Unsere Buchempfehlungen im März
    


nachsommer 150x237

 

Mare Verlag 18,00€

 

Johan Bargum: "Nachsommer"

„Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht? Es ist wie bei einem Vierhundertmeterlauf: Einige Augenblicke lang befindet man sich im Zentrum der Ereignisse, der Wind saust einem um die Ohren, die Lungen wollen platzen, die Gegner keuchen, das Einzige, was existiert, ist das Zielband irgendwo vor einem. Aber ist es das, was wirklich passiert? Nachher erinnert man sich an den Lauf, und das Gedächtnis fängt sofort an, die Fakten zu sortieren; es redigiert, unterteilt, sortiert. Ich hätte die erste Kurve nicht so langsam angehen sollen. Auf der Gegengeraden hätte ich kürzere Schritte machen müssen. Im Endspurt bin ich gestolpert, das war alles entscheidend. Nachher sieht alles gleich anders aus. In unserer Familie war sicher nicht ich der Wettläufer, sondern Carl. Ich sitze auf der Veranda und schreibe diese Zeilen, bin allein. Das alte Landhaus, die Villa, hat sich geleert. Alle sind abgereist, in die Stadt, ins Ausland. Eine ist am Ende ihres Weges angekommen und wird bald in Rauch aufgehen. Es ist leise und ruhig geworden.“

So beginnt der Roman von Johan Bargum, einem renommierten finnischen Autor. Erzählt wird uns die Geschichte dieses Sommers von Olof. Olof, der immer im Schatten seines 2 Jahre jüngeren Bruders Carl stand. Carl überragte den Älteren bereits im Alter von 11 Jahren nicht nur an Größe, er war charmanter, fixer, besser aussehend. Und somit der auserkorene Liebling der Mutter. Zum Leidwesen Olofs nahm sie den Sunnyboy, der wahrlich keinen liebenswerten Charakter hatte, immer in Schutz, den älteren Jungen überhaupt nicht wahr. Ein Gegengewicht in Form eines Vaters gab es nicht. Der eher schwache Erzeuger verstarb früh. An seine Stelle versuchte Tom zu rücken, ein gutmütiger Arzt, der sich freundlich um die Kinder bemühte. Doch Olof sah in ihm einen Eindringling, echte Nähe ist von dem Pubertierenden nicht gewollt. In Ungnade fiel Carl dann tatsächlich, als er mit seiner Frau Clara, mit der auch Olof eine Geschichte teilt, nach Amerika auswanderte. Die Mutter tobte in purer Verzweiflung.
Tom ist es, der nun Olof anruft, um ihm mitzuteilen, dass die Mutter in einem Landhaus der Familie in den Schären im Sterben liegt. Der immer noch alleinstehende Olof benachrichtigt nach langer Sendepause seinen Bruder, der unwillig zwar, aber doch mit Klara und seinen beiden Jungs anreist. Die Landschaft ist idyllisch, es ist ein warmer sonniger Spätsommer und doch, trotz dieser äußeren guten Umstände, brechen zwischen den beiden Brüdern alte Animositäten auf. Carl, mit seiner überheblichen, weltmännischen Art, lässt keine Gelegenheit aus, seinen eher bescheidenen Bruder vorzuführen. Über allem schwebt bedrohlich der nahende Tod der nicht mehr ansprechbaren Mutter und eine verpasste Chance von zwei Menschen, die vielleicht füreinander bestimmt waren.

Was mir an dieser modernen Kain und Abel Geschichte so sehr gefallen hat, ist, dass die Figuren glasklar gezeichnet sind und dass dieses schmale Buch komprimiert so viel Gefühl und Stimmung transportiert - dabei nie überladen wirkt - wie es manch 600 Seiten Roman nicht vermag. Für mich eine echte Entdeckung dieses Frühjahres!

Annette Matthaei

 


mercy seat 150x237

 

C.H.Beck 22,00€

 

Elizabeth H. Winthorp: "Mercy Seat"

Dieser Roman beschreibt nur knapp 24 Stunden in Lousiana, 1943 – und ist vielleicht gerade deswegen so besonders beeindruckend.

Ausgangspunkt für diese Geschichte – übrigens nach einer wahren Begebenheit geschildert – ist das Todesurteil gegen Will Jones. Will ist ein junger Schwarzer und sein Verbrechen bestand darin, Grace, eine junge Weiße, geliebt zu haben und zurückgeliebt worden zu sein. „Aufrischer Tat ertappt“ - das heißt hier: zum Tode verurteilt auf dem elektrischen Stuhl.
Aus verschiedensten Perspektiven erleben wir den Tag, an dem die Hinrichtung in St. Martinsville um Mitternacht stattfinden soll: ...wir begleiten Wills Vater, der seinem Sohn wenigstens einen ordentlichen Grabstein besorgen will und dafür einen Kredit aufnehmen muss, den er wahrscheinlich nie wird zurückzahlen können. ...Hannigan ist der Pfarrer des Orts, der Will in seinen letzten Stunden begleiten soll und durch das Urteil fast an seinem Glauben verzweifelt. ...Mr. Livingstone ist der Staatsanwalt, durch dessen Unterschrift das Urteil vollstreckt werden wird – fast ein Wiedergänger von Atticus Finch aus „Wer die Nachtigall stört“. Warum nur fällt er dieses haarsträubend falsche Urteil? ...Nell – seine Frau, die bis zur letzten Minute hofft, dass das Urteil ausgesetzt wird. ...Lane – selbst Häftling und zusammen mit einem Justizbeamten auf dem Weg nach St. Martinsville, um den „Mercy Seat“ an Ort und Stelle zu bringen.

Winthrop gelingt ein so eindringliches Portrait dieser unterschiedlichen Figuren, dass einem jede absolut deutlich vor Augen ist. Wir spüren die Last, die Spannung dieses Tages, passenderweise begleitet von drückender Hitze. Dies alles ergibt in der Gesamtheit einen Roman, der gerade durch seine Schlichtheit und das fehlende Pathos umso beeindruckender ist.

Astrid Henning

 


der grosse plan 150x237

 

Kiepenheur & Witsch 14,99€

 

Wolfgang Schorlau: "Der große Plan"

Wie gewohnt nimmt sich Herr Schorlau eines hochbrisanten Themas an: der Griechenlandkrise, der Eurokrise, der Machenschaften der Banken.

Georg Dengler, Stuttgarter Privatermittler, ergattert einen wirklich gut bezahlten Auftrag, endlich! Die mageren Jahre scheinen vorbei. Denn das Berliner Auswärtige Amt will, dass er nach einer verschwundenen Mitarbeiterin sucht. (Das nun führt zunächst einmal zu einer personellen Aufstockung der kleinen Detektei um eine attraktive neue Mitarbeiterin – mit allen hormonellen Folgen für die Stuttgarter Lebens- und Ermittlungsgemeinschaft von Dengler und der schönsten Frau der Welt, seiner Freundin Olga.)
Ein Handyvideo legt den Verdacht nahe, dass Anna Hartmann entführt wurde. Die junge Frau, bestens ausgebildet und extrem ehrgeizig, ist eine in die höchsten Gremien aufgestiegene Karrierefrau, die als Beraterin jener Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalen Währungsfonds und EU-Kommission fungierte, die mit harter Hand Griechenlands Schicksal lenkt. Doch seit Kurzem scheint Anna Hartmann, an der Legitimität ihrer Arbeit gezweifelt zu haben. Dengler gelingt es, vier der Tat verdächtige Männer zu identifizieren; bevor er allerdings Kontakt aufnehmen und sie befragen kann, werden sie ermordet. Und zwar in einem Kontext, der vermuten lässt, dass das Leben dieser Männer seit geraumer Zeit beobachtet wurde. Die Ermittlungen enden in einer Sackgasse. Dengler nimmt einen neuen Anlauf und stößt auf das größte Geheimnis der sog. Griechenlandrettung: Auf welchen Konten sind die vielen Milliarden europäischer Steuergelder letztlich gelandet?

Den Schulden Griechenlands setzt Schorlau die uneingelöste historische Schuld Deutschlands entgegen. Daher schneidet er in das Geschehen eine Nebenhandlung, die an das Wüten der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg erinnert. Und daran, mit welchen Tricks sich die Bundesrepublik Entschädigungen und Reparationen weitgehend entzogen hat.
Der große Plan bringt Licht in die dunklen Hintergründe, in denen die Rettungsmilliarden für Athen versickert sind. Die griechische Schuldenkrise entpuppt sich in Wirklichkeit als Bankenkrise – und Dengler dreht wahrlich ein großes Rad, ja, vielleicht ist es sogar etwas zu groß…

Heike Kasten

 


die geliehene schuld 150x237

 

Diana 22,00€

 

Clair Winter: "Die geliehene Schuld"

Dieser Roman spielt in der Nachkriegszeit, sozusagen in der Stunde Null, als man noch dachte, man könne die Altlasten abstreifen und völlig neu und unbedarft die Bundesrepublik gründen.

Marie Weißenburg, eine junge Sekretärin aus dem Büro Adenauers stößt auf Ungereimtheiten in ihrer eigenen Familie. Der Vater ist verstorben, aber über die Umstände schweigen sich Mutter und Brüder aus. Der zwielichtige Freund des Hauses, "Onkel" Karl, rät ihr sogar dringend, sich nicht weiter mit dem Thema zu befassen.
Als Marie den Hamburger Journalisten Jonathan Jacobsen kennenlernt, bittet sie ihn, Nachforschungen anzustellen. Eine folgenschwere Bitte! Jonathan kommt durch einen "bedauerlichen Unfall" ums Leben.... Seine langjährige Kollegin und Vertraute Vera Lessing, ebenfalls Redakteurin beim Hamburger Echo, stößt in Jonathans Unterlagen auf ehemalige Kriegsverbrecher, die sich offensichtlich erfolgreich abgesetzt haben und beschließt, eigenmächtig weiter zu recherchieren.

Die Autorin geht in ihrem Roman der Frage nach: was wurde eigentlich aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben, denn längst nicht allen konnte der Prozess gemacht werden? Und was hatte es mit der Organisation Gehlen auf sich?
Ein spannender Roman der Fiktion und Realität gekonnt miteinander verbindet!

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


die zwoelf leben des samuel hawley 150x237

 

Kein und Aber 25,00€

 

Hannah Tinti: "Die zwölf Leben des Samuel Hawley"

Ein Roman, in dem einem die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, Obacht! Und gleichzeitig eine anrührende Geschichte über eine große Liebe, außerdem eine Vater-Tochter-Geschichte, abenteuerlich und außergewöhnlich.

