist dieses Debüt, das übrigens gleich in 30 Länder verkauft wurde, die perfekte Sommerlektüre!

Heike Kasten

 


die frau die liebte 150x237

 

dtv 18,00€

 

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"

Wir tauchen in diese Geschichte ein an einem Abend des Jahres 1536, in einem Dorf in Südfrankreich: Martin Guerre und Betrande des Rols, zwei Kinder von 11 Jahren, Kinder reicher aber bisher verstrittener Bauernfamilien, werden verheiratet, um die Familien zu befrieden. Sie verbringen ihre Hochzeitsnacht Rücken an Rücken in ihrem zukünftigen Ehebett - das Mädchen Bertrande vor allem froh, dass sie von ihrem Gatten nicht behelligt wird  - und beginnen ihre Ehe ein paar Jahre später.
Es wird eine glückliche Ehe! Die Familie prosperiert und lebt ein üppiges  Bauernleben. Doch eines Tages, nachdem er gegen eine von der Vaterautorität gesetzte Regel verstoßen hat, muss Martin für eine Weile verschwinden, um der Strafe des Vaters zu entgehen. Bertrande weiß, dass er das tun muss und heißt es richtig und sie weiß, in einer Woche sehen sie sich wieder. Doch es werden acht Jahre. Qualvolle Jahre für die daheimgebliebene Bertrande, die in ihren besten Jahren ist und ihren Mann schmerzlich vermisst.
Als nach acht Jahren Martin Guerre das Bauernhaus betritt, sind alle - und allen voran seine Ehefrau - selig vor Glück. Ein weiteres Kind wird geboren, der Hof blüht und gedeiht. Doch Bertrande kommen, was keiner verstehen kann, Zweifel. Ihr Ehemann war strenger als der jetzige, sein Charakter war ein anderer - konnte es sein, dass dieser hier nicht ihr wirklicher Mann war? Als Bertrande diesbezüglich keinerlei Zweifel mehr hat und sich dieses Mannes  - und ihrer Sünde! - entledigen will, geht sie vors Gericht und löst damit eine Tragödie aus.

Janet Lewis hat in diesem wiederentdeckten Roman von 1941 einen berühmten Fall aus der französischen Rechtsgeschichte des 16. Jahrhunderts literarisch umgesetzt, und es ist ein beeindruckendes Stück großer Literatur geworden. Sie lässt einem mit ihrer kraftvollen und poetischen Sprache Zeit, genussvoll in die damalige Welt einzutauchen, man kann die Erde, den Wein, das Gras, ja sogar die Landschaft und das Wasser dort förmlich riechen und wird eingesogen in das Leben - auch in das Seelenleben - von Bertrande.
Ein zart und wunderschön aussehendes Büchlein und innendrin ein kraftvoller und durch und durch fesselnder Roman!

Christiane Knappe

 


emmi und einschwein 150x237

 

Oetinger 13,00€
ab 8 Jahren

 

Anna Böhm: "Emmi & Einschwein - Einhorn kann jeder"

Emmi Brix hat eine große Schwester und einen kleinen Bruder, ihre Eltern arbeiten beide und Emmi geht zur Schule. So weit ähnelt Emmis Leben dem Leben der Kinder in unserer Welt sehr, doch Emmi lebt in einem Fabelland. Dort bekommt jeder Mensch an seinem 10. Geburtstag ein eigenes Fabeltier, das ihn fortan sein Leben lang begleiten wird. So leben in Emmis Familie eben nicht nur fünf Menschen, sondern auch noch Pieps, der Zweifühlige Blütenspatz von Emmis Mutter, der seherische Fähigkeiten hat und bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Blüten streut, Henk, der Blaue Drachlinger von Vater Professor Doktor Heinrich Brix, der mit seinem Feuer Würstchen rösten kann und ab und an etwas ordinär ist, und die Klingende Wildkatze Mexi ihrer Schwester Meike, die für ihr Leben gerne Musik macht. Emmis sechsjähriger Bruder Fiete hat noch kein Fabeltier, aber seinen Kuschelzwerg Fips, der ihn überall hin begleitet.