Zunächst mal haben wir da Samuel Hawley, der mit kleinen Gaunereien in Amerika beginnt, mit seinem Kumpel Jove in luxuriöse Ferienhäuser einsteigt und Auftragsarbeiten erledigt. Er macht seine Sache gut, lässt sich nicht erwischen, ist zuverlässig und erarbeitet sich einen Ruf, der dazu führt, dass die Gaunereien bald keine mehr sind, sondern zu veritablen Straftaten werden. Mittlerweile hat er ein Arsenal an Waffen, vom Gewehr seines Großvaters bis hin zum kleinen Revolver im Hosenbund. Wird übrigens durchaus eingesetzt, wenn's sein muss. Von diesen Einsätzen erzählt auch Samuels Körper: Das mit den zwölf Leben ist durchaus ernst gemeint, Einschusslöcher hinterlassen Narben und zu jeder gibt es eine aufregende Geschichte.
Doch dann wird es ruhiger in Samuels Leben, denn er lernt Lily kennen: schön und mutig, liebevoll und willensstark. Zum Glück ist Samuel ein sparsamer Mensch, der einen Großteil seiner Beute und seines Lohns aufbewahrt hat. Also muss er eine Weile nicht arbeiten und genießt das Leben mit Lily, schließlich werden sie Eltern der kleinen Louise, was unseren Helden ein bisschen überfordert. Bald hat er allerdings in dieser Hinsicht keine Wahl mehr, denn Lily kommt durch einen Unfall ums Leben, Samuel wird den Großteil von Louises Leben allein mit ihr sein. Nach einiger Zeit des Umherziehens lassen sie sich in Olympus nieder, dem Heimatort von Loos Mutter.
Samuel ist ein einsamer Wolf mit gebrochenem Herzen, ein Einzelgänger mit undurchsichtiger Vergangenheit, das kommt in kleinen amerikanischen Städten nicht gut an, man begegnet ihm mit einer ordentlichen Portion Misstrauen. Vor allem aber geht es nun auch um Loo: Aus ihrer Perspektive erleben wir die Gegenwart, spüren, wie sehr sie ihren Vater liebt, was für eine enge Gemeinschaft die beiden bilden, verlieben uns das erste Mal mit ihr, spüren den Wunsch „zugehörig“ zu sein und werden Teil der Einwohnerschaft von Olympus. Fast werden Vater und Tochter so richtig bürgerlich, doch da taucht Jove wieder auf und die Vergangenheit holt Samuel ein.

Der Roman um Loo und Samuel ist wunderbar erzählt, Schilderungen der Gegenwart wechseln sich mit den Kapiteln um Samuels Vergangenheit ab, und so können wir uns als Leser nach kugelpfeifenden Abenteuern immer wieder etwas in der Kleinstadt erholen.
Gerade diese Mischung macht das Buch so außergewöhnlich, ich freue mich auf weitere Bücher dieser jungen Autorin.

Astrid Henning

 


der letzte von uns 150x237

 

Ruetten und Loening GmbH 18,00€

 

Adélaïde de Clermont-Tonnerre: "Der letzte von uns"

Die Geschichte beginnt in Dresden, zum Ende des zweiten Weltkrieges. Eine grausam versehrte hochschwangere junge Frau schleppt sich durch den Bombenhagel zum Roten Kreuz und befiehlt dem diensthabenden Arzt, ihr Baby zu holen. "Er ist der Letzte von uns", sind ihre Worte; sie weiß, dass sie nicht überleben wird.

1971 finden wir uns in Manhattan wieder. Werner, "Wern", das ehemalige Kriegskind, ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden: charismatisch, gut aussehend, und dem schönen Geschlecht durchaus zugeneigt. Nur manches Mal lassen sich hinter seinem kühlen Äußeren seelische Narben vermuten. Er lernt Rebecca kennen, eine Tochter aus sehr gutem und solventem New Yorker Hause und weiß sofort, dass sie die Frau seines Lebens ist.
Die Liebe beruht durchaus auf Gegenseitigkeit – damit könnte man es bewenden lassen und ein Happy End feiern! Doch Rebecca verlässt Wern von einem Tag auf den anderen, ohne jegliche Erklärung, und sie scheint ihm etwas zu verheimlichen, dass mit seinen ursprünglichen Wurzeln in Verbindung steht.

Die Autorin hat mit ihrem Buch einen historischen Familien- und Gesellschaftsroman vorgelegt, mit einer Handlung, die auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Ihre gute Recherche über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen ist ebenso überzeugend wie die Authentizität der Charaktere. All das erwartet uns in einer Geschichte, die sich, sozusagen unter der Liebesgeschichte von Wern und Rebecca, mit den dunklen Machenschaften des Dritten Reiches beschäftigt. Und mit denen, die in diesen Zeiten auf unterschiedlichen Seiten standen: Die einen, die sich verkauften für eine neue Zeit – mit allen Konsequenzen. Und die anderen, die sich nicht verkaufen lassen wollten – ebenfalls mit allen Konsequenzen...

Heike Kasten

 


totenweg 150x237

 

Lübbe 20,00€

 

Romy Fölck: "Totenweg"

Ein Elbmarschkrimi - so könnte der Untertitel dieses ersten Bandes der Krimiserie um Frida Paulsen und Hauptkommissar Haverkorn lauten. Die Landschaftbeschreibungen in diesem Debüt vermitteln  eine besondere Atmosphäre, in die man als Leser ohne Mühe sofort eintaucht.

Frida Paulsen hat sich für den gehobenen Polizeidienst entschieden. Sie steht kurz vor dem Examen in Hamburg, ihr Heimatdorf in der Elbmarsch hat sie während der letzten 18 Jahre nur äußerst ungern besucht. Immer noch muss Frida an die verhängnisvolle Nacht denken, in der sie ihre beste Freundin tot im Pumpenhaus fand.... Erwürgt! Kommissar Haverkorn, der damals die Ermittlungen leitete, ist bis heute davon überzeugt, dass Frida ihm etwas verheimlicht hat....
Nun wird der Polizeibeamte erneut in das kleine Elbmarschdorf geschickt: Fridas Vater wurde überfallen und verletzt. Er liegt im Koma, und die Ärzte wissen nicht, ob er überlebt. Frida weiß, dass sie nun nicht länger zögern darf: ihre Mutter braucht dringend Hilfe. Also reist sie zurück in das Dorf und damit auch in ihre Vergangenheit. Alte Kontakte werden neu knüpft , doch der Mörder von damals fühlt sich zunehmend bedrängt von der jungen Ermittlerin und ihrem neugierigen Kollegen.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


zusammen sind wir helden 150x237

 

Carlsen 17,99€

ab 14 Jahren

 

Jeff Zentner: "Zusammen sind wir Helden"

„Warum sollte ich das tun?“, fragte Dill. „Abgesehen von den Gründen, die ich dir gerade aufgezählt habe? Weil wir genau die Dinge tun sollten, vor denen wir Angst haben. Dann werden sie jedes Mal leichter.“

Dill, ein junger Mann aus dem kleinen Ort Forrestville nahe Nashville, dessen religiös-fanatischer Vater seit Jahren wegen Missbrauchs im Gefängnis sitzt, hat es alles andere als leicht: seine todunglückliche, im Ort wegen ihres Mannes geächtete Mutter, macht ihm das Leben zur Hölle, nach der Schule soll er im Supermarkt arbeiten, um die Schulden der Eltern abzubezahlen. Er sehnt sich nach einem Leben außerhalb von Forrestville, irgendwo weit weg von seiner eigenen Vergangenheit. Zum Glück gibt es in seinem Leben aber noch seine Freundin Lydia, die im Internet ihren eigenen Modeblogg schreibt und liebevolle, unterstützende Eltern an ihrer Seite hat. Der Dritte im Bunde ist Travis, ein echter Nerd, der vollkommen in der Realität seiner Lieblingsfantasybuchreihe lebt. Travis Vater ist ein furchtbarer, gewaltbereiter Mensch, der nicht zulassen will, dass der Sohn eigene Wege geht
Alle drei werden im Sommer ihren Schulabschluss machen, doch könnten ihre Lebensperspektiven unterschiedlicher nicht sein: während Lydia plant, als Modebloggerin nach New York zu gehen, scheint es für Travis und Dill kein Entkommen aus der Perspektivlosigkeit ihres Lebens zu geben. Lydia setzt alles daran, den beiden Freunden zu helfen, Wege zu ebnen und sie zu ermutigen, ihr Leben in eigene Hände zu nehmen und ihre Begabungen zu nutzen. Dann jedoch geschieht etwas, auf das niemand im Leben jemals vorbereitet sein kann.

Die Geschichte von Dill, Lydia und Travis ist eine sehr berührende Geschichte. Alle drei sind authentische, gar nicht perfekte Personen; nichts wird ausgeklammert, oft erscheint das Leben der Jugendlichen schonungslos und hoffnungslos, doch im nächsten Moment lässt ihr Zusammenhalt und ihre Stärke wieder Raum für ungeahnte Möglichkeiten. Jede ihrer Handlungen ist nachvollziehbar, verständlich und vor allem immer wieder sehr menschlich.
Ein wunderbares Buch - für alle ab 14 Jahren - voller Trauer und Leid, aber auch voller Hoffnung, die Ängste und Hindernisse des Lebens eines Tages überwinden zu können, das man nicht so schnell wieder vergessen kann!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar


mr franks fabelhaftes talent fuer harmonie 150x237

 

Fischer Krüger 19,99€

 

Rachel Joyce: "Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie"

Können Sie sich noch an Harold Fry erinnern, der eine spontane Pilgerreise quer durch England bis nach Schottland unternahm? Verfolgt von Weggefährten und Millionen von Lesern? Ähnlich rührend, allerdings wesentlich vinyllastiger ist die Geschichte von Frank, die Frau Joyce uns in diesem Winter beschert.

Frank betreibt in den späten 80er Jahren einen Plattenladen in der schon etwas heruntergekommenen Unity Street im Süden von London. CDs kommen ihm nicht ins Haus, das wäre ein Frevel. Da wird er, der sonst eher schüchterne, zurückhaltende lange Lulatsch, wild!!! Dafür befinden sich in seinem kleinen Laden unzählige dieser wunderbaren Schallplatten, schwarz, glänzend, voller Zauber und nicht nur das. Dieses kleine „gallische Dorf“ ist auch der Treffpunkt sämtlicher Ladenbesitzer der von der Gentrifizierung bedrohten Unity Street.
Liebenswert gezeichnet sind die Charaktere, von der schroffen Tattoostudiobetreiberin, die heimlich in Frank verliebt ist, über den ehemaligen Pater, der jetzt Rosenkränze und andere Devotionalien verkauft, und nicht zu vergessen, dem übereifrigen Lehrling Kid, einem großer Bewunderer Franks. Das ist aber noch nicht alles, was den namenlosen Plattenladen ausmacht. Das ganz besondere ist Franks Gabe, jedem Kunden genau die Platte herauszuziehen, die er in seiner jeweiligen Lebenslage nötig hat. Egal ob Aretha Franklin, James Brown, Janis Joplin oder Vivaldi und Bach. Egal ob Liebeskummer, Arbeitslosigkeit, Schwermut - Frank blickt in die Seelen der Käufer und hilft meist mehr als ein Therapeut.
Eines Tages jedoch stößt Frank unerwartet an seine Grenzen. Eine junge, zarte Frau im grünen Mantel blickt in seinen Laden, durch die schmuddelige Scheibe direkt in Franks Augen und rutscht im nächsten Moment ohnmächtig!! am Fenster herab. Frank eilt zu Hilfe, spürt nach, welche Musik die Rettung wäre und…. Nichts, er spürt rein gar nichts… außer…
Die Unbekannte erwacht aus ihrer Ohnmacht, entschuldigt sich umständlich und entschwindet. Wer ist diese Frau in Grün, die Frank nicht mehr aus dem Kopf geht, so sehr er sich auch dagegen wehrt?

Wir werden Ilse aus Deutschland noch kennenlernen, dafür sorgen schon Franks Freunde und der liebe Zufall. Davor muss unsere Hauptfigur aber erst noch ganz hinabsinken, bevor dann, wie es sich für ein gutes Erwachsenenmärchen gehört, zum Schluss doch noch alles gut wird.
Dies ist ein herzerwärmender Roman über einen liebenswerten Mann, der auf der emotionalen Bremse steht, über Freundschaft, Zusammenhalt, Liebe und natürlich eine Hommage an das gute alte Vinyl.

Annette Matthaei

 


bleiben 150x237

 

Droemer Knaur 10,99€

 

Judith W. Taschler: "bleiben"

Vor zwanzig Jahren trafen sich drei Männer und eine Frau auf einem überfüllten Bahnsteig in Rom – eine kurze Begegnung junger Menschen, die alle an unterschiedlichen Wendepunkten ihres Lebens standen.
Juliane, Cellistin, schwer traumatisiert nach dem tödlichen Unfall ihres kleinen Bruders; Paul, frisch geschieden nach einer unglücklichen Ehe; Felix, auf der Suche nach der Lebensgeschichte seiner Mutter und Max, der davon träumt, Maler zu werden. Und eben  dieser Max fertigt von Juliane eine Skizze an, die die Grundlage für ein Bild wird, das lange Zeit später das Leben aller Beteiligten in Unordnung bringen wird.
Juliane, mit Paul verheiratet, trifft Felix auf einer Vernissage wieder; die beiden beginnen eine heftige und leidenschaftliche Affäre, die über ein halbes Jahr andauert. Doch eines Tages bricht Felix urplötzlich den Kontakt ab, und eine tief verletzte und gedemütigte Juliane bleibt zurück. Erst Monate später erfährt sie den Grund und die furchtbare Wahrheit.

In diesem wunderbaren Buch erzählen drei junge Männer und eine Frau im Wechsel und in Rückblicken einem jeweils nicht näher benannteten Gegenüber voneinander und übereinander. Und nach und nach ergibt sich, wie sie zu dem wurden, was sie nun sind. Wie sie zueinander stehen, was sie verbindet und was sie trennt. Es geht um die großen Themen des Lebens, nämlich Zufall, Verrat, Liebe, Leidenschaft, Schuld, Vertrauen und Tod.
Nicht tränendrüsig, nein, lebhaft und auf eine behutsame Art spannend werden die einzelnen Schicksale, die immer miteinander im Zusammenspiel stehen, erzählt. In einer klaren, schönen Sprache baut Judith Taschler einen Spannungsbogen auf, der den Leser bis zur letzten Seite gefangenhält, um ihn dann sehr nachdenklich zurückzulassen.

Und dabei ist der Titel des Buches auf allen Ebenen zu spüren! Wie schließt man mit der eigenen Vergangenheit Frieden? Und wie soll man jemanden gehen lassen, wenn doch selber zurückbleibt? Wie bleibt man und kann doch gleichzeitig loslassen?

Heike Kasten

 


wild 150x237

 

Fischer 20,00€

 

Reinhold Messner: "Wild"

Sollten Sie Schwierigkeiten mit dem norddeutschen Herbst- und Winterwetter haben, auch der Sommer passt Ihnen nicht und überhaupt: das Klima in Deutschland!!, dann habe ich ein sicheres Heilmittel für diese Unzufriedenheit: R. Messners „Wild“.
Danach werden Sie nasskalten, grauen und windigen Tagen voller Verachtung begegnen, denn jetzt wissen Sie, was wirklich „schlechtes Wetter“ ist.

Schon das Titelbild verheißt eisige Temperaturen und das heißt, wir sprechen von -30 oder sogar extremen – 50 Grad. Vielleicht erkennen manche von Ihnen das Schiff: es ist die „Endurance“, die 1914/15 im Packeis der Antarktis zermalmt wurde. Der irische Polarforscher Shackleton brach 1914 auf, um die Antarktis auf dem Landweg zu durchqueren, es ist bereits seine vierte Reise in diese Region. Immer an seiner Seite: Frank Wild, dem Reinhold Messner mit diesem Buch ein würdiges Denkmal setzt.
Shackleton besitzt geradezu magische Führungsqualitäten, er hat ein untrügliches Gespür für's Eis, er hat Mut, Ehrgeiz und die nötige Vision. Doch ohne Frank Wild geht nichts, er ist Shackletons „right-hand-man“, so wird es später auf seinem Grabstein stehen. Er ist der unverzichtbare Mittler zwischen „Boss“ und Mannschaft, immer treu und zuverlässig, loyal und dennoch meinungsstark, er spürt, wann die Mannschaft verzweifelt ist und Zuspruch braucht.
Als es während der Expedition zur Katastrophe kommt, das Schiff zerstört ist, 30 Männer dem ewigen Eis ausgeliefert, beschließt Shackleton mit fünf seiner Männer zum nächsten Festland zu gelangen. 800 Seemeilen durch stürmischste und feindliche See in einem kleinen, offenen Rettungsboot. Und Wild ist es, der beim Rest der Mannschaft bleibt, der immer wieder Hoffnung stiftet, obwohl selbst bereits krank und geschwächt. Er schafft es, den Glauben an Rettung selbst in totaler Finsternis und Eiseskälte zu bewahren und zu verbreiten.

Umso tragischer sein Ende, ähnlich wie Shackleton selbst hat er nach dieser Reise nie wieder richtig Fuß fassen können, scheiterte in Afrika mit dem Aufbau einer Baumwollplantage und schlug sich als Barkeeper durch. Erst 2011, 60 Jahre nach seinem Tod, wurde seine Asche begraben, in Südgeorgien, direkt neben dem Grab seines Freundes Ernest Shackleton.

Astrid Henning

 


the fourth monkey 150x237

 

Blanvolet 14,99€

 

J.D.Barker: "The fourth Monkey - geboren, um zu töten"

The Fourth Monkey ist J.D.Barkers erster Thriller und der Beginn einer Serie um Detective Sam Porter. Der Autor lebt abwechselnd in Florida und in Pennsylvania.

Normalerweise lesen Sie auf unserer Rezensionenseite selbstformulierte Texte über die jeweiligen Bücher. In diesem Fall möchte ich Ihnen aber als Einstieg eine Art "Klappentext" des Verlages präsentieren:
"Tue nichts Böses, sonst wird er dich bestrafen. Zuerst wird er einen Menschen entführen,den du liebst. Dann wird er dir ein Ohr des Opfers in einem weißen Geschenkkarton schicken. Daraufhin ein Auge, dann eine Zunge. Du kannst versuchen, ihn zu stoppen, aber du wirst es nicht schaffen. Denn er ist der Four Monkey Killer..."

Sam Porter steht noch immer unter seelischem Stress : seine geliebte Frau Heather, ebenfalls Polizistin, ist ermordet worden. Um seiner Trauer zu entkommen,stürzt er sich daher auf einen neuen (alten) Fall : ein Serienmörder, den er schon lange jagt, hat sich
vor einen Bus geworfen. Unweit des Tatortes findet die Polizei einen weißen Geschenkkarton mit einem Ohr. Jahrelang hatte der Mann Kinder von Gangstern entführt und getötet, um zu strafen und für "Gerechtigkeit" zu sorgen. Für die Ermittler steht fest, irgendwo in der Stadt befindet sich erneut ein Entführungsopfer, das dringend gefunden werden muss...

Angenehmes Gruseln wünscht

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November

 


die gleichung des lebens 150x237

 

Kiepenheur & Witsch 22,00€

 

Norman Ohler: "Die Gleichung des Lebens"

Mitte des 18. Jahrhunderts, Friedrich II. hat große Pläne: Die Landwirtschaft soll ausgebaut werden, die Bevölkerung vergrößert, Ruhm und Ehre vermehrt werden – dafür benötigt man zusätzliches Land.
Kein Problem, östlich von Berlin befindet sich der Oderbruch, eine Gegend, die in Ohlers Roman kaum anders anmutet als das Mississippi-Delta. Mehr Sumpf und Moor als Flussgebiet, dazu eine Tierwelt, die wir heute bei uns gar nicht mehr kennen: Schildkröten, Ringelnattern, riesige Welse, Störe und Hechte sowieso. Natürlich sind die Menschen hier Fischer, nicht Landwirte, und ebenso natürlich kann die Trockenlegung des Oderbruchs nicht in ihrem Sinne sein, auch wenn Friedrich der Große ihnen Wohlstand durch Anbau der Erdtoffel verspricht. Das ganze Vorhaben ist höchst ehrgeizig, erfordert jede Menge Arbeitskraft, vor allem aber genaueste Planung. Bislang hatte die ein französischer Ingenieur übernommen, M. Mahistre, doch der wird nun als Wasserleiche in einem der vielen Nebenarme der Oder aufgefunden. Ertrunken? Mord?
An dieser Stelle kommt der Forscher und Mathematiker Leonard Euler ins Spiel, er lebt in Berlin, war schon als Wissenschaftler am Hof von Katharina der Großen beschäftigt und soll nun der neue „Projektleiter“ vor Ort werden, gleich mit einem Todesfall konfrontiert. Ein Netz von Intrigen und Bestechung tut sich auf, es lohnt sich immer, sehr genau hinzusehen, wer wieso auf welcher Seite steht. All das findet statt im Sommer 1747, es ist heiß, es ist feucht, es ist schwül, die nächste Flut steht vor der Tür und droht schon bestehende Deiche wieder zu zerstören.Und dann diese Mücken! Außerdem greift eine merkwürdige Krankheit um sich: Die Betroffenen leiden zunächst unter Schweißausbrüchen und Schüttelfrost, Schwäche, schließlich Fieber und blau-rote Beulen, die meisten sterben daran. Auch bei M. Mahistres Leiche kann man die Beulen noch besichtigen, also doch kein Mord?

Norman Ohler lässt uns eintauchen in eine völlig andere Welt: Wir sind am Hof des Königs und stellen fest, auch ein Herrscher schlägt sich mit ordinären Beschwerden herum, wir sitzen neben Leonard Euler in der rumpelnden Kutsche, wohnen der jährlichen Zusammenkunft der Gilde der Hechtreißer bei und spüren vor allem das Klima, die Hitze, die Kraft des Wassers.
Ein Roman mit vielen Facetten: „Die Gleichung des Lebens“ ist ein historischer Roman, ein historischer Krimi, ein Portrait einer Gesellschaft im Umbruch, oftmals erschreckend aktuell.

Astrid Henning

 


luegnerin 150x237

 

Kein & Aber 24,00€

 

Ayelet Gundar-Goshen: "Lügnerin"

Dieser Roman erzählt  die romantische Liebesgeschichte zwischen Nuphar und Lavie, der erste aufregende Kuss im Hinterhof, das Sehnen und die Unsicherheit und Aufregung. Doch leider ist diese Geschichte gar nicht so romantisch, denn Lavie erpresst Nuphar, er kennt ihr Geheimnis.

Nuphar ist ein trauriger Teenager, nicht beachtet von den Mitschülern, sitzen gelassen von der besten Freundin, etwas unförmig und pickelig. Sie ist frustriert, dass ihre Sommerferien im Begriff sind völlig ereignislos zu Ende zu gehen und ihr graut jetzt schon vor dem Aufsatz in der Schule, in dem Sie ihr schönstes Ferienerlebnis niederschreiben soll. In der Eisdiele in der sie arbeitet trifft sie eines Tages auf Avischai Milner, abgetakelter Popstar, dessen gute Zeiten vorbei sind. Diese beiden frustrierten Gestalten treffen also aufeinander und Avischai lässt aus Verärgerung, dass er warten muss eine üble Schimpftirade los und beleidigt und verletzt Nuphar. Sie flüchtet auf den Hof und er rennt ihr in Rage hinterher. Auf dem Hof schreit sie um Hilfe und er packt ihren Arm um sie zum Schweigen zu bringen. Und Nuphar schreit. Aufgebracht eilen die Nachbarn in den Hof und interpretieren die Situation falsch, sie fragen, ob der Mann ihr etwas angetan hätte und sie lügt und sagt „ja“.
Sie ist die Lügnerin und sie wird daran festhalten, obwohl Lavie die Wahrheit kennt und sie erpresst. Sie wird ins Fernsehen eingeladen werden und lügen, sie soll auf Veranstaltungen reden und erlangt eine gewisse Berühmtheit mit ihrer Lüge. Und das Interessante ist, um sie herum sind auch alles Lügner. Der Präsident, der auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung einen flammende Rede über den Respekt vor Frauen hält, hat eine angestellte missbraucht, Lavie selbst hütet ein Geheimnis, er behauptet für die Aufnahmeprüfung zum Militärdienst zu trainieren, obwohl das nicht stimmt, Nuphars Schwester lügt, Ihre Mutter, einer der Polizisten und der, der die Wahrheit sagt, ein Bettler, der auch alles mit angesehen hat, wird als verwirrt und damit unglaubwürdig weggeschickt.