Nun steht Emmis 10. Geburtstag an, und, was keiner aus Emmis Familie weiß, Emmi wünscht sich sehnlichst ein Einhorn. Ein Einhorn ist das beste Fabeltier, das man bekommen kann: es ist weise, anmutig und vornehm! Da Emmi in der Schule alles andere als beliebt ist und Antonia, ein Mädchen aus ihrer Klasse, ihr mit ihren Freunden regelmäßig zusetzt, würde Emmi mit einem Einhorn in der Beliebtheitsskala bestimmt einige Stufen nach oben klettern. Als sie dann auch noch kurz vor ihrem Geburtstag von einem goldenen Horn träumt (was man so kurz vor dem großen Tag träumt, wird bekanntlich wahr), scheint es sicher...
Als sich die Familie an Emmis Geburtstag schließlich auf einer Waldlichtung um den geheimnisvollen Fabelbaum der Familie versammelt, Nebel aufsteigt, Emmi ihr Gedicht aufsagt und das Fabelband in die Luft wirft, das sie künftig mit ihrem Fabelwesen verbinden soll, hopst aus dem Nebel ein kleines, rosa Schweinchen mit einem goldenen Horn auf der Nase, das so absolut gar nichts vom Anmut und den eleganten Eigenschaften eines Einhorns hat! Emmi ist erst einmal fassungslos ist und weigert sich, sich mit der Situation abzufinden. Zumal das Plappermaul Henk ihren Schulkameraden bereits am Tag zuvor verraten hat, dass Emmi von einem goldenen Horn geträumt hat und alle zur Geburtstagsparty kommen wollen, um Emmis Einhorn zum ersten Mal zu sehen...

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


wurzeln schlagen 150x237

 

Rowohlt 20,00€

 

Allan Jenkins: "Wurzeln schlagen"

Was für ein besonderes und auch besonders schönes Buch! Allan Jenkins ist ein britischer Journalist und Restaurantkritiker, der uns mit diesem Buch an einem außergewöhnlichen Garten-Jahr teilhaben lässt. Jenkins wohnt in London und hat das Glück, neben seiner Wohnung auch Besitzer einer kleinen Gartenparzelle zu sein, Parzelle 29.

Und diese Parzelle ist nicht einfach nur ein Ort, an dem er sät und pflanzt, gräbt und erntet. Es ist viel mehr: ein Ort der Ruhe und der Besänftigung, des Trostes und der Zugehörigkeit. Ursprünglich wollte Jenkins wirklich ein Gartenjournal schreiben, ein persönliches, das schon. Herausgekommen aber ist eine Suche nach den eigenen Wurzeln, eine Suche, die sehr oft schmerzhaft war.
Allan Jenkins wurde bereits mit drei Monaten in ein Waisenhaus gegeben, später zusammen mit seinem etwas älteren Bruder Christopher. Ihre Mutter, Sheila, haben sie bewusst erst mit etwa 30 Jahren kennengelernt, eine ziemlich dumpfe, schlichte Person, sieben Kinder von sieben Männern, die ihre Kinder größtenteils gar nicht kennengelernt haben. Mit knapp fünf Jahren kommen Christopher und Allan zu Pflegeeltern, es beginnt eine zunächst ruhige Phase in ihrem Leben, aber von Liebe konnte auch hier nicht die Rede sein. Zuneigung höchstens, die man sich durch gutes Betragen aber immer erneut „verdienen“ musste, spätestens mit Beginn der Pubertät beginnen massive Schwierigkeiten und die Jungs werden wieder weggeschickt.
Immerhin hat ihm sein Pflegevater damals eine Tüte mit Kapuzinerkresse-Samen geschenkt und damit beginnt eine lebenslange Leidenschaft. Parallel zur Suche nach eigenen Wurzeln nimmt uns Jenkins immer wieder mit in seine Parzelle und berichtet mit ungeheurer Liebe vom Pflanzen und Wachsen, vom Behüten der kleinen Sämlinge und der Freude an kraftvollem Gemüse und Blumen. Tatsächlich gelingt es Jenkins in mühevoller Kleinarbeit, seinen Vater ausfindig zu machen, auch wenn der mittlerweile nicht mehr lebt. Dazu gehört aber auch das Studium der eigenen Akte und somit die Konfrontation mit viel Kummer, Einsamkeit und Verzweiflung.

Ein wunderbares Buch für alle, denen die Natur Trost ist, die Gartenarbeit lieben und mit dem Ausdruck „geerdet sein“ auch in dieser Hinsicht etwas anfangen können.