Wir verurteilen die Lüge und haben doch auch ein Herz für Lavies Sicht der Dinge, wenn er sagt: „Du lügst ja nicht einfach so, sondern nur, wenn dir nichts anderes übrig bleibt.“ Man liest die Geschichte mit angehaltenem Atem. Was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, was, wenn dem Bettler geglaubt wird, wenn Lavie plaudert. Wer sagt denn überhaupt noch die Wahrheit? Keiner in dieser Geschichte ist nur gut oder nur böse (oder verlogen). Alle sind alles und das macht dieses Buch so spannend und nachvollziehbar. Und am Ende denkt man sich. Ach siehste, im Gegensatz dazu bin ich aber relativ ehrlich….

Claudia Lobenberg

 


alles ueber heather matthew weiner 150x237

 

Rowohlt 16,00€

 

Matthew Weiner: "Alles über Heather"

So klein, so fein und so  - bitterböse!

Mark und Karen lieben ihre kleine Heather über alles. Für die nicht mehr ganz so jungen Eltern bedeutet dieses entzückende Mädchen die einzige positive Verbindung ihrer (Zweck-)Heirat. Karen, eine durch und durch kontrollierte und berechnende Frau sieht in Mark eher den passender Erzeuger, denn einen geliebten Ehemann. Außerdem wurde ihr Mark als "gute Partie" empfohlen.... Als Heather in die Pubertät kommt, versucht sie mehr und mehr den Fesseln ihrer Mutter zu entkommen, womit diese natürlich überhaupt nicht klar kommt.
Im zweiten Erzählstrang lernen wir Bobby Klasky kennen. Zehn Jahre vor Heather kam er zur Welt und war ein "vom medizinischen Personal des Krankenhauses unentdeckt gebliebenes Wunder, hatte seine Mutter während ihrer überwiegend unbemerkt verlaufenen Schwangerschaft doch selten etwas anderes als Bier zu sich genommen." Mit zehn Jahren kann er bereits für seine Junkie-Mutter Spritzen aufziehen und irgendwann landet er im Gefängnis. Nach der Haftentlassung jobbt Bobby auf einer Baustelle direkt neben dem Haus von Heather und ihren Eltern....

Hervorragend geschrieben !

Andrea Wetserkamp-Stützel

 


hoerst du wie die baeume sprechen 150x200

 

Oetinger 16,99€

 

Peter Wohlleben: "Hörst du wie die Bäume Sprechen?"

Der Beststeller-Autor und Förster Peter Wohlleben hat nun nach seinen diversen Titeln über die Natur, wie „Das Geheimnis der Bäume“, „Das Seelenleben der Tiere“, der „Gebrauchsanweisung für den Wald“ ein überragendes Kindersachbuch zum Thema Wald geschrieben.

Das reich mit Fotos und lustigen kleinen Zeichnungen bebilderte Buch macht nicht nur die Kleinen neugierig auf die Natur vor unserer Haustür. Ich selbst war sprachlos, was in unseren Wäldern so los ist. Wußten Sie, dass es im Wald eine Art Internet gibt? Die Sporen der Pilze ermöglichen es den Bäumen, untereinander zu kommunizieren. Dadurch kann ein kranker Baum den umstehenden mitteilen, dass es ihm schlecht geht. Die anderen schicken ihm dann Wasser aus ihren Reserven. Es gibt absolute Einzelgänger unter den Bäumen, aber auch Arten, die nur im Familienverbund gedeihen können.
Auch die Tiere kommen nicht zu kurz. Obwohl das Gehirn des Eichelhähers ziemlich klein ist, kann er sich genau merken, wo er die Samen versteckt hat. Beim Verstecken lässt er sich von keinem anderen beobachten. Könnte ja sein, dass die ihm Nahrung stibitzen. Ganz anders das etwas schluderige, vergessliche Eichhörnchen. Es hüpft hierhin und dahin und ist emsig am Werk, Berge an Nüssen und Samen zu verbuddeln, denn leider vergisst es immer wieder, wo die leckeren Sachen gelagert sind und der Winter ist lang. Da hilft nur, Vorratskammern auf Schaff anzulegen.

Dieses tolle Buch kommt ohne Schnickschnack wie Klappen und 3D aus. Es hat auf jeder Seite ein kleines Quiz, eine Frage zu dem eben Erfahrenden, und außerdem immer einen tollen Vorschlag, etwas auszuprobieren. Zum Beispiel an Tannennadeln schnuppern. Die duften im Sommer besonders stark, denn da geht es den Nadelbäumen wegen der Trockenheit nicht gut und als Hilferuf verschicken sie intensive Düfte. Oder einen alten Ast aufsammeln und hindurch flüstern. Die „Wasserleitungen“ im Inneren wirken wie eine Telefonschnur.
Fazit: Ein Kindersachbuch, das in keinem Kinderzimmer fehlen sollte. Lassen Sie sich gerne anstecken und ab geht es zum Weihnachtsspaziergang in den nächsten Forst.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


nach uns die pinguine 150x237

 

Galiani Verlag 19,00€

 

Hannes Stein: "Nach uns die Pinguine"

Hannes Stein schwört, dass er seinen Weltuntergangskrimi beendete, bevor Trump Präsident wurde.
Da mag es ein kurioser Zufall sein, dass die Schilderung in diesem postapokalyptischen Roman so passend scheint: "Es war ein paar Wochen, nachdem die Republikaner einen Wahlsieg von grauenhaften Dimensionen errungen hatten und ein böser, alter Analphabet mit blondem Haar ins Weiße Haus eingezogen war, von dem tout le monde wusste, dass er den Planeten ruinieren würde."
Joshua Feldenkrais, Jude, Mormone, schwul und Falklands Radiomoderator Nummer eins ist schockiert. Der allseits beliebte Gouverneur wurde in seinem eigenen Büro erschlagen, und das, obwohl eine illustere Schar von Gästen währenddessen in seinem Haus weilte, und offensichtlich niemand Zugang zu dem verschlossenen Raum hatte... Die ganze Insel ist in Aufruhr, jeder verdächtigt jeden. Da kann man schon mal das Weltgeschehen vergessen. Fast 95% der Gesamtbevölkerung ist ausgelöscht, die Falklands sind quasi die Bastion des Britischen Empires.

So präsentiert uns Stein in seinem äußerst skurilen Roman neben Tee und Ingwergebäck  immer wieder in Rückblenden Situationen aus Joshuas (Vor-)Leben und liefert Erklärungen, wie es überhaupt zu den unerfreulichen Ereignissen  kommen konnte.
Ein wunderbares Buch zum Lachen und Abschalten.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die party 150x237

 

DuMont 20,00€

 

Elizabeth Day: "Die Party"

Martin Gilmour sitzt in der Polizeistation von Tipworth zwei Beamten gegenüber und muss zunächst die üblichen Fragen über Alter, Herkunft etc. beantworten. Doch eigentlich geht es um etwas ganz anderes; der Fokus liegt auf den Ereignissen einer glamourösen Party, einige Tage zuvor.

Martin und seine Frau Lucy sind bei Martins langjährigem Freund und dessen Gattin Serena zum 40. Geburtstag geladen. Die beiden Gastgeber kaprizieren den englischen Jetset: charismatisch, gut aussehend, reich wie Krösus, vier Kinder – das Bild ist stimmig.
Und nun erfahren wir in Rückblenden, einmal von Martin erzählt, einmal aus Lucys Tagebuchnotizen, von den Anfängen der Freundschaft zwischen Ben und Martin bis zum heutigen Tag. Schon auf dem Internat, als Jugendlicher, ist Ben ein Leader, ein Anführer und Verführer, ein Begehrter, um den sich alle scharen, in dessen Kreis sich alle bewegen wollen. So auch Martin. Er, der sich nirgendwo heimisch und aufgenommen fühlte, buhlt um Bens Gunst – und gerät auf seiner Suche nach Anerkennung und Liebe in eine verhängnisvolle Abhängigkeit, die sein ganzes Leben  dominieren soll. "Mein bester Freund", so spricht Martin bei jeder sich bietenden Gelegenheit über und von Ben. Alles in seinem Leben dreht sich um Ben, er will ihm gefallen, ihm ähnlich sein. Doch diese grenzenlose Hingabe kann lästig werden – so wie eine gemeinsame dunkle Vergangenheit.

Die Party ist eine beklemmende und zugleich fesselnde Gescichte über Besessenheit und  Scheinheiligkeit, eine Geschichte über eine unerfüllte Obsession und eine Zuneigung, die so nicht sein darf. Die Party ist ebenfalls eine Studie über Angst: Klassenangst, Verlustangst, Statusangst, sexuelle Angst, soziale Angst.
Die Autorin gewährt uns tiefe Einblicke in die Psyche der Figuren...

Heike Kasten

 


das leben des vernon subutex 150x237

 

Kiepenheuer & Witsch 22,00€

 

Virginie Despentes: "Das Leben des Vernon Subutex"

Vernon Subutex war der strahlende Held im Paralleluniversum seines Plattenladens. Man kannte und liebte ihn, sein Wissen und den Laden an sich, weil er Begegnungsstätte für allerlei kauzige Musikfans war.
Den Laden gibt es inzwischen schon fast zehn Jahre nicht mehr und war es Vernon anfangs gelungen aus Restbeständen und „Fanartikeln“ seinen Unterhalt zu finanzieren, wird das Geld immer knapper. Als auch die Unterstützung von Amt ausbleibt, ist er auf seinen Freund Alex angewiesen. Alex war früher Mitglied in Vernon Band und hat es später zu „echtem“ Ruhm gebracht. Er zahlt ihm die Miete und unterstützt ihn, bis er an einer Überdosis stirbt.
Nun wird Vernon obdachlos. Er denkt sich eine Geschichte aus, um bei Freunden unterzukommen, ohne seine wahre Situation zu verraten. Es beginnt eine Odyssee durch die Wohnungen im Freundes- und Bekanntenkreis: Ein Panoptikum kurioser Gestalten. Es gibt zum Beispiel Xavier und Marie-Ange, die verkniffen aussieht und ein Vermögen dafür ausgibt, Bekleidung zu kaufen, die aussieht als sei sie aus der Altkleidersammlung. Xavier hat allen Biss verloren und steht unter dem Pantoffel seiner Frau. Wärme spendet ihm sein Hund, den er mehr liebt, als alles andere.

Wir begegnen Menschen, die ausgebrannt sind, verletzt, gescheitert, gelangweilt, ausgenutzt. Wir lesen von egozentrischen, verlorenen und einsamen Seelen. Alles bleibt oberflächlich und viele der Protagonisten flüchten sich in Drogen.
Despentes seziert ihre Charaktere mit einer bösen Akribie fürs Detail, aber auch mit Witz, wenn sie zum Beispiel vom Pornosternchen erzählt, die sich nach ihrer Karriere zum Mann umoperierten lässt und mit E-Zigaretten ein kleines Vermögen verdient. Vernons Abstieg nimmt derweil seinen Lauf.
Will ich sowas lesen? Ja, unbedingt. Denn sie müssen ja das Ende kennen…..

Claudia Lobenberg

 


endland 150x237

 

Hanser Verlag 15,00€

 

Martin Schäuble: "Endland"

Ein düsteres, graues, trostloses Deutschland nahe der deutsch-polnischen Grenze. Die Partei „Nationale Alternative“ stellt die Regierung, die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, die Armee wird vergrößert, Europa betreibt ein neues Wettrüsten, Deutschland ist aus der EU ausgetreten. Der Euro ist längst Geschichte, Flüchtlinge werden als „Invasoren“ bezeichnet und Deutschland umgrenzt eine Mauer. Dies ist das Szenario in Martin Schäubles Jugendroman „Endland“.

In einer Kaserne nahe der polnischen Grenze treffen wir Anton und Noah; zwei junge Männer, die seit ihrer Kindheit befreundet sind und dort ihren Wehrdienst ableisten. So gern sich die beiden mögen - ihre politischen Überzeugungen sind vollkommen gegensätzlich. Noah entstammt einer sehr regimekritischen Familie, ist weder für Atomkraft, noch findet er es richtig, dass Menschen aus Krisengebieten kein Schutz mehr geboten wird. Anton dagegen findet die Politik der Nationalen Alternative gut - meistens jedenfalls -, und über den Rest denkt er lieber nicht nach.
Dann ändert sich das Bild; wir finden uns im hellen, trockenen, von Dürre und einer katastrophalen Hungersnot bedrohten Äthiopien wieder und treffen dort eine junge, ambitionierte farbige Frau, Fana, die mit der Hilfe der deutschen Ärztin Karla, die in Äthiopien arbeitet, nach Deutschland gehen und dort Medizin studieren möchte, da sie in ihrem eigenen Land keine Lebensperspektive für sich sieht. Es gelingt Fana schließlich, nach einer langen und gefährlichen Reise, in eines der letzten deutschen Flüchtlingslager zu gelangen.
Dort begegnet sie Anton, der „undercover“ und getarnt als ukrainischer Flüchtling, für einen Spezialauftrag der Partei eingeschleust wurde. Die beiden freunden sich an und Anton muss seine vorgefertigten, nachgebeteten und pauschalen Urteile über fremde Menschen plötzlich überdenken. Als dann das wahre Ziel seines Auftrages ans Licht kommt, ist Anton mit einem Mal gezwungen, sich zu entscheiden: für die nationale, gewaltbereite Ideologie oder für seine Freunde und ein Leben in Freiheit.

Martin Schäuble hat einen packenden Roman geschrieben, den jeder Mensch in jedem Alter lesen kann und sollte. Spannend wie in einem Thriller zeigt er uns ein kaltes, herzloses Land, das scheinbar nichts aus seiner Geschichte gelernt hat. Unbedingt lesenswert!

Sabine Christ

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


sieh mich an 150x237

 

Piper 20,00€

 

Mareike Krügel: "Sieh mich an"

Ein Tag im Leben von Katharina, Anfang 40, zweifache Mutter, d.h. eigentlich dreifache, wie wir später noch erfahren werden: ein Tag, wie ihn viele von uns so oder ganz ähnlich sicher kennen. Die Schule ruft an und möchte, dass Katharina ihre Tochter Helli abholt, der es nicht so gut geht. Katharina muss ihre Musikschulkurse für Kindergartenkinder absagen, die sie normalerweise vormittags gibt, die ganze Planung des Tages ist im Eimer und das ausgerechnet heute, wo sie doch Besuch von Kilian erwartet, ihrem sehr alten Studienfreund.

Denn irgendwann, in einem anderen Leben, hat Katharina mal Musikwissenschaft studiert, das Studium abgeschlossen und in der Schublade wartet immer noch die begonnene Dissertation. Katharina ist auch im normalen Alltag schon leicht überfordert, aber jetzt gerade wächst ihr alles über den Kopf: Helli ist nicht nur am Beginn der Pubertät, sondern ein forderndes, impulsives Kind, seit neuestem mit der Diagnose ADHS. Die beiden Nachbarn Theo und Heinz sind leicht grenzüberschreitend und verstehen manchmal nicht so recht den Unterschied zwischen „meinem“ und „deinem“ Haus. Ambitionierte Eltern rufen zu jeder Tages- und Abendzeit bei Katharina an und finden die musikalische Früherziehung könnte durchaus Hausaufgaben beinhalten, wofür zahlt man denn sein Geld. Und Costa, ihr Ehemann, ist unter der Woche in Berlin, so dass sie den Alltag ganz alleine managen muss.
Das Schlimmste aber ist, dass Katharina in ihrer Brust ein „Etwas“ entdeckt hat und nun davon überzeugt ist, nicht mehr viel Leben vor sich zu haben. So richtig zum Nachdenken kommt sie aber gar nicht, dafür passiert viel zu viel an diesem Tag, eigentlich findet Katharinas Privatleben fast nur noch in ihrem kleinen, intimen Notizbuch statt, denn sie ist eine große Freundin von Listen: da notiert sie dann „Dinge, die mir den Schlaf rauben“ (von Menschenhandel bis Altersarmut), „Getränke, deren Konsum mir gut tun“ (Whisky bis heiße Milch mit Honig) – irgendwie hält sie so ihr Leben zusammen.

Ich habe Katharina sehr gerne an diesem Tag begleitet, denn sie ist so unglaublich normal, so liebenswert überfordert und verzweifelt, wie wir alle es angesichts der Situation wären. Ihre Familie ist leicht chaotisch, aber sympathisch und ihre Sehnsucht nach Ruhe so verständlich wie aussichtslos. Eigentlich möchte man nach Ende des Buchs aufstehen, aus dem Haus gehen und nebenan bei Katharina klingeln, nur mal kurz fragen, wie's so geht und ob man mal fix mit einem Grog aushelfen soll.

Astrid Henning

 


mensch ruediger 150x237

 

Rowohlt 9,99€

 

Sven Stricker: "Mensch Rüdiger!"

Rüdiger Bünzel ist so mit der unscheinbarste Typ, der mir in meiner Leselaufbahn untergekommen ist. Mickrig klein ist er, Cordhosenträger, verheiratet mit Silvia, zwei Kinder und Lehrer. Heute hat er Geburtstag, der 40., ein verhängnisvolles Datum.
Im Unterricht der achten Klasse - keiner seiner Schüler nimmt ihn wahr und es herrscht ein einziges Tohuwabohu - steht er plötzlich, einer inneren Eingebung folgend auf, nimmt seine abgegrabbelte Aktentasche und verlässt die Schule… Um seine Frau am helllichten Vormittag im Bett mit dem schönen Florin anzutreffen…! Nun ja, da können einem Looser schon mal finster schwarze Gedanken kommen.

Tom, Autor mit Schreibblockade, hat eine schwere Kindheit hinter sich. Seine Mutter kannte ihm gegenüber nur Vorwürfe, den Vater gab‘s schlicht nicht. Nun sitzt er mit seinem mittlerweile ergrauten Pferdeschwänzchen, lang und schlaksig, hinter einer Supermarktkasse und zieht gesundheitlich fragwürdige Lebensmittel übers Band. Von Zeit zu Zeit übermannt ihn eine Art Panikattacke mit anschließender Ohnmacht. So auch heute. Das hat die sofortige Kündigung zur Folge. Wovon leben und was soll der ganze Mist überhaupt? Seine Therapeutin, die letzte Rettung in der tiefsten Depression, geht natürlich nicht ans Telefon. Tom fasst einen Entschluss.

Auf der Lembachtalhochbrücke treffen sich unsere beiden Protagonisten, zufällig beide mit suizidalen Absichten, und erschrecken sich bei diesem Vorhaben nahezu gegenseitig zu Tode. Mit einem Unbekannten gemeinsam Selbstmord zu begehen, kommt für beide nicht in Frage. Das ist doch eher eine intime Angelegenheit. Über dieses und andere Themen kommt man ins lockere Plauschen und beschließt, das Unterfangen vorerst zu verschieben. Frei nach dem Motto: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nee, es ist ihnen beiden schon ernst!!!
Wo liegt der Sinn des Lebens? Was braucht der Mensch zum Glücklichsein? Die zwei sehr unterschiedlichen Herren erstellen eine Liste der wichtigsten Säulen des Lebens: Liebe, Empathie, Ziele, Risiko etc. Diese beschließen sie abzuarbeiten bis sie sich in fünf Tagen zum finalen Sprung wiedertreffen. Mal sehen…

Herr Stricker beschreibt die Charaktere, die im Laufe der Zeit tatsächlich unsere Freunde werden, mit einer gehörigen Portion Humor, flapsig, aber nicht blöd. Und über so manche Fragen, die sich um den Sinn des Lebens drehen, macht man sich bei diesem Lesevergnügen auch selbst so seine Gedanken. Viel Spaß!!!

Annette Matthaei

 


kukolka 150x237

 

Aufbau Verlag 22,00€

 

Lana Lux: "Kukolka"

Ukraine 90er Jahre - Die kleine Samira lebt schon so lange im Haus Sonnenschein, dass sie ihr Alter nur schätzen kann. Das Kinderheim wird streng geführt: "Wir durften nichts anbehalten, nicht mal die Unterhosen. Auch dann nicht, wenn die Heizung wieder mal ausgefallen war. Viele Kinder haben nämlich ins Bett gemacht, und damit nicht die ganzen Klamotten dreckig wurden, mussten wir alle nackt schlafen..."

Eines Tages kommt Marina, eine Neue, zu der sich Samira gleich hingezogen fühlt. Doch ihre Freundschaft dauert nicht lang, denn Marina wird von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Für Samira bricht eine Welt zusammen, und so beschließt sie, sich heimlich auf den Weg zu ihrer Freundin zu machen.
Jedoch ist ihre Reise am Bahnhof erst einmal vorbei. Rocky, Boss einer Bande von Taschendieben, gabelt die hübsche Kleine mit den unglaublichen Augen auf und bringt sie in seine Räuberhöhle, ein heruntergekommenes Haus ohne Strom, warmes Wasser und Klo. Die anderen Mitbewohner, allen voran die 16 jährige Lydia kümmern sich rührend um den kleinen Neuzugang, und schon bald kann Samira beachtliche Erfolge als Bettlerin vorweisen.
Zwar ist Deutschland noch immer genauso weit entfernt, aber Kukolka, wie sie mittlerweile genannt wird, arrangiert sich mit ihrem Leben. Bis Lydia plötzlich stirbt und sie deren Platz im Haus und im Bett von Rocky einnehmen soll...

Andrea Westerkamp-Stützel

 


rebel girls 150x237

 

Hanser 24,00€

 

Elena Favilli/Francesca Cavallo: "Good Night Stories for Rebel Girls"

Astrid Lindgren kennt ja nun wirklich jeder. Aber wer hat denn schon einmal etwas von Maude Stevens Walker gehört? Oder von Amna Al Haddad oder Coy Mathis und Lella Lombardi?
Dieses wunderbare Buch kann die Wissenslücke schließen, denn es stellt 100 tolle, inspirierende, ungewöhnliche, außergewöhnliche Frauen in Kurzbiografien vor: Schriftstellerinnen, Sportlerinnen, Musikerinnen, Spioninnen, Aktivistinnen, Frauen mit Behinderungen und sog. Einschränkungen, Königinnen, Transfrauen, Women of Colour, Rockstars, Ballerinas...
Ihre Herkunft umfasst die ganze Welt und zwei Jahrtausende - in allen Zeiten gab es Frauen, die mutige Vorreiter waren, neugierige Entdeckerinnen, kluge Forscherinnen und kreative Genies, die ins All und über den Atlantik geflogen sind, den Erdball umsegelten und höchste Gipfel in Röcken bestiegen.

Eine jede der 100 Frauen wir in einem ansprechend kurzen Text vorgestellt, untermalt, im wahrsten Sinne, von einer wunderschönen und individuellen Illustration. Die Geschichten beginnen fast immer mit "Es was einmal...", wie kleine Märchen, nur dass sie eben keine Märchen sind. Und jedes einzelne Porträt zeigt nicht nur die charakteristische Zeichnung der Frau, sondern immer auch ein ureigenes, spezielles und typisches Zitat.