Astrid Henning

 


eine liebe in gedanken 150x237

 

Luchterhand 20,00€

 

Kristine Bilkau: "Eine Liebe in Gedanken"

Was für ein wunderschön trauriger Roman, der mich beim Lesen und auch im Nachgang intensiv beschäftigt hat.

Antonia, genannt Toni, geht 1964 als Neunzehnjährige aus dem kleinstädtischen, engen Flensburg nach Hamburg. Ein kleines Zimmer zur Untermiete hat sie bei ihrer gestrengen Wirtin. „Kein Männerbesuch nach 22 Uhr, mein Fräulein…“
Toni sprüht vor Neugier und Lebensfreude, trägt Mini in schrillen Farben und liebt amerikanische Musik. Den stillen und eher introvertierten Edgar bezaubert sie sofort durch ihre Anmut und ihren Esprit. Er ist in sehr jungen Jahren versehentlich zum Vater geworden, versorgt Mutter und Kind gewissenhaft mit Geld. Eine Beziehung ist aus dieser Liaison aber nie geworden. Toni und Edgar werden ein Paar. Sie, die Lebenskünstlerin, zaubert aus einem leeren Kühlschrank doch noch einen französischen Abend mit altem Camembert, trockenem Baguette, Champagner in Kelchen und Edith Piaf auf dem Plattenspieler… Er, der Pragmatische, fährt sie an verwunschene Orte mit seinem pistaziengrünen Käfer und gibt ihr Geborgenheit. Die große Liebe, wohl für beide. Daran ändert sich auch vorerst nichts, als sie, die inzwischen erfolgreich zur Chefsekretärin aufgestiegen ist, ihn ermutigt,die Chance wahrzunehmen, eine Niederlassung seiner Firma in Hongkong aufzubauen. Wenn genug Geld zusammen gespart ist, wird sie ihm folgen.

Der Abschied am Flughafen ist schwer, aber alles wird gut werden. Unzählige Luftpostbriefe werden sich kreuzen. Doch es ist nicht leicht den Kontakt so innig aufrecht zu erhalten, sind die Nachrichten, die man bekommt bereits drei Wochen alt. So vergeht mehr als ein Jahr. Eines Tages das ersehnte Telegramm: Löse Wohnung auf, kündige Anstellung, Flugschein kommt in Kürze… Dieser Flugschein wird Toni nie erreichen.
Sie gibt alles auf, wartet Monat um Monat...nichts. Schlussendlich löst sie die Verlobung, wendet sich anderen Männern zu und wird Mutter einer Tochter. Die Geschichte erzählt uns sehr einfühlsam und respektvoll ebendiese Tochter, nachdem ihre Mutter gestorben ist und ihr die Aufgabe zukommt, die Wohnung mit all den Briefen und Erinnerungen von Toni aufzulösen. Toni, die niemals mehr bei einem Mann ihre Ausgeglichenheit fand, die allein starb. Einmal noch traf sie Edgar, 2006, der ihr keine Antwort auf ihre Fragen gab, sie nur mit den Worten verabschiedete : „Geh zurück in deine rosarote Welt“. Eine Welt, die schon lange nicht mehr, vielleicht nie rosarot war…

Mit schöner Sprache vermittelt uns Frau Bilkau die Enge der 60er Jahre - besonders für Frauen - die schwere Verletzung einer gescheiterten Liebe und doch dem Willen, danach  weiterzuleben, wenn auch mit Melancholie. Ein wunderschönes Buch! Danke!!!

Annette Matthaei

 


auster und klinge 150x237

 

C.H.Beck 19,95€

 

Lilian Loke: "Auster und Klinge"

Dieser Roman hat von allem etwas: Gaunergeschichte, Krimi, Liebesroman, Künstlerroman – suchen Sie sich was aus, es ist alles drin. Dazu noch eine Prise Gesellschaftskritik plus Leidenschaft für gute Küche: voilà, das ist „Auster und Klinge“.