Das Tolle an der Sache und die absolute Stärke dieses Buches ist, dass die Geschichten Lust auf Mehr machen, Lust auf eigene Recherchen. Und auf den letzten Seiten ist auch noch Platz für Ihre eigene Biografie und Ihr eigenes Porträt!

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August


ein fleck im meer 150x237

Tempo Verlag 20,00€

 

John Aldridge/Anthony Sosinski: "Ein Fleck im Meer"

Sollten Sie demnächst mal wieder ans Meer fahren und baden, machen Sie bitte mal folgendes Experiment: Wenden Sie sich ab vom Strand, versuchen Sie, in eine Position zu gelangen, in der Sie keine Mitschwimmer, keine Boote o.ä. sehen, und dann: Stellen Sie sich für einen kurzen Moment vor, Sie seien völlig allein, mitten auf dem Meer, Sie haben natürlich keinen Boden unter den Füßen und sind absolut auf sich allein gestellt. Schiff gekentert, über Bord gegangen, was auch immer.
Von einer solchen Situation und ihren Folgen berichtet „Ein Fleck im Meer“, denn was anderes ist man dann nicht, ein winziger, winziger Fleck in mitten von Wassermassen.

John Aldrige und Anthony Sosinski sind seit Kindheitstagen eng miteinander befreundet, sie stammen aus Montauk, dem östlichsten Zipfel von Long Island, USA. Ein Ort, der mittlerweile im Sommer von glamourösen und nicht so glamourösen Touristen überflutet wird, aber eigentlich ein kleiner Fischerort war, und das im Herbst/Winter immer noch ist. Die beiden Freunde sind mittlerweile Anfang 40, sie besitzen gemeinsam ein Boot, die Anne Mary und ihre Leidenschaft ist das Fischen, gleichzeitig auch ihr Beruf. Sie fischen vorwiegend Hummer und fahren dazu auf den Nordatlantik raus, sind dann ein paar Tage unterwegs, bevor sie mit dem Fang wieder im Hafen einlaufen. An Bord ist noch ein dritter Helfer, meist legen sich zwei erstmal auf's Ohr, während ein Dritter am Steuer steht.
Dieser Dritte ist am 24. Juli 2013 John, zwischendurch bereitet er noch die Ausrüstung vor, alles wie immer. Bis zu dem Moment, in dem ein Deckel an einem Fangbehälter klemmt, John mit aller Macht am Griff zerrt und zieht, der Griff plötzlich abbricht und John mit Schwung nach hinten fliegt... direkt in den Nordatlantik. Seine beiden Kollegen liegen schlafend in ihren Kojen und bekommen natürlich nichts mit. Das Festland ist 40 Seemeilen entfernt und John ist „ein Fleck im Meer“, sonst nichts. Erst gegen sechs Uhr am Morgen wird sein Verschwinden bemerkt, als Anthony und Mike schlafen gingen war es ca. 23 Uhr. Das heißt, irgendwann innerhalb dieser sieben Stunden ist das Unglück passiert und die Anne Mary, auf Autopilot, ist weiter in den Atlantik vorgedrungen. Wie soll man jetzt wissen, wo man nach John suchen soll?

Dieses Buch beschreibt aus unterschiedlichsten Perspektiven, was dann geschah. John berichtet (daran sehen Sie schon: er hat überlebt),  natürlich erzählt Anthony, Johns Familienmitglieder kommen zu Wort, die Arbeit der Küstenwache und Mit-Fischer wird detailliert geschildert, es beginnt eine beispiellose Suche nach John.
Wie schön, dass wir unser Experiment (s.o.) jederzeit abbrechen können, uns dem Strand zuwenden und auf sicherem Boden dieses Buch lesen können. Funktioniert übrigens auch im Winter, auf dem Sofa.

Astrid Henning


beton rouge 150x237

Suhrkamp Nova 14,95€

 

Simone Buchholz: "Beton Rouge"

Endlich, da ist sie wieder, meine Lieblingsermittlerin der Staatsanwaltschaft Hamburg, mit dem ausgefallenen Namen Chastity Riley. Schräg drauf wie immer, hart an der Kante zur Alkoholikerin, schlenkert sie, über den Kietz - in St.Paulis finstersten Ecken, klasse.
Das macht sie sehr geschickt, die Autorin Simone Buchholz, die mit „Der blauen Nacht“ mit dem Deutschen Krimipreis 2017 ausgezeichnet wurde. Besser als andere erfolgreiche Autoren, die sofort für Nachschub sorgen, lässt sie uns immerhin anderthalb Jahre warten. Gerade soviel, dass einem ihre Figuren nicht aus dem Kopf gehen, aber eben auch nicht inflationär.

Dieses Mal wird Frau Riley auf einen merkwürdigen Fall angesetzt. Vor einem imposanten Bürogebäude am Hafen in Form eines Kreuzfahrtschiffes – wer da nicht sofort an Gruner & Jahr denkt! - wird ein Manager des Verlages, in einem Käfig eingesperrt, vorgefunden. Nackt und unschön misshandelt. Der Mann ist tagelang nicht ansprechbar, aber es dauert nicht lange und einem Kollegen aus der Vorstandsetage widerfährt das gleiche Schicksal.
Dieser Typ ist härter gesotten, redet und bald kommt ans Licht, dass die beiden ihre Schulzeit gemeinsam auf einem Internat in Bayern verbrachten. Und nicht nur sie, nein, auch andere waren dabei, die allen Grund zur Rache hätten.
Trotz des obligaten Bierchens, das Chastity sich zuführt, wie andere Leute Wasser, wird ihr schnell klar, dass der Folterer nichts mit den „Wegrationalisierten“ des Verlages zu tun hat. Ihr zur Seite steht diesmal ein schnittiger Exjugoslawe. Kann sein, dass sich da was anbahnt. Aber da müssen wir wohl wieder anderthalb Jahre warten, um Genaueres zu erfahren.

Freuen würde es mich jedenfalls, wenn für Chas auch mal ein bisschen privates Glück abfallen würde. Ich mag diese schroffe, unnahbare, grantelige Frau. Wie sie Hamburg beschreibt, ist einmalig.

Annette Matthaei


ein feines gespuer fuer schoenheit 150x237

Europa Verlag 19,90€

 

J. David Simons: "Ein feines Gespür für Schönheit"

Edward Strathairn kehrt 2003 nach Japan zurück. Nun als alter Mann besucht er noch einmal das Hotel, in dem fünfzig Jahre zuvor sein Leben eine andere Wendung nahm...

Edward ist jung und verliebt. Mary, seine Angebetete, macht als Künstlerin von sich reden, während Ed Japanologie studiert. Als Mary ihn verlässt und nach New York zurückkehrt, ändert er radikal sein Leben. Das Studium wird geschmissen und Edward nimmt einen Job in Tokio an.
Eine üppige Erbschaft ermöglicht ihm plötzlich ein ganz neues Gesichtsfeld: sein heimlicher Wunsch, das Schreiben, wird zur Obsession. "Schuld" heißt sein Debut, und darin rechnet der Autor mit Amerika ab, das durch seine Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki schwere Schuld auf sich lud. Erneut verliebt sich Edward, diesmal in das Zimmermädchen Sumiko. Aber die Gier nach Erfolg und Anerkennung ist stärker....

Ein Homage an Japan und an die Liebe jenseits der Konventionen. Ein Roman, der auch männliche Leser begeistert!

Andrea Westerkamp-Stützel


dann schlaf auch du 150x237

Luchterhand Literaturverlag 20,00€

 

Leila Slimani: "Dann schlaf auch du"

Keine Sekunde lässt die Katastrophe auf sich warten. Was der letzte Satz sein könnte, ist in diesem Roman der erste: "Das Baby ist tot".

Myriam und Paul, Eltern zweier entzückender kleiner Kinder, bekommen Alltag, Beruf und Familie nicht mehr in Einklang und engagieren die Kinderfrau Louise, die sich schnell mehr und mehr als eine Art Mary Poppins entpuppt. Louise perfektioniert die Kunst, unsichtbar und zugleich unverzichtbar zu sein. Sie kann alles, hält alles am Laufen, verzaubert alle – und die Kinder lieben sie. Doch kaum merklich wird aus dem Kinderbuchidyll eine Tragödie.
Schuldlos laden Paul und Myriam die Schuld auf sich, das Leben der Louise nicht genug zu hinterfragen. Ja gut, sie bekommen mal mit, dass sie hoffnungslos verschuldet  ist und völlig vereinsamt. Doch sie wollen es einfach nicht genauer wissen, sie haben genug mit ihrem eigenen, mit ihrem gemeinsamen Alltag zu tun. Und Louise hat sich so nebenbei gründlich in ihr Leben eingenistet: mit ihrem stets akkuraten  Äußeren, den kleinen gepflegten Händen  mit den perfekt lackierten Nägeln lässt sie die Wohnung der Familie im neuen Glanze erscheinen.
Doch fernab davon ist da dieses andere Leben: allein in der armseligen Behausung, von schrecklichen düsteren Gedanken geplagt. Louise verfällt in eine delirierende Melancholie – ein in vielerlei Hinsicht gefährlicher Zustand. Niemand, allen voran Myriam und Paul, scheint erahnen zu wollen, wie dramatisch sich Louise verändert. Niemand scheint die schreckliche Tragödie kommen zu sehen. Myriam und Paul werden einen unvorstellbar hohen Preis für ihr so selbstverständlich erscheinendes Glück zahlen müssen.

Die Geschichte lässt einen, unter anderem, mit der Frage zurück, ob man die Menschen, die man zu kennen meint, die um einen herum sind und die einen begleiten, ob man diese Menschen tatsächlich auch nur ansatzweise kennt.

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Juni


so und jetzt kommst du 150x237

 

Tropen Verlag 22,00€

 

Arno Frank: "So, und jetzt kommst du"

Hören Sie das? Haben Sie das im Ohr, wie jemand triumphierend sagt: „So, und jetzt kommst Du!“ Das macht nur jemand, der von seiner eigenen Genialität überzeugt ist und glaubt, das Rad neu erfunden zu haben.
So einer ist Arnos Vater, ursprünglich mal Verwaltungsbeamter, aber das muss wirklich sehr ursprünglich gewesen sein, zumindest vor der Zeit, in der wir Arnos Vater kennenlernen. Jetzt ist er nämlich eine Art Unikum und verhökert in den 80er Jahren alles, was sich ihm in den Weg stellt: Heimtrainer, Expander, alte Militär-PKWs (als Bausatz übrigens) usw. Denn, so die zweite Weisheit von Herrn Frank: „Jeden Morgen steht ein Dummer auf.“ Und man kann ziemlich sicher sein, dass Arnos Vater ihn findet.
Das geht eine ganze Weile gut, Arno und seine beiden jüngeren Geschwister führen ein ziemlich normales Familienleben, bis die Finanzlage anscheinend enger wird und Arnos Elternhaus plötzlich nicht mehr seinen Eltern, sondern der Bank gehört. Man zieht in ein kleines Häuschen im Wald, Arnos Vater findet eine Anstellung in einem Autohaus, bis auch hier der Boden zu heiß wird und urplötzlich alles in den Mercedes-Kombi geladen wird: Eltern, drei Kinder, zwei Hunde und das Nötigste an Kleidung.

Der Weg führt nach Südfrankreich, hier ist Arnos Vater nämlich geboren und jetzt macht er einen auf ganz dicke Hose. Er hat ein kleines Herrentäschchen bei sich, prall gefüllt mit Geld... wo das wohl her ist, fragen wir uns. Egal: St. Tropez, Cannes, Nizza – alles charmante Orte und die Familie mietet ein wunderschönes Haus mit Meerblick. Aber auch hier holt die Vergangenheit die Eltern ein, Arnos Vater wird mittlerweile mit internationalem Haftbefehl gesucht, er ist ein Hochstapler reinsten Wassers und hat jede Menge Geld unterschlagen.
In einem letzten Akt der Verzweiflung flieht die Familie wieder nach Deutschland zu Arnos Oma, aber bald endet der Weg in einer oberbayrischen Sackgasse.

Das alles klingt munter und amüsant, es liest sich auch sehr unterhaltsam. Dennoch ahnen wir die Tragödie, die sich hinter dieser Geschichte verbirgt. Wenn die Eltern nicht die sind, für die man sie hält, nicht die Guten, die Starken – was bedeutet das für die Entwicklung der Kinder? Was ist mit dem Urvertrauen, mit der generellen Haltung, die man Menschen gegenüber entwickelt und die sich zum Gutteil im Elternhaus prägt?
Ein toller Roman, der auf der echten Kindheitsgeschichte von Arno Frank beruht.

Astrid Henning

 


der himmel ueber palermo 150x237

 

Goldmann 18,00€

 

Constanze Neumann: "Der Himmel über Palermo"

Palermo 1881: Richard Wagner reist mit der ganzen Familie nach Sizilien, auch seine Stieftochter Blandine von Bülow, aus der der ersten Ehe seiner Frau Cosima, ist dabei, derweil ihre Schwester beim Großvater Franz Liszt in Rom weilt.
Während Wagner sich zurückzieht, um "Parsifal" zu beenden, nehmen seine Gattin und die Töchter am bunten gesellschaftlichen Leben teil. Vor allem Blandine, groß, blond und zurückhaltend, sorgt für Aufsehen – und erliegt selbst dem Zauber der alten prächtigen Palazzi, der prunkvollen Feste und einer atemberaubenden Landschaft, die keinen Winter kennt. Sie genießt die vielfältigen Lustbarkeiten, leidet jedoch auch, wie die gesamte Familie, unter der grantigen Launenhaftigkeit und Egozentrik ihres Stiefvaters.
Beeindruckend ist der unverstellte Blick der mädchenhaften jungen Frau, die in sich noch so unsicher ist, so unverdorben und zaghaft – auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im Leben. Was Wunder: zu dieser Zeit werden doch die Töchter der high society an der ganz kurzen, schicklichen Leine gehalten.

Auf dem Silvesterball macht Blandine Bekanntschaft mit einem beeindruckenden jungen Mann: Graf Biagio Gravina, zweiter Sohn einer alteingesessenen Adelsfamilie, bringt ihr Herz zum Flattern. Und sie verliebt sich in ihn in unschuldiger Leidenschaft. Doch die Familie Wagner verlässt Palermo; und erst nach Monaten des bangen Wartens überreicht ein Hausmädchen Blandine ein Billett, in dem  Biagio eine erneute Begegnung erfleht.
Nach einer schicklichen Zeit heiraten die beiden, und damit ist Blandines Schicksal besiegelt. Sie wird auf Sizilien bleiben, während der Rest ihrer Familie zurückkehrt nach Deutschland. Biagio entwickelt sich zu einem schwierigen, verbitterten Mann, der einen gewissen Lebensstandard erwartet, jedoch nicht dafür zu arbeiten vermag.

Gefühlvoll, einigermaßen lakonisch, mit detailreichen Beobachtungen verbindet dieser wundervolle, gleichermaßen leise und eindringliche Roman fundierte Geschichte und Fiktion.

Heike Kasten

 


auf die sanfte tour 150x237

 

Nagel & Kimche 19,00€

 

Castle Freeman: "Auf die sanfte Tour"

Sheriff Wing ist wahrlich kein Mann der vielen Worte. Seine Devise lautet eher: in der Ruhe liegt die Kraft! Sein Partner Trooper Timberlake ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ihm sprudeln die Worte nur so aus dem Mund und sein Tatendrang ist kaum zu bremsen.

Am frühen Dienstagmorgen wurde ein ziemlich lädierter Mann gesichtet ,nackt an einen Baum gefesselt, mit erheblichen Beulen und einem blauen Auge. Auf die Fragen des Sheriffs antwortete er nicht, sondern spuckte jeden an, der ihm zu nahe kam...
Nach und nach findet die Polizei heraus, dass der Verletzte, ein Russe, auf Sean Duke angesetzt war, einen stadtbekannten Kleinkriminellen. Denn Sean war zuvor dreisterweise in die Villa eines ebenfalls sehr bekannten, um nicht zu sagen: berüchtigten russischen Oligarchen eingebrochen, um dessen Safe zu stehlen.

Unglaublicher Wortwitz, lakonische Sprache und gute Dialoge zeichnen diesen entspannten, aber nie langweiligen Krimi aus. Für alle, die Spannung ohne blutiges Gemetzel mögen.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die heuhaufen halunken 150x207

 

cbj 10,99€

 

 

Sven Gerhardt: "Die Heuhaufen-Halunken"

Die zehnjährige Meggy ist frustriert. Die Sommerferien stehen vor der Tür und viele ihrer Mitschüler verreisen, doch bei ihr ist kein Urlaub in Sicht. Ihre Familie bleibt Zuhause in Dümpelwalde. Wie langweilig. Zu allem Überfluss wird Meggy auch noch früh morgens von Hahn Pavarotti geweckt und das geht ihr wirklich gewaltig auf die Nerven. Ein Plan muss also her, um das zu ändern.
Zum Glück ist sie die Anführerin der Heuhaufen-Halunken, einer sehr gefürchteten Bande im Dorf. Zusammen mit Knolle, Schorsch, Alfons und Lotte will Meggy den größten Halunken-Plan aller Zeiten schmieden. Die Kinder überlegen fleißig und da haben sie plötzlich eine Idee – warum fahren sie nicht alle gemeinsam zum Plörrsee und machen einen Badeurlaub? Mit dem Bus kommt man dort zwar schlecht hin, aber wie wäre es mit dem Volvo, der bei Meggys Eltern in der Scheune steht? Schnell schreiben die Halunken einen detaillierten Plan und arbeiten an den Vorbereitungen. Als dann auch noch Marius aus Berlin hinzukommt, scheint dem Urlaub nichts mehr im Wege zu stehen, oder?

Ein spannendes und lustiges Kinderbuch ab 8 Jahren.

Anais Hars

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


die taufe 150x237

 

Berlin Verlag 22,00€

 

Ann Patchett: "Die Taufe"

Eigentlich ist Franny an allem Schuld. Hätte es sie nicht gegeben, wäre sie nicht getauft worden und dann hätten Mrs Keating und Mr Cousins sich wohl gar nicht kennengelernt.
So aber erscheint Bert Cousins, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt, auf der Familienfeier von Keatings jüngster Tochter, Anfang der 60er Jahre. Eigentlich will er bloß dem Familienchaos zu Hause entfliehen, er selbst hat drei kleine Kinder und eine schwangere, müde Ehefrau, nicht wirklich ein erquickendes Sonntag-Nachmittag-Programm – und so steckt er eine Flasche Gin ein, ein eher ungewöhnliches Taufgeschenk, und macht sich auf den Weg zu Familie Keating, die er eigentlich gar nicht gut kennt.

Die Mutter des Täuflings ist Beverly, eine attraktive und kluge Person, und noch bevor der Nachmittag vorbei ist, haben sich Bert und Beverly geküsst, sie verlieben sich in einander und mischen die Lebenskarten von 10 Personen völlig neu: vier Erwachsene und sechs Kinder werden sich an neue Familienkonstellationen gewöhnen müssen.
Ann Patchett gelingt es wirklich meisterhaft, uns an diesem Familienerlebnis teilhaben zu lassen, denn wir begleiten vorwiegend aus der Perspektive der sechs sehr unterschiedlichen Kinder die nächsten fünfzig Jahre. Mehr oder weniger freiwillig verbringen die sechs viele lange Ferien gemeinsam, aus den vier Cousins-Kindern werden drei, woran die anderen nicht ganz unschuldig sind, etwas, was bis zur Gegenwart schwer auf allen lasten wird.
Und so wie Frannys Taufe den Beginn der Geschichte markiert, wird ihre Beziehung zu einem bekannten Autor ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Roman: Leon Posen ist auf der Suche nach einem neuen Romanstoff und Franny erzählt ihm völlig unschuldig die Geschichte ihrer Kindheit. Stoff für einen Bestseller, in dem sich die lebenden Personen unfreiwliig wiederfinden – der zudem auch noch verfilmt wird.

Dieser Roman ist eine amerikanische Familiengeschichte der besten Art: unterhaltsam und packend, dabei nie reißerisch oder unglaubwürdig. Wie es der Autorin gelingt, die Fäden in der Hand zu halten, unterschiedlichste Charaktere glaubhaft darzustellen und mit viel Wärme von ihnen zu erzählen, das ist ein großes Lesevergnügen.

Astrid Henning

 


das alte boese 150x237

 

Kindler 19,95€

 

Nicholas Searle: "Das alte Böse"

Warum dieser, zwar durchaus spannende, aber eher wie eine Biografie geschriebene Roman unter den Thrillern gelandet ist, ist mir ein Rätsel und spricht dadurch wohlmöglich die falsche Leserschaft an, und das wäre überaus schade!

In Datingportalen ist Roy unterwegs, verabredet sich mit alleinstehenden Frauen. Ganz normal in der heutigen Zeit, denken wir. Das Besondere an seiner Situation ist sein Alter. Über 80 Lenze zählt der immer noch gut aussehende, aber doch in mancher Hinsicht schon etwas gebrechliche alte Herr.
Dass Roy kein Gutmensch ist, merken wir bereits auf den ersten Seiten. Nun ist er im Begriff sich zu einem Date mit Betty aufzumachen. Optimistisch blickt er dem Treffen entgegen, denn was er in ihrem Portfolio gelesen hat, könnte genau seinen Idealvorstellungen entsprechen. Betty ist aber auch wirklich entzückend. Vier Jahre jünger als Roy, von zarter Statur, intelligent, gepflegt und mit einer gehörigen Prise Humor. Auch die Größe des Geldbeutels scheint zu stimmen.
Gleich bei ihrer ersten Zusammenkunft in einer ländlichen Gaststube im Süden von England, weist Roy auf den ihm am Wichtigsten Punkt in der aufkeimenden Beziehung hin: Wahrheit und nichts als die Wahrheit soll zwischen ihnen beiden herrschen. Betty erzählt offen von ihrem verstorbenen Mann und den Kindern, ihrem Berufsleben als Professorin und ihren Wünschen für den Lebensabend. Roy hält sich hingegen recht bedeckt, was seine Vergangenheit angeht. Trotzdem scheint es auf ihrer Seite schnell zu funken und es vergehen kaum ein paar Wochen, da zieht Roy mit Sack und Pack in Bettys kleines Häuschen. Stephen, Bettys Enkel, ist nicht begeistert von der Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln. Zumal ihm Roy sehr unsympathisch ist, ein alter unfreundlicher Mann, mit einem gewissen Augout und irgendwie verschlagen. Aber wenn die geliebte Großmutter sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist der schüchterne und leicht vertrottelte Enkel machtlos.

In Rückblenden nehmen wir Einblick in Roys Vergangenheit und was wir da zu sehen bekommen, kann uns nicht gefallen. Viele krumme Dinger hat er gedreht, Drogenhandel, Devisenbetrug und unschönes Verhalten im Krieg. Immer hat er seinen Kopf aus der Schlinge gezogen, und einige Leichen im Keller gelassen. So etwas wie Ehre und Freundschaft gibt es für ihn nicht.

Meine Sorge um Betty wuchs je mehr ich las, die Berechtigung dafür lasse ich nun ganz offen.... Ein fesselnder Roman, der Sie durch einige unvorhersehbare Wendungen, dieses Buch nicht aus der Hand legen lässt, großartig.