Victor ist frisch aus dem Knast entlassen und sein einziges Ziel ist es, Frau und Kind wiederzugewinnen. Victor war Kellner in sehr guten Hotels, hier hat auch seine Frau kennen- und lieben gelernt. Gleichzeitig war er aber schon in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Dieb, jemand, der mit 11 gekonnt Schokoriegel mitgehen lässt, weil er den Kick daran liebt. Und so hat er neben seiner braven Kellner-Existenz ein astreines Doppelleben als Einbrecher geführt, alles immer blitzsauber und ohne Spuren hinterlassen, nie Gewalt gegen Menschen ausgeübt, bis auf ein Mal…sein letztes Mal.
Aber warum war der 80 jährige Hausbesitzer auch überhaupt zu Hause? Victor hatte alles so sorgfältig recherchiert. Und dann geht ihm der Alte auch noch an die Gurgel! Da musste er sich natürlich wehren, leider stand zwei Minuten später die Polizei vor dem Haus und Victor wanderte für 1,5 Jahre ins Gefängnis.
Jetzt ist sein Plan, ein superedles Restaurant zu eröffnen, eine absolut ehrliche Existenz zu führen, ihm fehlt nur das Startkapital. Da begegnet ihm Georg, ein kleiner Spinner und Lebenskünstler, wie es zunächst scheint. Maler, politischer Performance-Künstler und, wie sich herausstellt: schwerreicher Erbe eines „Schweinezucht“-Unternehmens. Für sein neuestes Kunst-Projekt muss Georg sich besondere Kenntnisse aneignen, er will nämlich in Häuser einsteigen, um dort ganz bestimmte Spuren zu hinterlassen. Na, ahnen Sie den Deal? Victor zeigt Georg das Handwerkszeug und kassiert dafür das Startkapital für sein Restaurant. Bis Georgs Aktion ziemlich aus dem Ruder läuft…

Lilian Loke ist eine junge deutsche Autorin mit einer rasanten, präzisen Sprache, begabt mit einem genauen Blick für Menschen und ausgestattet mit wunderbarem, durchaus zynischem Humor. Für mich eine wirkliche Entdeckung!

Astrid Henning

 


wanderlust 150x188

 

Gestalten 39,90€

 

Cam Honan: "Wanderlust - Unterwegs auf legendären Wegen"

„Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele.“
 (Josef Hofmiller, Schriftsteller und Lehrer)

In unserer zunehmend chaotischen Welt finden heute viele Menschen auf Wanderwegen vor allem Orientierung. Was sonst so kompliziert erscheint, wird plötzlich ganz einfach: Es gibt einen klar definierten Anfangs- und Endpunkt und dazwischen liegt ein mehr oder weniger mühsamer, steiler, steiniger, schattiger oder wie auch immer gearteter Weg.
Egal, ob wir drei Kilometer oder 30 km wandern, wir versuchen in dieser Zeit lediglich, den Weg nicht zu verlassen und irgendwann anzukommen. Die reduzierte Bewegung beim Wandern hat heute immer mehr eine existentielle Bedeutung: Während der technische Fortschritt mehr und mehr räumliche Distanzen einfach aufhebt, erleben wir beim Wandern ganz bewusst, wie jeder unserer Schritte von unserem eigenen Willen bestimmt wird. Das Wandern gibt uns die Möglichkeit zurück, so langsam zu werden, dass unsere Sinne all das Wunderbare wieder erfassen können, das unsere Erde in ihrer unendlichen Vielfalt zu bieten hat.
Beim Durchblättern dieses zauberhaften Buches spürt man förmlich, wie die unterschiedlichen Gegenden der Welt durch Wege zusammengehalten werden, und welche enormen Dimensionen in dem einfachen Wort „Weg“ verborgen liegen. Wir stoßen auf moderne Wanderwege und auf uralte, bis in die Antike zurückreichende Handelswege; wir finden einen Esels- und einen Kamelpfad, gehen über einen zugefrorenen Fluss in Indien, laufen durch wilde Wälder in Norwegen und durch Salzbecken in Tansania, die unter dem Meeresspiegel liegen. Alle Kontinente der Erde sind vertreten. Es gibt lange und kurze Wege, steinige, kurvenreiche und sehr gerade- für jeden ist etwas dabei.

Zu allen Wegen finden sich im Buch Hintergrundinformationen und hilfreiche Tipps und Tricks für die Reise. Der wunderschöne Fotobildband weckt das Fernweh, führt zurück zu den Ursprüngen und lässt uns die Ruhe und Vielfalt der Natur schon beim Betrachten spüren. Eine unerschöpliche Quelle der Inspiration, ein Genuss für die Sinne und vielleicht der Beginn eines spannenden Urlaubsplanes!

Sabine Christ