Annette Matthaei

 


mr peardews sammlung der verlorenen dinge 150x237

 

List Verlag 18€

 

 

 

Ruth Hogan: "Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge"

Wenn eine Keksdose voll Asche und ein Schmuckstück dem Glück auf die Sprünge helfen...

Anthony Peardew, ein betagter Gentleman, ist Sammler mit Leib und Seele. Sein Herz schlägt nicht etwa für Goldmünzen, Briefmarken oder Antiquitäten, sondern er erbarmt sich all der Dinge, die andere Menschen verloren oder vergessen haben.
Kein Gegenstand ist ihm zu klein (Haargummi) oder zu skurill (gefüllte Urne), um nicht in seinem Kuriositätenkabinett Einlass zu finden. Akribisch notiert er sich Ort, Zeitpunkt und evtl. besonder Umstände des jeweiligen Fundes.
Warum hat jemand so ein ausgefallenes Hobby? Mr. Peardews verlor vor Jahren sein Herz - an Therese. Sie schenkte ihm zum Zeichen ihrer Liebe ein Medaillon, und in der Sekunde ihres plötzlichen Todes kam Anthony tragischerweise auch das Schmuckstück abhanden...

Eine überaus berührende Geschichte, eine großartige Romanidee und eine gelunge Umsetzung! Sie werden dieses Buch lieben!!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


willkommen im hirschkaefergrill 150x210

 

Aladin Verlag 14€

 

Constanze Spengler: "Willkommen im Hirschkäfergrill"

Der Hirschkäfer-Grill ist der Lieblingstreffpunkt aller Insekten im Wald, denn dort kann man sich bereits zum Frühstück treffen und allerlei Köstlichkeiten zu sich nehmen. Und so sitzen dann Tag um Tag Nachtfalter, Ameisen, Asseln, Mistkäfer, Motten, Raupen, Stechmücken, Grillen und Schnecken in dem beliebten Lokal und lassen es sich schmecken.
Zu den Spezialitäten gehören z.B. gegrillte Pilze mit Pflaumenmus, getoastete Brotkrümel, Zuckerwasser mit Blütenstaub, gefüllte Ahornblätter, Blattlausbier oder Tautropfen.

Der Hirschkäfer ist aber auch ein ganz Netter: bei allen Problemen eilt er flugs zur Hilfe, und er philosophiert mit seinen Gästen und spendet Trost und Rat. Wenn es dunkel wird, rollt der Hirschkäfer ein Blatt über dem Tresen herunter und sagt den Blattläusen in der Küche "gute Nacht". Er wohnt auf einem Baumpilz, gleich neben dem Grill, so ist er morgens fix wieder zur Stelle.
Nachdem eines Tages mit der Geschwindigkeit eines fallenden Regentropfens die Schmeißfliege vom Gesundheitsamt in der kleinen Wirtschaft landet und kurzerhand alle Lebensmittel beschlagnahmt, bleibt der Grill während der nächsten Tage vormittags geschlossen, da der Hirschkäfer mit Hilfe seiner Freunde seine Vorräte wieder auffüllen muss. Nur gut, dass die Ameisen fast alles beschaffen können!

Apropos Ameisen:seit einiger Zeit treffen sich einige von ihnen, darunter die Nummern 3037, 4381 und 692 zu konspirativen Mauscheleien und flüstern die ganze Zeit. Was gar nicht nötig wäre, denn der Hirschkäfer weiß natürlich schon längst, warum sie jeden Tag unter ihrem Blatt die Köpfe zusammenstecken. Aber das darf hier auf gar keinen Fall verraten werden...

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


der heimatinstinkt 150X203

 

Matthes & Seitz 38,00€

 

Bernd Heinrich: "Der Heimatinstinkt"

Bernd Heinrich ist ein deutsch-amerikanischer Zoologe, der sich in seinem aktuellen Buch mit dem Heimatinstinkt der Tiere beschäftigt. Schon in früheren Büchern hat Heinrich in einer sehr besonderen Art und Weise über die Natur geschrieben, immer fundiert und dennoch auch für Laien faszinierend zu lesen.

Was ist es, dass Schildkröten ganze Ozeane durchqueren lässt, bevor sie am Platz ihrer Geburt nun selbst Eier ablegen? Warum fliegen Vögel zehntausende von Kilometern, um zu ihrem Brutplatz zurückzukehren und dort die Jungen aufzuziehen? Und wie finden sie diese Plätze überhaupt, woran orientieren sich die Tiere? Inzwischen weiß man sehr viel mehr über die unterschiedlichen Instinkte und Fähigkeiten, die hierbei eine Rolle spielen, wenn auch noch nicht jedes Rätsel gelöst ist.
Bernd Heinrich berichtet, was Heimat für Tiere bedeutet, nämlich vorrangig ein Ort, der sich bereits als zuverlässig und sicher für den Nachwuchs erwiesen hat, sei es was Futterquellen angeht oder aber eine gewisse Geschützheit vor Feinden. Natürlich ist man schnell verführt, diesen Begriff mit dem menschlichen Heimatbegriff zu verbinden - dafür ist der Autor allerdings Wissenschaftler genug, um hier sauber zu trennen. Mögliche Überschneidungen nicht ausgeschlossen.
Heinrich versammelt in diesem Werk die unterschiedlichsten Tiere: Kraniche, Bienen, Ameisen, Frösche, Falter und Fische. Heimat übrigens ist nicht unbedingt an einen geographischen Ort gebunden, für so manchen Fisch ist Heimat  (und damit das Gefühl von Sicherheit) inmitten ihres Schwarms.

Erschienen ist dieses Kleinod in der Reihe "Naturkunden" im Matthes & Seitz Verlag, die Ihnen hier insgesamt ans Herz gelegt sei.

Astrid Henning

 


was alles war 150x237

 

Knaus Verlag 19,99€

 

Annette Mingels: " Was alles war"

Dass Susa adoptiert wurde, als sie zwei Jahre alt war, weiß sie schon ewig und war nie ein Problem für sie. Ihre „Eltern“, das sind ihre Adoptiveltern, zu denen sie ein sehr liebevolles Verhältnis hat. Jetzt ist sie um die 40, sie arbeitet als Meeresbiologin und hat vor kurzem Henryk mit seinen beiden Töchtern kennengelernt. Henryk, dessen Frau vor knapp zwei Jahren gestorben ist, der mit Paula und Rena den Alltag meistert und der ihr so unglaublich gut gefällt.
Es entspinnt sich eine schöne Liebesgeschichte, nicht nur zwischen Susa und Henryk, sondern zum Glück auch zwischen Susa und den beiden Töchtern, der absolute Glücksfall. Und nun – hat Susa plötzlich einen Brief der Behörde in der Hand: „Ihre leibliche Mutter möchte Sie gerne kennenlernen“...

Im ersten Moment fühlt sich Susa überfordert. Sie hat doch eine Mutter, sie beginnt sogar, eine eigene kleine Familie zu haben mit Henryk und seinen Töchtern, und jetzt – mischt sich in ihr Leben ihre eigene, biologische Mutter. Das kann man nicht einfach ignorieren, es erfordert in jedem Fall eine Entscheidung. Susa trifft ihre Mutter Viola, die sich als ehemaliges Hippie-Girl entpuppt, so kann man es vielleicht bezeichnen. Lebenskünstlerin, Künstlerin in jedem Fall, lebt in Indien, war immer auf Reisen, hat vier Kinder, zu allen nur losen Kontakt. Es stellt sich kein besonders inniges Verhältnis ein zwischen Susa und Viola, dennoch bewirkt diese Begegnung so einiges in Susa. Das Thema Familie stellt sich ihr in ganz neuer Weise – was auch an ihrer Beziehung zu Henryk und seinen Kindern liegt.

Was macht aus Menschen eine Familie? Ist es das Blut, sind es die Gene? Oder ist es die Liebe? Reicht das Zusammenleben – ist man dann eine Familie, wenn man die gleichen Werte hat und lebt? Annette Mingels spricht in diesem Roman ein Thema an, das so aktuell ist wie nie und fast jeden von uns betrifft. Sehr feinfühlig geschrieben, für viele Altersstufen geeignet.

Astrid Henning

 


betrunkene baeume 150x237

 

Ullstein Verlag 18,00€

 

Ada Dorian: "Betrunkene Bäume"

Katharina ist wütend! Ihr Vater hat die Familie verlassen und lebt fortan in Russland. Die Mutter arbeitet nachts und schläft tagsüber. Felix, ihr bester Freund, küsst plötzlich die blöde Lena...
Gründe genug, um abzuhauen und die Schule zu schwänzen. Als ihr ein zwielichtiger Freund eine leerstehende Wohnung vermittelt, lernt Katharina den hochbetagten Nachbarn kennen. Erich hat früher als Forscher eine Expedition in die Taiga unternommen. Noch heute telefoniert er regelmäßig mit anderen Wissenschaftlern, und der Gedankenaustausch tut ihm gut. Doch Erich verliert seine Eigenständigkeit zunehmend, und in dem Moment, als seine Tochter ihm die Autoschlüssel abnimmt, steigt Panik in ihm auf: Wie soll er zukünftig zum Baumarkt kommen? Um Hilfe bitten kann Erich nicht, schließlich darf doch niemand erfahren, was er seit Jahren in seinem Schlafzimmer versteckt...

Sehr berührend beschreibt die junge Autorin die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft! Ada Dorian, geboren 1981, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. Sie forschte in Osnabrück über Erich Maria Remarque, wo sie nach langem Aufenthalt in Hamburg lebt. Sie gewann den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg 2009, ist Trägerin des Literaturstipendiums des Landes Niedersachsen 2016 und war nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2016.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


retour 150x237

 

Hoffmann & Campe 16,00€

 

Alexander Oetker: " Retour -Luc Verlains erster Fall"

Als Polizist hat sich Luc Verlain einen Namen gemacht. Neben seiner Arbeit liebt er vor allem schöne Frauen, gutes Essen – und eben sein Leben in der französichen Hauptstadt. Als jedoch sein Vater schwer erkrankt, muss er all diese Lustbarkeiten, zumindest interimsweise, aufgeben, um in seine alte Heimat Bordeaux in der Region Aquitaine zurückzukehren.
Luc stellt sich auf einen gemächlichen Alltag in der Provinz ein, doch kaum ist er in dem beschaulichen Küstenörtchen angekommen, sieht er sich schon mit einem Mordfall konfrontiert.

Am Strand wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, offenbar erschlagen. Da das Opfer erst kürzlich die Beziehung zu einem algerischen Nachbarjungen beendete, versteifen sich sowohl Lucs neuer Partner als auch die rechtsextreme Szene auf diesen jungen Mann. Luc selber zieht bedächtig und aufgrund seiner Erfahrungen mehrere Möglichkeiten in Betracht. Inmitten der herrlichen Landschaft, der Strände und Weinberge, die ganz wunderbar atmosphärisch beschrieben werden, ermittelt er solide und gekonnt, sensibel und engagiert. Immer an seiner Seite seine Kollegin Anouk, deren Anziehungskraft er nur schwer widerstehen kann...

Verlain ist kein strahlender Ritter, sondern ein Lebemann mit einer Schwäche für Frauen und einer hohen Toleranzgrenze beim Thema Treue. Er raucht und trinkt – doch beides keinesfalls aus einem selbstzerstörerischen Hang heraus, sondern aus purer Lebensfreude. Und vor allem ist er ein Mensch mit hohen Prinzipien, er glaubt an Gerechtigkeit und nimmt seinen Job ernst.
Das reizvolle Setting, das gute Essen, der natürlich ausgezeichnete Wein und auch seine Flirts lockern die Geschichte charmant auf, ohne die Hauptbotschaft zu verwässern. Und so wird dieser Fall Stück für Stück ganz klassisch aufgedröselt.

Heike Kasten